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Autor: Katharina Herrmann

Buchbloggerin, schreibt das Internet voll, lebt in München. Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de

Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert

In einem, wie immer selbstverständlich augenöffnenden und brillanten, Artikel der Vice über den „neuen deutschen Standard“, in dem vier „Millennials“ erklären, was „deutsch sein in der heutigen Zeit für sie bedeutet“, kann man drollige Dinge lesen. Vor allem kann man lesen, dass man Pluralisierung und Standardisierung offensichtlich irgendwie so einfach zusammendenken kann. Vor allem dann, wenn der Artikel eigentlich Teil einer Werbekampagne für Opel ist, man also hier mustergültig sehen kann, wie es neoliberalem Kapitalismus gelingt, irgendwie alles zu schlucken, egal wie gegensätzlich es ist – Nation, Standard, Pluralität, Nichtstandardisierung –, wenn es nur dazu dient, irgendeine möglichst viele ansprechende Ästhetik zu erzeugen, die verkaufsfördernd sein könnte, also wenn man nur am Ende eben ein Preisschild draufkleben kann.

Aber geht das so einfach: Pluralität und „neuer deutscher Standard“ gleichzeitig? Jein, würde Isolde Charim vielleicht sagen: Pluralität als Standard im Sinne einer Grundvoraussetzung ja, aber das ist dann eben nicht das, was „deutsch sein“ bedeutet, zumindest nicht im Sinne einer Identität. Sondern das ist dann das, was „in einer pluralen Gesellschaft leben“ bedeutet.

In ihrem Essay „Ich und die Anderen“ geht die österreichische Philosophin und Publizistin Isolde Charim richtigerweise von Pluralismus als gesellschaftlichem Faktum aus: Pluralisierung lässt sich nicht wegwünschen oder wegschimpfen, sie ist längst geschehen und vollzieht sich weiter. Volle Identitäten und klare Zugehörigkeiten sind nicht mehr zu haben, für keinen, denn Pluralisierung verändert alle wechselseitig. Jeder muss heute damit leben, dass seine Identität, seine Lebensweise gleichberechtigt neben anderen steht und stehen können muss. Mit einem kulturwissenschaftlichen Zugriff verabschiedet Charim die Fiktion einer homogenen Gesellschaft und führt vor Augen, wie eine solche, aller Fiktionen entkleideten, demokratische Gesellschaft funktionieren könnte: Indem jeder auf eine volle Identität, die als allgemeingültig gesetzt werden könnte, verzichtet.

Charim durchleuchtet auf den ersten hundert Seiten in vier Kapiteln scharfsinnig und aufschlussreich unterschiedliche Phasen von Individualisierung und Pluralität und untersucht deren Auswirkungen auf Religion und Kultur. Leider folgen darauf weitere hundert Seiten, auf denen Charim zunehmend pauschal und mitunter ziellos argumentiert, so dass nur noch einzelne interessante Beobachtungen – die aber immerhin da sind – gelingen, während viel anderes eher nebulös bleibt. In diesen Kapiteln beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der von ihr beschriebenen Entwicklungen auf das politische Feld. Und diese Kapitel kranken an holzschnittartigen Argumenten und Alternativen ohne Zwischentöne, an einem eigentümlichen Politikverständnis, dem gemäß das Gefühl der Teilhabe wichtiger ist als die realpolitische Veränderung – es mag sein, dass vielen Teilhabe wichtiger zu sein scheint als Veränderung, aber zur Norm braucht man das deswegen ja noch lange nicht zu erheben, es sei denn man will über die richtig Forderung, politische Emotionen ernst zu nehmen, so weit hinausschießen, dass man Politik auf politische Emotionen verkürzt. Daran schrammt Charim leider hart vorbei. Deutlich inspiriert ist Charim hier von Hartmut Rosas Theorie der „Resonanz“, dass dieser jedoch nicht zitiert wird, zumindest in den Fußnoten nicht auf ihn verwiesen wird, ist doch auffällig und kurios. Warum verweist man nicht auf jemanden, der einschlägig ist und den man offensichtlich gelesen hat? Genauso auffällig ist, dass Charim dann – erneut leider wenig konzise – ein ganzes weiteres Kapitel darauf abheben will, dass in der heutigen Situation politische Emotionen ernst genommen werden müssen, allerdings ohne die zwei Autorinnen zu zitieren, die hier eigentlich einschlägig wären: Martha Nussbaum und Eva Illouz. Vieles hätte hier prägnanter und klarer gefasst und argumentiert werden können, wenn man auf die einschlägige Vorarbeit anderer zurückgegriffen hätte. Warum das nicht geschieht, ist nicht nachvollziehbar. So bleibt schlicht unklar, warum man vierzig Seiten auf einen längst gut durchargumentierten Zusammenhang verwendet, ohne dabei zu klaren Schlussfolgerungen zu gelangen oder auch nur die bereits bekannten Zusammenhänge klar zu durchschreiten.

Im letzten Kapitel, das sich mit linken und rechten Identitätspolitiken und der Kritik an ihnen auseinandersetzt, wird dann leider erneut verkürzt argumentiert: Nicht nur behauptet Charim entgegen aller Evidenzen der Migration, die klar belegen, wie viele Menschen heute aus ökonomischen Gründen den Weg in westliche Länder einschlagen, der Westen habe seine „Verführungskraft einer Glücksvorstellung“ eingebüßt, und leitet daraus dann unterkomplexe, schiefe Schlussfolgerungen ab. Sie verkürzt auch massiv die linke Kritik an Identitätspolitik, wenn sie behauptet, diese würde mit ihrer Aktualisierung von Haupt- und Nebenwiderspruch und „Klassenkampf“ nur ökonomische Fragen forcieren und Fragen der Anerkennung und Teilhabe ignorieren – das Gegenteil ist entsprechend einer Theorie, die die Abhängigkeit des Überbaus von der Basis behauptet, der Fall, und auch, wenn man diese Theorie nicht teilt, muss man doch wenigstens einbeziehen, was Leute meinen, die sie teilen, wenn man fruchtbar deren Argumente widerlegen will. Vielmehr meinen diese linken Kritiker doch gerade das: Das Problem fehlender Anerkennung und Teilhabe über die Lösung der ökonomischen Frage bewältigen zu können. Dass Charim damit, dass sie dann Fragen der Anerkennung und Teilhabe deutlich über ökonomische Fragen stellt, ins andere Extrem rutscht und so selbst der Identitätspolitik, die ja ebenfalls eigentlich beide Aspekte im Blick haben möchte, unrecht tut, ist leider die logische Konsequenz daraus. Charim schreibt:

„Und hier muss man einen Punkt festhalten: Die leitende Vorstellung von Pc und Identitätspolitik ist die Inklusion – also das Szenario, bestehende Exklusionen durch aktive Inklusion aufzuheben. Das ist zwar eine (notwendige) Strategie, um die Ungerechtigkeiten einer pluralisierten Gesellschaft zu bekämpfen. Aber es ist zugleich auch eine begrenzte Strategie und kein gesamtgesellschaftliches Konzept. Pc und Identitätspolitik stellen keine wirkliche gesellschaftliche Utopie bereit. Zumal wenn man Inklusion als Einschluss ‘vorgängiger Identitäten‘ versteht – als jene Identitätsverfestigung also, die reaktiv ist und die Dynamik der pluralisierten Gesellschaft abwehrt und die Bewegung des dritten Individualismus verkennt.

Trotzdem aber ist Klassenkampf jenseits der Identitätsfrage heute weniger möglich denn je.“ (S. 208f.)

Warum der Klassenkampf nun unmöglich sein soll, wird nicht geklärt. Indem sie ihn, und damit die Frage ökonomischer Teilhabe, verabschiedet, fällt sie hinter ihre eigene Erkenntnis zurück: Dass Anerkennung/Teilhabe und ökonomische Verhältnisse zusammen hängen. Letztlich sagt Charim damit, indem sie behauptet, eine andere Lösung als Identitätspolitik sei unmöglich und eine wirkliche gesellschaftliche Utopie sei nicht zu haben: Ich will das Elend gerecht über alle gesellschaftliche Gruppen verteilen, das Elend selbst dabei aber nicht antasten. Genau das ist aber just das, was von linken Kritikern der Identitätspolitik vorgehalten wird – da Charim aber anscheinend ein verkürztes Verständnis von dieser Kritik hat, rennt sie mit ihren Ausführungen die Türen dieser Kritik ein und bestätigt sie. Natürlich mag es ein erster Schritt sein, diese Form der Gerechtigkeit herzustellen. Aber so offen schlicht behaupten „Mehr geht eh nicht“ ist doch eine bemerkenswert einfache Haltung, gerade eben dann, wenn man sonst nicht müde wird zu betonen, dass soziale Frage und Statusfrage zusammenhängen.

Damit jedoch nicht genug: Charim lässt auch andere Fettnäpfchen nicht aus, mit denen sie linke Kritik an identitätspolitischen Positionen fast bilderbuchmäßig bestätigt. So wiederholt sie immer wieder die Metaphorik von der „unsichtbaren Hand“ der Pluralisierung, in bewusstem Rückgriff auf die ökonomischen Theorien Adam Smiths – indem sie hier also Kulturtheorie und ökonomische Theorie parallel führt, öffnet sie Tür und Tor für die, die behaupten, „Diversity“ sei nur ein Feigenblatt des Neoliberalismus und damit Teil seiner Ideologie. Und damit nicht genug der ungeschickten Metaphern, die eine solche Kritik bestätigen: Ausgerechnet die „Begegnungszone“ soll als Metapher für die plurale Gesellschaft der Zukunft dienen, eine Verkehrszone, die über die Deregulierung der Verkehrsordnung funktionieren soll – weil keine Verkehrsregeln vorgegeben sind, müssen die Verkehrsteilnehmer aktiv aufeinander achten und also den öffentlichen Raum ohne eingreifende Autorität selbstständig organisieren. Freilich merkt Charim selbst an:

„In anderen Bereichen [als dem Straßenverkehr] führt solche Deregulierung, solche Freistellung von Schutz zu einer knallharten Ellbogengesellschaft.“ (S. 170)

Ja, möchte man sagen: Genau das ist die gängige Kritik am Neoliberalismus. Und man wundert sich, warum Charim dieses Bild dann über mehrere Seiten ausführt, wenn sie doch selbst sieht, dass es nicht übertragbar ist. Die Antwort ist leider: Weil sie es anscheinend nicht sieht, denn später greift sie dem Wissen darüber, dass Deregulierung realiter eben kein so gut funktionierende Lösung ist, zum Trotz darauf zurück:

„Angelehnt an die Verkehrsberuhigung ist die Begegnungszone, wie wir gesehen haben, das gesellschaftliche Konzept eines gleichberechtigten Miteinanders unterschiedlicher Teilnehmer – eine Gesellschaftsberuhigung also, wo die Begegnung sich durch die Unterschiede reguliert.“ (S. 210)

Den Widerspruch zu der eigenen Feststellung, dass Deregulierung nicht einfach auf andere Bereiche übertragbar ist, hat Charim zwischen Seite 170 und 210 nicht aufgelöst. Man fragt sich, ob sie ihn vergessen hat, oder ob sie davon ausgegangen ist, dass der Leser ihn schon vergessen haben wird. Dass sie damit selbst unterläuft, wofür sie eigentlich eintreten will – denn berechtigterweise spricht sich Charim für Pc aus, solange diese nicht zur Zerrform wird, Pc ist aber eben eine Form der Regulierung, Pc ist nicht nur subjektive Einsicht, sondern auch gesellschaftliche Konvention – scheint die Autorin nicht zu stören. Genauso wenig scheint sie zu stören, dass ihr Ideal der “Begegnungszone” durchaus nicht weniger utopisch ist als das Ideal einer marxistischen Linken, die die “klassenlose Gesellschaft” fordert:

“Und wie erreicht man diese wundersame Verwandlung von aggressiven Verkehrsbestien? Nicht durch Regeln – der Verkehr soll sich ja von allein organisieren. Nicht durch Appelle wie: Seien Sie doch bitte rücksichtsvoll! Nein, man erreicht das durch – Deregulierung. Das ist die bewusste, gezielte Herstellung von subjektiver Unsicherheit. Raumplaner sagen das ganz offen. Durch räumliche Gestaltung – wie dem Wegfall von eindeutig zugeordneten Straßenflächen – erzeugt man beim Einzelnen ganz absichtlich das Gefühl Unsicherheit. Denn genau das führt zu verändertem Verhalten. Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sicherere Gesamtsituation.” (S. 169),

behauptet Charim da einfach, und ignoriert dabei, was sie selbst schreibt, was man weltweit derzeit beobachten kann: Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt beileibe nicht durch irgendeine “unsichtbare” Zauberhand eine sichere Gesamtsituation, das Gegenteil ist der Fall. Charim kippt hier eben von einer Seite des Skala zur anderen, einen Mittelweg möchte sie nicht vorschlagen. Stattdessen greift sie zu einer Utopie, die die von Libertären sein könnte: Deregulierung, völlige Abgabe jeder Verantwortung an das Individuum.

Ärgerlich ist das allemal, denn mit alledem bestätigt Charim nolens volens die linke Kritik an ihrer Position, die sie so verkürzt wiedergibt und also nicht widerlegen kann. Das ist bedauerlich, denn ihrer eigenen Position tut sie damit keinen Gefallen.

Hätte das Buch auch auf den letzten hundert Seiten im Blick behalten, was die Autorin selbst weiß und richtigerweise mehrfach festgehalten hat – dass soziale und ökonomische Teilhabe zusammenhängen und nur zusammen hergestellt werden können – statt in unterkomplexen Alternativen zu denken und sich dann auch noch für eine Seite zu entscheiden, statt beide zusammen zu halten, hätte das ein hervorragender zweihundertseitiger Essay sein können.

So muss man leider sagen: Ein bedenkenswerter, spannender, lesenswerter und gut zu lesender Essay, der auf den ersten hundert Seiten sehr klar und konsequent argumentiert, dann aber leider irgendwie auf hundert weiteren Seiten eher grob und ohne notwendige Sorgfalt, sowie rätselhafterweise ohne Einbezug der einschlägigen Autorinnen und Autoren, zu Ende geführt worden ist. Wer am Thema interessiert ist, sollte „Ich und die Anderen“ von Isolde Charim unbedingt lesen, es lohnt sich. Vielleicht auch gerade deswegen, weil man hier einiges gewinnbringend hinterfragen kann, was sowohl die eigenen Positionen, aber auch die Charims betrifft.

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Ein Weihnachtsmärchen für die plurale Gesellschaft? Stephen King – Erhebung (feat. Isolde Charim: Ich und die Anderen; René Girard: Das Heilige und die Gewalt; und ein bisschen Charles Dickens)

„Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Das ist nicht nur ein relativ neues Faktum. Das ist auch ein unhintergehbares Faktum: Es gibt keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet: Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Welche Auswirkungen hat das für jeden von uns? Oder anders gefragt: Was heißt es eigentlich, in einer solchen Gesellschaft zu leben?“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 11)

Mit diesen Fragen eröffnet Isolde Charim ihren 2018 erschienenen, bedenkenswerten Essay „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“. Es sind drängende Fragen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, die in viele Gruppen zu zerfallen scheint, in der ein kollektives „Wir“ zu fehlen scheint, die nicht nur Charim beschäftigen: Auch Tristan Garcia beschäftigt sich in „Wir“ mit ähnlichen Themen, genauso und mit ganz anderem Ansatz Leander Scholz in „Zusammenleben“. Und: Sie beschäftigen auch Stephen King in seiner sehr kurzen neuen Erzählung „Erhebung“.

Diese Erzählung, die gewissermaßen eine Fortsetzung zu „Gwendys Wunschkasten“ ist, ist erneut in der Kleinstadt Castle Rock verortet, und diese Kleinstadt ist gespalten: Explizit zur Zeit der Präsidentschaft Trumps bewegt sich der Protagonist Scott durch eine kirchlich und republikanisch geprägte Kleinstadt, die nicht nur mit einer progressiven Minderheit, sondern jetzt explizit auch mit einem homosexuellen Ehepaar, zwei Frauen, konfrontiert wird, die ein vegetarisches Restaurant eröffnet haben. Die beiden Frauen werden ausgegrenzt, wie sie denken auch von Scott. Und Scott verliert jeden Tag an Gewicht – und bemüht sich darum, ein besseres Verhältnis zu seinen beiden Nachbarinnen Deirdre und Missy, eben diesem Ehepaar, aufzubauen, was sich als gar nicht so einfach erweist.

Ästhetisch ist hier vieles leider recht simpel, die Symbole sind leider an einzelnen Stellen zum Augenrollen, und ich weiß wirklich nicht, durch welches Lektorat dieser Satz durchrutschen konnte:

„Eine noblere Adresse, als ihm lieb war, aber Nora hatte dort hinziehen wollen, und er hatte Nora wollen.“

(King: Erhebung, S. 22)

Aber: Sprachlich-ästhetische Innovation ist nicht das Ziel von King und darum nicht der Maßstab, an dem „Erhebung“ gemessen werden sollte. King schreibt plot-zentriert und muss entsprechend beurteilt werden, die Frage ist also vielmehr: Funktioniert der Plot? Ist der Text inhaltlich innovativ? Ist er inhaltlich dem zeitkritischen Anspruch, den die Erzählung erhebt, gewachsen? Und das ist er, zumindest ist er dahingehend doch ernst zu nehmen und zu diskutieren. Abgesehen davon beherrscht King Sympathielenkung fantastisch, aber das ist ja auch bekannt.

Als „hochpolitisches Weihnachtsmärchen“ hat Irene Binal „Erhebung“ von Stephen King bezeichnet, weil die Handlung um Weihnachten herum, eigentlich von Spätsommer bis Winter, verortet ist, und weil die Erzählung den Leser daran erinnert, „dass Dinge sich verändern können – und dass jeder einzelne in seinem Umfeld mehr erreichen kann, als er vielleicht glauben mag“. Das mag ein bisschen dünn sein, um die Erzählung nun unbedingt mit Weihnachten zu verbinden, schließlich wird doch das ganze Jahr über ständig behauptet, dass jeder irgendwie alles ändern und erreichen kann, was in der Regel ideologischer Blödsinn ist, die meisten sind ja froh, wenn sie die Arbeitswoche überstehen.

Trotzdem ist die Zuordnung zutreffend, denn „Erhebung“ bedient sich nicht nur dem Christentum entliehener Motive, sondern hat auch ein Thema, das tatsächlich im Christentum als „weihnachtlich“ gilt: Es geht um Versöhnung, um das Herstellen von Gemeinschaft, natürlich hier in säkularer Form, und ja, die Erzählung beinhaltet einen moralischen Appell an den Leser, durchaus auch in Fortführung eines Gedankens der biblischen Weisheitsliteratur, nämlich des Gedankens, dass man im Angesicht der eigenen Sterblichkeit Prioritäten richtig setzen und hier bei King: entsprechend überflüssige Konflikte beilegen sollte (vgl. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“, Ps 90,12).

Damit steht „Erhebung“ von King in der Tradition des vermutlich – ein dutzend Verfilmungen sei Dank – berühmtesten Weihnachtsmärchens: Von Charles Dickens „A Christmas Carol“, das ja ganz ähnliche Lehren bereit hält. Ebenezer Scrooge, ein misanthroper Greizkragen, wird bekanntlich von ein paar Geistern besucht, die ihn durch Glanz, vor allem aber Elend von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen, ihm so nicht nur das Elend der Armen, sondern schließlich vor allem auch den eigenen Tod vor Augen stellen. Scrooge, so geläutert, wird ein freigebiger, glücklicher Menschenfreund – auch hier werden nicht nur diverse Versatzstücke des Christentums, insbesondere christlicher Ethik, verwendet, sondern „A Christmas Carol“ beschäftigte sich eben auch in klar sozialkritischer Stoßrichtung mit einem zentralen gesellschaftlichen Problem seiner Zeit: Armut und Missstände in der Armenfürsorge.

Liest man nun das Weihnachtsmärchen von King, haben sich die Probleme verschoben, oder vielleicht auch dupliziert: Es geht um die Anerkennung von Lebensformen, um den Umgang mit Pluralismus. Aber nicht nur: Denn neben der Anerkennung der Ehe von Deirdre und Missy, geht es auch um deren ökonomische Existenz – weil die anderen Bewohner von Castle Rock die beiden ausgrenzen, besuchen sie auch nicht deren Restaurant, folglich droht diesem das Aus. Die Ausgrenzungs- bzw. Unterdrückungsformen durch die Mehrheitsgesellschaft in Castle Rock überlappen sich also.

Scrooge hat den Weg in die Gesellschaft und ein besseres Leben gefunden, indem er freigebiger und offener geworden ist, indem er seine Fehler erkannt hat. Wie lässt sich aber das Problem des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft lösen, noch dazu von einem, der zunächst unbeteiligt an der Ausgrenzung der beiden Frauen zu sein scheint?

