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Autor: Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München. Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de

Friederike Sophie Christiane Brun (1765-1835), die Madame de Staël des Nordens

Eine deutschsprachige Schriftstellerin in Kopenhagen? Ja, auch das gab es. Friedrike Brun, am 3.6.1765 in Gräfentonna in Thüringen als Tochter des Predigers Balthasar Münter geboren, ging im Alter von fünf Jahren mit ihrem Vater nach Kopenhagen. Dort wuchs sie in dem deutschen Kreis auf, der sich durch das Wirken Klopstocks in Kopenhagen gebildet hatte. 1783 heiratete sie den dänischen Legionsrat Constantin Brun, ging mit ihm für ein Jahr nach Sankt Petersburg und kehrte mit ihm zurück nach Kopenhagen, wo sie fortan beliebte Salons abhielt und „Madame de Staël des Nordens“ genannt wurde.

1788/1789 verlor Friederike Brun in einem harten Winter ihr Gehör und blieb bis an ihr Lebensende taub – und begann mit dem Schreiben. Beeinflusst von Klopstock, Ossian und Hölty zeigen ihre Gedichte klare Merkmale der Empfindsamkeit, einzelne Gedichte veröffentlichte Schiller in „Die Horen“. Brun schrieb aber auch Prosa, so beispielsweise „Cyane und Amandor eine Schweizergeschichte“ von 1792, eine Erzählung, die durch eine Reise nach Genf, Paris und Südfrankreich von 1791 mitinspiriert zu sein scheint. Vor allem aber ist diese Liebesgeschichte in den Schweizer Alpen beeinflusst von der bukolischen Literatur und der damals modischen Schilderungen der Alpenlandschaft im Stile von Albrecht von Hallers „Die Alpen“ sowie von melancholischen Stimmungen in Sturm und Drang-Dichtungen. Die Handlung steht nicht so sehr im Vordergrund, aber Brun zeigt sich mit dieser Gestaltung auf der dichterischen Höhe ihrer Zeit.

1795 veranlasste Friedrich von Matthisson dann nicht nur die Veröffentlichung einer ersten Gedichtsammlung, er beeinflusste wohl auch ihren empfindsamen Schreibstil hin zu mehr klassizistischen Formen. In eben diesem Jahr lerne Friederike Brun in Karlsbad Goethe kennen, der ausgehend von Bruns Gedicht „Ich denke dein“ die Kontrafaktur „Nähe des Geliebten“ verfasste.

Insbesondere in den Jahren zwischen 1801 und 1810 reiste Brun wie schon 1795 nach Südeuropa, insbesondere typischerweise in dieser Zeit nach Italien, in Rom verkehrte sie in deutschen Künstlerkreisen. Ihre „Auszüge aus einem Tagebuch über Rom aus den Jahren 1795 und 1796“ enthalten vor allem kunstkritische Reflexionen im Geiste Johann Joachim Winckelmanns – auch hier ist Brun ganz auf der Höhe ihrer Zeit – sowie etwas stereotype Verklärungen der Antike im Kontrast zu latenter Modernitätskritik. In den Jahren ihrer Reisen schrieb sie zahlreiche Gedichte, die ihre Eindrücke von der bereisten Natur und den besuchten Städten verarbeiten und die Zeuge einer für ihre Zeit ungewöhnlich gebildeten, wissbegierigen Frau sind, die sich trotz ihrer Taubheit in die Welt hinauswagte, um möglichst viel von ihr zu sehen und über sie zu lernen.

Pompeji

Flüstern Schatten um mich? Wer trat die Spuren in Steine,
Wo die Wagen, die tief höhlten das sinkende Gleis?
Wo die Pfleger des Heerdes, des heiligen Heerds der Penaten,
Freundliches Salve wo ist, der dich dem Fremdling entbot?
Seht das Triclinium hier, es ladet zum gastlichen Schmause,
Hat das kühlende Bad schmachtende Glieder erfrischt.
Näher säuselts mich an, wie schwirrender Flug der Cikaden,
Weht’s um die Wangen mir her, klagend mit zirpendem Laut:
„Unstet schweben wir hier, um halbgesprengete Grüfte,
„Doppelt verlieh sie Natur, Neugier verschonte sie nicht!
„Sängerin wölb’ uns ein Grab an der Ostsee grünenden Küsten,
„Friedlich schlummern wir dort, Schatten begehren nur Ruh!“

1810 gab Friederike Brun die anstrengenden, langen Reisen auf und lebte entweder in Kopenhagen oder auf dem Landsitz Sophienholm. Am 25.3.1835 starb sie im Alter von 70 Jahren in Kopenhagen.

Werke u.a.: Cyane und Amandor eine Schweizergeschichte meinem Freunde Herrn Rathsherrn Füßli in Zürich gewidmet 1792; Gedichte 1795; Prosaische Schriften, 4 Bde. 1799-1801; Grabgesang des abgeschiedenen Jahrhunderts 1800; Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz 1800; Episoden aus Reisen durch das südliche Deutschland etc. 1808; Neue Gedichte 1812; Sitten- und Landschaftsstudien von Neapel und seinen Umgebungen 1818; Briefe aus Rom 1818; Neueste Gedichte 1820; Lieder für Hellas  1821; Wahrheit aus Morgenträumen und Idas ästhetische Entwickelung 1824; Römisches Leben 1833.

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Der (königlich) Bayerische Buchpreis 2017: Rückblick und Bloggerpreis

Grias di!

Gestern wurde der Bayerischer Buchpreis 2017 verliehen, Birgit Böllinger von Sätze & Schätze, Marius Müller von Buch-Haltung.com und ich waren vor Ort, um im Internet rumzujodeln und das Buffet abzuräumen.

Wer die Preisverleihung im Live-Stream mit verfolgt hat, hat ja sehen können, dass es wirklich eine sehr interessante, gelungene Veranstaltung war. Die Jurydiskussionen waren für mein Empfinden bei den Sachbüchern nicht ganz so tiefschürfend, wie sie hätten sein können, weil wenig am Text gearbeitet und viel über die Themen so ganz allgemein herumassoziiert wurde, besonders bei der Diskussion von „Rot“ von Gerd Koenen, bei der eher alle mal alles erzählt haben, was ihnen so zu „Kommunismus“ einfällt – und natürlich gäbe es aber auch bei Sachbüchern Kriterien, die man anlegen könnte: Wie innovativ ist das, was dargestellt wird, und auf welcher Ebene (Methodik/Inhalt/Fragestellung/Darstellungsart)? Ist das Buch auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung? Ist die Argumentation transparent, überzeugend, nachvollziehbar? Wie gelungen ist die sprachliche Umsetzung? All diese Kriterien wurden leider nur in Ansätzen bemüht, am ehesten tatsächlich noch bei der Diskussion von Andreas Reckwitz‘ „Die Gesellschaft der Singularitäten“, das ja auch gewonnen hat. Auch wenn ich von dem Buch bekanntlich nicht völlig überzeugt bin, freue ich mich, dass damit – wie Reckwitz ja auch in seiner Dankesrede gesagt hat – die Geistes- bzw. Sozialwissenschaften eine positive Würdigung erfahren haben, die ansonsten leider selten ist (gerade eben auch im Wissenschaftsbereich: Wer sich anschaut, wie viele Exzellenzinitiativen noch im Rennen sind, die aus dem Bereich der Geisteswissenschaften stammen, und wie viele dagegen aus dem MINT-Bereich noch im Rennen sind, weiß, wo hier die Prioritäten in der Förderung und Wertung liegen). Insofern freue ich mich wirklich ehrlich, dass „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gewonnen hat. Gratulation!

Sehr spannend und interessant waren dann aber die Jurydiskussionen zu den Romanen, insbesondere bei „Justizpalast“ von Petra Morsbach, das von den Jurymitgliedern sehr unterschiedlich gelesen und interpretiert worden ist (wobei diese Deutungsoffenheit ja wiederum für den Roman spricht). Gewonnen hat dann ein sehr guter Roman, „Das Floß der Medusa“ von Franzobel – auch hier: Gratulation von uns!

Und am besten war sowieso die Rede vom Tomi Ungerer, der den Ehrenpreis erhalten hat – Gratulation auch an Herrn Ungerer, den ich gerne als Opa hätte.

Wir Blogger saßen während all dem im Publikum und haben Twitter und Facebook so mit Nachrichten überflutet, dass am Ende des Abends der Hashtag des Bayerischen Buchpreises #baybuch auf Platz 2 der Hashtag-Trends lief – getoppt nur vom Hashtag zu „Die Höhle der Löwen“, und das, obwohl doch beim Bayerischen Buchpreis Löwen verliehen werden. Was aber viel wichtiger ist als das: Wir hatten einfach wahnsinnig viel Spaß, miteinander, mit der Veranstaltung, mit den Mitdiskutierenden im Netz. Danke dafür an alle Mitlesenden und Mitdiskutierenden! Ich denke, den Spaß hat man euch und uns angemerkt.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal betonen, wie gut ich den Einbezug von Internetaktivitäten in die Veranstaltung fand: Nicht nur dass Kommentare aus dem Netz vorgelesen wurden, war sehr gut, sondern auch die Tatsache, dass eben auch kritische Kommentare vorgelesen wurden. So konnte tatsächlich die Jurydiskussion auf der Bühne noch um weitere Diskursstimmen erweitert werden – es war ein Abend des Austauschs, der Vielstimmigkeit. Und damit war es für mich ein extrem gelungenes Format.

Weil wir Buchblogger – wie ja schon im Beitrag auf Buch-Haltung.com deutlich geworden ist (guckt mal da, wie ich das Ergebnis vorausorakelt habe, ich bin eine BUCHBLOGGERMENTALISTIN!!!!11!1) – uns im Mehrheitsverhältnis andere Preisträger gewünscht hätten (nur beim Roman waren wir nicht einstimmig anderer Meinung als die Fachjury auf der Bühne), haben wir beschlossen, noch einen eigenen Preis zu vergeben. Während der offizielle Bayerische Buchpreis mit Geld und Porzellanlöwen verbunden ist, vergeben wir Buchbloggerliebe und bayerische Plüschlöwen, wie so richtige Buchblogger eben.

