Autor: Matthias Warkus

Matthias Warkus ist gelernter Philosoph und lebt als freier Publizist und Redakteur in Jena.

Weiterleben müssen – Einige Gedanken über vier zuversichtliche Bücher

von Matthias Warkus

Texte, die damit beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, sind oft öde und anstrengend. Es ist nicht ohne Grund ein Klischee, dass schlechte Vorträge bei Poetry-Slams oder offenen Lesungen oft damit anfangen (oder sich gar darin erschöpfen), dass jemand vom Anruf mit der Aufforderung, etwas zum Thema des Abends zu schreiben, erzählt. Daher habe ich erhebliche Skrupel, diesen Text so einzuleiten, aber nachdem ich nun  fast drei Jahre lang daran gescheitert bin, es irgendwie anders zu machen, fange ich tatsächlich mit seiner Entstehung an. Weiterlesen

Ohne Helm und ohne Gurt – Ulf Poschardts ‘Mündig’

Ulf Poschardt ist für die deutsche Social-Media-Landschaft das Paradigma des unangreifbaren Trolls. Es gibt viele, die im Netz eine eitle und lächerliche Figur abgeben, es gibt viele mit einer Biografie voller krachender Misserfolge, die im Medienbetrieb dennoch unaufhaltsam aufsteigen, es gibt viele Mächtige und Reiche, die kompromisslos öffentlich Partei für die Reichen und Mächtigen ergreifen, aber niemand vereint dies alles wie »Drulf«.

Ulf Poschardt: Mündig

Selbstverständlich macht es das nicht zu einem unmoralischen Akt, seine Bücher zu lesen. Im Gegenteil ist es eine horizonterweiternde Erfahrung, sich tief in sein Denken hineinzubegeben, gerade wenn man ihn vor allem als Verfasser grammatikalisch mangelhafter Einzeiler kennt, in denen das Wort »Moral« ausschließlich pejorativ gebraucht wird.

Man muss davon ausgehen, dass Poschardt, der einer der paar mächtigsten Medienmenschen in Deutschland ist und seine Macht doch stets konsequent herunterspielt, sein Gehabe durch sein intellektuelles Gewicht legitimiert sieht. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Mündig (Klett-Cotta, 271 S.) gelesen, um die Rück- bzw. Innenseite des Twitterclowns Poschardt kennenzulernen, und ich habe es nicht bereut. (Am Rande bemerkenswert: Der Rücken des – sehr schönen – Buchs ist so gestaltet, dass man nach gängiger Konvention davon ausgehen müsste, hier habe jemand namens Mündig eine Biographie über Ulf Poschardt geschrieben. Honi soit qui mal y pense.)

Der Band ist eine lose Sammlung teils bereits veröffentlichter Texte, die Poschardt an die kantische Tradition des »Sapere aude« angeschlossen sehen will. In den schlaglichtartigen Betrachtungen auf locker bedruckten Seiten geht es der Reihe nach um Intellektuelle, Pädagogik, Demokratie, Konsum, Mediennutzung, Digitalisierung, Unternehmertum, Autorennen, Liberalismus, Partykultur, Linke, Männer, Frauen, Künstler*innen und Leben insgesamt. An diesen Themen möchte Poschardt aufzeigen, was Mündigkeit bedeutet, immer im Gegensatz zu einem angeblichen Zeitgeist, in dem (seit irgendwann zwischen 1980 und 1990) freiwillige Unmündigkeit gesellschaftlicher Trend sein soll.

Das Kapitel über Motorsport (130–141), das weitgehend vom Tod Ayrton Sennas 1994 handelt, darf dabei als Schlüssel gelten:

Natürlich ist es gut, dass […] niemand mehr tödlich verunglückt, aber der Formel 1 wurde damit ihre existenzielle Beglaubigung genommen, es mit der Fortschrittserzählung radikal ernst zu meinen. (138)

Poschardt, der sich gerne auf Heidegger bezieht und Senna fast zur Christusfigur hochstilisiert, sieht Mündigkeit in ihrer höchsten Ausprägung dort, wo man »in der Gefahr nicht umkommt, sondern in ihr das Rettende erkennt« (140). Sie ist für ihn letztlich eine gelebte Gesinnung: eine praktische Disposition zur Veränderungsbereitschaft, zur Offenheit, zum existenziellen Risiko, zur Erkenntnis- und Erlebnisfreude. Verschiedene Genusspraxen wie etwa exzessives Feiern und spontaner Sex (158–168), Skaten (143 ff.) oder das Wohnen in Lofts (93–97) gelten hierfür als paradigmatisch, vor allem aber das schnelle und riskante, aber souveräne Autofahren. Beständiges Raunen, das unverantwortliche Fahren als Inbegriff der Freiheit könnte im Zuge der angeblichen allgemeinen Bewegung hin zur Unmündigkeit verboten werden, ist ein Leitmotiv des Buchs und ergänzt sich gut mit den Autometaphern (v.a. »Drift«), die ebenso durchgehend die Sprache prägen.

Die Trennwand zum voluntaristischen Wahnsinn ist da natürlich dünn. Der Mündige, wie Poschardt ihn (und sich in ihm) imaginiert, ist jemand, der nicht nur kein idealer Verkehrsteilnehmer sein will (12), sondern der »aus Lust mehr riskieren« will als andere, »Panikmacher und Angsthasen« (18) verachtet und sich in der Verweigerung um der Verweigerung willen gefällt: »Ich glaube nicht, dass es eine Angst davor geben sollte, etwas nicht zu machen, von dem man glaubt, man müsse es machen« (17f.; nebenbei bemerkt kein Ruhmesblatt für das Lektorat bei Klett-Cotta, dass ein so ungeschlachter Satz durchgekommen ist). Die para-epikureischen Vorüberlegungen dazu, dass man sich aus Gründen der Genussoptimierung und »Abweichungsverstärkung« halt auch mal zurückhalten müsse, statt immer nur aufs Gas zu drücken (18), wirken wie eine nachträgliche verlegene Ergänzung, die zudem von Poschardts enthusiastischer Übernahme der Parole »Never lift«, die gerade dazu auffordert, niemals den Fuß vom Gas zu nehmen, am Schluss wieder konterkariert wird (254).

Im Deutschen gibt es kein Wort für »contrarianism«, was schade ist, weil dies einen wichtigen Zug von Poschardts Denken beschreibt. Er ist im Zweifel für und gegen alles. Er bringt Adorno mit der Inneren Führung der Bundeswehr zusammen (66ff.), lobt und kritisiert das klassische Preußentum, weil es irgendwie sowohl zur Mündig- als auch zur Unmündigmachung des Bürgers tendiert (45ff./253), oder teilt flammend gegen Bildungsungerechtigkeit aus, um genau an dem Punkt, wo er tatsächlich etwas über die traurige Realität des archaischen gliedrigen Schulsystems sagen müsste, zu einem Angriff auf die hessische Bildungspolitik nach 1970 überzugehen (57). Rassistische Antidemokrat*innen wie Ayn Rand und Peter Thiel sind für Poschardt ebenso positive intellektuelle Bezugspunkte wie der Antisemit Jean-Luc Godard, sogar noch nationalsozialistischer Black Metal hat seine kulturelle Berechtigung (231f.): »Schönheit ist wichtiger als die Moral, wenn es der freie Weg sein soll. Und alles kann schön sein« (255).

Das Stakkato von Popkulturphänomenen, auf die reflektiert wird, wirkt allerdings über weite Strecken merkwürdig angejahrt. Poschardt fällt schon online damit auf, deutsche Mentalitäten der Gegenwart hartnäckig an Kulturprodukten zu messen, von denen schon Mittdreißiger heute wenig bis nichts mehr wissen (z.B. die ZDF-Serie Diese Drombuschs). Auch in Mündig orientiert er sich gern an Phänomenen der 80er- und 90er-Jahre: Kirchentagsrhetorik, Holger Börner (178), Guido Westerwelle, Rennfahrer der Zeit vor Michael Schumacher, Marxistische Gruppe (174), Unser Lehrer Doktor Specht (58), Sex and the City, immer wieder Popmusik der frühen 80er. Bei aller zwangscoolen Aufgedrehtheit haben Poschardts Überlegungen daher etwas merkwürdig Antiquiertes (er selbst würde vielleicht das Wort »überholt« bevorzugen). Die Passagen, die sich dann geballt an Fernsehserien von 2011 oder Hip-Hop und Autowerbung von 2018 abarbeiten, wirken bemüht und haben etwas von Sichbeweisenwollen eines Gealterten.

Das Ziel der ganzen Übung der »Mündigwerdung« ist letztlich eine Form der Lebensführung, zu deren Beschreibung Poschardt im Schlusskapitel auf vier Seiten nicht bloß Kant, sondern gleich auch noch Xenophanes, Sokrates, Descartes, Wittgenstein, Camus, Popper, Jeffrey Young und Ignatius von Loyola mobilisiert (245–248). Hier wird keine Abhandlung geschrieben, hier wird »gedriftet«, zwischen Feuilletonismus und Unternehmensberater-Lingo (»VUCA-Welt«, 250). Es ist aber relativ einfach, auf den Punkt zu bringen, was den hier gefeierten und geforderten Lebensstil ausmacht: Er bietet Individuen die Möglichkeit, an eigenständig dosierten Unvernunfterfahrungen in radikal subjektiver Weise zu wachsen. Dabei gibt es prima facie keine moralischen oder ästhetischen Grenzen, alles ist erst einmal erlaubt oder kann zumindest ausnahmsweise einmal ausprobiert werden, sofern das in einem Rahmen von bedeutsamer Selbsterfahrung geschieht. Dies verteidigt Poschardt gegen einen imaginierten, protestantisch-grünen Megatrend hin zum Sichbeugen ins moralische Diktat, in dem die Subjekte die Möglichkeit, sich frei für die Vernunft zu entscheiden, mit der Kenntnis anderer Optionen aufgeben, also in eine selbstverschuldete spießige Unmündigkeit marschieren (und dafür das Auto, »das dynamische Etui des Einzelnen und seiner Freunde und Familie« stehen lassen, 13).

Dieser Blick auf die Conditio humana ist natürlich nur möglich, solange es nicht irgendwelche echten existenziellen Bedrohungen gibt, die von der Menschheit gemeinschaftlich bewältigt werden müssen. Das Bewusstsein bestimmt hier das Sein. Die Notwendigkeit etwa, die Zivilisation als solche je wieder in einem kollektiven Existenzkampf verteidigen zu müssen, wie es im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, kommt nicht vor. Das verwundert, da Poschardt doch die geistigen Wurzeln der Nachkriegs-BRD so wichtig scheinen und er sich immer wieder kompromisslos gegen die AfD stellt. Es erklärt aber, warum er keine Probleme damit hat, immer wieder mit hart rechten Intellektuellen zu kokettieren. Dabei ist er selbst alles andere als »rechts«, sondern tut über lange Strecken seine Bewunderung für ausgewählte Ausschnitte des linken theoretischen Erbes sowie insbesondere den Linksliberalismus der Bundesrepublik vor 1982 kund und plädiert für zahlreiche klassisch sozialdemokratische Politikziele.

Vor allem aber ist es für Poschardt denknotwendig, dass es keine tatsächliche existenzielle ökologische Bedrohung gibt, weil dies seine Wertehierarchie umstieße. Windkraftanlagen (die immerhin mehr als ein Fünftel des deutschen Stromverbrauchs decken) sind für ihn nur »großgewordene[] Kindergartenpropeller[]« (13) und die vermutlich unabwendbare Unbewohnbarwerdung der Erde durch die Klimakatastrophe taucht bei Poschardt nur im Konditional und als Zweitmotivation ohnehin wünschenswerter Veränderungen im Konsumverhalten auf. Als lebensbedrohliche Realität ist sie für ihn lediglich ein Popanz der Grünen, eine »Angstreligion« (251).

– Wenig ist so alt wie das politische Buch von vorletztem Monat. Poschardts Buch wurde sichtlich vor der Pandemie geschrieben, und etwa die Behauptung, in jeder Krise würde »als Erstes die Freiheit des Einzelnen problematisiert, um dann im nächsten Schritt die Entmündigung als wohlwollende Einschränkung der Freiheit vorzubereiten« (16) wirkt heute, da an jeder Ecke, ob nun von Spitzenpolitikern, reichen Zeitungsherausgebern oder kleinen Facebooknazis, gefordert wird, Einschränkungen der individuellen Freiheit aufzuheben, und wenn es noch so viele Todesopfer fordert, noch antiquierter und formelhafter als ohnehin schon.

Die zentrale Prämisse ist der schon mehrfach genannte angebliche regressive gesellschaftliche Zug hin zur freiwilligen Unmündigkeit, zur Staatsgläubigkeit und zum Paternalismus. Woher Poschardt diesen Befund genau nimmt, ist unklar; er wird nie hergeleitet, sondern von der ersten bis zur letzten Zeile vorausgesetzt. Möglicherweise hat er vor allem mit seinen persönlichen Geschmacksurteilen zu tun; böse gesagt: Wer als Werkzeug nur ein Gaspedal hat, sieht in jedem Problem ein Tempolimit. Ich halte Poschardts optimistische Prämissen ansonsten für genauso falsch wie seine gesellschaftspolitische Voraussetzung. Die westliche Zivilisation und die Menschheit als ganze sind beide akut bedroht und große Kraftanstrengungen zu ihrem Erhalt sind notwendig. Knappe Ressourcen, zuvörderst Zeit und das winzige verbliebene Klimagasbudget, müssen notwendigerweise prioritär für diese Anstrengungen eingesetzt werden.

Selbstverständlich stimmt es, dass eine Welt ohne Möglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung auch nicht mehr lebenswert wäre, aber Poschardts Implikation, dass bereits eine Welt, in der es nicht mehr möglich ist, aus freier Entscheidung mit einem benzingetriebenen Auto lebensgefährlich schnell zu fahren, so wenig lebenswert wäre, dass sie auch genauso gut gleich untergehen kann, ist nicht nur spleenig, sondern mindestens ebenso nihilistisch wie die transgressiven Kulturprodukte, die dieses Buch feiert. Die wenigen Augenblicke, die der Menschheit welthistorisch gesehen noch bleiben, sind sicherlich besser darauf verwendet, ihr Ende abzuwenden oder es (was wahrscheinlicher ist) zumindest etwas hinauszuschieben und palliativ auszugestalten, als zur persönlichen Sinnstiftung von 911er-Fahrern beizutragen.

Mündig ist ein Buch, das Fahrlässigkeit predigt. Das ändert jedoch nichts daran, dass es immerhin diskutabel ist, also: einen Beitrag darstellt und nicht etwa desinformiert. Die Ungenauigkeiten, die man darin findet (so impliziert Poschardt, die Idee der Presse als »vierter Gewalt«, die zu Balzac, Carlyle und Burke zurückreicht, sei irgendwie spezifisch für die Nachkriegsbundesrepublik, 102; seine Falschschreibung von Dirk Roßmanns Namen lässt erkennen, dass Poschardt weitgehend ohne Recherche aus dem Kopf schreibt, 123), sind im Vergleich zu anderen politischen Büchern, die ich in den letzten Jahren in Händen gehalten habe, harmlos; ich habe Poschardt insgesamt mit erheblich mehr Gewinn gelesen als etwa Richard David Precht oder Thea Dorn. Dass er einer essayistischen Tradition angehört, in der sich an Phänomenen abgearbeitet wird, denen man Allgemeinheit und Wirkmacht einfach unterstellt, ohne sie je mehr als anekdotisch zu belegen, wirkt heute, da man selbst zu komplexen Trendfragen mit drei, vier einfachen Google-Eingaben wenigstens empirische Anhaltspunkte gewinnen kann, veralteter denn je. Aber ihm als Einzelperson kann man nicht vorwerfen, dass er das alte Spiel weiterspielt.

Zum Schluss verdient die sprachliche Manieriertheit des Buchs noch ein paar Sätze. Der vielfach karikierte Poschardt-Stil enttäuscht auch im Buchformat nicht. Der unbedingte Wunsch, auf Teufel komm raus allem größtes Gewicht zu geben, wenn beispielsweise aus dem deutschen Finanzminister mal eben ein »Schatzkanzler« wird (151), paart sich mit dem unwiderstehlichen Willen zur überraschenden Phrase und bringt Blüten hervor, die sich selbst eine Poschardt-Parodie der TITANIC nicht trauen würde (vgl. Anhang). Poschardts »Drift«, im ganzen Buch die Leitmetapher für »mündiges« Denken und Leben, geschieht ganz buchstäblich stets kurz vor dem Abriss seiner eigenen intellektuellen Bodenhaftung.

