Autor: Matthias Warkus

Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn – Mit Rechten reden

Lass Vielposter in Ruh du kenns ihre stories net
(Jana Klein)

Vorweg: Jemand, der sich vor Bücherwänden fotografieren lässt, eine aufreizend überlange Dissertation geschrieben hat und verlangt, man möge sie lesen,* online einen hochfahrenden, fulminant selbstabdichtenden Habitus der Humorlosigkeit, Recht- und Vielzeithaberei kultiviert, ist niemand, den man gegen sich möchte – zumal, wenn er auch noch Jünger um sich sammelt und (etwas schwerfällige) Memes zum Einsatz für seinen Standpunkt produziert (bzw. produzieren lässt).

Seit Sommer 2016 habe ich es hier und da immer wieder grummeln gehört: Gegen den Zorn müsste man mal was machen! Es machte aber niemand was, weil sich keiner aufladen mochte, dass »der Zorn« auf Facebook endlos hinter ihm oder ihr herkommentiert oder halt sonst passiert, was eben passiert, wenn man sich mit ihm anlegt.

Andererseits: Ich soll hier ein Buch rezensieren. Vielleicht ist es ja auch gut, das Buch, und man muss gar nichts »gegen den Zorn machen«? Immerhin hat nicht nur ein namhafter Argumentationstheoretiker sein letztes Buch (Logik für Demokraten) unlängst beim Plausch nach einer Disputation hoch gelobt. Zudem hat Mit Rechten reden nicht »der Zorn« allein geschrieben, sondern mit ihm der einzige deutsche Erfolgsschriftsteller und »Schatullenproduzent« (Wikipedia), dessen Name kürzer ist als der von Juli Zeh, nämlich Per Leo (kein Pseudonym!?), und der klagenfurtgestählte Verfassungsjurist Maximilian Steinbeis.

Kurz gesagt: Es ist schwer, Mit Rechten reden (Klett-Cotta, 194 S.) zu lesen und dabei von Zorns nervtötenden Netzaktivitäten und dem Wunsch vieler, jemand möge ihm endlich eins auswischen, zu abstrahieren. Ich wollte es dennoch versuchen – falls das Buch gut ist, könnte das meinen Blick auf den Online-Zorn ja glückhaft verändern.

Im Vorfeld gab es schon um den Titel Aufregung. Wie im zweiten Kapitel erläutert (49), ist der nicht imperativisch zu lesen, was m.E. auch völlig auf der Hand liegt.** Bei einem Buch namens »Rassekatzen züchten. Ein Leitfaden« würde man auch nicht ohne Weiteres erwarten, dass dort möglichst viele zum Rassekatzenzüchten aufgefordert werden (allerdings auch keine Ablehnung des Katzenzüchtens). Schwieriger wird es mit der den Autoren anscheinend wichtigen Aussage, das Buch sei – obzwar »Leitfaden« und »Ratgeber« durchaus als Synonyme gelten – kein Ratgeber in dem Sinne, dass eine spezifische Zielgruppe bestimmte Handlungsanleitungen erhielte (11f.): findet sich doch bereits auf Seite 15 ein Satz, der impliziert, dass Leitfäden normalerweise eben Handlungsanleitungen enthielten; und hat doch das Buch auf dem Rücken die Frage »Warum und worüber und vor allem wie mit Rechten reden?« stehen, so dass, wer es liest, mit Recht erwarten könnte, entsprechende Anleitung zu erhalten. Wer weiß – möglicherweise ist das alles nur Teil eines großen Täuschungsmanövers, steht doch weiter hinten gar, dass es sich carrément um ein Buch für Rechte handle (158).

Wie auch immer: Das Werk enthält nur wenige Passagen, die man überhaupt als Handlungsaufforderungen für mit Rechten Redende lesen kann, so dass m.E. eine Diskussion darüber, ob es ganz allgemein das Reden mit Rechten gutheiße oder gar einfordere, überzogen ist. Sein Hauptgegenstand ist vielmehr, zu beschreiben, a) wie Rechte reden; und b) wie »die Linke« handelt. Dies alles in weitgehend unkonkreter Weise: Es gibt keinerlei Literaturnachweise und in vielem hält sich der Text im Allgemeinen oder lässt fiktive Rechte zu Wort kommen. Über weite Strecken gibt es sogar »multiple levels of indirection«, wenn etwa in ermüdender Ausführlichkeit erzählt wird, wie ein fiktiver rechter Informant bei einem fiktiven Gespräch den Autoren ein fiktives Theaterstück schildert, in dem »die Linke« als allegorische Figur auftritt, oder einen ähnlich allegorischen Traum über die Unterdrückungsängste Rechter (56–86).

