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Kategorie: (Auto-)Biographisches

Gelebte Literatur – Hans Mayers Frankfurter Poetikvorlesungen

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine der schönsten Traditionen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Seit dem Lehrjahr 1959/60 hält das Who is Who der Autoren der DACH-Länder jährlich, nur unterbrochen von 1968 bis 1979, eine Vorlesung zu einem frei gewählten Thema mit den Fragen zur poetischen Produktionen und ihren Voraussetzungen. Hans Mayer wählte das Thema: Gelebte Literatur (vulgo: ich, Ich, ICH).

Hans Mayer ist sicher einer der großen deutschen Literaturwissenschaftler* Deutschlands nach 1945. Allein seine Arbeit über Georg Büchner hat neue Maßstäbe in der Germanistik gesetzt. Seine Arbeiten zu Proust, Thomas Mann und der Literaturgeschichte sind bis heute alle ebenfalls so stilprägend wie vergriffen.

Als junger jüdischer Jurist bereits 1933 ins Ausland geflohen, arbeitete er mit Max Horkheimer und Walter Benjamin als Sozialforscher, war nach ’45 in Frankfurt Kulturredakteur der Vorgängerin der dpa und arbeitete für das Radio. Erhielt einen Ruf nach Leipzig und pendelte zwischen Ost- und West-Deutschland, inzwischen einer der bekanntesten Literaturkritiker in beiden Ländern, ebensolcher bei den Tagungen der Gruppe 47. 1963 kehrte er nach einem Besuch in Tübingen nicht in die DDR zurück. Dort war er immer wieder mit Kritik an der Kulturpolitik angeeckt. So schrieb er bereits 1956: “Will man das literarische Klima bei uns ändern, so muß die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und Literatur in weitestem Umfang endlich einmal beginnen. Es muß aufhören, daß Kafka bei uns ein Geheimtip bleibt und daß das Interesse für Faulkner und Thornton Wilder mit illegalem Treiben gleichgestellt wird”. Die offiziellen Stellen waren nicht erfreut. Zum endgültigen Bruch kam es 1963 aufgrund des neuen Mayer Buchs Ansichten, in dem er erneut die Literaturinterpretation und -politik des Regimes kritisierte.

Im Westen schuf die TU Hannover Mayer eine Stelle als Professor für Literatur. Der sensible Mann emeritierte 1973, nachdem man seinen Habilitanten Fritz J. Raddatz nicht wie gewünscht inthronisierte.

Dieses Leben, die Ver- und Getriebenheit, das Zerriebenwerden zwischen und in Unrechtsregimen, ist ein Paradebeispiel für den unbeirrten Intellektuellen, der für seine Arbeit und Leidenschaft einsteht. Dieses Leben war so übervoll, dass Mayer sich genötigt sah eine zweibändige Autobiographie zu schreiben. Doch trägt dieses Leben eine Poetikvorlesung?

Besuch – letzter? – bei Hans Mayer; nach langjähriger “Pause”. Er ist seine eigene Anekdote, die so geht: Hans Mayer hat Besuch. Er redet 2 Stunden ohne Unterlaß, wo er alles Vorträge gehalten und welche bedeutenden Leute er dabei getroffen hat. Nach langem betäubtem Schweigen wird der Besucher gefragt: “Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?”

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

“Max Frisch setzte mir in Breslau auseinander..”

Die fünf Vorlesungen tragen die Titel

Eine Jugend im Expressionismus
Leben und Literatur im Exil
Als der Krieg zu Ende war
Außenseiter
Über die Einheit der deutschen Literatur

und beinhalten zwei Themen: das Leben Mayers und die Rechtfertigung desselben eine Poetikvorlesung zu halten.

Der Essayist [also ich, Hans Mayer] aber ist innerhalb der internationalen Literatur durchaus als Schriftsteller anerkannt [weshalb ich, Hans Mayer, auch eine Poetikvorlesung halten darf].

S. 78

Bei aller Polemik möchte ich aber nicht an dem Denkmal eines Verstorbenen kratzen, sondern nur warnen: wer erwartet von Mayer etwas über Poetik zu erfahren, vielleicht sogar Schriftsteller (oder Essayist?!) ist, der für seine Arbeit profitieren möchten, wird enttäuscht werden. Möchte man dagegen von einem höchst spannenden Leben mit und für Literatur lesen, so wird man nicht enttäuscht, dass viele Argumente aber erst dadurch gewichtig werden, dass Brecht am Telefon eine ähnliche Meinung äußerte oder das Politbüro einen Artikel verbot**, daran darf man sich bei Mayer nicht stoßen. Das Büchlein ist eine besondere Leseerfahrung, nur eine Poetikvorlesung war es nicht.

Und ein sofortiges “MEIN Grab wird sehr schön”, er hat es sich auf dem Dorotheestädischen Friedhof gesichert: “Da gehöre ich schließlich hin, ich werde neben Brecht und Eisler und Arnold Zweig und Hermlin liegen, das wird sehr schön.” Er merkt nicht wie absurd dieser Satz klingt, immer, immer wieder und noch immer, bis über den Tod hinaus, dieses “Ich gehöre zu den Berühmten, ich bin bei feinen Leuten eingeladen”.

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

Die nächste Poetikvorlesung hält im Übrigen Marcel Beyer unter dem Titel Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert, ab dem 12. Januar an fünf aufeinanderfolgenden Dienstagen über Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens.

*Mayer hat Jura studiert und wechselte als Quereinsteiger in die Germanistik. (Das muss sich der Jurist mal vorstellen: Ein bei Hans Kelsen promovierter Rechtswissenschaftler verlässt sein Fachgebiet und widmet sich der Literatur. [Nichtjuristen können es sich so vorstellen: Du warst bei Dumbledore der beste Schüler und belegst dann nur noch bei Trelawney Wahrsagen.])

**Sehr unsaubere Arbeit für einen Wissenschaftler.

Nota bene: Andreas Maier (augenscheinlich kein Abkömmling von Hans) war so konsequent seine Vorlesung gleich Ich zu nennen.

Zum Appetit anregen oder abschrecken: Hans Mayer spricht eine Stunde über sich.

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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

Wann darf man eine neue Biographie über jemanden schreiben? Wenn tatsächlich neue Erkenntnisse erlangt wurden, unbekannte Briefe oder Tagebücher aufgetaucht sind, man anderer Meinung ist als vorherige Biographen – man einfach Lust hat?