Und unsere Königlich-Bayerischen Buchpreisbloggerplüschlöwen vergeben wir an:

Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Petra Morsbach – Justizpalast

Die Plüschlöwen schicken wir den Autoren per Post zu und hoffen, sie freuen sich ein bisschen.

Wir zumindest freuen uns sehr. Über den lustigen Abend gestern, die interessanten Gespräche, die wir im Vorfeld und während des Abends geführt haben und denen wir lauschen durften, und vor allem aber: auf den Bayerischen Buchpreis 2018. Danke, dass ihr mitgelesen und mitdiskutiert habt!

 

Pfiad di, bis next‘s Johr!

P.S.: Die anderen Gäste der Preisverleihung haben übrigens auch noch was vom Buffet abbekommen, keine Sorge.

 

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Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

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Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Seit Anfang diesen Jahres tingelt die inzwischen Hallen füllende Poetry Slammerin Julia Engelmann sehr erfolgreich mit ihrem Song „Grapefruit“ (auf Youtube: ca. 1.5 Millionen Views) durch die deutschen Fernsehtalkshows – in diesem Song setzt sie sich auf äußerst unangenehm unterkomplexe Art und Weise mit den Depressionen einer Freundin auseinander, der sie tolle Tipps wie „mal durchlüften“ und „Grapefruit zum Frühstück essen“ gegen Depressionen gibt, schließlich ist Engelmann da Fachfrau: Sie hatte auch mal Depressionen (meint sie zumindest), denn „Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt / Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt / Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn / Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin.“ Deutschlands bekannteste Poetry Slammerin sagt: Nicht wie die anderen sein zu können macht traurig, und anscheinend können sich Tausende damit identifizieren.

Nicht so Andreas Reckwitz. Der erklärt Depressionen, die er für eine für unsere Zeit typische Krankheit hält, ganz anders: Heutzutage leiden so viele Menschen an Depressionen, weil sie aufgrund des Drucks erschöpft sind, sich als singuläre Individuen mit einem wertvollen Leben inszenieren zu müssen. Denn die ganze globale Gesellschaft ist in der Spätmoderne eine „Gesellschaft der Singularitäten“, wie das Sachbuch von Reckwitz eben auch heißt. Dominiert von einer ab den 1970ern entstandenen neuen akademischen Mittelklasse gilt heute global das als wertvoll, was als singulär, als authentisch gilt, wobei nicht nur Individuen, sondern auch Dinge, Ereignisse und sogar Kollektive als singulär und damit als wertvoll konstruiert werden können. Dass dem so ist liegt an dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie ab den 1970ern und der Digitalisierung, die zu einer „Kulturmaschine“ geworden ist, die nur dem Singulären Aufmerksamkeit verschafft und durch seine Algorithmen die Singularisierung jedes Nutzers noch vorantreibt. Die Folgen dieser Gesellschaft der Singularitäten sind nichts Geringeres als alle Probleme, die wir heute haben: Erosion der Volksparteien, neuer religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus, Depressionen, Amokläufe.

Und das ist sicher alles richtig, und ich bin auch keine Soziologin, weswegen ich dazu nichts Fundiertes sagen kann. Das Feuilleton bespricht dieses Buch ja ganz euphorisch. Nun bin ich aber in der Situation, irgendetwas zu diesem Buch schreiben zu müssen (weil es für den Bayerischer Buchpreis nominiert wurde, den ich ja als Bloggerin begleite), und also bleibt wohl nichts anderes übrig, als das ich erkläre, warum mich das Buch als Laienleserin an mehreren Stellen nicht überzeugt hat.

Da ist zum einen eben die Behauptung, durch das Internet würden bestimmte Rationalisierungsmechanismen der Moderne nun in den Dienst der Singularisierung treten, sprich: Das Internet mit seinen Algorithmen trage zur Singularisierung bei, nicht zur Normierung, da jeder Nutzer ja ein individuell auf ihn abgestimmtes Profil erhalte. Für mein Empfinden ist aber genau das eben keine Singularisierung, sondern eine Normierung, denn zum einen wird der einzelne Nutzer, wenn auch auf natürlich sehr differenzierte Weise, hier mit Durchschnittswerten abgeglichen – er bekommt eben durch den Algorithmus nicht Daten zugespielt, die nur er mag, sondern solche, die alle mögen, die sich im Netz ungefähr wie er verhalten – zum anderen wirkt jeder Algorithmus darüber auf das Individuum zurück. Der einzelne Internetuser wird dadurch eben nicht einfach singulär, sondern vor allem doch auch manipulier- und also normbar, wie aus dem politischen Kontext ebenso bekannt ist wie aus der Werbebranche. Was, wenn die Singularisierung im Dienst einer (ökonomischen) Normierung steht, nicht anders herum, also wenn das, was als Singularisierung konstruiert wird, nichts anderes ist als eine Form der Rationalisierung? Diese Möglichkeit räumt Reckwitz für mich nicht überzeugend aus.

Und das Internet erzeugt ja auch gar nicht lauter singuläre User, die sich alle als furchtbar singulär inszenieren würden, wie Reckwitz es ja behauptet. Es hat ja eben nicht jeder einen YouTube-Kanal oder einen Blog. Im Gegenteil: Das Internet erzeugt in seinen wirkmächtigsten Momenten Hypes, an denen die Leute partizipieren, weil alle das tun, weil sie mitreden wollen, wenn es um das geht, worüber gerade alle reden – nicht weil sie singulär sein wollen. Der enorme Erfolg von Avocadobrot-Fotos auf Instagram erklärt sich nicht daraus, dass jeder, der so ein Foto macht, dabei denkt „ach guck, damit wirke ich jetzt aber einzigartig und authentisch“, sondern es geht doch eher um „ach guck, in den letzten Tagen habe ich so viele total schöne, INSPIRIERENDE Fotos von Avocadobroten gesehen, jetzt mache ich mir ein Avocadobrot und mache ein Foto davon, voll inspirierend“. Viele Instagram-Accounts folgen doch schlicht der Ästhetik der Werbung, und damit der Ökonomie – und das ist ein Gebiet, das Reckwitz im ganzen Buch als wirkmächtiges System bemerkenswert hartnäckig ausblendet: Die Ökonomie kommt weitestgehend nur als Form veränderter Arbeitsplätze in den Blick – dass heutzutage weltweit Teenager Jeans tragen, bei McDonalds essen und Justin Bieber hören, und zwar durchaus auch in akademischen Haushalten, ist auch dem globalen Wirtschaftssystem geschuldet, und anscheinend hat Reckwitz nie mit einem Teenie gesprochen, denn Teenies argumentieren nicht mit “aber ich will ganz individuell sein” sondern mit “aber alle tragen das so”. Selbstverständlich gibt es die Trendsetter, die Influencer, die singulär Neues setzen – davon aber darauf zu schließen, dass alle das sein wollen, wird der Gesamtgesellschaft wohl kaum gerecht, in der die meisten halt doch einfach dazugehören und mitmachen wollen, in der viele „genauso sein wollen wie XY“, sogar dann, wenn sie wie XY behaupten, einfach nur sie selbst sein zu wollen. (Weitere Randbemerkung: Und so ist es auch ärgerlich, dass Reckwitz – bestehender Forschungsergebnisse zum Trotz – die Pfingstkirchen Lateinamerikas in einen Topf “religiöser Fundamentalismus” mit Islamisten wirft und behauptet, es ginge hier um Singularität, dabei gewinnen beide religiösen Gruppierungen gerade durch ihr Verhältnis zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung ihre Attraktivität: Die Pfingstkirchen aufgrund ihrer enormen Passung zum Kapitalismus, islamistische Gruppierungen aufgrund ihrer massiven Ablehnung des Kapitalismus; beispielsweise Friedrich Wilhelm Graf hat dahingehend, bezüglich der Rückkehr der Religionen und des Marktes religiöser Angebote, einschlägige Publikationen geschrieben, die alle in der Bibliografie von Reckwitz vollständig fehlen – dafür finden sich in dieser Bibliografie mehrere Werke von Byung-Chul Han, welchen wissenschaftlichen Wert auch immer diese haben sollen.)

Und genau darum finde ich das Buch von Reckwitz nicht überzeugend: Er beschreibt natürlich Zusammenhänge und Praxen, die es gibt und die medial sehr wirkmächtig sind, aber er beschreibt eben nicht die gesamte Gesellschaft, schon gar nicht weltweit, wie dies sein Anspruch ist. Er beschreibt einige medial sehr wirkmächtige Milieus, die eben auf der Skala der Milieu-Anordnungen sehr weit weg von der Grundorientierung an „Tradition“ angesiedelt sind, denen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist und die eben beruflich „was mit Medien“ machen – und tut dann so, als wären diese Milieus der Singularitäten die ganze Gesellschaft, er sitzt damit der medialen Inszenierung dieser Milieus auf. Er beschreibt nicht die Gesamtgesellschaft und wird ihr meiner Ansicht nach auch nicht gerecht. Denn Reckwitz bemüht eine Klassenstruktur der Gesellschaft, die so inkonsistent ist, wie sie großteils absichtlich auf den gedanklichen Einbezug des materiellen Status der Menschen verzichtet. So geht er eben davon aus, dass es eine dominierende „akademische Mittelklasse“ gibt, in der alle unabhängig vom Einkommen nach Singularität streben, von der er im Wesentlichen eine „Unterklasse“ unterscheidet, zu der schlicht alle gehören, die über geringes kulturelles Kapital verfügen und also keinen akademischen Abschluss haben, und deren Lebensstil von „muddling through“, vom Durchwursteln, gekennzeichnet ist. Ich halte das gelinde gesagt für unterkomplex, nicht nur weil es diverse höhere Beamte, Maschinenbauer, Ärzte, Juristen etc. gibt, die sich in völlig identischen Doppelhaushälften am Sonntag um ihren Thermo-Mix (den man sich ja erst einmal leisten können muss) versammeln und nicht im Traum daran denken, irgendwie singulär sein zu wollen, sondern auch, weil es einfach viele Akademiker gibt, deren Leben von „muddling through“ gekennzeichnet ist.

