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Kategorie: Buchkultur

Eine andere Form – ein neues Medium

Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Nikola Richter, die Verlegerin vom mikrotext Verlag, an, ob ich denn auch eBooks besprechen würde und sie mich auf ihren Verlag und eine Publikation aufmerksam machen würde. Pflichtbewusst teile ich also freundlich mit, dass ich ja eigentlich und so weiter, aber dann doch interessiert sei. Denn wer die Augen auf der Branche hat, dem ist Nikolas Arbeit nicht entgangen. Zuletzt mit dem ersten Young Excellence Award des Börsenblatts als herausragende Macherin der Buchbranche ausgezeichnet, verlegt die Autorin eBooks, die nicht als Konkurrenz zum Gedruckten, sondern als selbstständiges Medium wahrgenommen werden wollen.

“Es sind bestimmte Formate, etwa im Netz geschriebene Texte, aktuelle oder wegen ihrer Kürze nicht druckfähige Schubladen-Texte digital viel besser zu veröffentlichen.” Ihr geht es um die ästhetische Erfahrung, wenn ein Text gut geschrieben ist. “Da brauche ich kein Papier.”

So erklärte Nikola ihr Credo der Morgenpost nach Verlagsgründung. Und fährt fort.

“Ich muss so gute Bücher machen, dass die Leute, die noch nie ein E-Book gelesen haben, das lesen wollen und diese Hürde, die sie innerlich aufgebaut haben: ‘E-Lesen ist schrecklich’, dass sie diese überwinden.”

Und genau das gelingt ihr. Heike Geißlers Text über ihre Arbeit in der Weihnachtszeit bei Amazon in Leipzig oder Stefan Adrians Drinklyrik Gin des Lebens sind nur zwei Beispiele für Textformen, die womöglich auch bei klassischen Verlagen in gedruckter Form erscheinen könnten und es doch nicht tuen. Lyrik hat es bei Verlagen und Publikum traditionell schwer, kleine und Kleinstauflagen rechnen sich selten, bei eBooks aber, sind sie erstmal erstellt, sind in der Welt, egal in welcher Zahl. Dagegen könnte ein Text über ein saisonales Thema, wie der Heike Geißlers, der im “Bedarf” ein Stück weit von der Jahreszeit abhängig ist, auf dem herkömmlichen Wege erst so spät erscheinen, dass er  gerade keine Leser fände oder im nächsten Jahr vielleicht schon wieder überholt wäre. Genau für solche Projekte sind eBooks perfekt. [Korrektur: Heike Geißlers Text Saisonarbeit – Volte #2 ist tatsächlich zuerst beim Leipziger Verlag Spector Books erschienen, was zwar mein Argument schwächt, aber nicht ganz unsinnig macht.]

Welches Potenzial in dieser Form schlummert zeigt immer wieder auch Christiane Frohmann vom gleichnamigen Verlag. 1000 Tode schreiben heißt die Anthologie, die Christiane in vier Versionen herausbringt. Allein das nahezu aberwitzige Unterfangen tausend Autoren in einem Buch unterzubringen, die ihr Texte nicht nur recyclen können (aber dürfen), sondern zum Teil erst schreiben müssen, ist mit einem einzigen Abgabetermin nicht zu bewältigen. Also wurde dieser eher kurzfristiger gewählt, welche Texte bereits vorlagen wurden veröffentlich, die späteren folgen in Etappen. Eer die erste Version des eBooks mit 135 Texten erwarb, erhält immer bei Erscheinen des Updates dieses kostenfrei – bei einem gedruckten Buch undenkbar! Dazu bietet diese Veröffentlichungsform dem Leser immer wieder Anreiz in diese sagenhafte Sammlung zu blicken, neue und alte Texte zu entdecken – 1000 Texte auf einen Schlag hätte wohl sowieso die meisten überfordert oder abgeschreckt. In der ersten Version tummeln sich bereits bekannte Namen wie Rafael Horzon oder Pia Ziefle, Clemenz Setz oder Daniela Seel, David Wagner, Isabel Bogdan oder Stefan Mesch, weitere werden folgen. Der Gewinn der Produktion geht dazu an ein Kinder Hospiz in Berlin, vorbildlich!
(Eine Besprechung des Buchs findet ihr auch bei Sophie.)

Ähnliche Verlage, wie die von Christiane und Nikola, gibt es inzwischen immer mehr: CulturBooks von Jan Karsten und Zoë Beck verlegen ebenfalls eBook-only, Das Beben bringt die Novelle zurück, es gibt Projekte wie A Story A Day oder Fiktion. Alle diese Unternehmen werden von Menschen betrieben, denen die Literatur am Herzen liegt, alle Produktionen sind sorgfältig verlegte Bücher und Geschichten. Eine goldene Nase hat dort niemand und wird sie sich auch so schnell nicht verdienen, es handelt  sich um die Arbeit von Idealisten.

