Autor: Mia Raben

Wovon wir sprechen, wenn wir Versöhnung sagen oder: Wer fabriziert hier wem einen Popo?

von Mia Raben

Ich bin ein von innen verschmutztes, kluges, auffällig musikalisches, ordentlich frisiertes Mädchen mit Kragen. Ich bin irgendwie anders, aber sympathisch, denn ich bin anpassungsfähig. Ich lese den Erwachsenen ihre Wünsche aus den Gedanken ab, bevor sie sie selbst formulieren können. Zum Beispiel: Zeige dich lässig und unbeeindruckt vom Reichtum deiner Freundinnen und Freunde. Tu so, als sei es ganz normal, vier Mercedesse vor dem Haus stehen zu haben, alle mit fast gleichem Kennzeichen, immer Hamburg und die Initialen meiner Freundin. HH-DH. Tu so, als gehörtest du dazu. Als hättet ihr in der Familie dieselben Rituale, wie alle anderen auch. Lindenstraße gucken. Das Auto waschen. Sonntagsfrühstück. Mahlzeiten immer zur selben Zeit. „Wir essen immer um 18.30 Uhr”, höre ich mich sagen. Das ist nicht wahr. Wir essen, wann es uns in den Kram passt. Manchmal erst um neun. Damit das nicht rauskommt, und auch andere Dinge nicht, die bei uns „komisch“ oder anders sind, übernachte ich lieber bei meiner Freundin, anstatt sie bei mir. Dagegen hat niemand etwas einzuwenden. Erst zwei Jahrzehnte später werde ich erleichtert feststellen, dass meine Kinder gern andere Kinder zu uns zum Übernachten einladen.

Schamhafte Wahrheiten. Wie sich ihnen nähern?

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