Daneben gibt es dann aber natürlich auch bei Reckwitz noch die „alte Mittelklasse“, die – obwohl er einräumt, dass sie wohl um die 25% der deutschen Gesellschaft ausmachen (S. 366) – hier auf vier (!) Seiten abgehandelt wird: Laut Reckwitz ist das der alte, nicht-akademische Mittelstand, der im Schwinden begriffen ist, und Reckwitz ordnet dieser „alten Mittelklasse“ die SINUS-Milieus der „Adaptiv-Pragmatischen“, der „bürgerlichen Mitte“ und Teile der „Konservativ-Etablierten“ zu. Das wird empirisch weder erklärt noch bewiesen und ist vermutlich auch schlicht nicht haltbar: Diese Milieus sind doch ihrerseits voll mit hochqualifizierten, akademischen Mittelklassevertretern, das sind eben auch Lehrer, Ärzte, Ingenieure. Und völlig, Entschuldigung, abstrus wird die Gesellschaftsanalyse wenn dann plötzlich doch ausgehend von ökonomischen Kriterien, die ja sonst explizit nirgends eine Rolle spielen durften, doch eine Oberklasse angenommen wird, die allerdings ja eben nur 1% der Weltbevölkerung umfasst und eigentlich sowieso mit dem Lebensstil der akademischen Mittelklasse identisch ist und damit eigentlich nur am Rande mal erwähnt werden muss (und mehr als “am Rande mal erwähnen” findet auch nicht statt). Kurz: Im Wesentlichen behauptet Reckwitz, die gesamte Gesellschaft weltweit bestünde aus armen Nicht-Akademikern, so ein bisschen zu vernachlässigender Mitte und singularitätswütigen Akademikern. Jede Milieu-Analyse beschreibt Gesellschaft differenzierter und realitätsnäher. Die Beschreibung der Lebensstile dieser Klassen liest sich wie bei Bourdieu abgeschrieben (pardon, aber: Die einen essen gesund, die anderen nicht so, die einen machen Sport, die anderen nicht so – das sind nicht gerade große Neuigkeiten), und Bourdieu untersuchte die Gesellschaft vor den 1970ern, die SINUS-Milieus sind da schlicht genauer.

Es ist ja dann fast schon lustig, wenn beispielsweise bei der Beschreibung des Lebensstils der Unterklasse (wir erinnern uns: Die von Reckwitz beschriebene Gesellschaftsstruktur bildet sich ungefähr ab den 1970ern heraus) auf einen Aufsatz von 1958 zurückgegriffen wird (S. 362) oder Romane als empirische Quellen herhalten müssen („Rassistische, auch sexistische und homophobe Tendenzen in der Unterklasse werden immer wieder thematisiert, wie es etwa zwei aktuelle, viel diskutierte Selbstethnografien aus Frankreich zeigen: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016; Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Frankfurt/M. 2015.“ S. 359; ohne die zutreffenden Beobachtungen dieser Romane in Zweifel zu ziehen: Empirische soziologische Arbeit sieht eben doch anders aus und dass Rassismus, Sexismus und Homophobie ein Privileg der Unterklasse oder der alten Mittelklasse seien, wird sich empirisch nicht halten lassen, da mag Reckwitz noch so sehr behaupten, die akademische Mittelklasse wähle keine Rechtspopulisten (S. 340) – die Wahlanalysen sprechen eine andere Sprache, natürlich wählen auch Leute mit akademischem Bildungsgrad die AfD, wenn auch nicht mehrheitlich, Kubitschek und Jongen sehen sich und ihre Fans wohl kaum als Nicht-Akademiker, der Sexismus-Fall Weinstein stammt kaum aus der Unterschicht, hier ist einfach manches wirklich zu stereotyp).

Und damit kann Reckwitz natürlich auch nicht einbeziehen, dass die letzten Shell-Jugendstudien ergeben haben, dass Jugendliche zumindest in Deutschland schon seit Jahren lieber sichere Jobs anstreben als sogenannte Selbstverwirklichungsbranchen, also: irgendwas mit Medien. Natürlich muss Reckwitz dann für seine Behauptung, das Bildungswesen unterliege im Moment nicht einer Tendenz zur Normierung (S. 333), ausblenden, dass es einen Bologna-Prozess und bald in Deutschland auch ein Zentralabitur gibt, und das hat eben nicht nur mit der Sicherung von Mindeststandards für Bildungsniveaus zu tun, wie Reckwitz meint, sondern vor allem mit Vergleichbarkeit im Dienste der transnationalen Mobilität. Und so könnte ich jetzt hier weitermachen, kurz: Das, was Reckwitz beschreibt trifft natürlich Teile der Realität, in der wir leben, aber er beschreibt Gesellschaft unterkomplex, dass ich wirklich nicht behaupten kann, dieses Buch als Bereicherung empfunden zu haben, so leid mit das tut. Es gibt natürlich mediendominierende Milieus, die Singularität propagieren, und natürlich tragen diese zu aktuellen, auch politischen, Problemlagen bei. Aber die Zusammenhänge sind dann doch etwas komplexer als hier beschrieben, meinem Eindruck nach.

Ich fand „Gesellschaft der Singularitäten“ leider stellenweise sehr banal, die überzeugendsten Passagen sind die über die „Kulturmaschine“ Internet (mit den oben gemachten Einschränkungen) und ansonsten leider die, die Dinge referieren, die aus der Forschung zum Wertewandel schon längst bekannt sind. Und eben diese Wertewandelforschung, Ulrich Becks Theorie der reflexiven Moderne und seine Individualisierungstheorie und vor allem „Nach dem Boom“ von Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael (das Reckwitz in seiner Bibliografie nicht nennt, obwohl der Titel einschlägig ist) können eigentlich all die gegenwärtigen Problemlagen (zunehmende Attraktivität postmaterialistischer, non-konformistischer Werte, Erosion der Volksparteien und Neoliberalismus, wirtschaftlicher Wandel hin zum tertiären Sektor, Erschöpfung des Subjekts), die Reckwitz hier zu erklären beansprucht, schon seit Jahren erklären. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel Mehrwert das Buch von Reckwitz hier bringt – wenn mich persönlich jemand nach einem Buch zur Entwicklung der Gesellschaft seit den 1970ern fragen würde, das auch eine globale Perspektive im Blick hat, würde ich unbedingt „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel/Raphael empfehlen, das mir viel besser belegt, viel stringenter und differenzierter argumentiert zu sein scheint als das Buch von Reckwitz. Was nicht bedeutet, dass „Gesellschaft der Singularitäten“ ein schlechtes Buch ist, das falsche Dinge behauptet, es ist natürlich ein interessantes, gutes Buch, das viel Zutreffendes beschreibt – nur eben für mein Empfinden halt mehrfach unterkomplex und etwas banal. Vielleicht hat mich auch nur einfach die extreme Erwartbarkeit dessen, was man hier zu lesen bekommt, gestört – man liest hier genau das, was man zu lesen erwartet, und was eigentlich seit Eribon ohnehin schon landauf landab in der Zeitung steht (was natürlich das Geschriebene nicht falsch, aber eben auch nicht sehr überraschend macht).

Aber, nochmal: Ich bin keine Soziologin, sondern Laie (gehöre damit aber ja doch auch zum Zielpublikum dieses Buches, was es vielleicht doch wieder legitim werden lässt, dass ich mich darüber äußere), und das Feuilleton feiert das Buch ja wie schon angemerkt. Genauso wie die Jury für den Bayerischen Buchpreis 2017, denn „Gesellschaft der Singularitäten“ steht auf der Shortlist der Sachbücher für diesen Preis. Und da steht es ja, genauso wie das Buch von Gerd Koenen, schon zu recht. Aber: Nicht nur aus den von mir oben schon dargestellten Gründen – das Buch erscheint mir weder inhaltlich bahnbrechend noch besonders genau – sondern vor allem auch aufgrund der sprachlichen Gestalt dieses Buches verstehe ich diese Nominierung trotzdem ehrlich gesagt nicht ganz: Wenn so ein Buchpreis auch die Funktion der Literaturvermittlung hat, dann hat man sich hier für die Nominierung eines Sachbuches entschieden, das eben ein typisches soziologisches Sachbuch aus dem Suhrkamp-Verlag ist, und das bedeutet: Viele Leser des breiteren interessierten (und durchaus auch akademisch gebildeten) Publikums werden hier aufgrund der sprachlichen Komplexität (die nicht in jedem Fall mit inhaltlicher Komplexität korreliert) schon in der Einleitung aussteigen. Das sind dann Leser, die man verliert, auch für den Bayerischen Buchpreis. Schon deswegen würde ich, wenn ich zwischen den beiden von mir gelesenen nominierten Büchern entscheiden müsste, den Preis eher dem Sachbuch von Gerd Koenen über die Geschichte des Kommunismus geben (auch wenn ich von diesem ebenfalls nicht restlos begeistert war) als dem von Reckwitz. Meine beiden Blogger-Kollegen von Sätze & Schätze und Buch-Haltung.com waren aber von dem ebenfalls nominierten Sachbuch „Blau“ von Goldstein sehr angetan – vielleicht wäre das dann ein guter Kandidat für den Preis. Entscheiden müssen das ja aber zum Glück am Ende nicht wir, sondern die Jury.

