Autor: Gastbeitrag

Magischer Realismus – “Der Wassertänzer” von Ta-Nehisi Coates

von Elisabeth Giesemann (@El_Giesemann)

 

Hiphop, Dungeons and Dragons und Comics sind die literarischen Einflüsse von Ta-Nehisi Coates. Er ist außerdem einer der produktivsten zeitgenössischen Intellektuellen der USA. Mit seinen essayistischen Büchern The Beautiful Struggle, Between the World and Me und We Were Eight Years in Power lieferte er nicht weniger als eine Basis für  aktuelle Diskussionen über die soziale, politische und ökonomische Situation der schwarzen Bevölkerung der USA.  Neben der langjährigen Tätigkeit als Autor und Journalist beim Atlantic schreibt er auch für die Comicreihe Black Panther. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, das inmitten der Sklavenplantagen in der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg spielt. In diesem Debütroman trifft historische Recherche über das Leben eines versklavten jungen Mannes in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Elemente des Magischen Realismus.

 

Der Roman als Teil einer intellektuellen Agenda

Das Leben des Protagonisten Hiram Walker besteht aus subtilen Erniedrigungen und offenen Grausamkeiten. Hirams leiblicher Vater ist der Inhaber einer großen Plantage in Virginia. Nachdem Hirams versklavte Mutter verkauft wird, zeigt sich früh seine außergewöhnliche Intelligenz. Noch als Kind wird er vom Feldarbeiter zum häuslichen Diener befördert, um am Ende als der persönliche Handlanger seines weißen, grobschlächtigen Bruders zu arbeiten. Trotz seines fotografischen Gedächtnisses kann er sich nicht an persönliche oder intime Momente seiner Kindheit erinnern. 

Der Roman beschreibt eindrücklich, wie der Reichtum der amerikanischen Gesellschaft auf der Ausbeutung versklavter Arbeiter basiert, diese aber systematisch unsichtbar gemacht werden. Hiram betritt das Haus, in dem der weiße Teil seiner Familie lebt, durch einen gesonderten Eingang. Der Rassismus, der das System aufrecht erhält, ist allumfassend und somit auch signifikant stärker als die wenigen Momente der Sympathie, die Hirams Vater ihm entgegenzubringen vermag.

Da die zahlreichen Äcker rings um die Plantage falsch bestellt wurden, sind der Reichtum und die Macht der Besitzer fragil. Um an Geld zu kommen, verkaufen sie regelmäßig ihre versklavten Arbeiter. So kommt es zu grausamen Trennungen von Familien. Kinder, Eltern und Geliebte werden der Plantage entrissen, ihr Verbleib ist auf immer ungewiss. Die Liebe zu einer anderen versklavten Person ist somit immer unglücklich, da sie unendlich verwundbarer macht. 

 

Humanisierung der Opfer 

Hier zeigt sich die Stärke des Formates Roman für Coates’ emanzipatorischen Gedanken. Er verzichtet größtenteils auf die übermäßige Darstellung von Gewalt, sondern fokussiert sich auf das alltägliche und das emotionale Leid der Protagonist*innen. Die Momente von Trauer und Verzweiflung werden in sanfteren Tönen erzählt, als man es von anderen Werken über die Sklaverei, wie zum Beispiel Colson Whiteheads Roman Underground Railroad oder der Film 12 Years a Slave” gewohnt ist. Es ist die Schönheit des Spiels eines Kindes oder der verliebte Blick des jungen Mannes, die den Horror und die Brutalität des Systems so klar erlebbar machen. Sehnsüchte und Hoffnungen treffen auf die krasse Willkür der weißen Sklavenhalter, die über ihr Schicksal entscheiden. 

Dieses Trauma hat sich in der afroamerikanischen Gemeinschaft über Generationen weitergetragen, genauso wie die Armut und das Leid nicht nach dem Ende der Sklaverei verschwunden sind. Ta-Nehisi Coates fordert für dieses Leid Entschädigung. In einer Anhörung vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses hat Coates seine Argumentation für Reparationen im Gesetzesvorhaben HR40 vorgetragen. Darin erklärt er, wie die US-Wirtschaft von der Sklaverei profitiert und dass die Opfer und ihre Nachkommen jedoch nie entschädigt wurden. Vielmehr hat sich die strukturelle Diskriminierung über die vergangenen 150 Jahre durch die Jim-Crow-Gesetze zur Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg und den Rassismus in den Institutionen weiter durch das Leben der Afroamerikaner gezogen. Nach wie vor liegt das Durchschnittseinkommen einer schwarzen Familie zehn Prozent unter dem einer weißen Familie. Einer von drei schwarzen Männern in den USA verbringt im Laufe seines Lebens Zeit im Gefängnis und verliert damit das Wahlrecht. Der Rassismus durchdringt nach wie vor ausnahmslos alle Sphären des sozialen und politischen Lebens.  

 

Magischer Realismus für eine politische Vision 

Das Wasser und das Erinnern bringen den Roman von der historischen auf eine fantastische Ebene. In der Mythologie von der Befreiung der versklavten Afroamerikaner spielt Wasser eine zentrale und ambivalente Rolle. In den Werken der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ist Wasser in Form des Mississippi Rivers eine bedrohliche und gleichzeitig befreiende Naturgewalt. William Turner hat in seinem berühmten Gemälde Das Sklavenschiff den Horror des transatlantischen Sklavenhandels dargestellt. Die Leichen der Sklaven werden darauf von der Gewalt des Meeres verschlungen. Das Bild wurde 1840 in einer Konferenz gegen die Sklaverei in der Royal Academy of Arts zum ersten Mal ausgestellt. Die Detroiter Technoproduzenten Drexciya haben ihren Namen von einer mythischen Unterwasserbevölkerung entliehen. Die Erzählung besagt, dass einst schwangere Frauen während ihrer Verschleppung vom afrikanischen Kontinent von Sklavenbooten geworfen wurden und ihre Babys auf dem Grund des Meeres gebaren. Diese Kinder, die Drexciya, haben sich dort eine eigene Gesellschaft aufgebaut. 

Auch bei Coates bringt das Wasser als Naturgewalt Bedrohung und Befreiung zugleich. Eines Tages fahren Hiram und sein weißer Bruder über eine Brücke, die unter ihnen nachgibt. Der Bruder ertrinkt, doch Hiram wird auf wundersame Weise aus dem Wasser geholt. Er erfährt, dass sein Überleben das Ergebnis einer übermenschlichen Fähigkeit war, die er von seiner Mutter geerbt hat und die ihn und andere über unmöglich große Entfernungen transportieren kann. Diese Fähigkeit der “Konduktion” wird durch starke Erinnerungen an seine Mutter ausgelöst. Hiram ist außerdem verliebt in Sophia, die ebenfalls als Sklavin auf der Plantage arbeitet. Sie wollen fliehen, doch nach dem ersten gescheiterten Versuch werden die beiden getrennt. Schließlich wird er Teil der historischen Underground Railroad in den Norden Amerikas. Dort trifft er auf Moses, eine weitere Person mit der Fähigkeit der Konduktion

Moses war auch der Codename der berühmten Sklavenbefreierin Harriet Tubman. Im Roman verschwimmen so magische Elemente mit historischen Fakten. Dieser magische Realismus hat in der afroamerikanischen sowie in der lateinamerikanischen Literatur eine lange Tradition. Insbesondere von Autoren wie Gabriel García Márquez wird das Genre oft zur politischen Subversion genutzt. Fantastische und magische Elemente fließen in die realistische Handlung ein, sodass die Grundfeste eben dieser Realität wanken. Magischer Realismus wird so zur Chance, eine neue Erzählung zu gegen eine akzeptierte, scheinbar alternativlose Realität zu stellen, und damit zum Werkzeug gegen politische Regime.

Auch in der Wassertänzer kehrt sich durch Imagination die Unterdrückung zur Ermächtigung um. Die Sklaverei erscheint vor allem den Weißen wie ein Naturgesetz. Doch Hiram und die Mitglieder der Underground Railroad können diese Naturgesetze überwinden und der übermächtige Apparat der Sklaverei wird fragil. Mit der Metapher der “Konduktion” durch das Erinnern reiht sich Coates also in eine Tradition der fantastischen Literatur ein, um das Ausweglose zu einer Realität von vielen zu machen.

Im Dialog und der Erzählung nennt der Protagonist sich selbst und andere nicht die “Sklaven”. Er spricht von “Verpflichteten”. Denn die Sklaverei, das erfährt man beim Lesen von “Der Wassertänzer”, ist etwas, das dem Menschen geschieht. Kein Mensch wird als Sklave geboren, es ist etwas, was ihm angetan wird. Doch die Sprache, die diese Unterdrückung beschreibt, reproduziert sie und schreibt sie dem Menschen zu. Und so sind es die Opfer, die sich von der Identität befreien und die Täter von der eigenen Humanität überzeugen müssen. Die Humanität, die ihnen mit dem Label “Sklave” genommen wird. Dieses Bewusstsein um die Macht der Sprache zieht sich durch Coates’ Arbeit. So hat Coates auch der weißen Hörerschaft von Rap unmissverständliche Ansagen zum Gebrauch des N-Wortes gemacht. 

Hiram findet seine Liebe und seine Freiheit auf eine unerwartete Weise wieder auf der Plantage. Die Vision der Befreiung findet so einen leisen Abschluss. Coates wurde von der amerikanischen Öffentlichkeit Pessimismus vorgeworfen und eine große Frage des Buches lässt er offen. Denn das endgültige Abschütteln der Unterdrückung bleibt auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Bürgerkrieg eine fantastische Erzählung. 

 

Photo by Jeremy Bishop on Unsplash

 

Wir und die Anderen – Das Feuilleton im Social Reading

von Vera K. Kostial (@vkostial)

 

In Zeiten von Social Distancing ist Bücherlesen die  risikoärmste Freizeitbeschäftigung. Doch Literatur als Flucht aus der realen Welt, als rein ästhetisches Erlebnis, Literatur um der Literatur Willen also, ist aktuell eher nicht in Mode. Literatur ist wieder politischer geworden, sie politisiert sich wieder, wie wohl spätestens in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre allgemein übereinstimmend festgestellt wurde. Allein ein Blick auf die großen Feuilleton-Debatten des letzten Jahres zeigt: Wirklich bewegt hat die Literaturwelt das, was an der Schnittstelle von Literatur und Politik passiert ist. Takis Würgers Roman Stella wurde direkt bei Erscheinen zum Skandal und löste eine hitzige Debatte darüber aus, was Fiktion in Bezug auf die Shoah eigentlich darf.

Ganz anders stellte sich die Frage nach den Grenzen der Fiktion bei Robert Menasse, der diese weit über historische Tatsachen hinaus zur besseren Untermauerung seiner politischen Message ausdehnte. Uwe Tellkamps neuer Roman riecht schon vor Erscheinen nach Skandal und wirft erneut die Frage auf, inwiefern sich die politischen Ansichten des Verlags von denen des Autors unterscheiden dürfen. Und ob gewisse politische Ansichten mit dem Nobelpreis vereinbar sind, darum ging es im Fall Peter Handkes.

Diese Debatten waren sehr unterschiedlich strukturiert – Skandalereignisse, die mal vom Autor, mal vom Werk, mal von der Institution Literaturpreis ausgingen; unterschiedliche Diskurse, deren Dynamiken man wunderbar aufdröseln kann. Oder man kann erst einmal festhalten: Es geht in all diesen Fällen immer um handfeste Politik. Keine Plagiate, keine Persönlichkeitsrechtsverletzungen, sondern konkrete politische Themen hielten und halten das Feuilleton in Atem. Und das mag dann wirklich noch die allerletzten Zweifel an der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur ausräumen. Anhand von Literatur werden Zeitgeschehen und gesellschaftliche Debatten gespiegelt. Die wichtige Frage ist allerdings: Interessiert das außer uns eigentlich irgendjemanden? Uns, die Literaturschaffenden, -vermittelnden, -analysierenden und -kritisierenden, kurz: die sogenannte ‘Literaturbubble’ oder anders, der Literaturbetrieb. Was ist mit dem Teil der literarischen Öffentlichkeit, der außerhalb dieser Filterblase steht, Leser:innen, die keinen literaturbetrieblichen oder -wissenschaftlichen Hintergrund haben, also in keinem professionellen Kontext mit Literatur zu tun haben? Werden die Feuilleton-Debatten in dieser Leser:innenschaft wahrgenommen oder weiterdiskutiert?  

Social Reading-Plattformen wie LovelyBooks, Goodreads etc. versprechen ein virtuelles gemeinsames Leseerlebnis für genau diese Zielgruppe nicht-professioneller Leser:innen. Professionell Lesende sind natürlich nicht ausgeschlossen, kennzeichnend für “Deutschlands größte Buchcommunity” LovelyBooks ist jedoch das niedrigschwellige Angebot für alle User:innen, Rezensionen zu verfassen, Bücher auf unterschiedliche Art zu bewerten und in der Community zu diskutieren. 1,5 Millionen Leser:innen nutzen nach LovelyBooks-Angaben monatlich die Plattform. Und so ist LovelyBooks bestens geeignet für einen Blick aus der Bubble heraus, um festzustellen, ob nicht-professionelle Leser:innen teilnehmen an dem, was das Feuilleton bewegt, oder ob sie ein gänzlich anderes Gespräch über Literatur führen. Ist das Social Reading eine Art Laien-Feuilleton, wo die dortigen Diskussionen weitergeführt werden, oder doch ein Paralleluniversum? Dem möchte ich hier nachgehen anhand der Leser:innen-Bewertungen zweier Bücher, die 2019 in der Literaturkritik für Aufruhr gesorgt haben: Robert Menasses Die Hautpstadt und Takis Würgers Stella

Den oder die prototypische:n User:in, so viel vorab, gibt es auf LovelyBooks nicht, vielmehr lassen sich drei unterschiedliche Schwerpunkte der Literaturrezeption feststellen. Eine Tendenz zum delectare (Lektüretyp 1) oder aber zum prodesse (Lektüretyp 2), abgeleitet von der horatischen Formel, Dichtung müsse unterhalten und/oder nützlich sein, oder aber eine bewusste Auseinandersetzung mit der professionellen Literaturkritik (Lektüretyp 3). 

Lektüretyp 1, Delectare: „Bewegende Geschichte – Muss man unbedingt lesen!“, schreibt User:in KuElKrk zu Stella. Und erklärt weiter: „Man spürt die Angst und man stellt sich immer wieder die Frage, wie können Menschen anderen Menschen so viel Leid antun.“ Mit dieser Art von Bewertung ist KuElKrk nicht allein. Wiederholt ist von Emotionen während der Lektüre die Rede, deren Ausbleiben von der Userin StephanieP bemängelt wird: „Takis Würgers Schreibstil ist nüchtern und beschreibend, wodurch mich leider keine Emotionen erreichen konnten.“ Der Account gst hingegen war von Stella „emotional sehr berührt“; ebenso „sehr berührt“ fühlt sich FreizeitPrinzessin: „Es wird nie leichter etwas über diese schreckliche Zeit zu lesen, hören oder zu sehen. Wir können alle froh sein das nicht selber miterleben zu müssen. Das Buch regt zum nachdenken an: würde ich das selbe tun wie Stella? Wie würde ich handeln?“

Es geht für diese Leser:innen also um eine identifikatorische Lektüre. Das Lesen muss Emotionen hervorrufen und muss die Figuren nicht nur nachvollziehbar, sondern nachfühlbar machen. „Gegen Ende war es schwierig zu entscheiden, wen und was man schließlich mochte“, schreibt BuecherweltenBummlerin. Emotion in Form eines Berührtwerdens durch die Lektüre und Identifikation in Form von Nachfühlbarkeit und Sympathie, das sind die zwei Zutaten für Leselust: Ich und das Buch.

Lektüretyp 2, Prodesse: Lernen durch Lesen – dieser Rezeptionsmodus lässt sich auch bei Stella beobachten, findet sich in Reinform aber bei Robert Menasses Roman Die Hauptstadt. „Robert Menasse erzählt auf spannende Weise wie es in Brüssel, genauer der Europäischen Kommission, zugeht. Dabei lernt man viel über Politik und auch über andere Mitgliedsstaaten“, so beurteilt AlexandraK den Roman. Ähnlich schreibt Alexlaura, es sei „sehr spannend hinter die Kulissen der Behörden zu sehen und dass auch hier nur normale Menschen tätig sind, die wie alle auch ihre persönlichen Schicksale haben“. Die Bewertungen dieser beiden User:innen reihen sich ein in viele weitere, die Menasses Roman vor allem für eines loben: die politische Bildung, die sie als Leser:innen erfahren; mehr noch, die unterhaltsame politische Bildung. Damit wären prodesse und delectare doch wieder vereint, wobei dem delectare aber eine andere, weniger emotional und identifikatorisch aufgeladene Funktion als bei Typ 1 zukommt. 

Dass Menasses Buch auch wirklich Bildungsarbeit leisten kann, dafür wird von mehreren Rezensent:innen seine Recherchearbeit in Brüssel als Beleg angeführt. Der Autor war vor Ort, er hat sich also informiert; und diese Tatsache verleiht ihm in den Augen vieler Leser:innen eine Autorität und Glaubwürdigkeit in der Wissensvermittlung. Zusätzlich erfolgt häufig eine Übertragung des Literarischen in den realen Bereich der Politik. Viele User:innen positionieren sich proeuropäisch zu Menasse. Dass die eigentliche Geschichte in Die Hauptstadt Fiktion ist, wird als unterhaltendes Element der politischen Bildung gutgeheißen. Ganz ähnlich bei Würger: „Geschichtlich wirkt das Buch gut recherchiert und ich denke, dass der Autor die historischen Fakten lange und ausführlich studiert hat. Die Vermischung aus Fiktion und Fakten finde ich wirklich gelungen“, schreibt StephanieP.