Die Mutmaßung Stefan Zweig könnte homosexuell gewesen sein ist nicht neu, die Tagebücher wurden, wie fast sämtliche Briefe bereits akribisch ausgewertet und die Biographie von Oliver Matuschek ist noch keine zehn Jahre alt. Ulrich Weinzierl schreibt trotzdem und dies tut in erster Linie dem be- und verhandelten Autor gut, denn auch ein gemeinfreier Klassiker, soll immer wieder in Erinnerung gerufen werden und dies geht am besten mit einem kleinen Skandal. In diesem Fall einem berühmten Penis, besser dem Penis eines Berühmten.

Ich aß Müsli und trank Tee als ich das Buch las.  Instagram
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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis möchte dabei auch gar keine Biographie sein. Es ist vielmehr eine psychologische Studie, die Weinzierl, ebenso wie Matuschek, in “Drei Leben” unterteilt. Diese sind in diesem Fall die Ehe mit Friderike Zweig, geschiedene von Winternitz, die Untersuchung einer möglichen Homosexualität und der Schluss Zweig sei Exhibitionist gewesen. Tatsächlich neu ist hieran, wie gesagt, nicht viel. Dass die Ehe von Stefan und Friderike in vielerlei Hinsicht unglücklich war, wussten wir ebenso wie von dem sehr berechneten Werben der Dame um den späteren Gatten, dass Zweig seine Frau in den letzten Jahren zu einem Faktotum der Latifundien am Salzburger Kapuzinerberg degradierte ist nicht zuletzt aus dem Briefwechsel bekannt.

Doch eine derart genaue Beschreibung der Ehe wie bei Weinzierl aber habe ich noch nicht gelesen und hatte bisher eher Mitleid mit Friderike Zweig, hervorgerufen insbesondere durch teils harsche und sehr abweisende Briefe des Gatten. Weinzierl zeichnet dagegen ein höchst unvorteilhaftes, möglicherweise aber zutreffendes Bild. Friderike hat sehr berechnend um den berühmten Schriftsteller geworben, ihn sanft belagert und mit vorgegebener Großzügigkeit, speziell seinen Affären gegenüber, an sich gebunden. Manchmal erinnert ihr Verhalten an leichte Formen des Stalkings. Die Vereinnahmung des inzwischen Ex-Gatten ging nach dessem Tod mit der Verklärung, nicht nur des Verblichen, sondern auch der eigenen Rolle weiter; ein zum Teil wirklich garstiges Weib. Völlig unklar bleibt mir bis heute die Begeisterung Stefans für die Romane Friderikes, die diese vornehmlich schrieb, um ihn zu becircen, voller schrecklich schwülstiger, übertrieben triefiger Bilder, ja sogar widerlicher pädophiler Motive.* Weinzierl spricht zu recht von nicht bloß miserabler Literatur, hart an der Grenze zu pseudopoetischer Kindesmissbrauchspornographie.  Eine überaus kuriose Beziehung band diese beiden Menschen aneinander, ein Band, das auch nach der Scheidung nicht abriss. Weinzierl dröselt dieses anschaulich und gewissenhaft auf.

Die vermutete Homosexualität kann Weinzierl dagegen nicht belegen, zeichnet aber ein gelungenes Bild der Zeit, in der die Knabenliebe innerhalb der Intellektuellenszene nicht zwingend akzeptiert, aber geduldet und sehr häufig war. Von klassischer Homosexualität kann insoweit trotzdem nicht die Rede sein, da stets nur die griechische Jünglingsliebe zelebriert wurde, vor bärtigen alten Männern, dürfte es Stefan Zweig geschüttelt haben. Nicht ohne Grund verliebte sich Thomas Mann selbst als Großvater nur in junge Kerls. Die Wenigsten der Zitierten waren wirklich schwul, sondern in einer irgendwie merkwürdig-changierend Form des Begehrens zwischen Homosexualität und leichter Form der Pädophilie gefangen.

“Dann spazieren, Liechtenstein, schaup.”

Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)
Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)

Weinzierl gibt selbst zu, dass wir uns weniger im Reich der Spionage bewegen als in demjenigen der Vermutung und Andeutung, auf unsicherem Terrain. Dies betrifft nicht nur die ersten beiden Abschnitte, als vor allem den wirklich das brennende Geheimnis des Exhibitionismus behandelnden Teil. Diese Vermutung wurde bereits u.a. von Oliver Matuschek touchiert, im Ergebnis aber verworfen, und beruhte damals vor allem auf den Aussagen Benno Geigers, eines ehemaligen Freundes Zweigs, der aber nicht für die Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen bekannt ist. Weinzierl will nun in den Tagebüchern eindeutigere Hinweise von Zweig selbst entdeckt haben. Seine Theorie fußt grundlegend auf dem Wort schaup, das er als schauprangern, im Sinne von sich selbst zur Schau stellen, als die Vornahme von exibitionistischen Handlungen übersetzt und tatsächlich ergibt die zitierte Stelle im Tagebuch so Sinn und ja, viele weitere Stellen werden schlüssig.

Doch nehmen wir an, dass Weinzierl recht hat, was heißt das für Autor und Werk? Exhibitionismus ist als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung in Form einer Störung der Sexualpräferenz nach ICD-10 anerkannt. Doch ist diese Krankheit damals wie heute mit einer Stigmatisierung verbunden, die früher beispielsweise bei Knabenliebe so nicht verhanden war. § 183 StGB** stellt exhibitionistische Handlungen von Männern unter Strafe, für Knabenliebe gelten glücklicherweise ähnliche, ungleich schärfere Verbote. Diese Krankheit, diese Verhaltensauffälligkeit hat Zweigs Leben und Werk unzweifelhaft geprägt, ob jemand durch sein Handeln Harm angetan wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.

Viele der kompromittierenden Stellen hat Zweig sicher vernichtet, doch die zitierte Stelle (wohl von ihm übersehen, mutmaßt Weinzierl) blieb ebenso wie andere (diese anscheinend wissentlich) in den Tagebüchern, die, davon musste Zweig ausgehen, veröffentlicht werden würden, wenn sie nicht gar dafür geschrieben wurden. Ob dies eine letzte Form des Exhibitionismus des schauprangernden Zweig war? Hier fällt besonders die Diskrepanz zwischen der diskreten, fast völlig vom Ich gelösten, Autobiographie, in der nicht mal die Ehefrauen auftauchen und der intimen Selbstentblätterung auf.

