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Autor: Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München. Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Ich bin kurzsichtig, trage meine Brille aber nur zum Arbeiten und zum Autofahren. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich das Verschwommene mag. Mein ganzes Leben ist also wie diese verwischten Fotografien von Gerhard Richter: Alles ist gleich wichtig und gleich unwichtig.

Unsere Augen sind keine Schaufenster, durch die wir einfach hindurchsehen könnten, so dass wir den Gegenstand dahinter genauso sehen können wie er eben ist. Wenn überhaupt, sind unsere Augen verbogene, fleckige Scheiben, durch die wir die Dinge auf je eigene Weise wahrnehmen. Wie wir die Dinge sehen, ist zum einen genetisch bedingt – wenn ich ohne Brille herumlaufe, sieht für mich alles weicher aus als für jemanden, der gar keine Brille braucht –, zum anderen aber stark durch Sozialisation geprägt. Das Sehen selbst ist nicht objektiv, sondern so individuell wie das Sprechen.

„Das unterkomplexe Verständnis des Sehens als wirklichkeitsabbildende Kenntnisnahme und des Sichtbaren als objektive Präsenz verstellt die Einsicht in die konfigurierenden und sinnstiftenden Kapazitäten des Sehvollzugs. Wir sehen nicht durch die Augen, wie durch ein Fensterglas, wir sehen mit ihnen, lautet ein Einwand Donald Davidsons gegen ein instrumentalistisches Verständnis von Sprechen und Sehen. Das Wie der Durchführung entscheidet bei beiden Tätigkeiten über das, was gesehen und gesagt wird. Wenn Sehen die Welt aber genauso wenig abbildet wie Sprechen, dann, weil es wie jenes eine Praxis ist, deren performative Vollzugsform Wirklichkeit paradoxerweise vorfindet, indem sie sie konstituiert. Erst performativitätstheoretisch wird diese Paradoxie beschreibbar: So wie Sprechhandeln Realität und Bedeutung performativ hervorbringt und zugleich vermittelt, ist auch das Wahrnehmungshandeln als ein Vollzugsgeschehen zu begreifen, dessen Spektrum von kommunikativen Blicken, mit denen ganz konkret und sozialwirksam gehandelt wird, wenn etwa gewarnt oder aufgefordert wird, bis zu selbstzweckhaften Vollzügen reicht, in denen zwischen Prozess und Resultat nicht mehr unterschieden werden kann.“ (Eva Schürmann: Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht, Frankfurt a. M. 2008, S. 17f.)

Sehen ist also eine Praxis, ein aktives Handeln, das die Welt auf je eigene Weise wahrnimmt und also auch formt. Und eben davon erzählt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha, ein Gesellschaftsroman, der von Sanaa, einer Studentin, die als kurdische Asylsuchende mit ihren Eltern im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, und ihrer Familie erzählt, von dem Viertel mit Hochhäusern, in dem sie unter anderen kurdischen Migranten leben und von diesen beobachtet werden, von Schichtzugehörigkeit, Enge und der Last der Verantwortung für die eigene depressive Mutter.

Sanaa wird pausenlos gesehen und beurteilt: Von der Tante und ihren Freundinnen, von den Nachbarn, die sie im Supermarkt trifft, die auf den Balkons der Hochhäuser stehen, und alles sehen und kommentieren, was sie tut. Sie sehen sie und beurteilen sie: hübsch, also heiratsfähig. Raucht, also verlottert. Sie sehen Sanaa, und Sanaa weiß, dass sie gesehen wird, dass alles, was die Nachbarn von ihr sehen, zu einem Bild von ihr führt, und so konstruieren die Sehenden Sanaa selbst, die nur handeln kann, in dem Wissen, dass sie gesehen wird. Sie engen durch ihr Sehen Sanaa ein – in besonders extremer Form geschieht dies durch einen Stalker, der sie mit seinem Auto verfolgt. Das ganze Viertel, nicht nur das einzelne Hochhaus ist für Sanaa ein Panoptikum, und das Viertel verfolgt sie – real und in ihrer Prägung – noch dann, wenn sie es verlässt. Das Viertel ist in ihr.

Einzig ihre Mutter Asija sieht sie nicht: Im Gegensatz zu den anderen Frauen im Hochhaus, die tagsüber auf ihren Balkons stehen, um zu beobachten, was passiert, steht Sanaas Mutter in der Nacht auf dem Balkon und weint. Und schon Asija wurde Opfer des Sehens: Auch sie wurde von Nasser, ihrem späteren Mann, im Irak verfolgt, wurde von ihm gesehen, und musste ihn schließlich deswegen heiraten – und mochte dabei bezeichnenderweise als einziges an ihm seine Augen. Asija wollte den Irak nicht verlassen, ihr Mann hat sie dazu gedrängt, und nun lebt sie depressiv in der Vergangenheit – genauso wie Onkel Agid, der den ganzen Tag im Hochhaus auf dem Sofa liegt und alte Hochzeitsvideos aus dem Irak ansieht. Sie nehmen an der gegenwärtigen Welt nicht teil, sie sehen sie nicht und konstruieren sie also auch nicht aktiv mit. Allerdings werden sie gesehen und somit werden auch sie als Teil der Wirklichkeit konstruiert: Insbesondere die Tante wirkt mit an dem negativen Bild, das von beiden vorherrscht, Sanaas Mutter spricht sie gar die Mutterschaft, die Weiblichkeit ab, da diese immer nur weine und nie koche.
Wie massiv der Zusammenhang von Sehen und Wirklichkeitskonstruktion, von Sehen und sozialer Kontrolle ist, verdichtet sich im Bild des Auges: Etwas von dem Salz, das von den getrockneten Tränen der Mutter auf ihren Wangen zurückgeblieben ist, ist Sanaa als Kind in ein Auge gefallen und hat zu einer Entzündung geführt – die Vergangenheit, die der Mutter die Sicht und die Gegenwart raubt, raubt auch der Tochter das Augenlicht. Helfen kann schließlich eine Freundin der Tante, die ihr das Auge ausleckt, dabei aber eine Entdeckung an Sanaas anderem Auge macht: Darin kann sie deren Zukunft voraussehen, sie sieht, dass Sanaa vier Männer haben wird, was mit dem Bild von Tugendhaftigkeit, das im Viertel herrscht, nicht vereinbar ist. Aus diesem Grund wird ein abergläubisches Ritual mit einer abgeschnittenen Haarsträhne Sanaas vollzogen, das Männer von ihr fernhalten soll – die Auswirkungen dieses Rituals spielen im Laufe des Romans immer wieder eine Rolle und bleiben im Vagen, auf jeden Fall wirkt es aber psychisch auf Sanaa ein, die als Kind erst an die Macht dieses Zaubers geglaubt hat und sich auch später nicht ganz sicher ist, ob die Tante durch diese Haarsträhne nicht doch Einfluss auf sie hat. Im Auge Sanaas wird also ihre Zukunft konstruiert: Sie wird konstruiert, indem die Freundin der Tante etwas darin sieht. Sehen ist eine Praxis, die Wirklichkeit formt. Die „Übernahme von Rollenerwartungen [ist] in erheblichem Ausmaß visuell bedingt […] und [baut] auf der Erfahrung des Gesehenwerdens auf[]. […] Ichbildung beginnt mit dem Augenblick, in dem das Kleinkind die Reaktionen seiner Eltern auf sich selbst zurückgespiegelt bekommt und darin erste Ansätze eines Ich-Bewusstseins auszubilden beginnen kann.“ (Schürmann: Sehen als Praxis, 2008, S. 185f.)

Entsprechend bedeutet Unsichtbarkeit Freiheit, Sanaa weiß „dass man in meiner Welt nur dann frei ist, wenn die anderen einen nicht sehen.“ (S. 191). Und Unsichtbarkeit bedeutet Heilung: Als Asija ihre Depressionen überwindet, senkt sich tagelang ein dichter Nebel über das Viertel, der allen die Möglichkeit nimmt, einander zu beobachten: Die Frauen, die es sonst gewohnt sind, auf dem Balkon zu stehen und andere zu sehen, klagen nun über Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen, nur Asija geht es plötzlich gut – die Verhältnisse haben sich durch die Unsichtbarkeit verkehrt, „[d]er Nebel hat sie in Asijas verwandelt, nur Asija wurde verschont.“ (S. 190)

Gleichzeitig bedeutet Wirklichkeitskonstruktion durch Wahrnehmung auch die Unsicherheit nicht nur eben des Sehens, sondern auch der Wirklichkeit selbst: Eben darum ist es für Sanaa so wichtig, das Hochzeitsvideo ihrer Eltern zu finden, deswegen verspricht sie sich davon, ihre Eltern durch das Sehen des Videos endlich verstehen zu können – und aus diesem Grund ist es so eine Katastrophe, dass Onkel Agid gerade dieses Video überspielt hat. Er hat ihr damit das Sehen, die Wirklichkeit genommen. Und aus diesem Grund, weil Sehen Wirklichkeit konstruiert, ist der Aberglaube so ein Unsicherheitsfaktor: Weil Sanaa sowie andere Bewohner des Hochhauses nicht wissen können, ob sie dem, was sie sehen, trauen können.

Ist Sehen eine Praxis, so wird es eben auch durch Sozialisation geprägt und ist also schichtspezifisch. Die Praxis des Sehens wird hervorgebracht vom schichtspezifischen Habitus (Bourdieu) oder geprägt vom Dispositiv (Foucault) (vgl. dazu: Sophia Prinz: Die Praxis des Sehens. Über das Zusammenspiel von Körpern, Artefakten und visueller Ordnung, Bielefeld 2014, S. 283-327; interessant ist dieser Zusammenhang insbesondere auch für die Wahrnehmung von Kunst, eben das erläutert Sophia Prinz näher, das ist ganz interessant und kann man mal lesen). Entsprechend fühlt sich Sanaa, die soziale Aufsteigerin aus der Hochhaussiedlung, fremd in dem wohlsituierten Einfamilienhäuschen der Familie ihres türkischen Freundes Adnan – vieles hier kommt ihr komisch vor: Der Gebetsteppich, der als Kunstobjekt an der Wand hängt, statt auf dem Boden zu liegen, um genutzt zu werden; das Essen von Sonnenblumenkernen, das wie eine ungeschickte Pose wirkt, wie eine dilettantische Imitation dessen, was in ihr eigenes Viertel gehört (S. 153). Und Sanaa weißt: So wenig, wie sie in diese Wirklichkeit, in diese Schicht passt, so wenig könnte Adnan ihre Wirklichkeit verstehen, weswegen sie sie vor ihm verheimlicht – die Kluft zwischen den Schichten ist unüberwindbar: In Adnans Familie muss man „nicht denken, die Probleme und Konflikte spielen sich in Büchern und Filmen ab, sie rumoren nicht in der Brust, treiben keinen von ihnen in der Nacht auf Balkone.“ (S. 153f.) Entsprechend kann Sanaa keine gemeinsame Zukunft für sich und Adnan sehen, sie weiß, dass Welten zwischen ihnen liegen, dass sie diesen Abstand nicht überbrücken können (S. 206f.).

Und hier – was den Unglauben an die eigene Zukunft, überhaupt an die Möglichkeit, eine glückliche Zukunft haben zu können, anbelangt – ist „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ so gut und so genau beobachtet und erzählt, wie ich es noch selten in einem Roman, dessen Handlung im prekären Milieu verortet ist, gelesen habe: Denn das ist ja wirklich das Lebensgefühl von Kindern, die schon ganz früh Verantwortung für ihre Eltern tragen und sozialen Aufstieg meistern müssen, die Enge und der Druck erzeugen eine Angst vor einer vage in der Zukunft liegenden Katastrophe, die durch permanente eigene Anstrengung unbedingt vermieden werden muss und die dazu führt, dass diese Kinder selbst kaum an eine glückliche Zukunft glauben können, weil sie eben Zukunft immer nur als zu vermeidende Katastrophe zu denken gelernt haben.

Wie breit eine durch Schichtzugehörigkeit erzeugte Kluft in der Wahrnehmung sein kann, zeigt sich aber beispielsweise auch, wenn Sanaa von anderen jungen Frauen, mit denen sie einen Club besucht, eben deswegen, weil sie angezogen ist, wie sie eben angezogen ist, und sich nicht auftakelt, für „feministisch und stark“ gehalten wird – die Einschreibung von Schichtzugehörigkeit in den Körper erkennen diese Frauen nicht – und „erst jetzt fühle ich mich fehl am Platz“ (S. 202f.). Denn selten wird der Abstand zwischen den Schichten so deutlich, wie im völligen Unverständnis der Zugehörigen der höheren Schicht für die der niedrigeren Schicht Zugehörigen. Zwischen den Schichten liegen Welten.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist nicht nur außergewöhnlich genau beobachtet (höhö, „gesehen“) und erzählt, der Roman ist darüber hinaus getragen von einer sehr eigenständigen, klingenden Sprache, von einem eigenen Ton und außergewöhnlich vielen Bildern und wiederkehrenden Motiven. Entsprechend verstehe ich wirklich nicht, warum dieses Debüt so wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, warum zudem in einer Rezension auf Spiegel Online dann kritisiert wird, die Autorin leiste mit dem Zeichnen von „Karikaturen“ von Kurden (als wären nicht Sanaa und ihre Mutter, die Gegenfiguren zu diesen „Karikaturen“, sowie andere, deutlich positiv gezeichnete Hochhausbewohner, ebenfalls Kurden), insbesondere mit Bemerkungen über deren Körperbehaarung (als wäre nicht deutlich, dass diese Protagonistin aus figurenbiografischen Gründen zu Haaren aller Art ein äußerst gestörtes Verhältnis hat) xenophoben Klischees Vorschub, gar dem AfD-Stammtisch soll die Autorin damit Material geliefert haben. Hier merkt man dann vor allem, wie das tagespolitische Geschehen offensichtlich die Wahrnehmung von Literatur durch die Literaturkritik beeinflusst, plötzlich ist man hier jetzt übervorsichtig, anders noch als man es noch vor einem guten Jahr war, bei Fatma Aydemirs durchaus mit mehr Klischees über das beide Romane verbindende Milieu aufwartenden „Ellbogen“. Man merkt halt schon, dass Taha das Milieu, über das sie schreibt, genau beobachtet (soll ich das Witzchen mit “gesehen” nochmal wiederholen, was meint ihr?) hat, “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist das leisere, weniger auf Effekt geschriebene Buch, damit eigentlich das bessere “Ellbogen” (bin mir aber nicht sicher, wie viel solche Vergleiche bringen), aber eben deswegen, weil es weniger auf Effekt geschrieben ist, weil es differenzierter erzählt und weil sich die politische Stimmung weiter negativ verschoben hat, vermute ich, der weniger erfolgreiche Roman. Schade eben.

Das einzige, was ich an „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ nicht so recht überzeugend finde, ist das Durchbrechen des realistischen Erzählens hin zur Fantastik, etwa dort, wo die Heilung Asijas mit einem ominösen Nebel einhergeht – zum einen bin ich mir eben hier, gerade in Kombination mit dem für die Romanhandlung eine Rolle spielenden Aberglauben und der eher uneindeutigen Bewertung desselben, unsicher, ob ich das nicht ein bisschen zu esoterisch finde. Zum anderen hat für mich eben genau das einfach nicht überzeugend funktioniert, das mag aber eine Frage der Gewöhnung sein. Soweit ich das sehe, ist genau dieses Aufbrechen der Grenze zwischen Realem und Surrealem ein Trend, mit dem wir wohl in den nächsten Jahren rechnen müssen – vielleicht überzeugen mich solche Plots dann mit der Zeit irgendwann. Wobei ich bezweifle, dass ich Fan dieses Trends werde, aber mal sehen.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist jedenfalls ein Roman, den man ruhig mal lesen kann. So genau, so einfühlsam und mit so schöner Sprache wurde in den letzten Jahren selten von Prekären erzählt, von Kindern, die ihre Eltern tragen müssen. Wenn einen die Verbindung von Realem und Surrealem nicht stört, ist das ein sehr gutes Buch.

(Beitragsbild von Hans Eiskonen auf unsplash)

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Der Worte sind noch nicht genug gewechselt: Über Narration und Subversion

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. […] Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“ (Adorno: Negative Dialektik)

Es gibt Karrieren von „geflügelten Worten“, die ich noch nie so ganz nachvollziehen konnte. Beispielsweise verstehe ich nicht, warum das Faust-Zitat „Der Worte sind genug gewechselt / Laßt mich auch endlich Taten sehn!“ so beliebt werden konnte – zusammen mit all seinen weniger der Literatur entlehnten Geschwisterformulierungen im Stile von: „Nicht nur quatschen, sondern machen“. Ich bin diesen Sätzen gegenüber skeptisch, obwohl ich natürlich weiß, dass Worte schon auch umgesetzt werden müssen, dass Handeln also nicht obsolet ist, im Gegenteil. Und ich könnte meine Skepsis mit der Sprechakttheorie begründen, aber das ist mir zu naheliegend.

Ich möchte meine Skepsis gegenüber der Behauptung, es sei irgendwann „genug“ geredet, es seien „nur“ Worte, und diese kleinen, weichen Worte würden weniger zählen als die große, starke, harte Tat, anders begründen: Durch den Rückgriff auf Erzählungen, auf Mythen. Die Menschen haben ja immer schon das Mittel des Erzählens gewählt, um sich die Welt zu erklären, und ich hoffe, dass die ganze Tragweite dieses Satzes am Ende meines Textes deutlich werden kann. Vielleicht ist das ein Bekenntnis, wer weiß, aber ich glaube, dass Tatsachen in höherem Maße durch Worte geschaffen werden als durch Taten, der Wortverwandtschaft zum Trotz, dass das kleine, weiche Wort es ist, das die Welt erfasst und erschafft, dass Worte die Welt und die Existenz in ihren Grundfesten verändern können, dass ihm die Tat immer erst nachfolgt, dass man im Wort die Welt überwinden kann, während man sich im Handeln nur in sie verstricken kann.