Ich würde nie auf die Idee kommen meine Lektüre gedruckter Bücher einzustellen und auf das eBook umsteigen, ich würde, vor die Wahl gestellt, nie das eBook wählen, gäbe es auch Papier – aber es gibt Texte, die anders nicht veröffentlicht werden würden, obwohl sie es verdient haben. Um zu sehen was das eBook kann, sollte man die Publikumsverlage ausblenden und zu den eBook-only Verlagen surfen, hier gibt es die neue Art zu lesen, alles andere ist nur die schlechte Kopie eines Buches.

(Ausnahmen bestätigen die Regel, auch Publikumsverlage verwerten nicht ausschließlich ihre bereits gedruckten Werke: die Hanser Box enthält jeden Mittwoch einen Text eines Hanser Autoren, der exklusiv digital erscheint; derweil schraubt Karla Paul bei Hoffmann und Campe an dem digitalen Baby 1781.)

Nikolas Verlagsprogramm kann man inzwischen als Abo erwerben:

1000 Tode schreiben könnte ihr unter anderem hier erwerben:

Kein CoverChristiane Frohmann: 1000 Tode schreiben
eBook Version 1/4
EPUB, ohne DRM
Frohmann Verlag, Berlin 2014 Buch bestellen
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Titel sind eine Verlockung

Warum kaufst Du ein Buch? – Cover, Klappentext, Name des Autors oder wegen Titel und Gestaltung? Klar, mal bekommt man einen Tipp und sucht daher gezielt, der Lieblingsautor hat etwas neues veröffentlicht oder man sucht Band 637 der Reihe vom traurigen Marienkäfer, der aus Liebe zum Mond fliegen will. Manchmal stöbert man aber nur und lässt Titel und Cover auf sich einrieseln. Der Titel verrät einem manchmal in einem Satzfetzen, ob der Autor kreativ ist oder nur ein Wortspieler, plump oder ein Künstler, direkt oder verwinkelt. Schon “über den Titel wird das Buch vermarktet, gegoogelt, bestellt, gelistet, rezensiert und diskutiert”, schreiben die Herausgeber des im Piper Verlag erschienen Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher. Die Zusammenstellung von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger, lässt in die Werkstatt von Autoren wie Marcel Beyer, Friedrich Christian Delius, Ulrike Draesner, Lutz Seiler, Terézia Mora oder Tilman Rammstedt blicken. Mit kurzen Texten stellen sie ihre Bücher vor, zu denen sie zwar den Titel nicht aber die Geschichte fanden, der Titel später geändert wurde oder das Buch noch ungeschrieben in ihnen schlummert.

Nun blättert man also durch diese Sammlung und bedauert all die fehlenden Büchern zu den teils grandiosen Titeln (natürlich sind manche auch so schwach, dass man nicht bedauern muss). Etwas fies, denn man wird immer nur angefixt – ähnlich Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Viel größer dann aber die Freude über die Idee die Umsetzung der Titel durch Grafiker und Designer der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und des Fachbereichs für Gestaltung der FH Bielefeld gestalten zu lassen (hierzu gilt natürlich ähnliches wie für die Titel). Und so streift man durch diese Bibliothek und grübelt, ob das spontane Entdecken von Cover und Titel einen Kaufanreiz gesetzt hätte. Ganz klares Ja z.B. bei: Ich habe keine Leidenschaften von Georg Klein oder Hinweise für den, der nicht weiß, wer er ist von Markus Orths oder Wie ich die Eltern verschlang von Nora Gomringer. Beim Blättern fällt mir auf, dass ein guter Titel mich zwar neugierig machen kann, ein schlechtes Cover aber genauso schnell abschrecken, die drei genannten stechen für mich in der Kombination besonders hervor, aber es gibt noch so viele andere. Bitte kommen Sie also in die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher und schauen Sie, nur leider kann man am Ende des Rundgangs nichts kaufen, diese Präsenzbibliothek erlaubt nicht mal die Bücher zu öffnen.

Durchaus auch erwähnenswert: Rote Fadenheftung und Lesebändchen, sind keine Selbstverständlichkeit, das Papier in der Haptik nicht das Schönste, wohl aber dem Farbdruck geschuldet – Farbdruck!

Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher: Für alle, die gerne Bücher auf den ersten Blick kaufen, sich von Titeln catchen lassen oder in Cover verlieben, kauft dieses Buch, ihr werdet sicher enttäuscht werden – denn nach nur einer Seite ist Schluss – und trotzdem zufrieden lächeln.

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Lesen lassen – Die Kassette ist tot, lang lebe die Kassette!