Es gibt ein altes Muster, nach dem in früheren Gesellschaftsformen im Konfliktfall Einheit wiederhergestellt worden ist, als narratives Muster hat es sich in Mythen und Erzählungen niedergeschlagen: René Girard hat es u.a. in „Das Heilige und die Gewalt“ untersucht. Im Rahmen seiner mimetischen Theorie geht Girard davon aus, dass Konflikte mit der Zeit dazu führen, dass der Grund des Konfliktes in den Hintergrund tritt und die Kontrahenten zu Doppelgängern werden: Auf einen Schlag folgt ein Gegenschlag, die Rivalen werden im Austausch von Gewalt einander gleich. Zudem kommt es mit der Zeit zu einer Entdifferenzierung des Konfliktes: Die Rivalität und Gewalt wird mit der Zeit jeweils auf die Umgebung der Rivalen ausgeweitet, mehr und mehr stehen Gruppen im Konflikt miteinander, die die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht durchbrechen können. Durchbrochen werden kann sie erst durch den Sündenbockmechanismus: Die in verfeindete Gruppierungen zerbrochene Gesellschaft kann erst wieder dadurch zusammengeschlossen werden, dass sie einen gemeinsamen Feind findet, den Sündenbock:

„wenn jeder der Doppelgänger […] seines Gegenspielers wird, wenn alle Doppelgänger gleich sind, dann kann irgendeiner von ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt der Doppelgänger aller anderen werden und so Gegenstand einer umfassenden Faszination und eines umfassenden Hasses sein.“

(Girard: Das Heilige und die Gewalt, S. 120)

Der Sündenbock kann eine Einzelperson oder eine Minderheit sein, gegen diese richtet sich nun die Gewalt aller anderen, die durch diese Gewalt wieder zu einer Einheit werden. Der Sündenbock wird geopfert oder opfert sich scheinbar freiwillig selbst – gefunden wird er nicht entsprechend rationaler, sondern intuitiver Gründe: er ist in irgendeiner Art und Weise normabweichend, beispielsweise besonders schön oder besonders hässlich. Dies führt zu Ausgrenzung, Verfolgung, Opferung und anschließender Sakralisierung, sofern das Herstellen der neuen Einheit der Gesellschaft erfolgreich war – Girard belegt seine Theorie an zahlreichen Mythen und Verfolgungstexten, eines der prominentesten Beispiele dürfte wohl die Figur Jesus sein, er weist diese Mechanismen aber eben auch typischerweise in Erzählungen von Hexenverfolgungen oder Judenverfolgungen nach.

Ist dieses Muster, das insbesondere Texten vormoderner Gesellschaften entnommen worden ist, noch auf einen Text und auf die Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts übertragbar? Teils. Tatsächlich gibt es auch in „Erhebung“ verhärtete Fronten: Die Stadtgemeinschaft schließt das lesbische Ehepaar aus, diese Reagieren ihrerseits mit schroffer Abwertung, insbesondere Deirdre ist zu Beginn der Erzählung eine äußerst unsympathische, arrogant wirkende Figur. Verfolgung und Opferung laufen freilich in einem Rechtsstaat anders ab: Den beiden werden eben Anerkennung und finanzielle Unterstützung entzogen, bis sie gehen müssen, sie werden unsichtbar gemacht, Plakate, auf dem sie zu sehen sind, werden nicht aufgehängt oder ausgetauscht. Körperliche Übergriffe sind bislang ausgeblieben, verbale Übergriffe dagegen finden statt. In westlichen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wurde der Lynchmob durch Abwertung, Unsichtbarkeit mit ihren ökonomischen Folgen ersetzt. Und die Einheit der Gesellschaft könnte wieder hergestellt werden, wenn die beiden ihr Restaurant aufgeben würden und Castle Rock verlassen würden – was von beiden schon als unabwendbares Schicksal akzeptiert worden ist.

Die Erzählung zeigt aber einen anderen Weg auf, die Spirale von Ausgrenzung und Abwertung zu durchbrechen. Sie zeigt dies an der Figur Scott, einem amerikanischen Jedermann, leicht übergewichtig, Programmierer – und also Vertreter des Medienmilieus. Explizit müsste er nicht in Castle Rock arbeiten, kann dies aber Dank globaler Vernetzung tun. Dass King eine Figur aus diesem Milieu wählt, ist vielleicht so geschickt wie ungeschickt: Zum einen bedient er damit das Stereotyp von den globalen Tech-Eliten, die eben einfach kosmopolitischer denken als die Arbeiter – eine homophobe Äußerung, die beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Scott führt, der die Frauen verteidigt, stammt explizit von einem Arbeiter, der damit ebenfalls zum Klischee seiner Schicht wird – und darum offener sind für andere Formen der Lebensführung. Vor allem ist es halt leider mal wieder ein Mann, der Frauen rettet – solang der Jedermann aber halt mehrheitlich schlicht als männlich gedacht wird, ist das vermutlich aber einfach eine pragmatische Entscheidung. Auf der anderen Seite ruft King damit eben auch symbolisch genau diese globalen Tech-Eliten, die realiter lieber nirgends ihre Steuern zahlen, aber überall Geld machen, zu ihrer lokalen Verantwortung. Immerhin gelingt es King in jedem Fall durch diese Stereotypisierung – Scott ist ja keine individuelle Figur, so wie keine Figur in diesem Märchen eine individuelle ist, sie stehen alle symbolisch für Gruppen und Verhaltensweisen – auch typische Probleme dieses Medienmilieus zu thematisieren: Scott hält sich für etwas Besonderes, erdichtet gerne Werbeslogans mit dem Wort „Inspiration“, und er kann es sich nicht leisten, krank zu werden, da er unter Termindruck steht.

Aber er wird eben „krank“. Er verliert an Gewicht, jeden Tag ein bisschen, mit der Zeit immer mehr. Die Umstände sind mysteriös: Egal, wie viel er isst, sein Gewicht nimmt ab. Egal, ob er sich mit zusätzlichen Gewichten auf die Waage stellt oder nackt, sein Gewicht nimmt ab. Dabei bleiben seine Muskeln aber erhalten – für ihn haben die Dinge weiterhin ihr Gewicht, aber sie wiegen nichts mehr, wenn er sie trägt. Bald geht er davon aus, dass dieser Prozess immer weiter gehen und zu seinem Tod führen wird. Wie Scrooge wird also auch Scott mit seinem Ende konfrontiert. Und es verändert sein Verhalten.

Hat er zuvor im Zwist mit seinen Nachbarinnen gelebt, weil deren Hunde ihre Geschäfte immer auf seinem Rasen erledigen, so bemüht er sich jetzt, das Verhältnis zu beiden zu verbessern. Und das, obwohl speziell Deirdre es ihm nicht einfach macht: Auf jeden Versöhnungsversuch reagiert sie mit Unterstellungen, Zurückweisungen und Beleidigungen. Aber Scott reagiert eben nicht spiegelbildlich, er wird nicht zu ihrem Doppelgänger – er probiert es einfach immer wieder neu. Er steigt aus der Gewaltspirale aus:

[Deirdre:] „Wieso ist Ihnen das eigentlich so wichtig? Liegt es daran, dass ich – oder wir – irgendwie eine Bedrohung für Ihre Männlichkeit darstellen?“
Nein, das liegt daran, dass ich nächstes Jahr sterben werde, dachte er, und vorher möchte ich wenigstens noch eine Sache ins Lot bringen.

(King: Erhebung, S. 82)

Er hört plötzlich auf, homophobe Beleidigungen den Frauen gegenüber zu überhören, zeigt Zivilcourage – obwohl er dafür wieder Kritik von Deirdre erntet – und gesteht sich ein, die Ausgrenzung lange einfach ausgeblendet zu haben. Er geht mit einem Freund in das Restaurant der beiden, bringt sie mit dessen Frau Myra, die diverse wichtige Posten in der Kirchengemeinde inne hat, an einen Tisch. Die Frauen entdecken Gemeinsamkeiten, eine neue Gemeinschaft entsteht und wird möglich, weil Scott auf mysteriöse Weise an Gewicht verliert.

Auf dem Höhepunkt seiner Bemühungen um die Herstellung einer funktionierenden pluralen Gesellschaft nimmt Scott mit Deirdre an einem Marathon teil – bezeichnenderweise regnet es auf den letzten Metern, Deirdre und Scott rennen durch eine reinigende „Sintflut“ (Erhebung, S. 96), am Ende entsteht ein Foto, das in allen lokalen Zeitungen abgedruckt werden und eine enorme Wirkung auf die Stadtbewohner entfalten wird, bei dem Deirdre und Missy sich umarmen, Scott steht dahinter mit geöffneten Armen, als würde er entweder an der Umarmung teilhaben oder diese segnen. Gegen Ende der Erzählung heißt es explizit an einer Stelle „und es war vollbracht.“ (Erhebung, S. 140), womit die letzten Worte Jesu am Kreuz zitiert sind. Scott wird zum Sündenbock, er nimmt die Aggressionen der anderen Bewohner von Castle Rock auf sich, wenn er Zivilcourage zeigt, er wird durch seine „Krankheit“ zum Außenseiter, zum Unberührbaren, zur – wie er es selbst sagt – „Monstrosität“, und schließlich werden gerade Deirdre und er enge Freunde, weil sie versteht, wie er sich daher fühlt und warum er sich verhält, wie er sich verhält. Er hat also tatsächlich mehrere Eigenschaften der Ausgegrenzten übernommen – allerdings wurde er dafür nicht von der gespaltenen Gesellschaft ausgewählt, sondern es scheint sein mysteriöses Schicksal zu sein. Auch das hilft, die Ausgrenzungs- und Abgrenzungsspirale zu durchbrechen, und entsprechend stellt sich die Frage, ob „Erhebung“ jetzt deswegen durchdacht ist oder eben auch gerade nicht: Soll die Moral von der Geschicht‘ dann sein, dass es nicht in der Hand des Einzelnen liegt, aus eben dieser Spirale auszusteigen, dass es dazu eine höhere Macht braucht, und überhaupt, was soll diese komische Gewichtsabnahme?

Der erste Teil dieses Vorwurfs würde die Absicht solcher Märchen verkennen: Dickens wollte wohl auch kaum zum Ausdruck bringen, dass ein Scrooge nur dann seinen Lebenswandel verändern kann, wenn eine höhere Macht ihm ein paar Geister schickt – er ging davon aus, dass die Lesenden am symbolischen Beispiel Scrooges lernen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Ähnlich dürfte King hier mit Scott verfahren. Aber wofür steht die Gewichtsabnahme? Zum einen sehr offensichtlich für so etwas wie Erlösung, Versöhnung: Scott wird, obwohl er davon ausgeht, bald sterben zu müssen, immer fröhlicher und optimistischer, eine anfängliche Angst legt er bald ab. Scott denkt an einer Stelle, an der auch der Titel geklärt wird:

„Alles führt hierher, dachte er. Zu dieser Erhebung. Wenn sich auch das Sterben so anfühlt, sollte jeder froh sein, dass er hingehen kann.“

(King: Erhebung, S. 96)

Zum anderen steht die Gewichtsabnahme für die Beschwernis, für das Gewicht, das Scott durch sein Handeln vor allem von den Schultern der beiden Frauen, aber auch von anderen Mitgliedern der Stadtgesellschaft nimmt: Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner bedanken sich bei Scott, Myra ganz besonders, die einräumt, dass sie ohne Scott töricht und vorurteilsbelastet geblieben wäre, und Missy teilt Scott schließlich in Bezug auf Deirdre mit:

„Du hast ihr ein Gewicht von der Schulter genommen. Es war ein schweres Gewicht, und jetzt kann sie wieder aufrecht gehen.“

(King: Erhebung, S. 133)

Und eben hierin ist Scott tatsächlich ein klassischer Sündenbock im Sinne Girards: Er nimmt die Last der zersplitterten Gesellschaft auf sich, indem er Gewicht verliert, verliert sie ihre Gewicht – und für ihn behalten alle Dinge ihr Gewicht. Wie in christlichem Verständnis – und mit Girard als Sündenbockmechanismus deutbar – Jesus die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat, nimmt Scott die Belastungen der Menschen auf sich und nimmt ihnen ihr Gewicht. Aber welche Lehre sollte denn jetzt der Leser daraus parallel ziehen können? Während des Marathons, den er mit Deirdre läuft, erklärt Scott sein beschwingtes Gefühl und nennt es, dem Titel entsprechend, „Erhebung“:

„Das Gefühl, dass man über sich hinausgegangen war und trotzdem noch weiter gehen konnte.“

(King: Erhebung, S. 94)

Eigentlich ist “die Moral von der Geschichte” also eine klassische aufklärerische Forderung: Selbstüberwindung, Selbstdistanzierung. Man findet sie bei Kant, man findet sie in der ästhetischen Theorie der Weimarer Klassik. Scott stellt im Laufe seiner Gewichtsabnahme sich und seine Emotionen zunehmend zurück – erkennbar auch daran, dass er eben nicht auf Deirdres Provokationen reagiert – und erkennt den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft neu, vor allem aber den Wert von Verantwortung. In der Annahme, bald sterben zu müssen, regelt er all seine letzten Dinge. Indem er – symbolisch durch die Gewichtsabnahme, auf der Handlungsebene real durch sein Verhalten – sich selbst und seine alten Verhaltensmuster überwindet, ermöglicht er das auch für andere: Für Deirdre, die offener wird, Missy, die mutiger wird, für Myra, die ihre Vorurteile überwindet, schließlich für die ganze Stadt, die lernt, plural miteinander zu leben, weil alle auf einen Teil ihres alten Ichs verzichten. Erhebung ist Selbstüberwindung – und vielleicht so gar nicht so weit vom “Erhabenen” weg.

Und damit könnte Scott eine Symbolfigur für das sein, was Isolde Charim als das „pluralistische Subjekt“ bezeichnet: Identität ist für das einzelne mündige Subjekt in einer pluralen Gesellschaft nicht mehr als volle Identität zu haben, sondern nur noch als eine, die um ihre Relativität weiß.

„Der dritte Individualismus hingegen (also der Individualismus der Pluralisierung) bedeutet die Spaltung des Individuums, die Erfahrung der Kontingenz, die Erfahrung der Ungewissheit, der prinzipiellen Offenheit also. Anders gesagt: Der dritte Individualismus bedeutet die Einführung der Kontingenz ins Herz dessen, was gegen die Kontingenz im eignen Leben gerichtet sein sollte – ins Herz der Identität.“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 47)

Hinter diesen Zustand zurück gibt es für das mündige pluralistische Subjekt keinen Weg – zumindest eben: keinen mündigen. Das Individuum muss in einer pluralen Gesellschaft mit einem Weniger-Ich leben lernen, damit, dass seine Identität gleichberechtigt neben anderen Identitäten steht, dass Identität per se offen steht und stehen muss. So wenig, wie Scott etwas gegen seine Gewichtsabnahme tun kann, kann der einzelne Pluralismuskritiker den Pluralismus wegzetern – wer vernünftig in der pluralen Gesellschaft leben will, lebt mit dem Aufwand, von sich selbst zu abstrahieren, Selbstdistanz aufzubringen, ein Minus-Ich zu sein. Wenn Kings „Erhebung“ ein Weihnachtsmärchen ist, dann ist vermutlich das seine Botschaft.

(Beitragsbild von Roman Kraft auf unsplash.com)

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Kathleen Collins – Nur einmal. Storys

„For women, then, poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action. Poetry is not only dream and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundations for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“

So bestimmte Audre Lorde in ihrem beeindruckenden[1] Essay „Poetry Is Not a Luxury“ (aus: „Sister Outsider“) das, was Literatur zu leisten vermag: Als Ort sprachgewordener, verdichteter Erfahrung ermöglicht sie die Verbindung mit dem Fühlen anderer, da alles bereits erlebt und gefühlt worden sei, ermöglicht sie neuen Mut, neues Fühlen, neue Kraft, aus denen Handeln und also Veränderung erwachsen können. Literatur als Ort, an dem individuelle Erfahrungen sich verbinden können, da sie sagbar und mitteilbar und fühlbar geworden sind, ist der Ort, aus dem heraus Zukunft entstehen kann.

Kathleen Collins, deren Storys 18 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2016 neu entdeckt und zunächst im englischen Sprachraum unter dem Titel „What Happend to Interracial Love?“, jetzt auch in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg unter dem Titel „Nur einmal“ erschienen sind, war wie Audre Lorde Künstlerin und Bügerrechtsaktivisin. Lorde, Schriftstellerin, 1937 geboren und 1992 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, und Collins, Filmproduzentin und Autorin, 1942 geboren und 1988 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, waren Zeitgenossinnen, die beide in derselben, für das Verhältnis zwischen People of Color und Weißen von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit ähnliche Hoffnungen, Enttäuschungen und Formen der Diskriminierung erlebt haben dürften. Nicht nur deswegen lesen sich Collins‘ neu entdeckte Storys wie Beispiele einer Literatur, wie Lorde sie beschreibt.

Collins‘ Storys, die durch einzelne Figuren oder identische Erlebnisse der Figuen miteinander verbunden sind, sind vor allem: Verdichtete, sprachgewordene Erfahrung. Sie erzählen vom Zusammenhang zwischen Rassismus und Depression, Rassismus und Armut, zwischen Diskriminierung und Gewalt, von psychischer und physischer Gewalt von Männern gegenüber Frauen, von der Bedeutung von Helligkeit und Dunkelheit der Haut auch in der eigenen Familie, vom Umgang mit Verlust, vom Weitermachen, vom sozialen Auf- und Abstieg, von Liebe, von ungleichen Beziehungen. Nicht zuletzt handeln sie auch von ungleichen Erwartungen in Partnerschaften, von dem Wunsch nach Anerkennung durch den Partner und von der Enttäuschung dieses Wunsches.

In der Story „Nur einmal“, die der deutschsprachigen Ausgabe den Titel gegeben hat, geht es um die Liebe eines jungen Paares, die zerstört wird durch Rassismus, durch den „die goldene Haut [des männlichen Partners] schwarz wurde und bei anderen Verachtung hervorrief“, bis „das Lachen in seinen Augen erstarb“ (S. 34). Die Story „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, die für die englischsprachige Ausgabe titelgebend war, erzählt vom Jahr 1963, in dem Gemeinschaft zwischen People of Color und Weißen, eine andere, gleichberechtigte Zukunft plötzlich möglich schien: Eine junge Schwarze verliebt sich in einen weißen Bürgerrechtsaktivisten, sie erkennt, dass sie jetzt plötzlich jeden heiraten kann – sogar einen Weißen. Doch so einfach ist es nicht: Nicht nur sind die Eltern des weißen jungen Mannes dagegen, auch ihre Familie, insbesondere der Vater, verstehen die neue Zeit nicht, sie sind enttäuscht von dem Verhalten der Tochter. Der kurze Moment, in dem Gemeinschaft möglich schien, zerbricht.

Zahlreiche der Storys spiegeln autobiografische Erfahrungen von Collins: Ihr Vater arbeitete als Leichenbestatter wie eine Vater-Figur in einer Story, mehrere Figuren fahren, wie sie selbst es tat, als BürgerrechtsaktivistInnen in den amerikanischen Süden, auch ihre Erfahrungen als Filmproduzentin haben Eingang in die Storys gefunden, inhaltlich wie als erzählerische Mittel: Die erste Story des Bandes arbeitet explizit mit filmerischen Mitteln, die eigentliche Handlung wird durch die Linse der filmischen Inszenierung, der Ausleuchtung, der Blenden hindurch erzählt. Allen anderen Storys merkt man einen Hang zu klaren Schnitten, zum präzisen Einfangen von Atmosphäre und Stimmung durch Blicklenkung auf Details und Lichtverhältnisse an. Eine Story mischt Ich-Erzähler und die Darstellung von Dialogen wie sie im Drama oder im Drehbuch üblich ist, man sieht hier lesend die Schnitte und Szenenwechsel vor sich – in der einen Szenerie ein Mann, der Ich-Erzähler, der von einer Bekanntschaft erzählt, dazwischen in Rückblenden die Dialoge von ihm und dieser Dame.

Die Sprache ist schlicht und pointiert, vor allem aber bemerkenswert gelungen rhythmisiert und in ihrer Rhythmik an die innere Handlung der Figuren angepasst. Collins wiederholt in mehreren Storys einzelne Sätze refrain- oder leitmotivartig, wodurch die Storys nicht nur die medialen Grenzen zum Film, sondern auch zum Song überschreiten. Das muss man freilich mögen, es passt zu der Sprachrhythmik, wirkt aber vielleicht doch etwas zu forciert.

„Nur einmal“ ist eine inhaltlich wie erzähltechnisch hochinteressante, sprachlich gelungene Sammlung von Storys, die Einblick geben in das Leben und Lieben in Zeiten des Umbruchs, in die Spuren, die Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen hinterlassen, die zu ganz gewöhnlichen Schicksalsschlägen hinzukommen und sich in das Leben und die Psyche der Figuren einschreiben, und wie diese Figuren dennoch um ein besseres Leben zu ringen versuchen – meist sind es hier die weiblichen Figuren, die immer weitermachen, die ihr Leben immer wieder neu aufzubauen versuchen.

„But women have survived. As poets. And there are no new pains. We have felt them already. We have hidden that fact in the same place where we have hidden our power. They surface in our dreams, and it is our dreams that point the way to freedom. Those dreams are made realizable through our poems that give us the strength and courage to see, to feel, to speak, and to dare.

If what we need to dream, to move our spirits most deeply and directly toward and through promise, is discounted as a luxury, then we give up the core – the fountain – of our power, our womanness; we give up the future of our worlds.

