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Kategorie: (Auto-)Biographisches

Rückblick auf #54readsMA // Potpourri zu Maya Angelou “Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt”

Im Januar haben wir im Rahmen unseres Lesekreises 54reads Maya Angelous „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ gelesen. Der Lesekreis hat seinen eigenen Twitter Account @54reads und der jeweilige Hashtag wird immer aus #54reads zusammen mit den Initialen der aktuellen Autor*in gebildet. Unter #54readsMA kam eine Reihe von interessanten Hinweisen, Diskussionen und Gedanken zusammen, die ich hier mit meiner Rezension für den DLF verschränke.

Maya Angelou wurde als Margerite Annie Johnson 1928 in St. Louis geboren. Nach dem Scheitern ihrer wilden Ehe schickten die Eltern sie im Alter von drei Jahren zusammen mit ihrem nur ein Jahr älteren Bruder Bailey nach Stamps in Arkansas zur Großmutter. Mit dieser Reise beginnt „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“, der erste Teil der Autobiographie von Maya Angelou.

Stamps selbst ist eine “muffige, alte Stadt“ in den Südstaaten. Dort ist die Großmutter „Momma“ als Eigentümerin eines Gemischtwarenladens glimpflich durch die Weltwirtschaftskrise gekommen. Maya und Bailey wachsen daher, zumindest finanziell, relativ behütet auf. Ganz anders geht es da den schwarzen Handlangern und Hausmädchen, vor allem aber den Baumwollpflückern, die sich während der Saison schon frühmorgens bei Momma versorgen. Maya sieht sie fröhlich zur Arbeit auf dem Feld aufbrechen und abends geschunden heimkehren. Schon das Kind realisiert, dass die Arbeiter so wenig verdienen, gleich wieviel sie pflücken, dass es doch nie reichen wird, um auch nur die Schulden bei Momma zu tilgen. Auch Maya leidet, trotz finanzieller Sorglosigkeit, unter der Diskriminierung.

Die Rassentrennung ist im Stamps der 1930er und 40er Jahre so absolut, dass die meisten schwarzen Kinder eigentlich nicht einmal wissen, wie Weiße aussehen. Angelous Rückschau wird dabei nicht aus der völligen Distanz der Erwachsenen erzählt, sondern bedient sich durchaus Gestaltungen von kindlichen Schilderungen ohne sprachlich aufgesetzt zu sein.

Das Mädchen hat früh gelernt, dass Weiße anders sind, dass man sie fürchten muss. Selbst in ihrer Abwesenheit ist es besser, nur Andeutungen zu verwenden und von “denen da” zu sprechen. Menschen im Wortsinn sind für Maya nur ihre Nachbarn, ihre Freunde, andere Schwarze. Rassentrennung grenzt nicht nur die Schwarzen aus dem Leben der Weißen aus, sondern ebenso umgekehrt.

Als besonders hart und verstörend beschreibt Angelou dann das Aufeinanderprallen dieser Wirklichkeiten, wenn Mitglieder der weißen Unterschicht auf die geliebte, nicht immer einfache, Großmutter treffen. Selbst zerlumpte Kinder können eine erfolgreiche Geschäftsfrau durch das bloße Ausspielen der gesellschaftlichen Gegebenheiten vor der Enkelin demütigen. Hilflos beobachtet Maya eine solche Szene. Ihr bleibt unverständlich, wie die von ihr verehrte Großmutter die Demütigung stoisch entgegennehmen und sogar noch höflich gegenüber ihren kindlichen Peinigern bleiben kann.

„Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ hat viele solcher Schlüsselszenen, etwa das Einfallen der Eltern in Stamps und der Umzug zurück zur Mutter nach St. Louis. Besonders traumatisch wirkt dort nicht das Neuerleben von Rassentrennung, nun in der Stadt, statt auf dem Land, sondern der sexuelle Missbrauch durch den Lebensgefährten der Mutter.

Das Verbrechen selbst nimmt nur wenige Sätze ein. Doch diese legen sich bleiern über die gesamte Erzählung. Die achtjährige Maya ist paralysiert.