Dass es so sein könnte, ist natürlich nicht meine Idee, es ist ja immer alles schon längst gedacht und gesagt. Im Gegenteil ist diese Idee sogar schon ein paar tausend Jahre alt. Der Mythos, auf den ich hier zurückgreifen möchte, um zu erklären, was ich meine, wenn ich von der Macht des vermeintlich schwachen Wortes schreibe, ist der sog. priesterschriftliche Schöpfungsbericht, also 1. Mose 1,1-2,4a,[1] also der Text, den alle kennen: Der mit den sieben Tagen, in denen Gott die Welt erschaffen hat. Entstanden ist diese Erzählung im 6. Jahrhundert vor Christus zur Zeit des Babylonischen Exils, sie wurde also von deportierten Mitgliedern der Jerusalemer Oberschicht verfasst, die nach der Erfahrung von Zerstörung und Verlust ihrer Stadt nun in Babylonien leben mussten und vor dem Problem standen, in das Chaos, das sie erlebt hatten, in die aus der Ordnung geratene Schöpfung, wieder Ordnung bringen zu müssen. Erst vor diesem Hintergrund versteht man, warum dieser Text so schematisch aufgebaut ist: Es handelt sich eigentlich eher um ein Lied, in dem immer wieder dieselben Verse wiederholt werden, um ein Gedicht, das dem theologischen Schema von Verheißung und Erfüllung folgt, jede Strophe, also jeder Tag, folgt demselben Aufbau. Die Welt wird hier in Ordnung gebracht, nicht nur formal, sondern auch narrativ: Am Anfang der Schöpfung steht nicht das Nichts, sondern das Chaos, das sprichwörtliche „Tohuwabohu“, das Gott ordnet, indem er Tag und Nacht, oben und unten, Land und Wasser trennt. Indem die Menschen im Exil die Schöpfung narrativ ordneten, gaben sie der Welt, in der sie lebten, eine neue Ordnung. Die Schöpfungserzählung gipfelt in der Einsetzung des Ruhetages am 7. Tag, im Sabbat, der so nach dem Verlust des Tempels in Jerusalem so zum zentralen Kultusmoment des antiken Judentums gemacht wurde. Indem die Verfasser eine Geschichte erzählten, überwanden sie ihre Welt, ihren Verlust, und gaben dem Leben eine neue Ordnung – sie taten dies durch das Wort, da ihnen die Tat unter babylonischer Oberherrschaft unmöglich war. Und wenn wir erzählen, wenn wir von unserer Vergangenheit oder unserer Zukunft erzählen, dann ordnen wir unser Leben durch das Wort, gewinnen wir dadurch unsere Zukunft, unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart. Es ist das Wort, das dem Leben Sinn einschreiben kann, nicht die Tat an sich – diese kann erst Sinn stiften, wenn sie in Worte gefasst, gedacht und erzählt wird.

Aber das ist noch nicht alles: Am Anfang der Schöpfung steht laut 1. Mose 1,2 nicht einfach das Chaos, sondern auch die „Tiefe“ oder die „Urflut“, je nach Übersetzung. Der althebräische Begriff dahinter spielt wohl auf Tiamat an, eine Göttin aus dem babylonischen Schöpfungsepos „enuma elisch“: Die Babylonier*innen glaubten, dass die Welt im Kampf entstanden sei. Der Königs- und Reichsgott Marduk hatte die das lebensfeindliche Prinzip repräsentierende Urgottheit Tiamat, die als Seeungeheuer vorzustellen ist, besiegt und aus ihrem Körper die Welt geformt – den Menschen schuf er aus dem Blut des Gottes Kingu, Tiamats Heerführer, den Marduk gleichzeitig mit Tiamat getötet hatte. Und er erschuf die Menschen, damit sie die Erde bearbeiten, weil die Götter dazu keine Lust haben – nur der König der Menschen ist gottgleich, denn mit ihm gingen die Götter einen Vertrag ein. Gegen dieses Welt-, Menschen- und Gottesbild der Babylonier*innen wandten sich die Verfasser des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts: Sie reduzierten Tiamat zur Urtiefe, die aber der Gottheit gar nicht mehr gefährlich sein kann. Im Gegenteil: Deren Geist schwebt über den Wassern, über der Urflut (und übrigens verkleinerten die Verfasser die sonst im Mesopotamien als Gottheiten verehrten Gestirne zu Himmelslampen, die erst – ungewöhnlicherweise – am vierten Tag geschaffen worden sind, eben um zu zeigen: Das sind keine Götter, unser Gott ist mächtiger als eure Götter es sind, er hat eure Götter geschaffen, und zwar nicht mal als erstes). Es gibt keinen Kampf in Genesis 1: Die Macht der Gottheit ist so weltüberlegen, dass sich die Welt allein durch seinen Befehl, allein durch das Wort, gestaltet. Gott handelt nicht, Gott spricht, und es geschieht, wie er gesprochen hat. Sein Wort schafft Ordnung. Und er formt den Menschen nach seinem Bild (1. Mose 1,27), also jeden Menschen, Mann und Frau, gottgleich, nicht um zu arbeiten, sondern um die Welt zu beherrschen (1. Mose 1,28). Die Verfasser der Priesterschrift grenzten sich hier von den Babylonier*innen ab, sie entwarfen eine Gegenerzählung zu deren Schöpfungsmythos: Es gibt keine Ungleichheit zwischen König und Volk, jeder Mensch ist ein König, und die Welt wird nicht von Kampf bestimmt – ein zentraler Gedanke, der den Jerusalemern, die gerade im Krieg alles verloren hatten, Hoffnung geben sollte –, sondern vom Frieden, vom Wort. Die Welt, die hier beschrieben wird, ist gut, die Gottheit selbst bestätigt es, man kann in ihr leben, sie ist nicht aus lebensfeindlichem Material geformt. Narration ist hier eine Form der Subversion; gegen die Realität, gegen ein anderes Weltbild

Die Struktur, die wir der Welt geben, indem wir von ihr erzählen, kann die Struktur bestimmen, in der wir denken und in der wir leben. Und wer davon erzählt, dass die Welt im Kampf entstanden ist, dass sie aus dem Material des lebensfeindlichen Prinzips geformt wurde, wird das Leben wohl als Kampf verstehen müssen. Und wer davon erzählt, dass die Welt durch das Wort entstanden ist, kann das Leben vielleicht als Gespräch begreifen, und ich glaube, dass wir so miteinander leben könnten: In einer Welt, die durch das Wort geworden ist und ständig wird, was sie wird.

Aber wir leben nicht in der Antike, und ich weiß nicht, ob wir unsere Welt einfach so völlig neu erzählen können. Glaubt man der popkulturellen Verwendung des Namens „Babylon“, ausgehend von der Verwendung der Rede von der „Hure Babylon“ in der Offenbarung des Johannes über die Kultur der Rastafari und über Reggae, leben wir 2500 Jahre nach dem babylonischen Exil wieder unter der Fremdherrschaft Babylons, verstanden als das System des westlichen Kapitalismus. Ich weiß nicht, ob jemand, der dagegen eine andere Welt erzählen wollte, das könnte. Es heißt, es fehle an Gegennarrativen gegen den Kapitalismus. Es heißt, es fehlten Utopien, Erzählungen von der Zukunft, die in der Lage wären, der gegenwärtigen kapitalistischen Realität etwas entgegenzusetzen – Žižek zieht den vielleicht nachvollziehbaren Schluss, dass es uns heute leichter falle, uns das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Der Vorzug des Handelns gegenüber dem Reden bleibt aber auch hier falsch: In seiner vulgären Verwendungsweise wird mitunter Marx‘ 11. Feuerbach-These ähnlich verstanden wie die eingangs zitierten Verse aus dem Faust: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern.“ Die Praxis verändert die kapitalistische Wirklichkeit, nicht deren wortreiche Deutung, diesen Schluss zogen und ziehen von Marx beeinflusste Denker*innen und Aktivist*innen bis heute. Bislang eher erfolglos: Der real existierende Sozialismus ist gescheitert, in China gar zu einer besonders umtriebigen Form des Kapitalismus mutiert. Der „Marsch durch die Institutionen“ der 1968er führte dazu, dass die Aktivist*innen dieser „Generation“ heute Teil des kapitalistischen Systems sind, der „Marsch durch die Institutionen“ führte nicht zur Abschaffung des Kapitalismus, und es waren gerade Vertreter*innen dieser 1968er, die mit der „Agenda 2010“ zu seiner neoliberalen Entwicklung beitrugen. Heute etabliert sich selbst eine private Praxis der Konsumverweigerung erneut als Markt, wenn es ein breites Angebot von Ratgeberliteratur sowie Online- und Offline-Shops zu Trends wie „Zero Waste“ und „Minimalismus“ gibt. Sogar Vorschläge wie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens werden nicht zuletzt mit der Notwendigkeit des Erhalts der Kaufkraft bei zunehmendem Jobverlust durch Digitalisierung begründet. Es ist derzeit keine Praxis in Sicht, die die Welt verändert. Also doch wieder: Narration als Subversion?

Der Kapitalismus selbst besteht aus Narration, aus Geschichten, die Konkurrenz, Bedürfnisse und Kreditwürdigkeit erzeugen. Nicht umsonst ist „Story telling“ ein Marketinginstrument. Und dabei gelingt es dem Kapitalismus, selbst antikapitalistische Narration zu integrieren: Mark Fisher weist in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ nach, wie beispielsweise mit Filmen wie „Wall-E“ nicht nur antikapitalistische Narration vermarktet wird, indem diese „Geld einspielt“, das wiederum die Filmindustrie stützt. Darüber hinaus bedienen solche Filme des Konzepts der „Interpassivität“: „Der Film performt den Antikapitalismus für uns und gestattet uns, ungestraft weiter zu konsumieren.“ (S. 20) Die typische Haltung des kapitalistischen Realismus, so Fisher, sind entsprechend Ironie und Zynismus: Wir nehmen eine ironische oder zynisch distanzierte Haltung ein, denn „[s]olange wir nur (in unseren Herzen) daran glauben, dass der Kapitalismus schlecht ist, haben wir die Freiheit, am kapitalistischen Tausch weiterhin teilzunehmen.“ (S. 21)

Ganz ähnlich weist Jens Beckert in „Imaginierte Zukunft“ die grundsätzlich narrative Struktur des Kapitalismus nach und hält fest, dass es diesem eben deswegen, weil er auf Neuerung und Kreativität angewiesen ist, gelingt „[s]elbst die Imaginationen jener Utopien, die Alternativen zum Kapitalismus vorgeschlagen haben, darunter verschiedene Strömungen der Arbeiterbewegung oder der Protestbewegungen der sechziger Jahre […] samt der von ihnen inspirierten praktischen Aktivitäten in die kapitalistische Logik“ (S. 446) zu integrieren.

Was bleibt also, wenn zumindest für den Moment eine Erschaffung einer anderen Welt, eine Subversion weder durch Praxis noch durch Narration möglich scheint? Und: Ist Erzählen, auch literarisches Erzählen, damit, unabhängig davon, wie sie sich zum Kapitalismus verhalten will, darauf festgelegt, diesen zu affirmieren?

Vielleicht ist das so, aber vielleicht ist es nicht nur so. 1992, also kurz nachdem das große Gegennarrativ zum Kapitalismus, der reale Sozialismus, endgültig untergegangen war, erhielt Gary S. Becker den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Bemühungen um die Ausdehnung mikroökonomischer Theorie auf den Bereich des menschlichen Verhaltens. Beckers Verdienst war es also, mit der Sprache und dem Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaften auch das Zwischenmenschliche zu erklären. Er schrieb beispielsweise einen Aufsatz mit dem Titel „Eine ökonomische Analyse der Fruchtbarkeit“, dessen Ergebnisse er unter anderem so zusammenfasst:

„Dieser Beitrag legt einen ökonomischen Bezugsrahmen zugrunde, um die Determinanten der Fruchtbarkeit zu analysieren. Kindern werden als ein langlebiges Gut, vornehmlich als langlebiges Konsumgut, betrachtet, das den Eltern Einkommen, vornehmlich psychisches Einkommen, einbringt. Die Fruchtbarkeit wird bestimmt durch Einkommen, Kosten der Kinder, Wissen, Ungewißheit und Präferenzen. Eine Erhöhung des Einkommens und ein Preisrückgang würden die Nachfrage nach Kindern erhöhen, wobei allerdings zwischen Quantität und Qualität der nachgefragten Kinder unterschieden werden muß. Die Qualität der Kinder hängt unmittelbar mit den für die getätigten Ausgaben zusammen.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 2. Aufl., Tübingen 1993, S.  213)

Die Ergebnisse von Beckers Bemühungen sind hier denkbar überschaubar. Er kann mit wirtschaftswissenschaftlicher Theorie also nachweisen, dass die Familienplanung von den ökonomischen Lebensumständen abhängig ist: Kinder muss man sich leisten können. Die Sprache, die damit zur Beschreibung des Zwischenmenschlichen herangezogen wird, ist dennoch meines Erachtens bemerkenswert: Kinder werden zum Konsumgut von unterschiedlicher Qualität, je nachdem, wie viel ihre Eltern in sie investieren konnten. Die Sprache des Kapitals muss sich unmittelbar auf das Menschenbild auswirken, wenn sie Menschen instrumentalisiert, in Kosten-Nutzen-Relationen fasst und nach ihrer „Qualität“ bewertet.

Und vielleicht wäre es der eigentliche Horror, wenn wir uns daran gewöhnen würden. Daran, dass Menschen Humankapital, Sozialtouristen, Asyltouristen, Kollateralschäden, Ich-AGs, Wohlstandsmüll genannt werden können, dass sie sprachlich zu Dingen gemacht werden können oder ihr Leid bagatellisiert werden kann, während von „notleidenden Banken“ gesprochen werden kann, oder von „Entlassungsproduktivität“. Wenn wir so kalt würden, wie es diese Sprache ist. Vielleicht ist alles, was wir tun können, weiter berührbar zu bleiben für diese Kälte, weiter über sie zu erschrecken, nicht achselzuckend „unterrascht“ zu sein, nicht ironisch oder zynisch zu werden. Vielleicht ist das alles, aber vielleicht ist das schon ziemlich viel. Und diese Subversion, das Unterlaufen zwischenmenschlicher Kälte, kann durch Sprache geschehen, kann durch Narration geschehen. Auch Literatur kann davon erzählen, wie es ist, wenn eine Familie sich ihre Kinder „nicht leisten kann“. Sie erzählt davon schon seit Jahrhunderten. Und sie erzählt davon mit anderen Mitteln, mit einer anderen Sprache, der es gelingen kann, unser Gewohntsein aufzureißen bis auf den Grund des Menschseins. Es mag pathetisch sein, das so zu behaupten, aber vielleicht hat sich der, der Pathos per se zu Kitsch erklärt, schon zu sehr an alles gewöhnt, bei aller gebotenen Skepsis gegenüber der Überwältigungskraft von Pathos, das zu einem fatalen Rückfall ins völlig Vorbewusste führen kann. Aber manche Dinge sind eben etwas pathetisch und trotzdem vielleicht wahr: Literatur kann den Menschen als Selbstzweck repräsentieren, wenn sie seine Geschichte als Selbstzweck erzählt, statt ihn auf ein Mittel zu reduzieren. Sie kann so von der oder: gegen die Realität erzählen, in einer Art, die den Menschen zum Zweck macht, die berührt.

Sie kann unsere sprachliche Berührbarkeit erhalten, weil Sprache selbst Berührung ist. „Jedes Wort spricht als Zunge/Sprache zur Haut.“ (Jacques Derrida: Berühren, Jean-Luc Nancy, Berlin 2007, S. 388) Jedes Wort berührt die Haut, weil es im Mund geformt wird, durch Zunge, Gaumen und Zähne, und im Moment des Formens berührt es uns selbst. Jedes Wort berührt die Haut, weil es durch die Luft transportiert wird, durch die Luft auf die Haut des anderen, auf sein Trommelfell trifft. Jedes geschriebene, jedes gelesene Wort berührt uns in uns, vielleicht weil sein Schreiben, sein Lesen diese Berührung der Haut simuliert. Vielleicht ist Schrift, vielleicht sind Bücher eine Haut, die wir um unser Menschsein legen können, um es zu schützen. Davor, dass uns die Welt, dass uns die Menschen „egal“ werden könnten. Vielleicht ist das kitschig. Ich bin mir nicht sicher.

Ich möchte nicht einem vorbewussten, rein emotionalen Lesen und Schreiben das Wort reden, auf jedes Berühren muss ein Begreifen folgen. Aber ohne diese Berührbarkeit, ohne das Gefühl für das Menschliche im anderen, verlieren wir das Interesse aneinander. Ohne Gefühl gibt es keinen Antrieb, kein Interesse, keine Intention. Der Depressive weiß um das, was er tun müsste, er kann es nicht tun, weil er kein Gefühl mehr hat, nicht für sich, nicht für den anderen. Die reine Vernunft ist leer ohne Gefühl. Und es gibt einen Grund dafür, warum Burn-Out und Depression als kapitalistische Zivilisationskrankheiten gelten (s. auch dazu: Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?, sowie: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten).

Unsere Geschichte besteht aus Erzählungen. Unsere individuellen wie kollektiven Identitäten sind Erzählungen. Unser Rechtssystem, unsere Verfassung, all das besteht aus Worten. Es sind andere narrative Gattungen als die klassisch literarischen, aber es sind Worte, die das System formen, in dem wir leben. Es sind auch unsere Worte. Würden wir alles umschreiben, wenn das möglich wäre, würden wir alle Gesetze ändern, wäre der Himmel immer noch blau, aber wir würden vielleicht anders unter ihm leben. Und, nebenbei: Bekanntermaßen ist das Wort für die Farbe „blau“ relativ jung, noch in der Odyssee ist das Meer „weinrot“, nicht „blau“, und es gibt Studien, die nahelegen, dass die Farbe „blau“ nicht gesehen und erkannt werden konnte, als es das Wort dafür noch nicht gab. Wir nehmen erst bewusst wahr, was wir benennen können – oder wie Kant es sagen würde: „Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Unsere Welt entsteht durch unsere Worte, unser Menschenbild entsteht durch unsere Worte, durch dieses schwache, biegsame, oft so defizitäre Medium. Vielleicht können wir nicht alles völlig anders erzählen, vielleicht sind wir zu begrenzt. Aber vielleicht ist das „Wie“ unseres Erzählens ebenso entscheidend wie das „Was“. Vielleicht können wir uns neu erzählen, vielleicht kann unser Leben Gespräch sein, und seit wir Gespräch sind, hören wir voneinander. Lesen wir voneinander. Keine Tat kann unsere Vergangenheit ändern, aber das Wort kann es, zumindest innerhalb bestimmter Grenzen, es kann der Vergangenheit einen neuen Sinn geben, der in die Zukunft reicht: Es kann erinnern und durch diese Erinnerung die Zukunft ermöglichen. Das Wort verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Wort verbindet Berührung und Berührung, Mensch und Mensch. Das Wort kann das System stützen und unterlaufen. Vielleicht nur im Kleinen. Vielleicht ist das aber besser als nichts.

Und immer, wenn jemand sagt, es bräuchte Taten, um die Welt zu verändern, denke ich: Vielleicht brauchen wir eher eine andere Sprache. Und immer, wenn jemand sagt, bei political correctness gehe es um Sprachverbote, frage ich mich: Vielleicht geht es auch um das Ringen um eine Sprache, in der wir gemeinsam die Welt erschaffen können, eine Sprache, mit der wir uns gegenseitig berühren können. Und immer, wenn jemand sagt: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen, denke ich: Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Denn vielleicht müssten wir erst richtig sprechen lernen: Sprechen, als ob jedes Wort von Bedeutung wäre. Schweigen, als ob jedes Wort von Bedeutung wäre. Vielleicht müssten wir erst richtig hören und lesen lernen. Aber vielleicht wäre es auch Wahnsinn, wenn es so wäre.