(Beitragsbild von Jessica Ruscello auf unsplash.com)

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Caroline Auguste Fischer (1764-1842) und die Idee einer Ehe auf Zeit

Nicht nur der Lebenslauf, auch das Werk von Caroline Auguste Fischer wirkt, als wäre es aus seiner Zeit gefallen: Fischer wurde am 9.8.1764 als Tochter der braunschweigischen Schneiderstochter Charlotty geb. Köchy und des aus Italien stammenden herzoglichen Kammermusikers Karl Venturini in Braunschweig geboren. Von ihren vier Geschwistern überlebte nur eines. So weit, so traurig.

Unkonventionell wird ihre Biografie nach ihrer Hochzeit 1793 mit dem angesehenen deutsch-dänischen Hofprediger in Kopenhagen, Johann Rudolph Christiani – von dem sie 1801 schuldig geschieden wurde, weshalb sie den gemeinsamen Sohn, den 1797 geborenen späteren Juristen und Politiker Rudolf Christiani, bei seinem Vater lassen musste. Eine schuldig geschiedene Frau hatte in dieser Zeit kein Recht auf ihre Kinder. Vielleicht auch aus der ökonomischen Situation heraus – sie musste ohne Mann ihren Lebensunterhalt ja selbst bestreiten, begann sie in ihrer Zeit 1801/1802 in Dresden mit der Veröffentlichung erster Erzählungen – und lebte mit Christian August Fischer zusammen, mit dem sie unehelich ebenfalls einen Sohn bekam. Christian August Fischer war als Hofmann und Kaufmann bereits weit gereist, zudem war er Schriftsteller und wurde 1804 Professor in Würzburg. 1808 heirateten beide – und nur sieben Monate später, im Jahr 1809, folgte die zweite Scheidung in Caroline Auguste Fischers Leben, allerdings wurde diesmal die Schuld dem Mann zugesprochen, der sich später damit verteidigte, „daß eine gelehrte Frau oder Schriftstellerin einen Mann selten glücklich machen könne, noch dazu, wenn sie älter sei.“[1] Da das Jahresgeld, das Fischer ihr und dem gemeinsamen Sohn zahlen musste, zum Leben nicht reichte, versuchte sie, ihre Existenz durch das Schreiben und die Eröffnung eines Erziehungsinstituts in Heidelberg, ab 1822 auch als Inhaberin einer Leihbibliothek in Würzburg zu sichern. Ihre Werke veröffentlichte sie anonym oder unter Pseudonym. Dennoch verstarb sie 1842 völlig verarmt in Frankfurt am Main.

Ihre ungewöhnliche Biografie spiegelt sich auch in ihren Werken, in denen sie Konflikte zwischen den Geschlechtern darstellt, die Frage danach stellt, wie Menschen wurden, wie sie sind, und traditionellen weiblichen Rollenbildern mitunter weibliche Figuren entgegenstellt, die den Idealen der Zeit völlig entgegenstehen mussten. So ist beispielsweise ihr Briefroman „Die Honigmonathe“ (1802-1804) eine Reaktion auf einen „Bestseller“ des 18. Jahrhunderts: Auf „Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte“ von Wilhelmine Karoline von Wobeser, die darin die Ansicht vertrat, die Frau müsse sich in Selbstlosigkeit und Verzicht üben.

Entsprechend gibt es dann auch in „Die Honigmonathe“ mit Julie eine Figur, die diesem Ideal entspricht, und auch Olivier, der sie quälende Ehemann, wird durch seinen Freund Reinhold nicht ohne Verständnis und Sympathie vorgestellt. Daneben gibt es aber eine weitere, völlig untypische Frauenfigur: Wilhelmine. Diese fordert die Gleichberechtigung der Geschlechter, überlegt in einem Brief ironisch, ob sie nicht – wenn „weiblich“ und „schön“ gleichbedeutend seien – in Zukunft auch „männlich“ und „hässlich“ als Synonyme verwenden sollte, fordert eine Ehe auf Zeit, die von den Eheleuten nach ein paar Jahren entweder verlassen oder fortgeführt werden kann. Vor allem aber, und hier dürften sich Erfahrungen aus dem Leben Fischers selbst spiegeln, nimmt sich Wilhelmine vor, die Kinder aus der Ehe in jedem Fall für sich zu beanspruchen und ihren Gatten jeden Tag daran zu erinnern, dass die Kinder ihr gehören. Der Roman wendet sich damit, besonders mit dem für Wilhelmine positiven, für Olivier negativen Romanende, klar gegen die zeitgenössischen Geschlechterrollenbilder, die Benennung einer Figur als „Julie“ kann als Antwort auf Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ verstanden werden.

Auch in anderen Werken stellt Fischer Geschlechterrollenbilder in Frage. Kritisch gelesen werden muss allerdings Fischers durchaus zeittypischer Rassismus: Es wird in ihren Werken immer wieder deutlich, dass sie bestimmten Nationalitäten auch bestimmte Charaktereigenschaften zuordnet. Auch die Auffassung, dass Weiße Schwarzen übergeordnet seien, teilt sie offensichtlich, wie in „William der Neger“ deutlich wird – allerdings wendet sie sich in dieser Erzählung auch deutlich gegen Sklaverei und lässt William fragen: „Ja, ich in schwarz! Aber bin ich kein Mann? Hab‘ ich kein Herz? Fühlt ein Weißer Molly’s Werth so wie ich? Kann er ihn so fühlen? – Wenn ich meine Brüder befreie, sie Wissenschaften, Künste, menschliche Gesetze lieben und befolgen lehre, bin ich nichts werth? Bin ich dann nichts werth?“[2] Auch damit dürfte – so traurig diese Bilanz ist – Fischer für ihre Zeit progressiv gedacht haben.

Werke u.a.: Gustavs Verirrungen. Roman 1801; Vierzehn Tage in Paris. Märchen, Zwei Bände 1801; Die Honigmonathe. Zwei Bände 1802 und 1804; Der Günstling. 1809; Margarethe. Roman 1812; Über die Weiber 1813; Kleine Erzählungen und romantische Skizzen 1819; So viel Noten als Text an den Verfasser der Schuld, in: Zeitung für die elegante Welt 1818; Wien zum Anfang des vorigen Jahrhunderts, in: Zeitung für die elegante Welt 1819; Das Kästchen, in: Zeitung für die elegante Welt 1819; Maja und Jaznytho, eine neugriechische Sage, in: Zeitung für die elegante Welt 1819.

[1] Gisela Brinker-Gabler/Karola Ludwig/Angeka Wöffen. Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800-1945, München 1986, S. 85.

[2] Caroline Auguste Fischer: Kleine Erzählungen und romantische Skizzen, Hildesheim/Zürich/New York 1988,S. 41.

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Petra Morsbach – Justizpalast

Justiz ist schon immer ein Thema der Literatur – wenn man ganz weit zurückgreifen will und die Bibel als „Literatur“ bezeichnen will, dann sind hier mehrere Erzählungen der Rahmen für Gesetzestexte, und auch wenn man nicht so weit zurückgreifen will, kann man hier immer noch ohne Probleme eine mehrere Jahrhunderte zurückgreifende Tradition ausmachen: Da ist Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, Kleists „Der zerbrochne Krug“, Kafkas „Process“, Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ und in jüngster Zeit Schirach, um nur ein paar Beispiele zu nennen (es gab dazu mal auf 54books eine Beitragsreihe: Lawandlit).

Dass das Thema des Rechtssystems für die Literatur reizvoll ist, liegt auf der Hand: An wenigen Orten kann man Figuren aus den unterschiedlichsten Milieus miteinander so interagieren lassen, zu wenigen Anlässen sind Figuren so sehr gezwungen, sich zu öffnen, ihre Geschichten zu erzählen, und wenige Anlässe leuchten damit so tief in gesellschaftliche Wertesysteme, soziale und individuelle Abgründe hinein wie ein Gerichtsverfahren. Indem man vom Rechtssystem erzählt, kann man davon erzählen, ob und wie eine Gesellschaft funktioniert oder eben nicht, was Gerechtigkeit ist und ob sie möglich ist. Und in der Reihe der Werke, die davon erzählen, steht auch Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“.

Der Roman, dem ein Zitat von Immanuel Kant „Tue das, was dich würdig macht, glücklich zu sein“ voran steht (das wird im Folgenden noch eine Rolle spielen), handelt von der Lebensgeschichte von Thirza Zorniger, von ihrer nicht ganz einfachen aber irgendwie doch gelungenen Kindheit, ihrem Jurastudium, vor allem aber von ihrer Zeit als Richterin im Justizpalast, ihrem späten Glück mit ihrem Ehemann Max und dem Weiterleben ohne ihn.

Viele kleine Leben

Thirza, und auch davon erzählt der Roman, wurde Richterin zu einer Zeit, zu der es noch nicht viele Frauen in solchen Berufen gab: Sie erarbeitet sich ihre Karriere hart, die Männer um sie herum heiraten jüngere Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss, eine Frau wie Thirza wäre ihnen zu anstrengend. Und so kommt es dazu, dass sie in ihrer Arbeit nahezu verschwindet und vom Leben – wie sie selbst weiß – eigentlich nichts weiß. Narrativ wird dies gespiegelt durch zahlreiche lange Nacherzählungen von juristischen Fällen und Gerichtsverhandlungen. Wo es aus Thirzas Leben nichts zu erzählen gibt, kann nur von ihrer Arbeit erzählt werden. Das ermöglicht aber – wie oben schon angemerkt – in einem Ausmaß und einer Breite von allem Menschlichen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersstufen zu erzählen, wie es ohne diese breiten Schilderungen nicht möglich gewesen wäre. Durch Morsbach genaue Beobachtungen werden Kläger und Beklagte, ihre Geschichten, ihre Streitsucht, ihre verpassten Psychotherapien, die sie im Gerichtssaal auskurieren wollen, ihre Habgier, ihre Enttäuschungen jeweils mit wenigen Strichen dem Leser plastisch vorgestellt. Manch einen könnten diese langen und zahlreichen Exkurse langweilen – ich fand sie als Gesellschaftspanorama und als narrative Spiegelung des nicht existenten Privatlebens von Thirza sehr treffend und bereichernd.