Was aber vielleicht das Allerwichtigste ist: Das alles ist komisch, aber es ist nicht unfreiwillig komisch. Auch wenn Poschardt als Person im realen Leben ungeheuer steif und linkisch sein kann, weiß er doch zumindest als Schriftsteller um das Groteske seiner Pose, ja forciert es sogar, weil für ihn »die Existenz eben auch ein Karneval ist, das Denken eine Clownerie, das Schreiben ein Gezappel« (33). Da kann dann auch das Lehrer- und Predigerkind Poschardt über andere »Lehrer- und Pfarrerskinder[]« herziehen (106) – denn:

Darum geht es: lachend zur Witzfigur zu werden. (196)

qed 🤡

Anhang: Die zehn größten Quatschsätze in Mündig

  1. »Der Türsteher vergibt die Mündigkeitshouseaufgaben.« (161)
  2. »In rhizomatisch geführten Betrieben sind die unterschiedlichen Tentakel eben auch Wahrnehmungsassistenten.« (125)
  3. »Heideggers Dystopie von der Herrschaft des Gestells ist als eine Art infames Entlastungs-Spa mächtig geworden.« (12)
  4. »[Jürgen] Klopp weiß, dass er nur mehr eine Anti-Aging-Cremetube entfernt ist von seinem kulturellen Schatten.« (196)
  5. »Godard hat den Linksradikalismus als Bi-Turbo für seine Überlegungen stets missbraucht.« (37)
  6. »Je feiner es [das Fahrwerk des mündigen Intellektuellen] justiert ist, umso besser die Straßenlage in den Debatten und die Traktion aus den Argumentationskurven hinaus.« (32)
  7. »Im Nachtleben wären mehr Kontrollen tödlich, zumindest für den freien Geist des Nachtlebens, jene Mischung aus Balz, Bordeaux und Petting.« (160)
  8. »Das belegen Jay-Z und Dirk Rossmann, Dr. Dre und Nicola Leibinger.« (123)
  9. »Teile des Buches bestehen aus einer Consommé von Texten, die in der ›WELT-Gruppe‹ erschienen sind.« (4)
  10. »Pop ist jetzt staatstragend, geht ein und aus im Weißen Haus (reimt sich)« (223).

Beitragsbild (unverändert): Lothar Spurzem (CC BY-SA 2.0 de)

Okayfinden – Leif Randts ‘Allegro Pastell’

In Leif Randts handlichem Roman Allegro Pastell (Kiepenheuer & Witsch, März 2020, 288 S.) passiert wenig und die äußere Handlung ist mehr oder minder die abgeschmackteste, die man sich vorstellen kann: Ein nicht mehr ganz junger Mann führt ein zufriedenes Leben und eine glückliche Beziehung zu einer etwas jüngeren Frau, dann treten Irritationen ein, die unter anderem dazu führen, dass sie einem anderen Mann und er einer anderen Frau (die er aus seiner Vergangenheit kennt) näherkommt, und Entscheidungen werden erforderlich. Aber: In diesem Buch geht es nicht um die Handlung, sondern um anderes. Es steht in einer großen und alten Tradition des Erzählens, die die Fährnisse von Paarbeziehungen nutzt, um aus ihnen heraus Allgemeineres zu beschreiben. Was ist dieses Allgemeinere bei Allegro Pastell?

Vielleicht lässt es sich so sagen: Wenn man jung ist, möchte man sich auf eine beeindruckende, aber unaufgeregte Weise von anderen abheben, sich zugleich eine unverwechselbare Identität schaffen und dabei vor allem keine Fehler machen, um nicht hinterrücks angreifbar zu werden. Wenn man älter wird, erkennt man, dass es im Leben noch anderes gibt, und dass es nicht schlimm sein muss, in gewissen Hinsichten langweilig, unspektakulär, nervös oder auch fehlerbehaftet zu sein. Es ist jedoch eine zumindest in gewissen Kreisen beliebte Vorstellung, dass es selbst in diesem abgeklärten Zustand (der häufig mit Erwachsensein gleichgesetzt wird) noch Kriterien gibt, an denen sich die Qualität einer Lebensform im Vergleich zu anderen entscheidet. Diese Kriterien müssen dann notwendigerweise sehr subtil sein, da ja gerade entschieden wurde, dass Langeweile, Verwechselbarkeit, handelsübliche persönliche Schwächen und Ähnliches nicht mehr die Maßstäbe sein können. Vom Aushandeln und Anwenden solcher Kriterien handelt Randts Buch. Es stellt von der ersten bis zur letzten Seite in erster Linie extrem nuanciert dar, wie bestimmte Menschen in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang über sich und übereinander urteilen, und das vor allem in ästhetischer Hinsicht.

Da mir zu Recht nachgesagt wird, dass die wenigen Rezensionen, die ich für 54books schreibe, immer zugleich die Verfasser*innen der Bücher als Personen in unzulässiger, höchst oberflächlicher Weise kritisieren, muss ich an dieser Stelle noch loswerden, dass ich von einem Autor, von dem es heißt, er lebe in Berlin sowie noch an einem zweiten Ort, und der auf offiziellen Fotos eine Baseballmütze trägt, ganz allgemein nur das Schlimmste erwartet habe und insbesondere nicht, dem skizzierten Projekt gerecht zu werden. Ganz im Gegenteil macht Randt seine Sache jedoch hervorragend. Ein so außerordentlich lesbares Buch, in dem es eigentlich um nichts geht, muss man erst einmal schreiben können. Doch zum Stil später mehr.

Die schwierige Sache mit dem Generationenbuch

Die ästhetische Grundoperation von Randts Figuren ist das Eigentlich-doch-ganz-okay-Finden, das von einem Hauch unaufdringlicher Kritik gefärbt ist. Die zugewandte, distanzierte, gleichschwebende Aufmerksamkeit, die sie sich selbst und einander widmen, immer im Bewusstsein eigener (leichter) Überlegenheit, hat etwas Therapeutisches, weswegen es nicht wunder nimmt, dass mehrere Personen im Buch Therapieerfahrung haben und eigentlich alle dazu neigen, wie Psychotherapeut*innen oder ihre Klient*innen zu reden, was im Text selbst reflektiert wird (94). Man könnte das Buch auf den simplen Nenner bringen: Einige westdeutsche Menschen im Jahre 2018 finden das meiste in sich und um sich herum eigentlich ganz okay, denken und reden in sehr reflektierter Weise darüber und erleben sich dabei ein ums andere Mal als lebenstauglich und stilsicher, gerade auch im Vergleich zu Dritten.

Es war wohl unvermeidlich, dass Randts Roman Generationenbuchcharakter zugesprochen wird. Nun ist es in Deutschland ohnehin schwierig geworden, als weißer, formal gebildeter Mensch unter 70 ein belletristisches Werk bei einem Verlag zu platzieren, das nicht irgendwie als Generationenbuch gelesen wird, aber Allegro Pastell hat es besonders dick abbekommen, denn die Hauptfiguren sind Tanja Arnheim (30), Berliner Autorin, die ihr erfolgreiches Romandebüt hinter sich hat, und Jerome Daimler, ein paar Jahre älter und selbstständiger Webdesigner. Die allen Generationenbuch-Verdikten zugrunde liegende falsche Gleichsetzung eines Milieus mit einer Generation bietet sich hier besonders an. Stellen wir uns vor, der kaum universeller zu denkende Plot um eine Fernbeziehung Maintal–Berlin und verschiedene Affären involvierte nicht zwei selbstbestimmt mediennah Tätige, sondern z.B. einen Verfahrenstechniker und eine Fachinformatikerin, jeweils festangestellt bei Sanofi bzw. der Telekom – viel repräsentativer für die jüngere deutsche Mittelschicht ginge es nicht, aber in Deutschland schreibt nun einmal niemand Romane über Fernbeziehungen zwischen Verfahrenstechnikern und Fachinformatikerinnen, hingegen rekrutieren sich Feuilleton und Literaturbetrieb aus auf Stilfragen fixierten Medienmenschen, wie sie diesen Roman bevölkern, weswegen verständlich ist, dass sie meinen, hier ginge es nicht bloß um sie, sondern um alle und alles. Dafür kann Randts Buch aber nichts, das nirgendwo einen universellen Anspruch auch nur impliziert. Dass er ein weiteres der vielen Bücher geschrieben hat, in dem es um Schriftsteller*innen geht, ist ihm nicht vorzuwerfen, und dass der Literaturbetrieb insgesamt es nicht schafft, einmal eine vergleichbar profilierte Neuerscheinung über das Leben von Thirtysomethings in repräsentativeren Lebenssituationen hervorzubringen, natürlich genauso wenig.

Alles eine Frage der Gestaltung

Worum geht es nun aber thematisch bei den feinen Unterschieden, die Arnheim und Daimler im allgemeinen Okayfinden dann doch machen? Was kennzeichnet das beschriebene Milieu außer einer Lebensform, die durch eine bestimmte Art ästhetischen Urteilens geprägt ist?

Da ist beispielsweise ein hochkompetenter, technisch perfektionierter Umgang mit Drogen, der durch das ganze Buch hindurch detailliert beschrieben wird, von Namen und Bruchrillen der verschiedenen Ecstasy-Tabletten, die per Smartphone-App identifiziert werden, bis hin zu Farbe und Modellbezeichnung des Vaporizers, mit dem Daimler »kleine Portionen verschiedener Hybridsorten« (112) Cannabis konsumiert. Im Gegensatz zum Klischee hergebrachter Popliteratur findet kein ostentatives Einordnen von Markenprodukten, Musik, Kultur und insbesondere überhaupt keine Ab- oder Aufwertung der Oberfläche der Konsumgesellschaft statt – mittelgutes asiatisches Essen in angejahrten Einkaufszentren oder Maultaschen im Speisewagen, selbstironisch Christ sein oder Hinduismus als Option zur Lebensgestaltung begreifen sind genauso einigermaßen in Ordnung wie Heiraten, mit 70 Datingapps benutzen, als nicht mehr junger Mensch hartnäckig einen »Melodic-Hardcore«-Lebensstil mit beginnendem Leberschaden (172) führen und alles andere auch. Die Charaktere beseelt ein Wille zur Offenheit, zum Gutfinden, dazu, »Freude nunmehr als eine stetige Option [zu] begreifen« (109). Dasselbe gilt für zwischenmenschliche Beziehungen, die in jeder Hinsicht (sexuelle Orientierung, emotionale Verbindlichkeit, Mono- oder Polygamie, Stellenwert von Sexualität überhaupt, Kinder haben oder nicht) Aushandlungs- und Gestaltungssache sind.

Implizit spricht daraus ein ums andere Mal, dass die Protagonisten sich als Menschen überlegen begreifen, die eine geringere Reflexionstiefe erreichen, nicht in der Lage sind, die Reize in ihrem Leben so sensibel auszutarieren und für die daher noch nicht alle Phänomene genauso »ungebrochen angenehm und entspannt, teils erlösend und schön, aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal« (212) geworden sind, wie es etwa Sex für Daimler ist. Natürlich ist dieser Zustand nur auf dem Gipfel eines imposanten Berges aus Privilegien denkbar – Daimler wie Arnheim sind (insbesondere nach den Maßstäben ihres Milieus) körperlich sehr attraktive, sportliche, disziplinierte, intelligente und akademisch gebildete Menschen, deren Biographie keine Probleme aufweist, die ihre alltägliche Lebensführung materiell beeinträchtigen könnten, und deren Zukunft keine solchen erwarten lässt.

Was daher ebenfalls nicht in diesem Buch vorkommt, sind irgendwelche Geldsorgen, und alles andere würde auch das Konzept durchkreuzen. Soweit Finanzen überhaupt ein Thema sind, ist durch eine Balance zwischen ganz ordentlichem Einkommen aus selbstbestimmter, kreativer Tätigkeit, Absicherung durch reiche Eltern und selbstverständlichen Verzicht auf größere Ausgaben (wie etwa ein eigenes Auto) die Sicherheit gegeben, dass schon nichts passieren wird. Dies ist in der Tat die milieutypische, ja das geschilderte Milieu erst ermöglichende materielle Situation und zudem etwas, was in der Presse fortwährend als angebliches Generationenthema verhandelt wird. In Wirklichkeit ist das Erlangen und Behalten finanzieller Sicherheit für die Mehrheit der jüngeren erwerbsfähigen Deutschen natürlich eine der wichtigsten, wenn nicht überhaupt die wichtigste Lebenspriorität: Sämtliche einschlägigen Studien legen nahe, dass zwischen 60 und über 90 Prozent der Menschen in Arnheims und Daimlers Altersgruppe hierzulande großen Wert auf einen gesicherten Arbeitsplatz legen. Die junge »Generation«, der es »zu gut geht« und die daher Zerstreuung, existenzielle Herausforderungen oder Ähnliches sucht, existiert nicht als Generation (soweit Generationen überhaupt existieren, was die Sozialwissenschaft heutzutage mehrheitlich eher verneint). Sie ist lediglich ein Nischenmilieu, und es ist Randt zugute zu halten, dass seine Figuren niemals den Ausbruch suchen, weil ihnen bei aller Privilegiertheit doch sehr klar ist, wie gut es ihnen geht.

Keine Angst vor Adjektiven

Der Stil des Buchs ist das genaue Pendant zu seinem Inhalt: geschult am klassischen bürgerlichen Roman und in gewisser Hinsicht völlig konventionell, aber höchst ausgereift und vielfältig gebrochen. Das beginnt mit einem Einsatz englischer Vokabeln, der so übertrieben ist, dass er wie eine schiefe Anspielung auf die 80er-Jahre anmutet, in denen man deutschen Yuppies herablassend unterstellte, Ausdrücke wie »jetzt ist die Crew endlich komplett in der Location« zu benutzen. Wenn man bei Randt selbst durchaus noch einen »Vater«  hat, ist das korrekte Wort für einen Mann mit Kind im eigenen Alter »Dad«, alles ist »cute«, und »gebounct« wird auch. Die Beschreibungen sind stets dicht, präzise und wertfrei, und glücklicherweise ist nichts von der pathologischen Abneigung gegen Adjektive zu merken, die den deutschen Literaturbetrieb in weiten Teilen immer noch peinigt. Dabei transportieren die Adjektive stets Information, genauso wie die Dialoge, die die Großspurigkeit ebenso wie die Trivialität der Alltagskommunikation junger Akademiker*innen perfekt einfangen und dabei nie aufgesetzt oder unrealistisch wirken. Man kann es kaum hoch genug hängen, dass hier ein deutscher Roman vorliegt, in dem wirklich alle Dialoge gelungen sind und man niemals den Eindruck hat, hier würde nolens volens fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen geschrieben. (Sämtliche wörtliche Rede ist in diesem Buch übrigens, obwohl in Anführungszeichen stehend, kursiv gesetzt, was überraschenderweise nachhaltig irritiert.) Leise Ironie gegenüber den Charakteren zeigt sich bei den wenigen Unsinnsaussagen, die sie tätigen (wenn etwa Daimler Peter Handke zum Schweizer erklärt, 212) – fast wünscht man sich, Randt hätte darauf verzichtet zu demonstrieren, dass er dann doch noch eine Stufe höher steht als die eigenen Figuren.

Man muss das Konzept des Buchs nicht mögen, man kann es wahlweise statt als bloße Deskription auch als Anklage oder Bauchpinselung des beschriebenen Milieus lesen. Sicher lassen sich gesellschaftskritische Spitzen aus Allegro Pastell ableiten, lässt sich zeigen, dass das politische Bewusstsein der Protagonist*innen lachhaft unterentwickelt ist – wenn zum Beispiel Daimler über die gesellschaftsermöglichende Funktion von Antifaschismus reflektiert, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, ob er hierzu eigentlich beiträgt (83f.); oder wenn Arnheim vermutet, dass »die meisten in ihrem Umfeld sich eine globale Diktatur westlicher Wissenschaft wünschten, regional repräsentiert von Frauen, die viele Sprachen beherrschten und auf eine mütterliche Weise sympathisch aussahen« (222). Aber diese wenigen Momente sind nur eine Dreingabe aufs Dahinplätschern der glücksbewussten und lebenskompetenten Haupterzählung. Die Lektüre des Buchs lohnt sich so oder so bereits aufgrund der Qualität der Prosa. Tun Sie mir aber einen Gefallen und verzichten Sie darauf, wie Doris Akrap oder Ijoma Mangold zu glauben, es würde hier irgendeine Allgemeinaussage über »die deutsche Mittelklasse« oder eine ganze Generation oder gar Deutschland insgesamt gemacht. Das tut dieser Roman nicht und auch kein anderer.

