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Über das Lesen von Briefwechseln

Das Briefeschreiben geht unserer Tage doch leider etwas unter; Satzfetzen und kurze Kommentare per Email, Whatsapp oder bei Facebook, viel mehr kriegen wir in der vermeintlichen Unruhe unseres Alltages nicht mehr zustande. Viele Schriftsteller waren nicht nur große Tagebuchschreiber (tolle Übersicht bei Michael Maar), sondern haben zumeist auch in regem Briefwechsel mit ihren Zeitgenossen gestanden. Dass an der Lektüre solcher, teilweise sehr intimen, Dokumente ein ungebrochenes Interesse, auch abseits der Wissenschaft besteht, zeigen immer wieder neu erscheinende Editionen (Arno Schmidts Briefe, Dürrenmatt – Frisch, Alma Mahler – Arnold Schönberg, Thomas Mann – Hermann Hesse, Einstein – Freude, sogar ein Hörbuch mit einer Auswahl der Briefe von Heinrich und Thomas Mann gibt es).

So um die 3000 Seiten haben die gesammelten Briefe in vier Bänden von Stefan Zweig und dies ist nur eine Auswahl und selbstverständlich nur solche, die erhalten sind. Als bekennender Anhänger Zweigs, inzwischen viel mehr in seiner Rolle als Intellektueller und Zeitzeuge des frühen 20. Jahrhunderts, mehr “Mensch (innerhalb s)einer Zeit” denn nur als Autor, habe ich mir in letzter Zeit zwei seiner Briefwechsel vorgenommen: diesen mit seiner ersten Ehefrau Friderike Zweig, geb. Burger, geschied. von Winternitz “Wenn einen Augenblick die Wolken weichen” (1912-1942) und den mit seinem Freund Joseph Roth “Jede Freundschaft mit mir ist verderblich” (1927-1938).

Wie Briefwechsel lesen? Eine Lektüre, sollen nicht nur einzelne besondere Episteln nachgeschlagen werden, von vorne nach hinten ist möglich und auch empfehlenswert, denn so kann man in diesen beiden Fällen auch die gesamten Beziehungen nachvollziehen, lernte man sich doch über Briefe kennen: Beiden Chroniken ist gemein das Zustandekommen der Briefwechsel gemein; jeweils nimmt der andere Kontakt zum 1912 (Friderke), u.a. dank Brennendes Geheimnis schon bekannten, 1927 (Roth) berühmten Schriftsteller Stefan Zweig auf. Schwärmerische Fanpost aus der sich eine Ehe und eine tiefe Freundschaft entwickeln.

3-10-097096-9Warum Briefwechsel lesen? Der Briefwechsel mit Friderike gibt einen Einblick  in den Privatmenschen und dieser ist zu großen Teilen kein angenehmer Zeitgenosse. Die schwärmerische Friderike muss sehr offen über die Affäre des Geliebten lesen und nimmt dies hin. Sie wird, obwohl sie selbst als Schriftstellerin und Übersetzerin veröffentlicht hat, zur Sekretärin degradiert und ordnet sich ihrem Mann und seinem Werk unter. Ein granteliger, unromantischer – doch sonst so gefühlvoller – Autor schreibt seiner zukünfitgen Frau – “Alfred sieht wieder Vaterfreuden entgegen. Ich hoffe, von Dir bald das Gegenteil zu hören.” Trotzdem war das Verhältnis der beiden jederzeit von gegenseitiger Achtung geprägt, selbst nach der Scheidung und der erneuten Heirat Stefans blieben sie in intemsivem Kontakt, doch auch nicht ohne Spannungen, unter anderem aufgrund der beiden von Friderike in die Ehe mitgebrachten Töchter oder Winzigkeiten des Alltags.

“Dein Blick war eiskalt, als Du mir die Hand gabst, nur die Hand. Und warum, weil Du ein Paar Socken erwischt hast, das ich für Valerie zum Stopfen hingelegt hatte.”

978-3-257-24279-9Mit Joseph Roth dagegen dikutiert Zweig ausführlich über Literatur, das eigene Schreiben, den Literaturbetrieb und die Politik. Roth leiht sich von Zweig immer wieder Geld, das der wohlhabende Freund gerne, aber nicht ohne Mahnung gibt. Immer wieder versucht er den Freund vom Trinken abzuhalten, neue Verleger für ihn zu finden, seine Verträge und sein Leben zu ordnen.

Während der Lektüre beider Bücher kommt zwangsläufig der Punkt, an dem man als Leser etwas missmutig wird: die Betteleien Roths um Geld, Kontakte, wohlwollende Rezensionen, die blinde Liebe Friderikes oder Oberlehrer und Scheusal Zweig. Nur darf man nicht vergessen, dass es sich hier um private Briefe handelt, die eben nicht auf die Außendarstellung bedacht sind. In dieser Nähe liegt aber auch der Schatz und damit der mögliche Gewinn einer Lektüre. Das Eintauchen in die Arbeit zweier der größten Autoren dieser Zeit, die Tragik der verpuffenden Appelle Roths an Zweig sich endlich politisch zu engagieren, seine Bekanntheit für Österreich und den Frieden in Europa einzusetzen, ist bewegend un erhellend. Schon 1933 liest man Zweigs Resignation und Depression gegen den Furor und den Aktionismus Roths, gingen doch andere davon aus, dass der Hitlersche Spuk bald vorüber wäre, bedrückend wenn man beider Enden und das Ende der Geschichte kennt.