Keine großen Gesten

Und genauso stimmig ist angesichts des einfachen, von Arbeit dominierten Lebens Thirzas die karge Sprache, mit der hier erzählt wird – auch die könnte den einen oder anderen stören, obwohl sie dem Roman sehr angemessen ist. Es ist keine ausladende, poetische Sprache, schon gar nicht ist sie emotional aufgeladen, das Gegenteil ist der Fall. Und gerade dadurch kann diese Sprache die ironische Brüchigkeit der Welt, von der erzählt wird, wiedergeben, gerade dadurch wird diese Sprache viel klarer und direkter als die Sprache der Justiz und der Poesie. Figuren wie die Richter Römer oder Blank, die sich in großen Zitaten ergehen können, haben keine Sprache für das Private (S. 443), sie scheitern privat, weil sie sich nicht verständlich machen können. Thirza dagegen, die einfache Liebesromane liest, kann mit Max kommunizieren, der als einziges Kind aus einer einfachen Arbeiterfamilie studieren konnte und damit trotz seiner literarischen Interessen (die Thriza oft nicht versteht) auch eine einfache, direkte Sprache nutzt. Sie haben eine gemeinsame, intime Sprache, die prosaisch wirken mag – aber damit haben sie etwas, was andere Paare in diesem Roman nicht haben. Hier gibt es kein Pathos, keine großen Gesten, nur das einfache, kleine Leben.

Brüchige Helden

Und das gilt für den Roman insgesamt: „Justizpalast“ hat keine Helden, nur einfache Menschen, die mal mehr, mal weniger das Beste zu tun versuchen, und in der Regel damit nicht ganz erfolgreich sind. Der überkorrekte Richter Thenner erreicht mit seiner Hyperkorrektheit nicht mehr Gerechtigkeit als alle anderen, er arbeitet nur alle auf. Richter Blank, der Idealist, der hehre Grundsätze, nichts geringeres als das Grundgesetz selbst, zu verteidigen versucht, legt sich mit allen seinen Vorgesetzten an und erreicht doch nichts, außer seinen persönlichen Ruin. Max, der liebende, freundliche Ehemann von Thirza, der im Rahmen seiner Möglichkeit immer versucht hat, sich auch für die Schwachen der Gesellschaft einzusetzen, vor allem dann in seiner Zeit als selbstständiger Anwalt, kann sich finanziell kaum über Wasser halten und das Schicksal bestraft ihn mit Krebs. Das ist kein heroischer Tod, sondern bloßer sinnloser Zufall. Thirza, die vorsitzende Richterin, entscheidet und richtet fast nie, sie versucht fast immer die streitenden Parteien zu einem Vergleich zu bewegen – nicht ohne Grund wirft ihr Blank bei einem Besuch ihren Relativismus vor, der sich auch in ihrer Vorliebe für den Vergleich spiegelt. Hier gibt es keine großen Macher – keine der Figuren tut das, was das Kant-Zitat, das dem Roman voransteht, verlangt: Keiner tut das, was sie oder ihn würdig macht, glücklich zu sein. Und wenn sie es doch zumindest zu tun versuchen, dann führt das oft nicht zu Glück, sondern zu bloßen Zufälligkeiten und in der Regel zum Unglück. Glück erfahren nur Thirza und Max, und das nur auf Zeit. „Leben ist Chaos.“ (S. 439)

Zufall, kein Schicksal

Denn neben der „Justiz“ hat dieser Roman noch ein weiteres Thema: das Schicksal. Über das Schicksal denken Max und Thriza nach, wenn sie den „Wallenstein“ und Shakespeare lesen, sie dichten ihr rein zufälliges Aufeinandertreffen zur Absicht der Vorsehung, zum Schicksal um – und werden doch widerlegt, wenn der Zufall, der Krebs sie auseinanderreißt. Nicht umsonst ist die bleibende Erkenntnis von Thirza immer wieder: „Hatte ich ein Glück“. Und das in doppeltem Sinne: Nicht nur, weil sie glücklich war, sondern auch, weil sie damit schlicht Glück gehabt hat. Purer Zufall, nicht Schicksal ist es, wenn ihr Kollege Blank, der sich als eine Person bezeichnet, die immer dem „Schicksal in die Speichen“ (S. 453) greifen will, seine Freundin an einen anderen Mann verliert – und sich dieser als Scrammer entpuppt, was zwar die Beziehung der beiden nicht rettet, aber die Situation für Blank erträglicher zu machen scheint. Keine Figur hier hat ein Schicksal oder könnte dieses gar in die eigene Hand nehmen – viele Figuren haben Pech, einige wenige haben Glück. Es gibt in der Geschichte keinen übergreifenden Sinn. Davon lässt sich nur in einer kargen Sprache erzählen, alles andere wäre nicht stimmig.

Das menschliche Rechtssystem

So wenig, wie es in diesem Roman individuelle Helden gibt, so wenig gibt es überindividuelle Helden: Das Rechtssystem ist keine hehre, erhabene Institution, die für Gerechtigkeit sorgt. Es ist brüchig und missbrauchbar, als von Menschen gemachtes und aufrecht erhaltenes System ist es auch vom Menschen abhängig und wird von Mächtigen ausgenutzt – insbesondere spielt im Roman ein Fall von Steuerbetrug in Millionenhöhe durch die Familie von Franz Josef Strauß eine Rolle, ein Justizskandal wie er im Bilderbuch steht. Und über diese Hintertüre werden dann die Nicht-Helden, die Richter und Juristen in ihrer ganzen alltäglichen Überarbeitung, doch wieder „Helden“, oder eher kleine Zahnräder, die die Maschine am Laufen halten und Schlimmeres verhindern: Nur weil sie, obwohl sie überarbeitet sind und ihre Fälle immer mehr werden (im Laufe der Amtszeit von Thirza verdoppelt sich die Zahl der offenen Fälle, die ein Richter zu bearbeiten hat), zum Teil bis zum Zusammenbruch weiterarbeiten, funktioniert das System noch. Und nur weil einzelne Entscheidungen zu fällen, die den Mächtigen missfallen, kann verhindert werden, dass derjenige, der den eben genannten Straußschen Steuerbetrug aufgedeckt hat, dafür juristisch belangt wird. Allerdings werden diese Einzelnen dafür – nach allem, was man aus dem Roman lernt – vermutlich mit ihrer Karriere bezahlen.

Das Rechtssystem ist menschlich, von Menschen gemacht und von Menschen erhalten und gefährdet. Es gibt kein metaphysisches Gesetz, das Gerechtigkeit garantiert. Ebenso wie das Schicksal keinen metaphysischen Gesetzen folgt.

Gegen Ende des Romans schreibt Thirza an Blank:

„Durchschnittsmoral besteht in dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein und nicht vorsätzlich Böses zu tun; aber alles Weitere ist undeutlich. Was wir haben, halten wir für selbstverständlich; was wir nicht haben, glauben wir uns geschuldet. Unseren Vorteil nehmen wir gerne wahr, unser Nachteil empört uns. Was wir günstig kriegen, nehmen wir, ohne zu fragen, woher es kommt. Was uns missfällt, verdrängen wir. Verantwortung übernehmen wir lieber dort, wo sie mit Macht, als dort, wie sie mit Pflicht verbunden ist. Fazit: nicht großartig. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass schon Bürger vergleichsweise harmloser Demokratien aus ethischer Perspektive Verbrecher sind. Müssen wir uns hassen? Wer möchte das?“ (S. 430f.)

Das ist das, was dieser Roman zeigt: Den modernen Menschen mit seiner Durchschnittsmoral, der aber in all seiner Wursteligkeit in der Regel doch liebenswert ist. Hier ist kein Raum mehr für Kant. Alles in diesem Roman ist brüchig: Die Sprache mir ihrem Hang zur Ironie, die Figuren, das Rechtssystem, die Gesellschaft. Es gibt kein reines Gutes, auf das man hinstreben, für das man sich opfern könnte. Morsbach fällt glücklicherweise nicht hinter Dürrenmatt zurück: Der Moderne mit ihren Tragödien kommt nur noch die Komödie bei, alle Wursteln nur noch herum, Dinge wie „Verantwortung“ und „Schuld“ existieren nicht mehr, alles ist relativ und zufällig.

Ironie und Liebe

Selbst da, wo andere die Erzählung vielleicht emotional aufgeladen hätten, wo auch Petra Morsbach durchaus die Erzählung emotional auflädt, wird dies gleich wieder ironisch gebrochen: Als Thirza über die Obduktion nachdenkt, die Max nun bevorsteht, wird ihre Trauer unterbrochen von einer Erinnerung an eine Obduktion, der sie beiwohnte – und bei der der Assistent einen kaputten Latexhandschuh einfach am Ende in die Leiche warf und mit einnähte (S. 396), als andere Form der Müllentsorgung. Eine Frau berichtet von ihrem Mann, der den Darmkrebs besiegt hat, nur um ein paar Jahre später vom Auto überfahren zu werden (S. 475). Die Handlung des Romans ist so brüchig wie es die Realität eben ist. Selbst der Schluss ist noch ein ironischer Bruch: Er ist kein Abschluss, wenn überhaupt, dann nur der Abschluss eines Handlungsstrangs, aber insgesamt ist er ein Abbruch. Ohne Helden, ohne Schicksal kann es auch keinen Abschluss geben, weil es kein Ziel gibt. Und indem Petra Morsbach selbst so ihre eigene Dramaturgie immer wieder (auch ironisch) unterbricht – und dazu tragen auch immer wieder die langen Schilderungen aus dem Gericht bei – erzählt sie in sehr großer Genauigkeit und bemerkenswert gekonnt von dem brüchigen Alltag in der Bundesrepublik. Und gerade das macht den Roman dann wieder berührend, der einen immer wieder mit einzelnen Beobachtungen ganz plötzlich trifft, beispielsweise dann, wenn Thirza ohne jedes Selbstmitleid feststellt, dass sie eigentlich gar nicht richtig lebt, oder dann, wenn sie dankbar auf ihr Glück zurückblickt.

