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Ausgleichende Gerechtigkeit – geschmiert und doch unabhängig.

 I.

Im Vorspiel wird in einer landländlichen Region Georgiens im Kaukasus die Wiederherstellung und Bewirtschaftung nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs verhandelt, in deren Verlauf der Kolchos (genossenschaftlich organisierter, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion) der Ziegenbauern der Einbeziehung eines vorher von ihnen reklamierten Tals in den Bewässerungsplan des Obstbaukolchos zustimmt. Zum Dank spielen die Obstbauern, begleitet durch einen bekannten Sänger, das Stück „Der Kreidekreis“:

In den Wirren eines Volksaufstandes  gegen den Großfürsten in Grusinien rettet die Magd Grusche das Kind des getöteten Gouverneurs, dessen Frau fliehen kann, aber statt des kleinen Michel nur ihre Kleider mit sich nimmt. Grusche entkommt in die Berge, leidet Hunger, um das Kind zu ernähren, stimmt, trotz Verlobung mit Simon, einer Hochzeit zu, um das Kind zu legitimieren. Trotz ihrer Beteuerung das Kind sei das ihre, wird Michel in die Hauptstadt gebracht, weil die leibliche Mutter Ansprüche erhebt, da sie nur so das reiche Erbe sichern kann.

Azdak, eigentlich nur Dorfschreiber, der in den Wirren der Aufstände zum Richter ernannt wurde, soll über die Mutterschaft richten. Er lässt zur Klärung des Falls Michel in einen Kreidekreis stellen und die Frauen sollen gleichzeitig an diesem zerren, die wahre Mutter werde die Kraft haben ihren Sohn an sich zu ziehen. Die leibliche Mutter kann das Kind auf ihre Seite ziehen, da Grusche sich weigert, dem von ihr großgezogenen Jungen Schmerz zuzufügen. Daraufhin spricht Azdak Michel Grusche zu und scheidet auch ihre Ehe, damit diese Simon heiraten kann.

Der Kreis zwischen Vorspiel und eingebundener Parabel schließt sich: Derjenige soll also, hier ein Kind oder auch ein Gebiet, zugesprochen bekommen, der bestmöglich dafür sorgen kann.

Nehmt zur Kenntnis die Meinung der Alten: / Daß da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.

II.

So soll in Kürze der Inhalt wiedergeben werden, damit der Leser des Folgenden sich zumindest innerhalb des Dramas zurechtfinden kann und den Kontext kennt. Da dieser Beitrag im Rahmen des Projekts LawAndLit steht, soll selbstverständlich besonderes Augenmerk auf den Richter Azdak und seine Rechtsprechung gerichtet werden.

Die Prüfung im Kreidekreis geht auf das Urteil des Königs Salomo(n) zurück, der zur Klärung der Mutterschaft ein Kind zerteilen lassen wollte (auch hier schreckt die “wahre” (Zieh-)Mutter vor dem, noch drastischeren, Schritt zurück). Die Figur des Azdak geht wiederum auf den chinesischen Richter Bao Zheng (999-1062) zurück. Dieser verurteilte u.a. mehrere korrupte Adlige und Beamte zum Tode und ging als literarische Figur des Richter Bao in die chinesische Volksliteratur ein. (Bert war schon immer ein Meister des „Adaptierens“.)

Bei Brecht ist er „ein Saufaus und versteht nichts, und die größten Diebe sind schon bei ihm freigekommen. Weil er alles verwechselt und die reichen Leut ihm nie genug Bestechung zahlen, kommt unsereiner manchmal gut bei ihm weg.“ Er ist aber nicht nur ein Armeleuterichter, sondern zumeist auf Seiten der (ausgleichenden) Gerechtigkeit, dass stets die Arbeiter und das Proletariat im Recht zu seien scheinen, ist auf den marxistischen/sozialistischen/kommunistischen Zeigefinger Brechts zurückzuführen.

Azdak taucht erstmals auf, als er „aus Versehen“ den flüchtigen Großfürsten rettet, er hatte ihn nicht als diesen erkannt und ihm Unterschlupf gewährt. Als er dies entdeckt begibt er sich in die Stadt um sich „zu stellen“, ein aufrechter Mann also auch im Urteil gegen sich selbst. Die anwesenden Soldaten ernennen Azdak aber, statt ihn aufzuknüpfen, nach dem Mord am Richter zu einem solchen: „Immer war der Richter ein Lump, so soll jetzt ein Lump der Richter sein.“

Ihr wollt eine Gerechtigkeit, aber wollt ihr zahlen? […] Und außerdem bist du eine ganz dumme Person, daß dumich gegen dich einnimmst, statt daß du mir schöne Augen machst und ein bissel den Hintern drehst, so daß ich günstig gestimmt bin.

Azdak ist zwar der Dorfschreiber, kennt die Gesetze aber nicht. Er lässt sich von seinem Gefühl und Rechtsempfinden leiten. Statt das Gesetzbuch zu lesen, legt er es sich unter um höher zu sitzen. Stellenweise verfällt er in Muster der vorherigen Richter, führt so aber das alte System vor, um am Ende doch ein gerechtes Urteil zu fällen. Geschmiert und doch unabhängig.