In diesem Typus der Literaturrezeption offenbart sich ein Wunsch nach Erklärung und Einordnung politischer Sachverhalte durch einen als Experte wahrgenommenen Autor. Interessant ist mit Blick darauf die Rezension des Accounts Alais, für den „[d]ie einzige Enttäuschung“ an Die Hauptstadt war, dass die Figur Armand Moens erfunden ist; „da dieser aber zu jenen Menschen gehört, die man unbedingt erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe, finde ich es umso besser, dass Menasse das für seine Leser übernommen hat.“ Dass Menasse neben dem fiktiven Ökonomen auch Zitate des sehr realen Walter Hallstein erfunden und bekanntermaßen nicht nur in Die Hauptstadt, sondern auch in als faktual gekennzeichneten Texten eingebaut hat, findet in der LovelyBooks-Community keinerlei Erwähnung.

Lektüretyp 3, Wir und die anderen: Sehr wohl setzt man sich in den Rezensionen zu Menasse aber mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises auseinander, und diese Auseinandersetzung ist symptomatisch für einen dritten Typus des Lektüreverhaltens auf LovelyBooks: die selbstbewusste Positionierung zum Literaturbetrieb. Viele User:innen stimmen der Preisvergabe in ihren Rezensionen ganz dezidiert zu, andere sind nicht vollkommen überzeugt: „Mein Leserherz blutet – wollte ich diesen Roman doch eigentlich in den Himmel loben“, schreibt MikkaG (vier Sterne). „Nicht nur hat es den Deutschen Buchpreis gewonnen, nein: der Autor wirkte bei der Verleihung so charmant verblüfft und überrumpelt, dass ich bereit war, sein Werk zu lieben. Stattdessen muss ich mich damit begnügen, dass ich es ‚nur‘ gut finde…“. Und Pongokater, der fünf Sterne vergibt, schreibt: „Originell ist es nicht, dieses Werk von Robert Menasse zum ‚Roman des Jahres‘ zu erklären. Aber unvermeidlich.“

Der Buchpreis zeigt sich hier als wichtige Richtschnur zur eigenen Positionierung – was allerdings auch ex negativo funktionieren kann: „Literaturpreise sind mir in meiner Auswahl der Lektüre nicht besonders wichtig, da ich oftmals nicht finde, dass prämierte Romane besser sind als andere“, schreibt Petris. „Mir ist bewusst, dass die Kriterien der Juroren andere sind als meine. Ich lese schon mit hohem Anspruch und wünsche mir ein gewisses Niveau, aber mich muss eine Geschichte in erster Linie fesseln, berühren oder auch irritieren.“ 

Eine solche bewusste Abgrenzung von der professionell literaturkritischen Wertung findet sich auch in Bezug auf Stella: „Ich schätze es nicht, wenn mir das Feuilleton vorschreiben möchte, wie ich ein Buch zu bewerten habe und gehe gerne unvoreingenommen an eine Lektüre heran, bilde mir meine eigene Meinung“, schreibt leselea in ihrer positiven Bewertung des Romans. Strukturell ähnlich, aber mit entgegengesetztem Ergebnis argumentiert Stephan59. An den vorhergehenden Debatten „will ich mich nicht beteiligen, sondern nur darüber etwas schreiben, wie der Roman auf mich gewirkt, was ich dabei gedacht und empfunden habe.“ Und auch kruemelmonster798 bezieht die Lektüre, die „mit etwas Abstand“ zu dem „Medienrummel“ erfolgt sei, ausschließlich auf sich selbst: Das Buch habe ihn:sie „sehr berührt“, und die Entscheidung über die Angemessenheit der Geschichte müsse jede:r Leser:in für sich selbst treffen.

Ein konkretes Leser:innen-Selbstverständnis kommt in diesen Bewertungen zum Ausdruck. In Relation und Abgrenzung zu den Feuilleton-Diskussionen wird eine eigene Meinung gebildet, wodurch eine bewusste Identität als Laienleser:in etabliert wird. Dies kann man einerseits als gemeinschaftsstiftend interpretieren – die Gemeinschaft der Laienleser:innen bei LovelyBooks. Gleichzeitig sind die Bewertungen aber, besonders im Falle von Stella, sehr auf das eigene subjektive Leseerlebnis bezogen. Dennoch wird bei beiden Büchern ein politischer Mehrwert für die Gesellschaft betont, indem die jeweilige Thematik als wichtig eingestuft wird. 

Und dann gibt es noch Leser:innen, die nach bestimmten Strukturen hinter den Rezeptionsprozessen suchen, die sie beobachten. Da wird im Falle von Stella eine „Hetzkampagne“ vermutet oder aber ein von Würger selbst initiierter „Marketing-Trick“. Ähnlich wird bei Menasse vermutet, er habe Die Hauptstadt speziell an die Vorlieben der Buchpreis-Jury angepasst. Diskussionen solcher Art können durchaus auch im Feuilleton stattfinden; gewagter ist da schon die Hypothese von Userin ronja_waldgaenger, die EU-Kommission habe Die Hauptstadt zur „Imageverbesserung“ schreiben lassen. „Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen.“ Diese Hypothese sei, so lenkt die Rezensentin gleich ein, „– so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt“, zeige aber die unklare Gattungszuordnung von Menasses Text – „Roman“ oder „Aufklärungs- und Erziehungsschrift“.

Durchaus ernsthaft wird eine solche Unterwanderung von Literaturpreisen an anderer Stelle diskutiert: in der Kommentarspalte zu einer Rezension der Hauptstadt im Tagesspiegel, die bezeichnenderweise in der Sparte Politik erschien. Roland Freudenstein, seines Zeichens EVP-Politiker und in Sachen Literaturkritik somit auch Laie, ignoriert die Gattungsbezeichnung Roman und wettert gegen Anti-Nationalismus und Menasses „fest geschlossenes, links-westeuropäisches Weltbild“. „Klingt nach politisch gewolltem Bestseller!“, kommentiert Holmichhierraus. Buchpreise seien ganz eindeutig moralisch aufgeladen und würden „links-einseitige Bücher“ propagieren. Aber: „Die Leser merken das doch!“ Und die Amazon-Rezensionen zeigten eindeutig: Die Hauptstadt sei gar nicht so gut. Eilfertige Zustimmung findet dieser Kommentar durch ralf.schrader: „Der Deutsche Buchpreis ist seit der Jahrtausendwende mit solchen Machwerken wie Der Turm genau so der Literatur entfremdet und der politischen Agitation des Westens untergeordnet, wie der Literatur- Nobelpreis.“

Dass Der Turm nun mit linker Unterwanderung des Literaturbetriebs in Verbindung gebracht wird, vermag die Paradoxie dieser verschwörungstheoretisch anmutenden Behauptungen noch um eine Umdrehung zu steigern. Sie zeigen einen Extremfall von Literaturrezeption: Die Denkweise des ‚Wir gegen die da oben‘, die mittlerweile so strukturgebend für den politischen Diskurs des rechten Rands ist, wird hier in das Feld der Literatur überführt. Die Literaturpreise werden als feindliches Anderes etabliert, dessen Intentionen seitens der Gemeinschaft der Lesenden durchschaut würden, die dann in einem anderen Medium – Amazon-Rezensionen – die ‚falsche‘ politische Haltung des Romans sanktionieren würden. 

Solche Extremfälle finden sich – zumindest bei den gesichteten Beispielen – auf LovelyBooks nicht, was wiederum ein interessantes Spezifikum der Social Reading-Plattform verdeutlicht. Tatsächlich sind die User:innen dort offenbar mehr buch- und weniger debattenfixiert. Im Falle von Stella wird zwar auf die Feuilleton-Diskussionen eingegangen, die gingen allerdings direkt mit Erscheinen und somit Lektüre des Buchs einher. Debatten, die weit nach Erscheinen des betroffenen Buchs oder Gesamtwerks ihren Anfang nahmen, werden auf LovelyBooks nicht abgebildet: Der Hallstein-Skandal und die Diskussion um Tellkamp finden dort keinen Niederschlag, auf die Nobelpreisvergabe an Peter Handke geht lediglich eine Rezension ein. Direkte Reaktionen auf Feuilleton-Artikel gibt es zu diesen Debatten allerdings durchaus; zum Falle Tellkamps verzeichnet ein einziger Zeit-Artikel von Ende Januar 91 Kommentare. Sie nehmen als Laienkritik im Rahmen und als Reaktion auf ein Medium der professionellen Kritik eine Art Zwischenposition ein.

Spezifisch für die Social Reading-Plattformen sind auch die ganz unterschiedlichen Arten der Literaturbewertung, die hier vereint werden. Neben den Rezensionen erfüllt die moderierte „Leserunde“ zu Stella sicherlich noch einmal andere Bedürfnisse. Die Antwort jedenfalls auf die Frage, wie viel Feuilleton im Social Reading steckt, liegt erwartungsgemäß im Dazwischen: Weder die einigermaßen elitäre Annahme, die Feuilleton-Debatten würden nur die Literatur-Filterblase selbst ansprechen, noch die ebenso elitäre Annahme, dass sich natürlich alle Leser:innen dafür interessierten, trifft zu; stattdessen zeigt sich bei LovelyBooks ein ganz eigenes Lektüreverhalten mit unterschiedlichen, sich überschneidenden Tendenzen: selbstbewusste Positionierung zum Feuilleton, der Wunsch nach unterhaltsamer politischer Sachinformation, das Bedürfnis nach ‚einfach nur Literatur‘  – und wohl einfach die Freiheit zu lesen, wie man möchte.

 

Photo by Alexis Brown on Unsplash

 

Ein zersetzender Plan – “Providence” von Alan Moore und Jacen Burrows

von Anselm Neft

 

Die Geschichte dieser 12-bändigen Comicreihe läuft darauf hinaus, dass eine kosmische Lebensform durch die Werke des Horrorautors H.P. Lovecraft Einfluss auf das kollektive Unbewusste der Menschheit nimmt und dadurch die Realität verändert. Wer jetzt denkt: „Hä?“ oder „Och nö!“ braucht nicht weiterzulesen, denn das hier ist Stoff für Nerds, für Eingeweihte, oder solche, die die Kraft aufbringen wollen, es zu werden. Providence verlangt seinen Leser*innen viel ab, intellektuell und emotional.

Es handelt sich eindeutig um das ambitionierteste Unterfangen des englischen Comicautors Alan Moore. Wer seine Comics Watchmen, The League of Extraordinary Gentlemen oder V wie Vendetta kennt, hat wahrscheinlich eine Ahnung davon, was ihn bzw. sie erwarten könnte. Die Verfilmungen dieser populäreren Werke hingegen sollten nicht als Referenz dienen. Sie reduzieren die Komplexität und mindern die emotionale Verstörungpotential der Vorlagen. Die beste Filmadaption eines Moore-Comics ist in meinen Augen bisher From Hell, in der ein suizidal-opiumvernebelter Johnny Depp Jagd auf Jack the Ripper macht. Allerdings habe ich die HBO-Serie Watchmen noch nicht gesehen. Doch zurück zu Providence.

Erzählt wird die Geschichte von Robert Black, einem jungen Journalisten, der sich 1919 aufmacht, um in Neu England über eine Geheimgesellschaft zu recherchieren. Er will einen „großen, amerikanischen Roman“ schreiben, der diese Okkultisten auch als Metapher für soziales Außenseitertum nutzt. Black selbst ist aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner geheimgehaltenen sexuellen Ausrichtung ein solcher Außenseiter, auch wenn er dem Augenschein nach das heteronormative Ideal des modernen, gut aussehenden, heterosexuellen cis-Mannes erfüllt. 

Konkretes Ziel seiner Suche ist anfangs ein alchemistischer, auf Arabisch verfasster Text aus dem Mittelalter, in dem Methoden beschrieben werden, das eigene Leben zu verlängern. Seine Recherche führt Black in die New Yorker Stadtteile Flatbush und Red Hook, nach Salem, Athol, Manchester, Boston und schließlich nach Providence, in die geliebte Heimatstadt des Horrorautors H.P. Lovecraft (1890 – 1937). Dabei fallen schon im ersten Heft ein paar Besonderheiten auf, die sich durch die ganze Reihe ziehen: Die Handlung ist sehr dialoglastig, oft bestehen die 26 Seiten eines Heftes zu zwei Dritteln aus Gesprächen des Protagonisten mit Menschen, die ihn tiefer in eine Welt hinter der Welt einführen. Diese Dialoge sind in der Regel anspielungsreich, verweisen auf Insiderwissen, es wird mehr angedeutet als ausgesprochen und es gibt nicht selten einen Subtext, den weder der Protagonist noch der/die Leser*in auf Anhieb verstehen. 

Eine weitere Besonderheit sind die in der Regel vierzehn Textseiten, die dem Comic angehängt sind: das sogenannte Kollektaneenbuch von Robert Black. Es handelt sich bei Providence somit um eine ganz besondere literarische Form, nämlich einen Hybrid aus Bildergeschichte und pseudo-autobiographischer Prosa. Im Kollektaneenbuch schildert Black die erlebten Ereignisse noch einmal aus seiner Sicht, kommentiert, ordnet ein und schreibt über seinen Weg als Schriftsteller-Novize, der mehr und mehr Zugang zu verbotenem Wissen findet. Zugleich skizziert und bewertet Black in diesen Anhängen auch Ideen für Kurzgeschichten oder den Roman, den er schreiben will. Hin und wieder fügt er seinen Aufzeichnungen auch Quellen bei, wie die Zeichnungen einer Leticia Wheatly oder den Gemeindebrief der sehr unkonventionellen St.- Judas Gemeinde.

Und noch etwas zeigt sich bereits im ersten Band: Moore spielt auf Geschichten von Lovecraft an, indem er Figuren, Ideen und Plotmotive daraus für seine eigene Story verwendet. Es finden sich deutliche und weniger deutliche Verweise sowohl auf besonders bekannte Geschichten von Lovecraft (z.B. Die Farbe aus dem All, Schatten über Innsmouth, Das Grauen von Dunwich) als auch auf nicht ganz so populäre wie Kühle Luft oder Herbert WestReanimator. Allerdings erschöpft sich diese Art der Hommage nicht im bloßen Zitieren. Vielmehr fügt Moore Details der Erzählungen so ein, dass sich neue Blickwinkel auf die Geschichten ergeben und zahlreiche Querverbindungen sowohl zwischen den einzelnen Lovecraftgeschichten als auch innerhalb des Providence-Comics entstehen. Dabei bringt er auch den eher sublimen psychosexuellen Inhalt der Vorlage an die Oberfläche.

Obendrein erweitert Moore dieses intertextuelle Spiel mit Betrachtungen zu Lovecrafts Biografie sowie seinen Einflüssen und Nachahmern. Das entspricht stark dem „open source“ Gedanken, den Lovecraft kultivierte. Er begrüßte es, wenn andere Autor*innen von ihm erdachte Figuren, wiederholt erwähnte Wesen wie Cthulhu oder fiktive Bücher wie das Necronomicon in ihren eigenen Geschichten verwendeten. Etliche haben sich mittlerweile an diesem Fundus bedient: zum Beispiel Ramsey Campbell, Robert Bloch, Clark Asthon Smith, Andrzej Sapkowski oder der deutsche Fantasyautor Wolfgang Hohlbein. 

Der erste Autor, der Lovecrafts Ideenwelt weiterspann, war sein Freund und Nachlassverwalter. August Derleth (1909 – 1971) überarbeitete oder vollendete nach Lovecrafts Tod einige seiner bisher unveröffentlichten Geschichten und publizierte sie. 1939 gründete er zu diesem Zweck gemeinsam mit Donald Wandrei den bis heute existierenden Verlag Arkham House. (Mit Evangeline Walton, Majorie Bowen, Joanna Russ und Tanith Lee finden sich auch einige wenige Autorinnen im männlich dominierten Programm des auf Horror und Phantastik spezialisierten Verlags.) Auf Derleth geht der Begriff „Cthulhu-Mythos“ zurück, mit dem er die kosmologische Mythologie bezeichnete, die den Hintergrund vieler phantastischer Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen von Lovecraft bildet. Lovecraft selbst nannte seine innovative Privat-Mythologie humorvoll nach einer seiner erfundenen Wesenheiten „Yog Sothothery“. 

Kern dieser Mythologie ist die Irrelevanz des Menschen in einem gewaltigen, unvorstellbaren Kosmos, der sich für den anthropozentrischen Blickwinkel nicht im Geringsten interessiert. Verkörpert wird dieser „kosmische Schrecken“ in einem Pantheon von Wesenheiten, den „großen Alten“. Zu diesen gehört die vor vielen 100 Millionen Jahren auf die Erde gekommene „Gottheit“ Cthulhu, die in einer untergegangenen Stadt im pazifischen Ozean in einem traumdurchzogenen Schlaf vegetiert und erwachen wird, wenn die Sterne richtig stehen.   

Lovecraft betrachtete sich als Atheist, Materialist und Determinist. Das Universum glich für ihn einem Uhrwerk, das der Mensch weder gebaut hatte, noch beeinflussen konnte. Zeit seines Lebens interessierte sich Lovecraft mit glühendem Eifer für die unterschiedlichsten Wissensgebiete von Geschichte bis Astronomie, von Volkskunde bis Chemie und Evolutionsbiologie. Seine fiktive Kosmologie bezieht ihre Verstörungskraft in erheblichem Maße daraus, dass sie den „drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit“ (Freud) Gestalt verleiht: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls. Wir stammen vom Affen ab und sind biologisch betrachtet Säugetiere. Uns nicht bewusste Antriebe beherrschen einen großen Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns.

Lovecraft, der die Psychoanalyse für unwissenschaftlich hielt, konnte die Kälte und den Schrecken, die ein solcher Blick auf den Menschen als Fremden inmitten von Fremdheit mit sich bringt, vermutlich deswegen so intensiv empfinden, weil er selbst ein Außenseiter war. Bereits als Kind zeigten sich bei ihm gesundheitliche und psychische Probleme. In der Schule, die er ohnehin nur gelegentlich besuchte, verhielt er  sich so aggressiv und unangepasst, dass er schließlich im Alter von neun Jahren ganz vom Unterricht freigestellt wurde. Ab seinem 13. Lebensjahr besuchte er zwar wieder eine Schule, machte dort aber unter anderem wegen eines Nervenzusammenbruchs nie einen Abschluss. Auch trug er sich in seiner Jugend mit Selbstmordgedanken. Viel ließe sich über Lovecrafts Persönlichkeit und ihren mutmaßlichen Einfluss auf sein Werk schreiben, und viel ist natürlich darüber auch schon geschrieben worden, vor allem von seinem wohl besten Kenner S.T. Joshi (I Am Providence. The Life and Times of H. P. Lovecraft), der auch im Providence-Comic am Ende einen Auftritt hat. 