„Was ich im Grunde aber über das Verhältnis zwischen Politik und Sprache habe sagen können, ist, dass Politik nicht einfach darin besteht, Konflikte auszutragen, sondern darin, Welten zu erschaffen, und dass Welten zu erschaffen eine sprachliche Arbeit ist.“ (Jacques Rancière)

[1] Die im Folgenden dargestellten Informationen zur Entstehung von 1. Mose 1,1-2,4a wurden entnommen aus: Eckart Otto: Das Gesetz des Moses, Darmstadt 2007.

[Diesen Sermon habe ich ursprünglich für jemanden verfasst, der ihn dann doch nicht brauchen konnte, drum ist der Quatsch jetzt leicht verändert hier auf dem Blog, weil das Internet groß genug für alles ist, obwohl das jetzt hier thematisch ziemlich in der Luft hängt. Aber wenn mans schon mal geschrieben hat, gell.]

(Beitragsfoto von Sime Basioli auf unsplash.com)

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Literatur als Spektakel: Bachmannpreis 2018

„Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 1)

Donnerstag:

Raphaela Edelbauer: Nein, es gibt einen Unterschied zwischen einem Berg und den Opfern des Holocaust, sie eignen sich nicht als Bild für irgendwas, und wenn man sie einbringen will, muss das vielleicht nicht so parallelisierend passieren. Der Holocaust ist keine Station in einer Unheilsgeschichte, wie die Jury das diskutieren will, sondern er ist eben singulär. Da bin ich raus, klar kann man das machen, aber ernsthaft diskutieren sollen das bitte andere (was ja auch zum Glück der Fall ist), bin ja nur Bloggerin, darf da unsachlich sein und nicht-ästhetische Kriterien heranziehen, für das Gegenteil müsste mich erst mal wer bezahlen (niemals!) (dagegen ist imo das Z-Wort bei Neft am Freitag klar Rollenprosa, nicht bewusst hergestellte Parallelisierung, das ist schon eine andere Nummer; und bei dieser Art von Parallelisierung, wie sie Edelbauer hier herstellt, bei der das Hauptgewicht der Erzählung auf dem Berg liegt, nicht auf den getöteten Menschen, die damit Mittel zur Erzählung von etwas anderem werden (die Gewichte mögen im fertigen Roman, falls dieser Text Teil davon werden soll, anders verteilt sein) schläft mir eben schlagartig das Interesse ein, sorry). Nein Nein. Nein. Nein Nein Nein.

[Martina Clavadetscher, Stefan Lohse, Anna Stern leider verpasst.]

Joshua Groß: Eine Kreuzung aus Christian Kracht und Simon Strauß in schlechter geschrieben („träge auf der Trage“, wtf). Es ist schon legitim, einen Text, der Inhalte und Haltungen der 1990er mit dem Pathos der 2010er kreuzt und dabei auf dem Reflexionsniveau der 1950er bleibt – das Ich ist hier nicht mehr Ort irgendeiner Erkenntnis, sondern lediglich Ort der Stagnation – mit einem Zitat der 1950er zu kommentieren: „Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.“ (Adorno: Minima Moralia 29) Mit dem gelungenen „Sound“ des Textes begnügt sich dann halt nur die/der, der/dem die Pose reicht. Hier wird ja nichts durchbrochen, schon gar nicht die Pose, hier wird nur ein falscher Zustand fiktional reproduziert, um sich dann rezipierend in Selbstmitleid zu ergehen. Immerhin bin ich diesmal zu alt, als dass ich mich noch als Teil der “Generation” verstehen müsste, zu deren Stimme bestimmt bald Joshua Groß oder irgendeiner der vielen anderen ausgerufen wird, die schreiben wie er. Mich geht das nichts mehr an.

Freitag:

Corinna T. Sievers: Die Steigerung von schreibenden Arztkindern sind schreibende Ärzte (Ausnahmen: Benn, Döblin), der Superlativ sind über Ärzte schreibende Ärzte, die ständig im Autorenporträt ihren kalten, erbarmungslosen Blick betonen, als hätte Foucault nie über ihren Blick geschrieben, aber wen interessiert schon Theorie, wenn man einfach so reden kann. Entsprechend wird dann von Macht und Machtgefällen erzählt, ohne dass diese – dem Anspruch der Autorin selbst entsprechend – „seziert“ würden, eben gerade auch nicht in ihrem Verhältnis zu Erotik. Die Sprache der Medizin ist halt nicht per se „sezierend“, sie ist hier bloße Hülle ohne analytischen Unterbau und also halt blabla im sachlichen Ton. Auch hier bleibt es eine Pose.

Ally Klein: Die Füße biegen von allein ab, das Feld ist voll Gekröse, Bier klatscht gegen die Bauchwand. Keine Ahnung, wer diese Sprache lesen will. Auch hier (wie schon bei Groß) gehen sprachliche Ungenauigkeiten um ihres Pathos willen als sprachliche Gestaltung durch. Der Text wurde leider auch dann in seinem Verlauf nicht besser. Redundanzen können schön sein, können die Grenze zwischen Prosa und Lyrik aufbrechen, Tiefe herstellen, aber hier beschreiben sie nur Dasein, um dadurch ein Sein zum Ausdruck zu bringen, das aber leider nicht zum Ausdruck kommt. Alles soll hier gefühlte Wahrnehmung sein, aber wer braucht das, wenn eben die Pointe ist, dass letztlich nichts (zuverlässig) wahrnehmbar ist? Ist das wirklich das, was Literatur 2018 an existentieller Erkenntnistiefe erzählen muss, nachdem die Postmoderne schon fast durch ist? (Klar kann sie, ich lese dann eben nicht mit.) Dringlichkeit wird dann auch nicht durch einen eindringlichen Vortrag hergestellt, wenn auch hier eben alles bloße (redundante) Beschreibung einer Oberfläche bleibt, im Gegenteil: Vortrag und Text klaffen fast komisch auseinander. Rhythmus und Dramaturgie werden mehr durch den Vortrag herbeigeschrien, als dass sie da wären. Schade, aber leider viel Lärm um sehr wenig, um einen hohlen Kern, auch hier bleibt alles Pose um eine leere Mitte. Entsprechend freut sich die Jury hier, wie schon bei Sievers, über gelungene Effekte. Das stimmt schon: um Effekte geht es hier.

Tanja Maljartschuk: Das Autorenporträt ist Folklore, aber der Text ist dann ganz gut. Maljartschuk hat etwas zu erzählen und erzählt davon schlicht und genau, sie produziert sich nicht auf Kosten ihres Textes, sie mag ihre Figuren. Ich bin skeptisch, ob hier von sozialem Elend nicht allzu harmlos erzählt wird, ob hier nicht viel zu stark etwas glatt konsumierbar dargestellt wird, was nicht glatt konsumierbar sein sollte, ob die doppelten Böden im Text nicht zu leicht zu ignorieren sind. Auch der Humor des Textes, der diese realistische Reproduktion einer falschen Realität wohl brechen soll, leistet dies für mich nicht, dafür ist auch er zu fein und zu harmlos. Wären die beiden vorangegangenen Texte nicht gewesen, würde dieser vielleicht nicht so positiv auffallen. Ob das „besser als“ ihn aber wirklich „gut“ macht, da bin ich unsicher, das müsste man vielleicht mit etwas Abstand noch einmal überlegen.

Bov Bjerg: Schöner, trauriger Text, funktionierende Lesung ohne großes Rumgetue. Keine Überraschung, dass es so ist, aber schön, dass es so ist. Wie viel an gescheiterter Aufarbeitung von Vergangenheit in unterschiedlicher Hinsicht und an Gegenwartskritik sowie Zukunftsbefürchtungen in einen Text passen können, ohne dass dieser deswegen vor lauter Anspielungen steif wird, wie hier überhaupt unterschiedliche Ebenen aufgemacht werden, ohne dass der Text überfrachtet wirkt, das ist bemerkenswert. Hier funktioniert alles, was bei vielen anderen Texten halt nicht funktioniert hat, auch wenn es gewollt war und zeigt halt auch, wie schwer das mit diesem Erzählen da eigentlich ist. Wenn er dafür nicht irgendeinen dieser Preise da gewinnt, weiß ich auch nicht, was da kaputt ist. Wer einen Text vom Freitag der TDDL 2018 lesen will, sollte diesen nehmen.

Anselm Neft: Ein bisschen undankbar, die Position nach Bjerg. Der Stoff ist interessant, gut erzählt – bis auf einige Bilder und Formulierungen, die mir halt gar nichts geben, weil sie mir zu kitschig sind („im Nichtlicht der ausgeknipsten Sterne“ z.B.) -, aber hier fehlen mir jetzt doch ein bisschen die weiteren Deutungsebenen, die bei Maljartschuk immerhin angedeutet und bei Bjerg sowieso da waren (dass vieles unklar bleibt, insbesondere das Verhältnis der Figuren zueinander, hat ja nichts damit zu tun, dass der Text über sich selbst hinausweisen würde). Der Text erzählt halt eine Geschichte, die erzählt er gut, er fordert Empathie für Figuren ein, von denen zu selten erzählt wird, das ist schön. Aber darüber hinaus passiert mir zu wenig, kann eben auch daran liegen, dass ich noch ein bisschen verliebt in diesen Bjerg-Text da bin.

Natürlich beruht alles hier Geschriebene nur auf den Lesungen, ich habe keinen der Texte noch einmal gelesen, sonst sähe meine Meinung vermutlich an mehreren Stellen anders aus. Insofern ist dieser Beitrag eben auch: bloße Pose. Aber das scheint mir ganz angemessen.

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt, Gegenstand der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich der Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 2)

(Beitragsbild von Becky Phan auf unsplash.com)

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland (feat. Jonas Lüscher – Kraft; Jens Beckert – Imaginierte Zukunft)

[Obacht, ich spoilere in diesem Beitrag – also wie immer halt.]

In seinem so gut lesbaren wie unbedingt lesenswerten Buch „Imaginierte Zukunft“, das gerade auch in deutscher Übersetzung von Stephan Gebauer bei Suhrkamp erschienen ist, geht Jens Beckert der naheliegenden, wenn auch anscheinend bislang wissenschaftlich kaum beachteten Überlegung nach, dass die Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems vor allem von Zukunftsentwürfen abhängt. Wettbewerb und Kredit(würdigkeit), die den Motor der Wirtschaft antreiben, speisen sich nicht nur aus der Geschichte des Marktes und der Unternehmen, sondern vor allem auch aus den Zukunftserwartungen institutioneller wie individueller Akteure: „Wie literarische Fiktionen sind auch fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie eine eigene Welt erzeugen, in die sich die Akteure hineinversetzen können […]. In der ökonomischen Praxis nehmen fiktionale Erwartungen die Form von Narrativen an und werden als Geschichten erzählt, die den Akteuren verraten, wie die Zukunft aussehen und wie sich die Volkswirtschaft ausgehend vom gegenwärtigen Zustand in Zukunft entwickeln wird.“ (Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 24f.)

Literatur wie Ökonomie beruhen also grundsätzlich auf fiktiven Geschichten, die natürlich in völlig unterschiedlicher Diktion verfasst sind und unterschiedlichen Qualitätskriterien unterworfen sind, eines aber gemeinsam haben dürften: Indem erzählt wird, wird nicht nur Geschichte und Gegenwart (einer Figur, eines Unternehmens, etc.) konstruiert, sondern auch dessen Zukunft entworfen. Selbst der historischste Roman und der klassischste Klassiker wird immer auch im Prozess des Lesens aktualisiert, und eine Deutung der Gegenwart, die nicht auch einen Ausgriff auf die Zukunft enthalten würde, gibt es halt nicht, weil – ÜBERRASCHUNG – Gegenwart natürlich immer ein Konstrukt aus Geschichte und Zukunftserwartung ist.

Liest jetzt noch wer mit? Egal! Eigentlich wollte ich ja nur sagen: Erzählen bedeutet immer die Deutung von Vergangenheit und Gegenwart, um diese für die Zukunft zu öffnen. In Literatur und Ökonomie. Ihr könnt mir das auch einfach glauben, ich bin sehr vertrauenswürdig.

Interessant wird es doch aber spätestens dann, wenn beides verschränkt wird, indem wiederum Ökonomie Gegenstand der Erzählung wird, denn dann wird Wirtschaft nicht erzählt, um die Wirtschaft anzukurbeln (stimmt natürlich nicht, der Buchmarkt ist ja auch ein Markt), sondern um Wirtschaft zu reflektieren. Genau das passiert in „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch.

Das regelt der Markt!

Im Zentrum des Geschehens steht der Investmentbanker Victor, die personifizierte Bank bzw. der personifizierte neoliberale Kapitalismus, und wie wir wissen, gewinnt die Bank immer. Victor ist entsprechend eine Figur, die – ohne selbst so recht zu wissen, wie das passieren konnte – irgendwie immer nach oben gefallen ist und dabei unverschämt reich geworden ist. Er weiß, dass er sein Vermögen und seinen Status nicht verdient hat, weiß um die Zufälligkeit seiner Privilegierung und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Investmentbanking. Da er aber vor allem ein sehr selbstmitleidiger, narzisstischer und zynischer Unsympath ist, suhlt er sich in all diesen Erkenntnissen nur so ein bisschen hin und her, ohne irgendetwas zu verändern, im Gegenteil – gerade die menschenverachtendsten Elemente des Systems bejaht er. Selbst sein gelegentlicher Wille, daran etwas zu ändern, ist nur selbstgefällige Pose, bloß Laune: Denn was tut schon einer, der alles hat?

Laut Maslowscher Bedürfnispyramide hat er nicht nur alle Grund-/Existenzbedürfnisse wie Sicherheitsbedürfnisse durch eine überproportionale Absicherung mit über unterschiedliche Investitionsformen verteiltem Kapital abgedeckt, sondern auch die sozialen Bedürfnisse wie die Individualbedürfnisse werden bedient durch eine Tochter, mit der er ab und zu „quality time“ verbringt und die ihn ja nun qua Definition auch zu lieben hat, mehrere von ihm finanziell abhängige und zum Teil deswegen, zum Teil auch freiwillig ihm sexuell zu Verfügung stehende Frauen, durch berufliches Prestige und eine entsprechende Machtposition in der eigenen Bank. Was bleibt also? Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung als letzte Stufe der klassischen Maslowschen Bedürfnispyramide und dann final – als letzte Stufe der erweiterten Bedürfnispyramide – das Bedürfnis nach Transzendenz. Auf das Bedürfnis nach Transzendenz komme ich später noch einmal zurück, zunächst zum Bedürfnis der Selbstverwirklichung: Auch hier ist Victor ziemlich weit gekommen, aber um seiner Existenz eben bleibende Bedeutung zu verleihen, versucht er es irgendwie wahlweise mit dem Schreiben eines politischen Manifests, dann mit dem Schreiben eines langweiligen Romans. Beides macht er natürlich einfach irgendwie, jemand wie Victor kann schließlich alles, und nicht aus Haltungen oder Überzeugungen, sondern eben aus Lust und Laune heraus, eben: weil er es kann.

Während nun seine künstlerischen Ambitionen, sein Versuch, einen Roman zu schreiben, scheitern (und zwar lustigerweise an den ökonomischen Prinzipien des Buchmarktes), scheitert sein politisches Manifest bezeichnenderweise nicht. Victor hat es aus einer Laune heraus geschrieben und wird dann, als er es schon beinah vergessen hat, von dessen Erfolg nahezu überrollt. Die Wurzeln zu diesem Manifest liegen dabei keineswegs in Victors Überzeugungen, in seinen Enttäuschungen über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, den er tatsächlich abstoßend findet, genauso wenig wie in seiner Erkenntnis der Ungerechtigkeit des Systems – im Gegenteil: es gibt in diesem Roman keinen inneren Wandel Victors. All diese Dinge weiß Victor von Anfang an, er bedauert sie immer wieder mal, ändert aber nichts. Es kann gar keinen inneren Wandel dieser Figur geben, da sie für nichts steht, für keine Werte, keine Haltungen, sie steht allein für das Prinzip, Chancen zur Gewinnmaximierung aufzuspüren und diese zu nutzen. Und das tut Victor den ganzen Roman über. Schon ganz zu Anfang wird deutlich, was Victor unter einem „Prinzip“ versteht, hat er doch den Porsche, den er fährt, „aus Prinzip“ als Firmenwagen beim Wechsel zur Birken Bank, deren Teilhaber er ist, verlangt, wobei „Prinzip“ nicht bedeutet, dass er schon immer einen Porsche wollte oder ähnliches: „aus Prinzip im umgangssprachlichen Sinne, also nicht einer Überzeugung Folge leistend, sondern da er spontan Lust gehabt hatte, nach einem Porsche zu verlangen, und da in Anbetracht des großen Interesses der Birken Bank an seiner Verpflichtung nur halbherzige Einwände zu erwarten gewesen waren“ (S. 9f.). Dieser Art von „Prinzip“ folgt Victor, der entsprechend schon eingangs als „flexible Persönlichkeit“ (S. 9) charakterisiert wird: Er erkennt Chancen und nutzt sie, unabhängig von ihrem Nutzen oder irgendwelchen ethischen Kriterien. Nichts könnte weiter von einem kategorischen Imperativ entfernt sein.

Und so geht es denn weiter: Die Idee, Geld mit der Verstaatlichung privater Unternehmen zu machen, entwickelt er aus der Erkenntnis heraus, dass der Markt abgefischt ist: Verdiente er bislang sein Geld damit, Übernahmen zwischen privaten Unternehmen beratend zu begleiten, so sind nun kaum mehr private Unternehmen übrig, die übernommen werden könnten oder die andere übernehmen wollten – die M&A-Branche, die für dergleichen Geschäfte zuständig ist, steckt in der Krise. Die einzige Möglichkeit, weiterhin große Geschäfte zu machen, scheint Victor also zu sein, die Bundesrepublik selbst zum Unternehmen zu machen, das längst privatisierte Bereiche zurückkauft – er überträgt also ein altes Geschäftsmodell einfach auf einen neuen Akteur, die BRD. Damit beginnt Victor, indem er dem Finanzminister den Kauf eines Pumpspeicherkraftwerks aufschwatzt – und aus Versehen perfektioniert er diese Umwandlung der Bundesrepublik, indem er ein Manifest schreibt, in dem er rechte und linke Populismen mischt, Verstaatlichung und Deckelung von Privatbesitz fordert, so dass niemand mehr als 25 Millionen besitzen darf, und mit Islamkritik mischt. Dieses Manifest schreibt er aus einer Laune heraus in einer halben Stunde, schickt es ebenso aus einer Laune heraus einem muslimischen, in der Politik tätigen Freund, der daraus ein echtes politisches Programm einer Partei macht.