Aus Angst um ihren Bruder, den der Vergewaltiger umzubringen droht, sollte sie etwas erzählen, schweigt sie zuerst. Doch nachdem ihr Bailey den Namen des Täters entlockt, kommt es zum Prozess. Maya Angelou schildert ihre eigenen Demütigungen dabei so sachlich, dass sie schwer zu ertragen sind. Als einige Familienmitgliedern für Maya Rache nehmen, empfindet man beim Lesen beschämenderweise fast Erleichterung. Die Achtjährige verstummt ob dieses Traumas. Aus dem selbstgewählten Schweigen taucht Maya erst wieder auf, als eine Bekannte ihrer Großmutter sie mit Literatur in Verbindung bringt. Mit Dickens, Thackeray und vor allem Shakespeare findet Maya ihre Sprache wieder.

Neben kleinen Akten der Rebellion prägt vor allem die kindliche Hilflosigkeit angesichts der Rassentrennung das Heranwachsen von Maya.
Edward Donleavy, ein Bürokrat, der auf der Abschlussfeier von Mayas Schule eine Lobrede auf die Verbesserungen in der Ausbildung hält, führt allen Anwesenden vor, dass hierdurch eigentlich nur das Vorankommen der sowieso privilegierten Weißen vereinfacht wurde. Jedem Absolventen weist Donleavy seinen Platz in der Gesellschaft zu: Während weiße Jugendliche die Chance haben, Galileos und Madame Curies zu werden, dürfen die schwarzen Jungen lediglich versuchen, Jesse Owens oder Joe Louis zu werden, die Mädchen sind ganz aus dem Spiel. Alle Versammelten erstarren und sind beschämt. Die Freude über den ersehnten Festtag ist vergällt. Und auch Maya ist zunächst entsetzt.

Erst jener Musterschüler, der die Abschlussrede unter dem Motto “Sein oder Nicht sein” halten soll, durchbricht die Fassungslosigkeit des Publikums. Außerplanmäßig stimmt er die “afroamerikanische Nationalhymne” “Lift Ev’ry Voice and Sing” an und gibt allen Anwesenden die in Minuten zerstörte Identität zurück. An dieser wie an vielen andern Stellen feiert Angelou die Kraft von Worten, Musik und Literatur.


“Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ endet, bevor die abenteuerliche berufliche Laufbahn der Autorin beginnt und eine Biographie wie keine zweite geprägt wird. Mit dem Buch setzt sie Mitgliedern ihrer Familie ein literarisches Denkmal und schreibt wie beiläufig eines der größten Memoirs über die Rassentrennung und über die Selbstbehauptung einer jungen, schwarzen Frau. Dabei sollte, abgesehen von den literarischen Qualitäten, die Selbstverständlichkeit, mit der Rassismus bis heute in unserer Gesellschaft verankert ist, Angelous Werk zur Pflichtlektüre in Schulen werden lassen. “Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ ist ein literarisches Mahnmal – leider immer noch. Richtig und wichtig daher, dass der Suhrkamp Verlag dieses grandiose Buch in der Übersetzung von Harry Oberländer neu aufgelegt hat. Die nicht alle zeitgemäß und gelungen finden und daher vielfacher Aufhänger für Diskussionen war.

Rezensionen anderswo:
https://zeichenundzeiten.com/2019/01/31/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/
https://buch-haltung.com/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/
https://buechnerwald.wordpress.com/2019/01/08/ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/
https://www.54books.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

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David Foenkinos – Lennon

David Foenkinos hat ein paar von vielen viel, von mir bisher wenig beachtete Bücher geschrieben. Seine Bücher erscheinen in 40 Sprachen, sagt mir Wikipedia, und er selbst im Interview ist auch der Meinung, dass sein neustes Werk Lennon gelungen sei, schließlich verkaufe es sich ja gut. Bestechende Logik, trotzdem schlechtes Buch.

Schlecht ist dabei natürlich ein hartes Wort, es sind immerhin keine Schreibfehler drin, es hat einen Anfang und einen Schluss, es passiert etwas in der Mitte und es ist wohl inhaltlich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, aber irgendwie will man häufig ja doch ein bisschen mehr.

Der Inhalt ist schnell umrissen. In Lennon liegt ein fiktiver John Lennon in achtzehn Sitzungen auf der Couch eines Therapeuten und erzählt in Ich-Form ununterbrochen sein gesamtes Leben; ununterbrochen, da der Therapeut oder die Therapeutin kein Wort sagt. Unterbrechend sind nur kurz die Enden der fiktiven Sitzungen und am Ende Lennons Tod.

