Kategorie: Diverses

Bloggerpate

Ich hatte zu dieser Buchmesse in Leipzig die Freude – die war es! – Bloggerpate zu sein. Ob es eine Ehre war, weiß ich (noch) nicht. Evaluieren wir:

Ausgangssituation
Als ich vor fast drei Jahren 54books startete, war es bereits kein Problem mehr für die Buchmesse in Frankfurt oder Leipzig ein Akkreditierung zu erhalten. Der Presseausweis erlaubte den freien Eintritt an allen Messetagen, die Nutzung von speziellen Räumen, Parkplätzen etc. pp. In dieser Welt waren die Blogger nicht akzeptiert, aber zumindest geduldet.

In diesem Jahr wollte die Leipziger Buchmesse vieles anders und sollte auch vieles richtig machen. Jeder Nominierte für den Preis der Messe erhielt einen Blogger als Pate. Die Blogger hatten sich hierfür mit Hilfe eines einfachen Fragebogens zu bewerben und aus knapp 80 Bewerbungen wurden 15 ausgewählt. Die Paten erhielten das zugeteilte Werk in zweifacher Ausführung, eine Einladung zur Eröffnung im Gewandhaus mit anschließendem Empfang und eine Pressekarte für die Preisverleihung selbst. Auf der Messe selbst gab es, nicht nur für die Paten, einen eigenen Bereich, die Bloggerlounge, mit freiem W-Lan und Kaffee, günstigeren Snacks als auf dem Rest der Messe, Arbeitsplatz und Ruhe. Leipzig war hier ein Vorreiter und dies ist schon zu loben.

Trotzdem gab es bereits im Vorfeld Kritik. Bei Facebook wurde unter Paten und Außenstehenden diskutiert, warum sich Blogger für diese verhältnismäßig geringe Gegenleistung vor den Werbekarren der Messe spannen lassen. Wäre es nicht adäquat den Paten für den Zeitraum der Messe oder zumindest der Eröffnung und Preisverleihung auch eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, wie viel Gratiskaffee muss man konsumieren, um Hotel- und Reisekosten wieder einzuspielen?

Für mich und, wie ich in persönlichen Gesprächen erfahren habe, wohl die meisten Paten stand bereits vor der Ernennung der Messebesuch fest, ein Zuschuss im Sinne von einigen wenigen Vergünstigungen nahm man gerne mit, mehr zu verlangen, ist in dieser Gratisbranche nicht üblich. Die Frage, ob man nun Geld für eine Rezension zu einem bestimmten, nicht selbstgewähltem Buch und die Eröffnung von Reichweite für Werbung hätte fordern können, sollen, müssen, kann ich hier ebensowenig beantworten, wie die Diskussionen im Facebook und vis à vis dies konnten. Stattdessen möchte ich lieber einige andere Aspekte der Messe und Patenschaft beleuchten.

Begegnung mit Verlagen
Zu Beginn dieser Seite bin ich auf Verlage zugegangen, fast immer netter Kontakt, die Aufnahme in etliche Presseverteiler und die Möglichkeit Rezensionsexemplare zu bestellen, die Folge. Inzwischen, und das fiel mir bei dieser Messe besonders positiv auf, wenden sich Verlage an Blogger. Mehrere Termine waren nicht auf meine Initiative, sondern auf die der Verlage zurückzuführen. Man sitzt beisammen und hier ist die Augenhöhe, die einem von der klassischen Presse verwehrt wird. Bei Manesse und der DVA nehmen sich Verleger, Pressechefin und Lektorat die Zeit mit knapp zehn Bloggern in Austausch zu treten. Während die eine Hälfte zum letzten Termin des Tages aufbricht, lädt Manesse Verleger Dr. Horst Lauinger zum Sekttrinken, der auch Peer Steinbrück, auf meine dreiste Einladung hin, folgt.

Foto: Jochen Kienbaum
Foto: Jochen Kienbaum

Der Suhrkamp Verlag, der ungebrochen viel Aufmerksamkeit im klassischen Radio- und Zeitungsfeuilleton erhält, lädt Blogger zum Kennenlernen einzeln an den Stand, denkt wie Kiepenheuer & Witsch, DuMont oder Hanser darüber nach mehr Aktionen speziell für Blogger zu organisieren, aktiv auf diese zuzugehen. Dies tun sie nicht nur, wie Argwöhner sofort bemängeln werden, um günstige Werbung abzugreifen – die bekommen sie in der klassischen Presse auch – sondern weil der Einfluss dieser ab- und der der Blogger zunimmt.

Begegnung der Paten
Ganz anders und am Anfang sehr ernüchternd verläuft dagegen das Aufeinandertreffen der Nominierten und Paten in der Bloggerlounge. Obwohl eine erfreulich große Anzahl von Autoren und Übersetzern, inklusive der drei Preisträger, erscheinen und sich den Fragen der Mitorganisatorin und Moderatorin Vera Lejsek stellen, geben fast alle sehr offen zu, dass sie von der Patenaktion erst sehr spät – wenn überhaupt – von ihren Verlagen gehört haben und Literaturblogs ihnen zumeist fremd sind. Aber nicht etwa, weil sie hieran kein Interesse hätten, nein vielmehr weil sie über diese gar nicht informiert werden.

Im Gespräch nähert man sich indes immer weiter an, auch weil das Treffen, trotz Podium, ohne jeden Zwang und offen abläuft. Übersetzungs-Preisträgerin Mirjam Pressler ist völlig begeistert von der Aktion und einer Nische der Literaturkritik, die sich ihr bisher entzogen hat. Die Nominierten und Preisträger haben am Ende viel mehr Fragen an die Blogger als umgekehrt. Vor allem Fragen nach der Zeitintensität und wie diese zu bewältigen ist, nach der Motivation ohne pekuniäre Gegenleistung zu schreiben und nach Rezensionsstilen beschäftigen Autoren und Übersetzer gleichermaßen.