Hier soll es genügen, darauf hinzuweisen, dass sich rassistische, homophobe und antisemitische Äußerungen in Lovecrafts Geschichten und Briefen finden, und dass sich sein Sexualleben äußert übersichtlich gestaltete. Eine tiefere Betrachtung über diese Art toxischer Männlichkeit, also ein kränkelndes Muttersöhnchen, das sich im Erfinden größter Schrecken bei gleichzeitig entrückt-kühler Intellektualität hervortut, wäre sicher lohnend. 

Einen Beitrag dazu hat bereits Michel Houellebecq geleistet: Sein erstes publiziertes Buch ist tatsächlich kein Roman über einen depressiven, sexsüchtigen Mann, sondern ein Essay über H.P. Lovecraft („Gegen die Welt. Gegen das Leben.“). Houellebecq versucht, Lovecrafts Rassismus zu analysieren und nutzt den Horrorautor zugleich als Ausgangspunkt, um sein eigenes Verständnis von Literatur und Schreiben zu erläutern (Was immer auch darüber gesagt wird, der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für jene reserviert, die ein wenig die Schnauze vollhaben.). Alan Moore kann diesem Essay allerdings nicht viel abgewinnen. Seiner Ansicht nach war Lovecraft nicht der welthassende Misanthrop, als den ihn Houellebecq als Spiegel seiner eigenen Persönlichkeit zeichnet. Laut Moore kann man sich aus den angeblich 100.000 Briefen, die Lovecraft geschrieben haben soll, leicht einen Misantrophen basteln. Dabei übersehe man aber, dass Lovecraft seine Freunde, seine Heimat, den Austausch und das Forschen intensiv geliebt habe. Aus den menschenfeindlichen Äußerungen und Haltungen Lovecrafts macht Moore jedoch dennoch keinen Hehl. 

Vielmehr thematisiert er diesen Umstand sehr bewusst, indem er in Providence die Ausgrenzung durch solche Ansichten immer wieder emotional nachvollziehbar macht und den jüdischen Robert Black schließlich auf Lovecraft treffen lässt. Zunächst bewundert Black den belesenen, höchst phantasiebegabten und extrem eloquenten „Einsiedler von Providence“. Dann nimmt die Schüler-Lehrer-Beziehung eine besorgniserregende Wendung. Dass Providence nicht nur die Heimatstadt Lovecrafts und Zielpunkt des Comics ist, sondern auf Englisch auch Fügung und Vorhersehung bedeutet, ist kein Zufall. Auch ist es für das Werk Lovecrafts wie für den Comic entscheidend, dass der kosmische Schrecken im Regionalen verankert wird. S. T. Joshi äußerte in einer seiner Abhandlungen über Phantastik, dass sich diese besonders glaubhaft innerhalb eines ansonsten realistischen Settings entwickeln ließe. So haben Moore und der Illustrator Jacen Burrows einen großen Aufwand betrieben, um die neuenglischen Städte und Landschaften von 1919 gründlich zu recherchieren. Das betrifft neben der Architektur auch Kleidung und Interieur, und wird abgerundet durch eine minutiöse Karte von Providence, die sich im Einband der deutsch- und englischsprachigen Sammelbände findet.

Jacen Burrow, hat schon zuvor mit Moore zusammengearbeitet. So bei Neonomicon, einer vierbändigen Comicreihe, die zugleich als Sequel und Prequel von Providence fungiert und selbst wiederum die Fortsetzung von The Courtyard ist, adaptiert von Antony Johnston nach einer Geschichte von Alan Moore, und ebenfalls illustriert von Jacen Burrow. Seine Zeichnungen setzen mit ihrem klaren, nüchternen Stil einen guten Kontrast zur zunehmend fiebrigen Handlung des Comics. Noch beeindruckender sind die Lichtstimmungen, die Burrows mit scheinbar einfachen Mitteln erzeugen kann. Beim Betrachten mancher Panels fühlte ich mich an Spaziergänge als Jugendlicher erinnert, bei denen das Innere und das Äußere zu einer gefühlsteigernden Kulisse verschwamm. Ich hatte den Eindruck, die Ortschaften des Comics nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen zu können. 

Weniger beeindruckend fallen die Darstellungen mancher Monstrositäten aus. Das liegt nicht so sehr an den Grenzen von Burrows Zeichentalent, sondern an einem Umstand, den Robert Black in seinen Notizen selbst benennt: Das Unheimliche verliert einen Großteil seines Schreckens, wenn es eindeutig beschreibbar und vertraut wird. Er nennt die klar definierten Monster Vampir, Werwolf und Gespenst, denen zu seiner Zeit schon etwas Behaglich-Folkloristisches anhaftet. Genau dem wollte sich Lovecraft mit seinen unbekannten, kosmischen Wesenheiten verweigern. Zugleich mühte er sich in seinen Geschichten immer wieder, das Unbeschreibbare zu beschreiben. Heutzutage, da es Fanartikel wie Cthulhu-Plüschpuppen gibt, viele Horrorfilme bewusst oder unbewusst Ideen von Lovecraft nutzen und gefühlt jede fünfte Metalband in ihren Songs eine entsprechende Referenz untergebracht hat, sind die Figuren des Cthulhu-Mythos längst selbst zur Folklore geworden. Ihre Darstellungen sind vertraut und weitgehend standardisiert, da machen die Zeichnungen von Burrow keine Ausnahme. So ging es mir mit Providence ähnlich wie mit dem ganz anders gearteten Lovecraft Country von Matt Ruff (bald auch als HBO-Serie): Das größte Grauen sind weniger amorphe Gottheiten aus dem All, sondern ganz alltägliche Menschen, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Den Umstand, dass Lovecraft längst Pop ist, macht sich Alan Moore in seinem Narrativ clever zunutze. Denn eben diese populäre Verbreitung des Cthulhu-Mythos nutzen kosmische Mächte, um sich wie ein Virus in der Welt auszuweiten und das Bewusstsein des Menschen zu infiltrieren. Die Idee geht auf William S. Burroughs zurück, der einen signifikanten Einfluss auf Moore hatte. Burroughs nennt die Sprache ein außerirdisches Virus, mit dem das Bewusstsein des Menschen versklavt wird (The Ticket That Exploded). In Providence sind es literarische Phantasien, die sich ausbreiten und die lange unterdrückte „Traumwelt“ wieder zur Herrscherin über die sogenannte Realität machen. Alan Moore, der sich als Anarchist und Anhänger zeremonieller Magie beschreibt, ist durch Providence Teil dieses zersetzenden Plans.

Anmerkungen

Die Comicreihe erschien zunächst zwischen Mai 2015 und April 2017 in 12 Einzelheften. Diese sind längst vergriffen. Es existieren aber Sammelbände in verschiedenen Sprachen, die jeweils vier Hefte in insgesamt drei Bänden zusammenfassen. Die englischsprachigen „Act I“ und „Act II“ sind ebenfalls vergriffen und werden im Netz für ein paar hundert Euro angeboten. „Act III“ und die sehr gut übersetzte deutsche Ausgabe sind für etwa 20 Euro pro Band zu haben.

Wer die zahlreichen Anspielungen in Providence erläutert haben will, findet hier einen liebevoll und kenntnisreich gestalteten Blog. 

Wer sich für Lovecrafts Kosmologie aus der Sicht des spekulativen Realismus‘ interessiert, sollte unbedingt einen Blick werfen auf Weird Realism: Lovecraft and Philosophy von Graham Harman. Der spekulative Realismus ist eine philosophische Strömung, die unter anderem davon ausgeht, dass sich die Philosophie bis heute weitgehend ignorant gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen verhält. Lovecraft hätte dieser Ansatz sicher gefallen.

 

Photo by Robert Coelho on Unsplash

Fragilitäten – Gedanken über den unabhängigen Buchhandel

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

What a difference a day makes. Ein Songtitel, der wörtlich zu nehmen ist: Es ist kaum mehr als zwei Wochen her, da bekam ich den Auftrag, einen ausführlichen Artikel über den florierenden unabhängigen Buchhandel in den USA zu schreiben. Was für ein toller Auftrag, was für eine Freude, darüber zu schreiben!

Denn nach Jahrzehnten der Amazon-Dominanz (und davor von Ketten wie Barnes & Noble) hatte dort in den letzten Jahren eine Gegenbewegung eingesetzt. Vor allem in ländlicheren Gegenden, in denen es bisher außer über Amazon nicht möglich war, bequem an Bücher zu kommen, hatten neue Buchhandlungen eröffnet. Nicht selten übrigens durch die Unterstützung der Locals, die etwa via Crowdfunding dafür sorgten, dass ihr Ort wieder um eine Buchhandlung bereichert wurde – wie Lark & Owl in Georgetown, Texas. Unabhängige Buchhandlungen boomen, hieß es überall. Passend dazu rief eine Buchhändlerin 2014 in Kalifornien den Independent Bookstore Day ins Leben, der ab 2015 jeden letzten Samstag im April USA-weit gefeiert wurde.

Eine erfreuliche Entwicklung, über die ich sehr gerne berichtet hätte. Passend dazu wäre ich heute vor zwei Wochen nach New York geflogen, eine Stadt mit einer unglaublich vielfältigen Indie-Buchhandlungs-Szene. Erst im Mai 2017 hatte Books Are Magic in Brooklyn eröffnet, eine Buchhandlung, die sich nicht zuletzt dank des auffälligen und sehr instagrammable Graffiti an der Häuserwand größter Popularität erfreute. Ebenfalls in Brooklyn stand die deutsche Buchhändlerin Susanne König kurz davor, ihre dritte Filiale der Powerhouse Arena zu eröffnen, im Mai wäre es soweit gewesen. Und nachdem Book Culture auf der Upper West Side (wegen Misswirtschaft) im Januar ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen schloss, kündigte kurz darauf der Strand Bookstore an, im März die Buchhandlung zu übernehmen. Es ist nicht lange her. Es fühlt sich sehr lange her an.

Als ich den Auftrag bekam, den Text über die florierende Indie-Buch-Szene zu schreiben, war Corona hier bereits angekommen, die Leipziger Buchmesse abgesagt. Und doch war das Virus in vielen Köpfen noch nicht präsent, auch ich war noch dabei zu verarbeiten, dass es sich hierbei nicht um ein temporäres, mehr oder weniger zu ignorierendes Phänomen handelte. Ich konzentrierte mich auf meinen Flug nach New York – in den USA war, so schien es, so wollte ich es glauben, Corona eh noch kein Problem. Am Abend vor unserem Abflug dann diskutierte ich mit meiner Freundin: Sollten wir wirklich fliegen? Die Entscheidung verschoben wir auf den nächsten Morgen. Sie wurde uns in der Nacht von Trump abgenommen, der einen Einreisestopp für alle Europäer*innen verhängte. Wir wären gerade noch reingekommen. Und sogar darüber dachten wir noch kurz nach, so absurd das im Rückblick klingt. Aber eigentlich war schon da klar, dass es keinen Sinn machen würde.

Jetzt sitze ich hier, habe den Artikel abgesagt. Nicht nur, weil auf meine E-Mails, die ich, peinlich berührt schon beim Verfassen, in den letzten Tagen verschickt hatte, keine Antwort kam. Sondern vor allem, weil ich keine Antwort erwartete. What a difference a day makes. Die boomende Indie-Szene in den USA ist tot, das kann man, selbst wenn man diesen Text ohne Frust schreiben würde, kaum beschönigender ausdrücken. Sie ist innerhalb weniger Tage komplett zusammengebrochen. Das ist schrecklich für die Buchbranche, die Indie-Szene, die Buchhändler*innen, die jetzt vor dem Nichts stehen. Dass die USA in jeder Hinsicht instabilere Sozialsysteme haben, wissen wir. Und so kam es, wie es kommen musste; die Buchhandlungen, die wegen Corona schließen mussten, entließen von einem Tag auf den nächsten reihenweise ihre Mitarbeiter*innen, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Schrecklich für die Entlassenen, die zumeist nur bis zum Ende der jeweiligen Woche bezahlt werden.

Besonders hart hat Corona New York getroffen, wo mehr als die Hälfte der in den USA bekannten Corona-Fälle verzeichnet sind. McNally Jackson, eine SoHo-based Buchhandlung, die 2018, 2019 und, oh, the irony, erst vor drei Wochen je eine neue Filiale eröffneten, verkündete vergangene Woche, alle Mitarbeiter*innen entlassen zu müssen. Am Wochenende war es beim Strand Bookstore, der größten und bekanntesten Indie-Buchhandlung der USA, soweit: 188 Mitarbeiter*innen wurde gekündigt, nur 24 können fürs Erste gehalten werden. Im ganzen Land sieht es nicht anders aus. „Mein Herz bricht für uns alle“, schrieb die Inhaberin von Powell’s Books in Portland in einem offenen Brief. „Ich kann nur hoffen, dass wir auf der anderen Seite dieser schrecklichen Zeiten einen Weg finden, wieder zusammenzukommen.“ Innerhalb weniger Tage war die Buchbranche, die sich in den letzten Jahren ganz neu erfunden hatte, zerstört.

Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf Schwarzmalerei. Sie ist nicht produktiv, sie hilft niemandem, macht nicht glücklich, gibt keine neuen Impulse. Schaut man in andere Länder, in denen das Sicherheitsnetz etwas weniger fragil ist als in den USA, sieht man durchaus interessante Entwicklungen. In England, so dokumentiert der Guardian, liefern Buchhandlungen per Fahrrad oder gar Skateboard aus und bieten das, wofür sie als Kontrast zu Amazon immer gelobt wurden: persönliche Beratung, teilweise gar ein offenes Ohr fern von Lektüretipps. In Spanien versucht man ebenfalls, alternative Wege zu finden. Erst am 21. März vermeldete El País, dass vier der größeren Buchhandlungen in Barcelona mehr als 800 Mitarbeiter*innen (temporär) entlassen mussten. Womöglich, steigt man auch hier auf Fahrradlieferungen um. Kundenservice also als Neuerung: Wer einmal versucht hat, in einer spanischen Buchhandlung, wie man es hierzulande gewohnt ist, ein Buch zu bestellen, wird nur irritierte Blicke geerntet haben.

Dass Amazon in Deutschland Bücher als nicht essentiell eingestuft hat, deren Lieferung bis April aussetzt und lieber auf die neue Währung Klopapier setzt, könnte auch hierzulande ein entscheidender Faktor sein. Viele Käufer*innen erkennen zum ersten Mal, dass lokale Buchhandlungen eigene Onlineshops haben oder an größere Shops (mit fairen Bedingungen) angegliedert sind, dass Bestellungen per Telefon, E-Mail oder Instagram abgesetzt werden können und diese teilweise mit dem Fahrrad noch am selben Tag geliefert werden. Und innerhalb kürzester Zeit haben einige Buchhandlungen gezeigt, dass sie kreativ und innovativ sein können und um den Einfluss von Social Media wissen. In einem Artikel im Börsenblatt zählt Torsten Woywod verschiedene Aktionen auf, die sich Buchhändler*innen spontan haben einfallen lassen, darunter individuelle Beratung per FaceTime oder die Vorstellung von Novitäten auf IGTV.

Doch nicht alle sind so innovativ. In meiner Heimatstadt Frankfurt fällt mir keine Buchhandlung ein, die eine gute Onlinepräsenz hätte.
Dabei kann genau das entscheidend sein: Online, vor allem auf Instagram, durch Inhalte überzeugen, durch die Vorstellungen von Büchern, Blicke hinter die Kulissen und, essentiell für die persönliche Bindung die Mitarbeiter*innen zeigen. Buchhandlungen, die wissen, wie man sich digital präsentiert, sind über die regionalen Grenzen hinaus bekannt. Bekanntheit zahlt keine Miete, klar. Aber wenn es darum geht, welche Buchhandlungen überleben werden und welche nicht, wenn Support gefragt ist, der sich vor allem auf einer emotionalen Ebene (hier sind wir wieder bei der persönlichen Bindung) abspielt, kann eine guter Onlineauftritt an genau diesem Punkt entscheidend sein.

Stichwort Support: Auf sämtlichen Medien riefen Verlage, Buchhandlungen und Kulturinstitutionen dazu auf, jetzt erst recht den lokalen Buchhandel zu unterstützen, ein Appell, der, fragt man Buchhändler*innen im ganzen Lande, auch ernst genommen wurde, die Läden und Telefonleitungen brummten in der vergangenen Woche. Es ist ein Trend, der sich unbedingt etablieren und vom Trend zum Habitus werden muss, damit es den unabhängigen Buchhandel, wenn wir irgendwann aus diesem Albtraum aufwachen, noch gibt. Es gilt, das eigene Konsumverhalten zu überdenken. Kein origineller Gedanke, und doch scheint er noch immer nicht bei allen angekommen zu sein. Damit Buchhandlungen eine Chance haben, zu überleben, sind neben dem Rettungsschirm, den Monika Grütters am Dienstag präsentierte, zwei Faktoren wesentlich: Die bereits erwähnte soziale Bindung – und Zeit. Ein vager Faktor, der nicht von Individuen beeinflusst werden kann. Privatpersonen wie Restaurants, Kinos oder Buchhandlungen rufen dazu auf, Gutscheine zu kaufen, um kleinen Geschäften das Überleben zu sichern. Doch das kann nicht auf ewig gut gehen. Wie lange wird es dauern, bis die Leute aufhören, Gutscheine zu kaufen, weil sie es vergessen, weil sie bereits genug zu Hause rumliegen haben, weil sie sie sich aus eigenen Geldprobleme nicht mehr leisten können oder weil sie die Befürchtung haben, diese wegen Insolvenz nicht mehr einlösen zu können?

