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Autor: Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München. Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de

Konstantin Richter – Die Kanzlerin

Die Bundestagswahl 2017 steht kurz bevor, habe ich gehört, und während mir vor wichtigen politischen Abstimmungen in England, Amerika und Frankreich in den letzten Jahren immer wieder Artikel zu der Frage auffielen, welche Bücher man lesen könne, um etwas über die Stimmung, die Probleme oder die Gesellschaft in diesen Ländern zu erfahren, herrscht im deutschen Kulturjournalismus diesbezüglich auffälliges Schweigen: Lediglich in der Süddeutschen Zeitung gab es einen ähnlichen Artikel und interessanterweise empfehlen hier die Befragten fast durchgehend entweder Sachbücher oder Belletristik in Übersetzung bzw. von vor ein paar Jahrhunderten – deutschsprachige Literatur der Gegenwart scheint irgendwie zu diesem Thema nichts zu erzählen zu haben. (Falls ich entsprechende Artikel übersehen haben sollte, wäre ich um entsprechende Hinweise wirklich dankbar.)

Das ist aber natürlich Unfug, in den letzten zwei Jahren sind zahlreiche erzählende Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren erschienen, die man mal darauf hin lesen könnte, was sie eigentlich über die deutsche Gesellschaft vor der Wahl zu erzählen haben. Es scheint mehr der deutschsprachige Kulturjournalismus zu sein, der kein Interesse an Politik oder politischen Lesarten von Literatur hat, als die deutschsprachige Literatur selbst. Das ist recht schade, mich hätte eine Liste mit entsprechenden Empfehlungen sehr interessiert.

Ohne eine solche Liste musste ich nun also selbst in den Buchladen gehen und nach Literatur, die aktuell etwas zur Bundestagswahl zu erzählen haben könnte, Ausschau halten, und leider griff ich zu dem offensichtlichsten Buch: Zu „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“ von dem Journalisten Konstantin Richter. Es geht – wer hätte es gedacht – hier vor allem um die Phase des Jahres 2015, in der Merkel die Grenzen öffnen ließ: Konstantin Richter hat aber dem eigenen Anspruch nach keine Reportage geschrieben, sondern „eine Fiktion“, er will davon erzählen, was die Kanzlerin in dieser Zeit gedacht und gefühlt haben könnte, laut Klappentext lässt er dabei „Merkel als tragikomische Figur von Shakespeareschem Format lebendig werden“. Nun darf man einem Autor seinen Klappentext wohl nicht vorhalten, er kommt ja in der Regel nicht von ihm, aber dieser Klappentext ist völlig falsch: Tragikomisch ist nicht einmal das Buch selbst, das einfach langweilig ist, Figuren literarischen Formats fehlen hier völlig, lebendig wird hier auch nichts, außer einem Jahrhunderte alten Frauenbild.

„Die Kanzlerin“ ist schlicht keine Literatur: Man merkt Konstantin Richter den Journalisten zu sehr an. Er kann die Ereignisse des Jahres 2015 nachzeichnen, aber wenn es darum geht, das Innenleben von Figuren zu erzählen, fällt ihm kaum mehr ein als ein paar Kalauer. Es gibt ja Literatur, die von inneren Konflikten politisch mächtiger Figuren lebt: Die Dramen des im Klappentext bemühten Shakespeares, die Dramen Schillers, um nur die offensichtlichen zu nennen. In „Die Kanzlerin“ gibt es keine inneren Konflikte, gibt es kein Ringen, dieses Buch schärft nicht den Blick für die Realität, man erfährt nur, dass Konstantin Richter Frauen offensichtlich für ein bisschen dumm hält.

Die Erklärung der Ereignisse ab dem Herbst 2015 ist nach Konstantin Richter sehr einfach: Merkel war ein bisschen unglücklich und wollte so gerne glücklich sein, deswegen hat sie die Grenzen für die Flüchtlinge, die ihr zujubelten, geöffnet, und als sie dann wieder unglücklich wurde, weil keiner sie mehr lieb hat, bemühte sie sich wieder um eine Grenzschließung. Das ist sehr platt und dürfte dem Entscheidungsgang einer doch sehr intelligenten Frau nicht entsprechen – das zumindest, dass Merkel sehr intelligent ist, kann man ihr ja denke ich unabhängig vom politischen Lager, in dem man sich befindet, noch zweifelsfrei zusprechen.

Nicht so aber Konstantin Richter: Dieser vergleicht Merkel schon recht früh mit der weltfremden Marie Antoinette (S. 28) und hält diesen Vergleich über den Text hinweg aufrecht (z.B. S. 72), immer wieder lässt er Merkel an Marie Antoinette denken. Ihre Entscheidungen folgen Richter zufolge ihrem Gefühlshaushalt, der auch dadurch bedingt ist, dass Merkel nicht nur weltfremd ist, sondern auch sich selbst fremd, da sie zu viel über sich selbst gelesen hat (S. 19). Es gelingt der Kanzlerin im gesamten Roman kaum – oder doch nur unter Mühen – ihre eigene Situation oder das politische Tagesgeschehen rational zu durchdringen, überhaupt ist das Sache keiner einzigen weiblichen Figur in diesem Roman: Auch die andere weibliche politische Figur, die zumindest peripher eine Rolle spielt, die Büroleiterin, entscheidet emotional und verweigert Zusammenarbeit, wenn sie beleidigt ist. Vielsagend auch, dass Richter über die beiden schreibt, sie hätten „etwas von zwei klugen, aber nicht so gutaussehenden Schulmädchen“ (S. 99). Das sagt viel über Richter aus, wenig über Merkel.

Rationale, realistische Einschätzungen des politischen Geschehens kommen in diesem Buch ausschließlich von Männern: Vom bayerischen Ministerpräsidenten (S. 67f.), dessen Warnungen Merkel schlicht ignoriert, weil sie ja glücklich sein will (und dabei reflektiert der Roman nirgends, ob Seehofers Idee, die Grenzen zu schließen, im Jahr 2015 irgendwie realisierbar gewesen wäre, ob es sich hier also wirklich um die „realistischere“ Sicht gehandelt hat; die Alpenregion ist und bleibt kaum „abschließbar“), oder vom ehemaligen indischen Ministerpräsidenten (S. 140f.). Merkel wird als Figur gezeichnet, die dann beleidigt reagiert, weil sie eigentlich von diesen Männern hätte gelobt werden wollen, und die dann, weil sie jetzt „unglücklich“ ist, einfach so einen Mitarbeiter entlässt. Nur zwischendurch hat sie kurze Momente, in denen sie die Lage realistisch einschätzt, aber diese Momente werden dann schnell wieder von gefühlsbetonter Getriebenheit verdrängt, ihre Reflexionen auf vorangegangene Entscheidungen werden ebenfalls nicht als rational, sondern lediglich als nachträgliches Schönreden der Vergangenheit gezeichnet, in denen Merkel sich bemüht, die Irrationalität ihrer Entscheidungen nachträglich als rational auszugeben (S. 169). Selbst eine intellektuell angemessene Selbstreflexion wird Merkel damit abgesprochen.

Überhaupt scheint Richter sehr an der Idee zu hängen, dass Merkel eigentlich auch nur ein schwaches Weibsbild ist, dass auf starke Männer angewiesen ist: Als sie sich in Heidenau, weil sie dort von Demonstranten beschimpft wird, verletzlich fühlt, ist sie dankbar dafür, dass der sächsische Ministerpräsident sie an der Schulter durch die Menge schiebt: „eine unangebracht patriarchalische Geste war das, die der Kanzlerin in diesem Moment aber überraschend guttat.“ (S. 28). Als Merkel unsicher ist, erhofft sie sich Rat von ihrem Mann, dem sie ohnehin eigentlich das ganze Prinzip ihrer Politik verdankt: „Er musste wohl doch bemerkt haben, dass sie etwas quälte. Dass sie seinen Rat benötigte. Sie hatte ihm unrecht getan. Und da spürte sie auch gleich die alte Zuneigung wieder, das Bedürfnis, sich in schwachen Momenten bei ihm anzulehnen und helfen zu lassen.“ (S. 51). Auch am Ende des Romans wird Sauer in einer sehr väterlichen, oberlehrerhaften Szene das weinende Schulmädchen Merkel, als die Richter sie sich wohl vorstellt, trösten dürfen: „Doch die Kanzlerin wusste in diesem Moment auch, dass sie sich wieder auf Sauer verlassen konnte. Dass er für sie da sein würde. Als Ratgeber. Als Mann. Und sie wusste noch etwas: Egal was in nächster Zeit passieren würde, sie hatte festen Boden unter den Füßen.“ (S. 162) Solche Sätze wären in einem Roman über einen männlichen Kanzler wohl kaum geschrieben worden.

Natürlich hat jeder schwache Momente und selbstverständlich ist genau die partnerschaftliche Beziehung der Ort, der einem in diesem Moment Rückhalt geben sollte. Natürlich kann man Merkel als Frau zeichnen, die sich auch bei ihrem Mann anlehnt, selbstverständlich kann man davon erzählen. Aber wenn man Merkel durchweg als Figur entwirft, die weltfremd und irrational ist, lediglich getrieben von ihren Emotionen, und Männer durchweg als rationale, starke, realistische Denker zeichnet, dann ist das doch vielleicht ein bisschen zu viel Weltbild des 19. Jahrhunderts und wird der politischen Realität, auch den Figuren Merkel, Seehofer und Sauer wohl kaum gerecht. Richter zumindest sagt damit mehr über sich selbst aus als über Merkel.

„Die Kanzlerin“ ist keine Literatur, sondern mehr Reportage mit ein paar verzichtbaren und nicht sehr klugen Mutmaßungen. Man findet in diesem „Roman“ alle Merkel-Klischees wieder, die genau so auch an jedem niederbayerischen Stammtisch geäußert werden dürften, allerdings findet man diese Klischees eben nur in ihrer Reproduktion wieder, nicht in ein einer satirischen Brechung, die irgendwie über das Klischee der weltfremden, selbstentfremdeten Kanzlerin hinausführen würde. Vor allem aber ist dieses Buch leider zutiefst unpolitisch, es hat auch selbst keine politische Vision, es verlegt politische Entscheidungsfindung rein auf die unterkomplex entworfene Gefühlsebene eines Individuums, löst sie damit aus der Geschichte und politischen wie gesellschaftlichen Strukturen globaler wie nationaler Art heraus. „Die Kanzlerin“ macht ein paar Herrenwitze über die Kanzlerin und wird hoffentlich völlig zu Recht in Zukunft genauso wenig von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden bis bislang.

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Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

Georg Simmel behauptete [jaja, I’m bildungsbürgering around again] in der „Philosophie des Geldes“ um 1900, es gebe „[f]ür den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun […] sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, denn dieses existiere immer nur, indem es weitergegeben werde. Selbst wenn es gespart werde, werde es gespart mit dem Zweck, später weitergegeben zu werden.

Ein paar Jahrzehnte später zeigt sich der absolute Bewegungscharakter der Welt immer noch am deutlichsten in Bezug auf das Geld, jetzt bewegt sich aber nicht mehr nur das Geld oder der Arbeiter vom Land in die Stadt, jetzt bewegt sich der Arbeiter über Landesgrenzen hinweg dem Geld hinterher: Die Arbeitsmigration ist ein Symptom der durch das Geld bewegten Welt.

Und das Geld und die Arbeit bringen auch Gül, die Hauptfigur aus Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“ nach Deutschland: Ihr Mann Fuat war vor vielen Jahren um Geld zu verdienen aus der Türkei nach Deutschland gegangen, sie war ihm gefolgt, zwischenzeitlich aber in die Türkei zurückgekehrt – davon handeln die ersten beiden Romane („Die Tochter des Schmieds“, „Heimstraße 52“) der Trilogie, deren dritter Band „Wo noch Licht brennt“ ist – und ist mit Beginn des Romans wieder in Deutschland, um in der Nähe ihres Mannes leben zu können, der eben in Deutschland geblieben ist.

Gül und Fuat sind also ein typisches Ehepaar der türkischen Arbeitsmigration: Sie haben ihr Zuhause verlassen, weil das Geld sie zwang, sie haben in einem anderen Land gearbeitet, das nichts dafür getan hat, sie zu integrieren (jahrzehntelang ging man in Deutschland ja davon aus, die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter würden wieder zurück in die Türkei gehen), sie haben damit ihren Kindern sozialen Aufstieg finanziert und sie haben einen Preis dafür bezahlt:

„Wir sind als einfache Arbeiter in dieses Land gekommen, denkt Gül, und die Zukunft meiner Enkelin ist hier, wo sie einen ordentlichen Beruf lernt, wo sie nie putzen gehen wird oder Erdbeeren pflücken, bis ihr Rücken schmerzt, und nie in der Nachtschicht arbeiten. Vielleicht hat es sich dafür gelohnt. Wir konnten Ceren ein Studium finanzieren, unsere Zeit in der Fremde hat dazu gedient, dass Duygu und Timur nie hungern werden. Aber auch, dass sie in der Türkei immer Fremde bleiben werden.“ (S. 174)

Die Geschichte von Güls Familie, die die Geschichte sozialen Aufstiegs ist, ist doch auch die Geschichte sozialen Verlustes: Des Verlustes von sozialen Bezügen, von Freunden, Bekannten und Verwandten, die man in der Türkei zurücklassen musste, von sozialen Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die man in der Türkei verloren hatte, weil man in Deutschland nicht in die Gesellschaft integriert wurde und gleichzeitig die Veränderungen in der Türkei verpasste. „Wo noch Licht brennt“ erzählt auch davon: Von dem Konflikt zwischen finanziellen und sozialen Bedürfnissen.

Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt zwischen Mann und Frau: Für Gül ist Geld an sich nicht wichtig, es ist höchstens als Mittel wichtig, um den Kindern zu helfen, um in die Türkei reisen und telefonieren zu können, um das Erbe des Vaters, ein Sommerhaus in der Türkei, und damit die Erinnerungen an die Kindheit erhalten zu können. Das Geld dient Gül als Mittel, um soziale Beziehungen zu pflegen, aber es hat keinen Wert an sich. Für die männlichen Figuren des Romans ist das anders, insbesondere ihrem Mann Fuat, aber auch anderen männlichen Figuren im Roman schreibt Gül zu, am Geld stärker und anders interessiert zu sein als Frauen – im Hintergrund dürften unausgesprochen Geschlechterrollenbilder stehen, die dem Mann eben die Rolle des auf Geld bezogenen Ernährers, der Frau die der in sozialen Bezügen denkenden Mutter zuschreiben:

„Vielleicht hat Can Unrecht, die Welt trennt sich nicht in Arm und Reich, vielleicht haben Can und Yılmaz gemeinsam Unrecht, weil sie nicht sehen wollen, dass sich die Welt in Mann und Frau teilt. Und die Männer bestimmen, dass die Welt in Reich und Arm unterteilt wird. Die Männer wollen zum Geld, deshalb lassen sie ihr Land, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Heimat, ihre Sprache hinter sich und nehmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf.“ (S. 116)

Immer wieder gerät Gül innerlich in Konflikt mit dem Geldsystem: Das Geld nimmt ihr nicht nur das Zuhause, das Geld nimmt ihr auch den Ort ihrer Kindheit und schließlich sogar die Geschwister, die sich wegen des Erbes des Vaters zerstreiten – ein Erbe, das Gül nur aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden sind, interessiert, nicht aufgrund seines materiellen Wertes.

Geld bewegt sich aber nicht nur selbst und bewegt nicht nur Menschen, sondern es verändert auch die Orte, an denen die Menschen leben: Das Dorf an der türkischen Ägäis-Küste, in dem Gül mit ihrer Familie Urlaub macht, ist einige Jahre später, als Gül und Fuat sich dort eine Wohnung für die Zeit im Ruhestand kaufen, verschwunden: Der Tourismus hat das Dorf Neubaugebieten mit Hochhäusern weichen lassen, das Geld hat die Art des Zusammenlebens völlig verändert, wie Öykü, eine neue Nachbarin, Gül erzählt:

„Der Tourismus hat Geld gebracht, mehr, als man mit beiden Händen und dem eigenen Schweiß auf der Stirn verdienen kann. Jedermanns Augen sind größer geworden als seine Brieftasche, alle hat die Gier erfasst […]. Früher haben wir uns im Dorf gegenseitig beklaut, es gab Streitigkeiten und Fehden, es gab Schlägereien unter den Menschen, aber wir waren ein Dorf. Wie eine Familie. Jetzt ist nicht nur das Dorf auseinandergebrochen […], sondern auch die Familien sind auseinandergebrochen.“ (S. 274)

Um in den Konflikt zwischen sozialen und finanziellen Werten zu geraten, muss man also nicht erst das Land verlassen – verspätet, aber doch bewegt sich das Geld überall hin, es „spricht überall dieselbe Sprache“ (S. 221), und verändert das Zusammenleben der Menschen. Und egal, ob man nun für das Geld sein Land verlässt oder nicht, die Einsicht, dass man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Lebenszeit verkauft (vgl. S. 197) ist global.