IMAG4221Tolle Beispiele für das Potenzial des Modells Bloggerpaten gibt es bereits im ersten Jahr. Tobias Nazemi von Buchrevier hatte im Vorfeld der Messe Kontakt mit Jan Wagner, dem sehr sympathischen Preisträger im Bereich Belletristik, ein Interview kam per Telefon zustande und Tobias hat sich so für Jan gefreut, als sei er selbst ausgezeichnet worden. Nach dem offiziellen Teil stehen sie gemeinsam in einer Ecke und plaudern. Glänzendes Beispiel für den Austausch ist ebenso der Älteste der Nominierten Moshe Kahn. Fast freundschaftlich winken Mara und er sich zu, als er kommt. Sie hatten mehrfach Kontakt, Moshe Kahn hat sogar im Blog kommentiert, ihr von den Schwierigkeiten der Übersetzung und dem Lesen des 1500 Seiten starken, arg verschachtelten Roman Horcynus Orca, erzählt. Besser geht es nicht!

Die Autoren und Übersetzer wussten also leider fast nichts von den Patenschaften und sind umso begeisterter. Was wäre möglich gewesen, wäre im Vorfeld anders kommuniziert worden? Daher muss diese Aktion wiederholt werden, nur unter anderen Vorzeichen! Die Autoren wollen – zum Großteil – sogar einbezogen werden, sind neugierig und haben Spaß daran mit uns zu arbeiten.

[Warum nun gerade die Verlage, die ich oben ausdrücklich für Transparenz und Einbeziehung gelobt habe, eine deutlich größere Aktion als normale Besprechungen nicht anders kommuniziert haben, ist mir ein Rätsel.]

Der Unterschied
Blogger begreifen ihr Tun als Spaß, als Hobby und arbeiten daher mit der intrinsischen Motivation nicht für Geld zu schreiben (schreiben zu müssen), sondern aus Freude an und Liebe zur Literatur. Bei einigen Buchbloggern führt das zu kindlichem und jugendlichem Überschwang, der sich nicht selten in völlig inhaltslosen “Klappentext + Ich habe das Buch verschlungen”-Rezensionen niederschlägt, bei den ernstzunehmenden Literaturbloggern zu Leidenschaft und fundierten Besprechungen.

Eins ist klar: allein der wirtschaftliche Unterbau und die Vermarktung trennt Blogger und klassische Presse weiterhin und bis auf weiteres. Warum unsere Besprechungen aber per se von minderer Qualität sein sollen, legt niemand schlüssig dar. Diese These, die viele Journalisten als Monstranz vor sich her tragen, wird leider viel zu selten in den klassischen Medien mit Leistung gerechtfertigt. Die Blogger – und das zeigt diese Messe eindrucksvoll – sind nicht nur auf Augenhöhe mit den Journalisten klassischer Medien, sondern ihre Arbeit ist teilweise sogar besser, man sehe sich nur diese Beiträge an.

Anstelle eines Nachrufs – Brief an Fritz J. Raddatz

Sehr geehrter Herr Prof. Raddatz,

die letzten Tage schlief ich schlecht, denn ich bin ein sehr schlechter Schwimmer. Doch seit ich in Hamburg wohne und die Vorstellung Ihrer Tagebücher verpasste, plane ich einen Besuch im Holthusenbad, um Sie bei Ihrem „morning swim“ zu treffen und mit Ihnen zu sprechen. So legte ich mir bereits viele Gesprächseinstiege zurecht die Situation eines Ihnen im Schwimmbad auflauernden jungen Mannes zu erklären. Da ich Sie heute aber nicht antraf, stattdessen nur ein 5 Euro teures Duschbad nahm, ich aber viel hätte sagen wollen, schreibe ich Ihnen diesen Brief.

Die große Zeit des Raddatz’schen Feuilletons in der Hamburger Wochenzeitung liegt vor meiner Geburt und erst vor knapp einem Jahr stieß ich auf Ihre Tagebücher. Zuerst skeptisch, zunehmend angezogen und später wie im Wahn las ich diese, die letzten 500 Seiten des ersten Bandes an einem Stück. Meine Freunde fuhren mir über den Mund und verbaten sich eines Abends, Sie ständig als meine Referenz zu nennen, so sehr war ich in Ihren Aufzeichnungen gefangen, so sehr bestimmten Sie in dieser Zeit selbst mein alltägliches Denken.

Ich las Ihre Autobiographie, weilte auf Sylt, verschlang dreimal, jeweils auf der Hin- und Rückfahrt und einmal am Strand, Ihre Liebeserklärung an die Insel und wartete sehnsüchtig auf den nächsten Band Ihrer Tagebücher. Im Internet sah ich alte Sendungen, in denen Sie zu Gast waren und fand alte Interviews. Nach dem zweiten Band Ihres Diariums las ich „Lieber Fritz“, nun begleiten mich Ihre „Stahlstiche“; „Die Tagebücher in Bildern“ und die Sammlung Ihrer Romane sind bereits geordert. Von wenigen Autoren, und keinem Journalisten, habe ich derart begeistert jegliche Veröffentlichung gelesen, von keinem in derart schnell aufeinanderfolgender Lektüre ohne mich satt zu fühlen.

Aus jedem Ihrer Texte spricht die Leidenschaft für das Sujet, in jedem steckt soviel von Ihrer Persönlichkeit; viele berühren mich tief. In Ihren Tagebüchern sind Sie zuweilen ein spitzzüngiger Spötter, aber eben auch, nein vor allem, dieser sensibler Mensch, dessen menschliche Enttäuschungen und Ängste bewegen. Ihre Ehrlichkeit, Ihre Geschichte und Persönlichkeit, die Sie (allen) Ihren Texte zu Grunde legen, erzeugt eine Authentizität, die mich glauben lässt Sie zu kennen und ich fühle mich Ihnen nah.