Jetzt einen optimistischen Schluss für diesen pessimistischen Text finden, um keine Weltuntergangsstimmung zu verbreiten? Ich bemühe mich darum. Ich bemühe mich darum, den Mut nicht zu verlieren, nicht die Hoffnung, den Glauben daran, dass die Kneipen, Cafés, Arthaus-Kinos und unabhängigen Buchhandlungen auch Post-Corona noch existieren werden. Aufgeben ist keine Option. Ein müdes Motto. Aber zu mehr bin ich nicht fähig. Was die nächste Zeit bringt, wer will da schon Prognosen abliefern? Jeden Tag gibt es neue Entwicklungen, neue Eilmeldungen. Es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit vieler Dinge, die sich widersprüchlich anfühlen. Das subjektive Zeitempfinden vieler. Die Zeit jetzt fühlt sich so bleiern an, und noch bleierner, die immer gleich ablaufenden Tage ziehen sich in die Länge, während an jedem Tag so viel passiert, dass diese Informationen nur schwer zu verarbeiten sind. Oder, um es mit den Worten von Roxane Gay zu sagen: Every day is a month now.

 

Photo by Jonas Jacobsson on Unsplash

Wortgewaltige Sehnsucht – Mary MacLanes “Ich erwarte die Ankunft des Teufels”

von Magda Birkmann (@magdarine)

Das Manuskript einer gänzlich unbekannten Autorin findet innerhalb von nur einer Woche einen Verlag, wird lektoriert und gedruckt und dann im ersten Monat nach Erscheinen rund 80.000 mal verkauft. Das hört sich an wie der unerfüllte Wunschtraum zahlreicher Hildesheimer Schreibschüler*innen. Im Amerika des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts jedoch wurde dieser Traum Wirklichkeit und machte eine junge Frau aus der Bergbaustadt Butte im Bundesstaat Montana quasi über Nacht zum Star. Nun ist ihr Buch nach über hundert Jahren von der Schriftstellerin Ann Cotten erstmals ins Deutsche übersetzt worden.

Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mir selbst verfassen, Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt.
Davon bin ich überzeugt, denn ich bin ungewöhnlich.
Ich bin ausgesprochen originell, von Geburt an und in meiner Entwicklung.
Ich habe eine ganz ungewöhnliche Lebensintensität in mir.
Ich kann fühlen.
Ich habe eine wunderbare Fähigkeit zu Elend und zu Glück.
Ich bin gedanklich offen.
Ich bin ein Genie.

Mit diesen mehr als selbstbewussten Worten beginnt die neunzehnjährige Highschool-Absolventin Mary MacLane im Januar 1901 die Arbeit an ihrem ersten literarischen Projekt, zu dem sie durch die Lektüre des Tagebuchs der jungen russischen Malerin Marie Bashkirtseff inspiriert wurde. Doch im Gegensatz zu der jungen Künstlerin soll MacLanes Tagebuch ihr nicht erst den Ruhm nach ihrem Tod sichern – die junge Frau will jetzt berühmt werden.

Mary MacLane, 1881 in Winnipeg in Kanada als Tochter eines Regierungsbeamten geboren, wächst zunächst in Wohlstand in einem großen Haus mit Bediensteten auf. Als Vierjährige zieht sie mit ihrer Familie nach Minnesota, wo der Vater einige Jahre später stirbt. Die Mutter heiratet bald erneut und die Familie folgt dem Stiefvater in die Bergbau-Boomtown Butte in Montana. MacLane wird zur unersättlichen Leserin. Zwei Jahre lang bringt sie die Schülerzeitung der Butte High School heraus, bei ihrem Abschluss 1899 hat sie unter anderem gute Kenntnisse in Latein, Griechisch und Französisch erworben, aber keine echten Freundschaften geschlossen. In Butte fühlt sie sich unverstanden und eingeengt, sie träumt vom Besuch der Stanford University, vom Aufbruch in die weite Welt außerhalb Montanas. Doch kurz vor der geplanten Abreise nach Stanford eröffnet der Stiefvater, dass er all das Geld, das für den Universitätsbesuch vorgesehen war, verspielt hat. Mary MacLane hat weder das geringste Interesse an einer Ehe, noch verfügt sie über eine berufliche Ausbildung oder die nötigen finanziellen Mittel, um das Elternhaus zu verlassen. Daher sieht sie nur einen Ausweg: Ihr Buch soll ihr den Ausbruch aus den unerträglich gewordenen Verhältnissen ermöglichen.

Selbsterklärtes Genie

Die nächsten drei Monate verbringt sie mit der Niederschrift eines Textes, der bald darauf Leser*innen wie Kritiker*innen im ganzen Land in großen

Bildergebnis für mary maclane ich erwarte die ankunft des teufels

Aufruhr versetzen wird. Das fertige Manuskript schickt sie sofort an einen Verleger in Chicago. Der ist allerdings auf evangelikale Literatur spezialisiert und kann den Text mit dem provokanten Titel I Await the Devil‘s Coming unmöglich veröffentlichen. Das gewaltige Potential von MacLanes Erstlingswerk erkennt er trotzdem. Er sieht darin „the most astounding and revealing piece of realism I had ever read“, und reicht das Manuskript an die Kolleg*innen von Herbert S. Stone & Co weiter. Dort wird schnell klar: Man hat es mit einer literarischen Sensation zu tun. Im April 1902 erscheint das Buch unter dem weniger anstößigen Titel The Story of Mary MacLane und übersteigt noch alle Hoffnungen von Verlag und Autorin.

Zu einer Zeit, in der jungen Mädchen von der Gesellschaft keine Ambitionen, keine Sinnlichkeit und schon gar keine selbstbestimmte Sexualität zugestanden werden, erklärt sich Mary MacLane selbst zum Genie und macht die Erkundung ihrer eigenen Persönlichkeit auf eine bis dahin unbekannte Weise zum Kunstwerk. Sie verspricht ihren Leser*innen schonungslose Offenheit und doch ist beinahe alles an ihrem Buch gezielte, kalkulierte Provokation:

Oh, denken Sie keinen Augenblick, dass diese Untersuchung meiner Gefühle nicht vollkommen aufrichtig und echt ist, noch, dass ich sie nicht alle, mehr als ich in Worte fassen kann, gefühlt habe. Es sind meine Tränen – das Blut meines Lebens! Aber in meinem Leben, in meiner Persönlichkeit, gibt es eine Essenz von Falschheit und Unehrlichkeit.

MacLane, die sich selbst mit Byron und Napoleon vergleicht, nimmt in diesem Buch keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer Leser*innen. Sie berichtet von ihrer Faszination für den eigenen jugendlichen, wohlgeformten Körper, erhebt den Verzehr einer einzelnen Olive zur Kunstform, schildert freimütig ihre Liebe zu und ihr sexuelles Verlangen nach ihrer ehemaligen Lehrerin Fannie Corbin, das über eine einfachen Schulmädchenschwärmerei weit hinausgehen. Selbst ihren eigenen Vorbildern gegenüber hält sie sich für überlegen. Über Marie Bashkirtseff, deren posthum veröffentlichtes Tagebuch erst wenige Jahre zuvor die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzt hat und deren Fotografien die Wände von MacLanes Zimmer zieren, urteilt sie:

Denn obwohl sie bewundernswürdig und großartig war, durch und durch, war sie kein solches Genie wie ich. Sie hatte ihr eigenes Genie, es ist wahr. Aber die Bashkirtseff mit ihrem sinnlichen Körper und ihrer anziehenden Persönlichkeit ist doch ein wenig gewöhnlich. Mein Genie, wenngleich schwach, ist selten und tief, und es hat noch niemand ein ähnliches Genie gehabt, und es wird auch nie jemand ein ähnliches haben.

Verzweiflung und Satan

MacLane ist um keinen Tabubruch verlegen, verschweigt ihre Abneigung gegenüber dem Konzept der heterosexuellen Ehe genauso wenig wie ihr angebliches Hobby des gelegentlichen Diebstahls. Und immer wieder bringt Mary MacLane den Teufel ins Spiel:

Ich bin bereit und warte darauf, alles, was ich habe, dem Teufel zu übergeben im Austausch gegen Glück. Ich bin so lang mit dem öden, öden Elend des Nichts gequält worden – meine gesamten neunzehn Jahre lang. Ich will glücklich sein – oh, ich möchte glücklich sein.

Wortgewaltig beschreibt sie ihre Sehnsucht nach dem Satan als einem Befreier, der sie nicht nur aus der intellektuellen Beschränktheit von Butte und aus der für sie vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle, der sie sich auf keinen Fall beugen will, retten, sondern der auch ihre geheimsten sexuellen Wünsche erfüllen soll.

Regelmäßig verliebe ich mich vollends und wahnsinnig in den Teufel. Er ist so faszinierend, so stark – so stark, genau die Art von Mann, die mein hölzernes Herz erwartet. Ich möchte mich ihm an den Kopf werfen. Ich wurde eine süße kleine Frau für ihn abgeben. Er würde mich lieben – er würde mich lieben. Ich wäre in Ekstase. Und ich würde ihn lieben, ach, wahnsinnig, wahnsinnig! […]

Der Teufel und ich werden einander heftig und vollkommen lieben – tagelang! Er wird im Fleisch sein, aber er wird kein Mann sein. Er wird der Mann-Teufel sein, und seine Seele wird meine zu sich nehmen, und sie werden tagelang eins sein.

Immer wieder bricht neben diesen überspitzten satanischen Fantasien aber auch die ehrliche Verzweiflung hervor, in die Mary MacLane durch ihre tiefe Einsamkeit gestürzt wird:

Mein Herz ist voller Lust.
Meine Seele ist voller Leidenschaft.
Mein Leben ist ein Leben der Sehnsucht.
Alle Bilder verblassen vor diesem Bild. Sie verblassen ganz und gar. Als die Sonne selbst verblasste, blickte ich über den Sand und die Ödnis mit verschwimmenden Augen und sah nichts, und wünschte mir nur, mit schwerer, trostloser Seele, dass der Teufel kommen möge.

Neben all ihrem Kokettieren mit einem literarischen Satanismus sehnt sich Mary MacLane aufrichtig danach, verstanden zu werden und jemanden zu finden, der ähnlich wie sie empfindet, sie vielleicht sogar wirklich lieben könnte. Und solange der Teufel mit seiner Ankunft noch auf sich warten lässt, schickt sie eben ihr Buch in die Welt hinaus in der Hoffnung, damit gleichgesinnte Seelen zu erreichen:

Meine Darstellung wird in ihrer Analyse und ihrer Egomanie und ihrer Bitterkeit sicherlich für manche von Interesse sein. Für den einen allein, der es verstehen mag, oder für manche, die selbst auch alleingelassen wurden; oder für jene drei, die ich, an drei trüben Tagen, um Brot bat, und die mir jeder einen Stein gaben – und denen ich nicht vergebe (denn das ist das Bitterste überhaupt): Vielleicht richtet sie sich an all diese. […] Es wird Sie amüsieren. Es wird Ihr Interesse wecken. Es wird Ihre Neugier erregen. Manche Menschen werden es lächerlich finden. Es wird Ihnen Rätsel aufgeben.

Vor allem aber wird es gelesen. Im ersten Monat nach Erscheinen wird das Buch 80.000 mal verkauft und Leser*innen wie Presse überschlagen sich fast in ihrer Begeisterung und in ihrem Bedürfnis, mehr über die junge Frau aus Montana zu erfahren. Der Mary MacLane-Hype kennt keine Grenzen: das Baseballteam ihrer Heimatstadt Butte benennt sich kurzerhand um in „The Mary MacLanes“ und Bars fangen an, den „Mary MacLane High-Ball“ zu verkaufen – ein neu erfundener Drink, der als „abkühlend, erfrischend/belebend, teuflisch“ beworben wird. Ein Faksimile von MacLanes Unterschrift wird gar von einem Zigarrenhersteller zum Druck auf Zigarrenpackungen lizensiert. Und auch andere Schriftsteller*innen springen schnell auf den MacLane-Zug auf – mit Damn! The Story of Willie Complain (1902) und The Devil’s Letters to Mary MacLane (1903) erscheinen mindestens zwei Parodien in Buchlänge.

Nachgeahmt und verrissen

Auch die Presse zeigt sofort großes Interesse an dem Phänomen. Am 27. April 1902 erschienen landesweit zahlreiche Rezensionen des Buches in verschiedenen Zeitungen. Die Meinungen in den Rezensionen gehen dabei weit auseinander. Für The San Francisco Call handelt es sich bei dem Buch um „the worst trash that printer and publisher ever spent time and money on“. Die Autorin wird als „a silly maid“ abgetan, die lediglich einige „freak expressions of opinion“ niedergeschrieben habe. Andere wiederum preisen MacLane für die „splendid sounds and harmonies in her thrilling, vibratory prose“ oder sind wie das Fergus Falls Daily Journal der Meinung, nur zwei Schriftsteller*innen der westlichen Hemisphäre hätten jemals makelloses Englisch produziert – Nathaniel Hawthorne and Mary MacLane.

Besonders gut kommt Mary MacLane, wenig erstaunlich, bei anderen jungen Mädchen und Frauen an. Überall werden zahlreiche Mary MacLane-Societies gegründet, die nicht nur gemeinsam MacLanes Texte lesen und in eigenen Texten nachzuahmen versuchen, sondern außerdem Verhaltensweisen an den Tag legen, „wie sie sich für ihr Vorbild ziemen“. Die 16jährige Elsie Viola Larsen, Mitglied des örtlichen Mary MacLane-Clubs, wird beispielsweise am 4. Dezember 1902 in Chicago wegen Pferdediebstahls verhaftet. Bei ihrer Befragung gibt sie an, dieses Vergehen begangen zu haben, um die nötigen Erfahrungen für ein Buch zu sammeln.

Dass Mary MacLane mit ihrem Buch einen Nerv getroffen hat, zeigt sich aber nicht nur in der Verehrung und Nachahmung, sondern vor allem in den erbarmungslosen, vor misogynen Gewaltfantasien strotzenden Reaktionen von großen Teilen der Presse. Ein katholischer Rezensent, der MacLanes Buch für „ungesund, unanständig, teuflisch“ hält, schlägt folgendes vor, um ihr die Flausen aus dem Kopf zu treiben: „An irate parent with a good, strong slipper could work wonders with the young thing’s longing by plying it frequently and lustily on her bustle rest.“ Auch ein Rezensent der New York Times ergötzt sich an der Vorstellung von körperlicher Züchtigung. Da keine Frau, die bei klarem Verstand sei, solche schrecklichen Dinge schreiben könne, erklären zahlreiche Kritiker Mary MacLane kurzerhand für verrückt. So beispielsweise der New York Herald: „She should be put under medical treatment and pens and paper kept out of her way until she is restored to reason.“ Besonders gern wird Mary MacLane von ihren Kritikern außerdem Hysterie attestiert – vermutlich aufgrund ihres sehr offenen und enthusiastischen Umgangs mit dem Thema Sexualität. Laut landläufiger Meinung konnte Hysterie bei jungen Frauen schnell zu Nymphomanie führen, falls deren sexuelles Verlangen nicht schleunigst das einzige angemessene Ventil fand – im Ehebett. Eine Option, die MacLane in ihrem Buch kategorisch ablehnt.

Der „MacLaneism“ wird als so große Bedrohung für Leib und Seele argloser heranwachsender Frauen betrachtet, dass ihr Buch nicht nur in der Bibliothek von Butte verboten wird, sondern auch Geistliche immer wieder über den schlechten Einfluss, den Mary MacLane angeblich auf die Jugend ausübt, predigen. Ein besonders perfides Beispiel für die Denunziation der jungen Autorin ist der Artikel The Harvest Begun: The Story of Mary McLane Drives Young Girl to Suicide in Kalamazoo, Michigan in der Tribune-Review.

Durch die Lektüre von MacLanes Buch, die zudem auch noch unbekleidet erfolgt sein soll, sei ein junges Mädchen so verrückt geworden, dass sie erst ihren physischen Hunger „mit einem Festmahl aus Konfekt und Kuchen gestillt“ habe, bevor sie ihren „eitlen Vorstellungen und Sehnsüchten“, von der „neurotischen Autorin aus Montana“ inspiriert, durch die Einnahme von Arsen ein Ende setzte. „When she was discovered writhing in the awful agony of arsenical poisoning, the book was still clasped in her hand.“ Während Mary MacLane in ihrem Text kulinarischen Genuss, Sinnlichkeit und Körperlichkeit in eine positive, emanzipatorische Beziehung zueinander setzt, werden diese Themen, zumindest im Zusammenhang mit jungen Frauen, im öffentlichen Diskurs als hochgradig moral- bzw. sogar lebensgefährdend behandelt.

Rebellin in New York – Einsiedlerin in Massachusetts

Aber auch das tut Mary MacLanes Erfolg zunächst keinen Abbruch. Das Buch hat ihr in den ersten Wochen bereits 17.000$ an Tantiemen eingespielt, ihr Plan ist also aufgegangen – am 5. Juli 1902 steigt sie in einen Zug Richtung Ostküste und lässt ihre Heimatstadt Butte für die nächsten neun Jahre hinter sich. Ihre Reise wird zum großen Medienspektakel, Journalist*innen verfolgen sie auf Schritt und Tritt, um heißbegehrte Interviews mit ihr zu ergattern. Nach Zwischenstopps in Chicago (wo sie die Dichterin Harriet Monroe kennenlernt, die eine der großen unerwiderten Lieben ihres Lebens werden wird) und Boston verschlägt es MacLane endlich nach New York, denn die Zeitung New York World hat ihr ein Angebot gemacht. Für einige Wochen lebt sie nun also in Manhattan und verpackt ihre Beobachtungen über die Wall Street, Coney Island, die feine Gesellschaft von Newport und andere Orte in exzentrische Artikel, die von der Zeitung mit großem Aufwand vermarktet werden.

Mary MacLane in 1918.jpg

Doch irgendwann wird auch Mary MacLane, die ihre öffentliche Rolle der verruchten Rebellin zunächst voller Enthusiasmus weitergespielt hat, die anhaltende Aufregung um ihre Person zu viel. Sobald ihre Arbeit für die New York World beendet ist, verlässt sie die Metropole und taucht in Massachusetts unter, wo sie sich der Arbeit an ihrem nächsten Buch widmet. Als dieses schließlich im Sommer 1903 unter dem Titel My Friend Annabel Lee erscheint, stehen Leser*innen und Kritiker*innen vor einem Rätsel. Das Buch hat wenig mit seinem Vorgänger gemein. Statt den bekannten Anrufungen des Teufels und grenzüberschreitenden Schilderungen ihres sexuellen und sonstigen Begehrens besteht das Buch größtenteils aus Dialogen zwischen der Erzählerin und einer kleinen japanischen Porzellanfigur, die auf einem Regalbrett thront und den Namen Annabel Lee trägt. Auch wenn sich das Buch aufgrund von MacLanes Bekanntheit recht passabel verkauft, wird es wegen seiner literarisch schwierigen Einordnung von der Presse im Großen und Ganzen als Enttäuschung betrachtet.

