Unnötige Werbung
Nachdem Mark Chapman fünf Schüsse auf John Lennon abgegeben hat, dieser sterbend im Hausflur des Dakota Buildings in New York liegt, setzt sich der Mörder an die Straße und liest in einem Buch. Den eintreffenden Polizisten trägt er eine Passage aus dem Roman, in den er vorher „This is my statement“ schrieb, vor:
Anyway, I keep picturing all these little kids playing some game in this big field of rye and all. Thousands of little kids, and nobody’s around – nobody big, I mean – except me. And I’m standing on the edge of some crazy cliff. What I have to do, I have to catch everybody if they start to go over the cliff – I mean, if they’re running and they don’t look where they’re going I have to come out from somewhere and catch them. That’s all I’d do all day. I’d just be the catcher in the rye.
Diese Stelle wiederholte er auch vor Ende seines Prozesses, er hatte sich selbst der Mordanklage schuldig bekannt.
Chapman war besessen davon durch den Mord eines Stars selbst berühmt zu werden, angeblich hatte er neben Lennon auch Elisabeth Taylor im Visier. Chapman war besessen von John und besessen von einem Buch, von The Catcher in the Rye. Er bestellte sich in New York eine Prostituierte auf sein Hotelzimmer, nur um mit ihr reden, so wie es auch Holden Caulfield tat, unterschrieb wahlweise mit John Lennon oder Holden Caulfield, ergänzte in der Hotelbibel den Nachnamen Lennons hinter The Gospel of John (engl. Das Johannes-Evangelium).
Ein moderner Klassiker
Die Aufmerksamkeit, die Chapman 29 Jahre nach Erscheinen dem Fänger im Roggen durch seine Tat erneut zuteil werden ließ, hatte dieses Buch gar nicht mehr nötig. Der Erstling von Jerome David Salinger verkaufte sich innerhalb von zehn Jahren bereits 3,5 Millionen Mal und ist bis heute der Longseller par excellence, 250.000 Exemplare gehen jedes Jahr über den Ladentisch. Der Fänger im Roggen ist ein moderner Klassiker.
Holden Caulfield ist 16 Jahre alt und kurz vor Weihnachten 1949 erneut von der Schule geflogen. Seine Eltern, reiche New Yorker, wissen noch nichts von seinem erneuten Versagen und nach einer Schlägerei mit seinem Zimmergenossen Stradlater entschließt sich Holden spontan mit seinem Ersparten nach New York zu fahren, um sich dort herumzutreiben bis seine Eltern von seiner Demission erfahren. Er sitzt in Bars, lernt neue Leute kennen und nimmt Kontakt zu alten Bekannten auf. Statt aber seine heimliche Liebe zu kontaktieren, versucht er eine von drei Touristinnen aufzureißen oder mit der Prostituierten Sunny zu schlafen. Er lernt zwei Nonnen kennen, zwingt ihnen eine Spende auf und geht mit seiner Mitschülerin Sally ins Theater und Schlittschuh laufen. Langsam geht Holdens Barschaft zu Neige und die Sehnsucht Zeit mit seiner kleinen Schwester Phoebe zu verbringen steigt. Doch selbst am Ende des Buches wird Holden nicht endgültig zu seiner Familie zurückgekehrt sein.
Alle Menschen, denen er begegnet, beurteilt Holden kritisch. Er wehrt sich vehement gegen die Erwachsenenwelt, die auf ihn einströmt. Viele seiner Bekannten enttarnt er als phony, als schon von dieser fremden Welt okkupiert. Sie verstellen sich, nehmen sich wichtiger als sie sind, gieren nach Geld, Ansehen und Macht. Die Kinder im Roggenfeld aus Chapmans Zitat spielen noch in einer Welt, die noch nicht von den Erwachsenen zerstört worden ist. Holden Caulfield will als Fänger im Roggen, die Kinder davor bewahren über die Klippe in diese Welt zu fallen. Während er selbst immer älter wird, und aufgrund von grauen Haaren an den Schläfen in manchen Bars bereits Alkohol bekommt, klammert er sich fest an einer Welt, die ihm immer mehr zu entgleiten droht. Diese Welt lebt noch in seiner zehnjährigen Schwester Phoebe, diese Welt starb mit seinem jüngeren Bruder Allie, der drei Jahre zuvor der Leukämie erlag, und sein großer Bruder D.B., der inzwischen statt seiner erfolgreichen Kurzgeschichten Drehbücher für Hollywood schreibt, sein Können und seine Seele an die „Traumfabrik“ verkauft, ist bereits über die Klippe in das Reich der Erwachsenen gestürzt.