Als Kind habe ich Kassetten gehört! Gab es Bandsalat nahm man einen Bleistift und rollte alles wieder auf, wollte man gekaufte (bespielte) Tonträger überspielen, klebte man die beiden Löcher auf der Oberseite mit dünnen Streifen Tesafilm zu, wollte man selbst bespielte vorm Überspieltwerden von Anfängern bewahren, brach man die beiden Plastikpinökel heraus, zum Aufnehmen musste man dann …

Doch schon als mein Bruder zur Grundschule ging, lag die Kassette im Sterben. Die CD hatte schon lange auf-, nein überholt, es gab MP3-Player, die MiniDisc war damals bereits gescheitert und meine Festplatte fasste mehr Musik als jede Sammlung meiner Eltern. Nur das Genre Hörbuch stemmte sich gegen die Moderne und wurde zum Teil noch auf Band ausgeliefert. Die ersten Teile von Harry Potter kamen in Doppel-Hüllen, später wurden Pappkisten für das Fassen der Lesung eines Bandes nötig. Jedem der unkt alle 16 (?) Kassetten des vierten Bandes gingen spielend leicht auf nur eine MP3-CD (heute gibt es alle sieben Bände auf 14 CDs), möchte ich folgende Anekdote entgegenhalten:

Der jüngste Sohn meiner Eltern war damals vielleicht zehn Jahre alt, seine große Schwester kurz vor dem Abitur, sein großer Bruder Zivildienstleistender (eine Tätigkeit, an die sich nur die Altvorderen erinnern können, die noch die Kassette kennen), seine Eltern waren bereits dreimal Eltern und er lauschte tagein tagaus Harry Potter, gelesen von Rufus Beck. Die offene Bauweise unserer Wohnung und die Gnade, die dem Jüngsten wohl stets zuteil wird, führte dazu, dass alle Anwesenden mithörten.

Natürlich kamen die Bänder durcheinander, also sprang die Hörgemeinde notgedrungen zwischen den Teilen. Dies stellte aber für niemanden ein Problem dar, alle waren tief im Stoff und konnten inzwischen die größten Teile mitsprechen. Bis sich nun aber der Verlag dieser Reihe darauf versteifte die letzten Bände nicht mehr auf Kassetten herauszubringen, kam es zu einem tragischen Zerwürfnis der eingeschworenen Fangemeinde im Hause W. Überall flogen zerkratzte CDs herum, niemand merkte sich bei welchem “Track” man gerade gewesen war als man das Vorlesen stoppte, die ersten Scheiben verweigerten den Dienst und Rufus Becks Stimme schallte nur noch selten durch unsere Wohnung, andere Hörbücher wurden für die Gemeinschaft nie wieder angeschafft.

Seitdem habe ich keine Geduld mehr für Hörbücher. Schuld kann also nur der Tod der Kassette sein.

Denn als ich wiederum Kind war, spielte sich Ähnliches, nur mit weniger Beteiligten, mit Jim Knopf ab. Die Kassetten waren nahezu unkaputtbar und starteten immer dort, wo ich zuletzt geendet hatte. Und dies ist tatsächlich eines der Hauptvergehen der Verlage: die Stückelung der Tracks ist nicht großzügig genug. Ich setzte mich doch nicht vor meinen CD-Player und spule zu Minute 15:37, ist ja schließlich kein Kassettenrekorder.

Weil ich neben meinem guten Geschmack, aber auch über eine sagenhafte geistige Wendigkeit verfüge, habe ich mich in letzter Zeit wieder an Hörbücher und -spiele herangewagt. Dies sind die Beobachtungen, die man nebenher notierte:

+ man kann sagenhaft gut geistig unanstregende Dinge nebenher tun
– ich bin viel zu ungeduldig, um geistig unanstrengede Dinge länger als 15 min zu tun

+ man kann viel schneller, viel mehr Bücher hören als lesen
– ich bekomme nur die Hälfte mit, weil ich ja keine geistig unanstregenden Dinge dabei tue

+ man kann dabei einschlafen
– man kann dabei einschlafen (und findet nie wieder raus wo man war)

+ die Sprecher lesen viel besser als die meisten anderen Menschen, die einem sonst so vorlesen
– die Stimme in meinem Kopf reicht mir völlig (und ist sehr wohlklingend)

+ es gibt sehr (!) gute Hörspielbearbeitungen von Klassikern
– bei Hörspielen habe ich immer die Besorgnis Einzelheiten der Prosa zu verpassen

Ach und es gibt soviel mehr Positives, aber ich habe das Problem im Hörbuch nicht markieren zu können und im Gesamteindruck lese ich viel zu gern selber, als dass ich jemals ein begeisterter Hörer werden würde und vieles andere mehr. Damit dieser Text aber nicht nur Fixierung von Hörbuchwissenschaft und meiner Vergangenheit dient, habe ich fünf Hörtipps für ambitionierte Einsteiger und Fortgeschrittene gesammelt.

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Ein klassisches Hörspiel mit dem König unter den deutschen Sprechern Gert Westphal, das atmosphärisch in Perfektion Kafkas Prosa umsetzt.

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Eine Box voller Stefan Zweig Geschichten, was gibt es Besseres? Bin im Zug zum Ende von Brennendes Geheimnis eingeschlafen. Hatte mir vorher aber notiert unbedingt Teile des Anfangs in Über mich zu übernehmen, im Buch hätte ich einfach markiert.

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Das Debüt des Mitbegründers des Hamburger Vorzeigeclubs Uebel & Gefährlich von 2011 fängt viel Charme der Hansestadt ein. Der Clubbesitzer und Journalist schreibt sehr unterhaltsam, Florian von Manteuffel liest wunderbar und zusammen ergibt das leichte, aber gute Unterhaltung.

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Was ganz anderes no.1: kann man aus Tagebüchern vorlesen? Ja man kann und es macht erstaunlich viel Spaß, nicht nur weil Max Frisch viel Interessantes aus seiner Zeit in Berlin zu erzählen hat, sondern weil auch das Uninteressante wunderbar verpackt wird. Max Frisch hat immer noch keinen Telefonanschluss in der neuen Wohnung? Mehr davon!

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Was ganz anderes no. 2: Aus den ganz großen frühen Jahren des Benjamin von Stuckrad-Barre sind diese Live-Aufnahmen. Mit “Gastauftrittseinsprengseln” von Christian Kracht, Harald Schmidt und Christian Ulmen, den ebenfalls ganz großen der späten 90er. Zeitreise in das Damals, als es noch Kassetten an jeder Ecke gab.

Falls Du, lieber Leser, eines dieser Hörbücher genießen willst, magst Du Dich bei mir melden, ich überspiele das dann und sende es unfrei per Bote im Eselkarren zu Dir.

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Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Buchguerillo Michael Schikowski

Als Buchguerillo kämpft man nicht allein auf weiter Flur, immer wieder treten Mitstreiter in die Schlacht für das echte Buch mit ein. Als Friedrich Frossman, Mitarbeiter der Arno Schmidt Stiftung, erklärte warum es die Werke Schmidts nicht als eBook geben wird, provozierte er damit einen mittelschweren Shitstorm: konservativ und verstockt, sich dem nicht aufzuhaltenen Fortschritt zu verschließen sei dumm und vermessen, ewiggestrig und in zehn Jahren unfreiwillig komisch, seien seine Aussagen, so die Stimmen gegen ihn.

9783934054592Nun macht sich mit Michael Schikowski erneut ein tapferer Recke auf das Gedruckte zu verteidigen. Der gelernte Buchhändler arbeitet in einem Frankfurter Verlag und ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn, gibt die Literaturzeitschrift Non Fiktion mit heraus und veranstaltet Leseabende. Als Autor, Wissenschaftler, Verlagsmitarbeiter und Herausgeber, Verkäufer und Veranstalter von Literatur dürfte er somit in fast alle Bereiche einen Einblick bekommen haben, die von der Digitalisierung betroffen sind. Er kennt die Branche und weiß welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. In Warum Bücher? analysiert Schikowski die Chancen und Risiken, die die Digitalisierung für unsere Kulturlandschaft birgt.

Anders als viele Idealisten, derer er sicher einer ist, wird Schikowski nicht zum weinerlichen Tempelwächter, sondern nähert sich über eine objektive Untersuchung der Digitalkultur der Buchkultur. Dass der Leser schon vor dem Ende den zu erwartenden Standpunkt des Autors kennt, nimmt diesem nicht die Glaubwürdigkeit. Schikowski verdammt nicht per se das eBook, das er konsequenz als Digitalisat, also nur eine andere Version des bereits vorhandenen Buchs, bezeichnet. Vielmehr stellt er fest, dass es das eBook als eigene Form noch gar nicht gibt. Seiner Meinung nach ist das eBook erst dann ein eigenes, neues Medium, wenn es ein reines enhanced eBook wird, also zu einem Informationsträger wird, in dem Texte mit anderen Medien wie Musik, Videos und Bildern verschmilzen. Dieses habe dann aber mit Ausgangsprodukt “Buch” nichts mehr zu tun, dieses als Referenz wäre dann obsolet – ein enhanced eBook stelle als eigene Gattung keine Gefahr für das analoge Buch dar.

Er geißelt die Perversion, dass inzwischen Buchhändler gezwungen sind ihre eigene Branche abzuwickelt, um auf dem Sterbebett ihr Erbe dem nicht genannten Internetriesen zu übergeben, betrachtet die Wirkungslosigkeit von Rezensionen im klassischen Feuilleton, spricht die nicht zu unterschätzende Nutzungsrechteproblematik beim “Kauf” von eBooks an, ebenso wie massiv auftretende Urheberrechtsverstöße, in einer Gesellschaft, in der Kultur und Bildung nichts kosten soll.

Schikowski verweist hier auch auf Sven Regener. Dieser hatte in einer Wutrede die Kostenlos-Mentalität der Konsumenten für Musik kritisiert, an der gerade kleine Indie-Labels zugrunde gingen. Ähnliches stünde nicht nur den Indie-Verlagen, sondern eventuell sogar großen bevor, sollte sich in diese Einstellung nicht grundlegend ändern: Es sind eben nicht alle Inhalte kostenfrei zu erhalten, weil es immer Autoren und ihre Helfer gibt, die mit der Produktion ihr Geld verdienen müssen. Die Mär vom autarken Autoren, bleibt eine solche, weil ohne die Verlage nur eine Umverteilung des Geldes an die Vertriebsplattform stattfinden oder die Qualität erheblich leiden würde. Ohne Lektorat wird eben auch nicht Lektoriert oder man zahlt nicht einen Verlagslektor, sondern einen freiberuflichen, der ebenfalls Geld kostet.

Diese Diskussion sei hier aber nur angerissen, denn um die Argumente für das Buch in gedruckter Form soll es gehen und die Problematik ist eben (nicht nur) eine die für oder gegen das eBook und andere Formate spricht, das eBook im Speziellen teilweise nur in Randbereichen tangiert. Ebenso die Frage, ob Social Media dem Lesen und der Kulturlandschaft zu- oder abträglich ist: Durch das ständige Posten von Bildchen mit Büchern, neuer Cartoons oder Filmchen, die alle die Liebe zu Büchern dokumentieren, käme immer mehr das Buch selber, vielmehr noch die Lektüre dessen unter die Räder, so Schikowski.

Warum denn nun Bücher?

Befragt nach den Argumenten für das Bewahren des Buches als Medium, komme bei den meisten Streitern im Grunde nicht viel mehr dabei heraus, als dass Bücher so schön anzufassen seien. Schikowski kann aber mehr liefern.

Die sinnliche Erfahrbarkeit der Texte, ihre Verkörperung im so oder so gestalteten Buchkörper, wird notorisch unterschätzt. Wer Leseproben auf dem Bildschirm oder ein Skript auf Papier mit dem Erlebnis eines in die Hand genommenen Buches vergleicht, erfährt das unmittelbar. Das auditive Erlebnis des Buchkörpers, der beim Öffnen knackt, sein Geruch, der Umschlag, dessen Oberfläche an den Händen spürbar ist, das Gewicht des Buches, die Farbgebung, die Typographie – all dies ist keine sentimentale Beschreibung eines Buches, keine Romantik der Handgreiflichkeit, bei der es etwa darum ging, Bücher bloß anzufassen! Es handelt sich vielmehr um eine unsentimentale Wertschöpfung, die sich als Rhetorik eines gestalteten Buchkörpers interpretieren lässt.

S. 59 f.

Das ist doch nur die ausgeschmückte Aussage aller?! Aber es geht ja weiter: gerade die Kultur, die sich seit dem 16. Jahrhundert um das Buch entwickelt hat, gelte es zu bewahren. Diese sind nicht immer mit Händen zu greifen oder mit Worten begreiflich zu machen, so wie es alle Traditionen nicht sind. Es sind eingespielte Gebräuche, die Menschen wichtig geworden sind, die damit in ihrer Sozialisation in Berührung kam und diese übernommen haben, bewahren möchten, weil sie ihnen ans Herz gewachsen sind.

Um Bücher hat sich eine Fülle von stummen Handlungen, Gesten und Ritualen gebildet: die Bücherregale, die man als Gast in fremden Wohnungen betrachtet. Ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sehen und darüber nachdenken, wen das interessiert. In einem Buch der Eltern Anstreichungen finden. Bei einem geliehenen Buch aus Versehen den Schutzumschlag einreißen. In einer Gesellschaft über ein Buch reden, das man nicht gelesen hat. Ein neu gekauftes Buch, das man immer schon einmal haben wollte, endlich aufschlagen und über die Seiten streichen. Das kurze Zögern, bevor man in ein Buch, das man verschenken möchte, ein paar Worte schreibt.

S. 66 f.

All dies, das mag sein, ist einem gewissen Kreis, man traut sich nicht einer gewissen Gesellschaftsschicht zu sagen, antrainiert worden, aber ebenso ist es die Tanne zu Weihnachten oder der Kuchen am Geburtstag.* Nur heißt doch dies nichts Schlechtes, es ist vielmehr Tradionen und Bräuchen immanent, man nennt es Sozialisation. Das vermeintliche Vorzeigen von vermeintlicher Bildung anhand des Bestands der hauseigenen Bibliothek wird durch einen eBook Reader unmöglich, sagen die Befürwörter, die gesellschaftliche Schranken und Berührungsängste abbauen wollen. Dass ich dieses unterstellte Gebaren aber auch durch das Zurschaustellen anderer Statussymbole erreichen könnte, wird bei diesem Argument dezent ausgeblendet – vielleicht hänge ich mir mein Diplom an die Wand oder lasse das Telefonbuch offen liegen, das ich gerade auswendig lerne?

Eine Liebeserklärung

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“Lesendes Mädchen” von
Georgios Jakobides, 1882

Unterm Strich soll sich kein Leser für die Form seines Konsums rechtfertigen müssen. Mir ist gleich, ob ihr euer Rauschmittel peroral, intranasal oder intravenös, auf dem eReader, in gedruckter Form, durch das Lesen von Keilschrift auf Steinen zu euch nehmt oder nur die Gedichte auf Allies Handschuh lest. Auch Michael Schikowski verdammt niemanden, er schreibt nur seine eigene kleine Liebeserklärung an das Lesen (und eben auch an seine liebste Konsumform). In fünf Sätzen vermag er auszudrücken, was mir an meinen gedruckten Werken im Regal so wichtig ist, warum ich sie nicht hergeben möchte, sondern als Teil meines Lebens wahrnehme.

Lesen hilft, eine eigene Identität zu bilden. Die Bücher, die dazu erworben werden oder die einer geschenkt bekommt, begleiten ihn durch das Leben. Im Buchregal werden sie Bestandteil einer Biografie. An ihnen lässt sich ein Teil des Lebens wiederfinden, ausstellbar für andere, möglich aber auch, es sich selbst in Aussicht zu stellen. Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Und wer sich an Julian Barnes Ausspruch hält und nur Bücher liest, die sich gut auf dem Nachttisch machen, falls man unerwartet stirbt, hat sowieso etwas Grundlegendes nicht verstanden.

*Jetzt kommen wieder alle, welche die Plastiktanne im Wohnzimmer haben und Bockwürstchen zum Kaffee reichen.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn und schreibt den Blog www.immerschoensachlich.de. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen und in einem Frankfurter Verlag tätig. In Leseabenden präsentiert er die großen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Im Bramann Verlag veröffentlichte er neben Warum Bücher? auch Über Lesen.

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Oldenburg

So wie in Göttingen habe ich auch in Oldenburg meinen Local Dealer. Hier kaufe ich z.B. die Hanser Neuübersetzungen gebraucht, aber scheinbar nur von vorsichtigen Bibliothekaren mit Handschuhen gelesen. Dazu ein versiertes Fachgespräch über den Vergleich der Übersetzungen von Oblomow oder Moby Dick und die Feinheiten, die Cervantes Don Quijote Tolstois Krieg und Frieden überragen lassen. Schöne Buchhandlungen, ledergebundene Winklerausgaben alles Themen, die man unter der Brücke vor der Mensa der Universität Oldenburg besprechen kann. Besser als der Besuch jeder Buchhandlungen in der Stadt. – Versprochen!

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Moby-Dick auf Englisch ist lustiger (Teil 2)

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

So eindeutig und so wahr drückt es Michael Krüger (Video unten) aus. Aus dem Hanser Verlag habe ich die Moby-Dick Ausgabe gelesen und diese ist auch mein Ausgangspunkt zum Vergleich der Übersetzungen. Daneben lege ich die Übersetzung von Fritz Güttinger, erschienen bei Manesse und das englische Original, das ich auf dem iPad habe.

Im Folgenden vergleiche ich berühmte Stellen und solche, die mir besonders gefallen haben. In eckigen Klammern steht die zitierte Ausgabe: [E] ist die englische Vorlage, [H] die Übersetzung von Matthias Jendis, erschienen bei Hanser und [M] die Übersetzung von Fritz Güttinger, erschienen bei Manesse in der Bibliothek der Weltliteratur.

(I) Der Anfang

Call me Ishmael. [E] – Nennt mich Ismael. [H] – Man nenne mich Ismael. [M]

Beide Übersetzungen haben das H in Ishmael gefressen! Mein erstes Gefühl lässt mich die [H]-Version besser finden. Die Direktheit des Englischen wird beibehalten und mit dem Imperativ originalgetreu wiedergegeben. Die [M]-Übertragung nimmt durch die Allgemeinheit den persönlichen Bezug und die direkte Ansprache des Leser, durch die umständliche Formulierung geht das Besondere des Anfangs etwas verloren.

(II) mortar – Mörser – Tiegel

He piled upon the whale’s white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart’s shell upon it. [E]

Er türmte auf des Wales weißen Buckel den angehäuften Zorn und Haß, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt, und ließ, als wäre seine Brust ein Mörser, sein heißes Herz, das feurige Geschoß, an ihm zerbersten. [H]

Dem weißen Buckel des Wals bürdete er die Summe all des ohnmächtigen Hasses auf, den das Menschengeschlecht seit Urzeiten gehegt hat; und ließ dann, als wäre sein Brust ein Tiegel, die Schale seines heißen Herzens daran zerschellen. [M]