Anders als Sie bei der Lektüre der Gide Tagebücher verspürte ich bei den Ihren keine “wachsende Enttäuschung, [weil] doch fast nur dünn aufgegossener Literatur-Klatsch (mit sehr/zu vielen Einschüben von Attacken auf ihn, zumal über Leute und Phänomene, die heute meist vollkommen verblaßt – was allerdings dem Herrn FJR mit seinen Tagebüchern ebenso passieren wird!)”. Auch wenn es nicht zu leugnen ist, dass bereits viele Begebenheiten und Autoren als damaliger Zeitgeist heute nicht mehr viel beachtet werden, verblassen diese nicht, vielmehr leuchten Sie in Ihren Büchern. Hubert Fichte und Paul Wunderlich, um nur zwei zu nennen, waren mir vor der Lektüre Ihrer Bücher unbekannt, ich musste sie erst nachschlagen, heute betrachte ich mit Freude die Bilder, lese mir unbekannte Autoren. Entgegen der von Ihnen geäußerten Bedenken gibt es heute noch genügend, auch junge, Menschen, die sich für Kultur und Literatur dieser Zeit begeistern können, sie brauchen einen Lehrer, ich lerne aus Ihren Tagebüchern.

Weiterhin keine wachsende Enttäuschung, weil Sie immer wieder auf frappierende Weise ehrlich sind, nicht nur mit Ihren Mitmenschen, sondern eben auch mit sich selbst. Sie sprechen über eigene Arroganz, Ihren Stolz, über die Enttäuschungen, Angst und den Tod. Niemand gibt so redlich über sein Innerstes Auskunft, schreibt seine Schwächen nicht klein, sondern gesteht sie und das trotz der vielen, häufig so persönlichen und verletzenden, Kritik.

Neben dieser persönlichen Ebene durchleuchten Sie den Kulturbetrieb, die Sehnsucht aller Künstler nach Anerkennung, die Ränkespiele untereinander, Intrigen und Fallen, Sie eröffnen und demaskieren eine Welt, die mir vorher zu großen Teilen unbekannt war, ich lerne aus Ihren Tagebüchern. Dazu schaffen Sie es, fast beiläufig in einem Tagebuchnotat, immer in Ihren großen Kritiken, Literatur auf den Punkt bringen, den Stil eines Autors in einen Satz einzuschmelzen. Sie vermitteln Ihre Liebe und Begeisterung für Literatur und Kunst, Sie erzeugen bei mir ein Bedürfnis alle von Ihnen gelobten Werke sofort zu konsumieren, Sie machen mich neugierig und klüger.

Ihre Bücher bilden seit gut einem Jahr die Grundlage meiner Bildung. Ich verdanke Ihnen viel und möchte dem Menschen, den ich durch die Lektüre intimster Berichte zu kennen meine, danken für die Freude, die Sie mir mit jedem Ihrer Texte machen, alle habe ich mit Gewinn gelesen. Auf diesem Wege, unpersönlicher, aber vollständig bekleidet, möchte ich Ihnen meine Hochachtung übermitteln und erneut aufrichtig danken.

Es grüßt Sie herzlich

[Diesen Brief hat Fritz J. Raddatz über seine Sekretärin Heide Sommer im Mai 2014 von mir tatsächlich erhalten.]

30 Songs von Büchern inspiriert

Es gibt bei Spotify eine Playlist von NME, auf der 30 Songs versammelt sind, die sich auf Bücher oder Autoren beziehen bzw. von diesen inspiriert wurden. Mit dabei eindeutige Titel wie Sylvia Plath von Ryan Adams oder Albert Camus von Titus Andronicus, aber auch etwas verwinkeltere für Eingeweihte. Wer einzelne Titel enträtselt möge dies bitte mit uns unten in den Kommentaren teilen, denn ich kann nicht mal mehr als die beiden genannten entdecken.

Lesen lassen – Die Kassette ist tot, lang lebe die Kassette!

Als Kind habe ich Kassetten gehört! Gab es Bandsalat nahm man einen Bleistift und rollte alles wieder auf, wollte man gekaufte (bespielte) Tonträger überspielen, klebte man die beiden Löcher auf der Oberseite mit dünnen Streifen Tesafilm zu, wollte man selbst bespielte vorm Überspieltwerden von Anfängern bewahren, brach man die beiden Plastikpinökel heraus, zum Aufnehmen musste man dann …

Doch schon als mein Bruder zur Grundschule ging, lag die Kassette im Sterben. Die CD hatte schon lange auf-, nein überholt, es gab MP3-Player, die MiniDisc war damals bereits gescheitert und meine Festplatte fasste mehr Musik als jede Sammlung meiner Eltern. Nur das Genre Hörbuch stemmte sich gegen die Moderne und wurde zum Teil noch auf Band ausgeliefert. Die ersten Teile von Harry Potter kamen in Doppel-Hüllen, später wurden Pappkisten für das Fassen der Lesung eines Bandes nötig. Jedem der unkt alle 16 (?) Kassetten des vierten Bandes gingen spielend leicht auf nur eine MP3-CD (heute gibt es alle sieben Bände auf 14 CDs), möchte ich folgende Anekdote entgegenhalten:

Der jüngste Sohn meiner Eltern war damals vielleicht zehn Jahre alt, seine große Schwester kurz vor dem Abitur, sein großer Bruder Zivildienstleistender (eine Tätigkeit, an die sich nur die Altvorderen erinnern können, die noch die Kassette kennen), seine Eltern waren bereits dreimal Eltern und er lauschte tagein tagaus Harry Potter, gelesen von Rufus Beck. Die offene Bauweise unserer Wohnung und die Gnade, die dem Jüngsten wohl stets zuteil wird, führte dazu, dass alle Anwesenden mithörten.