Holden verabscheut das Gebaren, mit dem ein Pianist angeberisch sein Können zur Schau stellt, doch empfindet er auch Mitleid für ihn, für das was die Gesellschaft aus ihm gemacht hat. Er flieht vor der Ex-Freundin von D. B., die sich nur mit ihm abgeben möchte, weil sein Bruder inzwischen ein berühmter Mann ist. Traurig wird er, als er sich den Alltag der Prostituierten vorstellt, die ungefähr in seinem Alter ist. So empfindsam Holden ist, vordergründig will auch er sich hart und erwachsen, weltgewandt und klug geben, gleicht also den scheinheiligen Erwachsenen. Doch in ihm schwelt die Unsicherheit der Jugend, er versinkt in Weltschmerz und Selbstzweifel, in der Trauer um seinen Bruder Allie.
Das Erlebnis des Wiederlesens
Als Heranwachsender, ungefähr in Holdens Alter, habe ich Der Fänger im Roggen erstmals gelesen. Ich meine mich zu erinnern, dass ich das Buch recht gleichmütig aufnahm; nicht schlecht, aber auch nicht der große Wurf, von dem alle sprachen.
Nach über zehn Jahren begann ich erneut, trug wochenlang das Buch in meiner Tasche umher und kam trotz viel Zugfahrerei nicht dazu. Als ich aber über die ersten Seiten hinaus war, packte mich die Geschichte und ließ mich nicht mehr los. Gerade die flapsige Sprache Holdens, seine Schimpftiraden und die direkte Ansprache des Leser, vor zehn Jahren als leicht anbiedernd empfunden, gefielen mir. In seiner ziellosen Suche und seinem Weltschmerz meinte ich den Weltschmerz meiner selbst zur Zeit der ersten Lektüre wiederzuerkennen.
Die zweite Lektüre hinterließ ein Buch, das nicht mehr schloss, weil darin soviele Zettel staken. Ich war derart angetan, dass ich direkt im Anschluss das englische Original las. Trotz meiner euphorischen Begeisterung im Vorfeld packte es mich nicht mehr sofort. Manche der ersten Szenen fand ich jetzt noch gut, aber nicht mehr so überragend, die Begeisterung setzte diesmal später ein als beim zweiten Mal, zog aber hintenraus wieder deutlich an. Vielleicht lese ich The Catcher in the rye in zehn Jahren wieder und beobachte mich dabei, vielleicht ist es aber schon in weniger als einem soweit.
Keine Luxusausgabe
„Everybody’s going to be reading this book – with the help of the God-almighty media. … They’ll have to come out with a deluxe edition!“
Mark Chapman
Für das Double Fantasy-Album, das Lennon am 8. Dezember 1980 für Chapman signiert hatte und das später am Tatort gefunden wurde, bezahlte ein anonymer Käufer wohl über 500.000 $. Auf ihm befanden sich nicht nur die Unterschrift Lennons, sondern auch die Fingerabdrücke von Mörder und Opfer. Für eine signierte Erstausgabe von Der Fänger im Roggen werden inzwischen Preise zwischen 20.000 und 40.000 € aufgerufen.
Ich gab mich bescheidener und versuchte eine schöne englische Ausgabe zu erwerben. Die schlichte Taschenbuchversion von Rowohlt soll mindestens übertroffen werden. Nur bekommt man ein solches Buch nicht. Wilfried Weber von der Buchhandlung Felix Jud in Hamburg und ichschmähten gemeinsam die englischen Taschenbücher mit ihren stinkenden Altpapierseiten, der billigen Heftung und dem schlechten Satz. Eine wirklich schöne Edition könne er mir aber nicht besorgen, höchstens die Pappedeckelausgabe von Kiepenheuer & Witsch anbieten. Ich sollte mein Sparschwein schlachten, die Rechte erwerben und meine eigene Liebhaberausgabe drucken lassen, frotzelt Weber. In einer anderen Buchhandlung auf der Schanze erwarb ich dann die englische Standardausgabe, deren Ausgangspreis von 6,99 $ großzügig auf knapp 9 € umgerechnet wurde.