Die neuen Aspekte der Persönlichkeit Zweigs werden bei der Lektüre dessen Werk sicher einfließen, nicht aber mein Lesen bestimmen. Mein Bild seiner Bücher ändert dies nicht. Denn losgelöst von etwaigen Einflüssen auf diese, tritt der Autor für mich beim Lesen erstmal als Person mit allen etwaigen Stärken und Schwächen in den Hintergrund. Die Erkenntnis um Stefans Zweig verdirbt mir nichts, sondern fügt eine neue Facette zu meiner Sicht auf einen bedeutenden Autor mit Schwächen hinzu.

Zuletzt: Vorkenntnisse sind für die Lektüre empfehlenswert, setze ich bei dem Einstieg in Spezialthemen wie dieses bei euch klugen Menschen aber voraus. Weinzierl schreibt sehr unterhaltsam, ohne den nötigen Ernst zu vernachlässigen, das Buch kann man easy wegsnacken, wie warmes Brot mit Butter, falls sich das lesen lässt. Besonderes Schmankerl, der immer wieder versteckte beißende Spott.***

Darf man auch mal sagen: das Format dieses Buchs ist perfekt, nicht zu hoch, schmal aber nicht fitzelich, großzügiger Satz. Alles richtig gemacht Zsolnay!


*Nach eigenen Angaben hat Ulrich Weinzierl sämtliche Romane von Frau Z. gelesen, fast unvorstellbar bei Ausschnitten wie:

Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos. Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen […] Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt.

Friderike Zweig – Vögelchen

**Hierzu die Strafrechtswissenschaft:

Die Vorschrift schützt die Selbstbestimmung über die Abgrenzung des höchstpersönlichen sexuellen Bereichs, die durch die aufgedrängte, häufig schockiernde Konfrontation mit fremder, beziehungsloser, aber gleichwohl auf das Opfer gerichteter und daher vielfach als Bedrohung empfundener Sexualbetätigung verletzt wird.

Fischer, StGB, § 183 Rn. 2

***Nicht so wie ich spotten würde, aber Spott, der in so einem ernsten Buch, eines so vordergründig ernsten Menschen, auffällt. Bspw.:

Eigentlich hatte Zweig mit dem lyrischen Dichten bereits aufgehört (was in Kenntnis seines Jugendwerks keiner riesiger Verlust war) […]

 

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Sylvia Plath – Die Tagebücher

Wird auch oft gesucht: Emily Dickinson – Virgina Woolf

Grave of Sylvia Plath
Das Grab Sylvia Plaths in
Heptonstall, West Yorkshire
© Mark Anderson
CC BY-SA 2.0

Legendäre Lyrikerin und ebenso legendäre Selbstmörderin, der Name Sylvia Plath ist untrennbar mit beiden Attributen verbunden. Es kann daher keinen Text über sie geben, der beides nicht zumindest streift. Aus diesem Grund beginnt Elisabeth Bronfen ihre Studie über Plath mit der Kontroverse, ein eigentlich zu harmloses Wort für etwas, das der deutsche Jurist Störung der Totenruhe nennt (§ 168 Abs. 2 StGB), um das Grab der Dichterin*. Immer wieder wurde der Grabstein beschädigt. Die Nachkommen ließen diesen daher entfernen, doch ein anonymes Grab, das steht außer Frage, genügt nicht einer Frau, die ein solches Werk geschaffen hat, die solchen Einfluss auf die Literatur nach ihr nahm.

Der Streit, um den auf dem Grabstein stehenden Ehenamen Plaths (Hughes), lag auch daran wie Ted Hughes mit dem Erbe seiner Frau umging und wie der Feminismus Sylvia sehen will. Hughes, selbst Schriftsteller, doch bald vom posthumen Ruhm der verblichenen Frau überflügelt, war kein fürsorglicher Nachlassverwalter, sondern, so warfen ihm nicht nur die Jünger auch neutralere Außenstehende vor, vorrangig auf Schonung der eigenen Familie und Vermehrung des pekunären Erbes, als auf Förderung des Nachruhms und Heil für die Literatur(geschichte) aus. Ersteres möchte man ihm (fast) nachsehen, waren die Kinder beim Selbstmord der Mutter nebenan, nur durch nasse Handtücher, mit denen sie die Fugen der Küchentür vor Aufdrehen des Gashans abgedichtet hatte, vom eigenen Erstickungstod getrennt. Nicholas, damals erst ein Jahr alt, nahm sich fast fünfundvierzig Jahre später ebenfalls das Leben. Spätwirkungen durch den Tod der Mutter kann man zwar nicht sicher annehmen, der auf der Familie liegende Schatten dagegen ist offensichtlich. Hughes Vorsicht daher verständlich.

sylvia plath tagebücher diary diariesLetzteres ist dagegen unverzeihlich. Ted Hughes hat große Teile des Tagebuchs verbrannt, statt sie nur unter Verschluss zu halten, eine Band angeblich verloren, in vorherigen Ausgaben rigide zensiert. Die 1997 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienene Fassung  ist aller Voraussicht nach die umfassendste Version, die noch zu erwarten ist. Denn auch nach Hughes Tod 1998 sind keine weiteren Streichungen, Auslassungen oder gar Teile wieder aufgetaucht, die angeblich verbrannten Hefte, anscheinend wirklich in Flammen aufgegangen, die verlorenen, verloren**.

Doch auch die vielen Auslassungen im vorliegenden Band können die Lektüre des fast funfhundert Seiten starken Diariums nicht weniger interessant machen. Auslassungen, die in Sorge für die vorgenommen wurden, die ihr Leben als Person in diesem Drama noch zu Ende leben müssen, so die Herausgeberin Frances McCullough. Auch wurden einige bösartige Spitzen – Plath hatte eine sehr scharfe Zunge und zwar so gut wie allen gegenüber – und Kürzungen ihrer ziemlich ausgeprägten Erotik wegen vorgenommen.