Natürlich kamen die Bänder durcheinander, also sprang die Hörgemeinde notgedrungen zwischen den Teilen. Dies stellte aber für niemanden ein Problem dar, alle waren tief im Stoff und konnten inzwischen die größten Teile mitsprechen. Bis sich nun aber der Verlag dieser Reihe darauf versteifte die letzten Bände nicht mehr auf Kassetten herauszubringen, kam es zu einem tragischen Zerwürfnis der eingeschworenen Fangemeinde im Hause W. Überall flogen zerkratzte CDs herum, niemand merkte sich bei welchem “Track” man gerade gewesen war als man das Vorlesen stoppte, die ersten Scheiben verweigerten den Dienst und Rufus Becks Stimme schallte nur noch selten durch unsere Wohnung, andere Hörbücher wurden für die Gemeinschaft nie wieder angeschafft.

Seitdem habe ich keine Geduld mehr für Hörbücher. Schuld kann also nur der Tod der Kassette sein.

Denn als ich wiederum Kind war, spielte sich Ähnliches, nur mit weniger Beteiligten, mit Jim Knopf ab. Die Kassetten waren nahezu unkaputtbar und starteten immer dort, wo ich zuletzt geendet hatte. Und dies ist tatsächlich eines der Hauptvergehen der Verlage: die Stückelung der Tracks ist nicht großzügig genug. Ich setzte mich doch nicht vor meinen CD-Player und spule zu Minute 15:37, ist ja schließlich kein Kassettenrekorder.

Weil ich neben meinem guten Geschmack, aber auch über eine sagenhafte geistige Wendigkeit verfüge, habe ich mich in letzter Zeit wieder an Hörbücher und -spiele herangewagt. Dies sind die Beobachtungen, die man nebenher notierte:

+ man kann sagenhaft gut geistig unanstregende Dinge nebenher tun
– ich bin viel zu ungeduldig, um geistig unanstrengede Dinge länger als 15 min zu tun

+ man kann viel schneller, viel mehr Bücher hören als lesen
– ich bekomme nur die Hälfte mit, weil ich ja keine geistig unanstregenden Dinge dabei tue

+ man kann dabei einschlafen
– man kann dabei einschlafen (und findet nie wieder raus wo man war)

+ die Sprecher lesen viel besser als die meisten anderen Menschen, die einem sonst so vorlesen
– die Stimme in meinem Kopf reicht mir völlig (und ist sehr wohlklingend)

+ es gibt sehr (!) gute Hörspielbearbeitungen von Klassikern
– bei Hörspielen habe ich immer die Besorgnis Einzelheiten der Prosa zu verpassen

Ach und es gibt soviel mehr Positives, aber ich habe das Problem im Hörbuch nicht markieren zu können und im Gesamteindruck lese ich viel zu gern selber, als dass ich jemals ein begeisterter Hörer werden würde und vieles andere mehr. Damit dieser Text aber nicht nur Fixierung von Hörbuchwissenschaft und meiner Vergangenheit dient, habe ich fünf Hörtipps für ambitionierte Einsteiger und Fortgeschrittene gesammelt.

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Ein klassisches Hörspiel mit dem König unter den deutschen Sprechern Gert Westphal, das atmosphärisch in Perfektion Kafkas Prosa umsetzt.

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Eine Box voller Stefan Zweig Geschichten, was gibt es Besseres? Bin im Zug zum Ende von Brennendes Geheimnis eingeschlafen. Hatte mir vorher aber notiert unbedingt Teile des Anfangs in Über mich zu übernehmen, im Buch hätte ich einfach markiert.

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Das Debüt des Mitbegründers des Hamburger Vorzeigeclubs Uebel & Gefährlich von 2011 fängt viel Charme der Hansestadt ein. Der Clubbesitzer und Journalist schreibt sehr unterhaltsam, Florian von Manteuffel liest wunderbar und zusammen ergibt das leichte, aber gute Unterhaltung.

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Was ganz anderes no.1: kann man aus Tagebüchern vorlesen? Ja man kann und es macht erstaunlich viel Spaß, nicht nur weil Max Frisch viel Interessantes aus seiner Zeit in Berlin zu erzählen hat, sondern weil auch das Uninteressante wunderbar verpackt wird. Max Frisch hat immer noch keinen Telefonanschluss in der neuen Wohnung? Mehr davon!

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Was ganz anderes no. 2: Aus den ganz großen frühen Jahren des Benjamin von Stuckrad-Barre sind diese Live-Aufnahmen. Mit “Gastauftrittseinsprengseln” von Christian Kracht, Harald Schmidt und Christian Ulmen, den ebenfalls ganz großen der späten 90er. Zeitreise in das Damals, als es noch Kassetten an jeder Ecke gab.

Falls Du, lieber Leser, eines dieser Hörbücher genießen willst, magst Du Dich bei mir melden, ich überspiele das dann und sende es unfrei per Bote im Eselkarren zu Dir.

Wie viel darf eine Lesung kosten?

Im Moment findet das Harbour Front Literatur Festival in Hamburg statt. Beim Besuch der Lesung von Thomas Hettche fiel mir erneut auf, dass diese Veranstaltungen zu spärlich besucht sind, führt man sich das Potenzial einer Millionenstadt wie Hamburg vor Augen. Der jüngste Besucher war ich bei den vorangegangenen Veranstaltungen, wie gestern, sowieso. Liegt es vor allem am Preis der Veranstaltungen?

Frank Schätzing nimmt für die besten Plätze bei seiner Multimedia-Show zu Breaking News stolze 32 Euro. Der Debütantensalon mit zwei jungen Autoren kostet 10 Euro. Thomas Hettche gestern kostete 14 Euro im Vorverkauf, an der Abendkasse 18 Euro. Bei Bernhard Schlink bekommt man leichte Unterhaltung zwischen 15 und 23 Euro. Harald Martenstein ist für den gleichen Preis zu haben. Dazu kommt der Aufreger, dass man beim Vorverkauf via AdTicket.de 2 Euro zahlen muss, möchte man sein Ticket zu Hause ausdrucken, Versand kostet der Euro 4.