Auch – aber nicht nur – davon erzählt „Wo noch Licht brennt“: Davon, was Menschen gewinnen und verlieren, wenn der materielle Wohlstand relativ gesehen zunimmt. Und der Roman erzählt von Gül, einer Frau, die nicht nur fremd in Deutschland ist und dann auch fremd in ihrem Geburtsort wird, sondern die auch fremd in der Welt des Geldes ist. Und hier ist Gül eine Heldin im Kleinen, die versucht auch dort, wo das ökonomische System bis in das Privateste des Menschen hineingreift, integer zu bleiben und den Menschen höher zu achten als das Geld. Die immer wieder das eigene Denken zu hinterfragen und sich selbst zu überwinden versucht, auch wenn sie ihre kleinen Fehler hat – und die damit eben wirklich eine klassische literarische Heldenfigur ist, gerade dann, wenn die Erzählweise des Romans (dazu übermorgen im Blogbeitrag von Teesalon vermutlich mehr) mit ihren Vorausdeutungen so an die Erzählweise antiker Epik erinnert. Güls Kämpfe finden nur eben nicht auf einem Schlachtfeld statt wie im klassischen Drama oder Epos, sondern im Alltag.

Und eine Heldin, die trotz ihren Bemühungen nicht verhindern kann, auch zu scheitern, auch Leiden weiterzugeben – sie wirft sich vor, ihre Tochter allein in der Türkei zurückgelassen zu haben, als sie das erste Mal nach Deutschland ging, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu verstehen, und beides – das Fehlen eines Elternteils, das Unglück in der Ehe, findet sie als Muster in allen Generationen der Familie.

Denn am Ende bewegt sich nicht nur Geld, sondern mit ihm und unabhängig von ihm auch Leid. In Thornton Wilders „Der achte Schöpfungstag“ heißt es einmal, Leiden sei wie Geld, es werde immer von dem, der es erhält, auch weitergegeben. Gül hätte vielleicht über diese Aussage nachdenken können, wenn sie nicht eine fiktive Figur wäre. Eine fiktive Figur aus einem Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und dem ich viele Leser wünsche.

Dieser Beitrag steht im Zusammenhang einer Blogtour von Literaturschock.de zu “Wo noch Licht brennt”:

Gestern erschien bereits bei Bücherstadtkurier ein Interview mit Selim Özdogan zu dem Roman.
Zudem erschien bereits eine Rezension auf dem Blog Schreibtrieb, auf diesem Blog wird zudem morgen ein Beitrag über das Sehnsuchtsmotiv in dem Roman erscheinen.
Übermorgen folgt ein Beitrag auf Teesalon zur Erzählweise des Romans.
Am letzten Tag der Blogtour kommt noch ein zweites Interview auf Literaturschock.de, natürlich mit anderen Fragen.

(Den Roman habe ich im Rahmen der Blogtour als Leseexemplar vom Haymon Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!)

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Simon Strauß – Sieben Nächte

Sobald die Tage länger und wärmer werden, kann man überall – leider auch in Zügen, wo ein Entkommen besonders schwierig ist – ein besonders nerviges Naturschauspiel beobachten: Kleine Gruppen von jungen Männern oder Frauen ziehen sich alberne Sachen an, betrinken sich sehr und gehen in der Gruppe anderen, völlig unbeteiligten Leuten auf die Nerven. Es handelt sich natürlich um: Jungesell/innenabschiede. Kaum eine Hochzeit kommt ohne sie aus, denn bevor man in den Hafen der Ehe einschippert und also ein geregeltes Leben führt, möchte man die Regel noch einmal so richtig überschreiten. Das ist natürlich Unsinn: Schon die Verletzung der Norm, also der Jungesell/innenabschied, ist selbst so normiert, dass er gar keine Norm verletzten kann, sondern die Norm nur bestätigt. Vor der Hochzeit hat man – so will es die gesellschaftliche Norm – sich in der Gruppe zu betrinken, fremden Leuten Kondome und Schnäpschen zu verkaufen und am Ende im Stripclub zu landen. Selbst der Exzess, selbst der Ausbruch aus der Norm ist normiert.

Und genau dasselbe gilt für „Sieben Nächte“ von Simon Strauß: Es ist ein Buch wie ein Junggesellenabschied. In diesem „Manifest“ und „Generationenroman“, wie dieser Roman ja schon euphorisch bezeichnet wurde, will ein junger Mann an der „Schwelle zum Erwachsenenleben“, also vor seinem 30. Geburtstag, bevor sein Leben in geregelte Bahnen gebracht werden wird, „den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen“ (S. 20), oder wie es dann am Ende des Buches plötzlich heißt: eine „Reifeprüfung“ bestehen. Es wird zwar nirgends zuvor mal deutlich, dass es sich um „Prüfungen“ handeln soll, es erschließt sich auch nicht so recht, wie mit dem Kram, den der Erzähler da so macht, irgendeine Reife geprüft werden oder entstehen soll, die Idee wirkt seltsam brüchig, so als hätte man die Idee der „Prüfung“ am Ende irgendwie dem ganzen aufgesetzt, ohne dann noch einmal zu schauen, ob das überhaupt zum Rest passt. Aber was soll’s.