Die Aufzeichnungen setzen 1950, Plath ist 18, ein und enden 1962. Sie sind reich, üppig, voller Verlangen nach Lebendigkeit, voller hoher Erwartungen, schreibt die Übersetzerin Alissa Walser ganz richtig. Doch sie sind der Steinbruch, aus dem Plath für ihr gesamtes Werk schöpfte. Das Panoptikum eines Lebens, in dem alles dieses Ausmachende zu sehen ist: Der Schmerz und das Genie, Hoffnung und Depression, der Kampf um Anerkennung als Frau, wie als Schriftstellerin; der Lebenskonflikt einer jungen, intellektuell ambitionierten Frau in den Zwängen der 50er Jahre, in den Zwängen einer Ehe mit einem teils übermächtigen, beherrschenden Mann, in den Zwängen des Hausfrauen- und Mutterdaseins. Und bei der Lektüre wird immer wieder deutlich, warum Plath später zu einer Ikone des Feminismus wurde, nicht nur weil sie um Respekt für ihr Schaffen und ihre Rolle als Frau kämpfte, sondern eben auch weil sie daran zerbrach. Die Tragik ihres Schicksals und das Wissen um das Ende ihres Lebens machen die Lektüre besonders eindrücklich. Es ist die starke Stimme, einer immer wieder schwachen, aber nicht aufgebenden Frau, die schlussendlich zerrieben wird zwischen den eigenen Ambitionen, ihrem Genie und den Beschränkungen als Frau ihrer Zeit.

elisabeth bronfen sylvia plath coverSekundärlektüre ist nicht zwingend notwendig, um die Tagebücher zu verstehen, insbesondere da diese mit einführenden und erläuternden Worten der Herausgeberin versehen sind, doch will man die Welt Plaths erschließen, möchte man tiefer gehen, und das sollte man, nimmt man sich fünfhundert Seiten Innenleben vor, ist der Band von Elisabeth Bronfen, ebenfalls bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, unerlässlich. Nicht immer publikumsnah geschrieben, aber tiefschürfend und nach kurzer Eingewöhnungszeit unterhaltsam, da sehr klug udn genau, setzt Bronfen sich mit dem Plath-Mythos, Sylvias autobiographischen Schriften, der Dichtung und ihrer Prosa auseinander.

Ted Hughes verabschiedete sich kurz vor seinem Tod übrigens mit dem Gedichtband Birthday Letters von seiner Frau, damals eine literarische Sensation. Zur Versöhnung mit allen Jüngern Plaths konnte dies nicht mehr führen, aber in Zusammenhang mit der Gesamtausgabe der Tagebücher, das musste man dem Mann zugestehen, die Gemeinde hatte ihn zu Unrecht verdammt. Sein Leben an der Seite Sylvias war alles andere als leicht, so Michael Maar.

Zur Lyrik wird an dieser Stelle ein zweiter Teil in Bälde folgen.

* Der Grabstein steht wieder, wie man sieht. Jäten müsste man aber mal. Stänkern und Namen ausmeißeln können immer alle, aber ein bisschen Unkraut zupfen ist dann zuviel.
** 2000 erschien eine weitere Ausgabe der Tagebücher, herausgegeben von Karen Kukil, The Unabridged Journals of Sylvia Plath, die allerdings nicht ins Deutsche übertragen wurden, in dieser sind lediglich einige Namen abgekürzt und insgesamt nur zwölf Sätze gestrichen.

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Über den Gräben von Romain Rolland

daz4edRomain Rolland erhielt 1915 den Literaturnobelpreis, war einer der engagierten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und ebenso der Verfechter des europäischen Gedankens und des Pazifismus. Doch sind seine bedeutensten Romane der zehnbändige (!) Jean-Christophe und Meister Breugnon, die zuletzt vor über fünfzig Jahren übersetzt wurden, nur noch antiquarisch zu kaufen. Immerhin Pierre und Luce wurde 2010 vom Aufbau Verlag neu aufgelegt ist, soweit ersichtlich, aber ebenfalls nicht mehr lieferbar. Rolland ist, zumindest in Deutschland, fast gänzlich vom Radar verschwunden.

Der Name Rolland ist mir nur geläufig, da sich bereits vor der Zeit des ersten Weltkriegs Stefan Zweig mit dem Franzosen befreundete. Ein stetiger Briefwechsel, entsprechende Tagebucheinträge der beiden und Fußspuren in den Biographien, aber auch ein Buch Zweigs über den Mann und dessen Werk sind Zeugen dieser engen Verbindung.

Wider das Vergessen ist kürzlich bei C.H.Beck in der textura Reihe eine Zusammenstellung aus den Tagebüchern Rollands zwischen 1914-1919 erschienen. Die Zeit des ersten Weltkrieges stellt dabei natürlich, zumal in den privaten Aufzeichnungen eines Mannes mit dem Ziel des Friedens in der Welt, eine besondere Probe für diesen dar. Daher wird sich auch der bereits zu Beginn angeschlagene Ton nicht ändern.

3.-4. August 1914
Deutschland fällt in Luxemburg ein, richtet ein Ultimatium an Belgien.
Ich bin am Boden. Ich möchte tot sein. Es ist furchtbar, inmitten dieser wahnsinnigen Menschen zu leben und ohnmächtig dem Bankrott der Zivilisation beizuwohnen. Dieser europäische Krieg ist die größte Katastrope der Geschichte seit Jahrhunderten, der Zusammenbruch unserer heiligsten Hoffnungen auf die Brüderlichkeit der Menschen.

Rolland berichtet in der Folge über seine berührende Freiwilligenarbeit in der “Kriegsgefangenenauskunftsstelle” in der Schweiz, bei der er sich darum bemüht den Kontakt zwischen Gefangenen und ihren Familien in der Heimat herzustellen. In der Folge übernimmt er einige rührende (nicht rührselige) Exzerpte aus Briefen von Soldaten nach Hause oder sogar eines französischen Soldaten, der einer deutschen Mutter vom Tod ihres Sohnes berichtet. Zugleich gerät Rolland aber auch selbst zwischen die Fronten. Als in der Schweiz lebender Franzose, der zwischen Ideologien und Staaten zu vermitteln versucht, sieht er sich zahllosen Angriffen ausgesetzt, die durch die Vergabe des Nobelpreises an ihn, im Jahr ’16 rückwirkend für das vergangene, nur verstärkt werden. Der Ton seiner Notate ist, ob der Welt- und der eigenen Situation fast durchgängig verzweifelt-resigniert, nie aber weinerlich.