Mit diesem Programm gewinnt seine Partei die Wahl und macht aus der Bundesrepublik ein Unternehmen, die „Deutschland AG“. Als dieser Freund ihn dann verpflichten will, Leiter der GINA, einer gigantischen staatlichen Fondgesellschaft, also des finanziellen Rückgrates der „Deutschland AG“, und somit mächtigster Mann der Welt (da das weltgrößte ökonomische Kapital verwaltend) zu werden, zögert Victor. Er glaubt selbst nicht an das Vorhaben, natürlich, denn er glaubt ja selbst an nichts, vielmehr stört es ihn, wenn Leute Überzeugungen haben (S. 190f.). Letztlich macht er aber natürlich doch mit, weil eben das ja sein Prinzip ist: Chancen zur Gewinnmaximierung instinktiv erkennen und die ergreifen, nach oben fallen. So wird er mächtigster Mann der „Deutschland AG“ und damit der Welt: Victor wird eben nicht, wie manche Rezensionen behaupten, „Antikapitalist“ oder “Kapitalismuskritiker”, im Gegenteil: Er wird Hyperkapitalist, er erhält Macht über die maximal mögliche Kapitalakkumulation. Er bricht das kapitalistische System nicht, er treibt es auf die Spitze. Und zwar schlicht deswegen, weil der Markt die Möglichkeit dazu eben hergab.

„Auch irrationale Entscheidungseinheiten müssen die Realität anerkennen und können beispielsweise keine Entscheidung verwirklichen, die außerhalb ihres Möglichkeitsraumes liegt. Und diese Möglichkeitsräume sind nicht unveränderlich oder willkürlichen Schwankungen unterworfen. Sie werden vielmehr durch verschiedene ökonomische Variable systematisch verändert.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 184). Victor ist eine solche irrationale Entscheidungseinheit: Sein Handeln folgt keiner festen, rational nachvollziehbaren Logik, keinem System, keinen moralischen Grundsätzen, es folgt nur dem Impuls. Und damit folgt es von alleine den Gegebenheiten des Marktes. Alles regelt der Markt.

Dass Victor eben nicht mit dem kapitalistischen System bricht, dass er eben nicht Kapitalismuskritiker wird, wird vor allem darin deutlich, dass sein Manifest, trotz der Kritik seines Freundes hieran, deutlichst an einem kapitalistischen Leistungsprinzip festhält, das – als dieses politische Programm zur Umsetzung kommt – zur völligen Unterjochung der Bevölkerung führt. Die Unmenschlichkeit des Systems, das Menschen zur Humanressource erklärt, wird durch Victor noch gesteigert: Er will gute Bildung für alle, aber nicht, weil Bildung und der Mensch ein Selbstzweck wären, sondern weil man dann erst die größtmögliche Leistung abschöpfen kann.

Seine Ideen und Behauptungen zur Verbesserung des Sozialwesens – Wohlstand für alle, Bildung für alle, Sicherheit etc. – sind dabei nur Tarnung eines Systems, das zur eigenen Gewinnmaximierung führen soll, ganz gemäß dem rotten-kid-Theorem: „ein Egoist hat immer dann einen Anreiz für den Versuch, Altruismus zu simulieren, wenn altruistisches Verhalten durch seine Wirkung auf das Verhalten anderer seinen eigenen Konsum erhöht.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 326)

Verstaatlichung – das könnte eine These des Romans sein – führt im System des neoliberalen Kapitalismus nicht mehr zurück zur sozialen Marktwirtschaft, sondern zu einem maximal missbrauchbaren ökonomischen Kapital-Monopol. Verstaatlichung wird zum Vehikel der Steigerung des Neoliberalismus.

Entmenschlichung und Sprache

Tatsächlich ist, obwohl das alles ziemlich interessant und klug ist, „Hochdeutschland“ nicht so sehr schön zu lesen (aber: trotzdem unbedingt lesenswert!). Das liegt zum einen daran, dass es eben ein Thesenroman ist, womit zusammenhängt, dass vieles eben nicht erzählt, sondern erklärt wird, dass ein nicht unbedeutender Teil des Romans aus dem Manifest, das einfach wie dazwischengeschoben wirkt, besteht – all das ist aber natürlich grundsätzlich legitim, weil es eben ein Thesenroman ist, dem es eher darum geht, ein paar Ideen narrativ in den Raum zu stellen, als die literarischste aller Geschichten zu erzählen. Fair enough.

Ob deswegen die sprachliche Gestaltung wirklich an allen Stellen so hätte sein müssen, wie sie ist, darüber lässt sich streiten: Zumindest die fürchterlich platte Kindersprache, die Schimmelbusch verwendet, wenn er die Gedanken von Victors Tochter wiedergibt („Noch 16 Wochen! Eigentlich war das zu lange, weil sie freute sich ja schon so dolle. Sie freute sich auf das Schwimmen und das Tauchen, und auf die Waffeln mit dem Nutella – weil jeden Tag Nutella, das durfte sie gar nicht bei ihrer Mami.“ S. 167) hätte man sich sparen können, weil sie lediglich unästhetisch ist, aber nichts beiträgt. Dass ansonsten der Text recht breitbeinig-ungehobelt nur so vor sprachlichen Klischees strotzt – die Mitarbeiter der Bank werden als „Sklaven“, Angehörige anderer sozialer Schichten als „Wesen“ bezeichnet – ist dagegen zwar eben nicht schön zu lesen, aber narrativ stimmig: Benutzt wird eben die entmenschlichende Sprache des Kapitals. Die eigentliche Kapitalismuskritik übt in diesem Buch eben nicht Victor als Figur, sondern sie wird geübt durch die Sprache und durch das Menschenbild des Kapitals, die hier ziemlich rücksichtslos Verwendung finden. Und durch den Plot natürlich. Aber es sind Sprache und Menschenbild, durch die einem dieses System, das durch Victor verkörpert wird, so unangenehm werden, dass man des Buch eigentlich nicht gern lesen mag (es sei denn, man kann über sowas lachen, was ich ja immer nicht kann, weil ich keinen Humor habe, so säd). Das ist nicht schön, aber ziemlich gut gemacht.

Und dazu gehört selbstverständlich auch das Frauenbild Victors: Es gibt natürlich nur Frauen, die entweder Mütter von irgendwem sind oder mit denen Victor Sex hat(te). Frauen sind Objekte für irgendwas, und meist sind sie von Victor abhängig (was sie ihrerseits dadurch ausgleichen, dass sie ihn wiederum entmenschlichen, seine Tochter macht da keine Ausnahme). Und obwohl er kurz darüber nachdenkt, dass er spielend die Möglichkeit hätte, durch Schenkungen für die finanzielle Unabhängigkeit dieser Frauen zu sorgen, sogar kurz darüber nachdenkt, dass er das eigentlich tun sollte, macht er das natürlich nicht. Weil es ein Verlust von Macht und damit von Kapital wäre. Das ist nicht so schön zu lesen, aber eben sehr stimmig. Und in der Konsequenz, in der das alles hier angewandt wird, doch bemerkenswert.

Metaphysische Leere und Theodizee

Victors Mangel an Werten ist tatsächlich, wenn man so will und diese alte, oft kulturpessimistisch gewendete Floskel bemühen will, eine metaphysische Leere: An Stelle der Metaphysik ist die Ökonomie getreten, ihr folgt Victor. Und erfüllt damit die letzte, oben schon erwähnte, Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, das Bedürfnis der Transzendenz, die Suche nach Gott: Er wird zum „strategischen Schamanen“ (S. 211) der Deutschland AG, zu ihrem „Ayatollah“ (S. 191). Das Kapital wird zur Religion, Victor zum kapital-religiösen Führer.

Der bereits eingangs erwähnte Jens Beckert nennt diese Substitution religiöser Fiktionen durch ökonomische „säkulare Verzauberung der Welt“: „Schon der Begriff ‚fiktionale Erwartung‘ deutet an, dass die Nichtrationalität unter Bedingungen der Ungewissheit zu allem wirtschaftlichen Handeln beiträgt, und zwar auch dann, wenn die Akteure rational handeln wollen. Der Begriff der Fiktion kann herangezogen werden, um den nichtrationalen Kern des wirtschaftlichen Handelns in den Investoren, Innovatoren und Konsumenten zu verorten, die den Markt mit ihren Projektionen verzaubern, und nicht – wie Weber – in religiösen Doktrinen, welche die Menschen dazu bewegen, ihr religiöses Schicksal zu erfüllen. Die Praktiken und Überzeugungen der Akteure sind eine Art von säkularer Verzauberung der Welt, die sich mit Durkheims Hypothese deckt, dass die moderne Gesellschaft säkulare Formen des Heiligen entwickelt. Aber während sich Durkheim in erster Linie mit dem befasste, was er als „Kult des Individuums“ bezeichnete, liegt mein Augenmerk auf der Rolle der säkularen Formen des Heiligen in der Wirtschaft. Glaubwürdige fiktionale Erwartungen sind feste Überzeugungen. Und wie im Fall der religiösen Klassifizierung sind fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft soziale Projektionen, die in kollektiven Praktiken entstehen.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 443)

Und Gott? Der schaut zu, laut Victor: Zumindest bringt er seiner Tochter bei, dass es einen Gott gibt, der die Welt geschaffen hat und seither zuschaut (S. 156-158), damit ihr die Wahrheit „von der Zufälligkeit, der Vergeblichkeit, der Unwirklichkeit, der Sinnlosigkeit und so weiter“ (S. 158) so lange wie möglich erspart bleibt. Interessanterweise tut Gott das auf der Handlungsebene aber insgesamt eben nicht, zumindest nicht zwangsläufig: So gelingt es Victors Tochter einmal durch ein Gebet, ihren Vater vor einem Herzinfarkt zu retten (S. 199f), und auch später kommt es zu einer merkwürdigen, mystischen Begegnung zwischen Vater und Tochter. Gott wäre, wenn man die Erzählung hier ernst nähme, dementsprechend gar kein stiller Beobachter des grausigen Weltgeschehens, er wäre auch nicht einfach tot, sondern er wäre da und er wäre ansprechbar. Wenn die Rettung vor dem neoliberalen Turbokapitalismus also nicht aus der Verstaatlichung zu erwarten ist, so vielleicht – das könnte der Roman zumindest vorschlagen – in einer Abwendung von einer Religion der Ökonomie und einer erneuten Rückbindung von letztgültigen Heilserwartungen an die Metaphysik.

[Ich warne nochmal vor den nun folgenden Spoilern. Diese betreffen auch „Kraft“ von Jonas Lüscher.]

Damit gäbe der Roman bezüglich der Frage nach Metaphysik eine dezidiert andere Antwort als Jonas Lüschers „Kraft“, ein Roman, der ebenfalls Kritik am neoliberalen Kapitalismus mit einer metaphysischen Fragestellung, der Theodizeefrage verbindet, und in dem ebenfalls die Ökonomie zur Religion geworden ist. Deutlich wird dies in „Kraft“ etwa gleich zu Anfang, wenn das Silicon Valley als „mystisches Tal“, als „formlose[r] Siedlungsbrei mit seinen seltsamen Kultstätten“, deren Namen wie die von „Heiligen und Göttern“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 10) ausgesprochen werden, bezeichnet wird. Als dessen Gegensatz wird ein Glockenturm – der klassischerweise natürlich ein religiöses Symbol ist, hier aber als Carillon auch für Kunst stehen könnte – benannt, der keine Beachtung findet und an dem sich Kraft, der Protagonist des Romans, am Ende erhängen wird. Im Gegensatz zu Victor ist Richard Kraft, Professor für Rhetorik, ein tatsächlich ernüchterter Vorkämpfer des neoliberalen Kapitalismus, dessen Wandlung allerdings schon vor Beginn der Romanhandlung eingesetzt hat und im Laufe derselben lediglich zum Abschluss kommt. Kraft scheitert daran, die mit einer Million Dollar dotierte Preisfrage zu beantworten: „Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium. Why whatever is, is right und why we still can improve it?“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 7) Er erhängt sich am Glockenturm – es gibt keinen Grund zu Optimismus, es gibt keinen Hinweis auf die Existenz metaphysischer Mächte in Lüschers Roman, und wenn man das Carillon in seiner Doppeldeutigkeit, der gemäß es auch für Kunst stehen könnte, ernst nehmen will, ist auch in der Kunst keine Rettung: Das Leuten der Glocken, ausgelöst durch Krafts Selbstmord, hört dieser nicht mehr. Zumindest aber die Möglichkeit, dem Neoliberalismus durch Verstaatlichung beizukommen, wird in „Kraft“ nicht ausgeschlossen: Der Protagonist erwägt sie mit zunehmendem Alter, was ihm Verachtung durch seine Frau einträgt. Hier geht „Kraft“ einen anderen Weg als „Hochdeutschland“.

Gemeinsam ist beiden Romanen aber in jedem Falle so viel: Am Ende gewinnt die Bank nicht mehr – die Vertreter des Neoliberalismus, Victor und Kraft, und damit das System, für das sie stehen, sterben, ihnen wird also narrativ eine deutliche Absage erteilt. Und: Auch in „Hochdeutschland“ gibt es keine Antwort auf die Theodizeefrage, die Victors Tochter stellt (S. 161).

In einem Punkt würde Jens Beckert Alexander Schimmelbusch in jedem Falle Recht geben: Der Kapitalismus verleibt sich selbst die Tendenzen, die ihm zuwiderlaufen, sogar den Antikapitalismus ein: „Selbst die Imaginationen jener Utopien, die Alternativen zum Kapitalismus vorgeschlagen haben, darunter verschiedene Strömungen der Arbeiterbewegung oder der Protestbewegungen der sechziger Jahre, wurden samt der von ihnen inspirierten praktischen Aktivitäten in die kapitalistische Logik integriert. Um seine Dynamik aufrechterhalten zu können, muss der Kapitalismus unentwegt durch Neuheit ‚animiert‘ werden. Er hängt also von der Kreativität und Vorstellungskraft der Akteure ab, die manchmal auch im Widerstand gegen den Kapitalismus zum Ausdruck kommt. Aber am Ende lässt all diese Kreativität stets das Prinzip der Akkumulation unangetastet. Die Imaginationen der Zukunft werden allesamt wieder in die kapitalistische Logik integriert. […] Diese Mischung von Kreativität und Zerstörung beschrieb der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich vor vielen Jahrzehnten mit einem einzigen Wort als – dämonisch.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 446f.) Und auch am Ende des Buches von Beckert bleibt nur der Rekurs auf die Theologie.

Wie auch immer man sich dazu verhalten will, ob man den von „Hochdeutschland“ oder den von „Kraft“ vorgeschlagenen Weg zur Überwindung eines neoliberalen Turbokapitalismus überzeugender findet oder Kapitalismus mehr so ganz hübsch findet – falls noch einmal jemand fragen sollte, was deutsche Gegenwartsliteratur so kann und wozu sie so gut sein kann: Sowohl Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“ als auch Jonas Lüschers „Kraft“ erfassen die Probleme des Wirtschaftssystems und die daraus resultierenden Probleme für die Gesellschaft, deuten sie im Mittel der Narration und öffnen damit – mit unterschiedlichen Vorschlägen – die Gegenwart für die Zukunft. Nicht dass Literatur dergleichen müsste. Aber sie kann und sie tut es. Nebenbei ist „Kraft“ von Lüscher auch literarisch-ästhetisch sehr schön und „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch durchaus auf ganz andere Weise auch, für viele aber vermutlich vor allem ein ironischer Spaß (für mich halt nicht, denn ich lache niemals). Und schon deswegen sind beide Romane unbedingt lesenswert.

VIELLEICHT HABE ICH ABER EINFACH ALLES ÜBERINTERPRETIERT, LOL!

[Beitragsbild von Freddie Collins auf unsplash.]

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Céline Minard – Das große Spiel

Übersetzt von Nathalie Mälzer.

Keine Ahnung, was immer alle mit Bergen und Wandern haben, wo doch die Natur keinen Geist hat. Also ich bleibe ja lieber zu Hause, ich bin ja aber auch grundsätzlich eher ein bisschen faul. Wenn man zu Hause bleibt, kann man dort Bücher lesen, das ist praktisch, dann hat man nämlich gleich noch eine Ausrede dafür, sich gar nicht bewegen zu müssen. Man kann beispielsweise klassische Sagen lesen, dann weiß man, dass die Götter auf einem Berg, dem Olymp (ja, wirklich!), wohnen. Man kann die Bibel lesen, dann weiß man, dass Berge ein Ort der Rettung (Noah strandete auf einem, Psalm 121 etc.), in jedem Fall aber ein Ort der Begegnung mit dem Transzendenten (Isaaks Opferung, Mose auf dem Sinai etc. etc.) sein können. Und wenn man dann noch ein bisschen rumgoogelt, was zuhause auch besser geht als auf so einem Berg beim Wandern, findet man heraus, dass es überall auf der Welt heilige Berge gibt, dass den Berg als herausgehobenen Ort mit „Transzendenz“ zu verbinden also wohl eine kulturübergreifende Idee zu sein scheint.

Und dann kann man auch „Das große Spiel“ von Céline Minard lesen, wenn man nicht lieber über Gesteinshubbel trampelt und sich Blasen an den Füßen holt. Die namenlose Erzählerin dieses Romans hat sich nämlich ein Stück Berglandschaft gekauft, sich dort ein mit etlichen Segnungen der Zivilisation versehenes high-tech-Domizil errichtet, um sich aus der Zivilisation, unter der sie schrecklich leidet, weil alle doof sind, zu verabschieden, um herauszufinden, ob man gegen sich selbst Schach spielen kann, ob man die Isolation aushalten kann, ob Not ein Umstand, ein Seelen- oder Körperzustand ist, kurz: Es geht eben um existentielle Erfahrung.

Und das in anderer Weise als in Haushofers Roman „Die Wand“, an den man unweigerlich beim Lesen des Klappentextes denken muss (und diese Assoziation führte dazu, dass ich das Buch gekauft habe, denn „Die Wand“ ist ein hervorragender Roman – aber tatsächlich, auf ganz andere Art „Das große Spiel“ eben auch, wenn auch vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger hervorragend), denn in „Die Wand“ ist das Exil nicht selbst gewählt (oder vielleicht doch, wenn man davon ausgehen will, dass die Protagonistin sich die Wand nur einbildet), vor allem aber ist es nicht möglich, dem Exil zu entkommen: Die Not ist wirklich existentiell und wird mit der Zeit drückender. In „Das große Spiel“ ist das nicht der Fall.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich all das so mit maximal augenrollendem Gestus nacherzähle, aber diese Form von Zivilisationskritik, dieses Waldgängertum, ist eben für mein Empfinden maximal albern, vor allem dann, wenn die Protagonistin trotzdem Handy und Laptop hat, um sich im Zweifelsfall in die Zivilisation zurückbringen zu lassen. Das ist eine Form der Zivilisationskritik, die bloßer Gestus ist und auf der Gewissheit wächst, ohne Probleme in diese Zivilisation zurückkehren zu können.