Gerade in den Jahren zwischen 1932 und 1934 entwickelt dieser Briefwechsel einen regelrechten Sog. Stundenlang (!) habe ich hunderte Briefe und Seiten gelesen, wie gebannt von meiner intimen Nähe zu diesen beiden Granden und dieser Zeit. Erschütternd dann wieder die Sorge Zweigs um den siechen Freund, die verzweifelten Versuche ihn vor dem Abgrund zu retten. “Roth, halten Sie Sich jetzt zusammen, wir brauchen Sie. Es gibt so wenig Menschen, so wenig Bücher auf dieser überfüllten Welt!!”

Herrlich erheiternd dagegen wieder die Stilkritik, die Roth an Zweigs Werken übt. Ganz dezidiert zerpflückt er die eingesanten Texte des verehrten Freundes, der gehorcht, ändert und sich artig bedankt. Er bemängelt zumeist was auch mich heute beim Wiederlesen stört. “Es gibt ein paar zu locker sitzende Attribute.” “Manchmal haben Sie so eine Konstruktion […]. Das ist nicht schön, und nicht gut.”

Da, vor allem aufgrund des unsteten Lebens Roths, viele  Briefe von Zweig an ihn nicht mehr erhalten sind, hat man im Anhang dieses Fehlen durch das hinzufügen einiger Briefe Zweigs mit anderen Zeitgenossen (sehr gut) aufgefangen. Der Lesegenuss wird durch den guten, bei S. Fischer, den sehr, sehr guten (!) Kommentarteil bei Wallstein/Diogenes ergänzt; keine bloße Klugmeierei, sondern eine Fülle von hilfreichen Anmerkungen, die viele weitere Hintergründe erschließen.

Ergo: Briefwechsel lesen! Das ist keine akademische Übung für Fans, Nerds und Wissenschaftler, sondern kann spannend werden und den Leser den Großen dieser Welt so nahe bringen, wie sonst nie.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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4s Kommentare

  1. Ach, wie schön, dass jemand auf die Freude des Lesens anderer Leute Briefe hinweist! Es sind ja Verwandte der Tagebücher, mit dem Unterschied eines anderen Menschen als Adressaten. Beides aber Schreibformen, die sozusagen (meist) vom Herzen her kommen, die auch die Sprache schon früh für Spontanität, Konversationalität und Alltag aufgebrochen haben, lange bevor dies in der Literatur gang und gäbe wurde. Und noch was: In den Briefen kommen auch Frauen schon viel früher zu Wort. Berühmt ja zum Beispiel die Briefe von Mme de Sévigné, in Frankreich so berühmt, dass es unter Ihrem Namen ein Festival de la Correspondance gibt (in Grignan, seit 1996). Die Briefe Roths habe ich auch verschlungen. Zur Zeit lese ich die ungeheuer sorgfältig editierten Briefe vom jungen Beckett – “Weitermachen ist mehr als ich tun kann”. Suhrkamp muss man hier einmal lobend erwähnen, die nach und nach die Unseld-Briefewechsel aus dem Keller holen. Z.B. den Briefwechsel mit Bernhard (einen tieferen Einblick in das, was man Literaturbetrieb nennen muss, habe ich für diese Jahre noch nicht gelesen, was wohl auch an Bernhard lag …;) ).

    • 54books 54books

      Ich danke ganz herzlich für den ausführlichen Kommentar.
      Das Lesen von Briefen und auch Tagebüchern habe ich erst kürzlich für mich entdeckt und bin begeistert. Gerade bei Autoren, die man über längere Zeit ins Herz geschlossen hat, stellen sie eine ungeahnte Intimität her. Wird mit Sicherheit nicht die letzte Veröffentlichung dieser Art gewesen sein, Beckett und Bernhard sind schon notiert – danke für die Tipps.

  2. Vielen Dank für den Hinweis auf die veröffentlichten Briefe von Stefan Zweig. Ich bin selbst ein (werdender) Zweig-Fan und dein Beitrag hat mir große Lust gemacht.

    Es gibt viele hervorragende Briefwechsel, die mir viel Freude bereitet haben, u.a. mit Raymond Chandler (Die simple Kunst des Mordens), Einstein und Freud (Warum Krieg?) sowie – wohl ein Klassiker – zwischen Sartre und de Beauvoir. Daher: vollständige Zustimmung in dieser Sache! 🙂

    • 54books 54books

      Das Genre Briefwechsel scheint allgemein noch viele Perlen bereit zu halten. Auch Tagebücher bereiten mir viel Freude, richtig Lust hätte ich da z.B. auch auf die von Susan Sontag. Sartre und de Beauvoir ist natürlich auch ein super Hinweis. Am Privat- in dem Fall sogar Liebesleben solcher Intellektuellen teilzuhaben ist durchaus eine neue Perspektive auf Leben und Werk.

      Zu Zweig kann ich immer und immer wieder nur raten, am nachdrücklichsten natürlich zu “Welt von Gestern”.

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