Kernstück ist eine zwar mit wenig überzeugenden Analogien (die Verwendung von verschiedenen disparaten Kreismetaphern soll vermutlich kunstvoll wirken, trägt aber inhaltlich nichts bei) arbeitende, aber schlüssige Darstellung rechter Rhetorik im Allgemeinen (88–131), ergänzt um einige kurze exemplarische Besprechungen typischer Konfliktfelder (132–175; es geht um Flüchtlinge, Widerstandsrecht, Volksbegriff, Redefreiheit, Islam und Nationalsozialismus). Dabei wird überzeugend analysiert, was die rechte Sprechhaltung ausmacht: aggressives Einfordern, Beliebiges ohne Gegenrede behaupten zu können, und sofortiger Übergang zur Stilisierung als Opfer, wenn doch eine Gegenrede aufkommt. Die Themenanrisse machen die Schwäche dieses Gestus auf verschiedenen Feldern klar. Nichts davon ist neu, wenn man in den letzten zwanzig Jahren ein bisschen mit Metadiskussionen dazu zu tun hatte, warum bestimmte Diskutanten im Netz (»Trolle«, »Kooks«, »Flamer«) so anstrengend sind. Vermutlich hat es aber noch kein deutsches Sachbuch mit so hohem Profil zu genau diesem Thema gegeben.

Soviel also zum gar nicht so uninteressanten Inhalt. Es gibt nun drei große Einwände, die man gegen Mit Rechten reden erheben kann: gegen seinen Stil, gegen seine Prämissen und gegen die ihm zugrundeliegende Unterscheidung.

Zum ersten: Der Stil ist ohrenbetäubend überheblich, bemüht flapsig, aber leider durchweg völlig unlustig – »Die Frage hätte eigentlich einen dicken Wälzer mit 1968 Fußnoten verdient« (54); »Man kann sich jederzeit an den Händen fassen und um den Ahnenstammbaum tanzen, bis einem schwindelig wird« (147); der bemüht popkulturelle Epilog mit seinen asterixmäßigen Anhimmeleien (»mein Gott, dieses Lächeln!«, 180); usw. Darin ist er den onkeligen Erzählerstimmen alter Jugendbücher ähnlich.*** Dazu passt der dezente Sexismus – auf Seite 92f. wird als Ad-hoc-Beispiel für das Haben von hervorstechenden Eigenschaften ausgerechnet eine Frau mit »dicken Beine[n] und […] lose[m] Mundwerk« bemüht, weil viel redende Frauen mit dicken Beinen halt anscheinend intrinsisch lustig sind.

Möglicherweise ist dieses stilistische Scheitern zu erklären. Das Buch macht einen schwer mit der heißen Nadel gestrickten Eindruck. Dass zwei promovierte Geisteswissenschaftler, von denen einer Argumentationstheoretiker und der andere Romanschriftsteller ist, sowie ein Jurist, die zusammen bei einem renommierten Qualitätsverlag publizieren, z.B. eine Stilblüte produzieren wie die, dass »die Erdkugel« sich hinter dem Horizont »nach allen Seiten« wegbiege (116),**** lässt sich nur durch Zeitdruck oder Achtlosigkeit erklären. Die Lektüre wird auch dadurch erschwert, dass zwar ab Seite 29 explizit »wir« im Text für die »Nicht-Rechten« und »ihr« für die Rechten stehen soll, aber ab und zu Passagen vorkommen, in denen »wir« unangekündigt und stillschweigend für etwas anderes steht, z.B. für das deutsche Volk aus Sicht der Rechten (143).