Critical Westdeutschness – Teil 3 von 3: Gershwin und die Rentenangleichung

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil III: Gershwin und die Rentenangleichung

Matthias Warkus: Ich möchte im letzten Teil dieses Gesprächs gerne etwas geradezu Anrüchiges tun und konstruktiv werden – zu Handlungsempfehlungen kommen: Was können wir als Ost- und Westdeutsche, insbesondere als irgendwie kulturbetrieblich oder journalistisch Tätige, tun, um es besser zu machen? Dabei gehe ich gleich mit zwei Vorschlägen in Vorlage.
Der erste ist nach dem bisherigen Gesprächsverlauf fast selbstverständlich: nämlich als WestdeutscheR darauf zu reflektieren, ob, was man als allgemein setzt, in Wirklichkeit doch nur ein rheinisches, ein Westphänomen ist – genauso, wie man beispielsweise auch immer darauf reflektieren sollte, ob, was man für eine »Generation« hält, in Wirklichkeit doch nur ein Milieu ist.
Der zweite Vorschlag braucht etwas mehr Anlauf. Ich habe Ende 2018 als zugezogener Wessi in Jena zwei Beobachtungen gemacht. Einmal: Es gibt hier ein hochgradig spießig anmutendes Aussichtslokal auf einem Hügel, das bis heute von einem Siedlerverein getragen wird, und in dem man als Westdeutscher kein Kulturprogramm erwarten würde, das über einen gelegentlichen Frühschoppen mit Blasmusik hinausgeht. Hier aber gibt es genau in diesem Lokal eine weit zurückreichende, lebendige Tradition von Blues- und Bluesrock-Liveauftritten. Dazu passt das zweite: Ich bin zufällig in das Adventskonzert eines Akkordeonorchesters hineingeraten (auch so etwas, was im Kontext viele sicherlich als »typisch ostdeutsch« belächeln würden, obwohl es natürlich auch im Westen Akkordeonorchester gibt), in dem ein Stück mit einer hochemotionalen Ansprache anmoderiert wurde; das Arrangement stammte schon aus den 60ern und konnte jahrzehntelang nicht aufgeführt werden. Es war »Summertime« aus »Porgy and Bess«, was nun vielen der Inbegriff einer ausgelutschten Nummer sein könnte – wir haben das schon im Schulmusikunterricht gesungen, meine ich. Dass ein Arrangement davon irgendwie Tragweite und Fallhöhe haben könnte, war mir bis zu diesem Moment fremd gewesen.
Also möchte ich dafür plädieren, zu akzeptieren, dass es originär ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, die als solche ernst genommen werden müssen – ohne sie in die eine Schublade zu packen, in der Achim Menzel und Karsten Speck liegen, aber vor allem auch, ohne sie in die andere zu tun, in der Heiner Müller und Peter Hacks liegen.

Peter Neumann: Ich schließe einen dritten Vorschlag an: Ausgehend davon, dass es originäre ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, müssen die bisherigen vor allem westdeutsch geprägten Zugänge neu erzählt werden. Ich denke, es reicht nicht aus, zu sagen, da gäbe es ›auch‹, nur eben dann eine ›ostdeutsche‹ Erzählung. Spannend wird es erst, wenn sich beide Erzählungen verbinden, widersprechen, in Dialog miteinander treten. Als ich am Wochenende im Haus der Berliner Festspiele war und mir ein Podium angehört habe, in dem es unter anderen um den Zusammenhang von Ost- und Migrationsfrage ging, da fiel der Satz: »Der erste Platz ist vergeben. Er ist in der Hand westdeutscher Eliten. Was gerade den Nationalismus von rechts wie von links im Osten so stark macht, ist dieser Kampf um den zweiten Platz.« Da muss meines Erachtens eine neue, eine irgendwie ›gesamtdeutsche‹ Erzählung ansetzen: Dass der erste Platz nicht nur nicht vergeben ist, sondern auch gar nicht besetzt werden kann. Das Problem am Phänomen des/der Osterklärer/in ist, dass er/sie in der Betonung der Originarität des Ostens das bestehende West-Narrativ nur forciert. Insofern würde ich hinzufügen: Geschichten nicht nur ernst nehmen, sondern – wie es Deinem Fall ja auch wirklich war – offen sein, die eigene Geschichte überschreiben zu lassen.

MW: Also die Begriffe »ostdeutsch« und »westdeutsch« gleichzeitig rehabilitieren (als legitime Zuschreibung und Analysekategorie) und destruieren (als ontische Bestimmung)? Bzw.: offenlegen, dass es grundsätzlich verschieden nuancierte Begriffe sind – dass es z.B. keine nennenswerte identitäre Verwendung von »westdeutsch« gibt, weil »westdeutsch« als der Regelfall konnotiert ist, vergleichbar mit Weißsein und Männlichkeit?

PN: Ja, so in etwa könnte es gehen: »Ostdeutsch« und »Westdeutsch« als Kategorien aufbauen, stark machen, um sie über ihre blinden Flecken jeweils zu desavouieren. Ein Buch, das das erstaunlich konsequent macht und auf das ich erst diese Woche gestoßen bin: Wolf Lepenies’ Folgen einer unerhörten Begebenheit, wobei der Titel insofern trügt, als es sich vielmehr – von alt-bundesrepublikanischer Seite – um die »Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit« handelt: »Überheblichkeit kommt in der Überzeugung zum Ausdruck, die DDR sei nun einmal ein totalitärer Staat gewesen, und daher biete der Osten des vereinten Deutschland heute in keinem Bereich der Politik, in keiner Sparte der Lebenswelt, in keinem einzigen Aspekt erlebter und erlittener historischer Erfahrung eine Alternative, über die im ganzen Deutschland ernsthaft nachzudenken sich lohne«. Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist die Rehabilitierung und Destruktion der Etiketten. Hier ein Beispiel, das – gerade in seiner Überzogenheit und ›typisch‹ deutschen Themenwahl – fast schon Teil einer (noch zu schreibenden) übergreifenden Geschichte der Mentalitäten wäre: »Westfahrer in Westautos sind langweilig; ihre Identitätsansprüche lassen sich bereits an den unterschiedlichen Automarken ablesen. Ostfahrer dagegen demonstrieren alle Stufen, in denen augenblicklich die deutschen Identitätswechsel vor sich gehen: Sie fahren in Ostautos mit alten Ostkennzeichen, in Westautos mit neuen Ostkennzeichen, in Ostautos mit Westkennzeichen, in Westautos mit Ostkennzeichen ohne Nationalitätenschild, in Ostautos mit Ostkennzeichen und übermalten DDR-Schild, in dem die beiden letzten Buchstaben unter unschuldigem Weiß verschwunden sind, in Ostautos mit Westkennzeichen und D-Schild und – unerlaubt, Gipfel der historischen Ironie und Ikone der Vergeblichkeit – in Westautos mit Westkennzeichen und altem DDR-Emblem. Sichtbar wird so ein Kaleidoskop deutscher Ungleichzeitigkeit.« (Ungleichzeitigkeit, darum geht es.)
Ein vierter Vorschlag wäre, zu überlegen, welche gesamtdeutsche Erzählung man überhaupt stiften möchte: Geht es um Deutschland, geht es um Europa? Die Einsicht, dass 89/90 zwei deutsche Staaten untergegangen sind, kann meines Erachtens nur bedeuten, an einem Narrativ zu arbeiten, das diese doppelte Geschichtserfahrung in sich einbezieht und die blinden Flecken, die es hier wie dort gibt, zum Motor ihrer eigenen Erzählung macht.
Und als fünfter Vorschlag, der allerdings über die Ebene kultureller Zuschreibungen hinausgeht, aber eben diese mehr bedingt als alles andere: Es wäre vermessen zu glauben, der Osten könnte es mit dem Westen aufnehmen, wenn es um die eigene Sprecherposition geht. Das wird auch in absehbarer Zeit nicht geschehen. Dennoch: Jedes Macht- und Herrschaftsgefälle hat eine materielle Basis. Insofern sollte man gerade diese Basis bei allen geschichts- und erinnerungspolitischen Fragen im Blick behalten. Dass die Rentenangleichung Ost-West 2025 kommen soll, ist angesichts der Zeit, die dann verstrichen ist, ja ein schlechter Scherz.
Hier ist übrigens eines der klügsten politischen Positionspapiere zum Thema, das ich seit Langem gelesen habe, und das viele unsere Punkte aufgreift.

MW: Dieses Grünen-Positionspapier habe ich noch nicht gründlich gelesen, aber es bringt mich auf eines meiner Lieblingsthemen zum ganzen Komplex Wende, Wiedervereinigung, Ost/West: Obwohl die Opposition in der DDR maßgeblich von der Umweltbewegung getragen wurde und die Umweltzerstörung maßgeblich zur Delegitimierung des Regimes beitrug, obwohl Ostdeutschland eine einzigartige natur- und umweltschützerische Erfolgsgeschichte darstellt, hat man heutzutage manchmal den Eindruck, dass das niemanden mehr interessiert, weder in Ost noch in West. Da gibt es auch anscheinend kaum Niederschlag in der jüngeren Literatur, bei Tellkamp ist es mal ein Seitenthema, mehr fällt mir da nicht ein.

PN: In der Gegend, aus der ich komme, Mecklenburger Seenplatte, ist der Natur- und Umweltschutz, so zumindest mein Eindruck, von vielen als Mittel zum Zweck wahrgenommen worden: Was funktioniert touristisch, vermarktungstechnisch. Wasserskianlage, Bootsanleger, Villen am See. Alle anderen Anliegen galten irgendwie als Luxusprobleme, da hieß es, die Grünen hätten im Stadtrat wieder diesen oder jenen Investor blockiert, und immer so weiter, bis sich niemand mehr für die Region interessiere. Arbeitslosigkeit war lange Zeit, bis in die Mitte der Nullerjahre hinein, einfach das bestimmende Thema.
Um es wieder mit einem Verweis auf ein Gespräch auszudrücken:
Das Integrationsparadigma forciert die Ungleichheiten mehr, als dass es ihnen entgegenarbeitet. Die These würde ich teilen! Die Frage ist nur, welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Wenn es nicht mehr die Leitidee der deutschen Einheit sein kann, die Ost und West zusammenhält, welche Erzählung ist es dann?

MW: Ich würde ja sagen, Einheitsideen braucht man überhaupt nicht. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Staat, ein Staatenverbund, ein Planet eine Zweck-WG ist. Ost und West, jetzt als geographische Gebilde im weitesten Sinne gedacht und nicht irgendwie identitär, sind ja in sich auch wieder völlig heterogen. Ich finde rein verwaltende Staaten, die kategorial einfach eine Ebene von Gebietskörperschaften sind wie Städte oder Regierungsbezirke, eine sympathische Sache – sympathischer jedenfalls als Staaten, die Ideen und Missionen für sich beanspruchen. Die großen Ideen à la allgemeine Menschenrechte, Vervollkommnung des Menschengeschlechts usw. leben auch, wenn sie nicht mit Nationalstaaterei amalgamiert werden: Das ist m.E. doch eine der großen impliziten Botschaften der Weimarer Klassik.

PN: Was soll ich sagen: Durch unser Gespräch fühle ich mich ostsozialisierter denn je. Durch die Umkehrung der Blickrichtung ist für mich aber auch deutlich geworden, wie sehr diese (un-)ausgetragenen Mentalitätsgeschichten Raum schaffen können für etwas Drittes, Viertes, Fünftes. Ich glaube, hier liegt auch ein großes poetologisches Potenzial, gewissermaßen ein Plädoyer für ein achronales, polyperspektivisches, materialgesättigtes Erzählen: Erfahrungsmuster zu bedienen, und sie gleichzeitig zu unterlaufen.

Im Folgenden noch ein paar Links, die im Gespräch nicht mehr direkt thematisiert wurden:

Photo by Joachim Jauker on Unsplash

Critical Westdeutschness – Teil 2 von 3: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil II: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Peter Neumann: Matthias, du bist vor drei Jahren nach Jena gekommen, aus Marburg: Wie waren deine ersten Eindrücke, gab es vor Ort, in Jena, besondere Begegnungen, Pfalz, Marburg, konnte damit irgendwer etwas angefangen, und: Wie haben Menschen aus deinem Umfeld reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du ›rübermachst‹, in den Osten? Ich stehe ja kurz davor, nach Oldenburg zu gehen. Abgesehen davon, dass die meisten nicht auf Anhieb wissen, wo Oldenburg liegt, gibt es eigentlich relativ wenig Vorbehalte. Man wartet ab. Wenn ich auf Lesungen oder Tagungen in den alten Ländern bin und erzähle, dass ich aus Mecklenburg komme, bleibt es meistens bei dem netten, unkomplizierten ›Ach, schön, da bin ich auch schon mal durchgepaddelt‹. Würde ich ›Brandenburg‹, ›Sachsen‹ oder ›Sachsen-Anhalt‹ sagen, sähe die Sache sicher anders aus.

Matthias Warkus: Reaktionen auf die Nennung von Jena waren üblicherweise »Ist das nicht in Sachsen?« oder »Ich kenne das nur vom Vorbeifahren, ist das nicht furchtbar hässlich?«. Das ist jetzt nicht ostspezifisch. Ich habe mich einmal mit einem bekannten Satiriker unterhalten, der ernsthaft davon überrascht war, dass in Jena günstige Wohnungen knapp sind (»Waaas, ist da nicht einfach alles völlig leer?«), das fand ich recht erschütternd. In meinem Umfeld gibt es jemanden, der sich vom Bauernsohn mit Volksschulabschluss bis zum Klinikmanager hochgearbeitet hat und auch geschäftlich nach der Wende viel im Osten zu tun hatte – bei dem fand ich die Redeweise über »diese Ossis« immer ziemlich kolonial. Ich habe Vergleichbares auch von anderen Westdeutschen bestätigt bekommen; das gönnerhafte Reden über »die da« ist auch nach fast 30 Jahren immer noch völlig üblich. Ansonsten fand ich die eine oder andere Reaktion interessant, die es als Indiz für eine Art »neue Normalität« genommen hat, dass ich »in den Osten« gehe, mit der Implikation, vor 10–20 Jahren sei das ja so noch nicht möglich gewesen. Wenn ich erkläre, wo ich herkomme, führt das weder im Westen noch im Osten zu großen Reaktionen, weil der langweilige, weinlose und strukturschwache Teil der Pfalz, aus dem ich stamme, hier wie da niemandem bekannt ist.

PN: Bei der Redeweise über Ost und West fällt mir auf, dass man im Fall der alten Länder viel eher bereit ist zu differenzieren, also regionale Unterschiede in die eigene Beurteilung miteinzubeziehen, sich auf Mentalitätsgeschichten, die oftmals sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen, einzulassen. Niemand würde auf die Idee kommen, die rheinische und bayerische Provinz umstandslos in einen Topf zu werfen. Man kann sie höchstens in eine geschichtliche Konstellation setzen: Ich habe mich neulich erst gefragt, was aus der Rheinischen Republik geworden wäre, hätte es sie gegeben. Und wie viel Geist von dieser separatistischen Bewegung in die junge Bundesrepublik eingeflossen ist. Adenauer hatte sich ja Ende der 1910er-Jahre, wenn er auch nicht aktiv an ihr beteiligt war, positiv zu ihr bekannt, als Gegengewicht zur preußischen Hegemonialstellung, eine Tradition, die heute zweifelhafterweise eher von der CSU fortgesetzt wird. Mit anderen Worten: Es gibt ungeheuer viel Geschichte aufzuarbeiten und diese Geschichte ist präsent. Beim Osten ist das anders. Als ich im Radio über Jena 1800 interviewt wurde, kam einmal aus einem Kölner Studio die Frage: »Herr Neumann, damals, um 1800, war Jena ein geistig-kulturelles Zentrum Europas, heute blickt man mit Sorge auf den Osten. Hat das für Ihre Arbeit eine Rolle gespielt?« Was soll man auf Fragen wie diese antworten? Fragen, die so ungeheuer voraussetzungsreich sind, weil sie den Osten bloß als Singular kennen, ohne geschichtliche Tiefendimensionen. Du sagst, du hättest die Redeweise über den Osten immer ziemlich ›kolonial‹ empfunden: Kannst du das spezifizieren?

MW: Das hat für mich zwei Hauptaspekte: erst einmal das Gönnerhafte, das nett oder lustig gemeinte Abwertende – »die da« geben sich ja Mühe, aber die Mentalität, das kriegt man aus denen nicht raus, die könnten so viel aus sich und ihren Ressourcen machen und tun es nicht. Das hat man, meine ich, durchaus auch in der Rede erfolgreicher Ostdeutschen über ihre »Landsleute«. Der andere Aspekt ist, davon abgeleitet, sozusagen die Selbstverständlichkeit des Verfügens über die ostdeutschen Ressourcen. Das ist das, was ich damit meinte, dass über Altbauwohnungen in Leipzig oder Berlin nie als von Wohnungen von Ostdeutschen gesprochen wird, sondern immer nur als Chance für Zugezogene.