Daraufhin wird es für einige Jahre wieder ruhiger um die Autorin, bis Mary MacLane, die in den letzten Jahren eine Schwäche fürs Glücksspiel entwickelt hat, schließlich 1908 unter düsteren finanziellen Vorzeichen nach New York zurückkehrt. Ein von ihrem Verleger vermittelter Zeitungsjob verläuft schnell im Sande und MacLane ist erneut darauf angewiesen, ihren Verleger um finanzielle Unterstützung zu bitten. Derweil stürzt sie sich in ein neues Buchprojekt – sie hat vor, all die vielen unterschiedlichen Frauen zu portraitieren, denen sie in Manhattan tagtäglich begegnet:

During my last two years in New York, life seethed with women. They were one’s companions in the apartment houses where one lived, at matinees, in tea rooms, at the Cafe Martin, in the shops, on Fifth Avenue at the ends of the afternoons, on Broadway always, at the apartments of friends … If you’re an unattached young woman living alone in New York, and markedly a free-lance, you’ll meet up with a million other unattached women. They colour up your life and mean adventure – in the daylight and the dark.

Nicht nur, aber wohl auch zu Recherchezwecken stürzt sie sich tief ins (lesbische) Nachtleben von New York, bis ihre finanzielle Lage irgendwann ausweglos erscheint. Ihr Stiefvater reist schließlich nach New York und nimmt Mary MacLane mit zurück nach Butte.

Letzte Jahre in der Provinz

Kaum wieder in ihrem Elternhaus angekommen, erkrankt Mary MacLane schwer an Scharlach und Diphtherie, die Prognosen stehen zunächst eher schlecht. Die Zeitungen von Butte berichten ausführlich über den heiklen Gesundheitszustand der Heimgekehrten und das Telefon im Hause MacLane steht kaum mehr still vor lauter Genesungswünschen aus der Bevölkerung.

Sobald MacLane nach sechs Wochen wieder einigermaßen auf den Beinen ist, verarbeitet sie ihre Krankheitserfahrung in einem Artikel für die Zeitung. Dieser Text bildet den Auftakt zu einer Reihe von Zeitungsessays, die zum Besten gehören, was MacLane in ihrer schriftstellerischen Laufbahn verfasst hat – darunter ihr berühmter Artikel Men Who Have Made Love To Me sowie zwei spektakuläre Texte über die Frauen in ihrem Leben, die vermutlich aus dem inzwischen verworfenen New Yorker Buchprojekt hervorgingen. Danach wird es wieder stiller um die Autorin, die 1912 mit der Niederschrift ihres dritten und letzten Buchs beginnt. I, Mary MacLane, das persönlichste und vermutlich ehrlichste ihrer drei Bücher, erscheint 1917 und bekommt zwar einige Presseaufmerksamkeit, kann aber an ihre frühen Erfolge bei weitem nicht anknüpfen.

Bildergebnis für mary maclane

Einen letzten Rest öffentlichen Interesses erzeugt MacLane als 1918 eine Verfilmung ihres Artikels Men Who Have Made Love to Me in die Kinos kommt, zu der sie nicht nur das Drehbuch verfasst hat, sondern in der sie auch selbst die Hauptrolle spielt. Der Film, von dem heute leider keine einzige bekannte Kopie mehr existiert, erregt zwar genug Aufmerksamkeit, um in mindestens einem Bundesstaat verboten zu werden, seine filmhistorisch betrachtet revolutionäre Bedeutung – als eine der ersten Filmprotagonist*innen durchbricht MacLane darin beispielsweise die vierte Wand und spricht die Zuschauer*innen direkt an – bleibt aber von Presse und Publikum verkannt.

Mary MacLane hat das Ende ihrer Karriere erreicht. Nach einem letzten Skandal 1919, als sie für den Diebstahl einiger Kostüme vom Filmset verhaftet wird, verschwindet sie endgültig aus dem öffentlichen Leben. Gesundheitlich inzwischen immer mehr angeschlagen, zieht sie in ein Hotel in einem Mixed-Race-Viertel von Chicago, wo sie viel Zeit mit einer langjährigen Freundin, der afroamerikanischen Fotografin Lucille Williams, verbringt. Im August 1929 wird sie in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden. Einige Presseberichte behaupten, es handle sich um einen Suizid, den die einst berühmte und nun vergessene Autorin umringt von alten Zeitungsausschnitten und in ihr bestes Outfit gekleidet begangen habe. Andere verkünden dagegen, dass Mary MacLane einer Tuberkuloseerkrankung erlag.

Die Spekulationen über die Umstände ihres Todes werden für lange Zeit das letzte Mal sein, dass sich eine breitere Öffentlichkeit mit Mary MacLane und ihrem Werk befasst. Obwohl sie mittlerweile als Vorreiterin des Confessional Writings und der autofiktionalen Literatur, wie sie sich vor allem in den letzten Jahrzehnten immer größerer Beliebtheit erfreut, erkannt wurde, hat ihre „Wiederentdeckung“ bis zum einundzwanzigsten Jahrhundert gedauert.

“Then which is better, to be remembered, and remembered shortly, by the multitudes; or to be forgot by the multitudes and remembered long by the one or two?” lässt Mary MacLane ihre Erzählerin in My Friend Annabel Lee fragen. “It is incomparably better to be remembered long by the one or two”, gibt sie sich selbst zur Antwort.

Es bleibt zu hoffen, dass nun, da über 90 Jahre nach Mary MacLanes Tod ihr außergewöhnliches Debüt Ich erwarte die Ankunft des Teufels in der Übersetzung von Ann Cotten nun endlich auch einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich gemacht wurde, die Erinnerung an das selbsternannte Genie aus Butte, Montana, nicht nur in den Köpfen von ein oder zwei, sondern von einer Vielzahl von Leser*innen weiterleben wird.

Photo by Sam Moqadam on Unsplash

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (3)

Dies ist der dritte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2)

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

19.03.2020 

 

Jan, Hannover

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Lieblingsnachbarn Ph. auf dem potemkinschen Parkplatz hinter dem Haus getroffen. Wir haben uns die Ellbogen gegeben. Ph. erzählte, dass die Patienten ihm die Klopapierrollen aus der Praxis klauen. Einen habe er letzten Freitag dabei erwischt, wie er auf dem WC die Handwaschlotion aus dem Wandspender in eine mitgebrachte Flasche umfüllte. Das fortwährende pfft-pfft-pfft war auch durch die geschlossene Tür zu hören gewesen und hatte ihn verraten. Das Mitführen einer leeren Flasche verriet Planung und Vorsatz. Ph. ist Franzose, er sagt, Quarantäne mache ihm nichts aus, er habe genug Wein im Keller, «viel Spaß mit Eurem Klopapier!» Wenn er «Ihr» zu mir sagt, meint er immer die Deutschen. Seine beiden Töchter heizen mit ihrem Longboard über den Hof.

 

Andrea, Tübingen

Bin immer noch erstaunt, wie unterschiedlich die Rede von Merkel gestern aufgenommen wurde. Den einen hat sie viel zu wenige wichtige Themen angesprochen (zB fehlte europäischer Austausch/Solidarität etc.), anderen hat sie viel zu lange gesprochen. Vielen war sie nicht nachdrücklich genug, andere loben, dass sie die Balance in der Krisenkommunikation zwischen Panik und wir schaffen das gewahrt hat. Vielleicht sind die unterschiedlichen Reaktionen aber gerade auch ein Zeichen dafür, dass es eine Quadratur des Kreises-Aufgabe war und sie es dafür doch wirklich gut gemacht hat? Ich fand die Wiederholungen in den Appellen sehr gut, & gleichzeitig die Abstufung der Hierarchie, indem sie zB erst über die Pflegekräfte und dann über ökonomische Sorgen gesprochen hat. 

 

Slata, München

Wenn das Erste, früh morgens, mit einem halb geöffneten Auge unter der Bettdecke, als erste Nachricht bei facebook, das Wort Ausgangssperre ‒ nichts fürchte ich so sehr wie Fremdanweisungen, wie staatliche, elterliche, sonst welche Kontrolle, uniformierte Männer, die darüber zu bestimmen haben, wo und wie ich lebe, die Möglichkeit schon allein, allein dass es ausgesprochen und ausgeschrieben wird, mir wird schwindelig und übel, und das eine Auge beginnt zu zucken. Sollen sie doch alle, sage ich laut, unter der Bettdecke, sollen sie doch, sind wir nicht überaltert als Gesellschaft, tun uns solche Viren nicht gut, aus irgendeinem Grund entstehen die, natürliche Selektion vielleicht, ja, vielleicht Selektion und so. Sind meine zwei Wochen Lebenszeit, in denen ich wahnsinnig werde, jeden Abend mich mit zuckenden pulsierenden Augen ins Bett lege, sind sie nicht etwa mehr wert als ein verbliebenes Lebensjahr, nehmen wir an, sowieso verbliebenes, einer alten, faltigen, vor sich hin lebenden Alten, wer nimmt sich das Recht heraus, darüber zu entscheiden, zu messen und abzuwägen. Schätzen sie das überhaupt, sage ich laut, was wir hier alles machen, um sie zu schützen, die abstrakten Gestalten, aus humanistischen Motiven heraus, werden sie sich bei uns bedanken dafür. Sollten die Nachbarn von unten, von gegenüber und die ganze Straße weiter nicht enteignet werden, alle, die einen Garten haben, ihre Kinder toben lassen an der frischen Luft, Frühlingsanfang, erste Sonne und so, während wir hier, als ob unsers das nicht nötig hätte, Verdachtsfälle, Kontaktpersonen, scheiß Wörter haben sie erfunden, und dann höre ich auf, halte still, denn ich habe noch nie das Wort scheiße ausgesprochen, habe sie immer gemieden, die deutschen Analflüche, und jetzt, so weit ist es mit mir gekommen.

 

Birte, Darmstadt

Im Netz kursiert ein Video mit jungen Leuten auf einer Partymeile, die trotz Pandemie weiterfeiern wollen. Weiter erleben. Was für Idioten, habe ich gedacht. Aber vielleicht, weil mein Erleben nur einfach Corona-kompatibler ist, ich es auch genießen kann, nicht pendeln zu müssen und schon an interessanten Orten war, weil ich doppelt so alt bin und vermutlich über bessere finanzielle Ressourcen verfüge. Es sind ja keine Luxusreisende, die man da sieht. Ich muss mich korrigieren.
Ein apokalyptischer Kollege erklärt die Situation zum Drehbuch für die Machtübernahme durch Rechtspopulisten. Ich sehe vor allem die teilweise Beschränkung von Konsum. Das Profilieren in dieser Situation überlasse ich dann doch lieber Herrn Drosten. Kritisch beobachten kann man die Maßnahmen zur Eindämmung neuer Ansteckungen ja auch ohne derlei unsaubere Drohszenarien.
So viele Hinweise im Internet, wie man sich verhalten soll, wie man durch die Krise kommt, wie man Mut, Humor oder was auch immer nicht verliert, dabei fühlt sich alles so fern von mir an. Wie Bettina Hitzer in “Krebs fühlen” schreibt, Gefühle sind zugleich universal und individuell. Meine passen gerade nicht zur Ratgeberliteratur. Ich rufe jetzt Freundinnen an.

 

Viktor, Frankfurt

Es ist so viel einfacher für andere da zu sein als für sich selbst. Heute morgen ruft mich eine Freundin aus Stockholm an, weil sie Stress mit ihrem Chef befürchtet. Der Stress ist nur in ihrem Kopf, ihrer Fantasie, und diese fantasierte Sorge treibt sie an, lässt sie Pläne schmieden, die wahrscheinlich mehr schaden als nutzen würden. Und wir reden, sie kommt runter – Slow. It. Down. – und etwas später schreibt sie mir per WhatsApp, dass alles gut sei, der Chef cool war und sie sogar nun eine Referenz für ihre Arbeit selbst verfassen soll. (Es ging um die Bewertung ihrer Arbeit.) Und etwas später bin ich in einer Stresssituation und mache was? Genau – ich schaffe es nicht, zu bremsen und motze rum. Stresszeiten sind wahrlich spannende Zeiten, wie ein Spiegel, in den wir reinzublicken gezwungen sind. 

Marie Isabel, Dunfermline

Heute morgen auf Twitter ein Foto von Militärfahrzeugen, die 60 Tote aus Bergamo in Krematorien anderer Städte transportieren. Der heimatliche Friedhof hat keinen Platz mehr für sie. In Friedenszeiten ist man nicht darauf vorbereitet, zu viele Menschen auf einmal zu beerdigen. Die toten Körper selbst finden nicht ins Bild, dafür die Särge, die sie umhüllen und die metallenen Autos, in denen sie reisen. Es wirkt pietätlos, fremde Menschen im Tod öffentlich zur Schau zu stellen. Dürfen das nur Kriegsberichterstatter heutzutage? Um Zeugnis abzulegen, Gewalttaten anzuklagen? Die Verheerungen, die das Virus anrichtet, sind unserer Fantasie überlassen. Sterbende bleiben isoliert, nicht einmal Angehörige dürfen zu ihnen. Der Weg, den letztlich jeder allein geht, ist nun ein einsamer. Ihre Gesichter sehen wir dann manchmal doch: Wenn sie uns aus italienischen Todesanzeigen entgegenblicken, noch aus dem Leben, aus ihrer Vergangenheit in unsere Gegenwart. 

 

Svenja, Köln
Wie oft kann man den Boden saugen? Wie oft kann man die Fensterscheiben putzen? Wie oft kann die Tischplatte durch das schräg einfallende Licht betrachten und die Oberfläche schmierig finden? Und die Fließen in der Küche? Und die Türrahmen. Und die Türgriffe. Und die Fußleisten. Und die Küchenschränke. Und überhaupt alles, was sich in dieser Wohnung befindet. Ich habe eine Neigung zur Reinlichkeit, vor allem, wenn ich sie bei all der Sonne ständig überprüfen kann, deswegen arbeite ich tagsüber oft in Bibliotheken. Jetzt bin ich alleine mit dem Staub. Und der Essigreiniger ist fast alle.

 

Berit, Greifswald

Es ist schwierig nachzudenken, geschweige denn zu arbeiten, wenn fünf Leute in einer Stadtwohnung versuchen eine Art von Alltag zu erzeugen, Schule weiterzuführen, die Arbeit nicht fallenzulassen, den Boden von Lego zu befreien, Wäsche zu waschen, Mahlzeiten zu produzieren. Bis jetzt hält sich der Streit in Grenzen, aber ich merke, wie ich an den Rändern immer mehr zerfasere. Ich sehe Bilder von zu Notfallambulanzen umgebauten Messen auf Twitter und gleiche sie in meinem Kopf mit den Schwarz-Weiß Fotos von Notfalllagern der Spanischen Grippe ab, an die ich mich erinnern kann. Ich weiß nicht genau, ob mir diese historische Perspektivierung Angst macht oder mich beruhigt.  

Hoffnung macht mir ein Zeitungsartikel über den erfolgreichen Versuch Bestandteile von Beatmungsmaschinen mit dem 3-D-Drucker nachzudrucken. Das wird Leben retten. Natürlich folgen auf die gute Nachricht Berichte, dass der Hersteller der aktuell nicht-lieferbaren Beatmungsmaschinen einen Patentbruch festgestellt hat. Solidarität und Innovation im akuten Notfall werden gegen marktwirtschaftliche Mechanismen ausgespielt. Diese Konflikte wird es wahrscheinlich jetzt häufiger geben – oder sind sie nur sichtbarer?

 

Philip, Göttingen

Meine hochfliegenden Pläne, auf entspannte Weise produktiv zu sein, sind Makulatur. Ich hatte mir vorgenommen endlich ohne Druck die Texte zu lesen und zu schreiben, die seit einiger Zeit in der Warteschlange hängen. Jetzt stelle ich fest, dass ich starke Schwierigkeiten habe, mich zu konzentrieren. Jeder Absatz braucht gefühlt eine Viertelstunde. Selbst zu diesem Tagebuch habe ich in den letzten zwei Tagen nichts beigetragen. Ich verbringe (verschwende?) viel Zeit damit, durch meinen Twitter-Feed zu scrollen, in der Hoffnung, etwas Interessantes zu sehen. Dort bekommt ein Tweet, der die Pandemie als “Earth’s Vaccine” feiert und verkündet: “We’re the virus”, fast eine Viertelmillionen (Stand 14:30) “Gefällt mir”-Angaben. Viele widersprechen, aber das so viele Menschen diese Art der scheinbar tiefgründigen Betrachtung gut finden, macht mir Sorgen. Als Philosoph, denke ich mir, wäre ich hier berufen, etwas dazu zu sagen. Aber ich glaube nicht, irgendwen zu einer anderen Ansicht bringen zu können.

 

Shida
Gestern war ich spazieren, weil ich nach Tagen der Krankheit (kein Fieber + kein Husten = kein Corona?) wieder fit genug dafür war.

Die Straßen waren erstaunlich belebt. Wenn mir jemand entgegenkam, lächelten wir uns an. Ehrlich wahr, alle lächelten. Die meisten Leute waren alt. Risikogruppe. Sie lächelten und machten gleichzeitig einen Bogen um mich, während ich lächelte und gleichzeitig auch einen Bogen zu machen versuchte. Das Wort „Risikogruppe“ gebührt eigentlich eher mir als euch, dachte ich. Ich bin doch hier das Risiko. Ihr geht einfach nur spazieren und lächelt.

Heute Spaziergang Nummer 2. Merkels Ansprache scheint zu wirken: Es ist deutlich menschenleerer. Es wird aber auch nicht gelächelt. Auch nicht, als mir auf dem Bürgersteig drei Menschen entgegenkommen. Wir wissen nicht, wie wir aneinander vorbeikommen sollen. Die drei und ich. Wir bleiben alle vier voreinander stehen und es passiert nichts. Nichts! Ich weiß nicht, wie wir uns am Ende weiterbewegt haben. Wir sind auf jeden Fall alle vier noch neu im Land der Social-Distancing-Spaziergänge.