Zu teuer, genau richtig, sogar günstig? Was seid ihr bereit für eine Lesung zu zahlen?

Wie viel bist Du bereit für eine Lesung zu zahlen?

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Gleichmacher über Meinungsmacher

Blogger* sind ein eitles Volk. Mit inhaltlicher Kritik an ihrer Arbeit können die meisten umgehen, nicht aber mit der Frage nach der Existenzberechtigung von Blogs im Allgemeinen. Unter dem Titel Jetzt reden wir! – Buch-Blogger: Die neuen Meinungsmacher in der Literatur? wurde am letzten Samstag in Göttingen eine Podiumsdiskussion mit Stefan Mesch und Harun Maye geführt. Die Ergebnisse** dieser Veranstaltung schlagen nun leichte Wellen, denn Maye bezeichnete im Verlauf der Diskussion Blogs als „das Schlechtere vom Schlechten“. Viele würden einfach nur das Feuilleton kopieren und das auch noch dürftig. (Er gibt aber ebenfalls zu bedenken, dies fällt in der losgetretenen Diskussion etwas unter den Tisch, dass auch das Feuilleton inzwischen nicht immer den eigenen hohen Ansprüchen genügt.)

Statt einer allgemeingültigen Antwort zur Existenzberechtigung (warum sollte es eine solche auch nicht geben?) sollte man sich anhand zweier Fragen dem Spannungsfeld Feuilleton ↔ Literaturblog nähern. Für wen schreibt der Blogger und wie tut er das?

Die meisten schreiben mit einem persönlichen Einschlag, denn sie erhalten ihre Glaubwürdigkeit (gerade) nicht über den Namen ihres Mediums, sondern erlangen diese durch ihre Authentizität und den persönlichen Bezug zum Leser, so entsteht eine Art Vertrauensverhältnis. Jeder der hier regelmäßig liest, lernt mich kennen, denn in vielen Besprechungen steckt eine ganze Menge meiner Vorlieben und auch persönliche Geschichten. Meine Texte sind, und das meist sehr deutlich, subjektiv, daraus mache ich keinen Hehl. Zeitungen dagegen berichten, es sei denn in einer Glosse oder Kolumne, objektiv. Von meiner Person und meinen Vorlieben lassen sich für den Leser konkrete Erkenntnisse gewinnen: Meine Stammleser, the happy few, wissen inzwischen welche Art Bücher ich lese, welche ich lobe, feiere oder nicht ertragen kann. Vielleicht sagt also der ein oder andere, wenn der das gut fand, könnte es auch für mich interessant sein und ein “Wenn er das schlecht fand, werde ich es mögen” wäre für mich ebenso vollauf in Ordnung. Die Texte selbst richten sich prinzipell an Leser mit ähnlichen Vorlieben, aber auch an solche mit Drang über den Tellerrand. Wer aber meinen Stil nicht mag, meine Geschichten langweilig findet, wird sich hier, eben aufgrund der starken Subjektivität, nicht wohl fühlen und auch nichts mit den Besprechungen anfangen können, selbst wenn das Buch vielleicht etwas für ihn wäre.

Die Qualität der eigenen Besprechungen kann man nur schwer einordnen. Ich gehe sehr selbstbewusst davon aus, dass ich auf bestimmten Gebieten belesener bin, als mancher Literaturwissenschaftler. Denn ein Hochschulstudium allein bietet keine Gewähr für Expertentum, gleichmaßen gilt das für einen Posten im Feuilleton einer Zeitung. Dagegen wird es unzählige, unstudierte, Juristen*** z.B. in der Verwaltung geben, die mich auf ihrem Gebiet locker in die Tasche stecken. Soll ich nun aus Neid (oder was auch immer?) die Notwendigkeit ihrer Arbeit in Abrede stellen? Soll ich ihre Arbeit klein reden, damit ich besser dastehe? Nur weil ich fünf Jahre Dinge studiert habe, die ich in der Praxis nicht anzuwenden brauche, weil ich vermeintlich das große Ganze überblicken kann, das der Praktiker nicht versteht? Im Bereich der Literaturkritik verstehe ich mich als Praktiker und bin der Meinung, dass ich auch ohne Kenntnisse des Althochdeutschen, einen modernen Text ganz ordentlich einordnen und bewerten kann. Nie aber wäre ich so vermessen zu behaupten, dass meine Texte literaturwissenschaftlichen Kriterien genügen würden oder könnten, denn das können sie nicht. Wen es dann aber überrascht, dass es große Qualitätsschwankungen unter Blogs gibt, stellt auch das ZEIT Feuilleton und das einer Provinzzeitung**** auf eine Stufe oder den Juraprofessor mit der Sachbearbeiterin im Schifffahrtsamt.

Das laute Zetern des Feuilletons gegen jede andere Form der Literaturkritik ist wohl vor allem der eigenen Existenzangst geschuldet. Eine Verlagsmitarbeiterin hat mir neulich erzählt, dass selbst die Besprechung in einer der großen Zeitungen nur ein kurzes und nicht nachhaltiges Klettern im Amazon-Ranking verursacht (selbst Idealisten wollen ihre Bücher verkaufen), das Feuilleton wird somit als Werbefläche immer uninteressanter. Blogger dagegen haben ihre feste Zielgruppe, hier treffen sich Gleichgesinnte und empfehlen sich gegenseitig Bücher. Blogger besprechen Bücher abseits des Mainstreams, das noch Jahre nach Erscheinen und in einer Breite, die von Zeitungen, allein aufgrund der Flut an Neuerscheinungen, nicht mehr ansatzweise abgedeckt werden kann: Graphic Novels werden mal im Rahmen eines Hypes im Feuilleton besprochen, während Tobi dies fast ausschließlich tut; Klassiker werden zu einem Jubiläum vorgestellt, mal eine Neuübersetzung besprochen, für die große Gruppe der Klassikerfreunde bleibt sonst aber nur das Internet. So wird meine Don Quijote Besprechung über hundert Mal die Woche gelesen, ohne dass ich sie besonders bewerben würde oder müsste, es gibt nur anscheinend viele Leute, die Interesse hieran haben und informiert werden wollen. Google schickt sie dann zu mir, weil sie diese Informationen nur bei mir oder an wenigen anderen Orten finden. Will das Feuilleton nicht nur noch sich selbst, sondern auch Lesern, Autoren und Verlagen dienen, muss es umdenken oder die Vorzüge von Blogs anerkennen. Die Verlage habe die Vorzüge schon lange entdeckt.