Und Petra Morsbach entlässt den Leser nicht ohne Hoffnung aus dem Buch, denn zum einen sind sie eben da, auch im Roman, die kleinen, tapferen Zahnrädchen, die die Maschine am Laufen halten und die sich gegenseitig stützen können, die tatsächlich auch Mitmenschlichkeit ermöglichen, und zum anderen ist Erlösung aus der sinnlosen Brüchigkeit des Alltags möglich: durch Liebe. „Man kann wirklich Erlösung von einem bestimmten Menschen erlangen“ (S. 415). Und das ganz ohne Pathos, sondern in all seiner schlichten Direktheit.

„Justizpalast“ von Petra Morsbach ist für den Bayerischen Buchpreis 2017 nominiert und ich würde mich freuen, wenn dieser Roman den Preis bekäme.

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Friederike Helene Unger (1741(?)-1813) und die Behauptung weiblicher Individualität

So ganz genau weiß man nicht, wann Friedrike Helene Unger geboren worden ist – vermutlich kam sie 1741 als uneheliches Kind von Friedrich Rudolf Graf von Rothenburg zur Welt, wer die Mutter war, weiß man nicht. Sie wuchs bei dem Prediger und Übersetzer Johann Peter Bamberger und dessen selbst schriftstellerisch tätiger Frau Antoinette auf, und vermutlich ist es auch dieser Konstellation zu verdanken, dass Friederike Helene Unger eine für ein Mädchen ihrer Zeit außergewöhnlich gute Erziehung erhielt. Zudem erhielt sie nach dem Tod des Vaters 1751 eine Rente auf Lebenszeit, die es ihr erlaubte, Johann Friedrich Gottlieb Unger beim Aufbau seiner Druckerei zu unterstützen – heiraten sollte sie ihn aber erst viel später, 1785.

Leider blieben die Rentenzahlungen schon bald aus, weswegen Friederike Helene Unger gezwungen war, ihren Lebensunterhalt durch Schreiben und das Übersetzen unter anderem Rousseaus zu verdienen. Sie schrieb auch viele kleinere Auftrags- und Gebrauchstexte, 1784 aber erschien ihr erster Roman „Julchen Grünthal. Eine Pensionsgeschichte“. Hier wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, das durch die Erziehung in einem Pensionat und allerlei Lektüren immer weiter auf Abwege gerät – der Roman enthält also zahlreiche Anspielungen auf andere Werke, nimmt damit kritisch-ironisch zur zeitgenössischen Lesewutdebatte Stellung, und plädiert dafür, Mädchen zu Hause zu erziehen. So recht progressiv ist Ungers Frauenbild also nicht, es bleibt weithin in den für die Zeit üblichen Grenzen – jedoch lässt sie die Geschehnisse so ungehindert aus einer patriarchalischen, chauvinistischen und reaktionären Perspektive erzählen, dass diese ironisch-satirisch gebrochen wirkt.[1] Kritik an der zeitgenössischen Mädchenerziehung und an Geschlechterrollen wird also deutlich, wenn auch nur implizit. Verstärkt wird dies jedoch dann in der späteren, deutlich erweiterten Fassung des Romans von 1798, die Julchen nach weiteren Eskapaden und Irrungen nach Hause zurückkehren lässt. Damit wird dieser Roman dann nicht nur zu einem weiblichen Bildungsroman (wiederum in der Form des Prüfungsromans, wie schon bei Sophie von La Roche), sondern in dem hinzugefügten zweiten Romanteil wird nun auch deutlich Kritik an einem einzig auf Frauen bezogenen Tugendbegriff und der mangelhaften Vorbereitung auf das Leben durch eine unzureichende Erziehung geübt. Vor allem aber wird nun ein Recht auf Selbstbestimmung und darauf, Fehler machen zu dürfen, auch für Frauen eingeklagt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem späteren Roman Ungers, „Bekenntnisse einer schönen Seele“ von 1806, dessen Autorschaft zwar nach wie vor nicht restlos geklärt ist, der aber inzwischen doch mehrheitlich Friederike Unger zugeschrieben wird. Auch dieser Roman weist zahlreiche intertextuelle Bezüge auf, vor allem zu Rousseau, aber auch zu Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, aus dessen Binnenerzählung auch der Titel für den Roman entnommen wurde. Schon damit wird der Anspruch deutlich, hier einen weiblichen Bildungsroman zu erzählen: Und tatsächlich erzählt hier die Hauptfigur Mirabella einem Cäsar, der ein Freund von ihr und ihrer Freundin Eugenie ist, ihre Lebensgeschichte, ihren Bildungsgang. Vor allem will Mirabella erklären, wie es zu dem merkwürdigen Zustand gekommen sei, dass sie, obwohl sie eine unverheiratete ‚alte Jungfer‘ ist, dennoch ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft werden konnte. Mirabella will ihre „Individualität“ erläutern – und das in einer Zeit, in der Frauen Individualität weithin abgesprochen wurde – und fordert damit das Recht für Frauen ein, eigene Erfahrungen zu machen, „bleibende Falten zu schlagen“, die den Charakter ausmachen. Bleibt Mirabellas Frauenbild auch sonst in den Grenzen der Zeit – sie ordnet den weiblichen dem männlichen Verstand unter und findet, Frauen sollten nicht Shakespeare lesen, da könnten sie ja am Ende gleich auch Pferde zureiten – so beansprucht sie doch für Frauen Individualität und ein gewisses Recht auf Selbstbestimmung. „Die Ironie des Romans besteht darin, daß in die Beschreibung dieses individuellen weiblichen Lebensentwurfs – wie schon in die ‚Geschichte des Fräuleins von Sternheim‘ [von Sophie von La Roche] und bei ‚Julchen Grünthal‘ – Bemerkungen über das ‚typisch Weibliche‘ eingeflochten sind, die der Geschlechtscharaktertheorie (insbesondere Humboldts) entsprechen und den Eindruck erwecken, die Ich-Erzählerin teile diese Ansichten. Ihr Lebensweg, ihr Räsonieren über ästhetische, theologische, politische und moralische Fragen, das sie als ‚Selbstdenkerin‘ ausweist, ihre literaturkritischen Urteile […], ihre Forderung nach einer eigenen Individualität und deren Umsetzung, ihre Existenz als unverheiratete und doch angesehene Frau (dabei war die ‚alte Jungfer‘ traditionell Zielscheibe des Spotts der Gesellschaft und der Satire) konterkarieren aber diese Ansichten, durchbrechen die von der Geschlechtscharaktertheorie gesteckten Grenzen und zeigen die Möglichkeiten eines weiblichen Bildungsromans auf, wie es ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hat.“[2]

Die Romane Ungers machen, wie schon deutlich wurde, vor allem auch deutlich, was für eine genaue Kennerin der zeitgenössischen Literatur und gesellschaftlichen Debatten sie war. Wiederholt versuchte Unger in literarische Debatten einzuwirken, und dabei wurde immer wieder deutlich, wie ablehnend sie den Berliner Romantikern, insbesondere den Gebrüdern Schlegel, gegenüber stand. Interessanterweise schien besonders das progressive Frauenbild dieses Kreises Unger zu stören – wie das zu ihren eigenen, eher scheinbar konservativen Ansichten passt, muss hier offen bleiben. Aber nicht nur die Berliner Romantiker sind Gegenstand ihrer Kritik: In „Albert und Albertine“ von 1804 macht sie sich auch über literarische Zirkel, die aus lauter Goethe-Verehrung einen Zahnstocher Goethes aufbewahren, pädagogische und philosophische Diskurse ihrer Zeit lustig. Albert, der sich in Albertine verliebt hat, wird Mitglied eines solchen Kreises, um in Albertines Nähe zu sein – denn ihr Onkel steht dieser Gruppe von Goetheverehrern vor. Das hilft Albert alles nichts: Als Albertine erfährt, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist, findet sie an ihrer Unabhängigkeit so großen Gefallen, dass sie seinen Antrag ablehnt. Erst als ihre Situation sie dazu zwingt, wird Albertine in eine Ehe einwilligen – auch in diesem Roman setzt sich also Unger mit den Problemen der weiblichen Geschlechtsrolle und mit dem Recht der Frau, selbstbestimmt zu leben, auseinander, auch wenn Unger dabei nicht so weit geht wie beispielsweise Caroline Auguste Fischer.

1804 starb Friederike Helene Ungers Mann, und sie erbte seinen Verlag. Damit dürfte sie eine der ganz frühen weiblichen Verlegerinnen gewesen sein – leider währte dieser Zustand nicht lang, da sie auch die mit Verlag verbundenen Schulden erbte und 1809 bankrottging. Am 21.9.1813 starb Unger verarmt in Berlin.

[Ein Bild der Autorin existiert meines Wissens nicht.]

Werke u.a.: Vermischte Erzählungen und Einfälle zur angenehmen Unterhaltung 1783; Die Damen dürfen doch auch ein Wort mitreden? Oder etwas über das neue Gesangbuch; Julchen Grünthal, eine Pensionsgeschichte 1784; Der Betbruder, ein Lustspiel nach Molière’s Tartuffe, frei übersetzt 1787; Der adelsüchtige Bürger, eine Posse 1788; Naturkalender zur Unterhaltung der heranwachsenden Jugend 1789; Neuestes berlinisches Kochbuch, oder Anweisung, alle Speisen, Saucen und Gebacknes zuzurichten 1785–1789; Der Mondkaiser, eine Posse in 3 Aufzügen 1790; Julchen Grünthal. Neue durchaus veränderte und mit einem 2ten Bde vermehrte Ausg. 1798; Vaterländisches Lesebuch für Land- und Soldatenschulen 1799; Gräfin Pauline 1800; Prinz Bimbam, ein Mährchen für Jung und Alt 1802; Albert und Albertine 1804; Bekenntnisse einer schönen Seele 1806; Die Franzosen in Berlin, oder Serene an Clementinen in den Jahren 1806, 1807 u. 1808 1809; Der junge Franzose und das deutsche Mädchen, wenn man will, ein Roman 1810.