Nach beiden Spaziergängen habe ich komatös geschlafen. Das macht mir Angst. Dass ich in ein paar Tagen denke: Wie konnte ich nur so selbstverliebt sein zu denken, mich würde der Virus verschonen. Und dann denke: Wen habe ich vor meiner Isolation (heute ist es Tag 6) alles in Gefahr gebracht? Erst mal versuche ich zu denken: Das ist eine ganz normale kleine Grippe wie ich sie ständig habe. 

 

Sandra, Berlin

Hardcore Homeoffice mit Kind. Tagsüber Grüner Tee, abends Gin Tonic. Wir erfinden neue Rituale im Großen und Kleinen um den neuen Alltag zu bewältigen. Mein Partner und ich ringen um Zeit und Nerven, versuchen unsere Arbeit weiterzubringen. Die Sonne scheint, das Kind will und muss auch mal raus, rennen, laufen, atmen. Also heisst es für einen von uns, möglichst täglich einen möglichst menschenleeren Flecken Grün zu finden, wo ein bisschen Freiheit und Bewegung möglich ist. Und ja, wir sind privilegiert, weil wir homeoffice machen können, und nein, ich bin es eigentlich überhaupt nicht, weil ich immer homeoffice mache, überhaupt das letzte Jahr, all die Abende, Nächte, Wochenenden arbeiten und tagsüber das Kind betreuen, mangels Kitaplatz. Und jetzt, endlich, haben wir einen und (verständlicherweise) hat die Kita zugemacht, noch bevor wir mit der Eingewöhnung beginnen konnten. Ich hätte heulen können. Die Babysitterin, die uns ab und zu geholfen hat, ist seit ein paar Tagen in Quarantäne und würde im Moment ohnehin nicht kommen (was wir alle für das Beste halten), sie schreibt, dass sie das Kind schon vermisst. Ich hoffe, dass sie gesund bleibt. Wir schreiben via whatsapp und reden einander gut zu, versichern einander gegenseitige Hilfe, wenn etwas dringend wird und überhaupt. Wir führen diese Gespräche nicht nur mit ihr, auch mit Freund_innen, Familie. Wenn ich einkaufen gehen muss, sind die einen viel nahbarer als sonst, kurze Gespräche ergeben sich, Freundlichkeiten werden ausgetauscht – dafür sind andere sehr viel unangenehmer, distanzlos, rücksichtslos. Berlin kann manchmal so ein Riesenarschloch sein. Vor mir an der Kasse im Bioladen werfen zwei Twentysomethings Berge von Haferflocken, Bohnen, Klopapier aufs Kassenband und ernten böse Blicke. Aber keine_r sagt was. Sollten wir etwas sagen? Und wenn ja, was?

Meine Wiener Freund_innen abends auf meinem Bildschirm im Splitscreen, wir sitzen in unseren Wohnzimmern, erzählen, freuen uns, dass es allen gut geht, hoffen, dass es so bleibt. Manche von ihnen leben allein, andere haben Kinder. Ich bin froh, dass ich eine kleine Familie habe, auch wenn es mich in diesen Tagen oft an meine Grenzen bringt, ich müsste in Stille und Konzentration an meinem Manuskript sitzen. Eigentlich. Täglich telefoniere ich mit meinen Eltern, sie wohnen bei Wien, ich bin weit weg, kann ihnen nicht zur Hand gehen – und das Digitale ist nicht ihre Welt – vielleicht üben wir heute Abend Videotelefonieren. Die Zeit rast, ich wundere mich, dass manche anscheinend nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Mein Problem ist viel eher, Ruhe zu finden, auch in diesen Tagen. Ganz oft ist es jetzt so: Die Stimme auf der einen und der anderen Seite der Leitung, ein gemeinsamer Moment, ein Durchatmen.

 

Matthias, Jena
Wie schnell sich Ordnung aus dem Chaos herausbildet: In Jena hat die Initiative des Innenstadtgewerbes eine Seite aufgesetzt, auf der Ladengeschäfte und gastronomische Betriebe, die jetzt nur noch liefern bzw. Abholservice anbieten dürfen, ihre Angebote sammeln. Im Kaufland Aushänge, die zu zwei Metern Abstand auffordern (daran hält sich kaum jemand) und regelmäßige Durchsagen, die bitten, bargeldlos zu zahlen. Ein Haufen E-Mails von Onlineshops, die mir versichern, dass der Betrieb weitergeht, nahezu inhaltsgleich: Die Büroangestellten habe man heimgeschickt, die Logistik arbeite im Mehrschichtenbetrieb mit strikter Trennung (genau so ist es in der Firma meiner Frau übrigens auch, die u.a. Apothekenlogistik betreibt). Schreiben die alle voneinander ab, gibt es da eine Richtlinie? Es erinnert mich so ein bisschen an den erst tröpfelnden, dann reißenden Strom der DSGVO-Infomails im Mai 2018.

Ich habe mich dabei ertappt, zu überprüfen, wie viel Toilettenpapier wir noch haben – sieben frische Rollen plus die angebrochene. Meine Arbeitsmotivation ist gering, aber das Thema ist bei mir ohnehin schwierig. Ich hatte einen Chat mit einer Verwandten, die meinte, vielen käme die Epidemie gerade recht, so müde und erschöpft wie alle seien. Passend bzw. kontrastierend dazu der National-Geographic-Artikel von neulich, der feststellt, dass die Menschen in den westlichen Gesellschaften anscheinend seit mindestens dem Mittelalter zu jedem Zeitpunkt denken, die aktuelle Epoche sei die müdeste und erschöpfteste.

In den sozialen Medien hat sich der normale Umgangston von Gereiztheit und Zurechtweisungsdrang nicht etwa abgeschwächt, sondern noch verschärft, zugleich liegen bei mir die Nerven natürlich blanker. Auch die klassischen Medien scheinen ihre Unsitten (z.B. überhastete Produktion quatschiger Einordnungsthinkpieces) eher noch zu verstärken. Ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich mir geschwätzfreie Medien wünsche, aber das ist natürlich so, wie sich eine Graffitikultur ohne Tags oder Gewitter ohne Regen zu wünschen. Ich bin mir selbst etwas peinlich. Ich muss die Tage vor die Tür, um ein paar Kurzvideos für einen Beitrag über DDR-Architektur zu drehen, und frage mich jetzt schon, wie die Leute darauf reagieren werden, dass ich mit meinem Handy in einem großen Gimbal durchs Viertel laufe. Ob man glauben wird, dass ich für den Corona-Überwachungsstaat unterwegs bin? Mir ist es unter anderen Umständen schon unangenehm genug, in der Öffentlichkeit zu filmen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Unsere Allgemeinarztpraxis vergibt momentan keine regulären Termine mehr, nicht einmal Telefontermine. Notfälle werden einer Triage-Krankenschwester vorgestellt, die einen dann zurückruft. Bin ich ein Notfall? Nein. Wird sie zurückrufen? Ich hoffe doch. Der NHS im Pandemie-Modus. Ruft man die direkte Nummer der Breast Care Nurses im örtlichen Krankenhaus an, die sich um Brustkrebspatient:innen kümmern, begegnet man einer Informationsansage, deren Länge die elektronischen Aufnahmekapazitäten sprengt. Überall die Frage nach möglichem Kontakt mit Corona-Erkrankten. Da hilft nur eins: Sprachnachrichten hinterlassen, ruhig bleiben und das Stressniveau niedrig halten, damit der eigene Körper nicht auf unangenehme Ideen kommt, während das Gesundheitswesen implodiert. 

PS: Sie haben alle zurückgerufen. Das System steckt zwar etwas im Chaos aber funktioniert: Notfälle haben absolute Priorität. Einen Termin habe ich zwar noch nicht, aber mehr Informationen, Handlungsanweisungen bei Verschlechterung und die Aussicht, dass es nächste Woche mit dem Arztbesuch klappen könnte.

PPS: Ich merke, wie gut mir das Schreiben an diesem kollektiven Tagebuch tut. Manchmal, wenn ich eine Notiz hinterlassen will, sehe ich, dass andere gerade auch schreiben, und ich stelle mir vor, wie sie irgendwo auf dem europäischen Festland vor ihren Bildschirmen sitzen und tippen und korrigieren, während ich hier an meinem Schreibtisch auf der Insel genau das Gleiche mache. Eine Gemeinschaft von Schreibenden in Zeiten der sozialen Distanz.

 

Svenja, Köln
Ich verschicke Hundevideos. Ich verschicke Katzenbilder. Ich verschicke tic toc-Aufnahmen. Ich schreibe SMS, Emails, Instamessages, Facebooknachrichten. Gestern Abend hatte ich ein vierstündiges Skypegespräch mit ebenfalls isolierten Freundinnen. Wir trinken – Wein, alkoholfreies Bier und Cola mit Jägermeister – und hören Angela Merkel zu. Wir besprechen die Lage der Nation und wie wir uns verhalten wollen. Wir reden über Ängste, Fragen, Ärger. Und dann sprechen wir über uns. Eine Freundin ist seit längerer Zeit krankgeschrieben und leidet darunter, nicht wieder in den Job zurückkehren zu können. Eine Freundin plant ihre weitere Zukunft. Ich habe die meisten Termine aus meinem Kalender gelöscht. Manchmal steht „Skype mit…“ zwischen den vielen weißen Spalten.

 

Shida

Während meiner care-Arbeit, die gerade meine Hauptarbeit geworden ist, läuft das Radio. Im Halbstundentakt erzählt mir der Deutschlandfunk, dass „die Bundeswehr“ sich „vorbereite“. Die Kombination dieser beiden Worte macht mir mehr Angst als die Meldungen, die darauf folgen. Geht das allen Menschen so? Schöpfen manche Vertrauen? 

A propos Angst und alle Menschen: Heute vor einem Monat hat ein rechtsradikaler Terrorist neun rassistische Morde in Hanau begangen. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht gefragt habe, wie es den Angehörigen der Opfer geht. Jetzt, in diesen Tagen, frage ich mich das umso öfter. Es übersteigt meine Vorstellungskraft. 

Heute habe ich vier Taxifahrer gesehen. Sie standen vor ihren leeren Taxis, mit Kaffee und Gebäck und plauderten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Sie standen in einer symmetrischen Formation, die so aussah, als hätten sie vorher mit dem Zollstock abgemessen, ob sie auch wirklich zwei Meter Abstand zueinander halten. Sie plauderten und lachten. Sie sahen so aus, wie ich mir wünschen würde, dass alle aussehen: Sich dem Ernst der Lage bewusst, sich an die Vorgaben haltend, sich nicht in Panik versetzend. 

 

Nabard, Bonn

Mit der Angst kommt die Wut. Nicht auf die Politik. Oder auf die Gesellschaft. Wut auf eine Institution die das Leben eines jeden Mediziners lenkt und waltet wie es ihm beliebt. Das IMPP, Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen, seit 2016 geleitet von Frau Prof. Dr. Jünger.

Ein Institut was sich seitdem zu einem diktatorischen Bürokratiemonster entwickelt hat. 

Neuester clou von Prof. Jünger; aussetzen des Staatsexamens für Medizinstudierende damit diese als Hilfskräfte in den Krankenhäusern eingezogen werden sollen. 

Ohnmacht macht sich unter meinen Kommilitonen breit. Sie lernen, wie ich im Sommer seit mehr als 80 Tagen ohne Pause. Geschlossene Bibliotheken. Keine Möglichkeit analog an Lehrbücher zu kommen. Doch online Tools und Plattformen helfen. 

Wir haben eine Petition* gestartet, doch Solidarität von anderen außer Medizinern erhalten wir kaum. Die Resonanzen sind überschaubar. „Wir“ sollen helfen und retten aber sind einem System ausgesetzt welches Schach mit uns spielt. So wird der Nachwuchs an jungen Medizinern vergrault. Kein Wunder dass die meisten in die Schweiz, nach Skandinavien oder Kanada auswandern wollen. 

*support Us

 

20.3.2020

 

Sonja, Köln

Mir ist nicht mehr nach Pandemie-Pointen. Die Blumenläden haben ihre Blumen verschenkt. Auf dem Markt stehen die Leute rum wie meine Avatare bei Sims früher, weit auseinander mitten auf dem Platz ohne direkten Anhaltspunkt, dass sie da vorne ein Ei und ein Glas Honig kaufen wollen (natürlich wollen sie mehr kaufen, wir brauchen Essen, Stressessen, Angst essen Seele auf und Essen isst Angst auf). Verloren stehen die Menschen über den Platz verteilt an und warten sehr geduldig, aber es sieht nicht nach Warten aus. Warten sieht anders aus. Warten ist doch sonst ein enges Hintereinander, ein drängelndes Gehtsbaldweiter, ein eiliges Mussjetztwieder. 

Der ganze Marktplatz ist ein Wartezimmer, aber die Handys darf man anlassen. Das Robert-Koch-Institut braucht das Handy nah bei uns, um uns tracken zu können, will wissen, ob wir zu Hause bleiben. Die Telekom stellt unsere Mobilfunkdaten zur Verfügung, damit das RKI Bewegungsprofile erstellen kann. 

Einmal am Tag gehe ich im Kölner Volksgarten spazieren. Ein paar Gruppen grillen dort, noch mehr Menschen stehen um die Wiese herum und schauen dabei zu, wie ein Polizeiwagen von Gruppe zu Gruppe fährt, um die Ansammlungen aufzulösen. Ich fotografiere zwei Kamerateams, die die Szenerie filmen. Dann folge ich dem Team vom WDR ein bisschen durch den Park, wie sie den leeren Spielplatz filmen. Journalist*innen sind systemrelevant, ich nicht. Ein Mann zieht seinen noch qualmenden Grill über die leere Wiese. Ob er noch ein Würstchen essen konnte?

Auf Facebook wird man entweder über den Klee gelobt, weil man zu Hause bleibt, oder wüst beschimpft. Idealisierung und Entwertung bestimmen viele Wahrnehmungen. Abends lese ich in meiner Facebookstadtteilgruppe, dass wir auf Bewährung seien. Ich kann das Wort nicht ertragen und die Moderatorin in der Extrasendung nach der tagesschau (auch das Extra ist jetzt new normal) wiederholt diese Warnung – die Bevölkerung ist jetzt auf Bewährung! Folgt auf die Kriminalitäts- die Kriegssemantik, wie in Frankreich und Italien? Im Krieg ist alles möglich. So, wie in der jetzigen Ausnahmesituation schon das Asylrecht ausgesetzt wird, die Kinder nicht aus dem Flüchtlingslager in Moria geholt werden. #LeaveNoOneBehind? Wir lassen alle da, wo sie gerade sind. Der März ist ein riesiges überfülltes Wartezimmer und ich blättere mich ungeduldig durch die Hashtags, die sich auf dem stuhlkreisgeborgenem kniehohen Glastisch stapeln.

 

Jan, Hannover

«Das soll man aber nicht machen», sagt die Verkäuferin an der Supermarktkasse und zeigt auf das Zeitschriften-Cover, das sie gerade über den Warenscanner gezogen hat. Das Foto darauf zeigt das Faschistenmännchen Björn Höcke beim Händeschütteln mit einem Stundenministerpräsidenten, dessen Namen ich gnädigerweise schon wieder vergessen habe. (Im Supermarkt verkaufen sie keine «Compact» mehr, aber immer noch die gute alte «Konkret»; ein kleiner Sieg.) Nein, Nazis sollte man nie die Hand reichen, denke ich, aber natürlich geht es nicht um Politik, sondern um das Virus, dieses heimtückische Ding. Es geht jetzt immer alles um das Virus.

Der Einkauf war seltsam. Wir können schon deswegen nicht hamstern, weil wir nicht in der Lage sind, für mehr als zwei Tage vorauszuplanen. Im Supermarkt laufe ich immer noch herum, als müsste ich wie vor 25 Jahren mein kleines Vorratsregal in der WG-Küche auffüllen (zweites Brett von oben). Aber heute habe ich zum ersten Mal im Leben Sachen gekauft, weil sie wieder da sind, nachdem sie zu Beginn der Woche noch ausverkauft waren. Hey, Parmesan ist wieder da! Dafür sind jetzt die Kartoffelchips aus, zumindest die guten Sorten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Deutschland sein Schicksal auf dem heimischen Sofa endlich angenommen hat.  Nudeln sind auch immer noch ausverkauft, aber Gnocchi sind ungeachtet der Coronakrise erstaunlicherweise durchgehend problemlos zu bekommen. Niemand fotografiert in den Gängen die leergekauften Regale, entweder ist das Thema durch oder die Menschen in meinem Stadtteil sind nicht auf Twitter.

«Da haben Sie natürlich recht», sage ich zu der Verkäuferin und zücke meine Karte. Die Wahrheit ist, ich war noch nie der große Händeschüttler. Von mir aus müssen wir nach Corona nicht zu diesem Brauch zurückkehren.

 

Birte, Darmstadt
Gestern Abend habe ich im Dunkeln in der Wohnung getanzt. Wir haben die vierte Folge der zweiten Staffel von Derry Girls geschaut, die mühelos eine Hochzeit und eine Beerdigung in 25 Minuten unterbringt. Es gibt Rock the Boat, Haschscones von Michelle und Sister Micheal fragt sich, ob sie eigentlich auf ihrer eigenen Beerdigung ist, als der langweiligste Erzähler der irischen Insel Onkel Colm ihr ein Ohr abkaut. Der Sohn hat auf Spotify die Derry-Girls–Playlist (meiner Jugend) gefunden und so kam eins zum anderen.

Das und telefonieren war gut. Auf Twitter Stimmen lesen, die vorgeben, die Situation bewerten zu können, die sich gar damit hervortun wollen, eher nicht. Apokalyptiker und Integrierte, so kommt mir die aktuelle Aufteilung vor meiner Umgebung vor. Und dennoch ist auf Twitter mein Netz virtueller Kontakte, die ich nicht missen mag und kann, von denen ich lesen möchte. Oder noch lieber hören.

Ach ja: Onkel Colm hat Präsident Kennedy getroffen, als der in Nordirland war. Darauf Gerry, Vater der Hauptfigur Erin Quinn: “JFK spoke to Colm? Christ, that man didn’t have much luck, did he?” 