Wenn aber Berufskritikerinnen wie Sigrid Löffler sagen, dass die Literaturkritik durch Blogger entprofessionalisiert würde, weil diese “zumeist nur ihre unüberprüfbaren Bauch-Urteile und willkürlichen Begeisterungsanfälle ins Netz [schütten]”, für ihre Besprechungen meist nicht mit ihrem eigenen Namen stehen und weder “ihre Glaubwürdigkeit, noch ihre Unabhängigkeit noch ihre professionelle Legitimation überprüfbar [sind]”, mag dies für anonyme Kritiken bei Amazon gelten. Mir kann man gerne jederzeit eine Email schreiben und ich stehe mit meinem Namen, für das was ich hier von mir gebe, bei Rezensionsexemplaren bleibe ich unabhängig und sage deutlich meine Meinung (mit direktem Bezug dazu z.B. hier und hier). Oder wann hat Frau Löffler oder selbst der kleinste Popanz im Käseblatt von Jottwede das letzte Mal das besprochene Buch selbst gekauft? Ich, als der von Frau Löffler als durch “nichts legitimierte Laie”, legitimiere mich durch Leidenschaft, zwanzig Jahre Leseerfahrung und über 100 gelesene Bücher im Jahr.

Natürlich bleibt das Betreiben des Blogs Hobby und weil das Redigieren eines Textes bei mir länger dauert als das Schreiben selbst, bleiben auch nach der dritten Durchsicht Fehler und Stilbrüche – anders als der Journalist von xyz bekomme ich aber auch kein Geld für meine Arbeit. Und Arbeit ist es ja ohne Frage. Doch die Qualität allein an einer spezifischen Ausbildung oder dem Namen des Mediums festzumachen, ist leider schlicht dumm.*

Und am Ende bleibt es so einfach: Jemand schreibt einen Text, stellt ihn zur Verfügung (gratis oder gegen Geld) und ob man ihn dann liest, steht jedem frei. So handhabe ich es schon immer, sowohl bei Blogs als auch bei Zeitungen. Einem von beiden Medien deswegen die Daseinsberechtigung abzusprechen, käme mir aber nicht in den Sinn.

*Für alle Berufsgruppen in diesem Artikel gilt das alte Spiel von “Ausnahme und Regel”. Es gibt herausragende Blogger, ebenso wie schlechte Kritiker im Feuilleton, schlechte Juristen mit Doktortitel und Ministeramt, herausragende Juristen im Bezirksamt Buxtehude, das ist die Natur der Sache.
**Beiträge außerdem noch von Sophie, Petra und Stefan.
***Mein Brotberuf.
****Dieser Satz muss eigentlich sofort wieder relativiert werden, wenn ein Ein-Mann-Feuilleton besser ist als eine große Redaktion, dann ist das eben so und soll vorkommen, gleich welcher Name oben auf der Seite steht.

———–

Eigentlich, das darf ich nicht verschweigen, bin ich mit Herrn Maye, legt man dieses Interview zugrunde, ziemlich einig in seiner Einschätzungen zu einer spezifischen Sorte Blogs. Problematisch werden diese Einschätzungen nur, wenn sie diese spezifische Sorte als Allgemeinheit dargestellt werden. Denn alle Blogger in solche Schubladen zu stecken, ist falsch, vgl. exemplarisch meine Blogroll.

Die Prachtausgaben des jungen Mannes

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Bei meinem Umzug nach Hamburg fielen mir drei schmale Bücher in die Hände, die vorher in meinem Regal fast verschwunden sind. Sie ähneln sich im Schwarz, Weiß, Rostrot ihrer Prägedrucke und doch hat jeder Band ein anders gestaltetes Titelblatt. Als junger Schüler, vielleicht im Alter von 14 oder 15 Jahren, habe ich in einem Anflug von Wissens- und Weltendurst diese Texte von Nietzsche, Boethius und Seneca* erworben. Ähnlich wie die Romane des Jahrhunderts von Suhrkamp sind diese schmalen Bände einer der frühen Bausteine meiner Liebe zu Büchern; nicht (nur) zu deren Inhalt, sondern in diesem Fall vor allem, Jahre vor dem eBook, zu ihrer Form. Weit entfernt sich mit spärlichem Taschengeld Dünndruckausgaben leisten zu können, griff ich also zu diesem 6-7 € teuren Ersatz.

Die Kleine Bibliothek der Weltweisheit versammelt berühmte Werke zur klugen und richtigen Lebensführung. Sie befassen sich mit den zeitlos gültigen Fragen: Was überhaupt ist Glück? Was müssen wir tun, wie sollen wir handeln? […] Jeder dieser Texte ist als Meisterwerk der Weltweisheit und Lebenskunst in das Gedächtnis der Menschheit eingegangen.

Diese, zuerst nur auf 12 Bände angelegte, Bibliothek, die bis heute auf 34 Titel angewachsen ist, war auch einer der vielen Bausteine meiner Neigung zu Klassikern. Bücher, die sich über viele Generationen hinweg bewährt haben, immer wieder empfohlen werden und der trügerische, wie falsche, Gedanke irgendwann den Kanon abgeschlossen zu haben und einfach alles zu wissen – mit 14 hat man noch Träume. Wobei: Die Reihe der Weltweisheit wird nicht fortgesetzt, wer also alle 34 Bände von Boethius bis Tolstoi gelesen hat, weiß alles was man wissen muss und kann in Ruhe fernsehen.**

Eine derart liebevoll gestaltete Reihe ist ein Fest für den Buchliebhaber und zeigt was auch mit dem häufig gestalterisch vernachlässigtem Taschenbuchformat möglich ist.