Dass es sich um einen Generationenroman handeln soll, wie wohl der Autor, der Verlag und mehrere Literaturkritiker meinen, ist natürlich Blödsinn: Nur jemand, der wirklich noch nie über den Tellerrand des eigenen akademischen Milieus geblickt hat, kann glauben, dass eine ganze „Generation“ erst mit 30 auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und dass das Problem dieser ganzen Generation zu viel Sicherheit ist. Ein großer Teil dieser Generation – wie im Buch ja aber deutlich wird, ist dieser Teil der Menschheit ja ohnehin berechtigterweise einfach als Arbeitssklave zu betrachten, der halt den Preis dafür zahlen muss, dass so schöne, kluge Bücher wie dieses hier geschrieben werden können (vgl. S. 93) – ist mit 30 schon seit Jahren mit der Lehre oder Ausbildung fertig und im Beruf, auch die Absolventen von G8 und Bachelor-Studium sind seit Jahren im Beruf, viele haben schon Kinder, und ein gar nicht unerheblicher Teil hat weder berufliche Sicherheit noch ist er dieser überdrüssig. Ein Buch wie „Sieben Nächte“ kann nur jemand schreiben und jemand als Generationenroman sehen, der aus einem Milieu stammt, dass es sich leisten kann, lange zu studieren, und einen Beruf in dem Wissen anfängt, ohnehin durchzukommen, weswegen er eigentlich nur die Freiheit, die man ja hat, einschränkt, nicht diese überhaupt erst ermöglicht, wie es bei Menschen außerhalb dieses Milieus der Fall ist. Es ist ein Milieuroman, kein Generationenroman, und das Milieu, aus dem er kommt, hat den Kontakt zur Realität außerhalb des eigenen Milieus anscheinend weitgehend verloren.

Aber sei’s drum: Jedenfalls geht der Erzähler um seines wilden Aufbäumens willen einen Pakt mit einem Bekannten ein: Er muss in sieben Nächsten jeweils die sieben Todsünden durchleben und danach dazu jeweils sieben Seiten aufschreiben. Und was macht er dann total Wildes, Exzessives, um „den festgelegten Ablauf noch einmal zu durchbrechen“? Erst springt er an einem Sicherheitsseil von einem Hochhaus, dann isst er viel Fleisch, dann bleibt er einfach mal zuhause, besucht ein Pferderennen, schmollt in der Universitätsbibliothek, besucht maskiert eine Swingerparty und fährt dann beleidigt im Auto eines Freundes mit. Um das also noch einmal zu paraphrasieren: Er besucht erst ein Jochen-Schweizer-Event, isst dann viel Fleisch, um ein Mann zu werden (S. 51) – eine Idee, die so normiert ist, dass man sie in Form des Magazins BEEF an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann – tut dann mal nichts und sich dabei sehr leid, besucht völlig reguläre Veranstaltungen mit völlig geregeltem Ablauf (Pferderennen, Swingerpartys der Oberschicht), und das sollen die sieben Todsünden sein. Nirgends wird eine Norm überschritten, nirgends geht der Erzähler auch nur ernsthaft ein Risiko ein, alles passiert mit Sicherheitsschnur oder Maske, damit auch ja nichts von dem, was passiert, irgendeine Folge haben könnte. Und so ist es ja dann auch kein Wunder, dass der Erzähler am Ende keine Veränderung bewirken konnte (vgl. S. 134) – wie soll er denn auch, wenn der Autor ihn so bumslangweilige Sachen machen lässt? Wenn das ein Generationenroman wäre, wäre das doch ein sehr trauriges Zeugnis für eine Generation, der nicht einmal mehr einfällt, wie man eine Norm eigentlich überschreiten könnte. Es ist eben – wie bereits geschrieben – ein Roman wie ein Jungesellenabschied. Man möchte ein bisschen Exzess, sich ein bisschen besaufen, damit man sein Leben lang erzählen kann, wie man da aber mal einen drauf gemacht hat – in Wahrheit macht man aber nur das, was alle machen, hat dieselben Geschichten zu erzählen, die alle erzählen, weil einem nicht einmal einfällt, wie das gehen könnte: Mal richtig die Sau rauslassen. Wenn jedenfalls keine fünfzig Euro beim Galopprennen verwetten schon eine Todsünde sein soll, dürfte der Erzähler tatsächlich die langweiligste Figur der jüngsten Literaturgeschichte sein. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was einer solchen Figur erst einfiele, wenn sie in die Midlife-Crisis käme – vermutlich so etwas Außergewöhnliches wie: Sich ein Motorrad kaufen und eine Affäre mit einer jüngeren Frau anfangen.