Aber: Ganz so platt funktioniert der Roman dann doch nicht. Tatsächlich ist „Das große Spiel“, so viel ich ideologisch daran drollig finde, ein ästhetisch sehr gelungener Roman, und vermutlich ist er sogar ideologisch interessanter als andere Romane ähnlichen Fahrwassers. Denn Minard lässt ihre Figur die eigene Misanthropie unterlaufen, sie lässt sie zum Tier werden und sich gleichzeitig selbst transzendieren und bricht damit gängige raunende Waldgängerei, überhaupt die Vorstellung von Selbsttranszendierung durchaus auch auf.

Denn die Frau, die sich hier in einer Berglandschaft den Elementen aussetzen will, wird in all ihrer misanthropen Ablehnung der Menschheit, die aus „Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen“ (S. 12 und diverse andere Stellen – diese Trias wird feststehend mehrfach wiederholt) mit der Zeit selbst – vielleicht – schwachsinnig, zumindest stellt nicht nur sie selbst entsprechende Mutmaßungen an, auch der Leser muss zunehmend erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Figur entwickeln: Und das fängt schon damit an, dass man nicht genau weiß, ob sie in den Bergen wirklich auf einen anderen Menschen trifft oder ob sie Tiere (ein Murmeltier) mit einem Menschen verwechselt. Ihre eigene Misanthropie hält sie zumindest nicht durch – und damit bekennt sich der Roman stärker zum menschlichen Miteinander als zum erwählerischen Einzelgängertum. Die Erzählerin entwickelt zudem selbst tierische Verhaltensweisen, wird also in der Isolation nicht zum der Menschheit überlegenen Menschen, sondern zum Tier, zur Natur, zur Idiotin, die sie eigentlich verachtet (es sei denn, die Natur wird hier als überlegen zum Menschen gedacht, das könnte auch sein, das wäre dann wiederum ein anderer Fall; mehrheitlich sprechen die Wertungen, die die Erzählerin ausspricht, aber nicht dafür). Sie „akklimatisiert“ tatsächlich, während sie noch darüber nachdenkt, ob es möglich ist, sich in dieser Berglandschaft zu akklimatisieren.

Am eindrucksvollsten wird das an der Sprache des Romans deutlich: Der Roman beginnt mit einem grammatikalisch brüchigen ersten Satz „Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde.“ (S. 5), die ersten ca. 30 Seiten des Romans lesen sich ungelenk und holprig, und je länger die Protagonistin in ihrem selbstgewählten Exil lebt, desto glatter wird die Sprache, bis sie am Ende stellenweise beinahe lyrisch ist. Die Sprache wird selbst Natur, insofern als gegen Anfang des Romans Naturbeschreibung letztlich nur durch das Handeln der Figur möglich ist – die Berge werden beschrieben als Raum, der durchschritten wird, als Raum, der bearbeitet wird – und gegen Ende die Natur in Bildern, insbesondere in belebten Bildern gefasst wird. Das ist schon bemerkenswert gut gemacht.

Ein bisschen störend sind dagegen leider die (zum Glück jeweils kurzen) philosophischen Einschübe, in denen es ganz unangenehm (und das sage ich als jemand, die der Sprache Heideggers ästhetisch durchaus etwas abgewinnen kann) heideggert. Da wird eben wirklich geraunt, da findet sich halt wirklich ein Jargon der Eigentlichkeit, der irgendwie ergriffen bedeutungsschwanger daherschwadroniert, als bergen seine Worte ein Geheimnis, das aber in Wirklichkeit gar nicht da ist. Beispielsweise eine Passage wie diese wirkt in all ihrer inkonsistenten freien Assoziation ehrlich gesagt so, als hätte Ada, die zentrale (und sehr nervige) Hauptfigur aus Juli Zehs „Spieltrieb“ in den letzten Jahren einfach viel Existenzphilosophie gelesen und würde nun in „Das große Spiel“ als literarische Wiedergängerin ihr Unwesen treiben:

„Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, sich verfügbar zu machen, seine Kräfte zu bündeln und sie zu mobilisieren, um das Problem zu lösen, das sich einem in den Weg stellt. Aber was passiert, wenn die Aufmerksamkeit sich auf gar kein Problem konzentriert? Wenn sie sich zum Beispiel auf die Atmung richtet, wird die Atmung dann zum Problem?

Kann diese Art von Gegenstand eine unabgelenkte Aufmerksamkeit hervorrufen? Weder durch ein Spiel noch durch Kunst noch durch Sport, ein Versprechen oder eine Drohung. Durch überhaupt keine Regel. Ganz nah an einem Risiko und einer Grundsatzentscheidung: lieber atmen als gären, lieber Blut saugen als Saft.“ (S. 66f.)

Na ja, gut, kann ja jeder trinken, was er mag. Aber natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 66 vom „In-der-Welt-Sein“ die Rede ist, natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 102 Leibniz („warum gibt es eigentlich etwas und nicht nichts“) anzitiert wird, weil damit eben gleichzeitig Heidegger („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“) zitiert wird, und natürlich ist Heidegger gemeint, wenn mit „Die Welt verändert sich, wir verändern uns, und in diesem Fluss gibt es nur das Band“ Heraklits „panta rhei“ angedeutet wird, denn Heidegger schloss u.a. an Heraklit an, usw. usw. Es heideggert eben. Und so wie bei misanthroper Zivilisationskritik sollte man halt, so gut der Roman ist, zumindest im Hinterkopf beim Lesen mitdenken, dass das nicht ganz harmlos ist, sondern eben: immer nahe am misanthropen Erwähltheits-Geraune (und ich stelle nicht partout Existenzphilosophie, mit der ich grundsätzlich etwas anfangen kann, unter den Verdacht, nicht ganz harmlos zu sein, sondern eine allzu gewollte Selbstergriffenheit, die sich in ihr Vokabular kleidet und die eben allzu sehr von der eigenen Überlegenheit, der eigenen überlegenen Wahrnehmungssensibilität, und damit von so etwas wie Erwähltheit ausgeht). Auch wenn dergleichen hier insgesamt vermieden wird. Aber der Roman hätte halt einfach auf S. 184 unten, nicht auf S. 185 in der Mitte enden sollen, dann hätte ich nicht abschließend nochmal mit den Augen rollen müssen. Man kann wohl nicht alles haben.

Davon abgesehen: „Das große Spiel“ ist sprachlich bemerkenswert und bricht zumindest in Nuancen mit altem Einsiedler-Kitsch. Die Protagonistin akklimatisiert sich. Sie wird zu Natur, ihre Sprache wird zu Natur. Sie trifft auf vermeintlich Unsterbliches – vielleicht aber auch nur auf Halluzinationen und ein Murmeltier, das bleibt offen – und versucht diesem ähnlich zu werden. Die Berge sind also auch hier Ort der Begegnung mit dem Transzendenten, Ort der Selbsttranszendierung als Selbstüberwindung, als Selbstveräußerung. Es könnte aber auch Wahnsinn sein. Es könnte aber auch wirklich Übernatürliches sein, auf das die Erzählerin trifft, und damit könnte es sich wirklich um die Auflösung der Genregrenze handeln, wie der Klappentext das so behauptet. Sicher sagen lässt es sich nicht. Und indem diese Spannung gehalten wird, ist dieser Roman eben wirklich ein lesenswerter. Am Ende hat „Das große Spiel“ nichts Schwärmerisches, trotz gelegentlichem Geraune. Glücklicherweise. Lest das ruhig mal, es ist recht gut.

Lest aber ruhig auch die sehr schönen und Interessanten Beiträge von anderen Blogger*innen zu diesem Buch:

(Beitragsbild von Denys Nevozhai auf unsplash)

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Worüber man spricht

Manchmal versagt man ja völlig. Oder zumindest ich tue das. Ich habe einen Bekannten, den ich eigentlich gar nicht so gut kenne, ein Freund von Freunden eben, der mich eigentlich immer, wenn ich ihn treffe, mit irgendwelchen relativ langweiligen Klischees über Frauen nervt. Und man sagt dann so, was man eben so sagt: Dass das Quatsch sei, dass das nicht witzig sei, dass man selbst das anders sehe. Neulich traf ich ihn zufällig auf der Straße, und kurz bevor wir uns verabschiedeten näherte sich eine Gruppe schwarzer Jungs dem Ort, an dem wir standen, was er – übrigens: promovierter Historiker, falls immer noch jemand meint, derlei Geschwätz käme nur von Leuten, die es gar nicht besser wissen können – mit „Oh, schau mal, Schokos“ kommentierte. Und ich schaute ihn nur ungläubig an und sagte: Nichts. Er redete einfach weiter, und ich hatte nichts gesagt. Und ich war danach eigentlich wütender auf mich als auf ihn. Man kann andere ja in der Regel nicht ändern, man kann ihnen nur widersprechen, aber für das eigene Verhalten kann man etwas. Und da habe ich versagt.

Ich weiß nicht so genau, warum man manchmal etwas sagt und manchmal nichts. Ich darf mich aber nicht vorschnell von dem Verdacht gegen mich selbst lossprechen, dass es mir leichter fällt, bei Sprüchen über Frauen klar zu reagieren als bei Sprüchen, die mich selbst nicht betreffen, sondern andere. Und ich vermute, ähnliches gilt für öffentliche Debatten: Dass die Frage danach, was sagbar und unsagbar ist, eine Frage der Macht ist, ist ja sei Foucault bekannt. Aber dass das, worüber man spricht, welche Themen wiederholt aufgegriffen und debattiert werden, auch eine Frage der Sensibilisierung und der persönlichen Betroffenheit ist, ist eben gerade Journalisten aus der agenda setting-Forschung vermutlich deutlicher bekannt als mir.

Worüber spricht also das Feuilleton, der journalistische Betrieb, und damit vielleicht überhaupt: die kulturell interessierte Öffentlichkeit und mit welchen Worten? Seit einem halben Jahr debattiert man über die Wand einer Berliner Hochschule und ist sich dabei mitunter nicht zu schade, das Vokabular der höchsten Eskalationsstufe (den Vogel schoss hier, ich schrieb das bereits an anderer Stelle, für mich Denis Scheck ab, der von „Kulturtaliban“ sprach) zu verwenden, was nicht nur eine Debatte erheblich erschwert, sondern auch völlig die Relationen aus den Augen verliert. Eine Debatte macht man auch nicht leichter, wenn man die Gegenseite einfach als „dumm“ abwertet, übrigens, insbesondere das geschah ständig. Dass man privat so redet, wenn man sich die Empörung von der Seele (wenn man so will) reden will: Geschenkt. Aber dass man öffentlich so redet, wenn man ein Massenmedium bedient, das ist vielleicht schon schwieriger. Seit bald einem Monat debattiert man – losgetreten von ein paar Berliner Publizisten – über die politische Einstellung eines Theaterkritikers, auch hier mitunter mit dem Vokabular der höchsten Eskalationsstufe, auf allen Seiten: Da ist von „sechs Millionen“ bis „Nazijäger“ alles geboten. Dass Worte auch der Gefahr der Abnutzung ausgesetzt sein könnten, dass man durch dergleichen zu Desensibilisierung beitragen kann, dass man dafür eine Verantwortung tragen könnte, wenn man öffentlich spricht, scheint irgendwie manchen entfallen zu sein. Dass man nicht miteinander sprechen kann, wenn man so unsachlich spricht – wobei natürlich ausdrücklich dazugesagt werden muss, dass es auch viele sachliche, gute Artikel gab, dass wieder mal natürlich nicht alle gemeint sind, aber eben auch ein paar nicht so tolle. Dass man überhaupt nicht miteinander sprechen kann, wenn es bei den Redebeiträgen jeweils mehr um Selbstpositionierung und Beziehungskundgabe, spricht: um eigene und zugeschriebene Identitäten, um eigene und fremde Netzwerke geht als um die Sache.

Wie so etwas losgehen kann, hat man Mitte letzten Jahres wiederum an einem Berliner Fall sehen können: Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, postete auf Facebook einen Link zur Schließung des Berliner Buchladens „Topics“, die angeblich auf Aktivitäten der Antifa zurückzuführen ist und fragte in die Runde, ob das stimme. Hannah Lühmann, Redakteurin bei der WELT, meldete sich, kommentierte darunter, sie wohne um die Ecke und würde sich das mal anschauen. Ich erwähne diesen Teil der Geschichte, weil es ein bisschen interessant ist, wie strukturell ähnlich die Feuilletondebatte zu dem Antifa-Shitstorm, gegen den sie sich kritisch wenden wollte, entstanden ist. Daraufhin entstand ein Artikel, der den Schluss doch nahelegte, an der Schließung des von jüdischen Betreibern geführten Buchladens seien die Anfeindungen durch den links geprägten Kiez und die bedrohte Sicherheit wegen eines Antifa-Shitstorms (der allein im Internet, nie real stattfand) Schuld. Vor allem aber trat dieser Artikel eine überregionale Welle des Interesses los. Dass der Laden schon Monate davor finanziell schwach aufgestellt war und wohl eher deswegen schließen musste, erfuhr man dann später. Genauso wie dass es sich bei denen, die den Shitstorm losgetreten hatten, mitnichten um Antideutsche handelte. Was nun genau dazu geführt hat, dass der Laden nicht lief: Wer weiß. Was aber zu dem virtuellen Antifa-Shitstorm geführt hat, wurde in allen Artikeln – und beinahe alle regionalen wie überregionalen Zeitungen, Welt, SZ, Zeit, Freitag, Stern und andere schrieben über dieses Thema – nur halb erwähnt: Zwar erwähnten alle, dass der Laden auf Facebook angegangen und für seine „Rechtsoffenheit“ kritisiert wurde, nachdem er eine Veranstaltung ankündigte, bei der der D. C. Miller, der zum Dunstkreis der Alt-Right gehört, über Julius Evola, der eben nicht nur Esoteriker, sondern auch Faschist war, sprechen sollte. Manche Artikel erwähnten sogar noch, dass das Topics schon zuvor – übrigens ohne weitere Protestaktionen oder ähnliches, soweit mir das bekannt ist – „rechtsoffene“ Veranstaltungen, z.B. mit jemandem aus dem Umfeld der „Jungen Freiheit“ durchgeführt hatte. Niemand, selbst die nicht, die den ursprünglichen Shitstorm-Auslöser, einen Facebookpost von „TOP B3rlin“, zitierten, erwähnte, in welchem Kontext dieser Boykottaufruf stand, der Wortlaut des Facebookposts war:

„Seit über drei Monaten erlebt Neukölln eine rechte Anschlagserie. Ein Höhepunkt war als Nazis versucht haben das k-fetisch anzuzünden, was glücklicherweise nicht funktioniert hat.

Und nun soll ausgerechnet ein paar Meter weiter, im Buchladen Topics Berlin, am Donnerstag ein Vortrag stattfinden, der Julius Evola (Faschist, intellektueller Stichwortgeber für italienische Nazis und die Neue Rechte) als “complex, misunderstood and increasingly powerful thinker” darstellen soll.

Also trommelt alle eure Punkerfreunde und ihre Hunde zusammen und schaut am Donnerstag mal bei diesen Eso-Hipstern vorbei.“

Tatsächlich schaute niemand bei den „Eso-Hipstern“ vorbei, und selbstverständlich ist so eine Drohung indiskutabel. Es gab einen Shitstorm auf Facebook. Das wars. Schlimm genug vielleicht. Aber bemerkenswert war es doch: Wie in all den vielen Artikeln über die Schließung des Topics konsequent ignoriert wurde, dass der Anlass für den Facebookpost nicht schlicht irgendeine potentiell rechtsoffene Veranstaltung war, sondern: Diese Veranstaltung im Kontext der bereits seit Monaten andauernden Anschlagserie durch rechts.

Diese Anschlagsreihe, die nun schon ein Jahr andauert und zumindest von der regionalen Polizei, wenn schon nicht von der überregionalen Presse, ernst genommen wird, hat bislang nur dann wirklich ihren Weg in eben diese überregionale Presse gefunden, wenn Stolpersteine gestohlen wurden. Immerhin dann, das ist ja wohl auch das Mindeste. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung oder einen Beitrag beim Deutschlandfunk, soweit ich das sehe, fehlen all die großen Zeitungen, die sich alle wortreich zur Schließung des Topics äußerten.

Zu dieser Anschlagserie gehören auch zwei Angriffe auf eine andere Buchhandlung: Das Leporello. Erst wird das Auto des Betreibers angezündet, dann werden die Scheiben des Ladens eingeworfen. Das war im Dezember 2016/Januar 2017. In der Nacht vom 31.1. auf den 1.2.2018, ist erneut das Auto des Buchhändlers angezündet worden, ebenso wie das Auto eines Politikers der Linken, man geht erneut – wie in der ganzen Anschlagsreihe – von mutmaßlich rechten Tätern aus, gefasst sind diese aber nicht. Ist das der Grund dafür, dass dieser Fall anscheinend überregional die Presse kaum interessiert, jenseits der linken Presse (TAZ, neues deutschland, Jungle World)? Das ist für mich wirklich eine offene Frage: Wie kann es sein, dass der eine Buchladen (Topics) überregional zum Thema wird – wegen eines linken Online-Shitstorms – und der andere Buchladen (Leporello) ein regionales Problemchen bleibt, trotz ganz realer Übergriffe von rechts? Die Süddeutsche veröffentlichte wenigstens die dpa-Nachricht. Der Spiegel berichtete immerhin mit einem kurzen Artikel. Der Focus mit einem längeren. Ansonsten weithin: Relatives Schweigen, einige überregionale Zeitungen teilen nicht einmal die entsprechenden Agenturmeldungen, die WELT teilt diese erst am 5.2.2018. Überregionale Zeitungen, die die Sache für wichtiger halten, als gerade mal wichtig genug, um eben die Agenturmeldung weiterzugeben, sind eben selten.