IMG_20140424_013624*Was hätte der Junge für ein Latinum machen können, wäre der Wissensdurst so stark gewesen Seneca im Original zu lesen. Ist ja auch lustiger.
** Auf Nachfrage bei C.H Beck, die die Reihe zusammen mit dtv verlegen, teilte man mir mit, dass die Reihe sehr wohl fortgesetzt wird. Haltet also die Augen beim Buchhändler offen, so etwas Weltweisheit hat noch niemandem geschadet und die Bücher sind sehr viel schöner anzuschauen als ein Fernseher.

Mit Hingabe, Herzblut und Heinrich Heine

Eingewachsen, zwischen hohen Bäumen, in zweiter Reihe und mit Blick auf die Außenalster liegt das Verlagsgebäude von Hoffmann und Campe im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Ein feudales Anwesen auf dem einer der ältesten und renommiertesten Verlage Deutschlands residiert. HoCa steht für gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher, so fasste es der Verleger Daniel Kampa zusammen, für Autoren wie Heinrich Heine, Siegried Lenz, José Saramago, Doris Lessing, Matthias Politycki und Sachbücher von Hellmuth Karasek, Helmut Schmidt oder zuletzt Jaron Lanier. In diesen heiligen Hallen bin ich heute Gast.

Eingeladen hat mich Ute Nöth. Sie verantwortet den Bereich E-Publishing und mit ihr hatte ich bereits Kontakt als HoCa Blogger zu Doris Lessing ins Kino schickte. Als nun der neue Verleger Daniel Kampa, vormals bei Diogenes, nach nur kurzer Eingewöhnungszeit in Hamburg den neuen Atlantik Verlag aus der Taufe hob, wurden erneut Blogger angeschrieben und mit einem kleinen Geschenkpaket auf den neuen Verlag aufmerksam gemacht.

Buch_der_Lieder_Heinrich_Heine_1827_CoverMit diesem klingelte der Postbote in Münster just nachdem ich meiner Studienstadt den Rücken gekehrt hatte. Das hanseatische Paket gelangte so über Umwege erst drei Wochen später zu mir in die Stadt, aus der es kam. Per Email dankte ich für die Post, gab die Adressänderung und erste Rezensionsexemplarwünsche durch. Nun bestünde aufgrund neuer Nachbarschaft auch die Möglichkeit die Bücher per Boten geliefert zu bekommen oder ob ich mir sie nicht gleich im Verlag, inklusive kleiner Führung, abholen wollte, frug Ute per Email zurück.

Nun also werde ich an der Pforte empfangen und in Utes Büro wartet bereits ein Stapel Bücher auf mich. Beim Tee sprechen wir über unsere Werdegänge und stellen schnell fest wie klein die Blogosphäre und die wahrnehmbare Buchbranche im Internet ist. Alte Bekannte und lesenswerte Blogs, Aktionen und Interviews, Klischees, aber besonders interessant natürlich für den Blogger die Innenansicht: wie nehmen Verlage Blogs wahr und können diese gegenüber dem klassischen Feuilleton bestehn. Die Glaubwürdigkeit, Leidenschaft für Literatur und ein persönlicherer Bezug lasse viele Leser heute eher dem freien Blogger als der Journalie vertrauen, sind wir uns einig. Dazu kommt, dass das Feuilleton nicht im Ansatz der Flut von Neuerscheinungen Herr wird, Unterhaltungsliteratur, selbst anspruchsvolle, an dieser Stelle selten besprochen wird. Ganz bewusst wendet sich also der Atalantik Verlag auch an die Literaturkritik im Internet.

Im Anschluss besuchen wir die Herstellungsabteilung, Design und Verkauf, treffen die Presseabteilung in Person von Julia auf der Treppe und dürfen den Conference-Call aus London nicht verpassen, dieser dann wieder ohne Bloggerbesuch. Im Büro einer Lektorin stehen zwei große Kisten voller Manuskripte, alles Zusendungen allein aus dem April, nach Jahrzehnten im Beruf könne sie aber meist bereits anhand des Anschreibens, spätestens aber nach der Lektüre des Exposés schlechte Bücher aussortieren. Weglegen kann ich auch schnell. Und auch Ute hat Übung darin. Aus ihrer Tätigkeit bei einer Selfpublishing-Plattform weiß sie, durch welche Berge an Manuskripten man sich wühlen muss, um Perlen zu finden.

 

In jedem Raum liegen Bücher in verschiedenen Evolutionsphasen: Manuskripte, Korrekturfahnen und solche mit Imprimatur-Stempel, Lizenzausgaben und die schönen Hardcover, denen HoCa seinen guten Ruf verdankt, an den Wänden die Devotionalien aus fast 300 Jahren Verlagsgeschichte, darunter auch der in meinem Elternhaus hängende Harry in späten Jahren von Horst Janssen. Und ja, lässt mich Ute wissen, manche Autoren kommen auch noch persönlich vorbei. Oder man trifft Siegfried Lenz auf dem Sommerfest zusammen mit Karasek, Ulrich Wickert, Wolfgang Niedecken und Wolf Biermann, im Garten der angrenzenden Heine Villa.

Der träumende Literaturliebhaber stellt sich einen Verlag als summenden Bienenstock geschäftiger Menschen vor, die voller Leidenschaft einem Job nachgehen, der arbeitsaufwändig und schlecht bezahlt ist, dies aber, aus Liebe zur Literatur und dem Antrieb gute Bücher für ihre Leser herauszugeben, gerne auf sich nehmen. Nach zwei Stunden im Inneren kann ich dieses Traumbild bestätigen. Ich war umgeben von freundlichen, fröhlichen Menschen, die mit Herzblut und Hingabe Bücher produzieren; gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher. Erstaunlich, aber dann doch nicht verwunderlich, dass ein verhältnismäßig kleines Team einen solchen Verlag stemmt. Vielen Dank!