Zumindest sollte man diesen Roman nicht in der Erwartungshaltung lesen, dass hier tatsächlich irgendwie der Versuch unternommen würde, irgendwie mal auch nur vorübergehend aus der Norm auszubrechen. Man sollte es aber auch nicht in der Erwartung lesen, man bekäme hier schöne, poetische Sätze zu lesen. Vielmehr ist das Buch sprachlich merkwürdig uneinheitlich – die ersten zwei Kapitel sind schwülstig, danach wird die Sprache erträglicher, ohne dass ich irgendein Konzept dahinter erkennen könnte, irgendeine Wandlung in der Figur des Erzählers, die diese sprachliche Entwicklung zum poetischen Mittel machen würde. Darüber hinaus ist es aber halt auch sprachlich einfach nicht gut gemacht, gerade am Anfang nicht.

Zum einen ist es fürchterlich geschwätzig. Der Autor hat sich eben nicht eine Formulierung überlegt, mit der er etwas ausdrücken möchte, vielmehr hat er halt einfach mal alles aufgeschrieben, was ihm so eingefallen ist, damit irgendwie alles in allem rüberkommt, was er so meint. Und so sind dann wohl Sätze wie diese entstanden: „Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. Nicht morgen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ (S. 27). Oder: „Habe ich mich eben noch groß und bedeutend gefühlt, bin ich jetzt kleiner als klein. Ein Nichts, ein Niemand.“ (S. 22) Man hatte ja schon bei der ersten Formulierung erfasst, worum es geht, und die synonymen Wiederholungen sind weder ästhetisch besonders ansprechend, noch inhaltlich zielführend, sondern schlicht: geschwätzig.

In diese Kategorie fallen dann auch die völlig überflüssigen, eigentlich nur die Belesenheit des Autors belegenden Zitatwolken:

„Ich schleiche nach Hause. Wieder ein Tag ohne Tat. Und wieder nur Träume von Verschwörung, Geheimbund und Heldentum. In Schillers Fiesco wird gewarnt, dass ‚unsere besten Keime zu Großem und Gutem unter dem Druck des bürgerlichen Lebens begraben sind.‘ In Bruckners ‚Krankheit der Jugend‘ sagt Desiree: „Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord.‘“ (S. 36)

Ist das jetzt Poesie, wenn man zu einem Schlagwort mal einfach Zitate aneinanderreiht, die Dinge sagen, die man selbst auch hätte sagen können? Die Zitate werden ja in diesem Roman nicht funktionalisiert, sie stehen einfach im Text. Es gibt andere Zitate, die in die eigene Sprache eingewoben wurden, die damit tatsächlich poetisch sind. Aber alle paar Seiten stehen da auch einfach schlicht schlaue Zitate dazwischen, als hätte der Autor am Ende mal auf aphorismen.de nach passenden Zitaten, die man noch dazwischenkleistern könnte, um schlau zu wirken, gesucht. Mein liebstes Beispiel, das für diese Deutung spricht, ist ja dieses:

„Früher war das Haus der Inbegriff des Arbeitsplatzes – Ökonomie heißt ja nichts anderes als das Gesetz des Hauses.“ (S. 59f.)

Endlich erklärt das dem Leser mal einer! Wirklich, sehr schön, sehr poetisch. So poetisch wie eine Vorlesung zum Thema „Fremdwort und Lehnwort“.

Und bei manchen Wörtern, die der Autor verwendet, wie „schleichen“, „schlurfen“, „unwirsch“ „schlohweiß“ und „milchweiß“ fragt man sich ja auch unweigerlich: Ach, die gibt’s noch, die darf man jetzt wieder verwenden, ohne sich den Vorwurf gefallen zu lassen, die eigene Sprache sei irgendwie abgedroschen? Auf S. 41 weicht dann „ein Blusenkleid“ aus, auf S. 19 liest sich der Roman so altbacken wie der Schreibversuch eines 16-jährigen, der versucht, in seinem Tagebuch große Literatur zu schreiben:

„Sie [gemeint ist die Angst] kann machen, dass ich in einer Nacht wie dieser plötzlich vom Tisch aufstehe und auf den Balkon gehe, schüchtern erst, mit unsicherem Gang. Der Regen ist stärker geworden, die Äste der Kastanie knacken im Wind. Oben auf dem Dach sitzen ein paar Krähen und schauen spöttisch auf sie herab: Keine Haltung, diese Äste, immer nur ein schwaches Fähnlein im Wind.“ (S. 19f.)