Wie genau kann es sein, ich schweife kurz ab in den Bereich journalistischer Berichterstattung im Allgemeinen, dass ich in jeder großen Zeitung seit Monaten detailreiche Homestorys über die Rittersleut zu Schnellroda lesen kann, zuletzt über Ellen Kositza in der ZEIT, die einfühlsam, nahezu sympathisch und völlig unanalytisch dargestellt wurde, als wären ihre Bemerkungen über Dressurreiten nicht eine Steilvorlage zur Analyse ihrer Person auf die Frage hin, wie viel autoritäre Persönlichkeit in ihr steckt? Wer diesen Artikel gelesen hat, denkt doch danach im schlimmsten Fall „Ach, die Kositza, mag’s eben ordentlich, bäckt gerne Brot und liest ein gutes Buch.“ Dabei ist dieses Schwärmen für die Einheit von Befehl und Gehorsam mitnichten einfach Ausdruck ästhetischer Vorlieben für „Formstrenge“, sondern meinem Eindruck nach Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur, und wer sich mal in Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ den Typ „Spinner“, der dort beschrieben wird, ansieht, wird noch weitere interessante Parallelen finden: Typischerweise werden vom „Spinner“ die anderen Leute als einfältige Schwätzer abgetan, weil sie keinen gesunden Menschenverstand haben, typischerweise hält sich der „Spinner“ für intellektuell überlegen, er will „Eindruck machen“, typischerweise isoliert sich der „Spinner“ von der Gesellschaft, hat ein „pathologisches Gefühl innerer Überlegenheit, als gehöre er einem geheimen Orden an“, so Adorno. Man könnte das alles durchanalysieren oder eine solche Homestory einfach einen Experten aus der Populismus- oder Extremismusforschung schreiben lassen. Aber zumindest hinter die analytischen Ergebnisse zu solchen Persönlichkeiten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückfallen sollte man vielleicht nicht. Und wenn man weiß, dass ein Kernmerkmal der Neuen Rechten das Übertragen von „linken“ Konzepten nach „rechts“ ist, muss man vielleicht nicht auch noch bereitwillig mithelfen, indem man Kositza irgendwie zu einem Beispiel für rechten „Feminismus“ (welche Bedeutung hat denn dann dieser Begriff, wenn er offensichtlich nicht mehr emanzipatorisch zu denken ist?) macht und in der Überschrift „nebenbei: knallrechts“ schreibt, sich also ein Zitat von ihr aneignet, mit dem suggeriert wird, das wäre irgendwie eine Eigenschaft neben anderen – Pferdeliebe, Spazierengehen, Haare blondieren. Ich bin gar nicht grundsätzlich dagegen, auch mal über solche Leute zu berichten, sie und ihr Weltbild verstehbar zu machen – aber ob diese Leute wirklich so viele so lange Artikel bekommen müssen, ob „verstehbar“ nicht auch analytischer ginge, da habe ich doch meine klaren Zweifel.

Und warum lese ich keine Homestorys über Buchhändler, die seit über einem Jahr trotz Angriffen und trotz des Gefühls, beobachtet zu werden, sich weiterhin trauen, sich klar gegen Rechts zu positionieren? Die würden mich nämlich mehr interessieren: Leute, die den Mut haben, für das zu stehen, was sie für richtig halten, sofern das, was sie für richtig halten, nicht die Abwertung von Menschen beinhaltet. Jedenfalls würde mich das deutlich mehr interessieren als raunende Ziegenhirten aus dem Hinterland. Warum kann ich nicht einmal breiter etwas darüber erfahren, wie es zu dieser Anschlagreihe kam und warum gerade dieser Buchladen so massiv von ihr betroffen ist? Das würde mich nämlich wirklich interessieren. Es muss doch da Hintergründe geben, die erzählenswert wären. Ich wohne halt nicht in Berlin, ich kann nicht mal eben hingehen und mir die Sache anschauen. Ich bin darauf angewiesen, dass andere recherchieren und dann fundiert darüber schreiben.

Ich weiß nicht, warum Journalismus manche Debatten so hochkocht und andere so liegen lässt. Haben Berliner Publizisten Angst, selbst Angriffsfläche für rechte Übergriffe zu werden, wenn sie darüber schreiben, ist das der Grund? Ich weiß nicht, ob Verteilung dessen, worüber gesprochen wird und worüber nicht, mit Macht zu tun hat, dazu habe ich zu wenig Einblick. Ich weiß nicht, ob es mit persönlicher Betroffenheit zu tun hat, möglich scheint es schon, aber auch um das beurteilen zu können, fehlt mir die Kenntnis über Netzwerke. Von außen betrachtet sieht das agenda setting ehrlich gesagt eher recht kontingent und mitunter – vor allem wenn es um die Debatten der letzten Wochen und Monate geht – , und mir ist klar, dass ich nun auch unsachlich werde: eher nach einer betrunkenen Wirtshausschlägerei aus, bei der dann doch noch jeder auch nochmal mitmischen will: Einer brüllt los und dann denken alle anderen, dass sie mitbrüllen müssen. Diese Frage könnte man ja mal stellen: Wie nahe sind manche Debatten und Debattenbeiträge, was ihre Dynamik, ihre Psychologie und ihre Aufmerksamkeitsökonomie angeht, inzwischen eigentlich vereinzelt schon am Shitstorm? Muss man sich manche Dynamiken, auch hinsichtlich der Gefahr, die von der Personalisierung von Sachfragen ausgeht, nicht vor Augen halten, um eine gewisse Debattenkultur zu erhalten (oder mancherorts: überhaupt erst herzustellen)? Was verändert das Internet mit seinen Wegen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeitsgenerierung und Informationsdistribution schleichend (?) im Journalismus? Und das ist eine Frage, die ich mir selbst schon auch stellen muss, klar, denn im Gegensatz zum Journalismus schreibe ich vom Netz aus. Aber ich stümper hier ja auch nur so rum.

Und, zudem: Warum kommt es zu überregionaler Presse-Erregung mit schöner Regelmäßigkeit dann, wenn man „Linken“ nachweisen zu können meint, sie wollen die Meinungsfreiheit beerdigen und abweichende Meinungen mundtot machen (unabhängig davon, ob nun eine Wand in Berlin gestrichen, ein Buchladen in Berlin geschlossen oder ein Bild in Manchester abgehängt werden soll – ohne abzustreiten, dass hier kritischer Diskurs dringend notwendig ist), und eben nicht im Fall der rechten Übergriffe in Neukölln, wo „Rechte“ die Meinungsfreiheit bedrohen? Ich fände es ja schön, wenn Meinungsfreiheit ein Wert an sich wäre, nicht ein relativer Wert, der nur in Abhängigkeit davon, wer sie bedroht, Bedeutung erhält.

Wäre ich Journalist/Publizist, hätte ich ein Medium mit einer gewissen Reichweite und käme ich aus Berlin, wüsste ich im Moment, wo ich hingehen wollen würde, worüber ich recherchieren, mit wem ich reden wollen würde. Jedenfalls nicht mit jemandem aus Schnellroda. Irgendwo habe ich vor ein paar Wochen mal so ein Brecht-Zitat gelesen, keine Ahnung, in welchem Kontext, aber in dem Zitat ging es darum, dass in finsteren Zeiten ein Gespräch über blaue Blumen* ein Verbrechen sei. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber in Zeiten, in denen ganz real das Auto eines Politikers der Linken und das Auto eines Buchhändlers brennen, und das zum wiederholten Mal, ist möglicherweise ein ausuferndes Gespräch über die politische Haltung eines Theaterkritikers nicht ein Verbrechen, aber vielleicht nicht das Erste, was mir einfiele.

*(weil manche fragen: könnte Absicht sein, ja; aber wenn man den Gag erklären muss, war er wohl einfach schlecht – zu spät, jetzt ist es so)

(Beitragsbild: Adriaen Brower – Peasants Fighting)

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Caroline Pichler (1769-1843) und die erste Gesamtausgabe der Werke einer österreichischen Autorin

Die vor Kurzem vorgestellte Therese Huber korrespondierte unter anderem mit Caroline Pichler, deren Kontakt zu Dorothea Schlegel ja bereits erwähnt wurde – auch zu anderen Romantikerinnen hatte Pichler Kontakt. Weibliche Autorinnen waren früher durchaus vernetzt, sowohl untereinander, als auch mit männlichen Autoren, eine Literaturgeschichte, die diese Netzwerke wechselseitiger Lektüre und Inspiration auflöst zugunsten allein der Männer, die als Genies ihre Ideen allein aus sich schöpfen, ist damit doch etwas einseitig.

Die am 07.09.1769 in Wien geborene Caroline Pichler war – ähnlich vielleicht wie Johanna Schopenhauer – eine außergewöhnlich selbstbewusste Autorin, und dies könnte auch daran gelegen haben, dass sie aus einem außergewöhnlichen Elternhaus stammte. Ihre Mutter, Charlotte Hieronymus, hatte selbst eine bemerkenswerte Biografie, war sie doch als Waise von Kaiserin Maria Theresia zur Vorleserin nicht nur von Literatur, sondern auch von Korrespondenzen und Akten ausgebildet worden und war damit eine für ihre Zeit bemerkenswert gebildete Frau, die zudem die Gunst der Kaiserin genoss. Mit ihrem Mann, dem Hofrat Franz Sales von Greiner, machte sie ihr Haus zu einem der künstlerischen Zentren Wiens ihrer Zeit. Hier wuchs Caroline Pichler auf, erhielt eine gute Ausbildung, lernte mehrere Fremdsprachen und erhielt Gesangs- und Klavierunterricht von Mozart und Haydn. Bereits im Alter von zwölf Jahren trug sie im Salon der Eltern ihr erstes Gedicht vor, dass bald darauf im „Wiener Musenalmanach“ gedruckt wurde.

1796 heiratete sie den Regierungssekretär Andreas Pichler, mit dem sie eine Tochter bekam und den Salon der Eltern fortführte: Zahlreiche Künstler wie Intellektuelle der Zeit gingen hier aus und ein, unter anderem Madame de Staël, die Gebrüder Schlegel, Grillparzer, Oehlenschläger, Wilhelm von Humboldt, Henriette Herz, Theodor Körner. Bereits ihr erster Roman „Gleichnisse“ von 1799 wurde ein Erfolg, der Durchbruch gelang 1808 mit „Agathokles“. In dessen Vorwort erläutert sie das Anliegen des Romans und vergleicht sich mit namhaften Autoren: „Hier spricht nicht nur eine gebildete Frau, die englische und französische Werke, Literatur und Wissenschaft, im Original sofort bei Erscheinen rezipiert, sondern auch eine Frau, die ohne Minderwertigkeitskomplexe Autoritäten kritisch hinterfragt, eigene Positionen bezieht und die sich selbst in eine Reihe mit Gibbon und Chateaubriand stellt – ein Selbstbewusstsein, dass wir bei Schriftstellerinnen nach ihr lange vermissen werden.“[1] In „Agathokles“ verhilft der gleichnamige Held im Jahr 300 nach Christus Constantin, dem späteren Augustus, zur Flucht aus dem Gefängnis und vor der Hinrichtung durch Galerius – damit kann sich das Christentum, das hier für Fortschritt, nicht wie bei Gibbon für den Zusammenbruch des Imperiums steht, aufgrund des Selbstopfers von Agathokles im Römischen Reich durchsetzen.

Caroline Pichler hat ihren Platz in der Welt der Literatur nicht zu Unrecht selbstbewusst für sich beansprucht: Sie hat tatsächlich ihre Fußspuren in der Literaturgeschichte hinterlassen. Sie trat überzeugt und klar vor dem historischen Hintergrund napoleonischer Eroberung für einen österreichischen Nationalismus ein und prägte so das Entstehen der Gattungen patriotischer Heldengedichte und historischer Romane in Österreich mit. Sie verfasste Werke aus allen Gattungen: Lyrik und Prosa sowie Dramen, die häufig am Wiener Burgtheater gespielt worden sind, häufig mit habsburgisch-historischem Sujet. Insbesondere ihre Romane geben aber auch Einblick in die zeitgenössische Gesellschaft.

Sie gilt als eher konservative Autorin, nicht nur aufgrund ihres Nationalismus (inwiefern man diesen zu ihrer Lebzeit als “konservativ” bezeichnen kann, ist ja ohnehin fraglich), sondern auch aufgrund ihres Frauenbildes, wie es beispielsweise in dem Briefroman „Frauenwürde“ von 1818 zum Ausdruck kommt: Der Roman erzählt von dem Baron Ludwig Fahrnau und seiner Frau Leonore, die zur Zeit der Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon allerlei Schwierigkeiten in ihrer Ehe zu überwinden haben, die zum einen im politischen Zeitgeschehen mit seinem Gegeneinander von Anhängern der Franzosen und deutschen Patrioten wurzeln, in das sie hineingezogen werden, zum anderen aber in einer Liebesbeziehung zwischen Ludwig Fahrnau und der romantischen Dichterin Rosalie. Auf einer tieferen Ebene geht es in diesem Roman auch um die Bewertung weiblicher Lebensentwürfe, und dabei wird Rosalie, die sich der traditionellen Frauenrolle entzieht und mit ihren Werken an die literarische Öffentlichkeit tritt, negativ bewertet – immerhin trägt sie dem Roman zufolge die Schuld an den Eheproblemen der Fahrnaus. Leonore Farnau dagegen ist zwar eine hochbegabte Malerin, überschreitet aber dabei nie die häuslichen Grenzen, da sie nur im Privaten malt, zudem wird sie als „wahre Vertreterin weiblicher Würde, die nicht nur einer oberflächlichen Konvenienz huldigt, sondern Schein und Sein unterscheiden kann“, entworfen.[2] Wie diese negative Wertung der schriftstellerischen Tätigkeiten von Rosalie zu Pichlers eigenen Autorschaft passen kann, bleibt dabei fraglich.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie bei ihrer Tochter, bis sie am 09.07.1843 Selbstmord beging, dessen Gründe ungeklärt sind – unterschiedliche Quellen berichten aber von einer schmerzhaften Krankheit in der letzten Lebensphase, die ein Grund gewesen sein könnte. Sie ist die erste Autorin Österreichs, deren Werke in einer Gesamtausgabe – mit immerhin 60 Bänden – herausgegeben worden sind und entsprechende Wirkung auf die Nachwelt entfalten konnten.

Werke u.a.: Gleichnisse 1800; Idyllen 1803; Leonore. Gemälde aus der großen Welt, 2 Bde. 1804; Ruth 1805; Agathokles 1808;  Die Grafen von Hohenberg 1811; Biblische Idyllen 1812; Germanicus. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen 1813; Gedichte 1814; Mathilde. Libretto für die Oper von August Mayer 1818; Frauenwürde, 2 Bde. 1818; Olivier 1821; Die Nebenbuhler, 2 Bde. 1821; Ferdinand der Zweite 1822; Amalie von Mannsfeld 1822; Die Belagerung Wiens von 1683 1824; Die Schweden in Prag 1827; Die Wiedereroberung von Ofen 1829; Friedrich der Streitbare 1831; Henriette von England 1832; Zeitbilder 1840; Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, postum 1844.

[1] Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschichte, Darmstadt 2009, S. 30.

[2] Eva Kammler: Frauenwürde (1818), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 339.

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Die Kirche im Dorf und den Messias in der Bibel lassen / über Simon Strauß und den TAZ-Artikel von Alem Grabovac

[Dieser Text wurde von mir als Leserbrief an die TAZ geschrieben und dort auch – selbstverständlich ob der Länge stark gekürzt – als Leserbrief abgedruckt. Ich habe ein bisschen etwas verändert, vor allem zwei längere, jeweils durch eckige Klammern gekennzeichnete Passagen gegen Ende ergänzt, und hoffe, dass durch diese deutlich wird, warum ich das hier geschrieben habe und jetzt zusätzlich in vollständiger Länge online stelle. Der Text spiegelt, wie immer auf 54books, meine Position und nicht die meiner Mitblogger, die mit dem Thema gar nicht befasst sind.]

Am 08.01.2018 erschien in der TAZ der Artikel „Treibstoff für die Reaktionären“ von Alem Grabovac, in dem Simon Strauß doch recht heftig angegriffen – und ich halte dieses für das richtige Verb, nicht „kritisieren“ – wurde, in dem die apokalyptische Vision beschworen wurde, Simon Strauß könne der „Messias der deutschen Literatur“ werden, was deswegen schrecklich wäre, weil er angeblich im Gewand der Romantik Pamphlete der Neuen Rechten schreibe. Der Artikel war mit „Debatte zum Schriftsteller Simon Strauß“ überschrieben und ich möchte das Wort „Debatte“ gerne ernst nehmen und dem etwas entgegnen. Der Artikel kämpft gegen einen Strohmann, was deswegen unschön ist, weil der Autor seine Zeit und seine Intelligenz auf jemand hätte investieren können, der wirklich rechts ist, davon laufen derzeit ja genug herum, statt sich ein Feindbild zu konstruieren, das vor allem auf einer nur sehr kursorischen, doch recht großzügig Passagen weglassenden Lektüre der Texte von Simon Strauß beruht.

Ich habe Simon Strauß durchaus auch kritisiert, bzw. nicht ihn, sondern sein Buch „Sieben Nächte“. Ich […] habe einen Verriss zu diesem Buch geschrieben, der auch ein paar Mal geteilt wurde – wie oft er gelesen wurde, weiß ich nicht, ich habe keinen Zugriff auf die Blogstatistiken und so etwas interessiert mich auch nicht. Was mich interessiert, ist Arbeit am Text, ist der Versuch, Texte zu verstehen. Und zu diesem meinem Verriss zu „Sieben Nächte“ kann ich im Nachhinein, und es ist mehrere Monate her, dass ich ihn geschrieben habe, nur sagen, dass es kein guter Text ist, weil ich den Roman aus einem Beißreflex heraus nicht verstanden habe und wohl auch nicht verstehen konnte. Mich hat die Problemstellung des Protagonisten, der Angst vor der Sicherheit des Erwachsenenlebens hat, und die Bezeichnung dieses Problems und des Buches im Feuilleton als „Generationenproblem/roman“ wirklich getroffen, denn ich hatte das Gefühl, dass hier mir und einem geraumen Teil der Leute, die mein soziales Umfeld bilden, schlicht abgesprochen wird, auch da zu sein, obwohl wir auch zu dieser Alterskohorte gehören. Meine Freunde und ich, wir haben, als wir Teenager waren, durchaus Zukunftsträume gehabt. Wir wollten einen sicheren Job, wir wollten genug verdienen, um unsere Familien finanziell unterstützen zu können, um die Renten unserer Eltern aufbessern zu können, wenn das nötig sein sollte. Wir wollten sichere Jobs und nicht auf irgendein Amt angewiesen sein, viel mehr nicht. Wir gehören auch zu der Generation, der hier zugeschrieben wird, ihr größtes Problem sei zu viel Sicherheit. Das machte mich wütend und davon ausgehend habe ich den Text nicht mehr an dem gemessen, was er sein wollte: Unmittelbarer Gefühlsausdruck, ohne eben viel Durchkonzipierung oder ähnliches. Ich bin ohnehin kein sehr gefühlvoller Mensch, auch Gefühle muss man sich leisten können, aber dennoch war damit falsch, was ich dem Text vorwarf: Inkonsistenz, Pathos, Ungenauigkeit – weil ich den Text nicht an sich maß, denn ich warf ihm genau das vor, was er wollte, statt zu sagen: Das will er, genau das macht er, aber ich kann damit nichts anfangen. Und ich tat das in einem Ton, den ich heute zurücknehmen wollen würde, auch wenn ich nach wie vor zu meiner Lesart des Textes stehe, weil es eben eine Lesart ist. Der Verriss war dennoch falsch und unfair. Fair dagegen war die Reaktion von Simon Strauß darauf, der mir eine eMail schrieb und sich dafür bedankte, dass ich den Text so genau gelesen habe. Und als ich die Mail las, musste ich lachen, weil ich nicht wusste, wie ich hätte reagieren sollen, weil es so beschämend war, dass es mich getroffen hat: Ich hätte nicht so auf eine in diesem Ton vorgebrachte Kritik an einem Text von mir reagieren können, schätze ich. Mir fallen überhaupt nicht viele Leute ein, die so mit Kritik umgehen.