Autor und Übersetzer
J. D. Salinger starb 2010. Seit er sich 1953 auf seine Farm in New Hampshire zurückzog, haben ihn nur noch seine Nachbarn gesehen. Er veröffentlichte u.a. noch Nine Stories, seit 1965 aber gar nichts mehr. Wie Thomas Pynchon, Patrick Süskind oder B. Traven war er ein gesichtsloses Phantom der Literatur.
Entgegen der Mär, dass Heinrich Böll den Catcher erstmals ins Deutsche übersetzte, sah dieser nur die von der Schweizerin Irene Muehlon übersetzte Version durch. Diese hatte jedoch nicht das Original übersetzt, sondern eine bereits überarbeitete englische Variante (ähnlich wie später bei Murakamis Gefährliche Geliebte). Die flapsige Sprache Holdens war in dieser korrigiert und einzelne Stellen ganz gestrichen wurden, daher die Durchsicht Bölls, der mit einer Penguin Version arbeitete. 2003 übersetzte Eike Schönfeld (u.a. Übersetzer von Jonathan Franzen, Joseph Conrad und Oscar Wilde) für Kiepenheuer & Witsch das Original neu. Die Neuübersetzung hat inzwischen die Böllsche Fassung ganz verdrängt.
Zu seiner Übersetzung sagte Schönfeld im Gespräch mit der taz: In dem Roman wird ja die ganze Zeit in einer teilweise recht derben, aber gleichzeitig sehr stilisierten Umgangssprache geflucht. Und es gibt im Deutschen einfach keine umgangssprachlichen Entsprechungen für das, was Holden beispielsweise mit „phony“ – verlogen – meint. Ich habe mich bemüht, eine eigene, eher zeitlose Sprache zu finden, aber eben keine aktuelle Jugendsprache zu verwenden. […] Was man bei dem ganzen Gefluche dennoch nicht vergessen sollte, ist, wie gesagt, dass sich Salinger hier einer vollkommen durchkomponierten Sprache bedient.
Lesen!
Ganz gleich in welchem Entwicklungsstadium des Erwachsenwerdens man sich als Leser befindet, sollte man Der Fänger im Roggen mindestens einmal gelesen haben. Völlig unerheblich, ob man dieses Buch ablehnt oder vergöttert, die Auswirkungen, die es bis heute auf Menschen, im Guten wie Schlechten, hat, zeigt die Wirkungsmacht von Literatur. Jeder wird etwas Holden in sich entdecken, falls man auch als Erwachsener mal für die Zeit der Lektüre nicht allzu phony ist. Sollte man als junger Leser Holden nicht allzu gern gemocht haben, wäre jetzt die Möglichkeit ihm eine zweite Chance zu geben.
Das Buch spielt z. B. auch für den Verschwörungstheoretiker (der am Ende übrigens tatsächlich eine Verschwörung aufdeckt) in Conspiracy Theory eine Rolle. Guter Film, aber das nur am Rande … Sehr guter Beitrag jedenfalls!
Vielen Dank – auch für den Filmtipp. Fast schon kurios in wie vielen Weisen dieses Buch Einfluss auf andere Kunst genommen hat – nur zu verfilmen hat es sich noch keiner getraut.
Ich hatte es mit etwa 18 auf Englisch gelesen und fand es toll. Sowohl Sprache als auch Story sprachen mich an. Mit etwa 30 wollte ich es aus nostalgischen Gründen noch einmal lesen, aber das war nicht mehr das gleiche Erlebnis.
Zum Glück habe ich dann die „9 Stories“, „Franny and Zooey“ und „Raise High the Roof Beam“ entdeckt.
Nicht das Gleich, weil besser oder schlechter?