Lennon von David Foenkinos

Der Aufhänger ist dabei natürlich schon ein bisschen billig. Wo erzählt man sein Leben, wenn nicht beim Therapeuten, wird sich Bestseller-David gedacht haben. Das naheliegende Setting würde man gern verzeihen, wenn daraus irgendetwas gemacht würde. Die größtenteils vater- und mutterlose Kindheit, das Leben bei der Tante, der frühe Unfalltod der Mutter, lebenslanger Ruhm, Beatlemania etc pp all dies hätte sagenhaften Stoff gegeben, die Erzählung tiefer gehen zu lassen. Foenkinos lässt Lennon aber einfach nur erzählen und sich zwischendurch kurz selbst analysieren, was aber auch nicht über “das ist für Sie bestimmt ein interessantes Detail” hinausgeht. Kreativität sieht dann doch anders aus.

Lennon als Figur ist dabei je nach dem eine denkbar dankbare oder undankbare Person, die man als den Mittelpunkt eines solchen Buchs wählen kann. Ein umfangreiches Werk, eine gut bekannte, aber schwere Kindheit, wilde Jahre in Hamburg, absurde Jahre mit der größten Band der Welt und eine absurde Liebe zu einer absurden Frau, die heute Hamburger Kneipen abmahnt. David Foenkinos verarbeitet dabei, soweit ich das überblicken kann, alles fein säuberlich was bekannt und belegbar ist. Was anderen Autoren dieses Genres – die unbekannten Lücken mit Leben füllen, mit der Geschichte spielen, sie weiterentwickeln, Erklärungen finden – versucht David Foenkinos dagegen gar nicht erst.

Die große Frage bleibt daher während der ganzen Lektüre: Warum sollte ich das lesen? Mir fällt leider kein guter Grund ein. Lennon ist so unterhaltsam und inspirierend wie der Wikipedia Artikel Johns, nur das letzterer mehr Bilder hat. Will man sich Hintergrundinfos zum Chefbeatle reinziehen, eignen sich Bücher wie die Lennon Biographie von Philip Norman eher. In meinem Fantum habe ich sogar die Biographie seiner ersten Frau Cynthia gelesen und die würde ich mir eher ein zweites mal zu Gemüte führen als noch einmal den Lennon von David Foenkinos.

“Ich bin ein riesiger Fan seiner Songs”, sagt der Autor, “sie sind perfekt, einfach und stark zugleich, sie gehen leicht ins Ohr und sind doch ungemein komplex.” Das alles kann man über dieses Buch nicht sagen.

Beitragsbild: Von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2301 – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079241

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Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

edna o'brien die kleinen roten stühleNach Cloonoila – ein kleines, irisches Nest – kommt ein Fremder und sucht nach einer Herberge. Er ist gutaussehend und geheimnisvoll. Im Dorf ist man Neuankömmlingen gegenüber skeptisch, was durch dessen schillernden Berufsbeschreibungen Dichter, Heiler, Sexualtherapeut noch verstärkt wird, der Gipfel sein Wunsch sich dort niederzulassen. Die Kirche schaltet sich ein, doch Dr. Vlad wickelt nicht nur deren Vertreter ein, sondern weiß bereits bei den ersten Patientinnen mit Erfolgen zu überzeugen oder sich geschickt bei der Polizei Nachfragen zu entziehen. Aus vielerlei Perspektive erfährt man wie das Dorf sich von dem geheimnisvollen Doktor – mit Lyrik, mit Wanderungen und Heilungen – einlullen lässt.

Als Hauptfigur kristallisiert sich im Laufe des Romans die kinderlose, mit einem älteren Mann verheiratete Fidelma heraus. Sie verliebt sich in den Fremden, wünscht sich von ihm ein Kind und empfängt dieses auch. Doch die Vergangenheit des Doktors holt das gesamte Dorf ein als er eines Tages festgenommen und offenbar wird, was er tatsächlich ist, ein Kriegsverbrecher des Bosienkriegs auf der Flucht. Cloonoila ist in heller Aufruhr und Fidelma wird von Agenten heimgesucht, die an ihr die Rache verüben, die für den Doktor vorgesehen war.

Edna O’Brien, Jahrgang 1930, hat mit Die kleinen roten Stühle, dieses Jahr im Steidl Verlag erschienen, wahrlich eine faszinierend, bedrückende Geschichte der neueren europäischen Geschichte verarbeitet. Dr. Vladimir Dragan ist dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nachempfunden, der erst im letzten Jahr von dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Teilnahme am Massaker von Srebrenica zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde.