For there are no new ideas. There are only new ways of makeing them felt – of examing what those ideas feel like being lived on Sunday morning at 7 A.M., after brunch, during wild love, making war, giving birth, mourning our dead – while we suffer the old longings, battle the old warnings and fears of being silent and impotent and alone, while we taste new possibilities and strengths.“ (Audre Lorde: Poetry Is Not a Luxury)

Schön, dass diese so gut lesbaren wie lesenswerten Storys doch noch ihren Weg zu den Lesenden gefunden haben, es bleibt zu hoffen, dass unter den gefundenen Manuskripten von Kathleen Collins noch mehr fertiggestelltes Material zu finden ist, das veröffentlicht werden kann.

Auf der Seite des Kampa Verlags, bei dem die Storys in deutscher Sprache erschienen sind, findet sich auch ein Video über Kathleen Collins, das ebenfalls sehenswert ist:

HOW ARE YOU A PEOPLE | Remembering Kathleen Collins from Kampa Verlag on Vimeo.

[1] (leider aber an ein paar Stellen essentialistisch argumentierenden)

(Beitragsbild von Patrick Tomasso auf unsplash.com)

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Das „Jahr der Autorinnen“, seine Deutung und eine Rückfrage

Bemerkenswert viele der großen Literaturpreise sind dieses Jahr an Autorinnen vergeben worden, stellte Dirk Knipphals am 8.12. in der TAZ fest. „Was ist da geschehen?“, fragte er sich, und leider versuchte er dann, diese Frage auch noch zu beantworten, was vielleicht besser unterblieben wäre.

Knipphals resümiert zutreffend, dass den Preis der Leipziger Buchmesse dieses Jahr Esther Kinsky für „Hain“, den Deutschen Buchpreis Inger-Maria Mahlke für „Archipel“, den Büchnerpreis Terézia Mora, den Wilhelm-Raabe-Preis Judith Schalansky für „Verzeichnis einiger Verluste“, den Bachmannpreis Tanja Maljartschuk erhalten habe. Das trifft zu, ja. Später wird noch erwähnt, dass Lucy Fricke den Bayerischen Buchpreis für „Töchter“ erhalten habe. Andere Preise könnte man ergänzen: Der aspekte-Preis beispielsweise ging an Bettina Wilperts Debüt „nichts, was uns passiert“.

Lediglich Arno Geiger habe auch einen wichtigen Preis, den Bremer Literaturpreis, erhalten. Gut, es gibt ein paar hundert Literaturpreise, man könnte jetzt anfangen, zu recherchieren, wie da die Geschlechterverhältnisse aussehen, aber Knipphals hat ja recht: Auffällig viele der bedeutenden Preise sind in diesem Jahr an Autorinnen bzw. ihre Werke vergeben worden. Das hält Knipphals sehr sachlich, bisweilen auch zufrieden fest, richtigerweise weist er auch eine Deutung zurück, die diese auffällige Verteilung der Preisvergaben auf metoo zurückführen wollte: Alle Entscheidungen für die ausgezeichneten Autorinnen bzw. Werke seien „interessante und nachvollziehbare Entscheidungen“ gewesen. Man möchte lesend hinzufügen: Manche sind vielleicht sogar schlicht richtig gewesen.

Sodann weist Knipphals überholte Begriffe von Weiblichkeit zurück, der ganze Artikel könnte ein sachlicher, differenzierter, erfreulicher Artikel sein, und dass er am Ende doch noch ein ärgerlicher geworden ist, ist bestimmt nicht auf Knipphals und fehlendes Problembewusstsein oder gar eine uneingestandene Herabwürdigung von Autorinnen zurückzuführen, wie geschrieben ist es ein sachlicher Artikel, der resümiert, feststellt und dann eben leider doch: Zu deuten versucht.

Hatte Knipphals nämlich eben noch festgestellt, dass die Werke der ausgezeichneten Autorinnen wenig gemeinsam haben, findet er dann doch noch eine (klar positiv konnotierte) Gemeinsamkeit: Sie alle haben Bücher  geschrieben, „die in ihren Schreibweisen ganz souverän künstlerischen Raum einnehmen“. Interessant und ärgerlich wird es aber danach, wenn Knipphals Folgendes befürchtet:

„Das kann nun aber – wofür die einzelnen Autorinnen gar nichts können – insgesamt auch den Effekt haben, dass durch die weiblichen Buchpreise eine strikte literarische Hochkultur wieder eingeführt wird, die zuletzt durch (männliche) Preisträger mit popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt worden war.“

Und dann müssen also die Werke der Autorinnen doch noch gegen die von Autoren (wenn auch nur in Klammern) aufgerechnet werden, und es wäre ja lustig, wenn es nicht traurig wäre, wie sich hier unbemerkt ein altes Vorurteil eingeschlichen hat, denn nolens volens schwingt hier der seit dem Entstehen des Ideals vom Künstler als (exklusiv männliches) Genie um 1800 gängige Glaube mit, dass künstlerische Innovation eben Sphäre des Mannes ist. Dass dieses Jahr so viele Werke von Autorinnen ausgezeichnet worden sind, weil sie vielleicht einfach gut waren, dass es einfach Zufall war, bei diesen Deutungen kann man anscheinend einfach nicht stehen bleiben. Nein, man erfindet die – bei allem Respekt, denn ich lese Knipphals gerne – Mär von „(männliche[n]) Preisträger[n]“, die „zuletzt“ die „strikte literarische Hochkultur“ angeblich mit „popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt“ hätten. Und wer waren denn diese Preisträger „zuletzt“?

Preis der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin, Guntram Vesper, Jan Wagner

Deutscher Buchpreis: Robert Menasse, Bodo Kirchhoff, Frank Witzel

Büchnerpreis: Jan Wagner, Marcel Beyer, Rainald Goetz

Wilhelm-Raabe Preis: Petra Morsbach, Heinz Strunk, Clemens Setz

Bachmannpreis: Ferdinand Schmalz, Sharon Dodua Otoo, Nora Gomringer

Wer von denen soll jetzt eigentlich nicht „Hochkultur“ sein? Dass Goetz die Hochkultur popkulturell durchgeschüttelt hat, ist meines Wissens ein paar Jahre her, nicht umsonst wurde er mit dem Büchnerpreis für sein bisheriges Werk ausgezeichnet; Witzel schreibt in demselben Maße hochkulturell wie Setz oder Mahlke, sollen mit den popkulturell produktiven (männlichen) Preisträgern jetzt also die BachmannpreisträgerInnen gemeint sein? Ist aber der Text von Maljartschuk, der diesjährigen Gewinnerin, wirklich „strikt literarische Hochkultur? So kam er mir gar nicht vor, ich erinnere auch, dass viele meinten: Hier habe ein sehr guter, aber eben auch sehr gut verkäuflicher Text mit, wie man so schön sagt, „feinem Humor“ gewonnen. “Strikt literarische Hochkultur”?  Aber Menasse, Wagner, Morsbach, Kirchhoff, Beyer sind das nicht?

Vielleicht kann mir die Knipphalsche These ja noch jemand erklären. Bis dahin gehe ich davon aus, dass es sich hier um eine These handelt, die bei näherem Betrachten vielleicht nicht sehr viel hergibt, ja, sogar ärgerlich ist, weil sie vielleicht nicht jede Implikation ihrer kritisch-zeitgenössischen Haltung mitbedacht hat. Dafür kann Knipphals nichts, wer denkt schon immer alles mit oder wäre dazu verpflichtet. Es ist halt erst mal eine These. Aber gebraucht hätte es eine These, die auf so tönernen empirischen Füßen steht und die jetzt schlimmstenfalls halt von anderen aufgegriffen und festgetreten wird, zum Schaden der ausgezeichneten Autorinnen, die damit auf eine (in der Gegenüberstellung) bereits überholte Hochkultur-Ästhetik festgelegt werden, eigentlich vielleicht nicht.

Ja, mei, haben dieses Jahr halt viele Autorinnen gewonnen. Vielleicht hätte es gereicht, das einfach festzuhalten.

[Anmerkung, kurz nach der Veröffentlichung: Zu Knipphals‘ Absichten und Position sei auch auf diesen Tweet verwiesen, um Missverständnisse zu vermeiden.]

(Beitragsbild von Emily Morter auf unsplash.com)

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Ein Roman fürs postfaktische Zeitalter: Paulo Coelho – Hippie feat. Carl Cederström – The Happiness Fantasy

Glück als moralischer Imperativ

„The coal miner gets black lung disease, his son gets it, then his son. But most people don’t have the imagination – or whatever – to leave the mine. They don’t have ‚it‘. If I had been the son of a coal miner, I would have left the damn mines.“, diese Selbstbeschreibung Trumps aus dem Jahr 1990 zitiert Carl Cederström in „The Happiness Fantasy“ (S. 146), zusammen mit der Anmerkung, dass Trump sich gerne als self-made man inszeniere und dabei die ererbten Millionen verschweige. Am Beispiel Trumps macht Cederström deutlich, wie sich die klassische bürgerliche Ideologie, dass derjenige, der arm ist, selbst daran schuld sei, im neoliberalen Gewand zeigt. Derjenige, der arm ist, ist jetzt nicht mehr einfach arm, weil er faul ist. Wer arm ist, dem fehlt es an innerer Stärke, dem fehlt „it“, die Vorstellungskraft, die Realität zu überwinden, der Wille, ein authentisches, glückliches Leben zu führen.

Die Entstehung dieser spezifischen Ausprägung bürgerlich-neoliberaler Ideologie führt Cederström dabei zurück auf die Pop- und Gegenkultur der 1960er: Hier sei mit dem Wunsch nach Individualität und authentischer Erfahrung, mit der Idee, dass der Mensch sein „ganzes Potential“ zu entfalten habe, um glücklich zu sein, zudem durch die Rezeption mitunter kruder Theorien Wilhelm Reichs eine dezidiert neue Vorstellung von „Glück“ entstanden. Glück ist nicht mehr wie bei Freud die größtmögliche Reduktion von Unglück, es bedeutet auch nicht Mäßigung wie bei den Stoikern oder ein geregeltes, aber angenehmes Leben wie bei Epikur. Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben.

Diese Vorstellung hat in Kalifornien zügig und unter Zuhilfenahme von unterschiedlichen vulgär-psychoanalytischen und schlicht psycho-manipulativen Techniken zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt.

Ein zentraler Aspekt in den Vorstellungen der Gegenkultur der 1960er, dann aber vor allem in den Trainingsprogrammen von Zentren wie „est“ war die Idee, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiert: Eine Teilnehmerin eines Kurses bei „est“ gab an, sie habe dort gelernt, „ (1) that the individuals will is all-powerfull and totally determines one’s fate; (2) that she felt neither guilt nor shame about anyone’s fate and that those who were poor and hungry must have wished it on themselves.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 63). Hier wurde also eine Ideologie verbreitet, die besagte, dass die Realität vollständig steuerbar ist und dass jeder einzelne für seine Realität selbst verantwortlich ist, weswegen niemand zur Solidarität oder zu Unterstützung anderer verpflichtet ist. Und „vollständig“ meint „vollständig“: Die Kursteilnehmerin gab weiterhin an: „she had learnt that the North Vietnamese had wanted to be bombed; that a friend of hers who had been raped and murdered also had wished it upon herself; that she had now become fully enlightened, a sort of god; and that whatever you think is true is true, because reason is irrational.“ (ebd.). Bei „est“ wurde einer Holocaustüberlebenden, die an einem Kurs teilnahm, tatsächlich überzeugend beigebracht, nicht Hitler oder die Nazis, sondern sie selbst sei verantwortlich für ihre Erfahrung im Holocaust, denn sie selbst habe diese Erfahrung erschaffen (vgl. Cederström: The Happiness Fantasy, S. 64). Realität ist Anschauungssache, ist postfaktisch – die Ideologie, dass es ein „it“ braucht, das man laut Trump haben muss, um etwas zu werden, beginnt hier. Und um zu diesem „it“ vorzudringen, um Herr über das eigene Potential, den eigenen Willen zu werden, muss sich der Einzelnen von emotionalen Einschränkungen, von Ängsten und negativen Erinnerungen befreien. Genau das lernte man bei „est“: „how to stop being slaves under external circumstances.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 63)

Schon früh ließ sich mit dieser Vorstellung von „Glück“ also auf recht krude Weise Geld verdienen – und genauso zügig verband sie sich mit der neoliberalen Firmenkultur im Silicon Valley, in zahlreichen Start-Ups: Der Arbeitnehmer sollte nicht mehr einfach arbeiten, er sollte sich glücklich arbeiten, seine ganzen Potentiale entfalten und einbringen, er sollte auch als Privatperson an der Arbeit teilnehmen. Scheitert ein Arbeitnehmer, so scheitert er als freies Individuum an sich selbst und muss sein Scheitern als Chance sehen, über sich hinauszuwachsen. Der flexible Arbeitsmarkt mit unsicheren Jobsituationen wird in dieser Ideologie zu einem Hort der individuellen Freiheit und der Möglichkeiten zur Entfaltung immer neuer Potentiale. Rauchte man in den 1960ern Cannabis und nahm LSD, um das Bewusstsein zu erweitern und also neue Potentiale zu erschließen, so kokst man heute, um seine Potentiale auch dann noch am Arbeitsplatz ausschöpfen zu können, wenn man eigentlich nicht mehr kann – individuelle, freie Selbstoptimierung ist in arbeitsmarktkonforme Selbstoptimierung umgeschlagen.

Aus den Idealen der Gegenkultur der 1960er, die Freiheit wollte, ist eine kapitalistische Ideologie geworden, die das Individuum zwingt, sich mit dem Ziel, durch Arbeit und Selbstausbeutung glücklich zu werden, jedem noch so miesen Arbeitsverhältnis freudig zu unterwerfen. Sie sind vor allem, so Cederström, zu einer Rechtfertigung für einen narzisstisch-individualistischen Raubtierkapitalismus geworden, in dem eine Rücksichtnahme auf andere hinter dem Ziel der Befriedigung individueller Wachstumsbedürfnisse zurückstecken muss. Die Ideale der Gegenkultur sind zu einer männlichen Vorstellung von Glück geworden, so wie die Ideale der sexuellen Revolution, der freien Liebe bekanntermaßen – auch darauf geht Cederström ein – eben nicht zur Emanzipation der Frau führten, diese vollzog sich erst ab den 1970ern in eigenen Bahnen, sondern vor allem dazu führten, dass Frauen und Männer, die sich klassische monogame Beziehungen wünschten, nun als „spießig“ galten.

„The happiness fantasy, as it brings together the notions of being oneself (without worrying too much about others), pursuing enjoyment (in the form of sleeping with women), and becoming successful through one’s career (achieving positions of power), is a distinctly male fantasy. It is based on entitlement, self-mastery, and selfish accumulation. It is a fantasy that fetishizes the image of the self-made man, and his ability to become great, at the expense of others.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 143)

Die Erinnerungen eines ehemaligen Hippies

Wenn nun also Paulo Coelho im Jahr 2018 mit „Hippie“ einen Roman veröffentlicht, der die Erlebnisse Coelhos selbst als Hippie in den 1970ern in Literatur zu verwandeln sucht, wird man gespannt sein dürfen, wie viel dieser Ideologie sich in seiner Darstellung der 1970er findet.

Coelho erzählt in der dritten Person von Paulo, einem jungen Hippie und angehenden Schriftsteller, dessen Erlebnisse mehr oder weniger mit denen Coelhos selbst identisch sein dürften: Er reist zunächst durch Lateinamerika, wird in Vila Velha zusammen mit seiner Freundin von der brasilianischen Polizei entführt und festgehalten, da man beide verdächtigt, kommunistische Untergrundkämpfer zu sein. Kaum freigelassen, trennt sich seine Freundin einfach von ihm, er selbst ist nun traumatisiert, arbeitet sein Trauma aber während einer Zugfahrt durch, um es zu überwinden, später holt es ihn aber, wenn Coelho es eben gerade brauchen kann, doch wieder ein – plausible Figurenpsychologie und Figurenentwicklung interessieren Coelho nicht die Bohne. Paulo reist dann – wie alle Hippies in der Zeit, so der Roman, gemeinerweise aber auch wie alle anderen Touristen, „sogenannte Spießer“ (Hippie, S. 60) – mit Hilfe des Reiseführers „Europe on Five Dollars a Day“ durch Europa, trifft in Amsterdam auf Karla, die eine Reise mit dem „Magic Bus“ plant, der für nur 70 Dollar von Amsterdam bis nach Kathmandu fährt. Paulo entscheidet sich, Karla zu begleiten, die beiden verlieben sich, suchen viel nach sich selbst, haben viele Gefühle und viele Erkenntnisse, irgendwann ist das Buch zu Ende und beide haben sich total weiterentwickelt, aber sind natürlich noch nicht am Ziel angekommen, weil ja der Weg das Ziel ist, yada yada yada.

Man könnte jetzt einiges über die fehlende Dramaturgie dieses Romans schreiben, darüber dass er schlicht sehr langweilig ist, dass er auch sprachlich nur durchschnittlich ist, dass einzelne Handlungsstränge und -ebenen nur holprig aneinandergeklatscht worden sind und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch mit Händen zu greifen ist. Aber das wäre banal.

In der Schule des Lebens

Viel interessanter ist die Frage, welche Vorstellungen die Figuren des Romans verkörpern und wonach die suchen. Sie suchen – wenig überraschend – Erkenntnis, Wahrheit, Verbindung mit dem Unendlichen, Freiheit, die Öffnung des dritten Auges, Erweiterung der Wahrnehmung und des Bewusstseins. Auch hier geht es also um eine Entfaltung des vollständigen Potentials des Menschen – deswegen will Karla nach Kathmandu, um dort in einer Höhle zu meditieren, und deswegen will sich Paulo den Derwischen in Istanbul anschließen. Denn Karla weiß: „Ihr scheinbares Ich, das, was man zu sein glaubt, ist nur ein begrenztes und dem wahren Ich fremd.“ (Hippie, S. 75) Es gilt also, das wahre Ich aus seinen Grenzen zu befreien.

Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.

Es geht also – wie Cederström auch schon gezeigt hat – darum, das wahre Ich durch erinnerndes Durchleben negativer Erfahrungen von den „Schrecken der Vergangenheit“ (Hippie, S. 58) zu befreien und alle Angst abzulegen, denn: „Wir können nicht wählen, was mit uns geschieht, aber wir können wählen, wie wir damit umgehen.“ (Hippie, S. 57), verstanden als: Man kann sich von „Leid, Ungerechtigkeit, Verzweiflung und Ohnmacht so auffressen lassen“, dass daraus ein „Geschwür“ wird, das am „Astralleib Metastasen“ (Hippie, S. 58) bildet, oder man kann, einfach so, neu anfangen. Von jetzt auf gleich, indem man die Vergangenheit los lässt. Und: „Alles, was wir uns jetzt vorstellen, wird sich während des Rests der Reise offenbaren.“ (Hippie, S. 139). Diese Ideen der inneren Überwindung der Realität sind – wie auch in den Kursen des Trainingszentrums „est“ – durchaus nicht emanzipativ. Es gibt einen Unterschied zwischen Kants „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ oder Schillers „Erhabenem“, beide gehen davon aus, dass das Gegebene bei Anerkennung des Gegebenen überwunden werden muss. Die Vertreter der Happiness Fantasy und die Figuren Coelhos erkennen gar nicht erst an, dass es ein Gegebenes gibt, dass es eine unveränderbare Realität gibt. Realität ist Einbildung (so das Trainingszentrum est) oder aber zumindest durch den Willen beeinflussbar, zumindest aber ein- und ausschaltbar wie eine Taschenlampe.

Einzelne Figuren in „Hippie“, der irische Hippie Ryan und die weibliche Hauptfigur Karla, gehen sogar davon aus, dass es „parallele Realitäten“ gibt, zwischen denen man hin- und herwechseln kann. Insbesondere Karla findet diese parallelen Realitäten so viel interessanter, dass sie die Versuche anderer Figuren, von politischen Realitäten – der langen Unterdrückung der Iren und der Inder durch die Englänger – zu erzählen, zu unterbinden versucht, weil sie Ryan dazu bringen möchte, mehr über die parallelen Realitäten, zu denen er Zugang haben soll, zu erzählen (vgl.S. 139-141; 152-159).

Realitäten, Fakten? Braucht „Hippie“ nicht. Man kann ja auch tanzen, dann ist auch Inhaftierung gleich nicht mehr so schlimm: „Der Tanz verändert alles, fordert einem alles ab, im Tanz sind alle gleich. Wer innerlich frei ist, tanzt, selbst wenn er in einer Zelle oder in einem Rollstuhl sitzt.“ (Hippie, S. 182) Und schließlich kann man die Realität einfach wegträumen, denn: „Ein einfacher Traum ist mächtiger als tausend Wirklichkeiten.“, und: „Das war es, was das System nicht tolerierte, doch am Ende würde der Traum siegen, und zwar noch bevor die Amerikaner in Vietnam besiegt werden würden.“ (Hippie, S. 83) Fiktion schlägt die Realität, Fiktion schaltet Realität ein und aus, alles eine Frage des Willens.