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Blogstock

Ganz so neu sind diese “Blogstöckchen” nicht und doch liegt dieses bei mir seit drei Monaten auf der Ablage. Diese kurzen Fragebogen sind so etwas wie Biernominierungen im Facebook, nur ohne Bestrafung bei Verzug, ohne Bier und ohne Facebook. Norman von den Notizheften hat mich “nominiert” und ich antworte heute nun endlich in gebotener Form.

Welches Buch liest Du momentan?
Zuletzt stand ich bei Erscheinen eines neuen Harry Potter Bandes vor verschlossenen Türen einer Buchhandlung, um am Tag des Erscheinens ein Buch sobald als möglich lesen zu können. Heute aber habe ich mir den zweiten Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz gekauft. Eine Schlange gab es keine, obwohl dieses Buch, wie auch Band I, eine so spannende, wie emotionale Lektüre bietet. Der große Feuilletonist, der Lebemann, der Intellektuelle, der Beobachter, der Mann – Raddatz hat so viele Facetten und jede berührt einen auf unterschiedliche Weise, aber immer nachhaltig

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?
Die Tagebücher sind, bereits ab einem gewissen Punkt des ersten Bandes, (auch) für die Veröffentlichung geschrieben und trotzdem oder gerade deswegen nimmt sich Raddatz nicht zurück zu kritisieren, zu polemisieren und andere, auch Freunde, zu verletzen. Aber mit gleicher scharfer Feder und spitzer Zunge blickt FJR auch auf sich – eine von Grund auf ehrliche Lektüre.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?
das-kleine-gespenst-072516551Meine Mutter, seltener auch mein Vater, hat meiner Schwester und mir jeden Abend vor dem Einschlafen vorgelesen, tagsüber übernahm das meist die Kassette. Mehrfach habe ich Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und Jim Knopf und die Wilde 13 konsumiert und bin mir sicher noch heute jede Stelle wiedererkennen zu können. Ebenfalls im Gedächtnis blieb mir die Kleine Hexe von Otfried Preußler. Der Räuber Hotzenplotz darf in der Aufzählung nicht fehlen, ebenso Das kleine Gespenst. Michael Endes Momo dagegen musste stets beim Auftritt der grauen Herren abgebrochen werden. Verpönt waren bei uns dagegen einige, wenige Astrid Lindgren Figuren: Karlsson vom Dach ging der gesamten Familie auf die Nerven, meine Mutter konnte Pippi Langstrumpf nicht ausstehen, lesen musste hier ausschließlich die Kassette. Lotta, Michel, Madita, die Kinder von Bullerbü und Ronja Räubertochter waren dagegen alle bei uns wohl gelitten, ebenso der von mir hochgeschätzte Kalle Blomquist.  [Während ich dies schreibe, rufe ich meine Frau Mama an, was ihr noch einfällt und wir geraten ins Schwärmen.]

tante-nudel-onkel-ruhe-und-herr-schlau-072115660Janoschs Oh wie schön ist Panama, sowie Guten Tag kleines Schweinchen, aus dem meine Mutter sofort aus dem Stehgreif zitiert. Erwin Mosers Geschichten um Manuel und Didi, sein Sultan Mudschi. Für Petterson und Findus war ich dann fast schon zu groß, aber was meiner Schwester vorgelesen wurde, wurde eben auch mir vorgelesen.

Ganz früh begannen wir mit Der kleinen Raupe Nimmersatt und Helme Heines Der Hase mit der roten Nase, Die Perle, Die Abenteuer von Franz von Hahn, Johnny Mauser und dem dicken Waldemar. Die alle aber, in meiner Erinnerung, gegen Tante Nudel, Onkel Ruhe und Herr Schlau aus gleicher Feder abfallen, das mir wahrscheinlich an die 650 Mal vorgelesen werden musste.

37013677Kein großes Gedächtnisgenie konnte ich doch mit vier schon Herr von Ribbeck auswendig, wir hatten eine illustrierte Fassung. Für die Verbannung von Pippi haben wir uns bei Mama mit Krähverbot für Kasimir gerächt, einem Buch, das sie nie ausstehen konnte. In der Aufzählung dürfen auch nicht fehlen: Die Wawuschels mit den grünen Haaren, Das gehört mir von Leo Lionni, Urmel aus dem Eis, Erich Kästners Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton und Das doppelte Lottchen.

By the way: Das erste “dicke” Buch, das ich alleine gelesen habe war Fünf Freunde und das Burgverlies von Enid Blyton, in der Ausgabe, die meine Mutter noch aus ihrer Kindheit hatte.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den /die Du mal regelrecht verliebt warst?
Ich müsste lange nachdenken oder lügen. Wenn ich die Frage dahingehend abschwächen darf welche literarischen Figuren ich verehre, so fallen mir zumindest ein paar ein. Mit Paul Bäumer aus Im Westen nichts Neues habe ich gelitten, Jakob Fabian und Harry Haller haben mich in jungen Jahren schwer beschäftigt, ebenso die tiefe Freundschaft von Narziss und Goldmund. Mit Hans Schnier war ich zornig und enttäuscht und in letzter Zeit begeistert mich immer wieder Sancho Panza mit seiner Lebensfreude und seiner Bauernschläue.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?
Hier gilt das gleiche wie oben. Zwar möchte ich in keiner Zuckerwattewelt leben, doch ist die aus den Büchern, die ich zumeist lese, zu konfliktbeladen, als dass ich gerne tauschen würde.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?
“Ich wähle meine Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten nach ihrem Charakter und meine Feinde nach ihrem Verstand.”
Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray