Zurück zum Content

Kategorie: Allgemein

High five

Fünf, so weiß Wikipedia, ist eine natürliche Zahl zwischen vier und sechs. In Deutschland, so belehrt die Online Enzyklopädie weiter, ist 5 die zweitschlechteste Schulnote, in Österreich die schlechteste. In Russland, Ungarn, Türkei ist die Fünf die beste Schulnote. 54books ist jetzt auch 5, Platz wäre also noch für vier weitere oder 49 weitere Reckinnen und Recken. Unter dem Strich soll dies aber erstmal bedeuten: 54books wächst erneut.

Gegründet als Ventil für einen einzelnen Narzissten, bietet diese kleine Internethütte inzwischen Platz für vier weitere. Nachdem die hochgeschätzte Katharina Herrmann bereits mit ihrem vieldisktierten Beitrag Zur Kritik des normierten Lesens das Internet zum Beben brachte, lud man sie endlich auf Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen zum Gespräch ins Radio gewordene Feuilleton. Nach kurzfristiger Erweiterung des Teams um Matthias Warkus, der sich als dezidierter Sachbuchverreißer einen Namen machen soll, heiße ich, Tilman Winterling, nun auch noch Katrin Schuster und Samuel Hamen im Kreis der 54 willkommen.

Zu diesen Persönlichkeiten im Einzelnen:

Dr. Matthias Warkus wohnt als humanoider Roboter in einem Schuhkarton. Er ernährt sich von Sachbüchern und getragenen Tweedjackets alter Männer. Er liebt es gern warm und politisch aufgeheißt. Seine Freizeit füllt er mit dem Erstellen von Listen und Verrissen. Man möchte ihn gerne ermuntern auch das eigene Buch zu verreißen, aber Dr. MW kennt selbst genug schlechte Bücher.

Katrin Schuster hat bei dastelefonbuch.de nur eine Bewertung von zwei Sternen, ein erbärmliches Resultat, bedenkt man, dass das bloße Führen einer Telefonnummer keine allzu große Herausforderung darstellt. Mit einer Mischung aus Mitleid und Hoffnung auf Steigerung, nimmt 54books die studierte Germanistin und bereits viele Jahre als freie Journalistin tätig Gewesene, die heute für die digitale Kommunikation der Münchner Stadtbibliothek zuständig ist, gerne in seine Reihen auf. Mehr zu Katrin erfährt man dazu hier.

Samuel Hamen zitierte Jelinek in einem Zeit Online-Artikel über Buch Blogs und hat damit die Blogosprähe gegen sich aufgebracht (vgl. Katharina Herrmann, die macht das auch ständig). Entgegen der eigenen Darstellung trinkt er aber gerne Heißgetränke zu einem guten Schmöker, betreibt heimlich einen Instagram Account mit 1,7 Mrd. Followern und bloggt bereits auf ltrtr. Da die URL des Blogs zu sperrig ist, soll er 54books als Spielwiese und Versuchslabor erhalten, während er über Terrorvögel in der ostindischen Literatur des 13. Jahrhunderts: der Vogel muss die Axt sein für das gefrorene Buch in uns an der FH Schmalkalden promoviert.

Wir laden Sie, liebe Leserin und lieben Leser, ein uns zu folgen. 54books ist jetzt zu fünf – wie die Beatles!

Mehr zum Team und weitere erlogene Biographien der Mitglieder des Teamsa finden Sie hier.

Beitragsfoto von Đức Mạnh bei Unsplash
2s Kommentare

Sophie von La Roche (1730-1807) und die Grundlegung des „Frauenromans“

Der Pietismus, über den Luise Adelgunde Victorie Gottsched sich in ihrer berühmtesten Komödie lustig machte, bestimmte die Jugend von Sophie von La Roche. Am 6.12.1730 als Tochter des Arztes Georg Friedrich Gutemann und seiner Frau Regina Barbara geb. Unold in Kaufbeuren geboren, erhält sie im streng pietistischen Elternhaus zwar eine gute und gründliche, aber eben auch typische Ausbildung für Mädchen – Gelehrsamkeit ist nichts für Mädchen, ihr Wunsch, Latein lernen zu dürfen, blieb ihr verwehrt.

Vor allem aber scheiterte ihre erste Verlobung mit Giovanni Ludovico Bianconi, dem katholischen Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg, am protestantischen Pietismus des Vaters: Da dieser und Bianconi sich nicht darüber einigen konnten, welcher Konfession die zukünftigen Kinder angehören sollen, wurde die Verlobung auf Drängen des Vaters gelöst – und die Tochter zu Verwandten nach Biberach an der Riß geschickt. Dort traf Sophie auf ihren drei Jahre jüngeren Cousin Christoph Martin Wieland, mit dem sie sich 1750 verlobte – aber auch diese Verbindung wurde wieder gelöst.

Da es nun aber wohl nicht so einfach gewesen sein dürfte, in Bayern einen protestantischen Ehemann zu finden, heiratete Sophie von La Roche dann 1753 doch einen Katholiken: Den kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank La Roche, der als Vermögensverwalter und Privatsekretär für seinen Adoptivvater Friedrich von Stadion-Warthausen, Staatsminister von Kurmainz, arbeitete. Sie bekamen acht Kinder, von denen aber leider nur fünf überlebten, und wohnten zunächst recht feudal am kurfürstlichen Hof in Mainz, dann auf Gütern in Warthausen, wo es eine umfangreiche Bibliothek gab und es zu einem Wiedersehen mit Wieland kam, und in Bönningheim, wo Sophie von La Roche ihren ersten Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ fertigstellte.

Noch feudaler wurde das Leben der La Roches, als Georg Michael Frank La Roche beruflich aufstieg und die Familie nach Koblenz umzog: Hier unterhielten sie nun einen berühmten Salon, in dem unter anderem Basedow, Heinse, Lavatar, die Brüder Jacobi und Goethe ein- und ausgingen. Leider machte all dem – wie so oft im Leben von Sophie von La Roche – die Religion einen Strich durch die Rechnung: Nachdem ihr Mann 1780 Kritik an Adel und Mönchswesen geübt hatte, wurde er entlassen. So richtig schlecht ging es der Familie aber nach wie vor nicht: Zunächst wurden sie in Speyer von einem befreundeten Domherrn aufgenommen, später kauften sie ein Haus in Offenbach, und stets blieben sie mit Künstlerinnen und Künstlern in engem Kontakt. 1783/84 wurde Sophie von La Roche zudem eine der ersten deutschen Herausgeberinnen einer Frauenzeitschrift, wenn auch nur für knapp zwei Jahre: Ihr Journal „Pomona für Teutschlands Töchter“ stand als philosophisches Bildungsmagazin für die Frau im deutlichen Kontrast zu zeitgenössischen Modejournalen, die die Frau auf ihr Aussehen reduzierten – sogar Katharina die Große gehörte zu den Abonnentinnen.

Erst als 1788 ihr Mann starb und 1794 dann wegen der französischen Besetzung des linken Rheinufers ihre Witwenrente nicht mehr ausbezahlt wurde, war Sophie von La Roche gezwungen, ihren Lebensunterhalt allein durch Schreiben zu verdienen. Dabei war sie aber wohl recht erfolgreich, zumindest wurde sie nach ihrem Tod am 18.2.1807 in Sterbeanzeigen als „berühmte Schriftstellerin“ bezeichnet. Und vielleicht war sie so ihren Enkelkindern Bettina von Arnim und Clemens Brentano ein schreibendes Vorbild.

Berühmt wurde sie durch ihren zunächst anonym durch Christoph Martin Wieland herausgegebenen Briefroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von 1771, der nicht nur als erster deutschsprachiger Roman, der von einer Frau verfasst wurde, gilt, und Goethes „Leiden des jungen Werthers“ klar beeinflusste, sondern der auch einige Weichen für die Entwicklung der „Frauenliteratur“ stellte, die sich bis heute auswirken und die sich doch wohl nicht anders entwickeln konnten. Dies betrifft beispielsweise die Tatsache, dass La Roche ihren Roman zunächst nur anonym veröffentlichen konnte und dass Wieland diesen Normverstoß, dass hier tatsächlich ein von einer Frau geschriebener Roman gedruckt wurde, gegenüber Kritikern in seinem Vorwort damit begründen musste, dass die Autorin moraldidaktische Ziele verfolge: „Gutes will sie tun; und Gutes wird sie tun.“ „Damit war aber auch die enge Grenze für weibliche Autorschaft und Fiktion gezogen und ‚Frauenliteratur‘ – Frauen schreiben für Frauen über Frauen – geboren.“[1] Die Folgen habe ich in meinem längeren Beitrag zu diesem Thema beschrieben: Von Frauen verfasste Literatur fiel praktisch per se aus dem Korpus autonomer, hoher Literatur heraus – sie war heteronome Unterweisung von Frauen für Frauen.

Der von der Empfindsamkeit geprägte und zu dieser Strömung gehörende Roman, der praktisch durchweg positiv, bisweilen sogar euphorisch von Aufklärern wie Stürmern und Drängern rezipiert worden ist, handelt von der tugendhaften Sophie von Sternheim, die allerlei Intrigen und Prüfungen zum Opfer fällt – und die diese, auch wenn sie dabei so tief fällt, dass sie mitunter dem Tode nahe ist, aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit so meistert, dass sie doch am Ende alles zum Guten wenden, alle Prüfungen bestehen kann. Tatsächlich hat La Roche damit eine Form des weiblichen Bildungsromans geschaffen, auch wenn man eher von „Prüfungsroman“ spricht, wobei diese Gattungen historisch verbunden sind; und sie hat zwar einen Beitrag dazu geleistet, das Ideal von der (leidend) tugendhaften, gefühlvollen Frau zu festigen, aber sie hat dieses gesellschaftlich zu dieser Zeit beliebte Ideal doch zumindest dahingehend gebrochen, als sie ihre Hauptfigur selbstbestimmte, bisweilen sogar falsche Entscheidungen fällen und sich gegen die Bevormundung auch durch Männer behaupten lässt. Vor allem aber übernimmt die Protagonistin durch die Wohltätigkeiten für sozial Schwache, die sie sich gegen Ende des Romans zur Aufgabe macht, einen Tätigkeitbereich, der außerhalb der Trias von Hausfrau, Gattin und Mutter liegt und als eine Art öffentliche Verantwortung bezeichnet werden kann.

Die „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist also ein Roman seiner Zeit, der Weichen für die Zukunft gestellt hat – und der doch auch in kleinen Schritten über das Denken seiner Zeit hinausweist.

Werke u.a.: Geschichte des Fräuleins von Sternheim 1771; Der Eigensinn der Liebe und Freundschaft, eine Englische Erzählung, nebst einer kleinen deutschen Liebesgeschichte 1772; Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St** 1780–1781; Moralische Erzählungen im Geschmack Marmontels 1782/84; Joseph II. nahe bei Speier 1783; Die glückliche Reise 1783; Pomona für Teutschlands Töchter 1783–1784; Die zwei Schwestern 1784; Briefe an Lina 1785/1788;  Waldone 1785; Neuere moralische Erzählungen 1786; Tagebuch einer Reise durch die Schweiz 1787; Journal einer Reise durch Frankreich 1787; Tagebuch einer Reise durch Holland und England 1788; Moralische Erzählungen. Nachlese 1788; Geschichte von Miss Lony und Der schöne Bund 1789; Briefe über Mannheim 1791; Rosalie und Cleberg auf dem Lande 1791; Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise 1793; Briefe an Lina als Mutter 1795–1797; Schönes Bild der Resignation, eine Erzählung 1796; Erscheinungen am See Oneida 1798;  Mein Schreibetisch 1799; Reise von Offenbach nach Weimar und Schönebeck im Jahr 1799 1800; Fanny und Julia, oder die Freundinnen 1801; Liebe-Hütten 1804;  Herbsttage 1805; Melusinens Sommerabende, hgg. von Christoph Martin Wieland 1806; Erinnerungen aus meinem Leben 1807.

[1] Barbara Becker-Cantarino: Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 253.

Hinterlasse einen Kommentar

Anna Louisa Karsch (1722-1791), eine deutsche Sappho

Wenn man unter den frühen Schriftstellerinnen nach einer Biografie suchen wollte, die als Beispiel dafür taugt, dass sozialer Aufstieg (wenn auch nicht unbedingt: ökonomische Sicherheit) auch für schreibende Frauen möglich war, dann müsste man vielleicht Anna Louisa Karsch auswählen: Zu ihrer Lebenszeit war sie wohl die berühmteste Dichterin, zudem war sie vielleicht die erste Frau, die in Deutschland ihren Lebensunterhalt durch Schreiben verdiente.

Dabei fing alles erst recht einfach und auch etwas unschön an: Am 1.12.1722 als Tochter des Bauernwirts Christian Dürbach und einer Försterstochter bei Schwiebus in Schlesien geboren, verlor die Karschin 1728 den Vater. Nach dessen Tod wuchs sie vier Jahre lang bei ihrem Großonkel auf, der sie erzog, ihre Neigung zum Lesen und Schreiben weckte und ihr sogar Grundkenntnisse in Latein vermittelte, was für diese Zeit unüblich war. Dann rief die inzwischen neu verheiratete Mutter ihre inzwischen zehnjährige Tochter zurück zu sich – als Hilfe bei der Betreuung der Stiefgeschwister und beim Hüten des Viehs. Anna Louisa las nun heimlich – und die Lektüre dafür besorgte ihr heimlich ein befreundeter Hirtenjunge.

Mit 16 wurde sie mit dem Schwiebuser Tuchmacher Michael Hirsekorn verheiratet, mit dem sie vier Kinder bekam – während dieser Zeit begann sie auch mit dem Schreiben von Gedichten. Er quälte und erniedrigte sie, und als Hirsekorn sich 1748 von ihr scheiden ließ, weil sie angeblich ihren häuslichen Pflichten nicht nachgekommen sei, empfand sie dies dennoch als Schande: Sie war nun völlig mittellos und wurde zu ihrer Mutter zurückgeschickt. Ein Jahr später wurde sie von der Mutter mit dem alkoholkranken Schneider Daniel Karsch aus Fraustadt verheiratet, auch diese Ehe, aus der drei weitere Kinder hervorgingen, war unglücklich.

Neben der Kindererziehung schrieb die Karschin aus Geldnot Auftragsarbeiten, vor allem Gedichte zu familiären Anlässen, und erlangte so mit der Zeit Bekanntheit in Schlesien. Nach einem Umzug der Familie nach Glogau 1755 konnte sie zeitgenössische Dichtung lesen und ihre Bekanntheit weiter ausdehnen: Vor allem trugen dazu patriotische Oden auf Friedrich II. von Preußen bei, die während des Siebenjährigen Krieges auf Flugschriften Verbreitung fanden.

Durch die Hilfe befreundeter Offiziere gelang eine Trennung von Karsch, der zum Heer einberufen wurde – 1761 holte sie Baron Rudolf Gotthart von Kottwitz nach Berlin, wo sie in literarischen Salons als Naturdichterin für Aufsehen sorgte und unter anderem von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn gefördert wurde. Johann Wilhelm Ludwig Gleim erklärte sie zur „deutschen Sappho“. Bis 1762 wurde ihr Lebensunterhalt von Förderern finanziert, sie verkehrte am Hof von Elisabeth Christine von Preußen in Magdeburg, schrieb Texte für Amelie von Preußen und pflegte engen Kontakt zu Prinz Ferdinand von Braunschweig, Graf Heinrich Ernst zu Stolberg-Wernigerode und Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin musste die Karschin ihren Lebensunterhalt aber wieder selbst finanzieren. Gleim ließ 1764 ihren ersten Gedichtband „Auserlesene Gedichte“ veröffentlichen, der ökonomisch recht erfolgreich war, aber von der Kritik mitunter verkannt wurde. In den folgenden Jahren zwang sie wirtschaftliche Not immer wieder zu Auftragsdichtungen. Friedrich Wilhelm II. machte 1789 ein altes Versprechen Friedrichs II. von 1763 wahr: In einem Gespräch über Dichtkunst hatte Friedrich II. ihr eine jährliche Pension und ein Haus versprochen – hatte dieses Versprechen aber wegen der leeren Staatskasse nicht halten können. 1789 konnte sie dann ihr Haus an der Neuen Promenade in Berlin beziehen. Mit Goethe pflegte sie Briefkontakt, Herder lobte ihre Gedichte „wegen ihrer vielen originalen Züge“, die „mehr Verdienst um die Erweckung deutschen Genies als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt“[1] haben. In einer Zeit, in der Frauen Individualität und Kreativität weithin abgesprochen wurden, ist es wohl schon ein ungeheuerliches Lob, wenn einer Dichterin immerhin originale Züge und ein Beitrag zur Erweckung des Genies zugesprochen werden.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Karschin in der ersten, von Gewalt geprägten Ehe zu schreiben begann, vielleicht auch zu schreiben beginnen musste – scheint doch auch später das Schreiben das Medium zu sein, in dem sie ihre wechselhafte Biografie zu verarbeiten suchte, wie das Gedicht „An den Domherrn v. Rochow“ beispielhaft zeigt:

    An den Domherrn v. Rochow

Meine Jugend war gedrückt von Sorgen.
Seufzend sang an manchem Sommermorgen
Meine Einfalt ihr gestammelt Lied.

Nicht dem Jüngling töneten Gesänge,
Nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge
Wie auf Ameishaufen niedersieht!

Ohne Neigung, die ich oft beschreibe,
Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
Ward zur Mutter, wie im wilden Krieg

Unverliebt ein Mädchen werden müßte,
Die ein Krieger halb gezwungen küßte,
Der die Mauer einer Stadt erstieg.

Was wir heftig lange wünschen müssen
Und was wir nicht zu erhalten wissen,
Drückt sich tiefer unserm Herzen ein;

Rebensaft verschwendet der Gesunde
Doch erquickend schmeckt des Kranken Munde
Auch im Traum der ungetrunk’ne Wein.

Sowohl die Tochter, Caroline Louise von Klencke, als auch ihre Enkelin, Helmina von Chézy, wurden Schriftstellerinnen.  Am 12.10.1791 starb Anna Louisa Karsch in Berlin – ihr Grab in der Sophienkirche trägt die Inschrift „Kennst Du, Wandrer, sie nicht / So gehe und lerne sie kennen.“. Dazu kann ich hier auch nur einladen.

Werke u.a.: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (Hrsg.): Auserlesene Gedichte von Anna Louisa Karschin 1764; Gedichte von Anna Louisa Karschin geb. Dürbach. Nach der Dichterin Tode nebst ihrem Lebenslauff herausgegeben von ihrer Tochter C. L. v. Klenke geb. Karschin 1792; Leben der A. L. Karschin, geb. Dürbach 1762; Barbara Beuys (Hrsg.): Herzgedanken. Das Leben der „deutschen Sappho“ von ihr selbst erzählt. Frankfurt am Main 1981; Regina Nörtemann (Hrsg.): Mein Bruder in Apoll. Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim. 2 Bde., Göttingen 1996; Gerhard Wolf (Hrsg.): O, mir entwischt nicht, was die Menschen fühlen. Gedichte und Briefe, Stimmen von Zeitgenossen. Märkischer Dichtergarten, Berlin 1981; Regina Nörtemann (Hrsg.): Die Sapphischen Lieder: Liebesgedichte, Göttingen 2009.

[1] Zitiert nach: Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute. Gedichte und Lebensläufe, Köln 2007, S. 151.

3s Kommentare

Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr’ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.

3s Kommentare

Der Bayerische Buchpreis 2017

Weil Bayern so ein entzückendes Bundesland ist und wir Bayern immer alles (ALLES!) besonders gut können, verleiht Bayern auch einen eigenen Buchpreis: Den Bayerischen Buchpreis. Dieser schließt an den früher verliehenen Corine-Literaturpreis an, der allerdings international und breiter ausgerichtet war, während der jetzige Bayerische Buchpreis eben ein im Original deutschsprachig verfasstes Sachbuch und einen ursprünglich deutschsprachigen Roman auszeichnet. Damit steht der Bayerische Buchpreis jetzt auch dem Namen nach in der Reihe anderer Bayerischer Preise, z.B. des Bayerischen Fernsehpreises, des Bayerischen Theaterpreises etc. Erwähnte ich schon, dass wir in Bayern schlicht alles besser können als alle anderen, auch das Preise verteilen?

Das Besondere am Bayerischen Buchpreis ist nicht nur, dass er natürlich besonders gut ist, weil er ja bayerisch ist, sondern darüber hinaus hat er auch eine (ganz ironiefrei) spannende Ausrichtung: Die dreiköpfige Jury, dieses Jahr bestehend aus Thea Dorn, Dr. Svenja Flaßpöhler und Knut Cordsen, entscheidet während der Preisverleihung am 7.11.2017 live durch eine Diskussion im Rahmen der Preisverleihung und damit ganz transparent, welches Sachbuch und welcher Roman jeweils den Bayerischen Buchpreis erhalten werden. Kann sich die Jury jeweils nicht innerhalb von einer halben Stunde auf einen von den drei nominierten Titel einigen, verfällt der Preis.

„Weil das ja klar ist“ (Zitat E. Stoiber), dass damit der Bayerische Buchpreis eben ein besonders schöner Buchpreis ist, soll diese frohe Botschaft nun auch ins Internet hineingejodelt werden: Und da kommen wir, die königlich-bayerischen Buchpreisblogger ins Spiel. Mit Laptop und Lederhose werden Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze, Marius Müller vom Blog Buch-Haltung.com und ich (Tilman Winterling und Matthias Warkus sind nämlich Preußen) den Bayerischen Buchpreis unter dem Hashtag #baybuch begleiten. Wir werden also die nominierten Bücher lesen und durch Fingerhakln schon einmal vorausorakeln, wer wohl gewinnen wird, wir werden Buchpreisbrezeln verlosen und Bayerisches Buchpreisbier brauen.

Den Ehrenpreis hat dieses Jahr jedenfalls schon einmal Tomi Ungerer erhalten.

Weitere, etwas ernsthaftere Informationen findet man unter www.bayerischer-buchpreis.de/

Ich gehe jetzt jedenfalls meinen königlich-bayerischen Buchpreisjodler üben.

Pfiad di!

Hinterlasse einen Kommentar

Generation Generation

In stundenlanger, emsiger Kleinarbeit konnte der Verfasser des vorliegenden Beitrages folgende Liste von sogenannten Generationenbüchern zusammentragen:

  • Michael Adler (2011), Generation Mietwagen
  • Marcel Althaus (2017), Try Hard!: Generation YouTube
  • Sabine Asgodom/Bilen Asgodom (2010), Generation Erfolg
  • Roland Baader (1999), Die belogene Generation
  • Gabriele Bartsch/Raphael Gaßmann (2010), Generation Alkopops
  • Ulrich Beck (2007), Generation Global
  • Bernhard von Becker (2014), Babyboomer: Die Generation der Vielen
  • Peter Bergh (2003), Generation Golfkrieg
  • Hans Bertram/Carolin Deufhard (2014), Die überforderte Generation
  • Benjamin Bidder (2016), Generation Putin
  • Liane von Billerbeck (1999), Generation Ost
  • Herwig Birg (2006), Die ausgefallene Generation
  • Heike Bleuel (2007), Generation Handy
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2008), Generation Doof
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2016), Wir Kassettenkinder
  • Sascha Brinkmann/Joachim Hoppe (2010), Generation Einsatz: Fallschirmjäger berichten aus Afghanistan
  • Gisela Bruschek/Günter Keil (2008), Generation Kinderlos
  • Christina Bylow/Kristina Vaillant (2014), Die verratene Generation
  • Christian Cohrs/Eva Oer (2016), Generation Selfie
  • Dantse Dantse (2017), Burnout Generation
  • Annina Dessauer/Mirko Koch (2012), Generation Burn Out
  • Ursula Engelen-Kefer (2013), Eine verlorene Generation? Jugendarbeitslosigkeit in Europa
  • Gerhard Falschlehner (2014), Die digitale Generation
  • Susanne Finsterer/Edmund Fröhlich (2007), Generation Chips. Computer und Fastfood
  • Kathrin Fischer (2012), Generation Laminat
  • Leo Fischer (2012), Generation “Gefällt mir”
  • Erika Folges/Gerald Gatterer (2005), Generation 50 plus
  • Milan Freudenberg (2016), Generation Smartphone
  • Ines Geipel (2014), Generation Mauer
  • Christa Geissler/Monika Held (2007), Die Generation Plus lebt ihre Zukunft
  • Johannes Gernert (2010), Generation Porno
  • Manfred Gerspach (2014), Generation ADHS
  • Uta Glaubitz (2006), Generation Praktikum
  • Alina Gromova (2013), Generation »koscher light«
  • Meredith Haaf (2011), Heult doch: Über eine Generation und ihre Luxusprobleme
  • Michael Hacker/Stephanie Maiwald (2012), Dritte Generation Ost
  • Johnny Haeusler/Tanja Haeusler (2015), Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet
  • Horst Hanisch (2016), Die flotte Generation Z im 21. Jahrhundert
  • Andreas Hock (2018), Generation Kohl
  • Ernst Hofacker/Meinrad Grewenig (2014), Generation Pop!
  • Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht (2016), Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert
  • Katja Kullmann (2002), Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein
  • Philipp Ikrath/Bernhard Heinzlmaier (2013), Generation Ego
  • Florian Illies (2001), Generation Golf
  • Florian Illies (2003), Generation Golf zwei
  • Veronika Immler/Antje Steinhäuser (2010), Generation Yps
  • Maren Jahnke/Karen Schulz (2016), Schnellkochtopf: Die neue Generation
  • Oliver Jeges (2014), Generation Maybe
  • Sven Kuntze (2014), Die schamlose Generation
  • Daniel Kurth (2017), Generation Unverbindlich
  • Birgitta vom Lehn (2010), Generation G8
  • Theo Länge/Barbara Menke (2007), Generation 40plus
  • Claudia Langer (2012), Die Generation Man-müsste-mal
  • Roman Machens/Christoph Eydt (2015), Generation Sodbrennen
  • Ahmad Mansour (2017), Generation Allah
  • Rolf Meyer (2017), Generation der gewonnenen Jahre
  • Caren Miosga/Wolfgang Büscher (2011), Generation Wodka
  • Reinhard Mohr (2015), Generation Z
  • Jürgen Müller (2007), Generation Gold
  • Matthias Müller-Michaelis (2008), Generation Pleite
  • Michael Nast (2016), Generation Beziehungsunfähig
  • Paul Nolte (2005), Generation Reform
  • Michael Odent/Tanja Ohlsen (2014), Generation Kaiserschnitt
  • Nina Pauer (2011), Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation
  • Christoph Quarch/Evelin König (2013), Wir Kinder der 80er
  • Hugo Ramnek (2017), Meine Ge-Ge-Generation
  • Martin Reichert (2008), Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche
  • Philipp Riederle (2013), Wer wir sind und was wir wollen: Ein Digital Native erklärt seine Generation
  • Jens Schneider et al. (2014), generation mix: Die superdiverse Zukunft unserer Städte
  • Christian Scholz (2014), Generation Z
  • Dirk Schunk (2004), Einführung in die Generation: Counter Strike
  • Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein (2017), Generation Y
  • Michel Serres (2013), Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation
  • Hilal Sezgin (2006), Typisch Türkin? Porträt einer neuen Generation
  • Anna Spangenberg/Heike Kleffner (2016), Generation Hoyerswerda
  • Klaus Tauber (2008), Generation Fußnote
  • Gerlinde Unverzagt (2017), Generation ziemlich beste Freunde
  • Joachim Voss (2017), Generation Boxster S
  • Philippe Wampfler (2014), Generation “Social Media”
  • Katharina Weiß (2010), Generation Geil
  • Gülcin Wilhelm (2011), Generation Koffer: Die Pendelkinder der Türkei
  • Markus Willinger (2013), Die identitäre Generation
  • Bernhard Winkler (2013), So nicht! Anklage einer verlorenen Generation