Zum zweiten: Das gesamte Werk ist von verschiedenen politischen Grundüberzeugungen unterzogen, die zwar größtenteils explizit gemacht, aber nicht begründet oder gar anhand von Literatur entwickelt werden. Dazu gehört eine extrem holzschnittartige Darstellung »der Linken«, die weitgehend die derzeit gängige konservative Erzählung nachbetet, diese sei irgendwann ein gutes, humanistisches Projekt gewesen (52f.), habe sich dann aber in Freund-Feind-Denken und Paternalismus verrannt und sei heutzutage sozusagen identitätspolitisch darin blockiert, effektiv gegen die Rechte zu agieren.

Darüber, was gerade nicht explizit gemacht wird, mögen drei exemplarische Zitate Auskunft geben, die ich nicht weiter kommentieren möchte:

  • »Die Russen, die wie kein anderes Volk durch die Literatur zu sich selbst und zur Menschheit gesprochen haben« (42)
  • »Ein deutscher Jude, der um keinen Preis Jude und um jeden Preis Deutscher sein wollte, aber um keinen Preis nur Deutscher.« (128)
  • »Deutschland ist heute auch deswegen eines der mächtigsten Länder in der Welt, weil viele unserer Nachbarn sich deutsche Führung wünschen.« (174)

Mich stört zu guter Letzt (zugegeben, hier wird es persönlich), dass sich das Buch nicht bloß mehrfach über Kirchentagsprotestantismus und Margot Käßmann mokiert – das ist ja im deutschen Feuilleton mittlerweile strafbewehrte Pflicht und daher verständlich –, sondern en passant (158) lediglich Evangelikalen und Katholiken die Fähigkeit zuspricht, in einem »radikalen Sinne« gläubig zu sein. In einem Buch, an dem jemand mitgeschrieben hat, der an der KU promoviert wurde, passiert so etwas vermutlich nicht zufällig.

Zum dritten: Was Rechte zu Rechten macht, ist den Autoren zufolge »eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden«. »Rechts«, wie es hier thematisiert wird, ist für sie eine Eigenschaft eines kontextgebundenen Sprechakts, nicht einer politischen Haltung oder gar einer Person. Nun ist es aber eben so, dass die real existierenden Rechten in Deutschland, soweit sie derzeit ein wichtiges politisches und kulturelles Phänomen sind, sich dadurch auszeichnen, dass sie durchweg, von der Facebook-Basis bis hoch zur Spitze der AfD, a) die Beseitigung bestimmter Menschengruppen aus Deutschland durch Deportation und/oder physische Vernichtung und b) die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland gutheißen oder betreiben; oder zumindest eindeutig mit Gruppen verbandelt sind, die solches tun. Die Redeweise und der Vernichtungswille hängen zusammen und können nicht voneinander abgetrennt werden; der auch im Buch angerissene Schmittianismus der Rechten impliziert das bereits, da er ihren Feinden (wie allen ernstzunehmenden politischen Akteuren überhaupt) unterstellt, offen oder versteckt ebenfalls Vernichtungswillen zu hegen. Wer rechts im Sinne der jüngeren politischen Entwicklungen ist, ist mit Vernichtungswilligen verstrickt, sonst ist er nicht rechts oder höchstens so rechts, wie man vielleicht in der hessischen CDU 1982 rechts war; sein rechtes Reden ist von (mindestens gedachter) politischer Gewalt nicht abtrennbar.

Auch den Autoren ist klar, um welche Rechten bzw. rechts Redenden es ihnen heute geht. Es werden andauernd die sattsam bekannten Galionsfiguren der aktuellen rechten Bewegung, also Götz Kubitschek und die Identitären samt jeweiligem Anhang, mithin offene Befürworter der Diktatur sowie Förderer, Apologeten bzw. sogar tatsächliche Veranstalter rechtsterroristischer Akte, als Exemplare dieser angeblich diskursfähigen gemäßigten Nicht-Nazi-Rechten gehandelt. Dies zeigt, dass die geforderte Differenzierung entweder nicht ganz durchdacht oder nicht praxisrelevant ist.

Leo und Steinbeis haben in einem Interview in der SZ gesagt, dass sie den Kampf mit den Rechten gerne selbst öffentlich als »Kampf zwischen Gegnern und nicht zwischen Feinden« austragen möchten. Die Rechten wären aber keine Rechten, wenn sie nicht ständig mit ihrem Wunsch nach der physischen Niederwerfung und am Ende Vernichtung Andersdenkender sowie als irgendwie minderwertig Behaupteter kokettierten, sei es auf allerhöchster Ebene, wenn sie den Holocaust gar nicht so schlimm finden, oder auf niederster Ebene, wenn etwa der angebliche Chef-Rechtsintellektuelle Kubitschek noch nicht einmal ein lockeres Gespräch mit zwei Leuten von der FAZ führen kann, ohne mit »Soll ich Ihnen mal zeigen, was autoritär ist?« eine Gewaltandrohung in den Raum zu stellen. Man kann mit ihnen nicht als Gegner reden, selbst wenn man vorher ein noch so schönes Buch dazu schreibt, sie sind und bleiben Feinde, gewissermaßen Feinde zweiter Ordnung: Sie sind deshalb (und nur deshalb!) Feinde, weil sie selbst mit voller Absicht unfähig sind, Gegner nicht als Feinde zu sehen.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Aber was ist mit den Rechten, die keine physische Gewalt gegen unliebsame Bevölkerungsgruppen ausüben möchten und schon gar nicht irgendwen vernichten? Mit denen kann man doch reden? Ja, mit denen kann man reden, aber das sind dann nicht die Rechten, die Zorn und Konsorten über ihre Beispiele aufrufen, nicht die Rechten, die Politik und Medien in diesem Land seit spätestens 2014 vor sich hertreiben, sondern schlicht handelsübliche Konservative mehr oder minder nationalchauvinistischer Couleur. Und mit denen reden wir in Deutschland ununterbrochen, jeden Tag der Woche, so viel und so oft, dass man sich manchmal fragen möchte, ob überhaupt noch jemand anderes zu Wort kommt. (Wir reden übrigens bereits heute andauernd auch mit den vernichtungswilligen Rechten; die medial bestens präsente AfD ist eine Partei, deren politische Ziele ohne Massendeportationen schlicht nicht umsetzbar sind.)

Mit Rechten reden ist also: eine inhaltlich streckenweise gewinnbringende, stilistisch durchweg ärgerliche Lektüre, die darin gefährlich ist, dass propagiert wird, rechtes Reden sei irgendwie theoretisch oder gar diskurspraktisch abtrennbar von rechter Gewalt. Wer das glaubt, könnte man vermuten, der glaubt auch, dass der Verfassungs- und Staatsschutz effektiv Verfassung und Staat vor Rechten schützen: und tatsächlich, auf Seite 25 steht, den Gewaltaspekt der ganzen Geschichte könne man einfach den zuständigen Staatsorganen sowie der Antifa (!) überlassen. Die Realität rechter politische Gewalt im gegenwärtigen Deutschland spielt ansonsten nirgendwo groß eine Rolle. Auf Seite 31 kann man nachlesen, dass die Autoren weder Linke noch Rechte sein wollen, Linke mögen und eigentlich auch nichts gegen Rechte hätten – an denen stört sie nicht etwa, dass sie die Tendenz zum Anzünden von Ausländern und Zusammentreten von Obdachlosen haben, sondern dass sie ihnen immer wieder bestimmte Absichten unterstellen. Der Epilog des Buchs schlägt vor, Rechte und Nicht-Rechte könnten sich doch einfach paarweise zu einer Art Freistil-Debattierclub treffen (182f.).

Holy centrism, Batman! Man muss sich die Autoren als glückliche Deutsche vorstellen. Immerhin: »Der Zorn« ist mir nicht unsympathischer als vor der Lektüre.*****

Aus Gründen, die auf der Hand liegen, werde ich mich auf keinerlei Diskussion über diese Rezension einlassen. Wer mir nachweisen kann, dass ich öffentlich auf eine Reaktion auf diese Rezension reagiert habe, erhält von mir gratis und frei Haus eine Flasche guten Weißweins aus dem Anbaugebiet Saale-Unstrut.

Für seine präzisen Kommentare und Verbesserungsvorschläge danke ich Dr. Alexander Kremling.

____________

* In den paar Threads unter Zorns Beteiligung, die ich auf Facebook gelesen habe, wurde öfter jemand aufgefordert, seine zweibändige, 877 Seiten starke Dissertation (das ist z.B. deutlich umfangreicher als die Kritik der reinen Vernunft) zu lesen, als in meiner gesamten philosophischen Laufbahn jemand (sämtliche mir bekannten LehrstuhlinhaberInnen eingeschlossen) in meiner Gegenwart jemand anderen aufgefordert hätte, eine eigene Qualifikationsschrift zu lesen.
Dazu noch eine Anmerkung: Extrem umfangreiche Dissertationen haben im Philosophiebetrieb keinen guten Ruf, weil sie häufig von Spätberufenen oder sonstwie Sendungsbewussten kommen, die beanspruchen, bereits auf dem Wege der Doktorarbeit das gesamte Fach neu aufzurollen. So oder so gilt es als suspekt, wenn jemand Material, mit dem er/sie sich rein vom Umfang her eigentlich locker habilitieren könnte, bereits zur Promotion vorlegt und sich nicht kurz fasst. Zorns gründliche, mit Bestnote verteidigte Dissertation passt allerdings augenscheinlich nicht in dieses Raster; es gibt keinen Grund, hinter ihrem Umfang eine irgendwie schräge Absicht jenseits des Bedürfnisses, sich raumgreifend auszudrücken, zu vermuten. (Ich habe mehrfach länger hineingeblättert, aber nicht das ganze Trumm gelesen, wofür ich um Verständnis bitten möchte, da es wirklich sehr lang ist und keine Relevanz für meine Forschung und Lehre hat.) Insbesondere gibt es, auch wenn andere immer wieder einmal Anderes angedeutet haben, keinen Grund zu vermuten, dass Zorn ein schlechter Philosoph sei.

** Nicht jeder Buchtitel, der dies zulässt, darf imperativisch gelesen werden; exemplarisch möchte ich hier nur das juristische Standardwerk Erbrecht (Brox/Walker) nennen.

*** Wer ihn kennt, mag sich wie ich an den schwerfälligen Humor von Arthur C. Clarke erinnert fühlen. Zorn ist übrigens bekannt dafür, auf Facebook hin und wieder anderen erklären zu wollen, was witzig ist und was nicht, ein Unternehmen von bestechender unfreiwilliger Komik.

**** Selbstverständlich biegt sich nicht die Erdkugel, sondern die Erdoberfläche, und zwar biegt sie sich auf, zu oder an allen Seiten weg, aber überall nach derselben Seite, nämlich nach unten, genauso wie in einem Kreisverkehr auf allen Seiten alle Autos nach rechts abbiegen.

***** Hinten im Buch (zumindest in der 2. Auflage) sind übrigens Verlagsanzeigen für Schmitt (187) und In Stahlgewittern (191) drin. Wirklich. Schauen Sie selbst nach.

Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr‘ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.

Generation Generation

In stundenlanger, emsiger Kleinarbeit konnte der Verfasser des vorliegenden Beitrages folgende Liste von sogenannten Generationenbüchern zusammentragen:

  • Michael Adler (2011), Generation Mietwagen
  • Marcel Althaus (2017), Try Hard!: Generation YouTube
  • Sabine Asgodom/Bilen Asgodom (2010), Generation Erfolg
  • Roland Baader (1999), Die belogene Generation
  • Gabriele Bartsch/Raphael Gaßmann (2010), Generation Alkopops
  • Ulrich Beck (2007), Generation Global
  • Bernhard von Becker (2014), Babyboomer: Die Generation der Vielen
  • Peter Bergh (2003), Generation Golfkrieg
  • Hans Bertram/Carolin Deufhard (2014), Die überforderte Generation
  • Benjamin Bidder (2016), Generation Putin
  • Liane von Billerbeck (1999), Generation Ost
  • Herwig Birg (2006), Die ausgefallene Generation
  • Heike Bleuel (2007), Generation Handy
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2008), Generation Doof
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2016), Wir Kassettenkinder
  • Sascha Brinkmann/Joachim Hoppe (2010), Generation Einsatz: Fallschirmjäger berichten aus Afghanistan
  • Gisela Bruschek/Günter Keil (2008), Generation Kinderlos
  • Christina Bylow/Kristina Vaillant (2014), Die verratene Generation
  • Christian Cohrs/Eva Oer (2016), Generation Selfie
  • Dantse Dantse (2017), Burnout Generation
  • Annina Dessauer/Mirko Koch (2012), Generation Burn Out
  • Ursula Engelen-Kefer (2013), Eine verlorene Generation? Jugendarbeitslosigkeit in Europa
  • Gerhard Falschlehner (2014), Die digitale Generation
  • Susanne Finsterer/Edmund Fröhlich (2007), Generation Chips. Computer und Fastfood
  • Kathrin Fischer (2012), Generation Laminat
  • Leo Fischer (2012), Generation „Gefällt mir“
  • Erika Folges/Gerald Gatterer (2005), Generation 50 plus
  • Milan Freudenberg (2016), Generation Smartphone
  • Ines Geipel (2014), Generation Mauer
  • Christa Geissler/Monika Held (2007), Die Generation Plus lebt ihre Zukunft
  • Johannes Gernert (2010), Generation Porno
  • Manfred Gerspach (2014), Generation ADHS
  • Uta Glaubitz (2006), Generation Praktikum
  • Alina Gromova (2013), Generation »koscher light«
  • Meredith Haaf (2011), Heult doch: Über eine Generation und ihre Luxusprobleme
  • Michael Hacker/Stephanie Maiwald (2012), Dritte Generation Ost
  • Johnny Haeusler/Tanja Haeusler (2015), Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet
  • Horst Hanisch (2016), Die flotte Generation Z im 21. Jahrhundert
  • Andreas Hock (2018), Generation Kohl
  • Ernst Hofacker/Meinrad Grewenig (2014), Generation Pop!
  • Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht (2016), Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert
  • Katja Kullmann (2002), Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein
  • Philipp Ikrath/Bernhard Heinzlmaier (2013), Generation Ego
  • Florian Illies (2001), Generation Golf
  • Florian Illies (2003), Generation Golf zwei
  • Veronika Immler/Antje Steinhäuser (2010), Generation Yps
  • Maren Jahnke/Karen Schulz (2016), Schnellkochtopf: Die neue Generation
  • Oliver Jeges (2014), Generation Maybe
  • Sven Kuntze (2014), Die schamlose Generation
  • Daniel Kurth (2017), Generation Unverbindlich
  • Birgitta vom Lehn (2010), Generation G8
  • Theo Länge/Barbara Menke (2007), Generation 40plus
  • Claudia Langer (2012), Die Generation Man-müsste-mal
  • Roman Machens/Christoph Eydt (2015), Generation Sodbrennen
  • Ahmad Mansour (2017), Generation Allah
  • Rolf Meyer (2017), Generation der gewonnenen Jahre
  • Caren Miosga/Wolfgang Büscher (2011), Generation Wodka
  • Reinhard Mohr (2015), Generation Z
  • Jürgen Müller (2007), Generation Gold
  • Matthias Müller-Michaelis (2008), Generation Pleite
  • Michael Nast (2016), Generation Beziehungsunfähig
  • Paul Nolte (2005), Generation Reform
  • Michael Odent/Tanja Ohlsen (2014), Generation Kaiserschnitt
  • Nina Pauer (2011), Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation
  • Christoph Quarch/Evelin König (2013), Wir Kinder der 80er
  • Hugo Ramnek (2017), Meine Ge-Ge-Generation
  • Martin Reichert (2008), Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche
  • Philipp Riederle (2013), Wer wir sind und was wir wollen: Ein Digital Native erklärt seine Generation
  • Jens Schneider et al. (2014), generation mix: Die superdiverse Zukunft unserer Städte
  • Christian Scholz (2014), Generation Z
  • Dirk Schunk (2004), Einführung in die Generation: Counter Strike
  • Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein (2017), Generation Y
  • Michel Serres (2013), Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation
  • Hilal Sezgin (2006), Typisch Türkin? Porträt einer neuen Generation
  • Anna Spangenberg/Heike Kleffner (2016), Generation Hoyerswerda
  • Klaus Tauber (2008), Generation Fußnote
  • Gerlinde Unverzagt (2017), Generation ziemlich beste Freunde
  • Joachim Voss (2017), Generation Boxster S
  • Philippe Wampfler (2014), Generation „Social Media“
  • Katharina Weiß (2010), Generation Geil
  • Gülcin Wilhelm (2011), Generation Koffer: Die Pendelkinder der Türkei
  • Markus Willinger (2013), Die identitäre Generation
  • Bernhard Winkler (2013), So nicht! Anklage einer verlorenen Generation