Eine Französin, die in Russland ist, wirft mir vor, ich sei ein schlechter Franzose. Ein Deutscher in Sankt Moritz wirft mir vor, ich sei ein von Nationalgefühl verblendeter Franzose. Beide Briefe erreichen mich mit der gleichen Post.

Die Hellsicht Rollands in der hundertjährigen Rückschau schmerzt besonders, als er die herannahenden Probleme des Friedensschlusses von Versailles skizziert und diesen in weiser Voraussicht mit dem Schlusswort der Sammlung einen lächerlichen Zwischenakt zwischen zwei Völkermassakern nennt.

Lesen Sie!

Der Leser entscheidet mit dem Kauf von Büchern über Wohl und Wehe des Erinnertwerdens eines Autors mit. Kein Nobelpreis und keine noch so hehren Absichten bewahren einen Menschen davor nur knapp siebzige Jahre nach dem Tod der Vergessenheit anheim zu fallen. Bereits diese kleine Auswahl aus den Tagebüchern Rollands von C.H.Beck zeigt wie viel Bewahrenswertes sich in dessen Werk findet und das nicht nur, weil die gegenwärtige Dramtik des Weltgeschehens dessen Aktualität wiederherstellt.

[Lohnend sicher auch der Briefwechsel Von Welt zu Welt zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig.]

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Louis Begley – Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe

Wenn es einen deutschsprachigen Schriftsteller gibt, für den es ausreichend Sekundärliteratur gibt, dann ist es Kafkas Franz. Zur Quasi-Primärquelle der Biographie von Max Brod gesellen sich die von Klaus Wagenbach, die gerade abschlossene dreibändige von Reiner Stach, an der sich inzwischen sicher alles messen lassen muss und viele weitere. Es gibt Kafka Handbücher (z.B. das zweibändige von Binder) und Interpretationshilfen für Schüler. Dazu kommen nicht zuletzt Essays von Adorno, Walter Benjamin, Camus und Canetti, Kundera, to name a few. In dieser illustren Reihe hob Louis Begley den Finger, denn auch er will was zu Franz schreiben.

cover.doDie Voraussetzung für die Notwendigkeit einer weiteren Studie sind hoch, denn wirklich neues wird, insbesondere solange der vollständige Nachlass Max Brods nicht gesichtet werden darf, für lange Zeit nicht zu erwarten sein. Begleys Text hat dazu noch das Pech im Jahr 2008 erschienen zu sein, also im selben, in dem auch der zweite Band der Stach-Biographie Die Jahre der Erkenntnis auf den Markt kam. In Ermangelung neuer Erkenntnisse hat sich Begley also dazu entschieden ein Buch zu schreiben, das bereits auf den ersten Seiten deutlich macht welche Intention der Autor verfolgt: dem riesigen Markt einen weiteren Titel des Mittelmaßes hinzuzufügen. Dazu ist das Ergebnis eines, das de facto keine Leserschaft finden dürfte. Für gänzliche Kafka-Novizen, die es aufgrund der Einheitsschulbildung im deutschsprachigen Raum kaum geben dürfte, vielleicht eine Spur zu viel, für Leser mit Vorbildung zwei Level zu niedrig. Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob das Buch gezielt für den amerikanischen Markt geschrieben wurde, das wiederum machte das Bedürfnis nach einer Übersetzung obsolet.

Aber selbst wenn Du, lieber Leser, ein solcher Fan bist, der einfach alles von oder über seinen Helden Kafka (Begley?) lesen möchte, muss ich Dir von Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe abraten, denn selbiges liest sich wie eine Quellensammlung, in der Begley nur die Überleitung zwischen den seitenlangen Zitaten geschrieben hat. Lesefluss ist so völlig ausgeschlossen und stattdessen regt sich leiser Groll auf den “Biographen”, ob seiner copy-paste-Methode und vor lauter eingerückten Stellen.

Willst Du einen Überblick über Kafka, lies doch einfach den ausführlichen Wikipedia-Artikel, möchtest Du tief einsteigen, wage Dich an Stach (der mir stellenweise zu schwülstig ist, aber vor dessen Mammutwerk man den Kopf neigen muss) oder wie wäre es damit: lies doch mal wieder Kafka!

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Alma Mahler-Werfel von Susanne Rode-Breymann

Das Interesse an Alma Mahler-Werfel ist ungebrochen und ihre vielfältige, fraglos schillernde Persönlichkeit noch nicht bis ins Letzte ausgeleuchtet. An der Ergründung ihres Lebens versucht sich nun auch Susanne Rode-Breymann, die Leiterin des Forschungszentrums für Musik und Gender.

9783406669620_largeBereits in der Einleitung gibt die Autorin zu bedenken, dass das vorherschende Bild von Alma Mahler-Werfel von deren eigener Selbstdarstellung gesprägt ist und bisherige Biographik arg an diesem orientiert. (Dabei verkennt sie aber bereits die kritische Distanz, die beispielsweise Oliver Hilmes in seinem Buch zu den Notaten Almas einnimmt.) Sie stützt sich vornehmlich auf “neue Forschungsergebnisse” und die Auswertung der Briefwechsel Alma mit Alban und Helene Berg, sowie den mit Arnold Schönberg. Im Vordergrund soll nun erstmalig auch das eigene künstlerische, besonders musikalische, Potenzial und Schaffen der als Alma Schindler geborenen Frau stehen und dies könnte tatsächlich einen neuen Blick auf deren Leben bieten.

Zweifellos war Alma Mahler-Werfel eine vielfältig begabte junge Frau. Ihre frühe eigene musikalisch-schöpferische Arbeit, die alsbald von ihrem ersten Mann Gustav Mahler unterdrückt wurde, oder auch das große Interesse für Literatur, Theater und Oper weit über den Zweck der Unterhaltung hinaus. Dies alles behandelt und analysiert Rode-Breymann eingehend und fundiert. Die Listen der Lektüre Almas und ihrer Opernbesuche regen dann aber gleich dreimal auf den ersten hundert Seiten zum Überblättern an, hätten dagegen gut in einen Appendix gepasst, der leider auch eine Übersicht zu Almas eigenen Arbeiten vermissen lässt. Die Auseinandersetzung mit dem frühen Schaffen der Muse gelingt gut und zeigt deutlich welches Potenzial Gustav Mahler erstickte. Warum dann aber z.B. die Frage, ob Alma hysterische Anfälle hatte, mit einem kratzbürstigem Furor und nicht sachlich abgehandelt wird, muss Geheimnis der Autorin bleiben.

Eine kreative Ekstase bei Frauen? Nein. Bei ihnen gibt es, so sind immer noch viele (Männer) überzeugt, nur das hysterisch Übersteigerte. Das Bild der wahnhaften, hysterischen Frau, deren in solcher Verfassung komponierte Lieder nicht der Rede wert sind, ganz im Gegensatz zu dem Bild des genialen Romantikers, dessen Lieder uns höchsten Respekt abnötigen …

Solche Ausbrüche, und sie kommen mehrmals vor, deuten in meinen Augen auf mangelnden wissenschaftlichen Ernst und fehlendes gutes Benehmen den Kollegen gegenüber hin, die Botschaft dieser Zeilen sind sicherlich auch sachlich vorzubringen. Schon früh entsteht dazu eine Unwucht in der Biographie: Neben ausufernden Kollegenschelten, die eine Fehlgeburt für die schlechte Stimmung Almas während eines New York Aufenthalts übersehen haben (was als Hinweis richtig ist), wird diese selbst gleichsam in einem Nebensatz abgetan. Der Tod der Tochter wird auf einer halben Seite durchgehechelt die diversen Ausstattungen und Bühnenbilder von Opern im Anschluss dagegen auf zwei. Zuweilen scheint es als tauchten Kinder auf, deren Erscheinen doch zumindest eine Zeugung und 9-monatige Schwangerschaft vorausgehen müsste. Die tatsächlich, vor allem von Seiten Kokoschkas, wahnhafte Liebe mit dem jungen Maler, insbesondere dessen daraus resultierendes Werk ist zu knapp behandelt. Die “Windbraut” wird genannt, der Bezug zu Alma dagegen nicht wirklich klar. Die besonders enge Beziehung zur Familie Berg wird ausufernd beschrieben, die Geste Bergs sein Violinkonzert “Dem Andenken eines Engels”, nämlich der verstorbenen Tochter Almas Manon Gropius zu widmen, taucht nur am Rande und viel später auf. Der Verkauf von Handschriften Bruckners wird angesprochen, hier gab es sogar Verhandlungen mit höchsten Vertreten des Dritten Reichs, dass Bruckner aber Mahlers Lehrer war, wird nie erwähnt, ein Bezug fehlt so völlig. Der starke Antisemitismus Almas trotz des Judentums von Mahler und Werfel wird ebenfalls eher verschwiegen als ernsthaft besprochen, die dramatische Flucht in die USA über die Pyrenäen zusammen mit Heinrich und Golo Mann, mit Franz Werfel in desolatem Gesundheitszustand und einer stets betrunkenen Nelly Mann, die wohl nur aufgrund der Tapferkeit und des Willen Almas gelingen konnte, eine Randnotiz.

Sollte also tatsächlich nur das eigene Werk Alma Mahler-Werfels erörtert werden, hätte aus musikalischer Sicht bei Beginn der ersten Ehe das Buch beendet sein müssen. Die eigene schriftstellerische Arbeit folgte erst sehr viel später, auf diese eigene, nicht nur verwalterische, Arbeit wird aber nur sehr knapp eingegangen. Die Schwerpunktsetzung der gesamten Biographie ist misslungen.

Damit scheitert auch das Vorhaben Rode-Breymanns Alma aus der Ecke der zwar als Femme fatale bekannten Inspiration großer Künstler herauszurücken. Sie selbst untertitelt ihre Buch ja dann doch wieder mit Muse – Gattin – Witwe und stellt so den singulären Bezug auf die großen Männer her. Die mangelnde Schwerpunktsetzung wird auch in der Chronologie deutlich: auf Seite 180 von 300 ist Mahler immer noch nicht tot, Alma gerade erstmal Anfang dreizig, auf den letzten 50 Seiten hat Alma noch Jahrzehnte zu leben. Der Leser hängt in der Luft, was wollte Rode-Breymann? Eine Studie über die junge Alma und ihre Leistungen? Das Leben Almas bis zu ihrer Ehe mit Franz Werfel? Denn danach rauscht das gesamte Buch wie ein Sturzbach in sein kurzes Ende.

Eine weitere solide Biographie ist nicht zwingend unbrauchbar, aber Neues kann die Autorin dem Alma Bild nur bedingt hinzufügen. Die Bearbeitung von Rode-Breymann ist außerdem für Einsteiger ohne Vorwissen nicht geeignet. Hier eignet sich die Biographie Witwe im Wahn von Oliver Hilmes besser, die ein umfassendes Bild von Personen und Zeit liefert.

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Alle tot!

Mich umweht ein Hauch des Morbiden. In Paris spaziere ich lieber über Friedhöfe, statt das Nachtleben der Stadt zu erkunden, Wien die Hauptstadt der Todessehnsucht ist natürlich meine Lieblingsstadt. Nicht, dass mich eben solche Sehnsucht plagen würde, ich habe es mir hier sehr gut eingerichtet und plane noch einige Jahrzehnte meinem noch jungen Leben folgen zu lassen, bin aber irgendwie in diese Geschichte reingeschlittert, sind doch die meisten meiner Autoren tot. Bei Heine und Böll, Kästner und Zweig kann man schlecht auf eine Lesung gehen, will mal jemandem also eine Ehre erweisen, so gibt es nichts näheres als einen Besuch am Grab.

Sterben die Großen, ruft man ihnen nach. Der Nekrolog ist eine eigene Gattung des Journalismus. Die Frage, ob die großen Zeitschriften den passenden Nachruf für möglicherweise bald Versterbende, bereits in der Schublade haben, füllte sogar schon Romane (z.B. Picknick auf dem Eis von Andrej Kurkow). Nun haben Georg Thiel und Florian Baranyi für jedes Jahr des 20. Jahrhunderts einer verstorbenen Persönlichkeit einen Nachruf geschrieben und ein Geschichts- und Erinnerungsbuch daraus gemacht: Alle tot – Das 20. Jahrhundert in 101 Nachrufen.

Beginnend mit Oscar Wilde 1900 bis Lolo Ferrari 2000 führen die beiden Autoren unterhaltsam und lehrreich durch das Säkulum. Man trifft alte Bekannte und lernt neue Autoren, Künstler und Politiker kennen. Besonders erfreulich hierbei, dass zum Teil die nicht naheliegenden Todeskandidaten des Jahres vorgestellt werden.

In seiner Agonie verlangte er Papier und Stift und bat um 100 Mikrogramm LSD, intramuskulär verabreicht. Laura kommt dem nach. Als sie ins Nebenzimmer geht, um die Ampulle zu holen, erfährt sie, dass John F. Kennedy gerade erschossen wurde. Einige Stunden später schläft Huxley friedlich ein.

IMAG3806Nicht eben den offensichtlichen Kennedy, sondern Aldous Huxley zu nehmen, beschehrt dem Leser dazu auch noch die Bekanntschaft mit Moritz Schlick (1936) oder Antonio Gramsci (1937). Klar ’45 ist Hitler gestorben, aber eben auch Anton von Webern, Hitler kennen alle, von Webern doch sicher wenigere. Trotzdem muss man nicht auf die Stars des Todeskults verzichten: Jim Morrison (1971), Elvis (1977), Eva Perón (1952) oder Falco (1998).

Thiel und Baranyi erzählen so auf eine völlig andere Art die Geschichte der europäischen Kultur in hundert wundersamen Jahren durch hundert und ein wundersames Leben. Ein grandioses Lesevergnügen, das nur durch das eklig glatte Papier geschmälert wird. Gänzlich fehl am Platz dagegen die Illustrationen von Stefan Kahlhammer, die vielmehr das Niveau eines einfachsten Kinderlexikons haben und für das Buch keinen Mehrwert darstellen. Wenn man sich den Lesegenuss hierdurch nicht verderben lässt, wird man mit Alle tot bestens unterhalten!

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Das Vermächtnis des MRR

Ich beginne vorne zu lesen und arbeite mich nach hinten durch, erst spät und selten beginne ich zu springen, einzelne Kapitel lasse ich zwar aus und andere lese ich nur an, aber dieses Buch vermag tatsächlich zu fesseln. Nichts anderes würde man von einem Roman erwarten, aber von einer Geschichte der deutschen Literatur? Natürlich gibt es das, wenn Marcel Reich-Ranicki auf dem Buchdeckel steht.

Ein Jahr nach dem Tod des deutschen Großkritikers erscheint bei der DVA die bisher umfangreichste Auswahl aus den Essays des Kritikers, in chronologische Reihenfolge der deutschen Literaturgeschichte gebracht.

4178Xl0epTLAnders als rein wissenschaftliche Werk bildet diese Anthologie nicht nur eine Fundgrube an fundierten Empfehlungen, sondern gleicht einer Liebeserklärung an die deutsche Literatur. Der Grund hierfür, natürlich das Temperament des Autors, seine Passion für gute und die Frustration über schlechte Bücher. Der Herausgeber Thomas Anz fasst die Gründe für Reich-Ranickis Deutlichkeit und Leidenschaft zusammen: “Noch seiner heftigsten Kritik ist die Enttäuschung eines Liebhabers eingeschrieben, der nicht gefunden hat, was er leidenschaftlich suchte: eine Literatur, die derart intelligent, fesselnd und schön ist, dass man sie ein Leben lang lieben kann. Seine Literaturgeschichte ist eine Liebesgeschichte, gekennzeichnet von oft sehr persönlichen, höchst eigenwilligen Vorlieben, Abneigungen und Ambivalenzen.”

Gerade dieser subjektive Einschlag macht meiner Meinung nach auch die Wirkmacht eines Kritikers aus. Mag man Ranickis Verve, mit der er lobt und verreißt, teilweise für überzogen gehalten haben,  sie macht seine Meinung doch umso glaubhafter. Ich kann diesen Mann und seine Empfehlungen ernstnehmen, denn er steht mit seinem Namen für Titel und Autoren ein. Er bürgt für das Buch und hat auch noch die Größe Fehlurteile zuzugeben und zu korrigieren. So zum Beispiel hat er seine deutliche Kritik an der Grassschen Blechtrommel“Die Blechtrommel ist kein guter Roman” – ebenso gedruckt wie seine darauf später erfolgte Selbstkritik.

Ganz bewusst reklamiert Reich-Ranicki bzw. der Herausgeber Thomas Anz keine Allgemeingültigkeit dieser Literaturgeschichte. Das Meine im Titel will unterstrichen gewusst sein. Weil es sich um kein durchkomponiertes, sondern ein zusammengestelltes, ein gesammeltes Werk von Einzelbeiträgen handelt, bestehen aber auch Lücken, wie der Herausgeber auch einräumt. So sind gerade im 18. und 19. Jahrhundert beispielsweise Georg Büchner und E.T.A. Hoffmann nur kurze Texte gewidmet, auch der Schillertext bringt es nur auf knappe drei Seiten. Hier fehlten, trotz der Verehrung Reich-Ranickis für diese Autoren, entsprechend allgemein gehaltene Artikel, die in eine solche Zusammenstellung passen würden. Dagegen sind zur Literarischen Moderne bis 1945 und der Nachkriegsliteratur bis zur Gegenwart 350 Seiten voller alter Bekannter enthalten. Reich-Ranicki hat Essays zu allen großen Autoren des klassischen Kanons geschrieben: Zu Frisch, Böll, Dürrenmatt und Brecht, Hesse und Kafka gesellen sich zu Tucholsky, Bernhard, Walser und Grass.

So liest man Essay um Essay, die teilweise knappen Texte lesen sich in ihrer Kürze schnell und dank Ranickis Leichtigkeit und Begeisterung auch mal zwischendurch ohne bloß oberflächliche Appetizer zu sein. Auch hierfür hat der Herausgeber in seiner guten Einführung eine Erklärung: “Reich-Ranicki ist es wie keinem anderen Kritiker und Literaturwissenschaftler gelungen, im Umgang mit Literatur die Kluft zwischen populärer Unterhaltung und historisch fundierter Intellektualität zu schließen.” Entsprechend kurzweilig und doch bildend liest sich dieses wunderbare Geschenk an die deutsche Literatur. Man stelle sie sich ins Regal, um sie immer wieder zur Hand zu nehmen, Neues zu entdecken und alte Lieben wiederzufinden.