Das Gefühl, ständig Ähnliches zu schreiben.

 

Shida

Mit welchen Worten sagt man Verabredungen zum Kaffeetrinken ab, die man letzte Woche gemacht hat? „Aus gegebenem Anlass“? Muss man Verabredungen überhaupt explizit absagen? Versteht sich das nicht von selbst?

Ich verstehe gerade überhaupt nichts von selbst. Ich finde es jetzt seit einer Woche völlig klar, dass wir das Haus nicht verlassen, wenn es nicht sein muss (oder wir spazieren gehen um nicht krank zu werden). Menschen, die sonst eher so denken wie ich, denken in dieser Hinsicht plötzlich anders und ich verstehe so überhaupt nicht, nach welchem Muster das folgt. Haben sie einfach andere Gespräche geführt, andere Sachen gelesen? Andere Schutzmechanismen, die sie von der Realität fernhalten?

Gestern wäre ich mit einer Bekannten verabredet gewesen. Ich habe aus Überforderung, die Bekannte im Umgang mit social distancing nicht einordnen zu können, nicht die leiseste Idee gehabt, wie ich ihr absage. Am Ende habe ich einfach nichts getan, nichts erklärt, nichts abgesagt. Ich habe mich einfach nicht bei ihr gemeldet. Sie hat sich auch nicht bei mir gemeldet. Wir haben also ohne Worte die einzig logische Konsequenz getragen und unser Treffen bis auf weiteres vertagt. Das ist also noch mal gut gegangen.

Manchmal wünsche ich mir eine Ausgangssperre, einfach, damit solche Unsicherheiten vom Tisch sind. Je länger all das geht, desto simplere Lösungen wünsche ich mir. Heute finde ich sogar die Vorstellung von Bundeswehrsoldat*innen, die Lebensmittel in Autostaus verteilen, toll. Huch.

 

Sonja, Köln

Meine Schwester schreibt eine Nachricht in die Whatsappgruppe “Familie 2.0”: “Die Ausgangssperre wird wohl kommen. Wir haben jetzt Bescheinigungen bekommen.” Mir kommen die Tränen. Ich will nicht eingesperrt sein. Meine Angst ist mir unangenehm, wo doch andere vermeintlich viel größeren Belastungen ausgesetzt sind, mit ihren Kindern zu Hause, in beruflichen Ausnahmesituationen; mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter, die in den Kliniken und Praxen arbeiten und gerade mit das Gesundheitssystem aufrecht erhalten. Aber mich beherrscht einfach nur die Angst, isoliert zu sein, nicht raus zu dürfen und das auf unbestimmte Zeit. Ich werde keine Bescheinigung bekommen, weil ich nicht “systemrelevant” bin. Akut nicht, flüstere ich hinterher. 

Nie hätte ich gedacht, dass mich die Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit psychisch so dermaßen zerfressen würde. Wie mit der erzwungenen sozialen Distanz umgehen? Und wie lange?

Wann warst du das letzte Mal in einer Situation, in der du nicht wusstest, was in drei Wochen sein wird?

Die Straßen werden leerer, die Kreidebilder auf den Bürgersteigen größer und bunter.

 

Svenja, Köln

Ich bin perfektionistisch veranlagt und mit der Situation überfordert, sobald ich rausgehe. Heute muss ich einkaufen. In meinem Rucksack ist Platz für fünf Tage Essen. Ich weiche den Menschen auf den Bürgersteigen aus und bin bald so genervt, dass ich auf der Straße laufe. Autos fahren hier eh selten. Im Supermarkt, der nicht REWE heißt sondern einen türkischen Namen trägt, ist es leer und es gibt viel Gemüse. Noch trage ich Handschuhe (temperaturbedingt) und weiß nicht weiter: Fasse ich Gemüse an? Oder besser nicht? Bei den Konserven ist es einfacher, die staple ich behandschuht im Einkaufskorb. Dann: Kasse. Fließband: Bad, klar. Aber der Kassierer desinfiziert nach jedem Bezahlvorgang seine Hände, sodass ich ein schlechtes Gewissen bekomme: Wenn er meine Möhren anfasst und sie mir reicht, erscheint es unhöflich, sie nicht auf die gleiche Art anzunehmen. Ich bezahle trotzdem mit Karte, trage alles nach Hause und überlege, ob man Äpfel jetzt auf die gleiche Art wäscht wie Hände (20 Sekunden, Seife, 1 Refrain “I will survive”).

Ich betrachte alles, was von draußen kommt, misstrauisch und beschließe, es einfach neun Stunden lang nicht zu berühren, dann ist vielleicht alles gut. Ein Bekannter schreibt, er geht jeden Tag einkaufen und gleich auf den Wochenmarkt, denn er vermisse die Menschen. Ich halte mich davon ab, zu antworten, dass er doch bitte aus dem Fenster sehen möge, in seinem Viertel sind ständig Menschen auf der Straße, aber dann antworte ich einfach gar nicht. Ich möchte nicht übertreiben. Ich möchte nur alles richtig machen.

Ich weiß nicht, ob wir hier auch dialogisch vorgehen. Aber: Ausgangssperren sind keine Einschlussgebote. Nadja Schlüter schreibt über ihre Situation in Belgien: “Hier in Belgien ist seit heute Ausgangssperre. Und das ist ein Segen. Denn natürlich darf man raus und spazieren oder joggen – aber eben nur noch maximal zu zweit. Im Park waren viele Menschen, denn die Sonne scheint, aber alle einzeln/zu zweit und mit sehr viel Abstand. I like.”

 

Nabard, Bonn

Geh heute früher nach Hause. Ruh dich aus, du wirst die Kraft brauchen für die nächste Woche.“ Mit diesen Worten verabschiedeten mich die beiden Oberärzte. Ich weiß nicht ob ich mich geehrt fühlen soll so wertgeschätzt zu werden oder Angst bekommen muss weil die Docs mehr über die kommenden Tage wissen als ich. Ein anderer Oberarzt, liebevoll „Motivator“ genannt hat defacto resigniert. Ärzte die 15 Jahre + den Laden am laufen gehalten haben, senken ihre Köpfe. SARS CoVid19 ist nicht die einzige Krankheit gegen die wir kämpfen müssen. Sie kommt als Sahnehäubchen oben drauf. Und wir haben (noch) keine Waffe dagegen. Vielleicht begreife ich es eher wenn ich später selbst einen Patienten verliere. Aber es kommt mir noch so weit weg vor. Gestern stand ich am Präperiertisch, sezierte die Leiche einer 87 jährigen Spenderin. Womöglich muss ich in den kommenden Wochen erstickende Patienten intubieren. This shit scares me. It does. 

Gestern meinte ein befreundeter Zahnarzt, dass die Praxis in Urlaub geschickt wird. Wir sprachen lange, viel, über alles was uns einfiel. Unsere Studienzeit, Romanzen, Dozenten und Profs. Ich sei nicht ganz anwesend waren seine Worte zum Abschied.

Ich fahr jetzt heim, eigentlich will ich gar nicht. Die Spät- und Wochenendschicht beginnt. Sechs Docs und ne Handvoll Pflegekräfte die das ganze Haus auf dem laufenden halten müssen. Einzig erfreuliche, Patienten mit „banalen“ Symptomen meiden die Notaufnahme.  

Am Wochenende werde ich wohl das neue Album von The Weeknd rauf und runter hören. Etwas Melancholie was mich abholt. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Da die wöchentliche Wassergymnastikstunde (mit bis zu 75 Teilnehmer:innen) bis auf Weiteres ausfällt, beschließen wir, stattdessen im Park zu spazieren. Drei Frauen sind keine Menschenmenge. Ein seltsames Unterfangen, den empfohlenen Sicherheitsabstand voneinander zu halten, während man sich unterhält. Wir füttern Vögel und Eichhörnchen, praktizieren auf einem kinderlosen Spielplatz etwas Tai Chi. Die Sonne scheint aus blauem Himmel, Bäume wiegen sich in lauem Wind, allüberall zwitschert und blüht es. Die Natur hat etwas besonders Berückendes in unsicheren Zeiten.

Eine von uns ist Malerin und erzählt davon, dass alle Galerien, die sie ausstellen, geschlossen haben; ein für den Spätsommer geplantes Kunstfestival ist schon abgesagt. Gut, dass sie gespart hat, meint sie, und stellt sich innerlich darauf ein, diesen Sommer im Garten statt vor ihrer Staffelei zu verbringen. Das Problem ist auch mir vertraut. Seit Wochen warte ich darauf, dass mir eine Klientin einen zugesagten Auftrag zuschickt. Drängen kann und mag ich sie nicht – sie hat Familie in Italien.

Inzwischen haben viele Bibliotheken geschlossen, teilweise bis Juni. Theater, Kinos, Museen, Konzerthallen – das kulturelle Leben bricht weg. Was aber ist mit den Künstler:innen – viele freischaffend, ohne festen Vertrag? Sollen sie sich jetzt alle arbeitslos melden, weil das Gesundheitswesen über Jahrzehnte kaputtgespart wurde und der Brexit den bereits bestehenden Personalmangel noch verstärkt hat? Die hiesige Diskussion zur wirtschaftlichen Situation von Freiberuflern bzw. Selbständigen – ca. 5 Millionen Menschen in Großbritannien – hat gerade erst begonnen. Auch mein Mann und ich gehören zu dieser Gruppe.

 

Slata, München

Eigentlich ändert sich ja kaum was, nur, dass Begegnungen nun offiziell verboten werden, davor nur gemieden, aus freiwilliger Motivation heraus, jetzt haben es alle verstanden, dass Begegnungen unangenehm, verdächtig, gefährlich sind, wie ein Freund neulich schrieb, Ich bin ja sowieso immer in Quarantäne. Der Tag zieht sich vor sich hin, unförmig und seltsam, die Zeit lässt sich vom Stundenplan ablesen, den wir am Anfang erstellt, feierlich auf den Kühlschrank geklebt haben, naiv sind wir gewesen, Frühstück, Arbeit, Spielen, Mittag, Arbeit, Spielen, Abendessen, Schlafen, wer macht eigentlich das Essen und wer räumt ab und wird das von der Arbeitszeit abgezogen. Die Sonne brennt durch die Jalousien im Schlafzimmer, auf dem Bett hocke ich zwischen Büchern und Zetteln, auf diesem Bett schlafe ich, sitze ich, schreibe ich, manchmal liegen wir zusammen drauf, ein Ort für alles, für alle Umstände des Lebens. Etwas Wichtiges vollzieht sich gerade, unsichtbar, kaum spürbar, eine ungemeine Veränderung liegt in der Luft, verteilt sich im Land, wir werden auf Probe gesetzt, ob wir uns sagen lassen, wann wir unser Haus verlassen dürfen, ob wir uns zurechtweisen lassen, ehrliche Auskunft geben über Ziel und Zweck unserer Bewegungen außerhalb der Wohnung.      

‒ Ich rufe Oma stets mit einer wohltätigen Mission an, um ihr zu zeigen, dass sich jemand an sie erinnert, ihr treu bleibt, um ihr die Möglichkeit zu geben, in Schwärmereien zu versinken, zugehört zu werden, und merke jedes Mal, dass sie von meinem taktvollen Schweigen müde wird und nach einem Anlass sucht, den Hörer aufzulegen. Oma klingt heiter, sie freut sich über die Deutschen, die Klopapier kaufen und in ihren Wohnungen stapeln, was wollen die denn nur damit. Sowas, sagt sie, Na sowas hab ich ja noch nie erlebt, Und ich hab schon vieles erlebt, und ich versuche mich zu erinnern, wie alt sie eigentlich ist. Oma sagt, Ich habe ja sowieso nichts zu verlieren, und da sie nicht aufstehen kann, kann sie auch keine Türklinken desinfizieren oder eineinhalb Meter Distanz zu ihren Krankenschwestern einhalten, sie atmet schwer genug, um sich Gesichtsmasken aufzusetzen, sie liegt Tag für Tag vor dem Fernseher und beobachtet das Wetter aus den Fenstern. Ich denke auch, dass sie nichts zu verlieren hat, und freue mich darüber, dass sie heiter klingt.

 

Viktor, Frankfurt

Vor einige Zeit das Buch “Never Split the Difference/ Negotiating As If Your Life Depended on It” (Chris Voss, Thal Raz) gelesen. Ein ehemaliger US-Spezialist für Verhandlungen bei Geiselnahmen schreibt darin über grundlegende zwischenmenschliche Kommunikationmechanismen. Mehrfach macht er deutlich, dass wir in Krisen so gut verhandeln/sie meistern können, wie gut wir vorbereitet sind. Aktuell merke ich auf verschiedenen Ebenen die Corona-Stresstests: die technische Infrastruktur der Gesellschaft, die Arbeitsabläufe im Job, die privaten Beziehungen. Alles beeinflusst sich gegen- und wechselseitig. Und ich merke, das wir mit dem Stress immer nur so gut umgehen können, wie gut wir auf die Notsituationen vorbereitet sind.

Strukturen helfen. Manchmal ist es einfacher, sich welche zu geben, manchmal schwieriger. Wer gesund ist, keine innerfamiliären Probleme hat, kann sie leichter einhalten. Wer sowieso in einem stressigen Alltag steckt, kann den jetzt vermutlich erst recht nur schwer strukturieren.

 

 

Sandra, Berlin

Die Manuskriptabgabe rückt näher, lässt mich Abstand suchen zu dem, was draußen in der Welt vor meinem Fenster geschieht. Ich igle mich ein, verschiebe Sätze, Wörter, Bedeutungen, sortiere Szenen neu. Gleich hinter der Tür meines Arbeitszimmers spielt das Kind, tippt mein Partner an seinem Arbeitsplatz auf seiner Tastatur, telefoniert, wartet auf den Beginn von Online-Meetings. Auch die Nachrichten von Freund_innen aus verschiedenen Teilen der Welt holen mich immer wieder zurück in die Realität. In der digitalen Welt tobt der Streit pro und contra Ausgangsbeschränkungen in Berlin, die in Wien, wo ich herkomme, schon seit Tagen analoge Realität sind. Die Spielplätze in unserem Kiez sind seit heute morgen gesperrt, und ich denke, dass das gut ist. Also gehen wir auf den Friedhof um die Ecke, wo es Singvögel, Spechte und Eichhörnchen gibt, in einen versteckt liegenden Teil, wo Bienenstöcke auf einer Lichtung stehen. Ich sehe zu, dass das Kind nicht über die Gräber läuft, wir suchen lange Stecken und stochern im Laub, in den trockenen Böden der Wasserbecken, vergessen die Zeit. Das Kind scheint nicht müde zu werden, sobald wir vom Spaziergang zurückkommen, will es schon wieder am Fenster stehen, mein Partner übernimmt, ich schließe die Tür zu meinem Arbeitszimmer wieder vor der Welt, sehe noch, wie sie gemeinsam beobachten, das Kind deutet und mein Partner benennt, was sie sehen: Ein Vogel. Ein Rad. Ein Lastwagen. Ein Auto. Ein Mann. Noch einer. Eine Frau. Ein Moped. Ein offenes Fenster. Ein Kind. 

  

Svenja, Köln

Wir haben einen Antrag geschrieben. Wir haben ein Abstract geschrieben. Ich habe einen Granatapfel entkernt und Kerzen angezündet. Es ist schon wieder dunkel. Alles dauert merkwürdig lange.

 

Emily, Rostock

Ich bin gern zuhause, lieber dort als irgendwo sonst, und trotzdem stehe ich jetzt am geöffneten Fenster und schaue in Richtung der Jugendlichen, die in der Deckung der Unterführung rauchen. Ich bin unsicher, ob ich ihnen etwas zurufen soll, fluchen, um sie auseinanderzutreiben. Stattdessen starre ich nur vor mich hin. Gestern die lokale Schlagzeile „Gruppe von Jugendlichen fährt aus Langeweile Bus“. 

Der Hausmeister trägt jetzt dünne Plastikhandschuhe, wenn er den Müll in den Tonnen auf dem Gehweg umschichtet. Wer unsere Haustür seit Montag abschließt, weiß ich nicht. 

Jeden Morgen stehe ich zwischen sechs und sieben auf. Ich habe mich seit Jahren nicht so gut ernährt. Ich habe meine Großmutter seit Jahren nicht so regelmäßig angerufen. Ich habe mich noch nie zuvor zum Morgensport aufraffen können. Ich bemühe mich um Optimismus, der nicht meine Art ist und träume wie man meinem Vater die Schlafmaske abnimmt, um einem Schäferhund das Atmen zu erleichtern. 

Beim Spaziergang am Hafen zähle ich die zufriedenen Gesichter der Angler. Sie hören leise Musik und fangen dennoch Fische. Ich lächele einem Mann zu, dessen Sohn neben ihm auf dem Asphalt schläft. Er deutet auf das Wasser und sagt, dass er sobald nicht einkaufen gehen muss. Und ich fühle mich beruhigt. 

 

Berit, Greifswald

Ich habe angefangen zu husten. Wir haben Brettspiele gespielt, ein wenig gearbeitet – es war ein guter Tag, aber ich bin dennoch dünnhäutiger als sonst. Vielleicht ist es der Husten. Wir sind jetzt eine Woche zu Hause, die Zeit fühlt sich länger an. Ich lese in diesem Tagebuch und es beruhigt mich, die Gedanken der anderen zu sehen, mich in eine Menge menschlicher Erfahrung eingefügt zu wissen. Wie ein Mosaiksteinchen in einer Krise, deren Gesamtbild noch gar nicht zu erahnen ist. Mein Kind hustet im Schlaf. Hoffentlich verschwindet dieser Infekt bald.

 

21.3.2020

 

Jan, Hannover

Liebes Tagebuch, lass uns über Angst reden. Ich bin für gewöhnlich ein ziemlich ängste- oder zumindest sorgengetriebener Mensch. Ich kann nicht gut Dinge tun, ohne Konsequenzen zu bedenken und potentielle Gefahren zu wittern. Ich bin jemand, der notwendige Entscheidungen wie ein Risikomanager in endlosen Optionsbäumen zerdenkt. Obacht geben, länger leben. Szenarien, Sprachregelungen. Immerhin habe ich diese «Fähigkeit» beruflich nutzbar und daraus eine Karriere machen können (und diese beendet, weil ich das nicht mehr wollte). Selbst die schönsten Momente und Erfolge im Leben sind für mich ein fröhlich sprudelnder Quell neuer Zweifel und düster gründelnder Grübelei. In jedes Gelingen ist ein späteres Scheitern stets schon eingeschrieben, selbst wenn es nie kommt.