PN: Apropos ›ostdeutsche Ressourcen‹, auch eine für mich exemplarische Geschichte, die mit Weimar als gesamtdeutschem Erinnerungsort zusammenhängt, der natürlich insbesondere nach 1990 umkämpft war. Mir ist neulich der FAZ-Artikel von Thomas Steinfeld vom 18.3.1999, also mitten aus dem Kulturhauptstadtjahr, in die Hände gefallen: »Sonderakte Goethe. Eine Trophäe für den Sozialismus: Wie die DDR die sterblichen Überreste Johann Wolfgang von Goethes unsterblich machen wollte«. Es geht um wiederaufgetauchte Akten, die belegen, dass Experten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 1970 Goethes Sarg öffneten, aus konservatorischen Gründen weiche Gewebereste entfernten und den Lorbeerkranz, der noch immer auf dem Kopf saß, mit Kunststoff verstärkten. Bei Steinfeld liest sich das wie ein Angriff auf ein nationales Heiligtum, als Versündigung, als Akt größter Brutalität, mit der man in der DDR versucht habe, eine »Trophäe« herzustellen, Geschichte sich zurechtzubasteln. Fakt ist: Die Akten waren frei zugänglich und unterlagen nicht der Geheimhaltung. Und: Die konservatorischen Maßnahmen, die von Franz Bolck, dem damaligen leitenden Pathologen und Rektor der Universität Jena durchgeführt wurden, wären auch nach heutigen Maßstäben zu rechtfertigen. Insofern: Natürlich hätte die Klassik-Stiftung souveräner mit ihrer Informationspolitik umgehen können, es war ja klar, dass so etwas früher oder später ans Licht kommt, jetzt, da es keine Auflagen mehr für westdeutsche Bundesbürger im Goethe- und Schiller-Archiv gab. Die Skandalisierung und an den Haaren herbeigezogene Unterstellung, hier zeige sich einmal mehr, dass die DDR eine »Gesellschaft von Verschwörern« gewesen sei, wirkt allerdings wie der Versuch, ›deutsche‹ Geschichte, über die man so lange Zeit in Westdeutschland nicht verfügen konnte, materiell nicht verfügen konnte, sich nun gewaltsam zurückzuholen, Deutungshoheit zurückzugewinnen.
Ich glaube, dass in diesem Akt westdeutscher Übergriffigkeit schon viel kulturkonservative Empörung über Gendersternchen und andere Diversitätsmarker drinsteckt – die frühe Kapitulation vor dem Gedanken, es könnte eine Geschichte geben, die womöglich ebenso viel Relevanz hat wie die eigene, von der man lange Zeit glaubte, sie sei die einzig mögliche. Ich denke ja, dass die spezifisch westdeutsche Signatur der Neuen Rechten bisher völlig verkannt wurde. Jana Hensel hat einmal die These aufgestellt, der Erfolg der AfD stelle die größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar (vgl. Hensel zu den Landtagswahlen, bezeichnenderweise austauschbar mit einem Bild aus Sachsen-Anhalt illustriert, obwohl dort gar nicht gewählt wird). Ich würde das Gegenteil behaupten: Die Etablierung einer Partei rechts der Union stellt die größte Emanzipationsleistung eines tief im anti-demokratischen Denken des wilhelminischen Obrigkeitsstaats verwurzelten westdeutschen Konservatismus nach 1945 dar. Aber bevor ich dazu irgendetwas sage: Gibt es für dich etwas, etwas, das du aus deiner eigenen westdeutschen Sozialisation kennst, von dem du sagen würdest: Das hat lange unter der Oberfläche gegoren und tritt jetzt offen zutage?

MW: Der Erfolg der AfD, deren überregionale Exponenten quasi allesamt 150%ige Wessis sind (Gauland, Weidel, Höcke, Tillschneider usw.), ist ungefähr so sehr eine ostdeutsche Emanzipationsgeschichte, wie es der Erfolg der CDU bei der Volkskammerwahl 1990 war, möchte ich behaupten. – Die Frage danach, was jetzt spezifisch Westdeutsches hochkommt, ist eine sehr gute! Aus der hohlen Hand heraus möchte ich mal vermuten: das ganze Thema Sozialstaatschauvinismus und »rohe Bürgerlichkeit«. Dass ein Freund von mir (katholisch, Vater Finanzbeamter) Anfang der 90er jemanden aus unserem Jahrgang als »Sohn eines Arbeitslosen« beschimpfte, dass ich engagierten Widerspruch erntete, und zwar nicht von irgendwelchen »Leistungsträgern«, sondern von alternativ angehauchten Kiffertypen, als ich, Zivi beim Sozialamt, ihnen erklärte, dass die allermeisten Hilfebezieherinnen alleinerziehende Mütter sind und Leistungsmissbrauch ein Randphänomen ist – das haben ja nicht die Ostdeutschen erfunden und in die Pfalz exportiert.

PN: Woher, glaubst du, kommt diese ›rohe Bürgerlichkeit‹, wann ist sie entstanden? In der Literatur taucht der Begriff, soweit ich sehe, ab den 90er-Jahren auf. Könnte das ein westdeutsches Nachwendephänomen sein oder ist das – wie gesagt – älter und lässt sich tiefer in der alten Bundesrepublik verorten? (Ich frage das, weil ich so etwas aus meiner Mecklenburger Landjugend in den 90ern gar nicht kenne, diesen Klassismus von oben.)

MW: Ich bin jetzt auch kein Fachmann für das ganze Thema bürgerliche Abwertung von »Minderleistern« usw., aber die ersten medialen Diskussionen um die angebliche Hängemattenfunktion von Transferleistungen in Westdeutschland datieren weit vor 1990: »Gemeinnützige Beschäftigung von Sozialhilfeempfängern: eine Art Arbeitsdienst oder ein Weg zur Humanisierung und Rationalisierung des Sozialstaates?« Großes Cave dabei: Das ganze Thema »rohe Bürgerlichkeit«, oder wie auch immer man es nennen will, ist ja zuerst einmal völlig vermint, weil man sich schon mit dem Ansatz einer Beschreibung in bestimmte Großtheorien einkauft. Ich persönlich habe aber z.B. keine Lust, mir zuschreiben zu lassen, ich hielte die Warenform für die Wurzel allen Übels. Zum zweiten scheint es sich ja um ein vielschichtiges Phänomen zu handeln, an dem sich derzeit Legionen von SozialwissenschaftlerInnen abarbeiten, ich weiß gar nicht, ob man da überhaupt Richtiges sagen kann, wenn man nicht tief eingelesen ist, oder ob man nicht riskiert, da genauso rettungslos zu vereinfachen wie die Leute, von denen man sich eigentlich abgrenzen möchte. Die DDR, in der ja kulturell das verkleinbürgerlichte Proletariat hegemonial war (während es im Westen kurz vor 1990 pi mal Daumen eher das akademisiert-aufsteigerische Angestellten-Bürgertum war: der Zeit lesende Elektroingenieur, der Studienrat mit Ferienhaus im Périgord, alle mit ihrem Alessi-Wasserkessel), kannte auch Abwertungsdiskurse gegen als arbeitsunwillig Wahrgenommene, nur dass es da die Figur von der staatlichen Hängematte nicht geben konnte. Möglicherweise hat sich da eine Art Zangenbewegung ergeben – die liberal-studierte Abwertung von der einen Seite, die blaumanntragende von der anderen.
Was sich sicher zügig um/nach 1990 ergeben hat, ist diese Verschmelzung von Abwertung vermeintlich Arbeitsunwilliger und vermeintlich Bildungsunwilliger. Das Hängemattenzitat von Kohl ist von 1993; noch 1992 schreibt Dirk Kurbjuweit eine lange Reportage über Sozialhilfe, die ganz ohne die Klischees von erblicher Verwahrlosung auskommt. Dann kommt aber schon bald diese Kulturalisierung und letztlich Rassifizierung, dass man anfängt, »die da« als aus familiären, erblichen kulturellen Faktoren heraus träge und unnütz zu zeichnen, was sich spätestens Anfang der Nullerjahre dann völlig stabilisiert hat. Ich glaube übrigens, dass sich da auch Klischees über westdeutschen »Sozialadel« und über arbeitslose Ostdeutsche miteinander vermengt haben.
Und man vergisst wohl auch gerne: Als die Mauer fiel, war das Phänomen Massenarbeitslosigkeit in Westdeutschland noch keine zehn Jahre alt – zwischen 1980 und 1982 hat sich die Arbeitslosenzahl auf 1,8 Millionen verdoppelt, erst kurz vor 1990 sinkt sie erstmals wieder ein wenig. Die Wellenlänge der Diskurse über sowas ist aber ungeheuer – an dem Kurbjuweit-Artikel sieht man, dass bestimmte Topoi in der Diskussion um Transferleistungen mehr als ein Vierteljahrhundert alt sind. Medial gesehen ist Arbeitslosigkeit als Großthema also gerade höchstens ein bisschen im Abklingen, dann kommt die Wiedervereinigung und hebt sie zumindest medial zu apokalyptischen Ausmaßen empor. Das hat derartigen Nachhall, dass man noch heute in sozialen Medien regelmäßig Kommentare sehen kann, in denen behauptet wird, die verdeckte Arbeitslosigkeit in Deutschland habe ein Ausmaß, das die Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den Schatten stelle. Also, ganz kurz und unwissenschaftlich (und belegt durch meine eigene beschränkte Lebenserfahrung): Zwischen 1990 und 2005 vollzieht sich eine Kulturalisierung und Para-Rassifizierung von Transferleistungsempfängern. Dann kommt ohnehin Hartz IV, was ja vor allem das sichtbar macht, was ohnehin schon geschieht (sanktionsbewehrte Arbeitspflichten gab es z.B. schon längst vorher), aber dem Ganzen noch einmal ein Etikett und gesonderte Aufmerksamkeit gibt. Mit »Fordern und Fördern« ist der staatliche Umgang mit Transferleistungsempfängern interessanterweise auch sehr kolonial: bis hin zur mehr oder minder offenen Forderung, man müsse »denen« ihre Kinder wegnehmen. Das kulturalistisch-genetisch Abwertende, das Koloniale, die Assoziation mit der legendären Bestie Massenarbeitslosigkeit, das spielt alles gegen arme Westdeutsche wie gegen die Ostdeutschen insgesamt.

PN: Weil du den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland Anfang der 80er-Jahre erwähnt hast: Die erste Hängematte war noch eine Sänfte und stammt von Erich Riedl von der CSU, der 1981 im Bundestag meinte, das soziale Netz sei für viele »eine Sänfte geworden, in der man sich von den Steuern und Sozialabgaben zahlenden Bürgern unseres Landes von Demonstration zu Demonstration, von Hausbesetzung zu Hausbesetzung, von Molotow-Cocktail-Party zu Molotow-Cocktail-Party und dann zum Schluss zur Erholung nach Mallorca tragen lasse«. (Mir gefällt die Detailliertheit der Ausführungen. Mir war auch gar nicht klar, dass Mallorca schon damals das deutsche Urlaubsparadies war. Hielt das bisher immer für ein 90er-Jahre-Phänomen.) Erstaunlicherweise ist das aber gar kein dezidiert konservativer Standpunkt Anfang der 80er, auch SPD-Leute wie Heinz Westphal denunzieren ganz offen den Sozialstaat, und das geht dann weiter über Kohls »kollektiven Freizeitpark« 1993 bis hin zu Schröders »Es gibt kein Recht auf Faulheit« 2001, das zurzeit durch Andrea Nahles’ Äußerungen zum Bedingungslosen Grundeinkommen ein trauriges Comeback feiert. Insofern halte ich die Reportage von Kurbjuweit für eine absolute Ausnahme. Es scheint, als hätte sich um 1990 schon einiges an altbundesrepublikanischer Hässlichkeit angestaut, das sich dann großräumig Luft verschafft und sich natürlich auch über die arbeitsunwilligen, bildungsfernen Ostdeutschen ergießt. Wenn man eine solche Genealogie zeichnet, bekommt so jemand wie Sarrazin, der ja das kulturalistisch-genetisch Abwertende völlig ungeschützt als vermeintliches Argument gebraucht, eine ganz andere geschichtliche Tiefendimension.

MW: Ja, dem möchte ich gar nicht widersprechen – mir geht es nur darum, dass der endgültige Umschwung hin dazu, Arbeitslosigkeit und Leistungsbezug als eine Art erblichen Makel zu sehen, m.E. erst deutlich nach der Wiedervereinigung kommt (dazu hier ein aufschlussreiches Diagramm). Noch ein Gedanke dazu, spezifisch zum Schluss: Ostdeutsch und westdeutsch – das sind insbesondere zwei verschiedene Arten des Sichsehnens nach einer in die Vergangenheit projizierten, imaginierten sozialen Wärme. Die Ostvariante davon ist völlig diskreditiert, die Westvariante ist bis in die Spitze des Kulturbetriebs nicht nur gängig, sondern wird regelrecht befördert (vgl. Illies, Seibt usw.). Wir müssen uns zuallererst darüber klarwerden, dass die Westdeutschen genauso in Retrotopien verhaftet sind wie die Ostdeutschen und das kritisch angehen.

PN: Und der springende Punkt an »Rhenish Supremacy« ist, dass die Verletzung im Osten relativ klar lokalisierbar ist, auch die Art der, wie es im Beitrag heißt, gegenwärtigen ›Retraumatisierung‹ durch Zuwanderung, Globalisierung etc., während die Wunde im Westen noch nicht einmal wahrgenommen bzw. einfach anders besetzt und dadurch verdrängt wird. Als besonders ›wütend‹, ›verdrossen‹ und ›roh‹ gilt dann nur die eine Seite. – Eine Sache, auf die ich noch zu sprechen kommen wollte: Als ich danach fragte, was gegenwärtig alles so Westdeutsches hochkommt, hatte ich noch etwas anderes im Sinn als die ›rohe Bürgerlichkeit‹. Mir scheint auch der völkische Nationalismus der Neuen Rechten sehr tief in die Geschichte der alten Bundesrepublik zurückzureichen und mit der Frage zusammenzuhängen, wie man nach 1945 als Konservativer überhaupt noch ›deutsch‹ sein konnte, ohne sich damit nicht verdächtig zu machen. Die unseligen Diskussionen über eine ›Dreiteilung‹ Deutschlands, die verlorenen Ostprovinzen, ›geistige Heimat‹, wie man das nannte, diese Diskussionen, die im Westen bis in die 80er-Jahre reichten (schlagend auch die Selbstverständlichkeit, mit der in dem Zeit-Artikel von 1984 von der ›ehemaligen Reichshauptstadt‹ Berlin gesprochen wird, ohne das zu kontextualisieren), waren ja nach der Wiedervereinigung nicht aus der Welt, sondern waren doch gerade bis dahin aufgeschoben worden, weil erst ein zukünftiger gesamtdeutscher Souverän über die Außengrenzen des Landes entscheiden sollte.

MW: Dazu passt übrigens perfekt dieser Aufsatz von Fritz-Gerd Mittelstädt über die Konstruktion von Heimat in der westdeutschen Nachkriegszeit…

PN: Absolut relevant! Und wie gut, dass er die Sache explizit mit der Frage nach Zeitgenossenschaft verbindet. ›Deutschland in den Grenzen von 1937‹ war ein gängiger Topos im Westen. Wenn man sich anschaut, was Gauland so als klassischer CDU-Konservativer, der er vielleicht mal gewesen ist, in den 90er-Jahren veröffentlicht hat, dann ist da viel von ›Konservativismus‹ und ›deutschen Traditionen‹ zu lesen.

MW: Ich weiß gar nicht, ob Gauland so klassisch CDU ist, immerhin hat er sich seinerzeit in Frankfurt für die Aufnahme vietnamesischer Flüchtlinge eingesetzt. Oder war so etwas damals klassisch CDU-konservativ, weil transatlantisch? – Dass die heutigen Neurechten zumindest auf der Führungsebene ein weitgehend westdeutsches Projekt sind, steht m.E. außer Frage (geradezu klischeehaft steht dafür der schwäbelnde, ostentativ katholische Kubitschek), und das hat natürlich auch vor 1990 angefangen. Hochinteressant zu den ganzen Vorgängen auf dem rechten Flügel seit 1990 ist übrigens die Personalie Rainer Zitelmann. Ich kannte den vom Namen über eine frühere Mitarbeiterin seiner Immobilienagentur, bevor ich irgendetwas anderes erfahren habe. Der ist eine Figur wie aus einem amerikanischen Roman – Strippenzieher der rechten Erneuerungsversuche nach der Wende, reich geworden mit irgendwas mit Immobilien, Bodybuilder und seit Neuestem »Reichtumsforscher«, das glaubt einem ja keiner.

PN: Ob Gauland nun ein klassischer CDU-Konservativer war hin oder her: Ich behaupte nur, dass die Suche nach einer großen deutschen Erzählung ein spezifisch westdeutsches Projekt war und ist, und dass die Gründe mit dem Geschichtsbild der beiden deutschen Staaten zusammenhängen. Während man im Westen bald zum überheblichen ›Wir sind wieder wer‹ überging, fing man im Osten an, stumpfsinnig Städte zu planieren, radikal geschichtslos zu werden.

MW: Was ich mich da frage, ist, ob die Wiederentdeckung des Nationalen in der DDR in den 80ern (»Sachsens Glanz und Preußens Gloria«, historische Rekonstruktionen usw.) mitgeholfen hat, den Boden dafür zu bereiten, was dann nach der Wende passiert ist.

PN: Es gab im Osten in jedem Fall eine Leerstelle im geschichtlichen Selbstverständnis, die durch keinen historischen Materialismus, keine Internationale aufzufüllen war. Interessant ist, worauf Bezug genommen wird: »Sachsens Glanz und Preußens Gloria« ist vom Gestus nicht so weit von der Weimarer Klassik entfernt. Und die hatte, davon erzählt die Bibliothek deutscher Klassiker, die noch heute jedes Ost-Antiquariat verstopft, in der DDR Hochkonjunktur. Klar, die Literatur der (westdeutschen) Gegenwart war im Handel nicht so frei erhältlich. Trotzdem frage ich mich, ob es darüber hinaus Gründe gab, genau auf diese Geschichte sich zu berufen.

MW: Ich habe übrigens noch Faktoiden für die koloniale Deutung: Soweit ich weiß, ist in der erdrückenden Mehrzahl der Ost-West-Ehen seit der Wende der Mann aus dem Westen und die Frau aus dem Osten. Und ich habe kürzlich bei den »Zeitfragen« auf DLF Kultur eine Diskussion über 25 Jahre Deutschlandradio gehört, in der u.a. Auszüge aus Befragungen von und mit Schülerinnen Ost- und Westberliner Schulen 1992 eingespielt wurden. Ich fand weniger die Inhalte bemerkenswert (Ossis dumm und faul, Wessis arrogant) als die Sprechweise – die Westberliner bemühen sich hörbar, unberlinisch, hochdeutsch-norddeutsch, schnöselig, erwachsen zu sprechen; die Ostberliner sprechen schweren Dialekt und hören sich viel jugendlicher an. Mag Zufall sein, wäre schade.