Grigori Rasputin (um 1914/16)
Grigori Rasputin (um 1914/16)

Dass Kritiker und Kollegen sich nun vor Begeisterung überschlagen, liegt an der unfassbaren Wucht, mit der Edna O’Brien die Gräuel von Massakern, Belagerungen und Hass schildert, ohne diese wirklich zu schildern. Ein Meisterwerk – sagt Philip Roth auf dem Buchrücken zurecht – weil hier nicht plump sämtliche Widerlichkeiten, zu denen – auch die moderne, europäische – Menschheit – auch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert – fähig war, geschildert werden, sondern auf irische Idylle, persönliche Schicksale, die bisher keine anderen Sorgen als Kinderlosigkeit oder das Schließen der eigenen Boutique hatten, gepfropft werden. Meisterwerk, weil auf diesem Hintergrund in Nebentönen, in Stimmungen das unfassbare Leid gezeichnet werden und dazu diese schier unglaubliche Geschichte des Doktors, einer Geschichte des Leugnes, von Arroganz und Mitleidlosigkeit. O’Briens Doktor ist ein Rasputin und Wunderheiler, ein Seher. Sie schafft eine Figur, die ihre Abgründe in scheinbarer Menschenfreundlichkeit verbirgt und im Hintergrund hört man die Schreie der Geschundenen und Toten. Die Gewalt ist über 300 Seiten greifbar, nimmt den Leser brutal gefangen und wird aber nie voyeuristisch geschildert. Die kleinen roten Stühle tatsächlich ein Meisterwerk!

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“Der Schatten des Unsichtbaren” von Torsten Seifert für Blogbuster

Im letzten Jahr startete erstmalig der Blogbuster Preis, bei dem sich Autoren ohne Verlagsvertrag bei drei der teilnehmenden Blogger bewerben konnten, auf dass diese deren Exposé und Manuskript auf Tauglichkeit prüfen durften. Nach Phase 1 schicke ich Torsten Seifert mit Der Schatten des Unsichtbaren ins Rennen um einen der drei Shortlist Plätze, natürlich in der Hoffnung, dass mein Autor auch den Preis gewinnt. Darüber entscheidet nun eine Fachjury, u.a. mit Elisabeth Ruge und Denis Scheck. Der Preisträger Titel erscheint bei Klett-Cotta. Erste Details zum Inhalt des Romans.

Der Roman

Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein, auch als es darum ging einem talentierten Boxer die Nase zu brechen. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentlich Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Er soll in den mexikanischen Dschungel zu den Dreharbeiten von John Huston an The Treasure of the Sierra Madre reisen. Dort dreht auch Humphrey Bogart das erste Mal außerhalb der USA, doch das Interview mit dem schwierigen Bogart soll nur ein Vorwand sein, um Leon mit gutem Grund ans Set schicken zu können. Sein eigentliches Ziel ist den Urheber des zu verfilmenden Buchs zu finden: B. Traven.

Traven wurde bereits während der Weimarer Republik weltberühmt. Seine Werke, so schätzt man heute, erreichten eine Gesamtauflage von über 30 Millionen und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Seine Romane sind fast alle „proletarische Abenteuerromane“ (Volker Weidermann), die in Mexiko spielen und von der Gesinnung des Autors – irgendwo zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anarchie – bestimmt werden; der einfache Arbeiter, die Revolution, das Hoffen auf und Eintreten für eine bessere Welt. Wer dieser Traven ist, weiß aber 1947 niemand so richtig. Borensteins Chef übergibt ihm vor dem Aufbruch nur eine Liste mit absurden Theorien und einen vagen Plan. Leon soll sich an den angeblichen Assistenten Hal Croves hängen, um so eventuell an den Chef zu gelangen. Doch in Mexiko sind inzwischen viele weitere Reporter auf den Spuren von Traven, ein Kopfgeld wird auf die Enttarnung ausgelobt und zuletzt beginnt die enigmatische Maria Leon den Kopf zu verdrehen. Als die Dreharbeiten sich zum Ende neigen, hat Leon immer noch keinen Zugang zu Hal Croves gefunden und als dieser verschwindet, steht Leon fast mit leeren Händen da.

Aus dem Reporter, der nur auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem neusten Klatsch, ist zwischenzeitlich ein begeisterter Leser, ein Fan von Travens Büchern und ein unermüdlicher Sucher nach dem Phantom geworden.