Nun behauptet der Artikel von Alem Grabovac, unter anderem ausgehend von diesem Roman, Simon Strauß sei rechts oder rechtsoffen, und natürlich zitiert er einschlägige Stellen, mit denen man das belegen kann. Dass der Roman aber hochgradig inkonsistent ist, dass genau das das Programm des Romans ist, erwähnt Grabovac nicht. Dass es Stellen gibt, an denen Strauß davon schreibt, dass man bei Demonstrationen statt Polizisten Zebras und Pandas einsetzen sollte. Dass der Roman das eigene Programm unterläuft, dass er vor allem das unterläuft, was Grabovac Strauß zuschreibt – dass er Ambivalenz ablehne –, indem der Text permanent so ambivalent bleibt, dass man eben keine klare Haltung des Protagonisten ableiten kann. Er widerspricht sich selbst ständig, manchmal von einer Seite auf die andere, der Text widerlegt sich selbst. Auch diesen Teil des Textes wird man ernst nehmen müssen. Und dann lässt sich daraus eben keine politische Haltung mehr ableiten.

Grabovac erwähnt weiter den Jungen Salon, den Simon Strauß mit Freunden gegründet hat, und leitet davon, dass dort auch einmal Götz Kubitschek eingeladen war, ab, dass Strauß zumindest Sympathien für die Neue Rechte habe, wenn er nicht sogar Teil von ihr sein sollte. Was Grabovac dabei verschweigt [oder doch zumindest unterbetont]: Dass dort eben wirklich auch Linke, auch Menschenrechtsaktivisten, auch Schriftsteller, Philosophen und Journalisten eingeladen waren, weil man eben tatsächlich mit allen reden wollte. Unerwähnt lässt Grabovac auch, wie das Treffen mit Kubitschek aus Sicht der Teilnehmer des Jungen Salons ablief, er erwähnt nur einen Bruchteil der Äußerungen Kubitscheks selbst, weil das eben besser zu der Behauptung passt, bei dem Zusammentreffen wäre es in irgendeiner Form zum Schulterschluss gekommen – dabei endete das Zusammentreffen in wechselseitiger Ablehnung: „Wir wollten mit allen reden und hatten keine Berührungsängste. Götz Kubitschek war unser Gast, bevor er der ziegenmelkende rechte Shooting-Star der Presse wurde, um seine Standpunkte zu hören und zu verstehen, wo sein nationalistischer Reaktionismus wurzelt und wie er ihn vertritt. Und vor allem, um ihm persönlich zu begegnen, denn das Gedankengebäude eines Gastes wurde mitunter doch arg von seinem Auftritt, seiner (Un-)Fähigkeit des Mitteilens und Hinhörens unterlaufen. Er hat sich bei uns nicht wohlgefühlt, brach danach als einziger Gast unsere Regel der Privatheit und schilderte uns aus Enttäuschung als Delfine, die auf den Wellen des Zeitgeistes schwimmen und sich nicht seiner speziellen Idee einer konservativen Revolution anschließen werden.“ Persönlich möchte ich auch nicht mit Rechten reden, ich könnte das auch nicht. Persönlich halte ich es auch im öffentlichen Diskurs – aber um eben diesen handelte es sich im Jungen Salon ja nun gerade nicht – für gefährlich, über die Forderung, man müsse mit Rechten reden, deren Haltungen diskutabel zu machen. Aber jeden, der versucht hat, mal mit Rechten zu reden, selbst zum Rechten zu machen, halte ich auch für gefährlich. Ist dann Klett-Cotta ein Verlag der Neuen Rechten, weil dort das Buch „Mit Rechten reden“ verlegt wurde? Wohl kaum. Genauso wenig ist Strauß schon deswegen rechts, weil er sich mal Kubitschek im Original anhören wollte. So wenig ich verstehen kann, was man sich davon verspricht.

Sodann geht Alem Grabovac auf das Konzept der „Ultraromantik“ ein, das er Simon Strauß zuschreibt und das er aus dem Artikel „Germany’s Romantic literary revival built on Blade Runner and seven deadly sins“ aus dem Guardian kennt. Und leider muss ich es so deutlich schreiben: Grabovac kann den Artikel nicht einmal ganz gelesen haben, sonst müsste er wissen, dass das Konzept der „Ultraromantik“ gar nicht das von Simon Strauß, so sehr dieser sich ebenfalls für eine Erneuerung der Romantik einsetzt, beansprucht wird. „Ultraromantik“, und das steht auch im Artikel im Guardian, geht zurück auf Leonhard Hieronymi, einen Berliner Künstler, Mitglied der „Rich Kids of Literature“, und hat erst einmal mit Simon Strauß nichts zu tun. Gemeinsam ist beiden nur der Bezug auf die Romantik. Hätte Grabovac den Artikel im Guardian ganz gelesen, wüsste er auch, dass am Ende eine Äußerung von Simon Strauß zitiert wird, aus der hervorgeht, dass er „schockiert“ über die guten Ergebnisse der AfD war, aber hoffe, dass es für diese jetzt, wo sie im Parlament Verantwortung übernehmen müsse, schwerer werde – und dass er mit Romantik eben nicht Deutschtümelei meint: „We have to find a new, more Romantic language to talk about Europe – that is something that Macron has started to do.“ Sind Sympathien für Macron jetzt typisch für die Neue Rechte?

Auch ich bin mir darüber im Klaren, dass Romantik zu einer gefühlsduseligen Verherrlichung von Nation, Blut und Boden führen kann [Nachtrag, 11.1.2018: Auch mit dem “neuen romantischen Aufbruch” und der Ultraromantik habe ich mich übrigens hier kritisch auseinandergesetzt]. Ich sehe nichts davon in den Artikeln von Simon Strauß, und auch diese habe ich gelesen, sicher nicht alle, aber doch ein paar. Strauß schreibt schon immer wieder mal Dinge, die ich nicht unterschreiben wollen würde, aber ich sehe nicht, wo diese weiter rechts stünden als die Äußerungen so vieler anderer FAZ, SZ oder Welt-Redakteure. Grabovac leitet aus Strauß‘ FAZ-Artikel „Deutschland döst“ ab, dieser habe die AfD gelobt. Tatsächlich steht in dem Artikel: „Die AfD ist die drittstärkste Partei Deutschlands geworden, 94 Sitze im Bundestag für eine rechtskonservative Gruppierung, die sich zuerst durch EU-Kritik profilierte, dann in internen Machtkämpfen aufrieb, aber stärker denn je zurückkehrte, weil keine andere Partei sich dazu aufraffen konnte, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin vernünftig zu kritisieren.“ Das ist eine Aussage, wie wir sie in den letzten Wochen hunderte Male gelesen haben, und jeden Journalisten, der diese Diagnose formuliert hat, zum „AfD-Lobenden“ zu erklären, führt nun auch nicht unbedingt zu einem differenzierten Blick auf die Realität. Ich persönlich weiß auch nicht, warum Strauß hier unbedingt das Adjektiv „vernünftig“ verwenden musste. Aber meint er damit „klug“? Meint er damit kalte Vernunft? Meint er damit „lautstark“, in demselben Sinne, wie man „mal vernünftig auf den Tisch hauen“ kann? Ich weiß es nicht, auch ich bin mit der Formulierung unglücklich. Aber es gäbe ja einen einfachen Weg, herauszufinden, wie es gemeint ist: Man könnte Strauß einfach fragen.

Und auch zu diesem Artikel, „Deutschland döst“, möchte ich Grabovac gerne fragen, ob er ihn ganz gelesen hat: Am Ende des Artikels, und ich würde schon dafür plädieren, Textdramaturgie ernst zu nehmen, wahrzunehmen, dass das Textende keine neutrale Position ist, steht mitnichten Sympathie für die AfD. Im Gegenteil: Am Textende steht Sympathie für die Initiative „Kleiner Fünf“, die versuchen wollte, die AfD unter fünf Prozent zu halten. Strauß begründet seine Sympathie genau mit der Haltung, die ihn laut Grabovac zum Rechten macht: Die an der Initiative Beteiligten stehen für etwas, setzen sich für etwas ein. Und so verstehe ich die Artikel von Simon Strauß, bei aller Vorsicht, die auch ich der Romantik gegenüber für geboten halte: Da schreibt jemand, der sich wünscht, dass Leute sich wieder trauen, für etwas zu stehen – und damit meint er nirgends: Blut und Boden oder so etwas, sondern in der Regel: Europa, den Erhalt der liberalen Demokratie, Kunst, so Sachen. Ich lese da den Wunsch nach Mut, Aufrichtigkeit, Hoffnung auf Zukunft und Gefühl, und das sind alles Dinge, die ich – gerade eben in einer Situation, in der in der beispielsweise auch in der ZEIT neue Utopien gefordert wurden, vielleicht nicht zu Unrecht – schon auch wichtig finde. Ich habe nicht so sehr viel von Richard Rorty gelesen, aber die Idee, dass Gesellschaft von gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Hoffnungen zusammengehalten werden kann, fand ich bislang weder direkt dumm noch irgendwie „rechts“. Kann man einem Autor, der selbst, seit er Schüler war, sich mit dem Holocaust beschäftigt hat, mit Schulfreunden ein Buch über Rolf Joseph geschrieben hat und noch heute mit diesen Freunden einen Rolf-Joseph-Preis verleiht, wirklich leichtfertig unterstellen, dass er Sympathien zur Neuen Rechten habe, weil er es befürwortet, wenn junge Leute für etwas stehen? Die Realität ist eine komplexe Angelegenheit, vielleicht müsste auch Grabovac das zur Kenntnis nehmen.

Ich weiß auch nicht, warum Strauß dabei immer wieder so für mich schmerzlich schräg formulieren muss. Ich weiß auch nicht, warum er sich ausgerechnet auf die „Tumult“ beziehen muss, wenn er Kunstautonomie fordern will. Ich persönlich würde diese Forderung lieber von Adorno ableiten. Aber was mich unendlich ermüdet, ist ein Aburteilen ohne das vorherige Bemühen um Verstehen. Man muss Strauß kritisieren dürfen, wenn er schwierig formuliert, ohne Frage. Und ich habe ihn als jemanden erlebt, der mit Kritik offen umgeht, der dazulernen möchte, der verstehen lernen möchte, warum Leute Dinge anders sehen und aussprechen als er. Vielleicht könnte man das in Zukunft ja einfach mal ausprobieren, zwei bis drei Gänge im Ton zurückfahren, und auf Diskurs setzen.

Vor einigen Wochen habe ich Simon Strauß getroffen. Wenn man wie ich in Bayern lebt, dann kommt man schwerlich durch den Alltag, ohne mal Konservative, Reaktionäre, Burschenschaftler aller Art und Rechte erlebt zu haben. Manche davon hat man eben im familiären oder lokalen Umfeld, und was Rechte angeht: So wenig ist mit ihnen reden wollen würde, so sehr erschien es mir doch immer als meine – im besten Sinne – demokratische Bürgerpflicht, mich mit ihrer Existenz, mit ihren Argumentationsmustern, ihrem Auftreten auseinanderzusetzen. Ich weiß, wer Martin Wiese ist, und ich verfolge das Aufkommen der Neuen Rechten schon seit über Jahren mit Sorge – spätestens seitdem ich um 2005 herum bemerkte, dass es auf einmal so etwas wie „Autonome Nationalisten“ gibt, dass hier gezielt versucht wird, linke Strategien nach Rechts zu übertragen. Ich glaube, ich erkenne rechtes Gedankengut, ich erkenne reaktionäres Gedankengut und ich erkenne konservatives Gedankengut schon halbwegs. Was ich aus dem, was ich weiß, mit einiger Überzeugung sagen kann, ist: Simon Strauß ist weder rechts, noch hat er Sympathien für die Neue Rechte. Es gab keine Äußerung, keine Haltung, die auf dergleichen hingedeutet hätte in unserem Gespräch. Vielleicht ist er konservativ, das kann sein, aber zum einen wäre das ja nun wirklich kein Verbrechen, zum anderen habe ich dann wirklich schon sehr viel konservativere Konservative erlebt als Simon Strauß. Im Gegenteil: Ich habe ihn erlebt als jemanden, der sehr offen denkt und redet, das mag für manchen unorthodox offen sein, und ich hatte den Eindruck, dass eben das seine Haltung ist, dass das gewollt ist: Er will offen und, vielleicht könnte man sagen: gewollt naiv, neugierig durch die Welt gehen. Man kann das für unvorsichtig halten. Vielleicht liege ich falsch, ich kann ja nicht in seinen Kopf schauen. Er spricht mit einer Sprache, die ich nicht verstehe, weder, warum er sie nutzt, noch wie er sie meint. Aber man müsste ihn fragen. Und ich kann wirklich keinen Hinweis darauf erkennen, dass Simon Strauß rechts ist.

[Ich weiß auch nicht, wie ich mich in die Lage hineinmanövriert habe, auf einmal eine mir (in mehrfacher Hinsicht) fremde Person verteidigen zu wollen (bzw. zu müssen, denn es ist mir tatsächlich eine innere Notwendigkeit). Eine mir fremde Person, die ich in mehreren Formulierungen, die sie getätigt hat, gar nicht verteidigen kann, auch wenn ich mir wünschte, ich könnte das, weil ich weiß, wie mich das treffen würde, wenn man mir unterstellen würde, ich wäre rechts. Aber es geht mir gegen den Strich, wenn man den Vorwurf, jemand sei „rechts“, an einer Stelle benutzt, wo er unangebracht ist – ich halte das für nicht minder politisch gefährlich als das Benutzen von nach rechts weiterdenkbaren Sprachmustern, gerade jetzt, wo es in neuer Deutlichkeit „rechts“ im öffentlichen Raum gibt, muss man, denke ich, genau mit den Begriffen umgehen. Und es geht mir gegen den Strich, dass jetzt ständig der Verriss, den ich eingangs hier erwähnt habe und den ich zu „Sieben Nächte“ geschrieben habe, im Internet hervorgezogen und mit dem Artikel von Grabovac zusammen gepostet wird. Es geht mir gegen den Strich, dass ich ständig diesen Artikel von Grabovac geschickt bekomme, als sollte ich mich freuen, dass hier jemand derart angegriffen wird. Ich fühle mich schäbig, weil andere so schäbig von mir denken, dass ich das tun könnte. Ich möchte nicht im Kontext mit diesem Artikel stehen, den ich für falsch halte.]

Manche wollen derzeit der Logik zu neuem Ruhm verhelfen, andere wünschen sich eine neue Romantik, ich fände es jetzt gerade, in diesem Moment, eigentlich ganz schön, wenn irgendjemand sich einmal wieder der Hermeneutik, der Kunst des Verstehens, widmen würde. Es geht mir nicht darum, Kritik delegitimieren zu wollen. Es geht mir darum, dass ich mir wünschen würde, dass Kritik öfter so ausgesprochen würde, als würde man von Mensch zu Mensch sprechen, als würde man menschlich sprechen. Als ginge es um Inhalte, nicht um Macht, um Verständigung, nicht um Angriff, als könne man wirklich vom kommunikativen Austausch etwas lernen. Kritik, die keine ist, weil sie ihr Gegenüber gar nicht in seiner Komplexität wahrzunehmen bereit ist, finde ich gelinde gesagt ermüdend. Und ich war sehr müde, nachdem ich den Artikel von Alem Grabovac gelesen hatte.

[Mir ist klar, dass man mir jetzt mit Recht vorwerfen muss: Deiner eigenen Forderung entsprechend hättest du mit Grabovac reden, mit ihm das klären müssen, statt einen Text ins Netz zu setzen. Ich habe aber – zumal Grabovac mit dem Spiel ja aus freien Stücken selbst angefangen hat – kein Interesse daran, Diskussionen über Simon Strauß zu führen mit irgendwem, und ich sehe mich in den letzten Tage dazu permanent genötigt. Ich kenne ihn kaum, wer bin ich, hier die Strauß-Exegetin zu spielen? Ich möchte, dass meine Haltung zu diesem TAZ-Artikel klar ist, ohne dass ich mich jedem einzeln erklären muss, und ich möchte, dass im Netz ein Text steht, der dem von Grabovac widerspricht, damit nicht nur seit dem 8.1. und für immer ein Text im Netz steht, mit dem jeder, der es in Zukunft tun möchte, Simon Strauß ans Schienbein treten kann, indem er ihn ausgräbt. Ich möchte, dass daneben ein zweiter Text steht, den man dann herausziehen kann, um zu zeigen: So einfach ist die „Wahrheit“ halt vielleicht doch nicht zu haben. Was ich inzwischen wieder weiß, ist, dass man nicht mit Dreck werfen und dabei sauber bleiben kann, dass mein Verriss auf mich zurückgefallen ist, dass jeder andere Artikel von mir das auch tun kann und vielleicht auch wird, und vermutlich zu Recht, und dass ich gerade nicht wirklich weiß, wie und ob ich schreiben kann, wenn das so ist. Auf Strauß sind seine Worte zurückgefallen. Auf Grabovac fallen sie zurück, wenn sein Artikel auf Twitter von einer Nutzerin geteilt wird mit der Frage, ob nicht jemand Strauß ein bisschen prügeln möchte.]