Bei dieser Stelle handelt es sich wahrscheinlich um eine der meistzitierten aus Moby-Dick. Die Monomanie und der Hass Ahabs destilliert in zwei Sätzen, die Essenz des Buches und die Charakterisierung des Kapitäns. Hier fallen mir gleich drei Eigenarten auf:

felt by his whole race from Adam down: hier unterschlägt [M] die Nennung Adams und gebraucht stattdessen “Urzeiten”, durchaus kein schlechter Gedanke und durchaus passend, mir aber zu weit von der Vorlage entfernt

mortar: ein Mörser ist ein Mörser, ist ein Mörser – die von manch anderen Übersetzungen verwandte Kanone würde ich mir aufgrund der Nähe der Waffengattungen gefallen lassen, den Tiegel finde ich dagegen äußerst umständlich, nahezu abwegig, und auch das wuchtige, kriegerische Bild Melvilles bleibt mir hier verschlossen und wer hat mal in einem Tiegel etwas verschossen?

his hot heart’s shell: ich weiß nicht welcher Anatom mir sofort die Schale meines Herzens zeigen könnte, aber Melville lässt eben (nur?) die Schale des Herzens und nicht das Herz selber verschießen – oder ist die Schale gleich der ganze Brustkorb, dann wäre ja das Herz eigentlich inkludiert, es sei denn man würde es vor dem Verschießen herausnehmen.

Treffen wir uns in der Mitte und verschießen mit dem Mörser die Schale des Herzens? (Obwohl ich das Verschießen des Herzens selbst als stärkeres Bild sehen würde – hätte ich Melville als sein Lektor angestrichen).

(III) vermicelli-like – an Fadennudeln gemahnen – wie Fadennudeln

How is this? Between his ribs and on each side of his spine he is supplied with a remarkable involved Cretan labyrinth of vermicelli-like vessels, which vessels, when he quits the surface, are completely distended with oxygenated blood. [E]

Wie kommt das? Zwischen seinen Rippen und beiderseits seiner Wirbelsäule verfügt er über ein verschlungenes kretisches Labyrinth aus Blutgefäßen, die an Fadennudeln gemahnen. Diese Gefäße füllen sich beim Abtauchen bis zum Bersten mit sauerstoffreichem Blute, […]. [H]

Wie geht das zu? Zwischen den Rippen und beiderseits der Wirbelsäule verfügt er über eigenartige Knäuel von Gefäßen, die sich wie Fadennudeln durcheinanderschlingen und beim Tauchen mit angesäuertem Blut prall gefüllt sind. [M]

Als ich Fadennudel las war ich wirklich auf das Wort im Original gespannt: vermicelli, sind tatsächlich im Italienischen, und vom Englischen übernommen, dünne Fadennudeln. Ich danke den Übersetzern, dass sie mich das nicht extra haben nachschlagen lassen, damit ich die Lektüre verstehen kann, dass ich es jetzt trotzdem nachgeschlagen habe, ist persönlicher Pedanterie geschuldet.

(IV) flying fish – fliehenden, fliegenden Fisch – entweichenden Fisch

Soon ranging up by his flank, Stubb, firmly planting his knee in the clumsy cleat, dartet dart after dart into the flying fish; […]. [E]

Bald stand Stubb neben der Flanke des Fisches, stemmte sein Knie fest gegen die klobige Klampe und jagte Speer auf Speer in den fliehenden, fliegenden Fisch. [H]

Nicht lange, und es kam an die Flanke des Untiers heran, worauf Stubb sich mit dem Knie fest gegen die Stützducht stemmte und die Lange ein Mal über das andere in den entweichenden Fisch warf, […]. [M]

Den fliehenden, fliegenden Fisch empfand ich in Bild und Alliteration als sprachliches Kleinod, habe kurz von der Lektüre aufgesehen und mich an der Schönheit der Sprache erfreut. Die richtige Übersetzung wäre, in diesem Kontext, wohl wirklich nur der fliehende Fisch. Flying könnte im Deutschen aber auch fliegenden heißen. Die Entscheidung von Jendis beide Worte zu verwenden, gibt dem Dargestellten eine neue Eindrücklichkeit und eine sprachliche Schönheit, die das Englische hier nicht transportiert, doch darf der Übersetzer derart frei mit der Vorlage umgehen? Bei diesem Ergebnis – ja! Der Wal ist auch kein Fisch!

(V) The drama’s done. – Das Stück ist aus. – Das Stück ist aus.

The drama’s done. Why then here does any one step forth? – Because one did survive the wreck. [E]

Das Stück ist aus. Warum tritt dann hier noch einer hervor? – Weil einer den Schiffbruch überlebte. [H]

Das Stück ist aus. Weshalb tritt dann hier noch einer an die Rampe? – Einer der Schiffbrüchigen blieb nämlich am Leben. [M]

In der [M]-Übersetzung wird das Bild des (Theater-)Stückes schön in den nächsten Satz hinübergerettet, dagegen finde ich den Schiffbrüchigen und das blieb nämlich am Leben wieder zu frei und umständlich. Die [H]-Übersetzung bleibt hier wieder näher am Duktus des Originals.