Und nicht nur das: Paulo, der den Tanz der Derwische erlernen möchte und der sich explizit für Istanbul mit seinen Sehenswürdigkeiten genauso wenig interessiert (vgl. Hippie, S. 262) wie für Fakten über die Geschichte Hollands, die man ja ohnehin nur wieder vergisst (vgl. Hippie, S. 120), der stattdessen wie alle anderen Figuren auch lieber ‚authentische‘ Erfahrungen machen will, findet einen alten Lehrer in Istanbul, der ihm empfiehlt, die Dichter zu studieren (ein Schelm, der hier denkt, Coelho sehe sich vielleicht durchaus selbst in der Rolle eines solchen zu studierenden Dichtergurus), ansonsten aber alle Bücher wegzuwerfen, denn der Weg zur „Wahrheit“ ist die „Verrücktheit“ (Hippie, S. 206), während „das Wissen der Menschen […] Wahnsinn vor Gott“ ist (Hippie, S. 288): „Wissen ist eine Illusion, die Ekstase ist Realität. Das Wissen erfüllt uns mit Schuldgefühlen, die Ekstase lässt uns mit jenem eins werden, der das Universum ist“ (Hippie, S. 207). Wie bei „est“ soll Paulo hier erkennen, dass er das Göttliche in sich trägt, dass er eine Art Gott ist.

„Hippie“ ist ein Roman für das postfaktische Zeitalter: Alle Weltanschauungen und Religionen werden hier zu einem großen Brei vermatscht, alle sind irgendwie gleich und enthalten ein Fünkchen Wahrheit, Bücher sind doof (außer Dichtung), die wirklich Wahrheit kann nur im Inneren des Menschen durch Verrücktheit und Ekstase erfahren werden. Schließlich empfiehlt der Lehrer aus Istanbul Paulo noch, ein „Schüler des Lebens“ (Hippie, S. 255) zu werden. Wer schon mal in sozialen Netzwerken unterwegs war, weiß, was das bedeutet: Wenn es einen Typ User gibt, der rationaler Argumentation völlig unzugänglich ist, dann ist es der, der im Profil stehen hat: „Ist hier zur Schule gegangen: Schule des Lebens“. In „Hippie“ ist alles und jeder Quelle von wahrem Wissen – nur nicht die Wissenschaft oder auch nur die Ratio.

Und natürlich wird auch hier der Individualismus gepredigt: Nicht nur sind Menschen, Partner und Freunde hier für alle Figuren beliebig durch andere ersetzbar (vgl. z.B. Hippie, S. 84), sondern irgendwann steht Paulo auch mal etwas zu lange in der Sonne und hat daraufhin eine Erleuchtung, bei der er erkennt: „Geht gemeinsam, trinkt und erfreut euch am Leben, aber haltet Abstand zueinander, damit einer den anderen nicht stützen kann – Stürzen gehört zum Weg, und alle müssen lernen, allein wieder aufzustehen.“ (Hippie, S. 209). Warum sollte man sich auch gegenseitig helfen, wenn doch jeder selbst lernen muss, seine Potentiale frei zu entfalten – das ist exakt die Ideologie, die Cederström in „The Happiness Fantasy“ analysiert, bis zu der Schlussfolgerung, dass Glück das höchste Gut ist: „Der schlimmste Mord ist der, der an unserer Lebensfreude begangen wird.“ (Hippie, S. 63)

Erleuchtung im Konsumtempel

Und so, wie man sich die Selbstfindungskurse an Trainingszentren der 1970er erst einmal leisten können musste, die hier verbreiteten Ideale also die einer privilegierten, westlichen Schicht waren, so sind auch alle Figuren aus „Hippie“ Sprösslinge einer privilegierten Schicht, woraus nirgends ein Hehl gemacht wird. Karla langweilt sich in Amsterdam ob ihrer Sicherheit dort (vgl. Hippie, S. 67), Paulo kommt aus guten Verhältnissen, in die er nach seiner Reise auch zurückzukehren gedenkt, das teure Rückflugticket hat er schon (vgl. Hippie, S. 81), auch die anderen Mitreisenden im „Magic Bus“ – mit Ausnahme von Ryan, der einen wohlhabenden Arbeiterhintergrund hat, seinen Eltern gehört ein Molkereibetrieb, den er erben wird – entstammen der akademischen Oberschicht. Eine französische Journalistin, die eine Reportage über die Hippies schreiben soll, und genau das kritisiert – dass es sich bei den Hippies um gelangweilte Kinder reicher Eltern handelt, die politisch völlig desinteressiert sind, weder an Rechts noch an Links glauben und diejenigen, die sich für eine freiere, gerechtere Gesellschaft einsetzen, verachten (vgl. Hippie, S. 211-213, 218) – wird mit ihrer Kritik als dumm, gar als unredlich desavouiert (vgl. Hippie, S. 216). Wohlgemerkt: Ihrer Charakterisierung der Hippies – dass diese unpolitisch und an sozialer Gerechtigkeit desinteressiert seien – pflichten diese explizit bei. Nur dass sie dies kritisiert, wird als dumm dargestellt.

Und so ist „Hippie“ ein Roman, der politisches Desinteresse propagiert: Weil man ja alles einfach wegträumen kann, weiß Paulo ganz sicher: „Ja, das Morgen würde besser sein, kein Zweifel, trotz allem, was zu Hause in Lateinamerika oder anderswo geschah.“ (Hippie, S. 79) Dazu braucht es keine Politik, innere Gewissheit reicht, wenn diese über positive Schwingungen die Realität kontrolliert. Kommunistische Länder, die der „Magic Bus“ durchquert, interessieren nur insofern, als sie ein Reisehindernis darstellen könnten – was dann nicht der Fall ist, die österreichische Polizei dagegen erscheint als brutaler Störfaktor; ist ja auch egal, ob das eine ein demokratisches und das andere kein demokratisches Land ist, wenn es ohnehin keine Realität gibt. Schließlich kann man gegen die Mächtigen der Welt antanzen (erneut): „Sie tanzten, um die Dämonen zu vertreiben, tanzten, um zu zeigen, dass sie, auch wenn so manche Herren der Welt das nicht wahrhaben wollten, stärker waren als sie.“ (Hippie, S. 171) Ja, da werden die Herren der Welt aber vor Angst gezittert haben.

Und mit den 1968ern haben die Hippies ohnehin nichts zu tun (vgl. Hippie, S. 169), Jaques, ein Mitreisender im „Magic Bus“ und ehemaliger Marketindirektor, der auch noch auf die dezent kapitalistische Idee kommen wird, dass das, was Istanbul wirklich braucht, ein Tourismusbüro ist („Hippie“ als Geschichte der Entdeckung des Massentourismus hat sehr aufschlussreich Lothar Müller hier untersucht), hat ohnehin kein Verständnis für die Proteste von 1968, Streiks und Arbeitskampf, denn „[d]er Pariser lebte in einem privilegierten Land, in dem die jungen Menschen alles hatten, was sie wollten, und die Erwachsenen bei entsprechend harter Arbeit mit einer guten Rente rechnen konnten“ (Hippie, S. 227). Ja, wenn man einfach ganze Gesellschaftsschichten ausblendet, mag das stimmen.

Und das wird auch seine Tochter Marie, die mit ihm zusammen im „Magic Bus“ reist und Politikwissenschaft studiert hat, noch erkennen: Auf einem LSD-Trip, der ihr Bewusstsein erweitert, schwört sie dem Maoismus und jedem politischen Engagement ab, erkennt dies als Irrweg (vgl. Hippie, S. 273f.), und das bezeichnenderweise im Basar von Istanbul, den sie während ihres LSD-Trips als „wunderschön“ und als „Konsumtempel“ (Hippie, S. 272, 275) erkennt. Nahmen die Hippies in der Gegenkultur 1960 also Drogen zur Bewusstseinserweiterung, so führt 2018 in Coelhos „Hippie“ der LSD-Trip zu der Erkenntnis, dass Politik falsch, Konsum aber heilig und wunderschön ist, zudem erkennt Marie, dass sie endlich frei ist (vgl. Hippie, S. 275) und dass sie in Zukunft ein Alltagsleben als nützlicher Teil der Gesellschaft leben will, weswegen sie nie wieder LSD nehmen will. Denn sie erkennt die Folgen, die es hätte, wenn alle LSD nehmen würden: „Die Autos würden nicht mehr fahren. Die Flugzeuge nicht mehr starten. Es würde weder gesät noch geerntet werden – es gäbe nur Begeisterung und Ekstase. Was anfangs ein reinigender Wind wäre, würde dereinst wie ein Tsunami die Auslöschung der Menschheit herbeiführen.“ (Hippie, S. 282) Zudem hat sich schon weiter vorne im Roman Paulo gewünscht, dass die Polizei doch – so toll LSD ist – in Amsterdam viel härter gegen Drogensucht durchgreifen und alle, die mit Drogen zu tun haben, von der Gesellschaft fern halten sollte (vgl. Hippie, S. 117), so viel Obrigkeitsstaat und Ordnung muss in der Rebellion schließlich möglich sein. Die Hippies der 1960er erscheinen bis Coelho im Jahr 2018 ungefähr genauso rebellisch wie ein sich mit Koks selbstoptimierender Börsenmarkler. Prima!

Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann

Wie oben bereits angemerkt, ging es bei der sexuellen Revolution und der „freien Liebe“ nicht so sehr um die Emanzipation der Frau, geschweige denn um eine Revision stereotyper Geschlechterrollen. Hier dürfte „Hippie“ von Coelho durchaus das Denken der 1960er/70er spiegeln, gerade dann, wenn Coelho schreibt, viele wollten damals Hippies werden, weil über sie „das Gerücht umging, dass die Mädchen immer bereit seien, mit dem Erstbesten Sex zu haben“ (Hippie, S. 98). Aber es ist doch ein bisschen sehr bedauerlich, wenn man 2018 so altbackene Sachen lesen muss.

Zwar schreibt Coelho, dass 1970 die Frauen geherrscht haben (vgl. Hippie, S. 17), aber nur, um die so behauptete Emanzipation dann permanent zu unterlaufen. Man kann beispielsweise den ganzen Roman lesen und weiß am Ende, dass Paulo schlank ist, dunkle Augen und dunkle lange Haare hat – über Karla weiß man, dass sie keinen BH trägt, obwohl sie keine kleinen, dafür sehr schöne Brüste hat, zudem ist sie „das zweitschönste Mädchen im Bus“ (Hippie, S. 181), und sie hat lange Haare und trägt Hippie-Kleider. Wie ihr Gesicht aussieht, ist nicht überliefert, dafür ist die „Göttin“ im „Magic Bus“ Mirthe, die Freundin von Ryan, von der man aber eben nur erfährt, dass sie „perfekte[] Proportionen“ (Hippie, S. 147) hat. Das reicht ja auch als Figurenbeschreibung eigentlich, zumindest bei Frauen, anscheinend. Ein ähnliches Schönheits-Ranking der männlichen Figuren findet natürlich nicht statt.

Leider ist Karla aber genau so, wie eine Frau Coelho zufolge wohl nicht zu sein hat, nämlich kritisch, selbstbewusst, entschieden, weswegen er schon mal Dinge festhält wie: „Die zweite Muse des Omnibusses musste mal wieder zeigen, dass sie den dünnen Brasilianer unter ihrer Fuchtel hatte.“ (Hippie, S. 186) Aber Paulo, der dünne Brasilianer, ist – da hat sie aber Glück gehabt – sehr nachsichtig: „So sehr sie sich auch bemühte, nervig zu sein, er empfand eine tiefe Achtung für sie.“ (Hippie, S. 193) Auch Jaques findet Karla störend, weil sie immer versuche, klüger und gebildeter als alle anderen zu sein (vgl. Hippie, S. 271), und wo kämen wir denn hin, wenn Frauen das plötzlich dürften. Das merkt auch Karla mehrfach, also natürlich: Dass die Männer recht haben und mit ihr einfach was nicht stimmt. Denn nachdem Paulo mit den Anhängern von Hare Krishna getanzt hat und sie nicht mitgemacht hat, bereut sie dies: „Ich hätte es am liebsten auch gemacht, aber mein Wunsch, mich als starke Frau zu geben, hat mich davon abgehalten.“ (Hippie, S. 102). Und später denkt sie über sich nach und merkt: „Doch sie hatte es satt, sich immer stark und mutig zu zeigen, und konnte ihre ständige Aggressivität, ihr permanentes Konkurrenzdenken nicht mehr ertragen.“ (Hippie, S. 195)

All das sind aber natürlich Eigenschaften, die Männer haben müssen. So ärgert es Karla, dass sie – bis Paulo kam – „nur auf feige Jungs getroffen“ ist, die sich nur trauen, sich „frei zu fühlen, sofern sie sich in sicherer Nähe von Mutters Rockzipfel befanden.“ (Hippie, S. 122) Männer müssen nämlich mutig sein, findet Karla (vgl. Hippie, S. 196).

Aber kein Problem, es gibt ja so etwas wie Figurenentwicklung, und dank des Mannes Paulo kann sich die nervige Karla auch entwickeln: Karla gesteht nämlich Paulo, dass sie ihn liebt, er denkt sich „Ne, ich dich nicht“, sagt ihr das aber nicht, sondern schläft lieber trotzdem mit ihr, und dabei findet sich Karla dann selbst: „Sie hatte sich ihr Leben lang ein in Liebe entflammtes Herz gewünscht, und der Mann, der in diesem Augenblick in ihr war, hatte ihr dies gegeben.“ (Hippie, S. 285) Fortan ist sie fröhlich, strahlend, ausgeglichen, wird von einer neuen Leichtigkeit umgeben, nervt nicht mehr, ist nicht mehr dominant, auch Jaques bemerkt die positive Veränderung, kurz: Sie ist „wahrhaftig eine Frau geworden“ (Hippie, S. 285). Auch dass Paulo sie nicht liebt und sie verlässt, verzeiht sie ihm ohne Vorwürfe, so sind echte Frauen eben, so ist wahre Liebe eben, jedenfalls bei Frauen.

Dass ist keineswegs ein Einzelfall in „Hippie“: Auch Mirthe – zur Erinnerung: die mit den guten Proportionen – findet durch den Mann zu sich, wie Karla (vgl. Hippie, S. 264). Weil sie weiß, dass Ryan seine Seele in Nepal suchen muss, lässt sie ihn ziehen, traut sich aber nicht ihm zu sagen, was sie schon weiß, nämlich: „Meine Seele bist du.“ (Hippie, S. 158) Der Mann findet sich also selbst, Ryan kommt „als Mann zurück“ (Hippie, S. 159) aus Nepal, die Frau dagegen findet sich im Mann, und die Frau muss entsagend, genügsam, leidensbereit lieben (vgl. Hippie, S. 290).

Das gilt sogar für Marie, die auf LSD die Schönheit des Konsums erkannt hat und sich von politischen Engagement befreit hat: Sie erkennt auf LSD ja nicht nur, dass sie ein nützliches, alltägliches Leben führen will, Nein, sie erkennt vor allem, dass sie ab jetzt ihren Vater Jaques bei seiner Selbstverwirklichung – wie Paulo will der Schriftsteller werden – unterstützen will, danach kann sie ja immer noch heiraten, auch wenn sie das bislang nie in Betracht gezogen hatte (das steht da wirklich so, inklusive des Zusatzes, dass sie bislang eigentlich nicht vor hatte, zu heiraten; vgl. Hippie, S. 281). Eine Bestimmung findet die Frau also immer im Mann.

Wie geschrieben: Darin dürfte sich durchaus das Frauen- und Männerbild der 1960er/70er spiegeln. Aber ob das 2018 noch sein muss? Und völlig unkritisch gibt „Hippie“ auch wieder, was „freie Liebe“ für Frauen mitunter auch bedeutet hat, denn als Ryan mit Karla flirtet, wird Mirthe immer „unsicherer und wütender […] – selbstverständlich ohne etwas davon zu zeigen, weil dies als Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein hätte gewertet werden können.“ (Hippie, S. 143)

Sensationell ist übrigens auch Karlas rebellische Zukunftsvorstellung: Ihren Wunsch, nach Nepal zu reisen, begründet sie folgendermaßen:

„Naja – eines Tages werde ich alt und dick sein, einen eifersüchtigen Ehemann und Kinder haben, die mir nicht erlauben werden, etwas für mich zu tun. Außerdem einen Bürojob, bei dem ich jeden Tag das Gleiche machen muss. Und ich werde mich an die Routine, an die Bequemlichkeit, an den Ort gewöhnen, an dem ich lebe. Nach Rotterdam kann ich später immer noch zurückkehren und auch die Segnungen der Arbeitslosenversicherung genießen, die unsere Politiker uns zugestehen. Auch Vorsitzende von Shell oder Philips oder der United Fruit kann ich noch werden, weil ich Niederländerin bin und diese Firmen nur Niederländer in höhere Positionen befördern. Aber nach Nepal reisen kann ich nur jetzt oder nie mehr“ (Hippie, S. 100).

Die Gegenkultur der Hippies hat es bei Coelho wirklich darauf abgesehen, die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Zumindest für sich selbst, in der Jugend, bis man ins Berufsleben eintritt und von etablierten Diskriminierungsstrukturen profitieren kann. Lustigerweise zeigt Coelho selbst im Epilog, in welche Gegenwart das, wovon er aus dem Licht dieser Gegenwart heraus erzählt, geführt hat: Die Jugendherberge in Amsterdam, in der der junge Paulo übernachtet hat, ist heute ein Luxushotel, die moderne Fassung von „Europe on Five Dollars a Day“ heißt „Europe on Thirty Dollars a Day“ (Hippie, S. 295). Immer wieder ist in „Hippie“ die Rede davon, dass die Figuren sich bemühen, ihren Kopf zu leeren. Man möchte fast meinen, den Kopf des Lesers vollständig auszuleeren, könnte auch das erklärte Ziel Coelhos mit seinem Roman sein.

Cederström dagegen setzt an das Ende seines Buches eine feministische „Happiness Fantasy“, in dem Wissen, dass diese utopisch ist: „Instead of a happiness fantasy based on the notion that we should win ourselves and become authentic, we could perhaps imagine a happiness fantasy in which we lose ourselves and become inauthentic. We would lose ourselves in the sense of acknowledging our fundamental dependency on others, including people we will never get to meet or know.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 152). Das ist wenigstens ein Vorschlag, über den man diskutieren kann.

(Beitragsbild von Vasilios Muselimis auf unsplash.com)

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Who put the T in Theweleit? Tijan Sila – Die Fahne der Wünsche

Seit Freitag Abend habe ich ohne jeden Anlass leider einen ziemlich, ziemlich nervigen Ohrwurm von „Who put the bomb“. Es ist anstrengend, wer wacht schon gerne auf und denkt als erstes „Who put the bomp in the bomp bah bomp bah bomp? Who put the ram in the rama lama ding dong?“, und ja, mein Leben ist wirklich so albern, wie es sich gerade liest. Schon am Freitag, als ich den Song, den ich gemeinerweise plötzlich im Kopf hatte, auf YouTube gesucht habe, fiel mir auf, dass ich das Original von Barry Mann eigentlich gar nicht so gut kenne, sondern vor allem die Coverversion von Me First and the Gimme Gimmes, und dabei fiel mir wiederum auf, wie viele Popsongs ich eigentlich vor allem aufgrund ihrer Coverversion kenne und gar nicht so sehr im Original, was dann dazu führt, dass ich beim Hören des Originals ständig „huch, ist das langsam“ denke und doch lieber weiter das Cover höre. Ein bisschen passt dieses Cover-Thema zu „Die Fahne der Wünsche“ von Tijan Sila, aber dann auch wieder nicht. (Super Überleitung, oder? Na ja, ok, dann nicht.)

„Die Fahne der Wünsche“ erzählt von Ambrosio, einem Jugendlichen aus dem fiktiven Land Crocutanien, das irgendwo am Mittelmeer liegen könnte und in dem ein totalitäres System herrscht. Ambrosio stammt aus prekären Verhältnissen und sichert durch sein Talent als Radrennfahrer seine Existenzgrundlage, gerät aber deswegen auch in Abhängigkeit von der Partei und damit in Schwierigkeiten, und das alles, obwohl er eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte mit coolen Klamotten, erster Freundin, Comics und ein bisschen Flippern.

Nirgends, immer

Man könnte jetzt annehmen, es handle sich bei diesem Roman um eine klassische Dystopie, schließlich findet die Handlung in einem fiktiven, totalitär regierten Land statt – und einer von vielen Vorzügen von „Die Fahne der Wünsche“ ist schon mal, dass genau diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Die Handlung ist weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft verortet, sondern in der Vergangenheit, der dargestellten technischen Entwicklung entsprechend spätestens in den 1990ern, und damit deutet sich schon an, was hier eben genau nicht passiert: Dem Roman geht es nicht darum, gegenwärtige Probleme oder Entwicklungen weiterzuspinnen und davor zu warnen, wo das alles hinführen könnte, wie das Dystopien gemeinhin tun würden. Im Gegenteil: „Die Fahne der Wünsch“ erzählt von spezifisch modernen, der Psyche eingeschriebenen Strukturen, die sich im 20. Jahrhundert genauso finden wie heute, und die narrativ zu fassen eben dort klarer gelingt, wo sie sich deutlicher zeigen können; und das ist eben in einem totalitären System, das es einzelnen Typen erlaubt, ihren unausgeglichenen psychischen Haushalt sehr viel freieren Lauf zu lassen, als dies in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat der Fall wäre. Die Verlagerung der Handlung an einen inexistenten, totalitär regierten Ort hat keine gegenwartsdiagnostische Funktion, sondern höchstens eine allgemeindiagnostische.

Dies zeigt sich auch darin, dass mehrfach deutlich wird, dass das totalitäre Regime, das Aufhebung der Klassenunterschiede und Einheit des Volkskörpers propagiert, mit seinem Beginn und seinem Ende eigentlich lediglich die Veränderung gebracht hat, dass sich während seines Bestehens einzelne Figuren sehr viel einfacher brutal und willkürlich verhalten konnten: Ansonsten bestehen im System alte Klassenunterschiede weiter, die davor schon bestanden haben, die Parteielite ist die alte Elite und die Armen sind weiterhin die Armen. Und das wird sich auch mit dem Niedergang des Regimes, von dem lediglich in groben Zügen erzählt wird, weil ja eben das Regime selbst gar nicht so sehr im Vordergrund steht wie das, was es ermöglicht, nicht ändern: Günstlinge des alten Regimes führen auch nach der Veränderung des politischen Systems ein gutes Leben, Vertreter der Elite des Regimes machen nach seinem Ende weiterhin politisch Karriere. Die Menschen ändern sich nicht und ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht, unabhängig vom herrschenden politischen System – das politische System kann lediglich Dinge unterschiedlich gut regulieren. Und das totalitäre System begünstigt es eben, dass manche Menschen den destruktivsten Trieben in ihnen in besonderer Weise freien Lauf lassen.

Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass manche Bevölkerungsgruppen einem eben beim Lesen nicht völlig unbekannt vorkommen. Die Oberschicht, Kinder der „Erstkämpfer“ und also der Revolutionäre, die der totalitären Partei zur Macht verholfen haben, ist genauso gelangweilt (vgl. S. 162, 248) und privilegiert wie die Oberschicht in Romanen von Christian Kracht oder Bret Easton Ellis, der Unterschied zu diesen ist lediglich, dass im totalitären System ihre Privilegierung noch sehr viel deutlicher ist: Die Kommissare der Partei haben sie nicht zu fürchten, sie können das Land verlassen und dürfen ungestraft auch verbotene Dinge tun. Davon abgesehen leben sie denselben Lebensstil wie Leute ihres Alters im Ausland (vgl. S. 226), mit dem Unterschied, dass sie eben wirklich überzeugte Ideologen sind. Und auch die im Roman dargestellte Jugendkultur kommt einem nicht völlig unbekannt vor, und das so sehr, dass man sich mitunter wundert, wie eine solche Jugendkultur in einem totalitären Regime sich überhaupt entwickeln kann: Die „Mobilen“ (vgl. S. 84), die Mopeds fahren und sich zu einander bekämpfenden „Eskadronen“ zusammenschließen und das System mit seinen brutalen Schergen so wenig fürchten, dass sie es nicht nur offen und lautstark kritisieren, sondern irgendwann auch offen bekämpfen, erinnern nicht nur an Rocker und Biker, sondern vor allem auch an rollerfahrende Gruppen von Jugendlichen in Kreuzung von Mods und Unterschichtschic, wie man sie in den 1990ern manchmal gesehen hat (die entsprechenden Leute sind heute über 40, man sieht sie aber manchmal noch, wenn sie gemeinsam ihre Lambrettas durch die Gegend fahren – sie laufen noch heute dabei rum, als wären sie einem Oasis-Video entsprungen).

Dazwischen leben ganz normale Jugendliche wie Ambrosio, die sich eigentlich nur durch ihren Alltag durchwursteln wollen und irgendwie ein bisschen was vom guten Leben abhaben wollen – Sila erzählt in „Die Fahne der Wünsche“ wieder, wie schon in „Tierchen unlimited“, nicht von heroisch über sich hinauswachsenden Figuren, er erzählt eben nicht vom Rebellen, der das System stürzt, wie man das von einer Dystopie erwartet, sondern von einer alltäglichen Figur, die ein bisschen was richtig macht, und einiges eben auch nicht so richtig macht (und höchstens indirekt und unabsichtlich in den Niedergang des Systems verwickelt wird). Dass Ambrosio im Verlauf der Romanhandlung „schuldig werden“ kann, liegt eben nicht nur daran, dass er einen „Fehler“ hat, wie das bei klassischen Heldenfiguren der Fall wäre. Er wird vor allem auch deswegen „schuldig“, weil er aufgrund seiner sportlichen Karriere von der Partei abhängig ist, und dass dies der Fall ist, ist eben unter anderem seinen Verhältnissen geschuldet: Sportliche Leistung ist sein Weg sozialen Aufstiegs, sein biografischer Ausweg, und darin ist er ohne nennenswerte Alternative – nur eine privilegierte Figur aus der Oberschicht wie Elvira kann ihm sagen, dass er eben einfach etwas anderes machen solle, um sich aus seiner Abhängigkeit aus der Partei zu befreien. Elvira, die alle Möglichkeiten hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, nur eine Möglichkeit zu haben.

Körperpanzer, fragmentarischer Panzer

Der Titel des Romanes ist angelehnt an ein Zitat aus Klaus Theweleits sehr dickem bzw. zweibändigem Buch „Männerphantasien“, was am Ende des Romans auch deutlich gemacht wird, und an mehreren Stellen wird deutlich, wie stark dieser Roman die Ergebnisse der Untersuchungen Theweleits narrativ umsetzt. Ich habe leider nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen, deswegen mag im Folgenden manches schief oder nicht ganz zutreffend sein, vieles habe ich deswegen bestimmt auch übersehen, aber an den Stellen, an denen mir die Parallelen zu Theweleit aufgefallen sind, fand ich schon bemerkenswert gelungen und konsequent, was dieser Sila da macht.

„Männerphantasien“ ist eigentlich erst mal eine stark literaturwissenschaftliche Publikation, in der Klaus Theweleit mit einem psychoanalytischen Zugriff vor allem Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit, aber auch ein paar andere Texte untersucht, um anhand dieser Texte herauszuarbeiten, was den faschistischen Männertyp des Nationalsozialismus ausmacht und prägt. Der faschistische Mann, so Theweleit, ist ein nicht-zu-Ende-geborener, kindlicher Mann, geprägt von tiefer Angst vor der Außenwelt und einem chaotischem Innenleben, dem durch Drill ein „Körperpanzer“ anerzogen wurde, der ihn zwar aufrecht hält, ihn aber sowohl von sich selbst, als auch von der Außenwelt, vor allem aber auch vom anderen Geschlecht fernhält und dazu führt, dass der faschistoide Typ Ich-Einheit durch Gewalt gegen seine Umwelt herzustellen versucht.

Und genau dieser faschistoide Typ tritt in „Die Fahne der Wünsche“ in Form der „Mäntel“ auf, einer Art Polizei im totalitären Regime, die aber auch die Verwaltung kontrolliert. Die „Mäntel“ sind brutal und haben Freude daran, Angst auszulösen. Sie schlagen aus Anlässen, die psychisch normal gestrickten Menschen nicht nachvollziehbar sind, andere Menschen halbtot. Sie genießen die Angst, die sie auslösen, weil sie selbst tiefe Angst haben – so beobachtet Ambrosio, wie es zwei der Mäntel, die ihn eben noch brutal verprügelt haben+++, nicht „gelang […], ihre Angst zu verbergen“ (S. 131), als sie an Kollegen vorbeigehen müssen, sie in der Hackordnung über ihnen stehen könnten. Er bezeichnet sie entsprechend auch als „unfertige Kindsmänner, die allesamt in jenem Abschnitt des Heranwachsens stecken geblieben waren, in dem jeder unbeabsichtigte Rempler eine Kränkung darstellte, auf die man mit Gewalt antworten musste.“ (S. 252f.). Die Mäntel sind nichts anderes als nicht-zu-Ende-geborene Kindsmänner mit Körperpanzer – und das so eindeutig, dass es mir schleierhaft ist, warum man annimmt, dies träfe auf Ambrosio zu, der sich in mehreren Punkten (s.u.) deutlich von ihnen unterscheidet.

Der deutlichste Vertreter des faschistoiden Typs ist Cherubino, der Kommissar, der leider auch für Sport zuständig ist und von dem Ambrosio also abhängig ist. Alles Kindliche hasst er, genauso wie er Mütter hasst, ohne die die Welt eine bessere wäre – statt Müttern wünscht er sich Laboratorien (S. 205).

„Daß man die Eltern ehren soll, muß also, wie die andern Teile des Panzers angeprügelt werden. Kein einziges Kind mit dieser Art Ich liebt oder achtet seine Eltern wirklich, im Gegenteil: da es ihrer substanzlosen Herrschaft, die es als Terror empfinden muß, unterworfen ist, haßt es sie.

Besonders haßt es die Mutter, aber es haßt sie an sich selbst; der Selbsthaß, die Autodestruktionstendenzen, die sich in der Nichtachtung des eigenen Lebens und in allerlei körperlichen Leiden äußern, sehen wie eine Strafe an der introjizierten ‚bösen‘ Mutter aus: Rache für ihr Versagen, die Nicht-zuende-Geborenen der zerreißenden Kälte ausgesetzt zu haben. (Die reale Mutter als Person wird dagegen zwanghaft verehrt.)“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 289-292)

Besonders große Angst hat Cherubino – typisch – vor Wasser, Flüssigkeiten, Fluten. So wird davon erzählt, dass er bei einem Schwimmausflug schon nach wenigen Metern einen „Anfall“ gehabt habe, bei dem er panisch geschrien habe, aus Angst, zu ertrinken (vgl. S. 235f.). Mit seiner Freundin hat Cherubino keinen Sex, denn Sex ekelt ihn, er ist eine „viehische Flut von Sekreten“ (S. 205). Im Wasser, in Sekreten, also in der Lust, könnte sich der männliche Körperpanzer auflösen – darum lösen Flüssigkeiten Panik bei diesen Männern aus:

„Dieses deutet auf eine Umkehrung der Affekte, die ursprünglich mit der Aussonderung der verschiedenen Substanzen des menschlichen Körpers verbunden sind: Lustempfindungen. An die Stelle solcher Lustempfindungen ist eine panische Abwehr ihrer Möglichkeit getreten.“ (Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 425)

(am Rande: In Kontext dieser psychoanalytischen Theorie ist es interessant, mal über Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“ nachzudenken.)

Und hier unterscheidet sich Ambrosio klar von Cherubino: Auf Cherubinos Zuschreibung hin, Ambrosios Sex mit seiner Freundin Betty sei eine „viehische Flut von Sekreten“ gewesen, „protestierte“ er „aufgebracht“, es seien „Zärtlichkeiten“ gewesen (S. 205). Ambrosio hat eben keinen Körperpanzer, er ist kein soldatischer Typ und auch kein faschistischer – wenn er auch von manchem selbst nicht ganz frei ist. Ambrosio hat sich zwar von seiner psychisch kranken Mutter gelöst, hat durch sie aber eben aufgrund ihrer Krankheit auch Zurückweisung erfahren, allerdings erst in fortgeschrittenerem Kindesalter. Er zeigt entsprechend nicht Züge des faschistischen Männertyps, sondern eines „autistischen”: „Autistische“ Kindern richten die Aggression, die aus der Verunsicherung durch diese Zurückweisung resultiert, gegen sich selbst, nicht gegen andere:

„Das Kind selbst also verfällt in seiner Not auf den Ausweg, sich durch den Schmerz seiner fehlenden Körpergrenzen zu vergewissern, sich durch Schmerz vorübergehend zu einem Körper-Ich zu verhelfen und sei es um den Preis der Selbstzerstörung.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 258)

So zeigt Ambrosio zum ersten Mal seine Höchstleistungen als Radrennfahrer, bei denen er sich bis zum körperlichen Zusammenbruch verausgabt, nachdem er Verunsicherung darüber empfindet, ob seine Freunde sich über seine Mutter und ihren Zustand lustig gemacht haben (vgl. S. 37) – diese Unsicherheit wird zur Leidensfähigkeit, auf die Ambrosio im Roman auch wiederholt seine Karriere zurückführen wird. Nicht Disziplin, Härte, Körperpanzerung haben ihn zum besten Radrennfahrer des Landes gemacht, sondern seine Leidensfähigkeit.

Entsprechend ahmt Ambrosio das parteitreue Gerede von Sport und Disziplin explizit nur nach, um Ärger aus dem Weg zu gehen (vgl. S. 180), die für den faschistischen Typ anziehende Idee, der Körper solle nicht in Flüssigkeit/Lust, sondern im geformten und disziplinierten Kollektiv aufgehen, für „dummes Gerede“ (S. 151). Nicht umsonst erkennt Cherubino an ihm die Fähigkeit zum Regress – eine Fähigkeit, die die nicht-zu-Ende-geborenen faschistischen Männer nicht haben, da sie ja gar nicht erst bis zu einem Entwicklungsstand vorgedrungen sind, von dem aus sie zurückfallen könnten (vgl. S. 132; Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 295f.).

Dennoch: So ganz psychisch „normal“ entwickelt ist Ambrosio eben auch nicht bzw. vollständig kann er sich wohl auch den Einflüssen seiner Umwelt nicht entziehen, insbesondere nachdem seine Freundin Betty – eine erfolgreiche Schwimmerin, angesichts der Bedeutung, die Wasser/Weiblichkeit laut Theweleit haben, ist das kein Zufall – ins Ausland geflohen ist, beherrscht Angst sein Leben (vgl. S. 178), und bei einem Segeltörn empfindet auch er Angst vor dem Wasser und vor dem Ertrinken (vgl. 221f.), allerdings lässt er sich auch hier – wie früher eben von Betty – von Frauen helfen, diese Angst zu überwinden (vgl. S. 221f.). Er ist, wie Elvira ihn nennt, ein „Männlein“, kein körpergepanzerter Mann, und Betty mit ihrem wegen des Schwimmens breiten Rücken ist auch körperlich das Gegenstück zu ihm mit seinen für Radrennfahrer typisch trainierten Beinen und untrainiertem Oberkörper.

Wunschmaschine Flipper

Vor allem aber hat Ambrosio im Gegenteil zum soldatischen Cherubino Freude am Kindlichen, das letzterer ja strikt ablehnt – deswegen spielt Ambrosio Flipper, was ihn erstmals in Konflikt mit Cherubino geraten lässt, denn eben deswegen hasst Cherubino Flipper. Tatsächlich ist es ein GENIESTREICH von Sila, Flipper als Gegenstand des Konflikts zwischen „Mänteln“ und Jugendlichen zu wählen, denn der Flipper steht nicht nur für Spiel und Kindlichkeit, sondern er ist sehr viel deutlicher als etwa Videokonsolen auch eine Maschine, eine Theweleitsche Wunschmaschine. Der faschistoide Typ vermenschlicht Maschinen und maschinisiert Menschen:

„Die Maschine, das Produktionsmittel, dessen sinnvoller Gebrauch dazu führen könnte, die Lage der Menschen so weit zu verbessern, daß sie sich verfleischlichen, ihren im Kampf ums Überleben erworbenen Muskelpanzer ablegen könnten, wird zu einem Ausdrucksmittel fleischlicher Lust degradiert, während der Mensch, Produzent von Lust, in eine Muskelmaschine verwandelt wird, die die Produktion von Lust verbietet und verfolgt. […] Die natürliche Maschinerie des menschlichen Unbewußten wird eliminiert zugunsten einer künstlichen Maschinisierung seiner Peripherie, während das natürliche Produktionselement der Maschine eliminiert wird zugunsten ihrer künstlichen Vermenschlichung. Aus der Vielheit der menschlichen Wunschmaschinen wird die Einheit der Lustverfolgungsmaschine soldatischer Mann, während aus der Einheit und Einfachheit der Maschine, die Objekte produziert, eine ästhetische Vielheit quasimenschlichen Ausdrucks gewonnen wird, so daß der Mensch zu einer unvollkommenen Maschine, die Maschine zu einem unvollkommenen Menschen wird, beide nicht mehr in der Lage, zu produzieren, sondern den Schrecken auszudrücken und weiterzugeben, den sie erlitten haben: in ihrer perversen Form werden beide zu Zerstörern. Die wirklichen Menschen und die wirklichen Maschinen fallen dieser Verkehrung zum Opfer.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 230f.)

Nicht umsonst sucht Cherubino nach einem bestimmten Flipper, dessen Existenz Ambrosio abstreitet, da er ihn als Pervertierung des Flippers wahrnimmt, weswegen er Cherubino unterstellt, sich diesen Flipper nur ausgedacht zu haben: Der Flipper heißt „Embryo“ und auf ihm sind nicht nur mehrere Penisse und Spermien, sondern auch eine Vagina zu sehen – das, was menschliche Lust ausmachen könnte, was Cherubino ekelt und ängstigt, überträgt Cherubino auf die Maschine. Ambrosio, der das durchschaut, wird von den „Mänteln“ deswegen fehlende Männlichkeit unterstellt (vgl. S. 68f.) und konsequenterweise verbietet Cherubino nun die Maschine, auf die er die von ihm abgewehrten Wünsche projiziert hat. Der Flipper steht für das Kindliche, für Lustempfinden, und muss daher verschwinden. Daneben ist das Verbot des Flipperns ein Beispiel für das willkürliche Agieren totalitärer Systeme, das für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar ist.

Flut und Masse

Der soldatische Mann hat nicht nur Angst vor Fluten – entsprechend meiden in Crocutanien die Menschen überhaupt das Wasser (vgl. S. 110f.) – sondern auch vor der einer Flut ähnlichen Menschenmasse, also der Volksmasse, die nicht soldatisch geformt und geordnet ist.

„Das öffentliche Erscheinen revolutionärer Massen ist eine Folge von Dammbrüchen; es bedroht auch dic eigenen Dämme, als bräche die Körpergrenze der Männer durch den ‘Einfluß’ der äußeren Massen zusammen; die eigene innere Masse ‘zerfließt’ in die äußere – die äußere wird zur Verkörperung des ausgebrochenen eigenen Inneren. Der Mann wird ‘überschwemmt.

Daraus ergibt sich ein Zugang zur scheinbaren Widersprüchlichkeit des faschistischen Massenbegriffs. Neben der Fähigkeit zur Mobilisierung großer Menschenmassen steht die gleichzeitige Verachtung der Massen durch den Faschisten; er wendet sich an sie, fühlt sich aber gleichzeitig aus ihr erhoben, als Elite gegenüber der niedrigen ‘Masse Mensch’.

Die Widersprüche hören auf, welche zu sein, wenn man sich klar macht, daß von jeweils zwei verschiedenen Massen die Rede ist; sie sind einander gegensätzlich. die gefeierte Masse ist immer eine formierte, in Dammsysteme gegossene. Ein Führer ragt aus ihr heraus. die verachtete erscheint dagegen immer unter den Attributen des Flüssigen, Schleimigen, Wimmelnden.”“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 9)

Für diese (proletarische) ungeordnete Menschenmasse stehen die Mobilen als oben schon genannte Jugendbewegung. Im Gegensatz zum soldatischen Mann sind sie Hedonisten – sie sind alo an die “Lustseuche” (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 18) verfallen, wie der faschistoide Typ dies sehen würde: Die Fahnen, die sie für ihre Eskadronen entwickeln, stehen symbolisch für Saufen oder für Prügeleien, für ihre Wünsche, nicht für die Nation (im Gegensatz zu den allgegenwärtigen aber eben immer identischen Fahnen der Partei) – ihrer Hymne nach ist ein Mobiler ein „Soldat der guten Fahne“ (S. 261). Männer sind sie also auch, als Soldaten sehen sie sich auch, aber sie unterscheiden sich von den Männern faschistischen Typs (vermutlich würde ich dazu auch was bei Theweleit finden, aber wie geschrieben: Ich habe nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen). Auf die Frage, was die Mobilen eigentlich wollen, sagt Ambrosio: „Sie sagen, sie wollen saufen und bumsen.“ (S. 213) Sie stehen für das Lustprinzip, das Männer wie Cherubino beseitigen wollen, weil es ihnen Angst macht. Entsprechend haben die Mobilen eben auch keine Angst, auch nicht vor der Brutalität der „Mäntel“ oder der Macht der Eliten (vgl. S. 212). Sie durchbrechen das körpergepanzerte Männlichkeitsideal, wenn sie sich über das ideologische Staatsoberhaupt Spiro lustig machen, indem sie „Mutter-Vater“ rufen und damit die Grenze zwischen Männlichem und Weiblichem auflösen, oder wenn sie ein Denkmal Spiros travestieren, indem sie seine Lippen und Wangen rot anmalen (vgl. S. 213).

So kommt es nicht von ungefähr, dass schließlich ein Konflikt zwischen Mobilen und Partei entstehen muss, der dazu führt, dass die ungeordnete Masse der Mobilen praktisch abgeschlachtet wird. Eine Rolle spielt dabei u.a. die Soldatin Rhonda, ein Theweleitsches „Flintenweib“: Sie schlägt einem Mobilen den Kopf ab (vgl. S. 272f.), denn „[i]hre Tätigkeit ist eine kastrierende: Hälse, Nasen, Ohren – alles was hervorsteht – wird von ihnen [den Flintenweibern] abgeschnitten.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 80), und sie wird von Männern gedemütigt und ist als Soldatin und „Braut des Volkes“ (vgl. S. 215) verpflichtet, allen ranghöheren Soldaten sexuell zu Diensten zu stehen, denn sog. „Flintenweiber“ als weibliche Aggressoren werden typischerweise auf irgendeine Weise degradiert, häufig zur „Hure“ erklärt, denn ihre Seinsweise „macht sie einerseits zu Objekten männlicher Verfügung, andererseits aber ungebunden, mächtig, gefährlich – besonders in Zeiten zusammenbrechender politischer ‚Ordnung‘.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 83)

Eine mächtige, aggressive Frau muss Männer ängstigen – bezeichnenderweise findet Ambrosio sie dagegen zunächst durchaus anziehend, erst im Moment der Gewaltausübung jagt sie auch ihm verständlicherweise Angst ein. Und: Vor diesem Hintergrund – dass das Abschlagen des Kopfes eine Kastration bedeutet – ist es doch interessant, dass das Denkmal Spiros, das im Roman eine wichtige Rolle als Treffpunkt der Jugendlichen spielt und auch auf dem Buchcover zu sehen ist, eben ein abgeschlagener Kopf des ideologischen Staatsoberhauptes ist.

Meta-Meta-Meta

Vermutlich würde man, wenn man mehr Theweleit gelesen hätte als ich, noch viel mehr entdecken, und gerade das ist doch wirklich beeindruckend: Dass ein Roman, der so unaufgeregt, so schlicht daherkommt, als wollte er gar nichts Neues, sondern nur malwieder vom Totalitarismus erzählen, in Wahrheit so wahnsinnig konsequent und komplex und mehrschichtig ist. Man kann den Roman ohne Theweleit lesen: Dann liest man einen gut erzählten, gut geschriebenen, oft auch witzigen Roman über einen jungen Mann in einem totalitären Regime, der ein bisschen ein guter Typ, aber eben auch ein bisschen ein Egoist („Autist” im Sinne Theweleits) ist und einfach nur ein gutes Leben will – und wenn man aufmerksam liest, wird man vermutlich auch ohne Theweleit merken, dass es hier ganz massiv auch um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geht. Und darum, dass es im Alltag vielleicht keine Helden gibt, aber dafür kann es manchmal Freundschaft, Zärtlichkeit, Liebe und Vertrauen geben, und das ist dann schön. Und wenn es sie nicht gibt, dann ist es schlimm.

Der Roman hat schon auf den ersten 100 Seiten ein paar kleine Längen – das ist aber für einen Roman, der ein ganzes Land mit eigenem politischen System entwirft, nicht ungewöhnlich, das hat man auch in all den Büchern, die wirklich Dystopien sein wollen. Sobald Ambrosio dann in Einflussbereich Cherubinos ist, zieht die Handlung an und dann hat sich auch das.

Mit Theweleit hat man vermutlich mehr Spaß am Roman, weil es dann wirklich viel zu INTERPRETIEREN gibt. Und an einigem rätsle ich auch noch herum: Zum Beispiel warum Bilder von Ilja Repin erwähnt werden (vgl. S. 40f.). Da kann man länger drauf rumdenken, und wenn man das mag, sollte man „Die Fahne der Wünsche“ schon mal lesen. Es ist doch spannend, wie hier aus einer Theorie, die maßgeblich auch aus Literatur erarbeitet wurde, wieder Literatur gemacht worden ist – nur diesmal eben kritisch reflektierte Literatur, mit der man darüber nachdenken kann, wie totalitäre Strukturen in männliche Psyche eingeschrieben werden, statt Literatur, die diese Strukturen unkritisch reproduziert. Vielleicht ist das ein Meta-Roman. Eben kein Cover, eher sowas wie ein Meta-Cover-aber-so-dass-was-ganz-eigenes-dabei-rauskommt. Aber schön, dass sowas komplexes geschrieben wird, und schön, dass ein Verlag sowas dann auch wirklich macht. Alles sehr schön!

tl;dr: Beeindruckend konsequent gedacht, beeindruckend gelungen umgesetzt – es ist wie beim Sport: Es ist halt erst richtig gut, wenn etwas sehr schwieriges sehr leicht wirkt. Und in diesem Roman steckt wahnsinnig viel theoretischer Unterbau, der trotzdem die Handlung nicht schwer werden lässt. Ich hatte großen Spaß.

[Beitragsbild von asoggetti auf unsplash.com]

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Senthuran Varatharajah – Vor der Zunahme der Zeichen

Mit 16 oder 17 habe ich angefangen, mich für philosophische Texte zu interessieren und eines der ersten Bücher, die ich mir kaufte war Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Natürlich habe ich nichts verstanden von dem, was da steht, aber es gab doch immer wieder Sätze, die mich getroffen haben, nicht weil ich sie verstanden hätte, sondern eher weil ich sie seltsam berührend fand. Was sich natürlich am „Tractatus logico-philosophicus“ auch ohne Verständnis der Abhandlung beim Lesen erschließt, ist die Dramaturgie des Textes: Er beginnt mit „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ und endet mit der dem berühmt gewordenen „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, das ist ja ein Ende, das einen durchaus trifft, auch wenn man dazwischen nichts versteht, und es ist gedanklich wie ästhetisch schön, wie dieser Satz, in dem es um die Unmöglichkeit des Sprechens geht, die Grammatik bricht, hier wird ja ein ungewöhnliches Satzkonstrukt gewählt mit dem „wovon/darüber“.

So ähnlich ist es mit „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah, und ich würde lieber nicht über dieses Buch schreiben, weil ich es nicht erfassen kann (im Sinne von „verstehen“ wie von „umfassend würdigen“), auch wenn es mich trifft, und weil ich nicht weiß, wie ich darüber angemessen schreiben soll, und weil ich einfach besser darin bin, Bücher zu verreißen, als über solche zu schreiben, die ich wirklich richtig gut finde. Und diesen Roman finde ich richtig gut, weil er tatsächlich so mutig ist, bewusst etwas neu zu gestalten, was auch noch schön gelingt und dabei klug ist. Sprachlich, kompositorisch und inhaltlich. Aber ich versuche es eben, das mit dem „darüber-schreiben“.

Handlungslosigkeit

Dabei ist es kaum möglich, den Inhalt zusammenzufassen, weil es letztlich keine richtige Romanhandlung gibt, was aber eben nicht bedeutet, dass keine Handlungen erzählt werden. Im Gegenteil: Es gibt eine Vielzahl von Handlungssträngen die durch Motive und wiederkehrende Formulierungen oder Fragestellungen verbunden sind. Es gibt also keine Handlung und es gibt eben doch Handlung, es gibt auch so etwas wie eine Handlungsentwicklung, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man von einem „Fortschreiten“ der Handlung sprechen kann. Das korrespondiert mit der gewählten Form: Die beiden Studenten Valmira Surroi und Senthil Vasuthevan beginnen einen Chat auf facebook, weil Valmira Senthil als Person, die er vielleicht kennen könnte, vorgeschlagen wurde. Die beiden schreiben einander sieben Tage lang und erzählen dabei von der Flucht der Eltern, die sie im Kindesalter erlebt haben – Valmiras Eltern stammen aus dem Kosovo, Senthils aus Sri Lanka –, von den Umständen in den Herkunftsländern der Eltern, vom Auswachsen in Asylbewerberheimen und vom Leben in einem Land, das den Eltern nie ein Zuhause sein wird. Vor allem aber geht es auch um den Umgang mit Sprache und Sprachlosigkeit, um die Wirkung und Wirkungslosigkeit von Sprechakten und um den Versuch, mit Unsagbarem umzugehen. Und das ist sehr klug und das ist sehr schön und verstanden habe ich davon nur Bruchteile, was ja aber nicht nur in Ordnung, sondern nur konsequent ist, da sich die Schwierigkeit des Sprechens eben in der Schwierigkeit des Verstehens wiederfindet.

Interessant ist dabei gerade der Aufbau des Romans: Da ist zum einen der motivische Rückgriff auf die Schöpfung, indem die Handlung in sieben Tagen angeordnet ist, ohne das etwas erschaffen würde. Da ist das chronologische Hin- und Herwandern in der Zeit, das aber dennoch insofern eine chronologische Rückwärtsanordnung enthält, als das Gespräch für beide zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt beginnt und mit dem Erzählen von der Ankunft in Deutschland endet. Und da sind immer wieder auftretende Motive, die die Beiträge der beiden Figuren und die Romanhandlung(en) im Ganzen zusammenhalten und die dem Roman etwas sehr musikalisches geben. In „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner beispielsweise gibt es das sog. „Seufzermotiv“, das immer wieder in die Komposition eingeflochten wurde und das so die Handlung der Oper nicht nur verbindet, sondern auch prägt, weil eben dieses Seufzen die Grundatmosphäre der Komposition festlegt. Und eine ähnliche Technik findet sich in „Vor der Zunahme der Zeichen“ auch, allerdings mit einer größeren Bandbreite an Motiven, die sich zum Teil auch gegenseitig ablösen und überlagern. So gibt es Fragestellungen, die den ganzen Roman durchziehen und zusammenhalten, insbesondere die Frage nach dem (Er)Kennen des Gemeinsamen, die mit der Frage beginnt, ob man sich tatsächlich kenne, wie Facebook es vorschlägt, und die sich fortspinnt über die Suche nach gemeinsamen Orten, gemeinsamen Bekannten, Parallelen in der Vergangenheit, Parallelen in der Vergangenheit der Eltern, ohne das freilich behauptet würde, dass Gemeinsamkeiten dazu führten, dass die Dinge, die erlebt wurden, identisch seien. Eben das sind sie immer wieder nicht, auch wenn beide Figuren ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sind sie sehr unterschiedlich und versuchen auch nicht, diese Differenzen einzuebnen. Die Beiträge der Figuren scheinen nicht direkt aufeinander zu antworten, wirken mithin monologisch, wie fein sie jedoch aufeinander bezogen sind, bemerkt man, wenn man eben auf die kleineren Motive oder Formulierungen achtet, in denen beide Figuren sich gegenseitig zitieren: So nur als Beispiel die Farbmotivik insbesondere der Farben blau und rot, aber auch der Farben grün und lila, die mit Valmiras Beschreibung von Gemälden Francis Bacons einsetzt (S. 111f.), von ihr bei der Beschreibung von Steckbriefen von Vermissten aufgegriffen wird (S. 127) und von Senthil unter anderem bei der Beschreibung von Hämatomen eines Jungen aus seinem Kindergarten (S. 161) aufgenommen wird. Die Farben blau und rot verbinden dies aber auch mit Senthils Freundin Ahila (S. 148), den unterschiedlichen Arten von Pässen (S. 124) und dem per Luftpost verschickten Briefen eines Onkels (S. 134). Keine Ahnung, ob diese Farben eine symbolische Bedeutung haben, was sie aber für den Text leisten, ist Kohärenz und also Einverständnis zwischen den Figuren, die zwar jeweils für sich, aber durchaus auch miteinander sprechen, auch wenn sie sich kaum direkt antworten oder direkt Fragen stellen. Ähnliches bewirkt die Formulierung „eine Sprache würde man erlernen, indem man die Worte der anderen, indem wir fremde Wörter für die eigenen“ (S. 195) hält, mit der Valmira die Worte ihres Vaters wiedergibt, der mit ihr im Asylbewerberheim Kinderserien auf Deutsch im Fernsehen angesehen hat. Die nahezu identische Formulierung verwendet Senthil auf S. 208, allerdings legt er sie seiner Mutter in den Mund. Auch der Kontext, in dem die Mutter die Worte gesagt haben soll, ist ähnlich. Ähnliches bewirkt auch Valmiras Erzählen von zwei auf die Williamsburg bridge gemalten Figuren am Anfang des Romans, das in der zweiten Hälfte des Romans von Senthil aufgenommen wird. Oder den Tod als Anfang der Sprache und das „A“ als Totenhaus. Oder oder oder.

Und insofern ist der Roman ein monologischer Dialog. Die beiden sprechen nicht im klassischen Sinne direkt miteinander und sprechen doch direkt miteinander. Es gibt Erfahrungen, die kann man nicht vermitteln und erklären, die erahnt aber jemand, der sie selbst in ähnlicher Weise gemacht hat, ohne Erklärung. Valmira und Senthil befinden sich hier in einem solchen durchaus sehr intimen, auch sehr zarten Einvernehmen: Immer wieder erklären sie einander nicht, was sie meinen, buchstabieren Erlebnisse und Gedanken nicht aus, sondern schreiben einander „du weißt“. Und der andere weiß. Und der andere fragt nicht nach, weil es Dinge gibt, die von alleine erzählt werden müssen, weil nach ihnen zu fragen eine Grenze überschreiten würde.

Ortlosigkeit

Überhaupt sind Grenzen – sprachliche, geographische, unausgesprochene und unaussprechbare – ein zentrales inhaltliches wie strukturelles Element des Romans. Das Überschreiten geographischer Grenzen durch die Eltern von Valmira und Senthil ist ja die Bedingung für das, was beide dann erzählen. Die dadurch entstandene Ortlosigkeit der Eltern, die sich auf die Kinder überträgt – auf Senthil, der aufgrund seines Aussehens Ausgrenzung erfährt, stärker als auf Valmira, die für eine Deutsche gehalten wird, wenn man ihren Nachnamen nicht kennt – ist Grundbedingung des Erzählens: Erzählt wird nicht nur von Flucht und also dem Verlieren eines Ortes, erzählt wird auch von unterschiedlichen Orten, an denen die Figuren waren oder gelebt haben, und erzählt wird im Internet, also an einem ortlosen Ort, der sich dadurch auszeichnet, dass man keine feste Adresse braucht und dass er von überall ausgehend erreichbar ist. Zum Teil antworten die Figuren einander ja, wie an den kleinen Symbolbildchen zu erkennen sind, über das Handy, also eben nicht von festen Orten aus. Sie haben keinen festen Ort und nimmt man die Prognose der Figuren auf der Williamsburg bridge ernst, so werden sie auch keinen haben (S. 12), sondern sie „werden flüchtig sein“, werden in Bewegung sein, wie ein Fluss. Das passt deswegen ganz schön, weil immer wieder auf das Wasser als Ursprung aller Dinge und also auf Thales von Milet Bezug genommen wird: „das prinzip aller dinge ist das wasser, aus wasser ist alles und in wasser kehrt alles zurück, es nimmt und nimmt gedächtnis.“ (S. 137) Die permanente Bewegung, das ständige Fließen und also die Ortlosigkeit gehört zu diesen Figuren, zu Senthil ein wenig offensichtlicher, der diesen Satz schreibt, aber ganz klar auch zu Valmira, deren Name „gute Welle“ bedeutet und die also schon namentlich mit dem Wasser und also dem Fließen verbunden ist.

Sprachlosigkeit

Senthil dagegen ist namentlich mit der „Schlange“ verbunden, auch Devanagari, die Schrift der Religion der Mutter, des Hinduismus, vergleicht er mit dem Aussehen von Schlangen (S. 212) und er berichtet davon, dass er in der Grundschule, als er seinen Initialbuchstaben mit einem Tierbild darstellen soll, die Schlange gewählt hat. Senthil schreibt im Roman ausschließlich in Kleinbuchstaben, Valmira in Groß- und Kleinbuchstaben, zum einen, weil Valmira, wie sie selbst erzählt, für eine Deutsche gehalten wird, wenn man ihren Nachnamen nicht kennt, was bedeutet, dass ihr auch Sprachkompetenz zugestanden wird. Senthil dagegen, der schon aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe Ausgrenzung erfährt und dem Sprachkompetenz damit eher abgesprochen wird, verwendet nicht nur die eigenständigere, aufgebrochenere Syntax (man denke bitte auch an die von mir eingangs erwähnte ganz eigene Syntax des Wittgenstein-Satzes), sondern auch die Kleinbuchstaben. Vor allem aber könnte es hierbei auch um das Schriftbild gehen: Die Kleinbuchstaben könnten Devanagari optisch näher stehen, vor allem aber stellt Senthil selbst einen Bezug zwischen dem Schriftbild des Wortes „mississippi“ und dem Fließen von Wasser her (S. 219), die Verwendung von Kleinbuchstaben könnte hier also auch wieder die Bedeutung des Wassers für den Roman spiegeln.

Überhaupt, die Bedeutung von Namen: Valmira lässt sich nach einiger Zeit „Mira“ nennen, und wird damit vollständig für eine Deutsche gehalten, Senthil dagegen büßt die richtige Aussprache seines Namens – sendl – in Deutschland ein. Die Figuren verlieren also in Deutschland ihre Namen, ihr Bezeichnendes. Das ist nur ein Moment der Sprachreflexion, die dieser Roman leistet, neben dem Thema der Migration ist „Sprache“ das zweite zentrale Thema, mit dem sich Varatharajah hier beschäftigt. Wenn Bezeichnendes und Bezeichnetes auseinanderfallen, und das ist beiden Figuren bewusst, kann nichts gesagt und nichts vermittelt werden. Das wird so nicht nur explizit geäußert, es wird auch an der ständigen Verwendung des Konjunktivs inbesondere durch Senthil, durch die Reflexion über die Mehrdeutigkeit von deutschen Wörtern („ausweisen“ kann bedeuten, dass man seine Identität belegt oder dass man das Land verlassen muss, als Beispiel) und durch die den Roman durchziehenden mehrfachen Bedeutungsebenen deutlich. Fragt Valmira nach Senthils Vater, so spricht er über Gott und über seinen leiblichen Vater. Nie ist klar, was das Bezeichnete sein soll, der Leser muss alle möglichen Assoziationen und Bedeutungen mitdenken, ebenso wie Senthil und Valmira das tun. Deswegen ist der Roman so wunderschön, weil er so vielschichtig ist.

Und wegen dieser Sprache, die eine ganz eigene, sehr schöne Schwere hat. Gesagt und erklärt werden kann nichts, deswegen erzählen die Figuren nicht, viel mehr singen sie, jede für sich und doch miteinander. Die Sprache hier erinnert nicht nur an die der Bibel, oft ja auch durch bewusste Anspielungen, sondern darüber auch an Choräle, in denen unterschiedliche Sänger beispielsweise Psalmentexte aufgeteilt aufeinander singen und so zwar aneinander vorbei, aber gleichzeitig miteinander und aufeinander bezogen singen. Oder sie erinnert an die großen antiken Epen, wer einmal die „Odyssee“ in einer Übersetzung gelesen hat, die sich um sprachliche Nähe zum altgriechischen Text und seinen Sprachbildern bemüht wie etwa die von Wolfgang Schadewaldt, weiß, was ich meine; auch hier findet man nicht nur diesen ganz eigenen Satzbau, sondern auch die wiederkehrenden Motive, die vermutlich ja bei den antiken Epen als Gedächtnisstütze für den Sänger dienten, so wie die Motive hier als Assoziationsbrücken für Valmira und Senthil dienen. Varatharajah löst in seinem Buch die rein erzählende Prosa-Sprache wieder in Richtung Lyrik hin auf, das macht das Buch so ungewöhnlich und so schön.

Und in diesem ganz eigenen Verständnis von Sprache und in diesem ganz eigenen Umgang mit Sprache befinden sich Valmira und Senthil in einem wortlosen Einverständnis über den Weg, der noch vor ihnen liegt: „bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen und es wird nicht weit genug gewesen sein. wir gehen.“ (S. 150) Die geographische und die sprachliche Ortlosigkeit gehören zusammen.

Der vorletzte nummerierte Satz im „Tractatus logico-philosophicus“ von Wittgenstein ist: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Es muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinausgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

Verständnislosigkeit

„Vor der Zunahme der Zeichen“ enthält so viele Motive und Bedeutungsebenen, dass es sogar mir auffällt. Das ist ein sehr kluger, bis ins Detail durchkomponierter Roman in einer sehr schönen und mutigen Sprache, der durchaus eine Wirkung auf den Leser hat, auch eine emotionale. Umso ärgerlicher ist es, wenn Rezensenten Kommas zählen, sich darüber beschweren, dass der Autor nicht zu einer „dem Medium angemessenen Sprache“ fände (als ob irgendjemand Texte lesen wollte, die emoticons und „lol“s enthalten; nahezu empörend unreflektiert ist hier vor allem das vollkommene Unverständnis der Sprachreflexion, die der Roman leistet) oder immer immer immer wieder so tun, als würde der Autor den ganzen Roman in Kleinbuchstaben schreiben (was er ja eben nicht tut, nur eine Figur schreibt in Kleinbuchstaben), und zwar nur deswegen, weil das angeblich auf facebook so üblich sei. Jugendliche, die Thomas Mann oder Lessing lesen müssen, äußern sich in ähnlich weit reflektierter Weise beleidigt über die komplexe Sprache, die ja gemeinerweise das Lesen erschwere, wie es einige Rezensenten tun, als hätte eine solche Sprache keinen ästhetischen Eigenwert. Bei allem Verständnis ist es schon ein bisschen peinlich, wenn sich Kulturjournalisten über zu viel Tiefgang und zu komplizierte Sätze beschweren. Vermutlich würden diese Leute auch niemals Thomas Bernhard, James Joyce oder irgendein Gedicht dieser Welt lesen, weil das versteht man ja nicht gleich auf Anhieb und es eignet sich nicht für eine entspannte Zuglektüre.