NACHTRAG, 14.1.2018:

Inzwischen hat auch das Magazin “Das Wetter” einen Artikel über Simon Strauß veröffentlicht, in dem die Verfasser den Artikel von Grabovac tatsächlich als “unglaublich treffsicher” bezeichnen, und den sie auf facebook mit den Worten “WIR HABEN ZU LANGE DIE KLAPPE GEHALTEN! Hier unser Statement zu der Vereinnahmung unserer Gedanken durch den Schriftsteller und FAZ.NET – Frankfurter Allgemeine Zeitung-Redakteur Simon Strauß und zu der Diskussion um das Einsickern von rechtem Gedankengut in die junge deutsche Literatur.” überschrieben haben. Und auf ähnlichem Reflexionsniveau bewegt sich leider auch dieser Artikel:

Dass Leute nicht zu Ende gedacht haben, merkt man ja beispielsweise daran, dass sie vom „Einsickern“ rechten Gedankengutes in die junge deutsche Literatur sprechen, als ob das was Neues, geschweige denn etwas Überblickbares wäre, als hätte es eine „Stunde Null“ in der Literatur wirklich gegeben und seither wäre die deutsche Literatur, oder auch nur die „junge“ deutsche Literatur, wer auch immer das alles sein soll (denkt man auch sog „Unterhaltungsliteratur“ mit? Dann werden alle Behauptungen über eine „Stunde Null“ und also ein mögliches „Einsickern“ schlicht falsch; und wenn man sie nicht mitdenkt: warum eigentlich nicht? Ist das nicht ein bisschen elitär dann?), ein Ort der Reinheit, und man könne den einen Zeitpunkt, den einen Zuständigen ausmachen, der sie beschmutzt, als könne eine Person allein, weil sie einiges besonders unübersehbar formuliert, plötzlich etwas irgendwo hineinbringen, als wäre das nicht die ganze Zeit mal impliziter, mal expliziter schon da. Am besten behauptet man das auch da, wo es völlig absurd ist und am leichtesten widerlegbar ist, das zu behaupten, nämlich bei der Darstellung von stereotypen Geschlechterrollen, die ja bislang in der „jungen“ deutschen Literatur auch von A bis Z nirgends zu finden wäre. Und dieser Zeitpunkt, zu dem das (behauptete) „Einsickern“ beginnt, ist natürlich nie der, zu dem man selbst von einem, als Topos nie weg gewesenen, Rumlatschen im Wald als Ausdruck von „Rechtschaffenheit“ träumt, sondern der Zeitpunkt ist immer genau da, wo man ihn haben will, auch das Bemühen von „sehr deutschem Geniekult“ oder ähnlichem ist einem selbst in der eigenen, für solche, die sie nicht haben, leider nicht erfassbaren Hyperironie angeblich sehr fremd, genauso wie man nie Taten statt Worte gefordert hat, als hätte man nicht selbst eifrig „Blender“, die nur reden ohne zu handeln, als „gefährliche Figuren“ bezeichnet, als hätte man nicht festgehalten, dass ultraromantische Figuren niemals ihre Heimat verleugnen, und man könnte fortfahren und sich die Figurentypen, die Hieronymi in seiner “Ultraromantik” entwirft, genauer anschauen und so weiter und so fort (s. zu Teilen davon auch meinen oben verlinkten Beitrag zu dem Thema). Wenn man sich „vereinnahmt“ fühlt, und dafür angeblich so gar nichts kann, muss man sich dann nicht vielleicht auch fragen, warum es dann zu dieser „Vereinnahmung“ kam? Ich sehe hier, wenn ich das einmal in aller Deutlichkeit sagen darf, doch vor allem sehr deutsche Argumentationsmuster, die den selbst erhobenen Anspruch, aus der Geschichte etwas gelernt zu haben, unterlaufen: Wer so redet, als könne in den reinen Körper der deutschen Literatur etwas von außen „einsickern“, was man – wenn man die zuständige Person entfernt – dort herausnehmen könnte, als wäre der reine Körper der deutschen Literatur einfach so von außen „vereinnahmbar“, und aus diesem Konstrukt dann auch noch eine „historische Aufgabe“ (und zwar zur Reinigung des Körpers der deutschen Literatur) ableiten will, der hat doch – Entschuldigung, wenn ich das so deutlich sage – ganz grundsätzlich linke Theorie nicht verstanden. Und die Verfasser des Artikels verweisen ernsthaft auf ihre “deutschen Wurzeln” – “als junger Autoren und Publizistinnen mit deutschen Wurzeln” – nur um dann, ausgehend vn diesem biologistischen Verhältnis zum eigenen Geburtsort das “Einpflanzen” von “Heimat-orientierte[m]” Gedankengut zu kritisieren.

Und ich glaube wirklich, dass die Verfasser des Artikels das noch nicht einmal bemerkt haben, man wird es ihnen deswegen nicht anlasten dürfen. Aber gerade deswegen sollten diese eigentlich am besten wissen, wie schnell man in argumentatorische Fallen laufen kann, von denen man schlicht nicht wusste, und wie billig die Aussage “aber das ist doch jemand, der vom Schreiben lebt, der muss doch jedes einzelne seiner Worte ganz bewusst gewählt haben” ist.

Ich persönlich halte Elemente der Romantik, ähnlich wie in der Bildenden Kunst, für aktualisierbar, ich glaube nicht, dass das grundsätzlich falsch ist, bei aller gebotenen Skepsis, schon allein, weil wir Individualität und individuelle Selbstentwürfe, die ich heute nicht missen möchte, der Tradition der Romantik verdanken (die Sprechakttheorie ignorieren und einfach so von Heimat, Redlichkeit und Waldspaziergängen reden würde ich aber trotzdem nicht, aber: vielleicht kann man auch da diskutieren, kein Plan, ich lass mich vielleicht überzeugen). Aber das ist ja schon nicht ganz richtig: da kommen angeblich PLÖTZLICH AUS DEM NICHTS Elemente der Ästhetik von Jünger, dabei war der doch bislang völlig verpönt, dabei hat den niemand jemals gelesen in den letzten Jahrzehnten, oder auch nur ironisch anzitiert (wie viele Buchtitel, die lustige Abwandlungen von „In Stahlgewittern“ sind, gab es eigentlich allein im letzten Jahr? Shitgewitter, Realitätsgewitter fallen mir spontan ein). Schade drum, wäre ja schön, wenn jemand wirklich mal wieder über Motive und ihre angemessene Form der Aktualisierung nachdenken wollen würde, statt nur irgendwie zu aktualisieren und die Form (und die Theorie) dabei zu vernachlässigen und am Ende so zu tun, als hätte man selbst nie schlecht formuliert. Jeder formuliert halt mal scheiße. Ich definitiv auch, öfter als mir lieb ist leider. Und ich wünschte, ich könnte es vermeiden oder dann ungeschehen machen, aber das geht halt immer nicht. Und das passiert halt. Aber wenn man so tut, als täten das nur andere, ist das halt auch zu einfach, vor allem dann, wenn das Gegenteil so leicht zu belegen ist. Ist doch nicht schlimm, solang man darüber reden kann. Aber wenn man gleich losbrüllt, wird es halt schwierig mit dem Gespräch. Wenn man die eigenen Fehler nicht mit der maximalen Brutalität öffentlich vorgehalten bekommen will, sollte man das vielleicht auch nicht selbst auf allen Kanälen tun und dann auch noch auf „bewerben“ klicken, damit es bloß ja jeder mitkriegt.

[Das Beitragsbild stammt von pexels.]

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Therese Huber (1764-1829) und die Demütigung des Gedruckt-Seins

Therese Huber wurde am 07.05.1764 als Tochter des einflussreichen und prominenten Göttinger Professors für Altphilologie, Christian Gottlob Heyne, geboren. Auch wenn sie damit in eine intellektuell anregende Welt – sie wuchs mit aus- und eingehenden Intellektuellen und mit der Bibliothek des Vaters auf – hineingeboren war, waren die Verhältnisse nicht nur finanziell doch sehr beschränkt: Therese Huber bliebt sich weitgehend selbst überlassen und eignete sich ihre Bildung unsystematisch und autodidaktisch durch Lesen insbesondere von Romanen selbst an – die Folgen solcher fehlenden Ausbildung waren unter anderem grammatikalische und orthographische Unsicherheiten in ihren frühen Werken. Dabei begann sie mit dem Schreiben von ersten Aufsätzen und Briefen laut eigener Aussage bereits mit sechs Jahren. Vermutlich wäre Therese Huber also eine Frau, die heutzutage über sich sagen würde, dass sie schon immer schreiben wollte – in ihrer Zeit war dergleichen natürlich unsagbar.

Ihre Mutter, von der sie sich nicht geliebt fühlte, starb im Jahr 1775, woraufhin Therese in eine Pension geschickt wurde, aus der sie nach zwei Jahren zurück in die Familie geholt wurde, um die Stiefgeschwister mit aufzuziehen. Mit 18 erhielt sie die Möglichkeit, mit Verwandten nach Süddeutschland und in die Schweiz zu reisen, danach lebte sie einige Zeit bei einer Freundin in Gotha, bevor sie 1785 den Naturwissenschaftler und Schriftsteller Georg Forster heiratete, der sich davon wohl auch einen guten Kontakt zu ihrem Vater erhoffte. Mit Forster ging sie zwei Jahre nach Polen, wo er an der Universität Wilna lehrte, beide konnten kein Polnisch und waren dort weitgehend isoliert, anschließend zogen sie zurück nach Göttingen und später nach Mainz. Die Ehe war wohl nicht nur von den Schulden Forsters, die Therese bis zum Ende vergeblich auszugleichen suchte, sondern auch von Spannungen geprägt: Sie fühlte sich ungeliebt und erniedrigt, zudem gab es wohl Probleme in sexueller Hinsicht. Von vier Kindern überlebten zwei.

Während das Ehepaar in Mainz lebte, nahm Therese Huber eine Beziehung zum sächsischen Legionsrat und Schriftsteller Ludwig Ferdinand Huber auf, der als Freund Forsters seit 1790 bei ihnen im Haus wohnte. Als Forster im Zuge der Französischen Revolution 1792 aktives Mitglied des Mainzer Jakobiner-Klubs wurde, sich an der ersten Republikgründung Deutschlands beteiligte und das preußische Heer vor den Toren Mainz‘ stand, floh Therese Huber mit den Kindern auf Anraten Forsters in die Schweiz. Sie hielt engen Briefkontakt zu Huber und Forster, der die revolutionäre Politik weiterverfolgte, 1793 unter Reichsacht gestellt wurde und zuletzt sogar ein Leben zu dritt vorgeschlagen hatte. Dazu – wie auch zu einer bereits eingeleiteten Scheidung von Forster – kam es aufgrund dessen Todes 1794 nicht.

Noch im selben Jahr heiratete sie Ludwig Ferdinand Huber, der sich nun, da er seinen Posten als Legionsrat aufgegeben hatte, als Schriftsteller und Redakteur zu finanzieren suchte. Auch Therese veröffentlichte nun zahlreiche Romane, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Französischen, dennoch blieb die wirtschaftliche Situation angespannt und besserte sich erst etwas, als Huber eine Stelle als Landesdirektionsrat annahm. Neben ihren häuslichen Pflichten, zahlreichen Umzügen und Veröffentlichungen gebar Therese Huber sechs weitere Kinder, von denen abermals nur zwei überlebten.

Nach dem Tod des Ehemannes 1804 musste sich Therese Huber selbst finanzieren, und da es ihr nicht gelang, eine Anstellung als Erzieherin zu finden, musste sie durch das Schreiben Geld erwirtschaften. Sie schrieb für die Zeitschrift „Morgenblatt für gebildete Stände“ bei Cotta, deren Redaktion sie 1816 auch übernahm – allerdings ohne Vertrag, unter ständiger Bevormundung des Verlegers, unter Beleidigungen durch Kritiker, die fanden, Autoren hätten unter der eigenen Frau genug zu leiden, weswegen eine Frau als Redakteurin unzumutbar sei, und unterdurchschnittlich bezahlt: Für die Gesamtredaktion erhielt sie 700 Gulden im Jahr, der Literaturkritiker Adolph Müller erhielt für die Redaktion der Literaturbeilage des „Morgenblattes“ 2000 Gulden jährlich.[1] 1823 wurde Cotta die unbequeme Mitarbeiterin los, indem sie von Redaktionstätigkeiten schlicht ausgeschlossen wurde – ihr Gehalt wurde noch drei weitere Jahre gegen Übersetzertätigkeiten für Cotta fortgezahlt. In ihren letzten Jahren lebte Therese Müller bei ihrer Tochter Claire von Greyerz in Augsburg, wo sie am 15.06.1829 erblindet starb.

Wie schwierig es für Therese Huber war, als Frau mit Schreiben Geld zu verdienen, wird in ihren Korrespondenzen mit ihrem Vater deutlich, den sie zeitlebens als Idol und Autoritätsperson verehrte. Ihm gegenüber musste sie in einem Brief im Jahr 1810 ihren Beruf damit rechtfertigen, dass sie bereits zu Lebzeiten ihres Mannes geschrieben habe, um die Familie über Wasser zu halten, Ludwig Huber habe ihre Entwürfe nur überarbeitet und veröffentlicht – und dass sie dabei selbstverständlich niemals ihre Pflichten als Ehefrau, Hausfrau und Mutter vernachlässigt habe, und dass bis zum Todes Hubers niemand erfahren habe, dass sie schreibe.[2] Nur jetzt sei es eben nötig, weiterhin Geld zu verdienen – ihr Vater billigte bis zu seinem Tod 1812 ihre Schriftstellerei nicht, erst nach dessen Tod, im Alter von 48 Jahren, bekannte sich Therese Huber zu ihren Veröffentlichungen.[3] Noch am 04.09.1810 schrieb sie – ob dies wirklich ihre Wahrnehmung war oder ob sie dies schrieb, um dem Vater zu gefallen – an den Vater: „Mir ist das Gedruckt sein immer ein beunruhigendes, schmerzliches, demütigendes Gefühl. Es ziemt dem Weibe nicht.“[4]

Vermutlich sind es auch die eigenen Mainzer Erlebnisse während der Revolutionszeit, die Therese Huber in ihrem – 1795/96 unter dem Namen ihres Mannes veröffentlichten – Roman „Die Familie Seldorf“ verarbeitet: Dort werden die Ereignisse der französischen Revolution in Paris aus der Sicht von Sara, einer jungen Frau aus der Provinz, dargestellt. Diese hatte sich gegen den Wunsch des Vaters geweigert, Roger, den Neffen eines Freundes des Vaters, zu heiraten, und hat stattdessen unehelich von einem adeligen Liebhaber eine Tochter geboren, mit der sie diesem nach Paris folgt. Dort verletzt dieser nicht nur ohne sein Wissen diese seine Tochter tödlich, sondern Sara erfährt auch, dass er sie betrogen hatte: Es ist bereits verheiratet und seine junge Frau erwartet ein Kind. Sie schwört Rache, verkleidet sich als Mann und kämpft als Soldat in der Revolutionsarmee – bis sie auf ihren Bruder trifft und ihre Rolle als Soldat wieder ablegt. Sie zieht sich in die Einsamkeit zurück und lehnt einen erneuten Heiratsantrag Rogers ab. Therese Huber hat hier Familien-, Liebes- und Zeitgeschichte ineinander verwoben und schneidet dabei praktisch alle zeitgenössisch bekannten Themen und Motive (verführte Unschuld, Kindsmord, Ehe und Ehelosigkeit, Freundschaft, Geschlechtertausch, Niedergang einer Familie) an. Umso erstaunlicher, dass er so in Vergessenheit geraten konnte.

Auch in „Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz“ von 1796 griff Therese Huber die „heißen Eisen“ ihrer Zeit auf: Wie Caroline Auguste Fischers „Die Honigmonathe“ ist auch Hubers „Luise“ ein gegenstück zu Caroline von Wobesers „Elisa oder das Weib wie es seyn sollte“ (1795). Darin erzählt sie das Leben von Luise, die – im eigenen Elternhaus ungeliebt und für Mädchen typisch nur unzureichend gebildet – zur Schwermütigkeit neigt und stets bemüht ist, sich durch „richtiges“ Verhalten die Liebe anderer zu verdienen: So hofft sie durch die Ehe mit dem zu Schulden, anderen Frauen, Spiel und Wirtshausbesuchen neigenden Blachfeld die Liebe ihrer Mutter zu gewinnen, die sie zu dieser Verbindung drängt. Sie bemüht sich auch um die Zuneigung ihres Mannes – allerdings vergebens: Sie wird von ihrem Mann wie vom Rest ihrer Familie schlecht behandelt und ist immer wieder Gewalt ausgesetzt, so wird sie geschlagen und von Bediensteten aufgrund von angeblichen Wahnsinns in ungeheizten Zimmern eingesperrt. Auch die Trennung vom ihrem Mann verläuft nicht ohne Demütigungen, ihre Tochter wird ihr zunächst entzogen, und nachdem sie diese zu sich holen konnte, lebt sie, von ihrer Vergangenheit körperlich wie psychisch gezeichnet, mit ihr auf dem Land. Mit diesem Roman, der die Krankheit der Protagonistin aus ihrer weiblichen Leidensgeschichte erzählt, hat Therese Huber gegen die Lebensumstände angeschrieben, unter denen so viele Frauen zu dieser Zeit litten – und vielleicht damit auch einen kleinen Beitrag dazu geleistet, nicht nur auf diese aufmerksam zu machen, sondern auch dazu, dass sich eventuell ebenfalls betroffene Frauen verstanden fühlten. Auch diese Funktion hat Literatur, und vielleicht ist es ja doch nicht die unwichtigste.

Werke u.a.: Abentheuer auf einer Reise nach Neu-Holland 1793/94; Die Familie Seldorf. Eine Geschichte, 2 Bde. 1795/96; Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz 1796; Erzählungen von L. F. Huber, 3 Bde. 1801–1802; L. F. Huber’s sämtliche Werke seit dem Jahre 1802, nebst seiner Biographie hg. von Therese Huber, 4 Bde. 1806–1819; Bemerkungen über Holland aus dem Reisejournal einer deutschen Frau 1811; Hannah, der Herrnhuterin Deborah Findling 1821; Ellen Percy, oder Erziehung durch Schicksale, 2 Bde. 1822; Jugendmuth. Eine Erzählung von Therese Huber, 2 Bde. 1824; Johann Georg Forster’s Briefwechsel. Nebst einigen Nachrichten von seinem Leben. Hg. von Therese Huber, 2 Bde. 1829; Die Ehelosen, 2 Bde. 1829; Erzählungen von Therese Huber. Gesammelt und hrsg. von Victor Aimé Huber, 6 Bde. 1830–1833; Briefe. Bd. 1–9, hrsg. von Magdalene Heuser und [ab Bd. 5] Petra Wulbusch, Tübingen 1999ff.; Romane und Erzählungen, hrsg. von Magdalene Heuser, Hildesheim 1989ff.

[1] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche, Werke, Wirkung, München 2000, S. 93f.

[2] Vgl. ebd., S. 19.

[3] Vgl. ebd., S. 90

[4] Zitiert nach: Alexander Reck: Art. Huber, Therese, in: Bernd Lutz/Benedikt Jeßing (Hgg.): Metzler Lexikon Autoren. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 4., aktual. und erw. Aufl., Stuttgart/Weimar 2010, S. 357.

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