(VI) Allgemeines

Bei (III) und (IV) fällt z.B. auch auf, dass Jendis [H] anders als das Original und die hier diesem nähere [M]-Übersetzung interpunktiert. Insgesamt ist die Übersetzung von Güttinger [M] in einer antiquierteren Sprache (Wie geht das zu?, oben bei (III)), entspricht sie eben auch der ersten vollständigen deutschen Ausgabe des Moby-Dick von 1944. In Lesbarkeit und stellenweise, soweit ich verglichen habe, Übersetzung sagt mir die [H]-Übertragung von Jendis mehr zu.


Die Frage, ob ich zum Original oder zur Übersetzung greife, kommt schlussendlich wieder auf den persönlichen Geschmack und die Frage warum und wie man liest an: möchte ich mich gut unterhalten wissen und mein Englisch reicht vielleicht für eine flüssige Lektüre nicht aus, dann greife ich natürlich zu einer Übersetzung; will ich gezielt vergleichen und habe Freude daran die Arbeit des Übersetzers nachzuverfolgen, warum dann nicht Original und Übertragung parallel und quer lesen; vielleicht will ich sogar verschiedene deutsche Übersetzungen kontrastieren und so die Entwicklung der deutschen Sprache nachvollziehen; wieder andere lesen die Originale um die Kenntnisse der Sprache zu festigen – jeder wie er mag!

Aber Achtung! Nur für das Auffrischen der Englischkenntnisse aus der Schule ist Moby-Dick sicher zu schwer. Die nautischen Begriffe sind auch auf Deutsch teilweise fremd und verwirrend – toll hier das Glossar in der Hanser Ausgabe!

Je mehr ich mich mit dem Buch auseinandersetze, desto besser gefällt es mir!

Zu Teil 1 der Betrachtungen zu Neuübersetzungen

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Serien auf Englisch sind lustiger (Teil 1)

Es ist in letzter Zeit nicht nur modern, sondern vielmehr cool, fast obligatorisch, amerikanische Serien mit Originaltonspur zu sehen. Die Witze seien lustiger, die Synchronstimmen immer schlecht und der Genuss viel authentischer. In meiner Faulheit habe ich mich immer dagegen gewehrt, kann die Coolness (außer die, die in dem Beherrschen einer (Fremd-)Sprache liegt) nicht erkennen und störe mich in der Regel wenig an Stimmfarben und Intonation bei 20-minütigen Unterhaltungssendungen.
Grundsätzlich aber, und hier bekenne ich es öffentlich, ist es natürlich wirklich authentischer sich das Original zu Gemüte zu führen: das Bild in seinen Ausmaßen, Beschaffenheit und mit der Möglichkeit eines Perspektivwechsels im Museum und nicht nur bei der Bildersuche von Google anzusehen; das Konzert live zu erleben, vermittelt ganz andere Höreindrücke als das Ablaufenlassen der Konserve; die Lektüre des Textes wie er dem Autor aus der Feder floss ist ebenso authentischer – weil er eben das Original ist.

The Big Bang Theory, How I met your mother und Two and a half man sind sicher weit von einer Neuübersetzung entfernt. Klassiker der Weltliteratur dagegen genießen immer wieder diese Ehre.

Warum aber Neuübersetzungen? Bei dem von mir kürzlich besprochenen Südlich der Grenze, westlich der Sonne lag es beispielsweise auf der Hand. Die erste Übersetzung erfolgte anhand der Übersetzung, die vom Japanischen ins Englische vorgenommen wurde. Dass bei einer solchen Stille-Post-Methode viel der Sprachkunst des Autors verloren geht, zwangsläufig verloren gehen muss, liegt auf der Hand.

Jeder Neuübersetzung hat nicht nur die Chance die alten Übertragungen von Staub und heute nicht mehr genutzten Vokabeln, die uns vielleicht befremdlich vorkommen würden oder schlicht nicht passen, zu befreien; es besteht immer auch die Chance den Text, auch mit Hilfe neuerer Sprache, besser, wenn nicht besser, dann zumindest anders, wiederzugeben: die Melodie des Originals auch im Deutschen zu wahren, einzelne Wendungen mit Hilfe neuer Synonyme besser wiederzugeben und so Sprache und Stil des Autors, des Textes in seiner Ursprungsform zu erhalten.

Tolle Beispiele für die Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die beim Übersetzen bestehen können:

“Neu übersetzte Klassiker”: Alter Kunstwerkmeister, steh uns bei! | Feuilletion | FAZ
“Madame Bovary”: Die Freuden der Genauigkeit | Kultur | ZEIT ONLINE.

[…] ein weiterer Grund für den Erfolg von Neuübersetzungen: Es macht diebische Freude, sie mit den alten zu vergleichen.

Andreas Platthaus in der FAZ

Dazu kommen wir in Teil 2, wenn ich Moby-Dick gleich dreifach durchleuchten werde. Vielleicht erfahre ich dann auch endlich, ob ich Serien auf Englisch sehen muss.

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