Das Phantom

Traven bleibt bis heute in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, das sogar der berühmte Hitler Tagebücher-Reporter Gerd Heidemann zu lösen versuchte. Er traf Ende der 60er sogar die Person, von der man heute annimmt Traven gewesen zu sein, in ihrer Wohnung, der “sichere Beweis” für Heidemann den Richtigen gefunden zu haben, war damals allerdings nur das Schweigen auf die Begrüßung. Was Volker Weidermann eines der schönsten, abenteuerlichsten, wunderlichsten Rätsel in der Geschichte der Weltliteratur nennt, könnte man auch als Vorstufe weiterer moderner Autoren-Phantome – Salinger, Pynchon, Süskind – lesen. Seifert lässt Leon Borenstein auf eine Suche gehen, die von einer guten Geschichte um den Autor und die guten Geschichten seiner Romane befeuert wird. Ihm gelingt es die spannende Geschichte Travens in eine plausible Rahmenhandlung mit sympathischem Protagonisten zu fügen. Dass sich die momentan allseits beliebte Montage von realen Biographien mit fiktionalen Element bei Traven besonders anbietet, erlaubt ihm dabei nicht nur besonders frei zu arbeiten, sondern dem Roman auch etwas Rätselhaftes zu geben, das vielen Büchern dieses Genres fehlt. Für ein Buch im Urzustand – geht man davon aus, dass z.B. kein umfassendes Lektorat erfolgt ist – ist Der Schatten des Unsichtbaren eine erstaunlich ausgereifte Arbeit, die mich in großen Teilen überzeugt hat. Zwar vermag Seifert die Chandler Stimmung zu Beginn nicht zu halten, hat für seinen Roman aber einen stimmigen Ton gefunden.

Über Travens Geschichte schreibt Rainer Schmidt, die Spurensuche nach Traven liefere selbst Stoff für einen abenteuerlichen Roman – Torsten Seifert hat ihn mit Der Schatten des Unsichtbaren geschrieben.

In den nächsten Wochen werden Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren und B. Traven auf 54books eingehend weiter vorgestellt.

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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien “Es geht doch nicht um die Enten!”.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau “hin”, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder “Muss ich den lesen?” oder “Sollte ich wohl auch mal lesen”.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Philippe Muray über Louis-Ferndinand Céline

MSB Muray Celine Umschlag Druck.inddWer war Louis-Ferndinand Céline? Dieser sagenumwobene Schriftsteller, der Antisemit, der nach dem zweiten Weltkrieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord Angeklagte, dieser Autor von dessen Reise ans Ende der Nacht, von dem Charles Bukowski sagte es sei das beste Buch, das in den letzten zweitausend Jahren geschrieben worden sei? Dies ist die Geschichte eines Mannes und eines Schriftstellers, die in dieser Form nur im 20. Jahrhundert möglich gewesen sein dürfte.

Philippe Muray geht in einem grandiosen “Langessay” den Fragen nach, die bis heute Louis-Ferndinand Céline umgeben: Was bedeutet die ungebrochene Begeisterung für seinen revolutionären Stil sowie für das Verbot, mit dem das finstere Hauptkapitel seines Lebens belegt ist? Wie kommt es, dass wir in seinem Antisemitismus nur ein kurzes Intermezzo sehen möchten, das uns freistellt, seine “vorher” und “nachher” entstandenen Werke ebenso unbefleckt wie unschuldig zu lesen? Denn eines steht fest, man kann Céline hassen oder lieben, aber seine beiden Hauptwerke Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit sind bahnbrechende Werke der Literatur, denn Céline hat mit literarischen Mitteln beispielhaft vorgeführt, wozu die Entfesselung der befreiten Negativität führte, deren albtraumartige politische Konsequenz wir zu Genüge kennen.

Muray schreibt auf sehr hohem Niveau, jeder Satz zitierenswert, wie man unschwer erkennen kann. Bereits auf den ersten dreizig Seiten steckt soviel Wissen und Weisheit über Leben und Werk Célines, dass man immer wieder Pausen einlegen muss, am besten parallel die beiden Romane liest. Ohne Vorwissen dürfte dieser Muray nicht lesbar sein. Hat man aber den Atem und die Geduld ist dies so ungefähr die detaillierteste und tiefste Möglichkeit sich diesem Scheusal und Genie zu nähern. Sollte ich demnächst Céline verschenken, dann nur in einem Paket mit Muray – großartig!

Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel. Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.

Aus: Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

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Dann schaue ich in meinen Kalender: Genau an dem Tag bin ich tot.

Vielleicht hilft mir, meiner steigenden Unruhe (Angst) das Schreiben in einer Kladde. Die Unruhe betrifft etwas sehr Wichtiges und etwas Läppisches.