Ich muss unbedingt auch die anderen Salingers lesen!
Ich habe es mit Anfang zwanzig gelesen – im Englischunterricht hatte es merkwürdigerweise nicht auf dem Stundenplan gestanden, also wollte ich es in meiner Studienzeit nachholen. Doch die Lektüre war damals eine große Enttäuschung für mich, ich konnte weder mit der Figur des Holden Caulfield noch mit der Sprache etwas anfangen.
Gut möglich, dass ich heute einen anderen Blick auf das Buch hätte, denn mittlerweile sehe ich, was den Reiz dieser Sprache, dieser Erzählhaltung ausmacht. Man denke nur an das KiWi-Programm, das mit vielen ausgesprochen interessanten Coming-of-Age-Romanen aufwartet, zuletzt Tigermilch von Stefanie de Velasco und Es bringen von Verena Güntner.
Es drängt sich mir etwas auf, dass dieses Buch eines von diesen (man muss vorsichtig mit diesem Begriff sein) Jungenbüchern ist. Ein stark pubertierender junger Mann auf der Suche nach Alkohol und Frauen, ist meist nicht so nach dem Geschmack von jungen Damen; vielleicht sogar etwas abstoßend. Wenn Du mal Zeit hast, kannst Du echt mal die ersten 20-30 Seiten anlesen und dann schauen, ob es Dir zusagt. Ich war wirklich überrascht. Jetzt noch Wochen nach der Lektüre denke ich berührt an manche Szenen, bspw. die über seinen Bruder Allie oder seine Gedanken bei einem Friedhofsbesuch.
Coming-of-Age ist irgendwie auch bei mir im Kommen, bin wieder auf den Geschmack gekommen. Merke mir die beiden von Dir genannten Titel vor.
Salinger wollte nicht, dass der Catcher verfilmt wird. Interessenten hätte es genügend gegeben, aber der Meister meinte, es ist nicht verfilmbar. Das ist nachvollziehbar, aber nicht unbedingt richtig. Selbstverständlich ist es nicht leicht, einen Stream-of-Conciousness zu verfilmen, und das ist der Roman eigentlich, aber ein vernünftiger Regisseur hätte zusammen mit vernünftigen Schauspielern und einem vernünftigen Scriptwriter bestimmt ein eigenständiges Werk auf Basis der Holden-Geschichte schaffen können. Salinger hat aber darüber gesprochen, dass seine Nachkommen die Filmrechte gewissermaßen als Existenzsicherung vererbt bekommen, und wer weiß, wann es bei denen klamm wird.
Das ist so eins der vielen Buecher, die ich noch nicht gelesen habe. Im Buchladen sind die Meinung geteilt. Einige meinen, dass der Charme sich nur Jugendliche erschliesst. Finde aber, dass Deine Rezension mich neugierig auf das Buch macht!
On a completely different note – waehrend Du ueber die Produktion englischer Buecher redest – ein paar sind wirklich grauenhaft. Gerade bei Salinger gibt es Coverdesigns, da rollen sich die Fussnaegel hoch. Wenn es um schoene Buecher geht, dann kann ich die Folio Society empfehlen (http://www.foliosociety.com/). Klar, dass die den Salinger (noch) nicht im Program haben. Sind natuerlich ein wenig teurer, aber eben auch Sammlerstuecke. Vergleichbar mit der Buchgilde.
Absolut richtiger Einwand – die Folio Society hebt sich deutlich ab. Ist ja nicht nur wie die Büchergilde, sondern in Deutschland z.B. auch über diese zu beziehen. Danke für die Erinnerung, dass es auch schöne englische Bücher gibt.
Lieder ist die Übersetzung von Eike Schönfeld nicht nur ähnlich gruselig schlecht wie die Böllsche Bearbeitung, sie ist nicht einmal vollständig: http://www.vigilie.de/2010/j-d-salinger-der-faenger-im-roggen/
Sehr guter Vergleich – gut, dass ich es noch einmal in Englisch gelesen habe! Vielen Dank für den Hinweis.
Leider habe ich Lieder geschrieben. Wahrscheinlich meinte ich Leier. 🙂