Unschwer lässt sich erkennen, dass inzwischen quasi jeder Lebensaspekt in diesem nun immerhin auch schon über 15 Jahre alten Genre der deutschen Literatur (Generationenbücher vor Generation Golf zählen als Generationenbücher avant la lettre) abgebildet wird. Meine persönlichen Favoriten sind Generation Wodka, Generation Sodbrennen und Generation Laminat. Für die hiesige Sachbuchverriss-Rubrik plane ich derzeit, von denjenigen dieser Bücher, die für Centbeträge gebraucht zu bekommen sind (und das sind nicht wenige), die mit den lustigsten Titeln oder AutorInnennamen anzuschaffen und kurz zu rezensieren.

Bereits jetzt darf ich versprechen: Es wird dabei auch durchweg darum gehen, dass der Gebrauch des Ausdrucks »Generation« bei solchen Büchern und ganz allgemein bei »Generationentexten« sehr oft falsch und anmaßend ist; vgl. dazu auch die Kollegin Herrmann in ihrer Rezension zu Simon Strauß‘ »Generationenroman« Sieben Nächte.

Joachim Helfer et al. (Hg.) – Wenn ich mir etwas wünschen dürfte

Ein Buch mit dem Untertitel »Dichter und Denker zur Bundestagswahl 2017« wäre peinlich. Irgendjemand unter den Herausgebern (Joachim Helfer, Marco Meyer und Klaus Wettig) oder jemand beim Steidl-Verlag hat das noch rechtzeitig gemerkt, daher ist der 340-seitige Sammelband nicht mit dem verräterischen Untertitel, den man in der Artikelvorschau bei Amazon sehen konnte, erschienen, sondern heißt nun »Wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Intellektuelle zur Bundestagswahl 2017«.

Von den 38 beteiligten Intellektuellen sind acht Frauen, das ist ein geringerer Anteil als bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, obwohl das knallrote Buch offen dafür antritt, für eine sozialdemokratische Bundesregierung zu argumentieren. (Harry Nutt stellt in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau auch fest, dass die Beiträge grob nach dem SPD-Parteiprogramm geordnet zu sein scheinen. Mir in meiner Naivität ist erst aufgefallen, dass es sich hier um eine parteipolitische Veröffentlichung handelt, als das Rezensionsexemplar schon auf meinem Schreibtisch lag.) Die Zusammenstellung der Beitragenden ist zumindest oberflächlich hochinteressant, da übliche Verdächtige (bis auf Tanja Dückers, die standesgemäß weniger als eine volle Doppelseite geliefert hat) komplett fehlen und stattdessen allein 22 größtenteils recht junge Philosophie-ProfessorInnen und -Dozierende aufgefahren werden. Die anderen sind nahezu vollständig entweder in Schriftstellerei, Publizistik, Politikwissenschaft oder -beratung zuhause, bis auf einen einsamen Musikwissenschaftler. Viele, wenn nicht gar die meisten von ihnen haben renommierte Adressen im Ausland im Lebenslauf (Harvard, Cambridge, Sankt Gallen usw.). Wie es sich für einen ordentlichen deutschen Diskursbeitrag gehört, kommen Naturwissenschaften nur zufällig vor, beispielsweise, weil einige der Beitragenden mal so etwas studiert oder darin promoviert haben. Dass aber auch andere geisteswissenschaftliche Felder jenseits der Philosophie und mit ihr verbandelter Querschnittsfächer gar nicht auftauchen, dass insbesondere die empirische Sozialforschung, die Kultur- und Religionswissenschaft, die Fachwissenschaften um Recht und innere Sicherheit nicht systematisch berücksichtigt wurden, ist angesichts der Konzeption des Buches als detailliertes und praxisnahes parteipolitisches Plädoyer anlässlich einer unmittelbar bevorstehenden Wahl kaum verständlich.