Finis stand am Schluss des zweiten Bandes der Tagebücher und auch in Interviews hatte Fritz Joachim Raddatz immer wieder betont, dass dieser Abschnitt seines Lebens, der als Tagebuchschreiber, nun ende. Die Sammlung erschien Anfang 2014 knapp ein Jahr vor seinem Tod. Im Herbst desselben Jahres verabschiedete er sich in der Welt vom Journalismus und nimmt im Geheimen das Tagebuchschreiben wieder auf. Denn Fritz J. Raddatz hatte einen Plan. Die Tagebuchnotate, nicht nur die, die nach seinem Tod in der ZEIT erschienen, sondern bereits denen, die bis Ende 2012 reichen, sind ein bekümmertes Abschiednehmen und zugleich ein Hoch auf die Schönheiten des Lebens.

Ich bin leergelebt. Nur noch eine Hülse.

Der zweite Band der Tagebücher (2002-2012) wurde ebenso kontrovers aufgenommen wie der erste (1982-2001). Ein wehmütiger alter Mann kreise um sich selbst – als täten das nicht alle Tagebuchschreiber, als ginge es um etwas anderes als das Insichhineinhorchen – liefe und weine dem eigenen, vergangenen Ruhm hinterher. Aber es ist doch vielmehr die Chronik eines Abschieds. Immer wieder hatte Raddatz nicht nur in den persönlichen Aufzeichnungen, sondern auch öffentlich von und über Sterbehilfe gesprochen. Wer sollte es einem Menschen, einem so eitlem wie FJR noch dazu, verdenken, dass er erhobenen Hauptes aus dem Leben treten will. In den Tagebüchern hat er sein Sterben dokumentiert, das soviel mehr ist und länger dauert als nur final eine bemessene Dosis Gift zu sich zu nehmen.

Tief bewegt liest man dann – und kennt bereits das Ende – welche Qualen es dem eigentlich so Entschlossenen trotz allem bereitet. Eine gräßliche Vorstellung sich bei klarem Bewusstsein von Partner und Freunden zu verabschieden, die meist, unwissend weiter Pläne schmieden, Urlaube buchen, Einkäufe erledigen. Selbst der Lebensgefährte wurde so lange wie möglich im Unklaren gelassen. Absurd: Dinge, seien sie noch so profan, ein letztes Mal zu tun. Obwohl es doch immer ein Zurück gäbe, zumindest seinen braunen Saft nicht auszutrinken, stattdessen auf die natürliche Frist zu warten.

Am 26. Februar 2015 stirbt Fritz J. Raddatz in der Schweiz, einem lange vorher gefassten Plan folgend. Am nächsten Tag, posthum, perfekte Regie, erscheint sein neues Buch: Jahre mit Ledig, eine Liebeserklärung an einen seiner großen Förderer Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Viele Anekdoten kennt der Tagebuch- und Unruhestifter-Leser bereits, aber nicht minder unterhaltsam als in den Vorwerken werden sie hier in einem wunderschönen, grünen Leinenbuch präsentiert. Blumig rauschend, elegisch schildert Raddatz wie eh und je, lobt sich und andere und nimmt mit in eine ferne Zeit im Nachkriegsdeutschland als das Büchermachen noch ein Abenteuer und Verleger noch Halunken und Schlitzohre waren.

Einer der Nachfolger Heinrich Maria Ledig-Rowohlts, ein später enger Freund, des Autors erhielt die oben zitierten Tagebucheintragungen und einen Abschiedsbrief und veröffentlichte sie kurz nach dem Tod. Immer wieder hatte Alexander Fest Raddatz gebeten erhalten zu bleiben, er könne kein Nachlassen der Kraft erkennen, körperlich nicht, geistig nicht. Schon richtig, sagte Raddatz, aber für den Schritt, den er tun müsse, brauche man ja auch Kraft. Große sogar.

fritz j raddatz jahre mit ledigFritz J. Raddatz
Jahre mit Ledig: Eine Erinnerung
Rowohlt
Leinen, 160 Seiten
978-3498057985

fritz j raddatz tagebücher 2002 2012

Fritz J. Raddatz
Tagebücher 2002-2012
Rowohlt
gebunden, 720 Seiten
978-3498057978

Kurz vor seinem Tod habe ich Fritz J. Raddatz einen Brief geschrieben, dieser ist hier abrufbar.

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