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Caroline Auguste Fischer (1764-1842) und die Idee einer Ehe auf Zeit

Nicht nur der Lebenslauf, auch das Werk von Caroline Auguste Fischer wirkt, als wäre es aus seiner Zeit gefallen: Fischer wurde am 9.8.1764 als Tochter der braunschweigischen Schneiderstochter Charlotty geb. Köchy und des aus Italien stammenden herzoglichen Kammermusikers Karl Venturini in Braunschweig geboren. Von ihren vier Geschwistern überlebte nur eines. So weit, so traurig.

Unkonventionell wird ihre Biografie nach ihrer Hochzeit 1793 mit dem angesehenen deutsch-dänischen Hofprediger in Kopenhagen, Johann Rudolph Christiani – von dem sie 1801 schuldig geschieden wurde, weshalb sie den gemeinsamen Sohn, den 1797 geborenen späteren Juristen und Politiker Rudolf Christiani, bei seinem Vater lassen musste. Eine schuldig geschiedene Frau hatte in dieser Zeit kein Recht auf ihre Kinder. Vielleicht auch aus der ökonomischen Situation heraus – sie musste ohne Mann ihren Lebensunterhalt ja selbst bestreiten, begann sie in ihrer Zeit 1801/1802 in Dresden mit der Veröffentlichung erster Erzählungen – und lebte mit Christian August Fischer zusammen, mit dem sie unehelich ebenfalls einen Sohn bekam. Christian August Fischer war als Hofmann und Kaufmann bereits weit gereist, zudem war er Schriftsteller und wurde 1804 Professor in Würzburg. 1808 heirateten beide – und nur sieben Monate später, im Jahr 1809, folgte die zweite Scheidung in Caroline Auguste Fischers Leben, allerdings wurde diesmal die Schuld dem Mann zugesprochen, der sich später damit verteidigte, „daß eine gelehrte Frau oder Schriftstellerin einen Mann selten glücklich machen könne, noch dazu, wenn sie älter sei.“[1] Da das Jahresgeld, das Fischer ihr und dem gemeinsamen Sohn zahlen musste, zum Leben nicht reichte, versuchte sie, ihre Existenz durch das Schreiben und die Eröffnung eines Erziehungsinstituts in Heidelberg, ab 1822 auch als Inhaberin einer Leihbibliothek in Würzburg zu sichern. Ihre Werke veröffentlichte sie anonym oder unter Pseudonym. Dennoch verstarb sie 1842 völlig verarmt in Frankfurt am Main.

Ihre ungewöhnliche Biografie spiegelt sich auch in ihren Werken, in denen sie Konflikte zwischen den Geschlechtern darstellt, die Frage danach stellt, wie Menschen wurden, wie sie sind, und traditionellen weiblichen Rollenbildern mitunter weibliche Figuren entgegenstellt, die den Idealen der Zeit völlig entgegenstehen mussten. So ist beispielsweise ihr Briefroman „Die Honigmonathe“ (1802-1804) eine Reaktion auf einen „Bestseller“ des 18. Jahrhunderts: Auf „Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte“ von Wilhelmine Karoline von Wobeser, die darin die Ansicht vertrat, die Frau müsse sich in Selbstlosigkeit und Verzicht üben.

Entsprechend gibt es dann auch in „Die Honigmonathe“ mit Julie eine Figur, die diesem Ideal entspricht, und auch Olivier, der sie quälende Ehemann, wird durch seinen Freund Reinhold nicht ohne Verständnis und Sympathie vorgestellt. Daneben gibt es aber eine weitere, völlig untypische Frauenfigur: Wilhelmine. Diese fordert die Gleichberechtigung der Geschlechter, überlegt in einem Brief ironisch, ob sie nicht – wenn „weiblich“ und „schön“ gleichbedeutend seien – in Zukunft auch „männlich“ und „hässlich“ als Synonyme verwenden sollte, fordert eine Ehe auf Zeit, die von den Eheleuten nach ein paar Jahren entweder verlassen oder fortgeführt werden kann. Vor allem aber, und hier dürften sich Erfahrungen aus dem Leben Fischers selbst spiegeln, nimmt sich Wilhelmine vor, die Kinder aus der Ehe in jedem Fall für sich zu beanspruchen und ihren Gatten jeden Tag daran zu erinnern, dass die Kinder ihr gehören. Der Roman wendet sich damit, besonders mit dem für Wilhelmine positiven, für Olivier negativen Romanende, klar gegen die zeitgenössischen Geschlechterrollenbilder, die Benennung einer Figur als „Julie“ kann als Antwort auf Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ verstanden werden.