[1] Vgl. Hansjügen Blinn: „Das Weib wie es seyn sollte.“ Der weibliche Bildungs- und Entwicklungsroman um 1800, in: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. vollst. neu bearb. und erw. Auflage, Stuttgart 1999, S. 86.

[2] Ebd., S. 89.

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Gerd Koenen – Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus

Gerd Koenen hat mit „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ in zweierlei Hinsicht ein aktuelles Buch geschrieben: Nicht nur deswegen, weil es das für den Beck-Verlag ganz typische Historien-Lehnstuhlbuch (wie ein mit mir befreundeter Historiker solche Bücher so nett nennt) passend zu den Jubiläen der Oktoberrevolution 1917 und der 1968er ist, das man dann zu Weihnachten historisch interessierten Lehnstuhlbuchlesern gut schenken kann, sondern weil es auch in eine nach der Bundestagswahl 2017 landläufige Diskussion passt: Woher kommen die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen ehemaligen Ost- und Westdeutschen? Angenommen wird ja in zahlreichen Artikeln größerer Leitmedien, dass diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nicht nur in den nach wie vor vorhandenen ökonomischen Differenzen, sondern eben auch in der jeweiligen Geschichte und also anders gewachsenen politischen Sozialisation der Bevölkerung zu suchen sind.

Und bekanntlich ist die Geschichte Ostdeutschlands ja nun wesentlich geprägt durch die Zeit realsozialistischer Diktatur zu DDR-Zeiten, und also durch eben das politische System, mit dem Gerd Koenen sich in „Die Farbe Rot“ erneut (es ist ja sein Dauerthema) auseinandersetzt. Koenen will dabei auf mehr als 1000 Seiten eine umfassende „Weltgeschichte“ des Kommunismus von der Antike bis zum heutigen modernen China mit seiner spezifischen Kombination aus politischem Sozialismus und ökonomischem Kapitalismus erzählen. Da das Vorhaben damit sehr umfangreich und materialintensiv ist, setzt Koenen nachvollziehbarerweise Schwerpunkte: Er konzentriert sich bei dem Nachzeichnen der Entstehung kommunistischer Theorie auf den europäischen Raum und dessen Kulturgeschichte, da nun eben die zentralen Denker des Kommunismus Europäer waren, und nimmt dann bei der Darstellung realsozialistischer Geschichte vor allem Russland und nebenbei auch China in den Blick.

Herausgekommen ist dabei ein sehr interessantes, zudem auch sehr gut lesbares Sachbuch, dessen Genauigkeit und aufwändige Materialdarstellung wirklich bemerkenswert ist. Allerdings liegt aber genau in dieser Anlage auch ein bisschen die Krux von „Die Farbe Rot“: Es wurde eben zum Kommunismus, zum Frühsozialismus, zu China (das ohnehin nur in einem Kapitel abgehandelt wird) schon viel geschrieben, wenn man sich damit schon einmal befasst hat, dann bietet dieses Buch leider nicht wahnsinnig viel Neues. Auch die Rückführung kommunistischer Ideen auf frühe Mythen und religiöse Ideen ist ja nicht eben eine Erfindung Koenens, das ist ja alles schon lange common sense linker Theorie-Geschichtsschreibung, auf die Koenen ja deswegen auch mit gutem Grund Bezug nimmt. Das Verdienst dieses Buches liegt also eher darin, wirklich alles noch einmal zusammenzubringen, und es ist damit vielleicht vor allem für Leser*innen interessant, die sich bislang mit der Geschichte kommunistischer Theorie und des Realsozialismus noch nicht so sehr viel beschäftigt haben. Für alle anderen bleibt es eben zu bedauern, dass die Geschichte des Realsozialismus nach Lenin nur ein Fünftel dieses Buches einnimmt, dass China nur in einem Kapitel dargestellt und alle anderen Länder neben Russland und China, in denen versucht worden ist, Sozialismus real umzusetzen (Vietnam, Korea, Ungarn, Rumänien, Albanien etc.etc.) höchstens am Rande erwähnt werden. Von einer „Weltgeschichte“ kann hier also keine Rede sein, auch wenn Koenen den Begriff eben so umdefiniert, dass er eigentlich damit eine Kombination aus Ideen- und Ereignisgeschichte meint. Aber dann hätte er das Ganze ja auch so nennen können, es gibt die entsprechenden Fachbegriffe ja.

Hinzu kommt, dass Koenen mitunter, gerade wenn er antike Mythen und Schriften darstellt, aber auch wenn es etwa um die Geschichte der frühen Neuzeit und um Gestalten wie Thomas Müntzer geht, deren Rezeption mit ihrer Intention gleichsetzt (zum Teil, beispielsweise was Müntzer betrifft, vielleicht auch unbewusst: Warum Luther Obrigkeitshörigkeit vorgeworfen wird, bei Müntzer, der sich nicht minder der Obrigkeit anzudienen versuchte, aber das apokalyptische Denken, das ja auch Luther prägte, in Rechnung gestellt wird, ist nicht so recht nachzuvollziehen): Weil diese Mythen und Figuren von Vertretern des Realsozialismus oder von Anhängern marxistischer Theorie als kommunistische Vordenker vereinnahmt worden sind, müssen diese eben noch lange nicht genau das gewesen sein. Diese Spannung aufzuzeigen gelingt Koenen nur bei der Dekonstruktion des Konzepts der (kommunistischen) Urhorde, die er als historisch-ethnologischen Wunschtraum enttarnt, an anderen Stellen wird dieser Bruch zwischen Rezeption und Intention nicht klar genug herausgearbeitet. Oft wird schlicht zu viel Material rein anekdotisch referiert, es fehlt – und das ist vielleicht der zweite gravierende Kritikpunkt, den ich hier habe – an deutlicher Systematisierung des Materials und an klar formulierten Thesen. So erschlägt Koenen zwar seinen Leser mit Material, sorgt aber eben nicht dafür, seine eigene Konstruktion kommunistischer Geschichte so transparent zu machen, dass diese auch diskutierbar wäre. Man fragt sich schlicht zu oft, nach welchen Kriterien nun eigentlich die Schwerpunkte und das Material ausgewählt worden sind und was Koenen damit zeigen möchte und wünscht sich mehr Mut zur Thesenbildung und Materialbündelung. Denn auch wenn das erklärte Ziel des Buches ist, eben nicht zu „urteilen“ und zu bilanzieren, sondern „nachvollziehendes historisches Verstehen im Sinne eines ‚making sense‘“ (S. 1033) herzustellen, muss sich der Autor doch die Frage gefallen lassen, ob er denn wirklich glaubt, dass das eine (nachvollziehendes historisches Verstehen, das Herstellen von historischem Sinn) wirklich frei vom anderen (Urteilen, Bilanzen ziehen) sei. Geschichte ist und bleibt (Achtung, Binsenweisheit!) ein Konstrukt, auch die von Koenen geschriebene Geschichte ist das, davor schützt die schönste Materialschlacht nicht, und das einzige, was angesichts dessen hilfreich gewesen wäre, wäre eine transparente Offenlegung der eigenen Thesen und Materialstrukturierung gewesen. Das geschieht hier zu wenig, gerade in Anbetracht dessen, dass sich das Buch auch an Laien wendet.

Und während angesichts der Textfülle gelegentliche Wechsel zwischen einer Ich-Form und einer Wir-Form in der Darstellung (S. 1000, S. 1004) wirklich entschuldbar sind, fragt man sich als Leser*in doch, wem eigentlich die – wenigstens sehr selten, aber eben leider doch vorhandenen – Vergleiche zwischen realem Sozialismus und Nationalsozialismus weiterhelfen sollen:

„Ohne mit der Wimper zu zucken, schickten sie die Kinder und Frauen der Verurteilten, auch wenn sie Gäste in deren Häusern gewesen waren, gleich mit in die Lager oder in die Erschießungskeller, während sie sich als wahre Sozialkannibalen die Datschen mit allen Möbeln, Gemälden, dem Porzellan oder die importierten Luxuskarossen ihrer unglücklichen Genossen aneigneten.

Nichts Vergleichbares findet man in den faschistischen Bewegungen einschließlich des Nationalsozialismus, die durch einen internen Ehrenkodex, durch eine tragfähige sozialökonomische und administrative Basis sowie durch einen klar definierten Kreis von Außenfeinden recht stabil verschweißt waren – bis in ihre nibelungenhaften Untergänge hinein.“ (S. 918)

Dass solche Vergleiche (ähnliche Beispiele finden sich etwa auf S. 884 oder S. 990) weder sachgemäß, noch erhellend, sondern das Gegenteil von beidem sind, liegt auf der Hand, zumal man hier so verschweigt, das die Nationalsozialisten strukturell durchaus ähnlich mit Regimefeinden (und als solche entwarf auch der Realsozialismus die „Genossen“, von denen er sich „säuberte“) oder sog. Volksfeinden umging. Dass es nichts bringt, Regime gegeneinander aufzurechnen, ist so bekannt, dass man sich fragt, warum das Lektorat solche Anmerkungen, die für die Darstellung völlig überflüssig sind, nicht gestrichen hat. Aber immerhin: Solche Schnitzer sind selten. Geärgert haben sie mich trotzdem.