PN: Die rechten Wahlergebnisse zeigen jedenfalls Kontinuitäten bis zurück vor 1945. Im Osten wie im Westen.

(Der abschließende Teil 3 folgt voraussichtlich am 31. August.)

Photo by Clinton Naik on Unsplash

Critical Westdeutschness – Teil 1 von 3: Der westdeutscheste Mensch

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil I: Der westdeutscheste Mensch

Peter Neumann: Du hast einmal zu mir gesagt, du seist der westdeutscheste Mensch, den man sich vorstellen könne. Ich weiß nicht, ob ein Ostdeutscher das gleiche von sich behaupten könnte, weil überhaupt nicht klar wäre, auf welchen Zeit- bzw. Erfahrungsraum er sich damit bezieht. Es gab ja sehr unterschiedliche Weisen, in und mit dem Staat DDR zu leben. Und das gilt erst recht, seit dieser eine deutsche Staat nicht mehr existiert. Davon abgesehen: Ich kann schon mit der Kategorie ›Ostdeutschland‹ kaum etwas anfangen. Je mehr man über ›Ostdeutschland‹ liest, desto mehr bekommt man den Eindruck, es handelte sich tatsächlich um ein richtiges Land. Also: Was macht dich zum Westdeutschen par exellence?

Matthias Warkus: Da gibt es mehrere Punkte, die aber alle miteinander zusammenhängen. Ich komme aus einer Mittelschichtfamilie, ich bin das Kind zweier Bildungsaufsteiger, ich bin in einem Einfamilienhaus aufgewachsen, bei uns gab es schon im Kindergarten Kinder aus aller Herren Länder, obwohl ich aus der krassesten pfälzischen Provinz komme. Dass »alle« getauft sind und dass es einen irgendwie wichtigen Unterschied zwischen Katholiken und Evangelischen gibt (»protestantisch« sagt man bei uns nicht), war selbstverständlich, ich war auch in einem kirchlichen Kindergarten. Meine Mutter hat immer nur in Teilzeit gearbeitet, der erste Freund meiner Schwester war ein Pfarrerssohn. Das alles links des Rheins, nahe an der Westgrenze, mit starker Präsenz des (west-)deutschen, amerikanischen und früher auch französischen Militärs. Ich weiß genau, wo ich am 28. August 1988 war. Ich hatte eine Großtante in der DDR und Angst vor dem Atomkrieg. Und das alles war überlagert von einer (bis weit in meine Zwanziger hinein) völlig unerschütterlichen Überzeugung davon, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die soziale Marktwirtschaft so etwas sind wie das Ende der Geschichte.

PN: Dass du vom ›Ende der Geschichte‹ sprichst, finde ich bezeichnend: Denn wenn man eines mit Sicherheit über die 80er, also die späten Jahre der DDR sagen kann, dann, dass die Geschichte wieder ins Rollen kam, nicht nur in der DDR, im gesamten Ostblock, ganz prominent ja auch in Polen.

MW: Interessant, dass du Polen erwähnst. Ich denke mir die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen 1980 immer als den Punkt, ab dem endgültig klar gewesen sein muss, dass der Ostblock keine Zukunft mehr hatte.

PN: Auch der Letzte hatte begriffen, dass es politisch, ökonomisch, gesellschaftlich so nicht weitergehen konnte. Ich stelle mir die 80er Jahre immer als einen riesigen Gärballon vor. Und als dann die Menschen auf die Straße gingen, die Ausreisebewegungen über Ungarn und die Tschechoslowakei einsetzten, selbst da gab es kein klar definiertes Ziel, es ging vielmehr um eine Form der Selbstermächtigung: Geschichte sollte wieder verhandelbar werden. Manchmal kommt es mir vor, als wäre der Westen erst durch Schröder und die Agenda 2010 aus seinem altbundesrepublikanischen Schlummer erwacht, als klar wurde, dass die soziale Marktwirtschaft, der rheinische Kapitalismus, nicht das Ende der Geschichte ist. Und trotzdem ist immer noch etwas von dieser unerschütterlichen Sorglosigkeit zu spüren, dass alles gut werde, solange man sich an die bewährten, die altbekannten Erfahrungsmuster hält. Wo warst du denn am 28. August 1988? Ich muss zugeben, ich musste das Datum googeln und bin dann auf YouTube hängengeblieben. Das »Durchstoßene Herz«, als wäre es eine schlechte Headline, geradezu boulevardesk.

MW: Ich war bei einer Familienfeier bei meinem Onkel in der Vorderpfalz.

PN: Und wie hat euch die Nachricht erreicht?

MW: Ich weiß nicht mehr genau, wo die Nachricht ursprünglich herkam, aber mein Cousin erzählte auf einmal, da sei ein Unglück passiert mit irgendwelchen Raketen, er hielt die Flugzeuge für Raketen. Die Tragweite habe ich als Kind nie verstanden, sie ist mir erst nachträglich klargeworden. In Ramstein bin ich öfters gewesen, ich hatte manchmal außer der Reihe dort Klavierunterricht, in einer Schule mit unfassbar breiten Fluren, die Teppichboden hatten. Teppichboden! – Rammstein nehme ich ihren Namen übrigens bis heute erheblich übel, ich glaube, da geht es noch vielen anderen aus unserer Gegend so.

PN: Was dem Westen sein Teppich, war dem Osten sein Linoleum. Eigentlich wollten wir uns ja nicht über Stereotypen, Vorurteile unterhalten, aber anscheinend folgen Gespräche wie dieses einem eingeschriebenen kulturellen Code, bei dem bestimmte Marker zwangsläufig auftauchen müssen. Der Teppich ist ein großartiges Symbol für die alte BRD: irgendwie dumpf, irgendwie flauschig. Das einzige Mal, dass ich diesen markanten stechenden Geruch des DDR-Linoleums wahrgenommen habe, war im Schuhmuseum im Schloss Augustusburg in Weißenfels. Da gab es zumindest vor einiger Zeit noch eine Schuh-Ausstellung zu besichtigen, die original aus der DDR stammte, samt Bodenbelag.

MW: Bodenbeläge und charakteristische Putzmittelgerüche sind einfach etwas Atmosphärisches, was auf merkwürdige Weise regional und national abweicht, ohne dass es müsste. Frankreich hat z.B. eine ganz bestimmte Art, nach Putzmittel zu riechen. Im Treppenhaus zur alten Wohnung meiner Frau roch es wie in einer Kirche, vermutlich, weil auch dort Naturstein mit irgendetwas Traditionellem poliert wurde.

PN: Du hast vorhin gesagt, du hättest erst mit etwas Mitte Zwanzig deine unerschütterliche Überzeugung an deine Westsozialisierung verloren. Gab es dafür einen konkreten Auslöser, oder ging es darum, dass man ab einem bestimmten Alter beginnt, sich selbst historisch zu werden, Dinge noch einmal auf ganz andere Weise zu hinterfragen?

MW: Die Überzeugung ist eigentlich immer noch ziemlich stark, ich bin ja ein Mesoebenen- und Institutionen-Spezi und finde, dass vieles am deutschen Staats- und Gemeinwesen gar nicht so schlecht geregelt ist. Aber in den Nullerjahren bin ich auf Umwegen immer wieder mit linker Theorie in Berührung gekommen, hauptsächlich über Mensaflyer und Blogs mehr oder minder antideutscher Gruppen. Mein erster antideutscher Flyer 2003 hat sich mir bis heute eingeprägt: Es ging um die Proteste gegen den Irakkrieg. Joschka Fischer war für die Gruppe, die da schrieb, jemand, der den Holocaust vollenden wollte, weil er gegen den Irakkrieg war. Hannes Wader war jemand, der den globalen Atomkrieg herbeisehnte. Da wurde alles auf den Kopf gestellt oder auf die Füße oder worauf auch immer. Aber die Agenda 2010, das nur fürs Protokoll, hat mich nicht erschüttert. Ich habe meinen Zivildienst auf dem Sozialamt gemacht und hatte da von Anfang an einen differenzierten Blick. Witzigerweise habe ich indirekt für die Agenda gestimmt – ich habe auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Cottbus damals die Hand für den Leitantrag gehoben. Überrascht dich denn irgendetwas an meiner Schilderung oder ist das alles so, wie man sich das vorstellt? Und ist das so, weil Westdeutschsein halt irgendwie die langweilige, aber komfortable und akzeptierte Normalform des Deutschseins ist?

PN: Mich überrascht, wie deutlich die Gegensätze hervortreten: Ich könnte nicht von mir behaupten, dass ich mit einem großen Vertrauen in das deutsche Staats- und Gemeinwesen, in die Art, wie die Dinge in Deutschland laufen, groß geworden wäre. Das gab immer ein großes Unbehagen. Als ich 2015 auf der großen Gegendemonstration in Leipzig zum ersten Mal die Pegida-Slogans wahrgenommen habe, dachte ich: Den Sprech kennst du, und zwar aus der frühesten Kindheit, aus den 90er-Jahren, vielleicht nicht so sehr aus meiner Familie, aber aus meinem erweiterten Bekanntenkreis, als Stimmung in der Stadt, die vielleicht irgendwann einmal auf irgendetwas stolz war, Kinder bekam, aber aus gewissen Gründen dies in jüngster Vergangenheit besser sein ließ. Da liefen alle mit einer gebrochenen Biografie herum. Die geschlossene Erzählung, die gab es nicht. Insofern war ich erstaunt, als ich mitbekam, dass es im Westen so etwas wie ungebrochenes Deutschsein gibt, eine ungeteilte Identität, die sich noch nicht einmal als glückliche Ausnahme versteht, denn dann wäre sie ja wieder gebrochen, sondern als unausgesprochene Prämisse geschichtlicher Deutungshoheit. Was: Deine Mutter hat bloß in Teilzeit gearbeitet? Bei uns haben alle Mütter in Vollzeit gearbeitet, zu Hause blieben nur die, die keine Arbeit hatten. Was: Du bist in einen kirchlichen Kindergarten gegangen? Zum ersten Mal ernsthaft über Religion nachgedacht habe ich im Philosophieunterricht. Was: Es gab eine starker Präsenz alliierten Militärs? Die Kaserne, in der mein Vater gedient hat, war ein ehemaliges sowjetisches Speziallager und früheres Kriegsgefangenenlager, heute sind dort Geflüchtete untergebracht. Mich verblüfft die gnadenlose Selbstverständlichkeit, mit der Westdeutschsein zum Maßstab geschichtlicher Erfahrungen im gesamtdeutschen Kontext erhoben wird. Eine Art »Rhenish Supremacy«. Siehe dazu jüngst Sophie Passmann. 

MW: Emblematisch ist hier bestimmt auch, dass die erste (und lange einzige) Demonstration, von der ich so ein bisschen was live mitbekam, mit dem Einverständnis unserer Lehrer und unserer Schulleitung stattfand (es ging um irgendeine Bildungsreform, was sonst, langweilige landespolitische Sauce). Also sogar im Auf-die-Straße-Gehen herrschte irgendwie Ordnung und Zuversicht. Die gebrochenen Biografien gab es natürlich auch im Westen. Aber man konnte sie eben wegschieben, ich habe beim Sozialamt daran ja richtig tatkräftig mitgewirkt. Der Pultnachbar meines Vaters im Orchesterverein war ganz überrascht, als er erfuhr, dass es in unserer Gemeinde gar nicht so wenige Asylbewerber gab – na klar, die waren ja auch alle sorgsam in angemieteten Wohnungen untergebracht, und wenn es Stress gab, weil eine unserer »Kundinnen«, der etwas zu erklären sich nie jemand die Mühe gemacht hatte, den Putzeimer aufs Laminat leerte und den Boden ruinierte, gab es vom Amt halt Geld und beruhigende Worte für den Vermieter. Man sah nichts davon. Irgendwann (ich glaube, sogar noch vor 2015) haben sie aus der vor kurzem geschlossenen Bundeswehrkaserne eine Erstaufnahmeeinrichtung gemacht, spätestens da war dann alles sichtbar. Meine Eltern waren natürlich beide irgendwie in Flüchtlingshilfe involviert oder sind es heute noch.
Das hegemoniale Westdeutschsein ist eben auch nach innen hegemonial, es grenzt sich ja nicht nur gegen den Osten ab, sondern auch gegen die eigenen Merkwürdigen. Es gibt da sozusagen auch intersektionale Phänomene – wie westdeutsch ist Berlin-Mitte? Aber eine Leitdifferenz ist, dass gebrochene Biografien sich eben als Ausnahme verstehen. Deutschsein als Westdeutschsein (und das prägt sich ganz sicher bei Sophie Passmann in seiner höchsten Form aus) bedeutet vor allem erst einmal: keine Brüche, keine Uneindeutigkeiten. Das muss gar nicht einmal Spießertum im klassischen Sinne (oder in seiner Berliner Neo-Form) bedeuten. Es ist kein Zufall, dass das zutiefst westdeutsche, universell gestellte »Wir« zum Beispiel konstituiert wird, indem Gustav Seibt »So ist es gewesen« zu einem Buch sagt, das wie selbstverständlich vom Leser erwartet, dass er sich mit einer rheinländischen Reihenhausjugend identifizieren kann. Das »Wir« sind die Einfamilienhausmenschen – die z.B. wissen, was es heißt, »einen gemischten Kasten« aus dem Getränkemarkt mitzubringen, und die glauben, dass es etwas bedeutet, das zu wissen. Das »Wir« sind Leute wie ich und nicht Leute wie du, das ist ganz hart. Ich frage mich: Wie viel am Westdeutschsein ist einfach bräsiger Wohlstand? Kann man noch richtig westdeutsch sein, wenn man arm ist? Oder ist es kultureller, als man meint? Und wenn ja, wie? (Ich muss gerade an Bodentiefe Fenster denken und an das neue Buch von Anke Stelling, wo es ja anscheinend auch irgendwie wieder um Wohnen und Küchenfußböden geht, und über das die Kritik angemerkt hat, dass da doch irgendwie »Marzahn« als Sinnbild alles Fremden aufgebaut wird.)

PN: Der bräsige Wohlstand hat natürlich auch in den neuen Bundesländern Einzug gehalten. Ich kenne auch das Einfamilienhaus-Wir, die Bildungsaufsteiger, die Hecken, Zäune und Vorgärten, das große »Man macht das halt so«. Aber der Unterschied ist vermutlich, dass die Ausnahmen vom Wir immer noch Teil der Gesamterzählung sind. Selbst diejenigen, die sich nach 1990 ganz gut zurecht fanden, haben ein Bewusstsein dafür, dass es auch hätte anders kommen können. Insofern halte ich das Westdeutschsein tatsächlich zunächst einmal für ein kulturelles Phänomen, eine Frage der Sozialisation. Was nicht heißt, dass ökonomische Fragen, Fragen der gleichen Bezahlung, Fragen der Infrastruktur eine geringere Rolle spielten.

MW: Ganz direkt: Hast du im Hochschulbetrieb, im Literaturbetrieb, sonstwo das Gefühl, Anpassungsleistungen erbringen zu müssen, weil du nicht westdeutsch bist?

PN: Ich habe nicht das Gefühl gehabt, besondere Anpassungsleistungen erbringen zu müssen, auch wenn ich gerade im akademischen Kontext westdeutsche Habitus immer sehr bewusst wahrgenommen habe. Aber ich kenne viele Kommiliton*innen, Kolleg*innen, denen es damit anders geht. Was ich im Literaturbetrieb beobachte: Es gibt eine Verengung der Lesart: Wenn ich über ländlichen Gegenden in den neuen Bundesländern schreibe, weil mich der ländliche Raum, die latente, soziale Gewalt der Provinz eben interessiert, dann gilt man gleich als »Exponent einer wie auch immer beschaffenen ostdeutschen Nach-DDR-Literatur«. Und wenn man ein Buch über »Jena 1800« schreibt, dann kommt früher oder später die Frage nach »Chemnitz 2018«, als wäre Jena um 1800 ›ostdeutsche‹ Provinz. Dann frage ich zurück: Wie war es denn in Tübingen um 1800, im Evangelischen Stift, wie war es an der Karlsschule in Stuttgart? Es gibt einen blinden Fleck in der westdeutschen Geschichtsbetrachtung.

MW: Dergestalt, dass »Ostdeutschland« auch historisch gar nicht mehr anders als als »zukünftige ehemalige DDR« gesehen wird? Oder wie meinst du das?

PN: Ja, und der blinde Fleck der westdeutschen Geschichtsbetrachtung wird insbesondere dann sichtbar, wenn man die Blickrichtung einmal umkehrt: Dann ist auch »Westdeutschland« nichts anderes als eine »zukünftige ehemalige BRD«. Also ziemlich öde.

MW: Würdest du meine These unterschreiben, dass der westdeutsche gefärbte Blick auf Ostdeutschland (oder das Konstrukt davon) nicht davon zu trennen ist, wie (West-)Deutschland allgemein auf Unterschiede zwischen Stadt und Provinz blickt? »Ostdeutschland« wird immer rein auf Provinz reduziert, die Städte werden von vornherein ausgeklammert (Berlin, Leipzig, in geringem Maße auch Jena) oder auf provinzielle Aspekte (Nazidemos, Tristesse, leerstehende Plattenbauten) reduziert. Ein vollwertiges ostdeutsches urbanes Leben wird gar nicht anerkannt. Der Ostdeutsche an sich ist ein Dorfbewohner oder ein Insasse prononciert anti-urbaner (also im heutigen Sinne: bioladen- und cocktailbarloser, von Kettenläden geprägter) städtischer Siedlungen. Komisch auch, dass man sich den Ostdeutschen immer als Plattenbaubewohner vorstellt, während man die Gegenden, in denen er wohnt, jahrzehntelang als ein Eldorado von Altbauten betrachtet hat. Fast so, als sei es das Vorrecht der aus dem Westen Zugezogenen, in die Altbauten zu ziehen – vergleiche wieder »Marzahn« als Chiffre für das Andersartige bei Stelling, die 1991 von Stuttgart nach Berlin gezogen ist und Leipzig als Provinz betrachtet. Entsprechend wird ja auch Lukas Rietzschels Lausitz-Jugendroman »Mit der Faust in die Welt schlagen« als große Ostdeutschlanderklärung gelesen, obwohl es hauptsächlich eben ein Buch über Jungen in der Provinz ist. Weil Provinz halt irgendwie quintessenziell ostdeutsch ist. Wobei interessanterweise westdeutsch sein auch heißt, auf eine bestimmte Weise prononciert, zumindest von der Herkunft her kein Großstadtmensch zu sein. Hegemoniale Westdeutschheit ist auch provinziell markiert, allerdings eher mittelstädtisch als dörflich. Richtige Metropolen zu bewohnen ist vielleicht überhaupt nicht mit den etablierten Schablonen des hundertprozentigen Deutschseins zu vereinbaren.

PN: ›Provinz‹ meint zunächst einmal gar keine bestimmte Landschaft, schon gar keine eindeutig lokalisierbare Gegend, sondern eine spezifische Denk- und Lebensform, der man dann dieses oder jenes Etikett verpasst, zumeist natürlich negativ (rückständig, engstirnig, spießig). Ich will nicht bestreiten, dass es zwischen dem ländlichen Raum und spezifischen Provinzphänomenen (»Isso!«) starke Korrelationen gibt, das aber kurzzuschließen und damit einmal mehr den Gegensatz zwischen prononciert-aufgeklärtem Stadtleben und dumpf-zurückgebliebener Provinzexistenz zu zementieren, der im Grunde überhaupt kein Gegensatz ist, widerstrebt mir nicht nur, es widerspricht auch meinen Erfahrungen, die ich in und mit der Provinz gemacht habe. Provinz, das ist auch Geduld, Konzentration, Liebe zum Detail, gerade auf dem Land, aber nicht nur. Und jetzt kommt zu dem schiefen Gegensatz von Stadt und Provinz auch noch der schiefe Gegensatz zwischen West und Ost hinzu, und man braucht nur mit der Bahn am Rhein entlang zu fahren, um genau jenes Gefühl dumpfer Beklemmung zu bekommen, das vielfach mit der Provinz und dem Leben in neuen Bundesländern, in »Dunkeldeutschland« assoziiert wird. Am Rhein ist es stockfinster. Frank Witzel und Philipp Felsch haben das mit »BRD Noir« auf den Begriff gebracht: Wer heute in die alten Bundesländer reist, wird den Eindruck nicht los, in eine von der Geschichte abgehängte Provinz zu kommen, in eine Wostalgieblase. Und wenn dann, wie du sagst, »Ostdeutschland« auf Provinz reduziert wird, als gäbe es das im Westen nicht auch, als hätte es das nicht immer schon gegeben, als gäbe es nicht auch Städte wie Hildesheim, Pforzheim, Fulda, die eine echte Herausforderung darstellen, wenn man dort, aus welchen Gründen auch immer, ›heimisch‹ werden möchte, dann drückt sich darin ein sehr altes Verständnis von Provinzialität aus, womit wir endlich zu dem Vorrecht der Zugezogenen und den herrlichen Altbauvierteln in Leipzig und Berlin kommen: die (römische) Provinz als erobertes und beherrschtes Gebiet.
Und spätestens an dieser Stelle wird dann deutlich, dass es bei »Rhenish Supremacy« nicht um bloße Vorurteile in die eine oder andere Richtung geht, sondern um reale Macht- und Herrschaftsfragen. Natürlich: Es gibt auch den kritischen Blick auf die westdeutsche Provinz, gerade in der Literatur: Jan Brandt, Georg Klein, Frank Witzel. Nur sind das eben Ausnahmen. Und es kommt neben der von Dir schon benannten Übergriffigkeit eines ›So ist es gewesen‹, auch vielfach zu einer Verklärung eben jener westdeutschen Landstriche. (Wo steckt die Hausfrau bloß?) Florian Illies, der aus Schlitz bei Fulda stammt, ist da vielleicht das beste Beispiel: Man braucht nur Ortsgespräche (2006) aufzuschlagen und die witzig gemeinte Überschrift des 1. Kapitels zu lesen: »Geschlossene Ortschaft. In welchem erzählt wird, wie Tante Do die Marilyn Monroe der Schlitzerländer wurde und wie dieses gallische Dorf erst dem Kaiser, dann den Russen und den Amerikanern und schließlich auch der Moderne widerstand. Und wie es fast gelungen wäre, den Siegeszug der Eisenbahn und des Autos zu verhindern. Nebst einem Lobgesang auf Arschbomben, dreistellige Telefonnummern, Schnauzer und den Sirenenalarm samstags um zwölf«. Oh, Sirenengesang!

MW: Ha, Sirenenalarm. Ich bin ja unter Tieffliegern groß geworden. Ich weine den Sirenen keine Träne nach! Als Kind war mir schon irgendwie klar, dass Tiefflieger und Sirenenalarm irgendetwas miteinander zu tun hat, furchtbare Angst hatte ich vor beidem. – Wir können also festhalten, dass wir es mit mehreren Unterscheidungsachsen zu tun haben, nämlich Stadt–Land, Provinz–Metropole, gut–schlecht, normal–unnormal, Ost–West, die eben meistens gleichgesetzt werden, nur nicht immer – indem zum Beispiel die westdeutsche Provinz, wiederum reduziert auf Klischees von Mittelschichtwohlstand und tief in den 50ern verwurzelter Ordentlichbürgerlichkeit, eben als paradigmatisch gesehen wird. Das verbaut dann auch den Blick auf die spezifisch westdeutschen Probleme – neben der Schwierigkeit, sich in Hildesheim, Pforzheim, Fulda niederzulassen, fällt mir da die spezifische ästhetische Kaputtheit vieler westdeutscher Dörfer ein, die dadurch gekennzeichnet sind, dass bis in die 80er hinein von privater Seite unfassbar geschmacklos gebaut und renoviert wurde, während die Gemeinden sich durch überdimensionierte Bürgerhäuser, Schulzentren und allerlei Waschbetonaccessoires hervortaten.

(Teil 2 folgt voraussichtlich am 29. August. Zum Ausdruck »Critical (West-)Deutschness« vgl. auch den Beitrag von Julia Schramm in diesem Sammelband.)

Photo by Kai Oberhäuser on Unsplash

Precht, Picard und der Premiumtarif – »Jäger, Hirten, Kritiker«

»[E]in steriles Raumschiff ohne jedes Grün, fantasieverlassen wie ein Atombunker« – so beschreibt Richard David Precht auf Seite 9 von Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft (Goldmann, 5. Aufl. 2018) das Schiff von Jean-Luc Picard, den er eingangs zitiert hat. Eigentlich möchte man an dieser Stelle schon wieder aufhören zu lesen, denn die Enterprise D verfügt nicht nur über ein Arboretum, sondern ist auch so vollgestopft mit Zierpflanzen, dass sich Fans darüber bis heute beömmeln. »[F]antasieverlassen« ist ein Schiff, das beliebige virtuelle Realitäten generieren kann, dessen belesene Besatzung regelmäßig Theateraufführungen (von Klassikern und eigenen Stücken), Kammer- und Jazzkonzerte veranstaltet und auf dem Kinder hingebungsvoll kunstpädagogisch betreut werden, sicherlich auch nicht.

Precht schreibt nun nicht über Star Trek. Aber wie so oft frage ich mich, warum es sein muss, dass in deutschen Sachbüchern so viel unnötiger Unsinn steht. (Und warum so viele davon anderweitig veröffentlichte Texte einschließen – hier mindestens eine von Prechts Handelsblatt-Kolumnen –, dies aber nirgendwo ausweisen, sondern sich als originäre Monographien ausgeben.)

Das Thema des ausrufezeichensatten Traktats ist eine der drei großen Säue, die in der deutschen Medienlandschaft derzeit durchs Dorf getrieben werden (nicht gerechnet das »Flüchtlings«-Thema, das keine Sau ist, sondern ein rosa gestrichener Schützenpanzer): »Digitalisierung«. Für Precht herrscht, ungeachtet der Tatsache, dass die Anzahl der in Industriegesellschaften Erwerbstätigen auf der Welt gewaltig steigt (in Deutschland übrigens seit 2006 ohne nennenswerte Unterbrechung), Sicherheit, dass bereits in wenigen Jahren die Prognosen der Consulting-Kassandren voll greifen und Millionen Überflüssiggemachte unter keinen Umständen mehr in den regulären Arbeitsmarkt zurückkönnen. Bei der Vorstellung dieses Szenarios schimmert eine gewisse Misanthropie durch, etwa, wenn Precht unterstellt, »völlig unterentwickelte Länder wie der Kongo, die Zentralafrikanische Republik, der Südsudan, Somalia oder Afghanistan« würden sich nie zu Konsumenten von Hochtechnologie entwickeln können, und aus dieser fragwürdigen Prämisse noch fragwürdiger schließt, der Weltmarkt sei insgesamt gesättigt und daher »der Kuchen heute verteilt« (30). Aber irgendwie muss ja erklärt werden, dass die neue industrielle Revolution, anders als alle vorhergehenden, permanente und nicht bloß vorübergehende Massenarbeitslosigkeit auslösen soll.

Es drohen jedoch nicht nur Heere von Langzeitarbeitslosen. So werden etwa altfränkische Handelsbräuche entwertet: Neukunden bei Versicherungen, Telekommunikationsfirmen usw. bekommen günstigere Tarife als Altkunden (»Aus Treue zum Kunden ist Verrat geworden«, 74). Angesichts der mehrfachen Erwähnung des Phänomens (53, 74, 210 u.a.) scheint Precht an der gegenwärtigen Gesellschaft und erst recht der Digital-Dystopie, vor der er warnt, kaum etwas mehr zu stören. Einkaufszentren und Ketten lassen zudem kleinere Städte veröden (175f.; hier fällt auf, dass Precht der kopfkratzwürdigen Meinung zu sein scheint, die BWLer-Hochburg Mannheim sei keine prosperierende Stadt). Schlussendlich ist, wiegen und tanzen und singen die Konzerne den Nachwuchs erst ein, die Lahmlegung von allem zu erwarten, was an Jugend gut und richtig ist: Die Herabsetzung ganzer Generationen als »egoistisch, ungeduldig und faul« (76) ist für einen deutschen Sachbuchbestseller unverzichtbar und darf auch hier daher nicht fehlen. Wo ein Manfred Spitzer oder Michael Winterhoff noch auf aktuelle Kinder und Eltern schimpfen muss, ist Precht allerdings einen Schritt weiter: Er schilt noch ungeborene Twentysomethings schon heute für ihre weltlose, unmündige und motorisch inkompetente Existenz im Jahre 2040. Durchgängig stellt Precht dabei klar, dass die USA, genauer: das Silicon Valley, der Ursprung allen Übels sind und ggf. auch die schlimmsten Auswirkungen zu befürchten haben – »Milizenbildung mit Pogromen« prophezeit er im vierten Jahr von Pegida »in den USA, aber vielleicht nicht nur dort« (249).

Nun möchte das Buch qua Untertitel »eine Utopie für die digitale Gesellschaft« sein, mithin anraten, was wir tun können, damit es nicht so kommt. Dazu macht es folgende Vorschläge: 1. Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von ca. 1500 Euro monatlich, finanziert aus Finanztransaktionssteuern; 2. Reform des gesamten Bildungssystems, mit dem Ziel, intrinsisch motivierte Menschen hervorzubringen, denen tätige Autonomie wichtiger ist als Effizienz und Problemlösungsdenken; 3. staatliche Durchsetzung der informationellen Selbstbestimmung: harter Datenschutz, Automatisierung und Überwachung der Lebenswelt nur mit Zustimmung der Bürger, starke Staatsbeteiligung beim Betrieb der IT-Infrastruktur. (Ein Kurzabriss des Programms, minus die Bildungsreformen, steht dankenswerterweise auf S. 259f.). Ganz möchte Precht der technischen Modernisierung ihren Nutzen dabei nicht absprechen: Auf dem Feld der Mobilität (188–193) und der Medizin (193–199) begrüßt er die bevorstehenden Umbrüche und zeichnet ein freundliches Bild der durch sie eröffneten Möglichkeiten.

Entgegen dem marxschen Titel des Werks werden kaum je Besitzverhältnisse thematisiert. Die Klage, dass internationale IT-Konzerne ihre Gewinne aus Europa abziehen, ist schon das Höchste der Gefühle. Die Zukunft soll ganz explizit staatskapitalistisch und sozialdemokratisch sein: »Wir werden wieder mehr Sozialismus in den Kapitalismus implementieren müssen, um die aufsteigende Linie von Bismarck über die Freiburger Schule fortzusetzen« (253). Der bildungsreformerische Teil des Programms ist für Precht anscheinend deswegen nötig, weil dem grundeinkommenfinanzierten Teil der Gesellschaft nicht ohne Weiteres zuzutrauen sein wird, dass er seinen Tag mit Sinnvollem verbringt und nicht bloß ins Handy stiert (das entsprechende Kapital heißt auch ganz instagrammerisch: »Gute Ideen für den Tag. Neugier, Motivation, Sinn und Glück«, 150). Letztlich ist die prechtsche Utopie nach wie vor eine Gesellschaft, in der ganz wie in unserer die abhängigen Einzelnen dazu angehalten sind, diszipliniert, bildungsbeflissen, »kreativ« und »individuell« zu sein; ihnen droht andernfalls allerdings nicht mehr die materielle Armut, sondern nur das Versacken in einem von Prechts Milieu als minderwertig abgestempelten Lebensstil, also das, was bereits heute Menschen, die von Staatsleistungen leben, flächendeckend vorgeworfen wird. Dazu passt Prechts nicht im Buch zu findende, aber anderweitig hinreichend bekundete Intention, Grundeinkommensbeziehende von der Fortpflanzung abzuhalten, die geradewegs aus der mainstreamigen Transferempfänger-Verachtung der Nullerjahre entsprungen scheint.

*

Prechts Traktat ist weitgehend ein Zusammenschrieb von seit mindestens 40 Jahren zustimmungsfähigen Allerweltsthesen (dass z.B. nicht der zufriedene, sondern der »immer wieder neu unzufriedene« Konsument das Ziel der Ökonomie sei, 211, ist spätestens seit Vance Packard 1957 popkultureller Gemeinplatz). Zwischendurch sollen hübsche Kalendersprüche die Wirkung verstärken, wenn eines der vielen Ausrufezeichen nicht mehr ausreicht, gerne kursiviert: »Wer das Glück messen will, hat es nicht verstanden!« (152); »Alle reden von Lösungen – Philosophen nicht!« (181; beide Hervorh. im Orig.). (Übrigens reden Philosophen dauernd von Lösungen. Auch Precht tut das.) Precht bedient es sich zwar eines großen Inventars an philosophischen Floskeln und Namen, entwickelt aber nirgendwo so etwas wie begriffliche Strenge, argumentative Stringenz oder auch nur einfachste kritische Tugenden wie das Hinterfragen populärer Überzeugungen. Wenn er etwa schreibt, dass die »Weltbevölkerung immer rasanter zun[ehme]« (80), ist dies schlicht völliger und unentschuldbarer Unsinn – seit 1963 hat sich das Weltbevölkerungswachstum ungefähr halbiert und ist auf einem weiterhin nachhaltig fallenden Trend.

Eine wirkliche »Utopie« im Sinne eines ausformulierten Szenarios, in dem klar wird, wie die Elemente eines hypothetischen Gemeinwesens ineinandergreifen, ist sein Buch entgegen dem Untertitel auch nicht. Prechts Ziel ist, soweit man es erkennen kann, ein ruhigeres, grüneres, autoärmeres Europa, bevölkert von gesunden, achtsamen, feinsinnigen Menschen, die glücklich von Staatsknete leben, weil sie in der Schule gelernt haben, dass gemeinsam kochen viel schöner ist, als zu viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen oder sich von technischen Dispositiven zur Selbstoptimierung peitschen zu lassen. Aber wie verbinden sich die beschriebenen Elemente dazu? Was außer frischem Gemüse und einem guten Gewissen springt für Normalbürger dabei heraus? Was ist das positive Versprechen? Welche Lebensinhalte möchte Precht in den Räumen sehen, die durch Reformpädagogik und bedingungsloses Grundeinkommen offen gehalten werden sollen?