Stattdessen könnten doch diese berufsmäßig und bezahlt über Literatur schreibenden Journalisten mir mal einen Gefallen tun und für mich darüber nachdenken, was es zu bedeuten hat, dass genau beim Abschicken der Nachricht, in der Senthil den Romantitel erklärt, die Internetverbindung unterbrochen wird. Valmira erhält die Nachricht nicht, die zweite Fassung der Nachricht, die Senthil schreibt, ist kürzer, die Passage, die auf den Romantitel anspielt, fehlt. Das wäre schön, wenn sich jemand zum Beispiel hier wirklich mal mit dem Text auseinandersetzen würde. Danke.

Ich habe seit wirklich langer, langer Zeit keinen so – gerade sprachlich – bemerkenswerten Debütroman gelesen (bin mir unsicher, ob ich das je habe).

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im März/April 2016 auf meinem alten Blog und wurde jetzt anlässlich der Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe hier neu gepostet.]

[Beitragsbild von Dương Trần Quốc aus unsplash.com]

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Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

Wie kann man von einer durch Säkularisierung entzauberten und durch beschleunigten globalen Kapitalismus vermarkteten Welt erzählen, von einer Welt, die wenig Ansatzpunkte zu Sinnstiftung und Kontingenzbewältigung anbietet? Realistisches Erzählen dominiert das Erzählen im Roman der Gegenwart wie der Vergangenheit, und auch dort, wo Realität nicht nachgeahmt wird, soll zumindest ein realistischer Illusionszusammenhang erzeugt werden. Allerdings ist das nicht unhinterfragt:

„Diese [realistische] Verhaltensweise ist, in einer bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreichenden, heute zum Extrem beschleunigten Entwicklung fragwürdig geworden. Vom Standpunkt des Erzählers her durch den Subjektivismus, der kein unverwandelt Stoffliches mehr duldet und eben damit das epische Gebot der Gegenständlichkeit unterhöhlt. Wer heute noch, wie Stifter etwa, ins Gegenständliche sich versenkte und Wirkung zöge aus der Fülle und Plastik des demütig hingenommen Angeschauten, wäre gezwungen zum Gestus kunstgewerblicher Imitation. Er machte der Lüge sich schuldig, der Welt mit einer Liebe sich zu überlassen, die voraussetzt, daß die Welt sinnvoll ist, und endete beim unerträglichen Kitsch vom Schlage der Heimatkunst.“ (Adorno: Standort des Erzähler im zeitgenössischen Roman, in: Ders.: Noten zur Literatur, Frankfurt a. M. 2003, S. 41)

Will man also davon erzählen, dass jemand seinen Bullshitjob nicht als sinnvolles Handeln erlebt, dass er auch keinen Sinn mehr im Privaten finden kann, da sein Beruf ihm globale Flexibilität abverlangt, die ein Privatleben zerstören muss, und dass auch religiöse Rituale in einer aus dieser sinnlosen, entfremdenden Arbeit resultierenden Erschöpfung als leere Hülsen erscheinen, die keinen Trost und keinen Sinn mehr spenden, wird man nicht mehr von der Welt erzählen können wie Stifter. Aber man kann von ihr erzählen wie Kampmann.

In ihrem Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ erzählt Anja Kampmann von Waclaw, der früher einmal, als Kind eines Bergmannes im Ruhrpott, „Wenzel“ hieß, und dann als Arbeiter auf verschiedenen Ölplattformen überall in der Welt tätig war. Nach dem Tod seines engen Freundes und Kollegen Mátyás bricht er mit diesem Leben und macht sich auf eine Reise durch Europa, entlang von Personen und Orten, die seine Vergangenheit bestimmt haben. Er beginnt seine Reise bei der Schwester von Mátyás, reist von dort aus weiter zu Enzo/Alois, einem Kollegen seines Vaters auf dem Bergbau, von dem er eine trainierte Taube mitnimmt, die er im Ruhrpott fliegen lassen soll, so dass so nach Hause zu Enzo/Alois fliegt. Vom Ruhrpott aus fährt Waclaw in das polnische Dorf, in dem er mit Milena gewohnt hat, der Frau, die er früher einmal geliebt hat und mit der er zusammen gelebt hat.

Reise ohne Rückreise

„Wie hoch die Wasser steigen“ ist also ein Reiseroman, oder vielleicht eher ein Roman, der vom Versuch der Rücknahme einer Reise erzählt. Die Fremde, in die Waclaw einst aus materiellen Gründen – Milena und er konnten sich nicht einmal mehr die Zeitung leisten -, aber auch aus einem Gefühl der Enge des Lebens zunächst in der Bergarbeitersiedlung im Ruhrpott, dann auf dem Dorf in Polen, aufgebrochen ist, hat in entwurzelt, entfremdet und erschöpft. Seine Reise, sein Aufbruch zu den Ölplattformen führte eben nicht zu Reifung, Bildung, neuer Eingliederung in eine moderne, global flexibilisierte neue Gesellschaft, wie es in früheren Reise- oder Bildungsromanen der Fall gewesen wäre, die Fremde bringt nicht Selbst- und Fremderfahrung, sondern Selbstverlust und Vereinzelung. Und Waclaws Reise zurück an die Ausgangspunkte seines früheren Aufbruchs führen nicht dazu, diese Verluste wieder aufzuheben, es gibt auch keine Flucht in die Innenwelt mehr, wie das in Reiseromanen im 19. Jahrhundert noch möglich gewesen wäre. Wohin Waclaw sich wendet, dort hat er keinen Ort. Vielleicht steht Kampmanns Debütroman in dieser Hinsicht manchen Romanen Krachts nahe, in denen Reise ebenfalls völlig desillusioniert und desillusionierend ist – und dass das so ist, hat vermutlich nicht damit zu tun, dass Kampmann sich hier an Kracht orientiert hätte, sondern eher damit, dass man eben von der Welt gar nicht mehr anders erzählen kann, weil die Welt sinnlos geworden ist.

Nach dem Boom

Denn eigentlich sollte der Aufbruch in die große weite Welt Waclaw ja einst nicht nur von finanziellen Sorgen, sondern auch von der Bedeutungslosigkeit seines kleinen Lebens fern ab dessen, was es alles zu erleben gäbe, befreien. Und so hat er seinen Vater beruflich beerbt: Immer wieder wird in Rückblenden von der Arbeit an Schmelzöfen und unter Tage, von den Gefahren dieser Arbeiten erzählt, von den Arbeitern, die plötzlich verschwinden, von ihren Staublungen, dem Pseudokrupp, von den offensichtlichen gesundheitlichen Schäden, die ihre Arbeit für sie mit sich bringt. Und es wird davon erzählt, wie diese Arbeiter und ihre Arbeitsplätze überflüssig wurden, als plötzlich Gas und Öl vom anderen Ende der Welt billiger wurden als die Kohle aus dem eigenen Bergwerk – die Globalisierung hat ihrer Arbeit und der Grundlage ihrer Arbeit ihren Sinn genommen. „Das ist zu Ende hier, keiner braucht noch irgendwen“ (S. 290), erklärt ein alter verwirrter Bergmann Waclaw. Vermutlich ohne zu ahnen, wie sehr das auch auf die Jüngeren, auf Waclaw zutrifft.

Man kann es nun platt finden, dass Kampmann dann Waclaw genau in dem Beruf arbeiten lässt, der auf den des Bergmannes folgt, aber abgesehen davon, dass es eben sehr gut funktioniert und in der Figurenbiografie schlüssig ist, kann sie dadurch zeigen, wie Arbeit sich im Zuge des globalisierten Kapitalismus verändert hat, auch im primären/sekundären Wirtschaftssektor. Denn in der Phase „nach dem Boom“, also ab den 1970er Jahren, war es ja paradoxerweise gerade der Kapitalismus, der ein klassisches Versprechen der Linken an den Arbeiter realisierte: Die Flexibilisierung der Arbeit, nun aber freilich als ein Muss, als eine neue Norm. Das Kapital befreite den Fließbandarbeiter von seiner monotonen Fließbandarbeit hin zum flexiblen Zeitarbeiter, und den Bergmann von den Minen hin zum global einsetzbaren Arbeiter auf der Ölplattform. Waclaw verdient jetzt sehr viel Geld und er sieht die ganze Welt, fliegt ständig, schläft ständig in Hotelzimmern, kommt deswegen aber kaum mehr nach Hause, beutet sich selbst in überlangen Schichtdiensten aus, erleidet aus Erschöpfung einen Arbeitsunfall – der allerdings nicht so schwer ausfällt wie bei anderen Kollegen, die bei Arbeitsunfällen sterben –, verliert seine Beziehung, sein Zuhause, sich selbst, und damit: die Zukunft, die er eigentlich einmal finden wollte. Der Arbeiter auf der Ölplattform stirbt nicht mehr an Gasen in der Mine oder an Staublunge, er stirbt an Arbeitsunfällen an den Maschinen oder an Erschöpfung. Er stirbt nicht mehr in der Enge der Bergarbeitersiedlung, er stirbt irgendwo vor der Küste eines Landes, dessen Sprache er nicht spricht, in der Enge der Plattform: „Es ist wie Knast, und du weißt es.“ (S. 146). Für den Arbeitgeber bleibt er Arbeitskraft, die darüber hinaus keinen Wert hat: Nach Mátyás wird sein Arbeitgeber, als er nach einem Sturm verschwunden ist, nicht einmal richtig suchen. „Das Geld raschelte, und es klang sinnlos wie eine Krone aus Papier.“ (S. 342). Alles, wofür Waclaw einst aufgebrochen war, hat seinen Sinn verloren. Und Waclaw hat alles verloren, sein Zuhause hat der Flexibilisierung seiner Arbeit nicht standgehalten, und er nicht der Ausbeutung seiner Arbeitskraft.

Selbst die Verluste, die sich durch Waclaws Leben ziehen, sind sinnlos: Mátyás Verschwinden ist grundlos, zumindest wird kein Grund angegeben, es kann ein Unfall gewesen sein, es kann Selbstmord gewesen sein. Milenas Verschwinden ist, in mehrfacher Hinsicht, sinnlos: ohne Grund, ein Unfall. In Waclaws Welt gibt es keine Sinnzusammenhänge mehr, zumindest keine, die er herstellen könnte. Er scheint durch sein Leben zu treiben. Es gibt auch keine Ziele und Gründe mehr. Der Katholizismus, der seine Jugend geprägt hat, taucht gelegentlich in Erinnerungen auf als Rituale und Ereignisse am Wegrand, die aber nicht bis in das Leben hineinreichen, es nicht mehr zusammenbinden können. Mit dem Klang der Orgel verbindet sich nur noch eine gewisse Rührung ob ihrer Vertrautheit (S. 154), aber keine himmlische Heimat. Es ist eine entzauberte Welt am Ende der großen Erzählungen:

„Er war nicht anderswo, die Kirche war tot, die Arbeiter waren fort, aber niemand hatte eine neue Erzählung begonnen, niemand hatte die Seite umgeschlagen.“ (S. 312)

Ohne Regenbogen

Dass das Wasser und die Taube als die Motive dieses existentiellen Schwimmens und dieser Ortlosigkeit natürlich recht naheliegend sind, ist klar, allein platt sind sie ja nur nicht schon allein deswegen, weil man mit ihnen keinen Innovationspreis gewinnen wird, entscheidend ist doch, ob sie im Roman funktionieren und plausibel sind – und das tun sie und sind sie. Zudem sind sie im Roman doch deutlich vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Waclaw führt eine schwimmende Existenz, er lebt halb im Wasser, halb an Land, und alles, was verschwindet, ist im Wasser verschwunden: Mátyás, die Bergwerke, die geflutet worden sind, als sie keiner mehr gebraucht hat, sein Zuhause, er selbst:

„Irgendwann konnte Waclaw die Wogen sehen, die von ferne kamen, spülte das Meer in den Garten, und die Gischt stieg in den Holunder, stieg in seine Kehle und ließ alle Worte, die er fand, gleich aussehen.“ (S. 319)

Es ist eine Sintflut, und Leute wie Waclaw sind angestrandet „wie Tiere nach der Ölpest. Was dort sinkt und verloren geht, ist das, was uns fehlt.“ (S. 143) Man kann an Odysseus denken, wegen der Verbindung von Reise- und Meermotiv, aber spätestens dann, wenn Waclaws Interesse für Tauben in den Blick gerät, wenn er von Enzo/Alois eine Taube bekommt, die er fliegen lassen soll, wird man an Noah denken müssen. Natürlich geht es dabei um Heimkehr, aber doch noch viel grundlegender: Um die Hoffnung, dass es überhaupt festes Land gibt, auf dem man zuhause sein kann. Und zudem spiegelt die Taube auch die Veränderung, die sich mit dem Wandel von Wenzel zu Waclaw vollzogen hat: Als Kind hat Wenzel sich in der Enge der Bergarbeitersiedlung über die Tauben geärgert, die immer wieder nach Hause zurückkehrten, statt einfach wegzufliegen (S. 275). Dazwischen stehen sie für Freiheit. Und schließlich werden sie für den von der Ferne erschöpften Waclaw genau aus dem Grund, der ihn als Kind verärgert hat, interessant: Weil sie heimkehren können. Vorausgesetzt sie fallen keinem Falken zum Opfer: Und so ist es nicht erstaunlich, dass Waclaw Falken, die wiederum klassischerweise für Freiheit stehen, fürchtet, da sie Enzos/Alois‘ Taube angreifen könnten. Auf seiner Reise durch Europa, erschöpft von der Ferne und der entfremdenden Arbeit, erscheint die Freiheit als ein Raubtier. Konsequenterweise lassen die Handschuhe einen der anderen Arbeiter auf der Ölplattform aussehen wie einen Raubvogel. In einer Erinnerung berichtet Waclaw davon, wie ein Schwarm Reiher auf dem Durchzug eine ganze Nacht lang um einen Scheinwerfer der Ölplattform kreiste – als sich einige Reiher erschöpft auf einem Kran niederließen, kletterte einer der Arbeiter hinauf, fing einen der Vögel ein und erschlug ihn. Die Arbeit macht die Arbeiter zu Raubtieren, an anderen wie an sich selbst, und sie rauben sich selbst das Zuhause. An einer Stelle legt der Text nahe, Waclaw könnte die Taube von Enzo/Alois auch getötet haben (S. 306). Ob sie zu Enzo/Alois zurückgekehrt ist, bleibt unklar. Und auf das Ende von Waclaws Sintflut folgt kein erkennbarer Neuanfang, kein Regenbogen.

Erschöpfungsgeschichte

Die Sinnlosigkeit der Welt und das Schwimmen der Existenz spiegeln sich auch in der Erzähltechnik und der poetischen Sprache des Textes. Das Voranschreiten der recht dünnen Handlung wird ständig durch Rückblenden, die in der Regel assoziativ verbunden sind, unterbrochen, ein anderes Erzählen wäre im Kontext dieser brüchigen, kontingenten Existenz auch gar nicht möglich als ein solches zerrissenes, das eher in Wahrnehmungen zerfällt, als die Welt zu erfassen und zu durchdringen. Und das gilt auch für eine Sprache, die eher suchend die Welt abtastet, sie an manchen Stellen nahezu ausufern zu beschreiben versucht und dadurch ständig den Eindruck erweckt, sich selbst nicht über den Weg zu trauen, sich nie sicher zu sein. Und die an einigen Stellen klassischen Bildern eine Absage erteilt: Die Ferne ist kein Sehnsuchtsort mehr, die Romantik hat in einer Welt globalisierter flexibler Ausbeutung der Arbeitskraft keinen Platz mehr. Das Mondlicht ist „grell und hohl“, er ist „nur ein Brocken Stein in weiter Ferne“ (S. 276) – der Bezug zu „Mondnacht“ von Günter Kunert liegt auf der Hand. Und das ganze Universum ist voller Weltraumschrott (S. 188).

Waclaw reist vorwärts und rückwärts gleichzeitig, und die Wörter, die am häufigsten Verwendung finden, stammen aus dem Umkreis der Wörter „Müdigkeit“ und „Erschöpfung“. Anja Kampmann hat hier keine Welt erschaffen, keine Schöpfungsgeschichte geschrieben, sie hat eine ermüdete, sinnlose, zerrissene Welt nicht einfach abgebildet, sondern erzählt, eine Erschöpfungsgeschichte geschrieben:

„Und ein Mann steht auf dem Erdboden, am Rand eines unüberschaubar riesigen Ackers, er wird die Erde zu etwas formen und werfen, und er wird zusehen, wie sie zerbricht. Er wird die Kälte in den Händen spüren. Es wird nicht mehr sein als das. Der dunkle Boden, der sich zusammenballen ließ und erst in der Luft, inmitten des Wurfs, zersplitterte in tausend Brocken. Es ist eine Sternenexplosion, der Moment, in dem etwas sehr Kleines übergeht in etwas, von dem es keine Vorstellung hat und von dem es nichts wissen kann, solange noch der kleinste Rest von ihm übrig ist. Es wird wieder und wieder geschehen.“ (S. 326)

Im Mythos konnte Gott noch aus Erde Menschen formen. Im 21. Jahrhundert kann diese Erde nur noch zerbrechen und zerfallen, nichts bindet sie mehr zusammen, und sie wird verschluckt von der Erde wie von Wasser:

„Er wartete auf das Geräusch des Aufpralls, aber fast lautlos schluckte der Acker die Erde, die er warf, fast lautlos waren seine Rufe dort draußen in der Ebene. Erschöpft, nicht ruhig, ging er zurück zum Wagen. Es ist zu viel verlangt.“ (S. 327)

“Wie hoch die Wasser steigen” von Anja Kampmann ist völlig zurecht für alle möglichen Preise nominiert gewesen und noch nominiert, und fairerweise sollte sie jetzt endlich auch mal irgendeinen dieser Preise bekommen, weil es ein wirklich außergewöhnlicher Roman ist – sprachlich, erzähltechnisch, und ja: auch politisch. Es ist ein Roman, der vom Leser Zeit und Geduld fordert, und dem genau das mit Recht auch entgegengebracht werden sollte.

 

(Beitragsbild von Jade auf Unsplash.com)

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Alles super in der Abstiegsgesellschaft! (feat. Kathrin Weßling: „Super, und dir?“ und Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ und ein paar andere)

[es gibt auch viele extralange Zitate und extrawenig Absätze, juhu!]

Vor ein paar Monaten habe ich einen recht länglichen Blogbeitrag über die Frage geschrieben, welche Strukturen dafür sorgen, dass Autorinnen aus der Literaturgeschichte verschwinden – ein nicht unerheblicher Faktor dabei ist, dass Bücher von Autorinnen seltener besprochen werden, und wenn sie überhaupt besprochen werden, dann häufig in Sammelrezensionen. Entsprechend schade finde ich es, dabei zuzuschauen, wenn genau das passiert: Dass ein Buch einer Autorin von fast allen Feuilletons größerer Tages- oder Wochenzeitungen gar nicht erst angefasst wird, während ein Buch eines Autors von vergleichbarer Qualität lauter positive Rezensionen bekommt.

Ich habe selbst „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch besprochen und empfohlen, weil es interessante und wichtige Problemlagen gelungen verhandelt, wenn auch nicht literarisch gelungen – denn dass hier vieles gar nicht erst zu Ende erzählt wird, dass viele Stellen sprachlich schlecht und das Dazwischenklatschen dieses „Manifestes“ zwischen die Handlung literarisch eigentlich eine Frechheit ist, sollte ja offensichtlich sein. Trotzdem ist es ein gutes Buch, es ist eben ein Thesenroman. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling ein gutes Buch ist, das ebenso gesellschafts- wie kapitalismuskritisch ist wie „Hochdeutschland“, genauso drängende gegenwärtige Probleme anpackt und benennt, dabei wirklich ein ganzes Stück besser erzählt ist, hier und da aber ein bisschen redundant geschrieben (die sprachlichen Schleifen sind aber als Gedankenschleifen im Text überzeugend) und sprachlich halt nicht Avantgarde ist (ja, und?). Aber wenn Bücher halt einfach gut erzählt sind, ist das ja eher ein Manko, hat man manchmal den Eindruck, das ist erst dann in Ordnung, wenn sie aus dem angelsächsischen Bereich übersetzt worden sind – ein deutschsprachig geschriebener Roman dagegen, der halt einfach eine Geschichte erzählt ohne irgendwelchen Schnickschnack, noch dazu von einer jungen Frau über eine junge Frau geschrieben worden ist, das muss ja Quatsch sein dann, da schreiben wir lieber keine Besprechungen darüber, Nein, Nein, Nein, aber bei „Hochdeutschland“ tun wir so, als wäre es eine Offenbarung, auch wenn es der schlechter geschriebene Roman ist. Es ist doch zum Mäuse melken.

„Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch ist natürlich nach wie vor ein gutes Buch. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling, die hier in von mir zumindest noch nie gelesener Genauigkeit und Drastik von den Problemen von Kindern aus der Mittelschicht in der Abstiegsgesellschaft erzählt.