Unschwer lässt sich erkennen, dass inzwischen quasi jeder Lebensaspekt in diesem nun immerhin auch schon über 15 Jahre alten Genre der deutschen Literatur (Generationenbücher vor Generation Golf zählen als Generationenbücher avant la lettre) abgebildet wird. Meine persönlichen Favoriten sind Generation Wodka, Generation Sodbrennen und Generation Laminat. Für die hiesige Sachbuchverriss-Rubrik plane ich derzeit, von denjenigen dieser Bücher, die für Centbeträge gebraucht zu bekommen sind (und das sind nicht wenige), die mit den lustigsten Titeln oder AutorInnennamen anzuschaffen und kurz zu rezensieren.

Bereits jetzt darf ich versprechen: Es wird dabei auch durchweg darum gehen, dass der Gebrauch des Ausdrucks »Generation« bei solchen Büchern und ganz allgemein bei »Generationentexten« sehr oft falsch und anmaßend ist; vgl. dazu auch die Kollegin Herrmann in ihrer Rezension zu Simon Strauß’ »Generationenroman« Sieben Nächte.

3s Kommentare

Joachim Helfer et al. (Hg.) – Wenn ich mir etwas wünschen dürfte

Ein Buch mit dem Untertitel »Dichter und Denker zur Bundestagswahl 2017« wäre peinlich. Irgendjemand unter den Herausgebern (Joachim Helfer, Marco Meyer und Klaus Wettig) oder jemand beim Steidl-Verlag hat das noch rechtzeitig gemerkt, daher ist der 340-seitige Sammelband nicht mit dem verräterischen Untertitel, den man in der Artikelvorschau bei Amazon sehen konnte, erschienen, sondern heißt nun »Wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Intellektuelle zur Bundestagswahl 2017«.

Von den 38 beteiligten Intellektuellen sind acht Frauen, das ist ein geringerer Anteil als bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, obwohl das knallrote Buch offen dafür antritt, für eine sozialdemokratische Bundesregierung zu argumentieren. (Harry Nutt stellt in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau auch fest, dass die Beiträge grob nach dem SPD-Parteiprogramm geordnet zu sein scheinen. Mir in meiner Naivität ist erst aufgefallen, dass es sich hier um eine parteipolitische Veröffentlichung handelt, als das Rezensionsexemplar schon auf meinem Schreibtisch lag.) Die Zusammenstellung der Beitragenden ist zumindest oberflächlich hochinteressant, da übliche Verdächtige (bis auf Tanja Dückers, die standesgemäß weniger als eine volle Doppelseite geliefert hat) komplett fehlen und stattdessen allein 22 größtenteils recht junge Philosophie-ProfessorInnen und -Dozierende aufgefahren werden. Die anderen sind nahezu vollständig entweder in Schriftstellerei, Publizistik, Politikwissenschaft oder -beratung zuhause, bis auf einen einsamen Musikwissenschaftler. Viele, wenn nicht gar die meisten von ihnen haben renommierte Adressen im Ausland im Lebenslauf (Harvard, Cambridge, Sankt Gallen usw.). Wie es sich für einen ordentlichen deutschen Diskursbeitrag gehört, kommen Naturwissenschaften nur zufällig vor, beispielsweise, weil einige der Beitragenden mal so etwas studiert oder darin promoviert haben. Dass aber auch andere geisteswissenschaftliche Felder jenseits der Philosophie und mit ihr verbandelter Querschnittsfächer gar nicht auftauchen, dass insbesondere die empirische Sozialforschung, die Kultur- und Religionswissenschaft, die Fachwissenschaften um Recht und innere Sicherheit nicht systematisch berücksichtigt wurden, ist angesichts der Konzeption des Buches als detailliertes und praxisnahes parteipolitisches Plädoyer anlässlich einer unmittelbar bevorstehenden Wahl kaum verständlich.