Man fragt sich, ob der Lektor dachte, dass das passt: Äste als Fahnen. Spöttische Krähen. Schüchternes auf den Balkon gehen nach plötzlichem Aufstehen. Oder das Bild zum verschütteten Wein: „der Traubensaft [Hallihallo, „Traubensaft“ ist übrigens kein Synonym für „Wein“, auch wenn es hier als solches verwendet wird. Hätte man ja merken können.] rinnt die Finger runter wie warme Sonnenmilch [wirklich, Wein rinnt wie Sonnenmilch? Das ist dann aber ein besonders dickflüssiger Wein.].“ (S. 44) Man fragt sich auch, ob der Lektor dachte, das passt, wenn der Erzähler auf die Trabrennbahn geht (so im „Glossar“), dort dann aber Galopprennen stattfinden. Man fragt sich, ob der Lektor dachte, das passt, wenn da steht: „Ich werde dort Weintrauben und Rosmarin wachsen lassen und kleine Wasserkübel im Boden installieren.“ (S. 31f.), und nicht etwa „Weinreben/Weinstöcke wachsen lassen“. Sowas hätte doch auffallen müssen.

Man fragt sich auch, ob der Autor wirklich dachte, das hier wäre ein stimmiger, klingender Satz, nicht einfach ein Hybrid aus 19. Jahrhundert und Umgangssprache: „Und die Furcht vor dem unfertigen Ausdruck macht uns die Herzen kaputt.“ (S. 31) Wirklich, sie „macht kaputt“? Und man fragt sich vor allem, wie so viele Leser und Kritiker diese Sprache poetisch finden können. Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass manche Stellen klingen wie ein Songtext von Casper oder wie ein Kalenderspruch, etwa: „Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 13). Ja, ich finde das auch ein bisschen beängstigend, wenn man die Angst vor der Konvention als Dichter nur so konventionell zum Ausdruck bringen kann. Und wenn ich mich fragen muss, ob der Erzähler sich eigentlich über eine Seite hinweg den eigenen Gedankengang merken kann, wenn er auf S. 93 noch die Arbeiter verachtet („Um die Mehrheit ging es noch nie, die hat immer schon geackert und geschuftet, damit die wenigen herrschen, malen und dichten konnten.“), sich dann aber schon auf S. 94 selbst als Arbeiter sieht: „Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage.“ Die herrschende, malende und dichtende Minderheit mit Stechuhr im Rücken. Ach so.

Da sind einfach wirklich zu viele Patzer passiert, was das Lektorat da gemacht hat, ob da überhaupt am Ende nochmal jemand drübergelesen hat, um zu schauen, ob der Roman konsistent ist – ich weiß es nicht. Die Sprache ist emphatisch, aber weder schön noch fehlerfrei (Fehler könnten poetisch sein – hier sind sie es nicht). Der ganzen Konzeption des Romans fehlt es an Mut und Ideen. Der ganze Roman hat das Pathos von Hasenclevers „Der Sohn“, leider aber eben auch nur das Pathos, sonst nichts. Schade drum.

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Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im “Literarischen Quartett”, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt (“partizipatorisch”, “instrumentell” etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für “männliches Lesen”, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen “intimes”, “einfühlendes” Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten (“der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert”) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde “schwarz-weiß-zeichnen” und “das Feuilleton/die Blogger” als geschlossene “Blocks/Kasten/Schichten” behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht “das Feuilleton” und “die Blogger”, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten “alle sind so, genau so und nicht anders”. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als “mal vereinzelt” finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass “alle” so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
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Tijan Sila – Tierchen unlimited

Tijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

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Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon “alt bewährt” ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss “guter alter Zeiten” ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn “Literatur im Foyer” war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das “Literarische Quartett” nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum “Literarischen Quartett” einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des “Berghain”, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen “Buchgeschmack” hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von “Der ist doch mal wirklich ein Original”.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die “Literarische Welt” übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im “Literarischen Qaurtett” lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

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