Oliver Nachtwey beschreibt in seinem Essay „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“, was eine Gesellschaft prägt, deren Phase der „sozialen Moderne“, die in den 1970ern mit dem Wechsel zum Postfordismus einsetzt, von Wachstum und der vergleichsweise hohen sozialen Mobilität vor allem auch auf Grundlage von Bildungsexpansion geprägt war, seit der Agenda 2010 vorbei ist und zu einer Phase der „regressiven Moderne“ geworden ist. Nachtwey modifiziert hier Ulrich Becks Begriff der „reflexiven Moderne“: Während die „reflexive Moderne“ dadurch gekennzeichnet war, dass sie im Zuge des Fortschritts Folgen verursacht hat, die ihr Anliegen unterlaufen – man baute Atomkraftwerke, weil man saubere Energie wollte, und bekam Tschernobyl – zeichnet sich die „regressive Moderne“ dadurch aus, dass sie hinter ein zuvor erreichtes Maß an sozialer Integration zurückfällt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidargemeinschaft bröckeln, neue Klassen und vor allem neue Formen des Prekariats/der Unterschichtung entstehen, die allerdings zu keiner Solidarisierung fähig sind, da sie gleichzeitig eben unterschiedlichen Schichten angehören – das journalistische Medienprekariat solidarisiert sich eben nicht mit Zeitarbeitern am Fließband, auch wenn beide von ähnlichen Arbeitsstrukturen ausgebeutet werden –, soziale Mobilität stagniert ebenso wie Umverteilung: Immer mehr Menschen haben immer höhere Bildungsabschlüsse, die immer weniger wert sind, vor allem nicht unbedingt zu mehr Einkommen und also mehr sozialer Sicherheit führen, während Kapitalzuwachs vor allem dort stattfindet, wo bereits Kapital zu finden ist: bei den Vermögenden.

In der Konsequenz sehen sich junge Arbeitnehmer seit den Agendareformen, die zahlreiche Arten atypischer Beschäftigungsformen ermöglicht und erleichtert haben, insbesondere die grundlose Befristung von Arbeitsverträgen, einer Arbeitswelt gegenüber, die eigentlich nicht mehr mit dem Leistungsdenken der alten Mittelschicht bewältigbar ist. Junge Leute kämpfen also mit dem Denken von gestern gegen Probleme von heute, gegen einen Arbeitsmarkt, auf dem im „Zuge der regressiven Modernisierung […] die ‚Institutionalisierung von Prekarität‘ vollzogen“ (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 137) wurde. Es ist eben nicht mehr jeder seins Glückes Schmied, und wer sich nur genug anstrengt, der wird deswegen noch lange nicht auch was, in einer Zeit der Praktika, der Volontariate, der Freelancer, der befristeten Verträge.

Die Mittelschicht entwickelt entsprechend Abstiegssorgen, die Unterschicht, die die Einschränkung der sozialen Mobilität besonders hart trifft, Abstiegsangst. Die Folge sind neue Protestformen und -bewegungen – Occupy ebenso wie Pegida. Wer eine klare Darstellung der Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen und der gefährlichen Folgen des Abbaus des Sozialstaates und der Isolation der Klassen voneinander lesen will und „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey nicht ohnehin diesbezüglich schon auf dem Schirm hatte, sollte es jetzt lesen, so klar, zusammenhängend und transparent argumentiert (Nachtwey benennt auch klar, wo ihm empirische Belege fehlen) liest man das sonst nirgends.

Schon Bourdieu, wie Nachtwey darstellt, bemerkte, dass prekär (also nicht stabil, sondern unsicher und widerrufbar) Beschäftigte dazu neigen, betriebliche Normen überzuerfüllen, weil sie sich jeden Tag aufs Neue bewerben/bewähren müssen, immer in der Hoffnung auf eine Festanstellung, was sie länger, intensiver und mehr arbeiten lässt (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 144). In der Abstiegsgesellschaft nimmt dies noch drastischere Züge an:

„Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der Realität nicht mehr aufwärtsgeht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können. Es entstehen Abstiegssorgen und ‚Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand‘ (Vogel 2006, S. 354). Dabei bilden sich mit steigender Häufigkeit ‚anomische‘ Konstellationen heraus, in denen die etablierten sozialen Normen, die eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration bilden, sukzessive erodieren und an Geltung verlieren (vgl. Berton 1995 [1949]). Wenn Aufstieg nicht mehr möglich erscheint und solidarische Handlungsmöglichkeiten – etwa im Rahmen und mithilfe von Gewerkschaften – entweder kaum existent oder nicht wirksam sind, dann greifen die Menschen verstärkt zu selbstoptimierenden Strategien. Diese laufen auf eine intensivierte, beinahe völlige Hingabe an den Wettbewerb hinaus. Viele Menschen steigern ihre innerbetriebliche Leistungsbereitschaft, arbeiten mehr und entgrenzter, verdichten ihre Tage rund um die Uhr produktiv. Sie verzichten auf Ansprüche an das gute Leben, an die Work-Life-Balance, nehmen Stress und Sinnverlust in Kauf, beschleunigen sich immer weiter. Die eigenen Erwartungen hinsichtlich Autonomie und Selbstentfaltung werden durch ‚die verstärkten Opfer für den Aufstieg konterkariert‘ (Voswinkel 2013, S. 30). Der kulturelle Individualismus wird sparsamer gelebt, man verzichtet zunehmend auf einen marktfernen Hedonismus (z.B. ohne Eile zu studieren).“ (Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 165f.)

Von einem Typ der vielen durch atypische Beschäftigungsformen neu entstandenen Prekariate, dem Volontariats-Prekariat, erzählt Kathrin Weßling in „Super, und dir?“ und schafft damit das narrative Gegenstück zu Nachtweys Analyse der Abstiegsgesellschaft. Die junge Protagonistin mit dem Allerweltsnamen Marlene Beckmann – denn ein Allerweltsschicksal ist es ja, das hier erzählt wird – ist dort angekommen, wo sie glaubte, immer hin zu wollen. Sie hat eine Beziehung zu einem Mann, der sie liebt, sie hat ihr Marketingstudium abgeschlossen und einen begehrten Volontariatsplatz in einer bekannten Firma bekommen. Wie sie mehrfach betont, ist das eine „Chance“, für die sie „dankbar“ ist, der neoliberalen Ideologie zufolge muss das Individuum ein prekäres Arbeitsverhältnis nämlich als Chance wahrnehmen, nicht als Form der Ausbeutung, und für diese Ausbeutung hat es dankbar zu sein, um der massiven Abhängigkeit in dieser unsicheren Position den positiven Anstrich des Freiwilligen, Selbstgewählten zu geben. In der individualisierten Gesellschaft hat sich das Individuum nämlich alles selbst zuzuschreiben, es hat es sich ja so „ausgesucht“.

Weil nun Marlene das mittelständische Leistungsdenken die Idee in den Kopf gesetzt hat, dass Arbeit glücklich macht, dass sie eine Form der Selbstverwirklichung ist, statt von Marx zu lernen, dass Arbeit, insbesondere Arbeit die eine extreme Form der Ausbeutung der Arbeitskraft darstellt, bei der kein sinnvolles Produkt entsteht, also entfremdete Arbeit, Selbstentfremdung nach sich zieht, geht sie zunehmend in die Knie. Marlene weiß, dass ihr Job im Online Marketing nicht sinnvoll ist, „[w]ir lassen die Scheiße wie Gold aussehen“ (S. 78), wobei natürlich auch hier die Wahrheit ideologisch vertuscht werden muss („[n]atürlich würden wir das […] niemals so sagen, denn wir sind selbstverständlich Fans all dieser Sachen“, S. 78), genauso wie sie weiß, dass die Firma Massenware für vermasste Menschen produziert, „dass wir lieblose Massenware auf den Markt schmeißen, mit der irgendwie jeder etwas anfangen kann“ (S. 72). Über den Sinn ihrer Arbeit hat sie sich während des Studiums nie Gedanken gemacht (S. 72), sie hat für die Karriere auf Sinn verzichtet. Sie leistet entfremdete Arbeit in einem prekären Arbeitsverhältnis, die nicht Selbstverwirklichung, sondern Selbstaufgabe, Selbstentfremdung bedeuten muss. Und das bringt Weßling auch so auf den Punkt: Marlene leistet „Selbstverwirklichung bis zur Selbstaufgabe“ (S. 121).

Und genau das, also die schrittweise Selbstaufgabe, vollzieht sich dann auch: Vom ersten Tag an ist ihr Job mit Angst verbunden, jeden Tag, wenn sie in die Arbeit fährt, wenn sie ihre Mails öffnet, hat sie Angst – Angst davor, aufzufliegen, es nicht zu schaffen, Angst vor Beschwerden, kurz: Die Angst, die jemand empfinden muss, der jeden Tag so arbeiten muss, als bewerbe er sich neu, die Angst, die eigentlich die Abstiegsangst in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis ist: Eben Angst vor dem Abstieg, der auch soziale Desintegration bedeutet. „Jedes Gespräch fühlt sich wie ein Test an, wie eine weitere Aufgabe, die ich erledigen muss. Ich bin mir nicht sicher, was getestet wird“, beschreibt Marlene die Situation bei einem Feierabenddrink mit den Kollegen. Sie hat Angst vor dem Verlust des Jobs, damit des Platzes in der Gesellschaft und also der sozialen Integration, denn das bedeutet es, einen Job zu haben: „ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“ (S. 54). In der Leistungsgesellschaft – Menschen, die mal Hartz bezogen haben, können ein Lied davon singen – hat der Mensch eben keinen Wert an sich, sondern er hat eine Arbeitskraft, und deren produktiver Einsatz macht ihn wertvoll.

Irgendwann ist die Angst so groß, dass Marlene nicht mehr weiß, was ihr mehr Angst macht: Dass man merkt, dass sie für den Job nicht geeignet ist, oder dass man es nicht merkt und sie ewig so weitermachen muss (S. 147). Und natürlich spricht niemand über die Entlassungen, die stattgefunden haben, denn das, was Angst macht, wird verdrängt, „[e]s sind immer nur die anderen“ (S. 152), stattdessen betont man gebetsmühlenartig (und eine Art Gebet ist es, mit dem Mann die Götter, die Vorgesetzten besänftigen will) die eigene Dankbarkeit für die Chance, sich ausbeuten zu lassen. Noch wenige Wochen vor dem Auslaufen ihres Arbeitsvertrages weiß Marlene nicht, ob sie übernommen werden wird, sie traut sich kaum, nachzufragen, und als sie sich doch überwindet, erhält sie viele nette Worte, aber keine Auskunft – der prekären Ausbeutung wird der Anstrich der Wertschätzung verliehen.

Weil Marlene nun einfach nicht so funktioniert, wie die Werbung und die Ideologie der Leistungsgesellschaft das wollen, weil sie von dem permanenten Druck des atypischen Beschäftigungsverhältnisses völlig erschöpft ist, da sie – wie Nachtwey das beschreibt – gegen eine abwärts fahrende Rolltreppe nach oben rennen muss, entwickelt sie die von Nachtwey beschriebenen anomischen Verhaltensweisen. Es gibt keine Möglichkeit eines solidarischen Zusammenschlusses mit anderen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, die einzige Person, die mit ihr im selben Boot säße, ist ihre Konkurrentin, die andere Volontärin, nur eine von beiden wird übernommen werden. Also wendet sie das gesamte Sortiment selbstoptimierender Strategien an – sie redet sich Kalendersprüche ein, um sich zu motivieren, sie meditiert morgens, ernährt sich gesund, macht Sport in dem Fitnesscenter, das für Mitarbeiter besondere Konditionen bietet und den Slogan „Du machst nicht Sport, du machst dich glücklich“ (S. 64) propagiert, und als das nicht mehr reicht, nimmt sie eben Drogen. Kokain, dann billigeres Speed tagsüber, manchmal Ritalin, dann abends was zum runterkommen, so optimiert sie sich selbst zu Grunde, hinein in die schönste Abhängigkeit. Sie gibt sich völlig an den Wettbewerb hin, arbeitet ständig über ihrer Belastungsgrenze, 70 Stunden Wochen sind die Regel, Sinnverlust nimmt sie, wie schon erwähnt, in Kauf. Auf Work-Life-Balance verzichtet sie, ihre Beziehung leidet, die entfremdet sich von ihrem Partner, alles im Dienst der Selbstverwirklichung durch Arbeit.

Entsprechend löst sich auch zunehmend die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben auf, eine Grenze, die ohnehin nicht existiert, wie Marlene von ihrem Vorgesetzten mitgeteilt wird. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass dieser ihr, wenn er mit ihr sprechen will, Nachrichten über ihr privates Facebook-Profil schickt, und Marlene sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie das übergriffig findet und dass es sie stört.

„Wie soll ich also Stefan erklären, dass er mir nicht auch noch auf Facebook schreiben soll? ‚Lieber Stefan, ich möchte dich bitten, das letzte bisschen Privatsphäre, das ich habe, zu achten und mir keine Nachrichten im Messenger zu schreiben. Denn seitdem ich in dieser Firma arbeite, habe ich kein Privatleben mehr. An meinem einzigen freien Tag, am Sonntag, schlafe ich nur noch, weil ich so erschöpft bin von der Woche. Deshalb wissen meine Freunde schon gar nicht mehr, wie ich aussehe, na ja, außer, sie rufen mein Facebook-Profil auf, denn da sieht man ja, wie geil es mir geht, wie absolut super alles ist, wie hübsch und dünn und erfolgreich ich bin. Und man kann sich die Bilder angucken, auf denen ich mit Jakob lache und Ausflüge mache und zwischen all meinen Freunden in die Kamera lache, weil wir so viel Spaß haben, weil wir so verdammt viel Spaß haben. Ja, schau dir das an, Stefan, ich bin nämlich ein Mensch, auch wenn das hier sonst keiner mehr ist, weil alle nur noch wie Roboter den immer gleichen Scheiß erzählen: Mir geht es sehr gut, danke.“ (S. 79f.)

War Marx unter anderem davon ausgegangen, dass den Menschen die Arbeit an der Maschine entfremden muss, da sie den Menschen einem maschinellen Arbeitsrhythmus, dem gnadenlosen Funktionieren und immer gleichen Tempo der Maschine unterwirft, so sieht man hier, dass der Mensch auch durch Arbeit zur Maschine, zum Roboter werden kann, ohne dass er an einer Maschine oder am Fließband arbeitet: Einfach dadurch, dass er sich permanent reibungslos funktionierend in den Ablauf im Betrieb einfügen muss. Marlene muss ständig weiterperformen, ihre Fassade aufrecht erhalten, unabhängig davon, wie es ihr geht – und zerstört sich damit psychisch selbst. Verstärkt wird dies noch durch die Fortsetzung solcher Performance im Internet: Auch hier bemisst sich der Wert des Menschen an seiner Leistung, an der Zahl der Likes, die er generieren kann – und so macht Marlene dann, wenn es ihr besonders schlecht geht, ein Selfie von sich, postet dazu irgendein motivierendes Zitat von Hermann Hesse und fühlt sich mit jedem Like ein bisschen besser, ein bisschen wertvoller (vgl. z.B. S. 122).

Damit steht Marlene auch hier ständig unter Valorisierungsdruck, unter dem Druck, bewertet zu werden und sich also beweisen zu müssen, wie Andreas Reckwitz das in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nennt. Die Orientierung an Selbstverwirklichung als normatives Ziel ergibt den

„Imperativ der Selbstentgrenzung: Das spätmoderne Subjekt zieht enorme Befriedigung daraus, nicht ein für alle Mal festgelegt zu sein, sondern in grenzenlosem Aktivismus immer wieder neu noch ganz andere Aktivitäten und Möglichkeiten für sich entdecken zu können – neue Reiseziele, eine neue Sportart, einen anderen Partner, einen anderen Lebensort etc. Das Ziel lautet dann, möglichst viele Potentiale, die in einem schlummern, zu mobilisieren und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Der Maßstab dieses Lebensstils ist die größtmögliche Fülle des Lebens.
Die Kehrseite der Selbstentgrenzung ist die Selbstüberforderung.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 343)

Weil in der Spätmoderne nun die Chancen zur gelingenden Selbstverwirklichung potenziert wurden, wurden auch die Chancen für Enttäuschungen potenziert: „Es ist nur konsequent, dass die Depression in einer Gesellschaftsformation, die […] parallel zu ihren gesteigerten Ansprüchen auch die Enttäuschungsrisiken potenziert hat und zudem für diese wenig kulturelle Verarbeitungsressourcen bietet, zu einem charakteristischen Krankheitsbild wird.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 349)

Beruflich wie privat will Marlene alles, weil ihr von der Gesellschaft beigebracht worden ist, dass sie alles erwarten könne, wenn sie nur zu entsprechender Leistung bereit sei: „Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.“ (S. 118f.) Die Chancen zur Selbstverwirklichung schlagen um in potenzierte Enttäuschung, die Folge ist Depression, ist Drogensucht, mitverursacht durch hemmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die zum Burn-Out führt.

Wie Mark Fisher in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ zeigt, sind solche psychischen Erkrankungen also politisch zu verstehen: Sie sind Signum der Spätmoderne und Folge einer entfremdenden, ausbeutenden Arbeitswelt. Indem Kathrin Weßling das zeigt, hat sie einen in seiner gesellschaftskritischen Klarheit so wichtigen und aktuellen Roman geschrieben, den ich so, zu dieser Konstellation, noch nicht gelesen habe, denn in dieser Zuspitzung leistet „Super, und dir?“ ja eine Kritik an Leistungsdenken und Arbeitswelt im Neoliberalismus, wie sie bislang eben auch von „Kraft“ von Jonas Lüscher oder „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch nicht vollzogen wurde, diese Romane beschäftigen sich ja mit anderen Zusammenhängen und Problemen. Aber wie der einzelne junge Arbeitnehmer im Zusammenspiel von hohen Erwartungen an sich und das Leben, perkären Arbeitsbedingungen und bürgerlichem Leistungsdenken bis in die Drogenabhängigkeit hinein zerrieben wird, das habe ich so im deutschsprachigen Raum noch nicht gelesen. Und zum Glück ist „Super, und dir?“ zu allem Überfluss noch ein wirklich gut lesbarer Roman, den man zum Zweck der Aufklärung all jenen, die nicht Nachtwey, Reckwitz und Fisher lesen wollen, in die Hand drücken kann: Der Roman erzählt alles, was man über bürgerliche Leistungsideologie zur Zeit wissen muss, um ihr nicht auf den Leim zu gehen, gut erzählt und für jeden nachvollziehbar.

„Ich kriege, was ich will, wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. Ich habe keine psychischen Probleme, sondern nur eine leichte Anpassungsstörung, ich bin nicht sauer, sondern enttäuscht, ich bin nicht am Ende angekommen, sondern stehe am Anfang einer Reise, ich habe mich nicht verloren, sondern erkunde mich bloß selbst. Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. Ich bin nie müde, sondern strenge mich einfach nur sehr an. Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“ (S. 119)

Allerdings – und hier hat der Roman eine Stärke und eine kleine Schwäche gleichzeitig – hat Marlene auch eine Familiengeschichte, die erklärt, warum sie zu der Hochleisterin, die immer über Soll funktioniert, geworden ist. Auch diese Familiengeschichte ist von der Art, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten angesichts ihrer statistischen Häufigkeit erzählt wird: Sie handelt vom Ausfall eines Elternteils durch Alkoholismus und den Kompensationshandlungen, die das von einem Kind verlangt, das hier die typische Rolle des „Helden“ unter Alkoholikerkindern übernimmt: Das Kind „funktioniert“ mehr als tadellos, übernimmt die Elternrolle und erbringt Leistungen, auf die die Eltern stolz sein können, um damit sich und die Eltern zu retten, um etwas Freude und Stolz in ihr Leben zu bringen. Das ist häufig und wird selten erzählt, darum ist es gut, dass es hier erzählt wird – allerdings bringt es die Gefahr mit sich, dass Marlenes psychische Zerrüttung damit weniger als strukturell-politisches Problem als vielmehr als familiär-individuelles erscheint, was es nicht ist. Man muss kein Alkoholikerkind sein, um unter die Räder prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu geraten. Das wird auch deutlich, es sei denn, man möchte den Roman eben unpolitisch lesen, dann eröffnet die Familiengeschichte natürlich eine Tür, um ihn psychologisch zu lesen. Aber auch das ist dann für die eine oder den anderen vermutlich eine wichtige Lesart.

JA UND JETZT WOLLT IHR SICHER WISSEN, WIE ES WEITERGEHT MIT MARLENE UND OB SIE IHRE BEZIEHUNG RETTEN KANN UND DEN JOB KRIEGT UND DIE DROGENSUCHT LOS WIRD. Verrate ich euch nicht, ihr sollt ja das Buch lesen!

„Super, und dir?“ ist, wie geschrieben, hier und da ein bisschen redundant erzählt, was aber zu den Gedankenschleifen der Figur passt, es ist in einer Sprache, die nahe an der gesprochenen Sprache liegt, geschrieben, die damit nicht unbedingt die literarischste aller Sprachen ist, Fans der Sprache Thomas Manns könnte das stören, – und es ist ein gut erzählter, wichtiger Roman. Es ist ein Roman der Abstiegsgesellschaft. Lest ihn, ich verspreche euch, ihr kommt klüger und kritischer und leider auch betroffen wieder heraus.

(Zitate, auf die nur eine Seitenangabe folgt, beziehen sich auf “Super, und dir?” von Kathrin Weßling.)

(Das Beitragsbild stammt von Wyron A auf unsplash.com)

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