Auch in anderen Werken stellt Fischer Geschlechterrollenbilder in Frage. Kritisch gelesen werden muss allerdings Fischers durchaus zeittypischer Rassismus: Es wird in ihren Werken immer wieder deutlich, dass sie bestimmten Nationalitäten auch bestimmte Charaktereigenschaften zuordnet. Auch die Auffassung, dass Weiße Schwarzen übergeordnet seien, teilt sie offensichtlich, wie in „William der Neger“ deutlich wird – allerdings wendet sie sich in dieser Erzählung auch deutlich gegen Sklaverei und lässt William fragen: „Ja, ich in schwarz! Aber bin ich kein Mann? Hab‘ ich kein Herz? Fühlt ein Weißer Molly’s Werth so wie ich? Kann er ihn so fühlen? – Wenn ich meine Brüder befreie, sie Wissenschaften, Künste, menschliche Gesetze lieben und befolgen lehre, bin ich nichts werth? Bin ich dann nichts werth?“[2] Auch damit dürfte – so traurig diese Bilanz ist – Fischer für ihre Zeit progressiv gedacht haben.

Werke u.a.: Gustavs Verirrungen. Roman 1801; Vierzehn Tage in Paris. Märchen, Zwei Bände 1801; Die Honigmonathe. Zwei Bände 1802 und 1804; Der Günstling. 1809; Margarethe. Roman 1812; Über die Weiber 1813; Kleine Erzählungen und romantische Skizzen 1819; So viel Noten als Text an den Verfasser der Schuld, in: Zeitung für die elegante Welt 1818; Wien zum Anfang des vorigen Jahrhunderts, in: Zeitung für die elegante Welt 1819; Das Kästchen, in: Zeitung für die elegante Welt 1819; Maja und Jaznytho, eine neugriechische Sage, in: Zeitung für die elegante Welt 1819.

[1] Gisela Brinker-Gabler/Karola Ludwig/Angeka Wöffen. Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800-1945, München 1986, S. 85.

[2] Caroline Auguste Fischer: Kleine Erzählungen und romantische Skizzen, Hildesheim/Zürich/New York 1988,S. 41.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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4s Kommentare

  1. Ist ja interessant, hab’ ich vor Jahren mal einen Kurs dazu gegeben, als Literaturwisssenschaftlerinnen eine Neuherausgabe der Werke von Caroline Auguste Fischer initiierten. Speziell “Die Honigmonathe” fand ich überraschend gut und zeitlos. Danke für die Erinnerung! Gerade ind er Auseinandersetzung mit den Rollenerwartungsmodellen der damaligen Zeit. Und heute? Vielleicht müsste man mal wieder was überlegen …

  2. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    Ja, ich würde da wirklich auch sagen: Das ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Habe die Sachen von ihr auch wirklich gerne gelesen. Danke für den Kommentar!

  3. Danke für diesen Beitrag!

    Ich versuche im Moment, mehr Bücher von Frauen zu lesen und vor allem mehr Frauen kennenzulernen, die vom Literaturbetrieb vergessen bzw. vernachlässigt wurden. “Die Honigmonathe” ist da jetzt auf jeden Fall auf meiner Wunschliste gelandet und ich habe mir einige kostenlose eBooks bei Amazon als Ergänzung besorgt. Immer wieder spannend.

    Überhaupt, großartiger Blog, hier werde ich mehr stöbern!

  4. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    Das freut mich sehr, vielen Dank!

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