Letztlich scheint er etwas Gefühliges, was mit irgendwie echtem Leben, Handwerk, Kultur, Treue zum Kunden und möglichst wenig Geldverdienen (»Abschied vom Monetozän«, 241) zu tun haben soll, retten zu wollen. Und zwar nicht nur vor der Digitalisierung und dem Kapitalismus in sich, sondern auch deren Auswirkungen, wie z.B. der angeblichen weltweiten Nivellierung der Männermode herunter zur »Einheitszivilisation in Hoodys und Sneakers« (87 u. passim) und überhaupt der Verwandlung von Männern in »beinglatte Wollmützenjungs« (85). Precht beklagt einen geschehenen und noch kommenden Verlust von »Heimat«, »Authentizität«, »Geborgenheit« und »Instinkt für die Realität« (78f.), ohne irgendwie auf den Punkt zu bringen, was damit gemeint sein soll – was gerade mit Rückgriff auf Philosophen wie Martin Heidegger, Hubert Dreyfus und Sean Kelly machbar, dann aber auch angreifbar wäre. (Einiges spricht aber dafür, dass Precht Letztere rezipiert hat, wenn er sie auch nicht nennt: »Wer seinem Navigationssystem auf dem Smartphone folgt, muss nicht mehr nach dem Weg fragen«, 208, ist ein Leitbeispiel in Dreyfus/Kellys All Things Shining.)

Precht weiß auch nicht konkret zu sagen, was das Gegenbild, die zu rettende »Kultur« eigentlich sein soll, bzw.: Er hält sich mit Festlegungen dazu zurück, weil er womöglich weiß, dass es keine seriösen empirischen Belege dafür gibt, dass in den westlichen Industriegesellschaften tatsächlich irgendein relevantes »Verschwinden von Kultur« stattfände, eher im Gegenteil. Unfreiwillig komisch wird es, wenn er eigene Lebensstilpräferenzen schildert (Sammeln antiquarischer Bücher, Schuhe kaufen in Rom, Wochenmärkte in der Provence, 174–176), die nicht nur klischiert sind, sondern auch noch völlig gestanzt beschrieben werden (»ich liebe […] den Geruch, das Aussehen und die Haptik alter Bücher«, 173). Wenn man all das liest, kann man Angst bekommen, dass die von Precht befürwortete basisdemokratische Hoheit der Wohnbevölkerung darüber, welche IT-Infrastruktur es in welchen Stadtteilen gibt, nur dazu führen würde, dass die ungleichheitsfördernde Bullerbüisierung der Lieblingsorte geschmackssicherer und kinderreicher Akademiker noch schneller voranschreitet.

Die vorgetragene Kulturkritik sinkt stellenweise auf das Niveau konservativer Lokalzeitungskolumnen ab; ich musste zuerst an den Meinungskasten in der Sonntag Aktuell vor vielen Jahren denken, aber ich befürchte, mit einem Vergleich täte man Ernst Elitz Unrecht. Man beachte im folgenden Precht-Zitat abermals den klüglich ergatterten Premiumtarif als Paradigma des Verfalls:

[D]ie Konditionierung, vor allem an sich selbst zu denken und andere dabei auszumüllern, ist längst im Gange und älter als die Digitalisierung. Wer tagtäglich indoktriniert wird, sich Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen, genießt eine staatsbürgerliche Erziehung von zweifelhaftem Zuschnitt. Ein Milliardenaufwand an Werbegeldern bombardiert die wackeligen Behausungen unserer Werte: die Moral der Kindheit, ein kleiner, meist winziger Rest Religion und ein bisschen Demokratieverständnis aus der Schulzeit. Ein ungleicher Kampf. Niemand fragt heute mehr, ob sein Premiumtarif gegenüber anderen fair ist. (210)

Strategisch befleißigt Precht sich einer Rhetorik, die man eher aus dem rechten Spektrum kennt: Indem er behauptet, sich gegen einen Mainstream zu stellen (der die »Digitalisierung« bagatellisiere und in Untätigkeit verharre), verkauft er seinen Lesern Gemeinplätze, auf die sich das FAZ-affine Abnickermilieu, das in Deutschland jeden Kulturpessimismus begierig schluckt, ohnehin seit Jahrzehnten geeinigt hat. Leider zeigt Precht zumindest punktuell auch inhaltliche Nähe. Wessen Ideen er etwa mit seiner pauschalen Abwertung bestimmter Länder als unentwickelbare Höllenlöcher oder seiner Klage darüber, wie kulturlose »Einheitszivilisation« und Entmännlichung von Amerika aus um den Globus gebreitet würden, reproduziert, weiß er vermutlich selber nicht.

Ich hoffe es zumindest. Denn wenn eine derartig präsente und hofierte Intellektuellenfigur wie Precht, die über eine kaum schätzbare mediale Feuerkraft gebietet, knallrechte Topoi nicht bloß versehentlich, sondern sehenden Auges duplizierte – dann könnte man wirklich ganz Deutschland sagen wie Patrick Bahners der SPD: »Macht den Laden dicht, ihr Deppen.«

Anhang: Das Beste aus 270 Seiten Precht

  • »Ströme von Geflüchteten fließen wie ein Delta ins Mittelmeer« (9)
  • »Die Biodiversität menschlicher Kultur wird immer kleiner.« (35)
  • »Content. (Menschen ohne echte Bildung und Herzensbildung erkennt man an der Verwendung dieses Wortes.)« (158)
  • »Geld halbiert sich, wenn man es teilt – Zeit nicht!« (165, Hervorh. im Orig.)
  • »Wie schön, wenn das Deutschland der Zukunft einmal tatsächlich das Land der Dichter und Denker sein würde und nicht das der Gammler und Gamer!« (180)
  • »das Qualitätssiegel deutscher Produkte ist höher als das der US-amerikanischen« (187f.)
  • »Wer in Beirut über eine rote Ampel geht, wird von der Polizei dafür nicht belangt. In Bayreuth dagegen ist das Risiko höher.« (205)
  • »Für dieses Buch war es mir wichtig, den Weg der Utopie mit einem Traktor zu befahren – und nicht mit einem Luftschiff.« (266)
  • »Pessimismus ist keine Lösung!« (269, Hervorh. im Orig.)

Photo by Riley McCollough on Unsplash

Mit dem Bloggerbus nach Görlitz – Lukas Rietzschel, »Mit der Faust in die Welt schlagen«

Da war ein Verlagsgebäude und ein Bloggerbus daneben. Um halb neun stand ich da, trank Kaffee und wartete auf die Blogger, die nicht pünktlich gekommen waren. Dann ab in den Bus, dort Saft und Avocadobagel, Klimaanlage und Vorstellrunde, Stadtverkehr. Ein Busfahrer mit langen Haaren. Social-Media-Mitarbeiterin mit Dutt. Keine Servietten da. Ein Papiertaschentuch sollte meine helle Leinenhose notdürftig schützen. Der Autor des Romans war anwesend, Lukas Rietzschel, »Mit der Faust in die Welt schlagen« hieß das Buch. Nach einiger Zeit: Brandenburg und Alleen.

Umschlag »Mit der Faust in die Welt schlagen«Der Autor erklärte uns, dass in Ostdeutschland viele Menschen noch auf dem Land wohnten, dass es wichtig sei, sich das zu vergegenwärtigen; an einem Trafohäuschen ein Graffito »ENERGIEZONE #judendynamo«. Irgendwo im Bus redeten ein Blogger und ein Richtigjournalist so über Ostdeutschland, als wäre es ein fremdes Land. 28 Jahre nach der Wende.

Nichtberliner bekamen keine Reisekosten erstattet. Ich war auf eigene Rechnung aus Jena gekommen. Am Vortag, hatte bei einem Freund übernachtet, von Görlitz zurück dann per Bahn. Der Autor erklärte uns einige Grundlagen zu Ostdeutschland, beispielsweise etwa zum Thema Bevölkerungsschwund. Irgendwo ein alter Schriftzug: »Ernst Thälmann« und so weiter. Der Autor machte auf die Klischeehaftigkeit des Ganzen aufmerksam und all die Berliner kicherten wiederholt. Der Buchhandel in Ostsachsen wird komplett von Thalia beherrscht. Das erklärte uns eine Verlagsvertreterin, die seit der Wende das Gebiet bereist. Es liege halt daran, an wen die Treuhand verkauft hat.

In Döbern eine Kristallpyramide. Der Autor fand es amüsant, dass die Döberner sehr stolz auf diese Pyramide seien, in der Glasartikel verkauft werden, irgendwie die größte Europas. (Der Inhaber steht längst wegen Subventionsbetruges vor Gericht. Er hatte zugesagt, Döbern die Glasfabrikation zu erhalten. Nach Zeugenaussagen gibt es aber schon seit Jahren keine Glasfabrikation mehr. Was in dieser Klammer steht, habe ich selbst recherchiert, denn auch wenn es die meiste Zeit nur schlechten Empfang gab, manchmal funktionierte das Internet dann doch.) Viele betonten, dass sie sich wie auf Klassenfahrt fühlten. Ich hatte eher den Eindruck, mich auf einer ethnographischen Ostdeutschlandexpedition für Berliner Medienmenschen zu befinden.

»Wir gehen eben hoch.« Der Aussichtsturm bot einen Blick über den Tagebau Nochten bei Weißwasser. Es war etwas diesig, daher waren die Bagger und Förderbrücken kaum erkennbar. Eine Mitreisende erwähnte, dass sie neulich ihren ersten Halbmarathon gelaufen war. Inzwischen hatte sie wieder angefangen zu rauchen, obwohl sie gehofft hatte, dass nicht. Im Veranstaltungssaal war es kaum erträglich schwül. Der Verleger stellte seinen Autor vor und dieser las dann das elfte Kapitel seines Romans. Leider manchmal etwas nuschelig. Anschließend gab es eine kurze Diskussion. Dabei ging es interessanterweise vor allem um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der sorbischen Minderheit in Sachsen, obwohl das im Buch allerhöchstens ein Randthema genannt werden kann. Das Kapitel spielte in Hoyerswerda. Brandspuren kamen vor. Möglicherweise des Pogroms oder anderweitiger Brandstiftungen. Der Autor subsumierte dies darunter, im Strukturwandel sei in Ostsachsen allgemein viel randaliert worden.

Dann fuhren wir wieder Bus, weiter nach Görlitz. Die Social-Media-Mitarbeiterin hatte eine Powerbank. Ich nutzte die unerwartet lange Fahrt dazu, ein gutes Stück des Buchs zu lesen und darüber nachzudenken. Wie schon bei der Lesung bemerkt, ist der Stil des Buchs ein äußerst kleinteilig beschreibender, lakonischer und weitgehend adjektivloser Realismus. Ich habe einmal mit einem vielfach preisgekrönten Romanschriftsteller über Adjektive geredet. Weder er noch ich als Wissenschaftsredakteur konnten uns erklären, was an Adjektiven eigentlich so schlecht sein soll. Manche Wörter und Ausdrücke Rietzschels waren etwas hölzern, aber das machte nichts. Das Buch ist kein Buch, das geschrieben wurde, um stilistisch zu renommieren.

Eine Stunde verspätet Ankunft in Görlitz. Eine Führung durch das Jugendstilkaufhaus. Es soll jetzt durch den Investor mit einer bestehenden Mall verbunden werden. Oben ein Restaurant rein. Der Autor erklärte hinterher, dass der Investor rassistisch und sexistisch sei. Er war ohnehin gut informiert, hatte Ahnung von Stadtentwicklung und auch von der Görlitzer Kommunalpolitik. War »der jüngste Meistererzähler aus Sachsen«. Das meinte zumindest der Verleger (Kulturwirtschaftsglatze, Kulturwirtschaftsbrille, offenes Kulturwirtschaftshemd).

Der Rückentext von Jan Brandt sagt, es gehe um vom Kapital Entmündigte. Nicht wirklich. Der Klappentext des Verlags spricht von Verlust von Heimat. Auch das erscheint mir ein bisschen unglücklich formuliert. Es geht um Jugend. Zwei Brüder wachsen in der Lausitz auf. Sie werden groß, gehen zur Schule, machen Ausbildungen, und am Ende zündet einer von ihnen eine Flüchtlingsunterkunft an. Heimat ist kaum zu sehen. Von Anfang an ist die Umgebung lieblos, abwertend.

Männlichkeit ist ein großes Thema. Kleine Jungs, die Angst vor Berührungen haben. Autoritäre und wortkarge Familien machen autoritäre und wortkarge Kinder. Es gibt kein Vokabular für Zukunftsträume, allerhöchstens hofft man, Großvaters silbernen Opel zu erben. Dörfer sind eben so. Und beim jährlichen Volksfest wird der Autoscooter auch von Jahr zu Jahr immer teurer.

– Im Umland von Görlitz gab es erstaunlich viele Firmen, die irgendwelche Drohnendienstleistungen anboten. Mittagessen auf der polnischen Seite. Inzwischen erheblicher Zeitverzug. Die Medienleute hielten das Personal mehrfach davon ab, gebrauchte Teller und Gläser mitzunehmen. Staffage für das Fotomotiv »Als letzter am Tisch verbliebener Schriftsteller, gedankenschwer blickend«. Der eigentlich geplante Stadtrundgang musste aus Zeitgründen entfallen.

Der Umschlag des Buchs ist als großes blaues Andreaskreuz gestaltet. Zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin waren bereits riesige blaue Andreaskreuze an die Buchhandlungen ausgeliefert worden: Schaufensterdekoration. Ich musste daran denken, wie mir ein Sachbuchautor einmal das Marketing großer Verlage erklärte. Rein die Vermarktung reicht relativ sicher für die erste Woche in der Bestsellerliste. Ist das bei Belletristik auch so?

Der Autor baut die alte Synagoge als Literaturhaus auf. Das sagte der Pressetext. Eigentümerehepaar (beide pensioniert): ehemaliger Landeskirchenrat und Religionslehrerin aus Köln. Blogger und Richtigjournalisten waren begeistert von dem Projekt. Obergeschoss als Loftwohnung. Unten Raum für Lesungen jüdischer Literatur. Also nicht nur. Aber vor allem. Ich war beeindruckt. Die Beteiligung des Autors blieb aber bis zuletzt unklar. Zum Schluss gingen wir Kaffee trinken. »Ihr könnt auch richtigen Kaffee bestellen« (damit war gemeint: anderen als Filterkaffee). Auf der Rückfahrt nach Berlin sollte es »Stullenpakete«, Bier und Haselnussschnaps geben. Schade. Ich würde davon leider nichts abbekommen.

In Rietzschels Buch wird wenig erklärt. Man beginnt kleinste Indizien zu beachten. Zwischen gefriergetrockneter Prosa. Es stimmt zwar, dass das Buch nichts über Strukturen der Neonaziszene aussagt. Aber sein Thema ist auch gar nicht der politische Hintergrund für die beschriebene Entwicklung. Eher, wie Aufwachsen Feindseligkeit vermittelt. Die Protagonisten leben in einer Wüste, die unerläutert bleibt. Der Vater, der Polen als »behindert« beschimpft. Ungeschrieben eine Art Verbot von Zartheit, Bildung, Sehnsucht nach Höherem. Aufs Gymnasium gegangene »Christen« und weggezogene Mädchen als Hassgegenstände.

Rietzschel wurde bereits vor Erscheinen Experte. Er ist jetzt der neue Ostdeutschlanderklärer. Dabei hat er natürlich gar kein Sachbuch geschrieben. Warum wird sein Roman uns als Antwort auf die Zeitfragen verkauft? Er hat einen Roman über eine bestimmte Provinz geschrieben. Buchstäblich ein Jugendbuch. Ich musste an Elmar von Salms »Brandstiftung« (1988) denken. Damals auch seiner Zeit leicht voraus.* Rietzschel wird eine beliebte Schullektüre werden. Gar nicht abwertend gemeint! Mit großem Gewinn gelesen. Aufwühlend. Vieles hat bei mir als Dorfkind (strukturschwache Westpfalz) Saiten zum Klingen gebracht.

Aber wie wird das Buch uns präsentiert? Als eine Antwort auf heutige Journalistenfragen danach, warum »diese Leute« so sind, wie sie sind, taugt es nicht. Es beschreibt mitleidlos und nahezu ohne Einordnung, ohne Begründungen. Man soll es lesen und man soll es Kindern (vor allem Söhnen) zu lesen geben. Aber Sozialforschung ersetzt es nicht.

Die Satzlängen dieses Texts entsprechen jenen des Anfangs des besprochenen Romans, die Wörter sind im Mittel allerdings länger und die Absätze anders aufgeteilt.
Simon Sahner hat Rietzschels Buch inzwischen ausführlich für 54books rezensiert
 und dabei noch einmal präzise herausgearbeitet, wo der Bruch zwischen der allgemeingültigen und aufschlussreichen Provinzbeschreibung und dem (durch das Marketing noch mehr als durch das Buch selbst erhobenen) Anspruch, die Affinität der ostdeutschen Provinz zum Rechtsextremismus erklären zu können, liegt.

*Dem Verlag wurde das Buch kurz nach der Bundestagswahl 2017 angeboten. Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz ereigneten sich zwischen der beschriebenen Reise und dem Erscheinungstermin (7.9.2018). Von Salms Buch erschien 1988, im Jahr des ersten großen Brandanschlags auf türkische Einwanderer in Deutschland (Schwandorf, 16./17.12.). Zur Zeit der Pogrome der frühen 1990er war es gängige Schullektüre in Rheinland-Pfalz.