Dieser Marcel Reich-Ranicki fehlt dem deutschen Literaturbetrieb, bestimmt fehlt er auch Grass und Walser ein bisschen; warum, zeigt dieses Buch deutlich auf.

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Arbeit und Struktur

wolfgang herrndorf sand tschick arbeit und struktur 54books

tschick von Wolfgang Herrndorf hat 2010 ein mittelschweres Beben in der deutschen Literatur ausgelöst. Ein Autor, der bisher nur wenigen ein Begriff war, landet mit einem Jugendbuch einen Bestseller, der allein in Deutschland über 750.000 Mal verkauft und inzwischen in 16 Sprachen übersetzt und für das Theater adaptiert wurde. Jeder sprach mit glänzenden Augen von diesem herrlich komischen Buch mit den nachdenklichen, kritischen Untertönen, den Seitenhieben auf die Erwachsenenwelt. Niemand kam damals an tschick vorbei, auch ich fand es gut, wenn auch nicht so großartig wie die meisten anderen. Die Sprache Herrndorfs gefiel mir, mehr noch seine genauen Beobachtungen, die Beschreibungen einfachster Alltagssituationen, die sonst untergehenden Details und doch blieb das Ganze für mich doch in erster Linie ein gut gemachtes Jugendbuch, keine große Literatur. Herrndorf gab keine Interviews, er las nicht öffentlich und trat auch nicht auf. Seit bei ihm 2010 ein Glioblastom, ein unheilbarer Hirntumor, festgestellt worden war, verwandte er all seine verbleibende Zeit auf das Schreiben.

Nur ein Jahr nach tschick erschien Sand. Der vorher langsam veröffentlichende, weil akribisch und sehr selbstkritisch über Jahre an den Entwürfen arbeitende Autor schloss nach dem Jugendroman auch den Wüstenroman zügig ab. Sand wurde, wie von allen erwartet, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und erneut ein Bestseller. Herrndorf schrieb weiter, nun an einem SciFi Projekt, denn die Arbeit sollte seinem Leben, seiner restlichen Zeit, die Struktur geben, die nötig wäre nicht den Mut zu verlieren. Drei Jahre nach der Diagnose, am 26. August 2013, nahm sich Wolfgang Herrndorf das Leben. Er hatte bis dahin viel mehr geschaffen als er sich zugetraut und mehr gelebt als er gehofft hatte.

Herrndorf schrieb neben seinen Büchern an einem Blog mit dem Titel Arbeit und Struktur. In diesem dokumentierte er sein Leben mit dem Tumor. Hellsichtig und klar, offen und ehrlich, schrieb Herrndorf über seine Ängste und Hoffnungen, über den Alltag im Angesicht des Todes und informierte über neue Diagnosen. Im Zuge des Erfolgs von tschick fand der Blog, erst nur als Informationsmedium für seine Freunde gedacht, immer mehr Leser und erschienen, wie von ihm gewünscht, Ende desselben Jahres als Buch.

Arbeit und Struktur beginnt im März 2010 einen Tag nachdem sich der Autor selbst in die Psychiatrie eingeliefert hat, verkleidet als Pinguin. Am Anfang weiß ich nicht was ich Herrndorf glauben soll, schreibt er ironisch oder wirr, delirt er oder ist er klar. Die ersten Kapitel sind voller Details zur Medikation, zum Teil nur kurze Notate, kleine Beobachtungsschnipsel zu den anderen Insassen der Psychiatrie, aus denen aber bereits die Meisterschaft Herrndorfs leuchtet. Die kleinen Textfragmente und Notate zeichnen langsam eine Szenerie um die Hauptperson, man scheint auf einmal alles und alle zu kennen. Als wäre es nicht darauf angelegt, versorgt Herrndorf den Leser mit den Informationen, die er braucht um seine Geschichte zu verstehen. Stimmung, Person, Emotion – dafür braucht er nur zwei Sätze, zehn Wörter.

Einer geht immer auf und ab. Das ist der Traurigste.

Nach den ersten acht Kapiteln sind zehn Rückblenden eingeschoben, auf die Zeit vor dem Blog, die Diagnose der Krankheit. Die nicht vergehenden Kopfschmerzen und erste neurologischer Ausfälle, die Nacht des Zusammenbruchs, auf welche die Entdeckung des Tumors folgt, all das schildert Herrndorf ganz nüchtern und doch spürt man erste Beklommenheit. Den Sog des Textes kann man nicht an einzelnen Stellen festmachen; eine wahre Geschichte in diesem Ton und dieser Offenheit erzählt zu bekommen, bewegt zwangsläufig. An keiner (!) Stelle wird der Diarist kitschig, nicht einmal Vogelzwitschern kann seiner Prosa etwas anhaben. Seine Verzweiflung ist nicht rührselig oder weinerlich, sie gehört bei einem Bericht dieses Gewichts dazu, das Aussparen würde die Authentizität beeinträchtigen und doch ergreift es den Leser viel tiefer als nur durch Rühren im Emotionentopf. Arbeit und Struktur ist kein Krebsroman. Der Leser sollte durch den Blog informiert, nicht Mitleid geheischt werden. Gerade diese Sachlichkeit, immer dieser Blick des scheinbar Außenstehenden ist ein Geheimnis der Kraft der Prosa.

Wie ehrlich und detailliert Herrndorf seine depressiven und wahnhaften Phasen beschreibt, als hätte ein anderer als er selbst diese erlebt, gnadenlose Analysen, die immer eindringlicher werden, wenn man die gespielte Distanz aufbricht indem man sich erneut vor Augen führt, das Herrndorf über sich schreibt. Der Schmerz, den er durch literarischen Abstand zu verbergen sucht und doch offen zugibt.

Immer die gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder.

Pointierter kann man die Lust zu Leben in einem Satz nicht darstellen. Ein sensibleres Thema als den eigenen Tod ist wohl kaum denkbar und trotzdem bleibt Herrndorf im Angesicht des bevorstehenden Endes ohne Wehleidigkeit. Ein Buch über die Schönheit des Lebens und die Angst vor dem Tod, eine herausragende Leistung!

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