Das unübersichtliche, aber schicke Layout mit Großdruck und Flattersatz kontrastiert stark mit der Betulichkeit der Texte, die nahezu durchweg in dem zurückhaltenden und trockenen Idiom geschrieben sind, in das deutsche WissenschaftlerInnen meistens verfallen, wenn sie politische Forderungen kommunizieren. Wo immer man es aufschlägt, wimmelt es von Sharing Economy, globaler Gerechtigkeit, Kapitalflucht und Steuerwettbewerb. Eine gewisse unfreiwillige Komik kommt etwa dort auf, wo Marco Meyer in großer Ernsthaftigkeit bespricht, was eine SPD-Position zur zunehmenden Bedeutung computergestützter Entscheidungsverfahren (hier wie üblich mit Frank Schirrmacher, wenn auch nicht korrekt, als »Algorithmen« bezeichnet) sein könnte. Nur wenige Stellen stechen sprachlich aus dem mehr oder minder technokratischen Einheitsbrei hervor, etwa der haarsträubende Kurzbeitrag von Antje Rávic Strubel, der sich völlig darauf beschränkt, in von entsprechenden Texten aus der rechten Ecke nur im Detail unterscheidbarer Manier ein von sexueller Gewalt, drohenden Bürgerkriegen und einer bevorstehenden atomkriegsartigen Endzeitkatastrophe gebeuteltes Europa zu zeichnen.

Inhaltlich bietet sich wenig Überraschendes (mehr Geld für Bildung; mehr unbefristete Stellen, nicht nur, aber vor allem an der Uni; mehr Solidarität in Europa und überhaupt), und das, was überrascht, ist selten angenehm – so träumt Liane Dirks uns vor, dass sie gerne alle Politiker zwangsweise auf eine hübsch gelegene, sozusagen kastalische Akademie schicken würde, wo manfred-spitzer-mäßig allen die Handys abgenommen werden und WhatsApp verboten ist. Nicht nur bei solchen Beiträgen wird mir nicht klar, welche Lesezielgruppe dieses Buch hat – es hat seine Momente, mit denen es, wie bei Dirks und Strubel, das sanft reaktionäre Ü55-Milieu anspricht, das dieses Land seit mindestens 2010 dadurch dominiert, dass es auf jeden kulturpessimistischen Schlachtruf mit heftigem Kopfnicken reagiert; es ist in seiner Anlage aber eigentlich doch zu jung und zu differenziert, um den Baby-Boomern wirklich aus dem Herzen zu sprechen und sie einer Stimme für die SPD zuzutreiben. Für die akademische Intelligenz unter 40, die stark unter den Beitragenden vertreten ist, sind die Inhalte jedoch tendenziell zu bieder. Vielleicht wurde der Band hauptsächlich für Büchertische oder als Giveaway im Wahlkampf konzipiert?

Lehrreich ist er vor allem insofern, als man daraus erfährt, dass es tatsächlich noch ein SPD-geprägtes intellektuelles Milieu gibt, in dem holzschnittartige Erzählungen über das Elend des Neoliberalismus, die dann lediglich in völlig handelsübliche Forderungen nach gebührenfreier Kinderbetreuung und mehr Transferleistungen münden (Joachim Helfer), ebenso einen Ort haben wie Forderungen nach einer Art staatlicher Presse (Steffen Kopetzky) oder nach der völligen Enteignung der Kirchen (Michael Wildenhain). Ich prophezeie dem Buch jedenfalls: Es wird wenig gelesen werden und viel rumliegen. Erfreut bin ich immerhin darüber, dass Topoi des Antifeminismus und des Männerrechtlertums, obwohl punktuell zu finden, nicht so stark vertreten sind, wie man angesichts des Untertitels, der Geschlechterverteilung der Beitragenden und der Präsenz von Ralf Bönt befürchten konnte.

Disclaimer: Matthias Warkus ist kein Mitglied der SPD und ist es nie gewesen

Hinterlasse einen Kommentar

Moin aus dem Lesesaal

Blogs sind etwas für Opas! Wer heute angesagt ist und auf das schnelle Geld schielt, der muss zu YouTube gehen, denken zumindest die Leute, die den Trends immer geschmeidig hinterherhinken. Das Rückständigste sind dabei natürlich Bücher. Als Leser toter Bäume und Nutzer veralteter Technologie, kann man daher getrost jetzt erstmal paar YouTube-Videos machen, bevor das wieder retro wird. Videoschnipsel mit einer Länge von nicht mehr als 2 Minuten als Medium für Minimalaufmerksame eignen sich hervorragend auch für die schnelle Empfehlung von Büchern.

Der frische und angesagte Blogger dieser Zeilen betreibt daher seit Kurzem auch einen YouTube-Kanal. Mit im Boot ist dabei Stephanie Krawehl von der Hamburger Buchhandlung Lesesaal. Wer neben Lesen als auch Gucken und Hören kann, ist daher herzlich eingeladen dort vorbeizusehen und natürlich den Kanal zu abonnieren

Hinterlasse einen Kommentar

Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon “alt bewährt” ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss “guter alter Zeiten” ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn “Literatur im Foyer” war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das “Literarische Quartett” nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum “Literarischen Quartett” einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des “Berghain”, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen “Buchgeschmack” hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von “Der ist doch mal wirklich ein Original”.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die “Literarische Welt” übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im “Literarischen Qaurtett” lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

6s Kommentare