Der Dorfschreiber als Richter ist ein verfressener, ungehobelter, eigentlich grundsätzlich unsympathischer Mensch, durch seine Urteile aber wird Azdak zu einem anderen, besseren, ja wertvollen Teil der Gemeinschaft. Soweit, dass er für die Gerechtigkeit zum Held und Märtyrer wird, lässt er es allerdings nicht kommen, als sich der Wind im Land zu drehen beginnt und die Gefahr besteht, dass er für seine Urteile zur Rechenschaft gezogen wird, flieht er.

Denn ich leg den Richterrock ab, weil er mir zu heiß geworden ist. Ich mach keinem den Helden.“

III.

Aber das Volk Grusiniens vergaß ihn nicht und gedachte noch lange seiner Richterzeit als einer kurzen goldenen Zeit beinah der Gerechtigkeit.

Was aber können wir von Azdak und seiner Art Recht zu sprechen lernen? Er urteilt äußerst einseitig, nämlich nur für eine bestimmte Schicht. Diese Einseitigkeit beruht auf der Voreingenommenheit für den einfachen Menschen. Diese Ausübung der Rechtsfindung mag eine Parabel tragen, nicht aber die Realität. Im wahren Leben, marxistische Brille abgenommen, sind auch die Arbeiter mal die Bösen. Azdak mag vieles sein, aber kein Vorbild!

Heute sind in Deutschland die Richter unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen (vgl. Art. 97 Abs. 1 GG, § 1 GVG, § 25 DRiG). Hiernach ist der Richter nicht frei vom Gesetz, aber frei in der Anwendung dessen. Azdak dagegen legt seinen Urteilen ausdrücklich nicht die geltenden Gesetze zugrunde, diese kennt er nicht mal. Dem Urteil eines Gerechten mag man sich unterwerfen, aber auch dies würde in der Praxis nur soweit reichen bis der erste Ungerechte Richter würde. Ganz sicher müsste Azdak heute mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde nach § 26 DRiG rechnen. Auch seine Methoden zur Wahrheitsermittlung dürften über seine begrenzte Amtszeit hinaus durchschaubar werden und so nicht mehr zum Ziel führen. (Falls jemand ein Kind in einen Kreis stellt, nicht an ihm ziehen, will er es zerteilen, heftig widersprechen!)

Die Parabel als Lehrstück sollte aber ganz besonders bei dem Thema Korruption aufhorchen lassen. Dies ist ein Problem, das, auch in heutiger Zeit einer sehr gut geregelten Gerichtsbarkeit, die in ihrer Rechtsfindung von vielen, starken Korrektiven überwacht wird (siehe hierzu auch den, noch folgenden, Kohlhaas Beitrag), Gefahren birgt. Zumindest wird versucht die Übervorteilung Mitteloser in Strafprozessen durch die Beiordnung eines Pflichtverteidigers aufzufangen. Im Zivilprozess ist auch der (schlecht) anwaltlich Vertretene dem Judiz des Richters „ausgeliefert“. Korruption bei Richtern aber scheint heute zum Glück, es ist ruhig im Blätterwald, nicht wirklich ein Thema zu sein. Die Sensibilisierung für solche Themen hat aber noch niemandem weh getan. Wer die Vorteile des Systems kennt, weiß diese auch zu schätzen und gegebenenfalls zu schützen.

Von Azdak können wir also vor allem lernen wie man es nicht zu machen hat, denn auch wenn seine Urteile auf den ersten Blick und in Anbetracht der wenigen Fälle gerecht scheinen, wäre eine Rechtsprechung auf Gefühlen eines Einzelnen zu unsicher. Noch unsicherer würde sie werden, wenn sie von mehreren auf der Grundlage ihrer Gefühle geschöpft. Willkür kann auf Dauer keine Gerechtigkeit herstellen.

IV.

Das Stück gehört zur Gattung des epischen Theaters: ein auktorialer Erzähler berichtet in den fünf Akten eine Parabel, die wiederum von der Rahmenhandlung des Vorspiels zusammengehalten wird. In Prologen werden die folgenden Szenen vom Erzähler, hier dem Sänger, beschrieben, in Epilogen aufgearbeitet. Typischerweise werden in dem Stück auch Lieder vorgetragen (die Musik komponierte Paul Dessau). Der kaukasische Kreidekreis enthält alle Stärken und Schwächen des epischen Theaters: zur Verdeutlichung des Lehr- und Parabelstücks wird die Spannung des Stücks abgebaut, der Inhalt der Szenen fast immer vorweggenommen, dadurch aber wiederum die Wirkung des zu vermittelnden Inhalts umso eindringlicher. Man munkelt, dass „Der kaukasische Kreidekreis“ auf der Bühne im Verlauf von Vorspiel und fünf Akten Längen habe.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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1 kommentar

  1. Annegret Annegret

    Eine sehr gute Ausarbeitung! Mir war “Der kaukasische Kreidekreis” bisher nicht bekannt. Vielen Dank!

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