Und damit bleibt das Fazit, dass es sich, wie geschrieben, um ein sehr gründliches, sehr gut lesbares, sehr interessantes historisches Sachbuch handelt, dass sich für gerade die, die sich für die Materie interessieren und sich vielleicht noch nicht allzu kundig gemacht haben, wirklich lohnt. Da diese Buchbesprechung aber im Kontext dessen steht, dass „Die Farbe Rot“ auf der Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2017 steht, muss man halt auch sagen: Nein, für einen Buchpreis halte ich das Buch für viel zu wenig innovativ, und das auf allen Ebenen, leider eben auch inhaltlich.

Zumindest bestätigt Koenen in „Die Farbe Rot“ die eingangs genannten Thesen einiger Journalisten bezüglich des demokratischen Verhaltens Ostdeutscher, die sich ihrer Ansicht nach durch Schweigen dem demokratischen Diskurs verweigern und den Wunsch nach einem Kollektiv hegen, wenn er eben genau dies als Folgen des sozialistischen Regimes für die russische Bevölkerung benennt (S. 998f.). Für mich persönlich hat das Buch zumindest implizit auch die Frage angeregt, ob die Faszinationskraft des Kommunismus nicht stärker in seiner Fähigkeit wurzelt, Probleme des Kapitalismus präzise zu benennen, als in den kommunistischen Gegenvorschlägen zum Leben im Kapitalismus. Insofern war es auch für mich, trotz meiner oben breit ausgeführten Kritik, ein Gewinn, „Die Farbe Rot“ zu lesen.

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Sophie von La Roche (1730-1807) und die Grundlegung des „Frauenromans“

Der Pietismus, über den Luise Adelgunde Victorie Gottsched sich in ihrer berühmtesten Komödie lustig machte, bestimmte die Jugend von Sophie von La Roche. Am 6.12.1730 als Tochter des Arztes Georg Friedrich Gutemann und seiner Frau Regina Barbara geb. Unold in Kaufbeuren geboren, erhält sie im streng pietistischen Elternhaus zwar eine gute und gründliche, aber eben auch typische Ausbildung für Mädchen – Gelehrsamkeit ist nichts für Mädchen, ihr Wunsch, Latein lernen zu dürfen, blieb ihr verwehrt.

Vor allem aber scheiterte ihre erste Verlobung mit Giovanni Ludovico Bianconi, dem katholischen Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg, am protestantischen Pietismus des Vaters: Da dieser und Bianconi sich nicht darüber einigen konnten, welcher Konfession die zukünftigen Kinder angehören sollen, wurde die Verlobung auf Drängen des Vaters gelöst – und die Tochter zu Verwandten nach Biberach an der Riß geschickt. Dort traf Sophie auf ihren drei Jahre jüngeren Cousin Christoph Martin Wieland, mit dem sie sich 1750 verlobte – aber auch diese Verbindung wurde wieder gelöst.

Da es nun aber wohl nicht so einfach gewesen sein dürfte, in Bayern einen protestantischen Ehemann zu finden, heiratete Sophie von La Roche dann 1753 doch einen Katholiken: Den kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank La Roche, der als Vermögensverwalter und Privatsekretär für seinen Adoptivvater Friedrich von Stadion-Warthausen, Staatsminister von Kurmainz, arbeitete. Sie bekamen acht Kinder, von denen aber leider nur fünf überlebten, und wohnten zunächst recht feudal am kurfürstlichen Hof in Mainz, dann auf Gütern in Warthausen, wo es eine umfangreiche Bibliothek gab und es zu einem Wiedersehen mit Wieland kam, und in Bönningheim, wo Sophie von La Roche ihren ersten Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ fertigstellte.

Noch feudaler wurde das Leben der La Roches, als Georg Michael Frank La Roche beruflich aufstieg und die Familie nach Koblenz umzog: Hier unterhielten sie nun einen berühmten Salon, in dem unter anderem Basedow, Heinse, Lavatar, die Brüder Jacobi und Goethe ein- und ausgingen. Leider machte all dem – wie so oft im Leben von Sophie von La Roche – die Religion einen Strich durch die Rechnung: Nachdem ihr Mann 1780 Kritik an Adel und Mönchswesen geübt hatte, wurde er entlassen. So richtig schlecht ging es der Familie aber nach wie vor nicht: Zunächst wurden sie in Speyer von einem befreundeten Domherrn aufgenommen, später kauften sie ein Haus in Offenbach, und stets blieben sie mit Künstlerinnen und Künstlern in engem Kontakt. 1783/84 wurde Sophie von La Roche zudem eine der ersten deutschen Herausgeberinnen einer Frauenzeitschrift, wenn auch nur für knapp zwei Jahre: Ihr Journal „Pomona für Teutschlands Töchter“ stand als philosophisches Bildungsmagazin für die Frau im deutlichen Kontrast zu zeitgenössischen Modejournalen, die die Frau auf ihr Aussehen reduzierten – sogar Katharina die Große gehörte zu den Abonnentinnen.

Erst als 1788 ihr Mann starb und 1794 dann wegen der französischen Besetzung des linken Rheinufers ihre Witwenrente nicht mehr ausbezahlt wurde, war Sophie von La Roche gezwungen, ihren Lebensunterhalt allein durch Schreiben zu verdienen. Dabei war sie aber wohl recht erfolgreich, zumindest wurde sie nach ihrem Tod am 18.2.1807 in Sterbeanzeigen als „berühmte Schriftstellerin“ bezeichnet. Und vielleicht war sie so ihren Enkelkindern Bettina von Arnim und Clemens Brentano ein schreibendes Vorbild.

Berühmt wurde sie durch ihren zunächst anonym durch Christoph Martin Wieland herausgegebenen Briefroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von 1771, der nicht nur als erster deutschsprachiger Roman, der von einer Frau verfasst wurde, gilt, und Goethes „Leiden des jungen Werthers“ klar beeinflusste, sondern der auch einige Weichen für die Entwicklung der „Frauenliteratur“ stellte, die sich bis heute auswirken und die sich doch wohl nicht anders entwickeln konnten. Dies betrifft beispielsweise die Tatsache, dass La Roche ihren Roman zunächst nur anonym veröffentlichen konnte und dass Wieland diesen Normverstoß, dass hier tatsächlich ein von einer Frau geschriebener Roman gedruckt wurde, gegenüber Kritikern in seinem Vorwort damit begründen musste, dass die Autorin moraldidaktische Ziele verfolge: „Gutes will sie tun; und Gutes wird sie tun.“ „Damit war aber auch die enge Grenze für weibliche Autorschaft und Fiktion gezogen und ‚Frauenliteratur‘ – Frauen schreiben für Frauen über Frauen – geboren.“[1] Die Folgen habe ich in meinem längeren Beitrag zu diesem Thema beschrieben: Von Frauen verfasste Literatur fiel praktisch per se aus dem Korpus autonomer, hoher Literatur heraus – sie war heteronome Unterweisung von Frauen für Frauen.

Der von der Empfindsamkeit geprägte und zu dieser Strömung gehörende Roman, der praktisch durchweg positiv, bisweilen sogar euphorisch von Aufklärern wie Stürmern und Drängern rezipiert worden ist, handelt von der tugendhaften Sophie von Sternheim, die allerlei Intrigen und Prüfungen zum Opfer fällt – und die diese, auch wenn sie dabei so tief fällt, dass sie mitunter dem Tode nahe ist, aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit so meistert, dass sie doch am Ende alles zum Guten wenden, alle Prüfungen bestehen kann. Tatsächlich hat La Roche damit eine Form des weiblichen Bildungsromans geschaffen, auch wenn man eher von „Prüfungsroman“ spricht, wobei diese Gattungen historisch verbunden sind; und sie hat zwar einen Beitrag dazu geleistet, das Ideal von der (leidend) tugendhaften, gefühlvollen Frau zu festigen, aber sie hat dieses gesellschaftlich zu dieser Zeit beliebte Ideal doch zumindest dahingehend gebrochen, als sie ihre Hauptfigur selbstbestimmte, bisweilen sogar falsche Entscheidungen fällen und sich gegen die Bevormundung auch durch Männer behaupten lässt. Vor allem aber übernimmt die Protagonistin durch die Wohltätigkeiten für sozial Schwache, die sie sich gegen Ende des Romans zur Aufgabe macht, einen Tätigkeitbereich, der außerhalb der Trias von Hausfrau, Gattin und Mutter liegt und als eine Art öffentliche Verantwortung bezeichnet werden kann.

Die „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist also ein Roman seiner Zeit, der Weichen für die Zukunft gestellt hat – und der doch auch in kleinen Schritten über das Denken seiner Zeit hinausweist.

Werke u.a.: Geschichte des Fräuleins von Sternheim 1771; Der Eigensinn der Liebe und Freundschaft, eine Englische Erzählung, nebst einer kleinen deutschen Liebesgeschichte 1772; Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St** 1780–1781; Moralische Erzählungen im Geschmack Marmontels 1782/84; Joseph II. nahe bei Speier 1783; Die glückliche Reise 1783; Pomona für Teutschlands Töchter 1783–1784; Die zwei Schwestern 1784; Briefe an Lina 1785/1788;  Waldone 1785; Neuere moralische Erzählungen 1786; Tagebuch einer Reise durch die Schweiz 1787; Journal einer Reise durch Frankreich 1787; Tagebuch einer Reise durch Holland und England 1788; Moralische Erzählungen. Nachlese 1788; Geschichte von Miss Lony und Der schöne Bund 1789; Briefe über Mannheim 1791; Rosalie und Cleberg auf dem Lande 1791; Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise 1793; Briefe an Lina als Mutter 1795–1797; Schönes Bild der Resignation, eine Erzählung 1796; Erscheinungen am See Oneida 1798;  Mein Schreibetisch 1799; Reise von Offenbach nach Weimar und Schönebeck im Jahr 1799 1800; Fanny und Julia, oder die Freundinnen 1801; Liebe-Hütten 1804;  Herbsttage 1805; Melusinens Sommerabende, hgg. von Christoph Martin Wieland 1806; Erinnerungen aus meinem Leben 1807.

[1] Barbara Becker-Cantarino: Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 253.

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