Photo by Caleb Minear on Unsplash

Das Passau Georgiens – Tiflis, Tag 4

Liebes Tagebuch,

wir kommen in eine kleine, halbdunkle, über 1400 Jahre alte Kirche, am Eingang verkauft ein Mönch Opferkerzen in unterschiedlichen Preisklassen; ein paar Frauen singen im Hintergrund wunderschön und sauber mehrstimmige orthodoxe Gesänge, ein Geistlicher und ein Lektor psalmodieren dazu vor sich hin, Weihrauch, Bienenwachs, sich bekreuzigend geht ein unablässiger Strom jeder Art von Menschen ein und aus. Dazwischen Touristen, dazwischen wir, und mein erster Gedanke: So etwas ist doch das, woran Leute denken, die uns tradierte und angeblich nicht vollständig reflektierbare kulturelle Identität als den neuen heißen Scheiß verkaufen wollen.

Der Ort ist das Dschwari-Kloster über der alten Hauptstadt Mzcheta, an einer Flussmündung, wo man die verschiedenfarbigen Wässer nebeneinander sieht wie bei Donau, Inn und Ilz, und die Aussicht ist natürlich wieder atemberaubend. Im Tal steht ein Gebäude des georgischen Geheimdienstes, dessen Lamellenfassade ihm die Form einer überdimensionalen mathematischen Skulptur gibt, hinter einer der nagelneuen futuristischen, vollverglasten Polizeistationen. Ich muss an die Ballettprobe gestern denken und daran, wie wenig Volkstanz an diesem Volkstanz ist, genauso wenig, wie Volkslied an deutschen Volksliedern ist, und mitten in der Kirche steht ein Tisch mit einem Berg Opfergaben, darunter eine 2-Liter-Familienflasche Cola, abgepacktes Gebäck, die verschiedensten haltbaren Lebensmittel, alles immer mit einer Wachskerze gekrönt.

Man kann das sehr einfach nehmen. Die Küche (Georgiens Nationalgericht ist übrigens ein Salat, erstaunlich), der Wein, die Kirche, die Gebirgslandschaft, die Schwefelquellen und die Landesgeschichte greifen ineinander, wir sind hier fromme Orthodoxe, langlebige Salatesser und fröhliche Weintrinker, die Frauen schön, die Männer mutig, all das seit Jahrtausenden hier zuhause, vielfach erobert, nie ausgelöscht. Ich muss daran denken, dass ein Außenstehender mit genügend unscharfem Blick vielleicht Baden, Ostthüringen oder Oberbayern genauso sehen könnte. Auf der anderen Seite sind da Übergriffe auf LBGTQ*-Personen und religiöse Minderheiten, die traumatische Erfahrung des Zusammenbruchs nach 1991, als es plötzlich keine Arbeit, keine Heizung und keinen Strom mehr gab, die Kriege (»fünf Kriege in zwanzig Jahren«, sagte uns jemand), die Oligarchen, der klare Wille zu Modernität und zu Befreiung in der jungen Literatur, von der wir hier hören, die uns alle miteinander sagen: Das hier ist keine naturwüchsige Kultur-als-Pflanze, man müsste gewissenlos sein, um es den Deutschen oder irgendwem als Werbung für das zu verkaufen, wovon es sich selbst ganz offensichtlich nicht dominieren lassen will.

Die Stadt Mzcheta hat etwas von Rüdesheim und von Altötting, ein paar Gassen, die nur aus Souvenirständen bestehen, und in der Mitte eine wieder einmal uralte Kirche, die Kathedrale, in der die Könige der Bagratiden-Dynastie begraben liegen. Wieder Wachskerzen, Kopftücher, Fresken, mit dem iPad filmende Fernsehjournalisten. Auf dem Weg zum Essen gehen wir an gepanzerten Fahrzeugen der georgischen Armee vorbei, beklettert von Kindern, es ist Unabhängigkeitstag. Eine 2004 den Tschechen abgekaufte Panzerhaubitze vom Typ DANA hat ihr Rohr (zufällig oder absichtlich?) sehr genau auf das alte Dschwari-Kloster ausgerichtet, das hoch oben aus dem Berg zu wachsen scheint, als wollte jemand damit sagen: Wir können unsere eigene Vergangenheit mit einem Schuss vernichten.

– Das Restaurant in Mzcheta, in dem wir zu Mittag essen, hat den Charakter einer Jagdlodge in einem Luxusresort, ein mit Trinkhörnern und alten Waffen dekorierter neo-folkloristischer Bau in einem Garten aus englischem Rasen und Steinskulpturen, der ein wenig wie eine Parzelle der Bestatterbranche bei einer Landesgartenschau aussieht. Hier gibt es im Zuge eines wieder brachial üppigen Menüs auch das andere Nationalgericht, Chinkali, Teigtaschen, aus denen man der Tradition zufolge die Brühe zuzeln muss, so dass es nicht tropft.

Bei der Rückfahrt brauchen wir gefühlt eine Stunde für einen Kilometer, weil unser Bus in einer Einbahnstraße Gegenverkehr bekommt und sich zurückarbeiten muss. Es ist Unabhängigkeitstag, der 100., die halbe Stadt ist gesperrt. Wir trinken Bier am Pool und tippen, machen bei Hitze und Regen eine Expedition zu einem Supermarkt, um georgischen Brandy und Tee zu kaufen. (Der Hauptexport des Landes vor Wein ist übrigens Altmetall – liegt es daran, dass nach all den Jahren immer noch Schrott aus der Sowjetunion exportiert wird, oder hat, was ich vermutet habe, Georgien aufgrund seiner Lage und der niedrigen Löhne eine informelle Recyclingindustrie?)

Abendessen gibt es in einer Art Chalet über der Stadt. Diesmal gibt es Amphorenwein, scheint mir, die orange Flüssigkeit steht in großen Kannen auf dem Tisch wie auch der Rotwein, der Wein schmeckt harzig und herb, aber er ist so gefährlich süffig wie die anderen Weine, die wir hier zum Essen bekommen haben. Das Huhn schwimmt im Knoblauch, es gibt Käse-Bohnen-Fladen in Filoteig, zu allem Tkemali, eine Sauce aus Alycha, unreifen Kirschpflaumen (das Nationalobst, natürlich; die InstagrammerInnen unter uns sind sich einig, man könnte die Dinger dort problemlos als den neuen Detox- oder Irgendwas-Trend verkaufen und damit groß machen), und irgendwann kommen, gerade zu dem Zeitpunkt, als einige meinen, sie könnten jetzt einfach ein paar Fritten gebrauchen, als eigenständiges Gericht auch noch kleine Teller mit Pommes frites, die das Personal auf die Serviettenspender stellen muss, weil auf dem Tisch selbst kein Platz mehr ist.

Vom Raucherbalkon aus sieht man Klumpen aus Wohnhochhäusern, von denen wir nicht sagen können, ob sie vor oder nach dem Ende der Sowjetunion entstanden sind. Mir gegenüber sitzt die Begründerin der modernen weiblichen Literatur in Georgien, und ich rede mit ihr nur über das Essen, wenn überhaupt. Ich war, liebes Tagebuch, am Ende dieses letzten Abends in Tiflis zu ausgelaugt zum Feiern und habe ein schlechtes Gewissen, nur wenig mit den AutorInnen geredet zu haben. Andere Mitreisende haben ein Interview nach dem anderen geführt, ich habe mich hauptsächlich mit anderen Deutschen unterhalten, wenn ich mich überhaupt unterhalten habe. Immerhin kenne ich jetzt auch einige georgische Sachbücher, die ich vielleicht einmal für 54books rezensieren möchte.

Der Bus zum Flughafen fährt nachts um halb drei! Mit dieser erschreckenden Kunde und den liebsten Grüßen verbleibt

Dein Matthias

Rückwärts auf Spitzen – Tiflis, Tag 3

Liebes Tagebuch,

ich habe unangenehme Kunde: Leider ist die Weinprobe ausgefallen, weil von den 17 Personen der beiden hier anwesenden Delegationen (BuchbloggerInnen und RichtigjournalistInnen) insgesamt wohl nur zwei Personen Lust drauf hatten. Wie kriegt man nun einen Tag rum, für den einem eine Weinprobe mit original georgischem in der Erde vergessenem Amphorenwein versprochen wurde, die dann nicht stattfindet? Insbesondere nach dem erheblichen Schlafmangel der letzten drei Nächte?

Es ist alles nicht einfach, das kannst du mir glauben. Aber warum wollte denn nun niemand zur Weinprobe? Die Antwort ist die, dass für eine Reise, bei der BuchbloggerInnen etwas über georgische Literatur lernen sollen, bisher erstaunlich wenig Kontakt mit georgischen Büchern passiert war. In der Bibliothek sahen wir nur repräsentative Räume und Lesesäle für ausländische Bücher; eine Buchhandlung, auf die sich einige bereits erwartungsvoll gestürzt hatten, bot vor allem englischsprachige Bücher an. Nachfragen dazu, ob es etwa eine Buchpreisbindung gibt oder ob es georgische Kinderbücher vergleichbar zu Pippi Langstrumpf o.Ä. gibt, scheiterten teilweise an der Sprachbarriere. Insofern wurde umdisponiert, um statt der Weinprobe doch lieber einen Buchladen zu besuchen. Ich muss zugeben, dass ich nicht dabei war, weil ich den freien Nachmittag zum Arbeiten in meinem Hotelzimmer gebraucht habe, aber offensichtlich haben die anderen nun genug georgische Bücher gesehen. (Es gibt in Georgien laut Factsheet des Veranstalters 50 Buchläden und das durchschnittliche Buch kostet umgerechnet 3,99 €. Eine Preisbindung gibt es nicht und Amazon ist kein Thema. Die größte Buchhandelskette gehört dem größten Verlag, die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Die gesamte Verlagsbranche setzt knapp 4,5 Mio. € jährlich um, pro Jahr erscheinen 3000–4000 Titel, davon 45 % Übersetzungen.)

Ansonsten verging der Tag mit einem Besuch im Nationalmuseum, wo wir steinzeitliche Funde aus Dmanisi (der älteste Fund von Homininen außerhalb Afrikas) und beeindruckenden Schmuck aus frühen georgischen Kulturen sehen konnten. Die ebenfalls versprochene Ausstellung zu Georgien unter sowjetischer Herrschaft bekamen wir nur kurz und nach längerer ratloser Wartezeit zu sehen, da sie gerade noch unter Hochdruck für den bevorstehenden Unabhängigkeitstag überarbeitet und umgebaut wurde; der angekündigte Besuch in der Nationalgalerie entfiel ganz.

Nach einem abermals hervorragenden Essen mit einer Autorin eilten wir hurtig zu einer Probe des Georgischen Staatsballetts. Das 1945 durch ein Paar von Choreographen gegründete Ballett ist bis heute ein »Familienbetrieb«. Die vorgeführten Tänze sind eine Synthese aus georgischer Folklore und modernen Einflüssen. Wir saßen im Probesaal direkt vor der Spiegelwand und damit teils erschreckend nahe an der Truppe, was hier ein besonders treffender Ausdruck ist, da die Tänze sehr kriegerisch daherkommen. Bei stilisierten Kämpfen knallten Bühnenschwerter tatsächlich funkensprühend aufeinander, Tänzer wirbelten direkt vor uns über den Boden; das alles zu (vermutlich) live gespielter traditioneller georgischer Musik. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Ballett das einzige der Welt ist, bei dem Männer auf Spitzen tanzen, und das tun sie tatsächlich; sie tragen zudem auch Knieschoner, weil viele Sprünge auf den Knien gelandet werden, was schon zu etwas mulmigem Mitgefühl für die eine oder andere arme Patella führen kann.

Während die Männer also athletisch-aggressive, teils bewaffnete Choreographien aufführen und im Vergleich zu klassischen Corps de ballet recht wenig genormte Körpertypen haben, dürfen die Frauen sich körperlich offensichtlich weniger unterscheiden und haben vor allem »anmutige« und weniger aufregende Parts. Am Abend konnte ich mich noch einmal kurz mit Davit Gabunia über das Ballett unterhalten und er hat mir versichert, dass es inzwischen auch modernere Choreographien gibt, bei denen zum Beispiel die Frauen die traditionellen Männerparts übernehmen und andere Innovationen stattfinden. Ich habe leider keine brauchbaren Fotos oder Videos von der Ballettprobe, es lohnt sich aber möglicherweise, das im Netz verfügbare Material anzuschauen.

Am Abend dann wieder Essen mit Autoren, diesmal hoch über der Stadt in dem pompösen Aussichtspavillon, der den Endbahnhof der Standseilbahn bildet, mit angemessen spektakulärer Aussicht. Es gab klischeehafte Trinksprüche über das (vorsichtig gesagt spezielle) georgisch-deutsche Verhältnis zwischen 1918 und 1945, und sehr guten georgischen Wein – ob das nun der vergessene war oder nicht, weiß ich nicht. Unzählige Sicherheitsleute zeugten davon, dass anscheinend jemand Reiches oder jemand von der Regierung (oder beides) im Nebentrakt feierte. Anschließend hätte man noch ein Elektrofestival besuchen können, was sich jedoch die meisten angesichts allgemeiner Zerstörtheit gespart haben. Vom Seilbahnhof aus konnte man deutlich erkennen, welche Spuren die Immobilienkonjunktur hinterlassen hat. Für mein naives Auge scheint es in Tiflis vier Kategorien auffällig moderner Gebäude zu geben:

  1. Sowjetische Moderne/Brutalismus (z.B. dieses ehemalige Ministerium)
  2. Abgefahrene öffentliche Projekte v.a. der Saakashvili-Ära (vgl. Artikel und Bildstrecke hier)
  3. Knallige Investitionsmerkwürdigkeiten (z.B. Berbuk Towers)
  4. Auf knappem Budget mit einfachen Mitteln errichtete Gebäude, die versuchen, trotzdem so modern wie möglich auszusehen – die m.E. sympathischste Kategorie (vgl. z.B. den Libeskind-mäßigen Bau in der Galerie von gestern).

Gerade in der Architektur und im Städtebau sieht man Bilder, deren Symbolik man sich kaum erwehren kann: Das wuchtige sozialistisch-klassizistische Gebäude des ehemaligen Marx-Engels-Lenin-Instituts (1938) ist heute das Biltmore Hotel. Bauruinen stehen neben parametrischen Traum-Blobs aus der Saakashvili-Zeit, eine sehr zentral gelegene Ruine ist über eine Performance in ein Kunstobjekt umgenutzt worden. Es scheint mir tatsächlich das geeignete Land, um dicke nichtlineare Romane über fiktive Inselgruppen hervorzubringen.

Wir saßen nach dem Abendessen noch ein wenig vor dem Hotel herum und unterhielten uns weiter mit Davit Gabunia, der einer der erfolgreichsten Theaterschriftsteller des Landes und ganz allgemein ein großartiger Gesprächspartner ist. (Nebenbei hat er eine hochgradig niedliche Katze, ich habe Bilder gesehen.) Davits erster Roman Farben der Nacht erscheint im August in deutscher Übersetzung und hört sich nach etwas an, was vielen gefallen könnte. Ich bin mir nach unserem Gespräch allerdings unsicher, ob der Klappentext, der versucht, der deutschen Leserschaft das Buch als zeitgeschichtlichen Gesellschaftsroman schmackhaft zu machen, nicht ein bisschen irreführend sein könnte.

Nachtragen muss ich noch: Ich habe zum Thema Minderheiten in Georgien eine Anekdote aus dem 2008er Krieg gehört; der russischstämmigen Kassiererin in dem Schwimmbad, in dem jemand jeden Tag schwimmen ging, sei von den georgischen Schwimmern regelmäßig gut zugeredet worden, um ihr klarzumachen, dass sie für die Georgier nicht der Feind sei. Auch Geschichten von der legendären Toleranz der multikulturellen Stadt Tiflis und Georgiens überhaupt hört man häufig, insbesondere, was das Judentum betrifft; dennoch hat die jüdische Minderheit auch Georgien zum größten Teil Richtung Israel verlassen, und zwar sicherlich nicht aus reiner Abenteuerlust. Ich neige daher dazu, die Geschichten über die starken und emanzipierten georgischen Frauen nicht zu glauben, und eher die Beteuerungen derer, die uns sagen: Lasst euch nicht einreden, dies sei kein patriarchalisches Land. Dass ich mich im vorigen Beitrag auf Stephan Wackwitz bezogen habe, war übrigens unvermeidlich – ich habe nunmehr erfahren, dass er tatsächlich länger Direktor des Goethe-Instituts in Tiflis war.

Gehab dich wohl! Wir reden zu viel und schlafen zu wenig, aber sonst geht es uns gut.

Dein Matthias

P.S.: Warum habe ich in Jena nicht herumerzählt, dass ich nach Georgien fahre? Viele Leute in Georgien kennen Jena, weil es zu Sowjetzeiten eine enge Beziehung gab, vermutlich, weil es in Jena eines der wenigen deutschen Institute für Kaukasiologie gibt. Einige Stadtteile hier sehen auch aus wie Lobeda in größer. – M.