Das unübersichtliche, aber schicke Layout mit Großdruck und Flattersatz kontrastiert stark mit der Betulichkeit der Texte, die nahezu durchweg in dem zurückhaltenden und trockenen Idiom geschrieben sind, in das deutsche WissenschaftlerInnen meistens verfallen, wenn sie politische Forderungen kommunizieren. Wo immer man es aufschlägt, wimmelt es von Sharing Economy, globaler Gerechtigkeit, Kapitalflucht und Steuerwettbewerb. Eine gewisse unfreiwillige Komik kommt etwa dort auf, wo Marco Meyer in großer Ernsthaftigkeit bespricht, was eine SPD-Position zur zunehmenden Bedeutung computergestützter Entscheidungsverfahren (hier wie üblich mit Frank Schirrmacher, wenn auch nicht korrekt, als »Algorithmen« bezeichnet) sein könnte. Nur wenige Stellen stechen sprachlich aus dem mehr oder minder technokratischen Einheitsbrei hervor, etwa der haarsträubende Kurzbeitrag von Antje Rávic Strubel, der sich völlig darauf beschränkt, in von entsprechenden Texten aus der rechten Ecke nur im Detail unterscheidbarer Manier ein von sexueller Gewalt, drohenden Bürgerkriegen und einer bevorstehenden atomkriegsartigen Endzeitkatastrophe gebeuteltes Europa zu zeichnen.

Inhaltlich bietet sich wenig Überraschendes (mehr Geld für Bildung; mehr unbefristete Stellen, nicht nur, aber vor allem an der Uni; mehr Solidarität in Europa und überhaupt), und das, was überrascht, ist selten angenehm – so träumt Liane Dirks uns vor, dass sie gerne alle Politiker zwangsweise auf eine hübsch gelegene, sozusagen kastalische Akademie schicken würde, wo manfred-spitzer-mäßig allen die Handys abgenommen werden und WhatsApp verboten ist. Nicht nur bei solchen Beiträgen wird mir nicht klar, welche Lesezielgruppe dieses Buch hat – es hat seine Momente, mit denen es, wie bei Dirks und Strubel, das sanft reaktionäre Ü55-Milieu anspricht, das dieses Land seit mindestens 2010 dadurch dominiert, dass es auf jeden kulturpessimistischen Schlachtruf mit heftigem Kopfnicken reagiert; es ist in seiner Anlage aber eigentlich doch zu jung und zu differenziert, um den Baby-Boomern wirklich aus dem Herzen zu sprechen und sie einer Stimme für die SPD zuzutreiben. Für die akademische Intelligenz unter 40, die stark unter den Beitragenden vertreten ist, sind die Inhalte jedoch tendenziell zu bieder. Vielleicht wurde der Band hauptsächlich für Büchertische oder als Giveaway im Wahlkampf konzipiert?

Lehrreich ist er vor allem insofern, als man daraus erfährt, dass es tatsächlich noch ein SPD-geprägtes intellektuelles Milieu gibt, in dem holzschnittartige Erzählungen über das Elend des Neoliberalismus, die dann lediglich in völlig handelsübliche Forderungen nach gebührenfreier Kinderbetreuung und mehr Transferleistungen münden (Joachim Helfer), ebenso einen Ort haben wie Forderungen nach einer Art staatlicher Presse (Steffen Kopetzky) oder nach der völligen Enteignung der Kirchen (Michael Wildenhain). Ich prophezeie dem Buch jedenfalls: Es wird wenig gelesen werden und viel rumliegen. Erfreut bin ich immerhin darüber, dass Topoi des Antifeminismus und des Männerrechtlertums, obwohl punktuell zu finden, nicht so stark vertreten sind, wie man angesichts des Untertitels, der Geschlechterverteilung der Beitragenden und der Präsenz von Ralf Bönt befürchten konnte.

Disclaimer: Matthias Warkus ist kein Mitglied der SPD und ist es nie gewesen