Ich habe immer die Menschen um mich herum beneidet, die überwiegend zur unbeschwerten «Ach, wird schon!»-Fraktion gehören und damit ja meist auch noch recht behalten. Ich habe versucht, mir davon etwas abzugucken, aber dann meist doch nur darüber gegrübelt, warum es nicht klappt.

Es klingt vielleicht ein bisschen arschig, aber jetzt, in times of Corona, da die Angst plötzlich überall um sich greift und immer mehr Menschen erfasst, fühle ich mich damit weniger allein, weniger als Außenseiter, der sich für seine düsteren doom-&-gloom-Momente, für seine mangelnde Fähigkeit zur Unbeschwertheit insgeheim schämt. Ein bisschen ist es so wie in dem berühmten Satz von Hunter S. Thompson: «When the going gets weird the weird turn pro.» Wenn überall Angst und Grübelei um sich greifen, fühlen sich die Ängstlichen und Grübler*innen vielleicht weniger sonderbar. 

Und es geht sogar noch weiter: Jetzt, da alle grübeln und Sorgen wälzen, habe ich das seltsame Gefühl, dass ich es endlich etwas lockerer angehen kann. Ich spüre, dass ich zwar nicht sorglos bin, aber deutlich gelassener als noch vor ein paar Wochen. Es ist fast so, als würde jemand sagen: Thanks for all the anxiety so far, but we’ll take it from here. Wir sind mit unserer Angst nicht mehr allein, wir reden darüber, das hat etwas befreiendes. Welcome to Angstville.

Aber ich mache mir keine Illusionen, irgendwann wird sich alles wieder einpendeln, das Leben wird weitergehen, zurück in die alte Normalität finden oder in eine neue Normalität münden. Das Unbeschwerte wird in die Leben zurückkehren. Und das mag hoffnungsvoll klingen und sein, aber es bedeutet eben auch, dass irgendwann auch die Grübelscham zurückkommen wird.

 

Birte, Darmstadt

Heute ist Welttag der Poesie. Die Vorstellung, aus etwas Traurigem, Anstrengendem, Verzweifeltem kann etwas Schönes, Verzauberndes entstehen, wenn andere Schmerz und Anstrengung so sublimieren können, gelingt mir das auch, irgendwann, irgendwie, sie hält mich schon lang.

Ich habe heute dieses Gedicht von Rumi (1207-1273) gefunden, übersetzt von Coleman Barks. Ich finde es passt.

The Guest House

This being human is a guest house.
Every morning a new arrival.

A joy, a depression, a meanness,
some momentary awareness comes
As an unexpected visitor.

Welcome and entertain them all!
Even if they’re a crowd of sorrows,
who violently sweep your house
empty of its furniture,
still treat each guest honorably.
He may be clearing you out
for some new delight.

The dark thought, the shame, the malice,
meet them at the door laughing,
and invite them in.

Be grateful for whoever comes,
because each has been sent
as a guide from beyond.

Auf Twitter folge ich Comfort-Accounts wie @yearinShetland, @PastPostcard und @HillFarmBnB. Außerdem habe ich angefangen, Meeresrauschenvideos zu sammeln. 

Ausbalancieren, was geschieht und nicht geschieht, wie das Denken nur noch bis zum nächsten Tag geht. Wir alle müssen unsere Beobachtungen wohl irgendwie verwandeln, gerade habe ich gedacht, wie gut man an Covid-19 Ereignis und Struktur erklären könnte. Um gleich wieder zu wissen: wenn wir gemeinsam nachdenken, dann vielleicht gerade nicht darüber.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Seit heute morgen habe ich das Gefühl, dass sich etwas einspielt im Ausnahmezustand. Seit zwei Tagen bin ich mit meiner Freundin in der Wohnung eines Freundes in einem Vorort von Freiburg. Hier haben wir mehr Platz als in meiner 24qm Wohnung, in der nur das Bad abgetrennt ist vom Küche/Wohn/Schlafzimmer. Ich bin etwas ruhiger geworden, aber immer alles im Verhältnis zur Situation – von innerer Ruhe kann per se keine Rede sein. Heute klappt zum ersten mal eine Art von Arbeiten ein bisschen. Ich schwanke zwischen Sorge, Beruhigung und schlechtem Gewissen, weil ich in einer sehr privilegierten Situation bin und trotzdem Angst habe, unsicher bin und besorgt um meine Familie, meine Freund*innen, von denen es manchen schlechter und anderen genauso gut geht. Gleichzeitig habe ich in Chemotherapie gelernt, dass Angst und Sorge immer relativ sind und nichts, wofür man sich entschuldigen muss. Das Wetter ist heute passender zur Situation. Gestern beim Spaziergang in der prallen Frühlingssonne kam mir das alles wieder so surreal vor. Mein Hals kratzt seit über einer Woche tagsüber manchmal ganz leicht, leichtes Husten bilde ich mir auch seit einer Woche ein und höre auf meinen Atem. Am meisten Angst machen mir Prognosen, die von Monaten und “einem Jahr” sprechen – ich kann mir das nicht vorstellen, es ist in meinem Kopf nicht als Realität umsetzbar. Ich lese mal weiter einen literaturwissenschaftlichen Text…als wäre nichts. 

 

Svenja, Köln

Ich kann keine Nachrichten mehr beantworten. Ich will nicht mehr ans Telefon gehen. Ich reagiere nicht mehr auf Emails. Ich kenne dieses Reaktionsmuster von mir: Wenn mich über längere Zeit ein Gefühl oder ein Problem beschäftigt, kann ich nur so oft darüber sprechen. Wenn es sich dann immer noch nicht gelöst hat, will ich es nicht weiter thematisieren. Problemgefühle kommen an die Oberfläche wenn es ein Gegenüber gibt und mein diffus durch die Wohnung waberndes Ich eine Form annehmen muss. Wenn ich alleine bin, kann es mit medialen Fiktionen (Podcast, Serien, Bücher) verschwimmen, notwendige oder neurotische Alltagshandlungen ausführen und dabei sich selbst vergessen.

Ich versuche zum dritten Mal an diesem Morgen, alle Edelstahloberflächen von Wasserrändern zu reinigen. Ich, dass das eine Kompensationshandlung ist und ich gerade etwas im Außen zu kontrollieren versuche, was ich im Inneren nicht in den Griff bekomme.

Es ist ein Wochenende und ich weiß nicht, wie man Wochenende macht.

 

Shida

Gestern war Eyde Nouruz. Das Neujahrsfest, das man unter Anderem in Iran und in den kurdischen Gebieten feiert, das Fest, das ich mit Familie, mächtig guter Laune, Essen, Küssen, neuen Kleidern, Geld und irgendwo am Rande mit Widerstand verbinde (und dabei kenne ich nur die Exil-Version davon). Gestern habe ich mir den ganzen Tag gewünscht, es wäre einfach kein Nouruz. Ich blocke alle Gedanken an die Situation in Iran, wo man Massengräber für die Corona-Toten aushebt, ab; ich blocke alle Gedanken an kurdische Menschen in den Krisenregionen einer rassistischen Weltpolitik ab, ich kann nicht, ich kann das nicht, ich bin gerade nicht stark genug für die Realität. Ich sitze also in dieser luxuriösen Isolation und wünsche mir, es sei einfach kein Nouruz.

Wir besuchen natürlich nicht meine Eltern, wir bleiben zu Hause und improvisieren einen Haft Sin, den „Gabentisch“, wir haben ganz gute Ideen, wie wir die Hälfte der Gaben mit etwas Vergleichbarem ersetzen. Das aber, was den Tisch erst zu einem Hoffnungsträger und Symbol des Frühlings macht, fehlt. B. macht mehrmals den Versuch, vorzuschlagen, Hyazinthen zu kaufen. Er verpackt es geschickt mit anderen halbwegs wichtigen Erledigungen, die man doch mal machen könnte. Er macht das, weil er denkt, dass ich mich über Hyazinthen so richtig freuen würde. Würde ich ja auch. Aber nicht unter diesen Umständen. Ich sage, Hyazinthen gehören nicht zu den lebensnotwendigen Dingen. Am Ende stellen wir einen klobigen Blumentopf von der Fensterbank auf unseren Gabentisch. Der Tisch sieht jetzt bewaldet aus, überwuchert, ich mag das irgendwie. Dieses Improvisieren macht Spaß, tröstet auf merkwürdige Art. Wenn der ganze Spuk vorbei ist, denke ich, wenn die Folgen nicht so schlimm waren, wie ich es jetzt befürchte, dann werden wir an diese Tage zurückdenken und sie gemütlich finden. Ein paar Minuten später revidiere ich das wiederum als mein persönliches, privates Privileg, so zu denken, denn nicht jede*r wohnt in den menschlichen Konstellationen, die gut tun. Ich lese von der Zahl der häuslichen Gewalt, die bei Isolation steigt und mir wird schlecht.

Bei jedem Anruf, der an diesem Neujahrstag folgt, wird mir klar, dass meine Phantasie nicht ausreicht, die einzelnen, unmittelbaren Folgen dieser Krise für andere auszurechnen. Klar kann ich ganz toll zu Hause bleiben und mich wundern, dass das nicht allen klar ist, dass man das macht. Andere aber müssen jeden Tag zur Arbeit, wo sie Tisch an Tisch mit fünf anderen Leuten Viren und sinnlose Tätigkeiten austauschen und verstehen natürlich nicht, warum sie nachmittags plötzlich isoliert sein sollen. Die Schließung von Schulen und Kitas, die vor 8 Tagen angekündigt wurde, hat allen Erwachsenen, die davon betroffen sind, einen großen Dienst erwiesen: Sie haben den Ernst der Lage sehr viel schneller einsehen MÜSSEN (zumindest theoretisch). Alle anderen, die ihn früh verstanden haben, imponieren mir.

Ich fühle seit gestern meine Lunge, sie fühlt sich an wie eine Raucherkneipe vor Corona. Ich frage mich, ob ich meine Lunge immer spüre und nur jetzt auf sie sensibilisiert bin. Oder ob meine Lunge gerade hart am Ackern ist, sich gegen Eindringlinge zu wehren versucht. Klar kriegen wir den Virus fast alle. Aber ich hätte ihn gerne erst viel, viel später. Irgendwann, wenn Kranksein wieder gemütlich ist.

Vor ein paar Tagen schrieb Svenja, dass sie Serien schaut und sich dabei um die Figuren sorgt – warum treffen die sich, warum halten die keinen Abstand und so. Das fand ich lustig, denn genau das Gleiche dachte ich beim Seriengucken auch. Gestern war der erste Tag, an dem das bei mir aufhörte. Gestern schaute ich Serien und hatte offenbar endlich verstanden: Die echte Welt ist gerade diese, die fiktive ist die andere. Ich habe die Situation wohl verinnerlicht und verstanden und kann sie von den Serien trennen. Man könnte auch sagen: Ich habe mich daran gewöhnt.

 

Andrea, Tübingen

Bevor wir gestern Abend zum Einkaufen gegangen sind, haben wir überlegt: Wohin? Dabei ging es zum ersten Mal nicht ums Angebot, sondern um die Räumlichkeiten: Welcher Supermarkt hat die breitesten Gänge? Wo hat man voraussichtlich bei der Flaschenrückgabe am wenigsten Kontakt – oder umgekehrt: Wo ist uns der Raum zu eng?. Dann: Handschuhe mitnehmen. Das wird Routine werden, aber noch steigert das alles meine innere Unruhe. 

Seit gestern bin ich zugleich ziemlich stetig beschäftigt, weil ich mit den Kolleg*innen Paula-Irene Villa Braslavsky und Ruth Mayer einen offenen Brief gestartet habe zu den Bedingungen, unter denen das Sommersemester stattfindet oder besser: stattfinden sollte. Wir waren selbstverständlich überzeugt, dass die Fragen, die uns umtreiben, auch andere beschäftigen, aber mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet. Es ist überwältigend, und das tut gut. Viele unterschreiben nicht nur, sondern bedanken sich auch und schildern ihre konkrete Situation und strukturelle Probleme, die sie im Brief wiederfinden. Eine Nachricht kam von einer ehemaligen Studentin, die nun an der Uni Dozentin ist, und eine von einem Dozenten, bei dem ich studiert habe, das war beide Male ein netter Austausch! Kritik gibt es selbstverständlich auch, glücklicherweise meistens ernsthaft und nur selten ärgerlich-albern, etwa als jemand mir schrieb, dass er sich von unserem Brief distanziert. Als müsse man mir gegenüber Ablehnung bekunden statt einfach nicht zu unterschreiben. Aber das ist wie bei den Evaluationen der Lehre: Sie können insgesamt noch so gut sein, vereinzelte seltsame Kommentare gehen einem immer lange nach.

Im Hintergrund laufen weiter die Nachrichten über die Ausgangsbegrenzungen und/oder Ausgangssperren. Seit gestern scheint mir, dass die “die Demokratie ist in Gefahr”-Wortmeldungen stark zugenommen haben. Mir ist wirklich unklar, wie man die Priorisierung von Gesundheit so framen kann. Als ob der Ausnahmezustand, den wir jetzt haben und der klar begründet ist, ein Vorschein des Totalitarismus wäre, der auf uns wartet. Ja, man muss da kritisch hinschauen, und gerade was die Migrations- und Asylpolitik angeht, ist im Moment alles alles alles verheerend! Aber deshalb sollte man keine Demokratiekrise herbeireden. Mir ist da viel zu viel slippery slope zu Verschwörungstheorien drin.

Jetzt weiter Mails abarbeiten!

 

Slata, München

Ich stelle mir vor, dass alles weitergeht, weiterzieht, wie eine alte Lokomotive vorbeiraucht, und ich liege immer noch da im Bett um acht Uhr morgens und denke, dass ich dem Tag nicht gewachsen bin, begebe mich wankend ins Bad, dusche, rasiere, schminke mich, begebe mich in die Küche, trinke Tee, zwei, drei, vier Gläser. Gestern beschlossen wir, Schluss mit gesunder Ernährung zu machen, ich beschloss, meine Diäten zu brechen. Gestern haben wir drei Bleche voll Gebäck gemacht, Quarkteig mit einer Füllung aus Zucker, das Rezept soll von meiner Urgroßmutter sein und ich stelle es mir als eine Art Nachkriegserbe vor, so minimalistisch die Zutaten, wir nehmen aber Rohrohrzucker und schütten Vanillin zum Mehl dazu, ich esse alles Übriggebliebene davon zum Frühstück, stopfe es in den Mund hinein.

 

Matthias, Jena

Ich habe es jetzt auch gesehen, das Symbolbild unserer Tage, und zwar in gleich zwei verschiedenen Supermärkten: das leere Toilettenpapier-Regal. Anscheinend hält jetzt schon seit Wochen die Situation an, dass sehr viel auf Vorrat gekauft wird, und ich frage mich: Wie viel kaufen die Leute denn alle? Stapeln die sich alle ihre Keller voll? Wie lang kann das so weitergehen, irgendwann müssen doch alle so viel gekauft haben, wie es geht?

Die Atmosphäre im Supermarkt ist gedrückt. Es ist in Deutschland ohnehin so, dass es sehr einfach ist, in der Öffentlichkeit aufzufallen, anzuecken, verdächtigend beäugt zu werden, und die Möglichkeiten dafür haben sich jetzt natürlich noch vervielfacht. Laute, nörgelige und/oder angetrunkene Menschen, die sich an einem Samstagabend vor dem Netto aufhalten, wirken noch auffälliger als sonst. Ich fühle mich von den lachenden und schimpfenden Menschen belächelt, wahrscheinlich, weil ich sozialmedial aufgeschnappt habe, dass es dieser Tage hier und da Spott über Leute gegeben hat, die sich Mühe geben, sich an die Regeln zu halten.

Meine Frau berichtet, dass in lokalen Facebook-Gruppen Verschwörungstheorien umlaufen, mit erstaunlicher Konkretion. Da wird SARS-CoV2 zum Hebel, den nicht irgendwelche finsteren internationalen Mächte, sondern ganz konkret der Jenaer Oberbürgermeister ansetzt. Hier im Viertel wird gerade eine Schule wegen einer anstehenden Sanierung temporär in ein leerstehendes Schulgebäude umgezogen. Eigentlich sollte das im laufenden Betrieb sukzessive passieren, jetzt wurde es, da die Schulen ja geschlossen sind, binnen Tagen durchgeführt. Einer der typischen Lokalgruppen-Trolle, der den Umzug gesehen haben muss, fragt auf Facebook »besorgt«, was denn in der ehemaligen Schule »eingelagert« worden sei. Man möchte aktuell noch weniger in der Haut wahnhaft Denkender stecken als sonst.

 

Rike, Köln-Vorort Refrath

Seit Mittwoch ist jetzt immer Samstag. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben eine neue Zeitrechnung für uns angefangen.

Bald gibt es wieder verschiedene Lokalzeiten in Deutschland. Köln wird die Samstagsstadt ohne Nachtbetrieb. Der ewige Samstag.

Seite heute: milde Formen von Ausgangssperre. 2+2 werden sich alle Grundschulkinder und Freibad- und Abiturjugendliche gut merken können, die bis gestern noch mit ihren Boomboxen fröhlich durch den Park getingelt sind: Nicht mehr als 2 (Menschen), nicht weniger als 2 (meter physische Distanz). 2+2. Die Grundschulkinder scheinen sich das besser merken zu können als die Jugendlichen. Die werden jetzt geshamed.
Sonja sagt, in der Stadt kann sie jetzt nur noch Slalom gehen.
Warum sprechen alle so dystopisch von sozialer Distanz, die wir jetzt neu überbrücken müssen? Geht es nicht um physische Distanz? Ist es so etwas Neues?

Versuch 1: Ich chatte das erste mal Video mit meiner Mutter, sie ist so froh mich an der Strippe zu haben, wie sie sagt, dass sie rangeht, obwohl sie gerade das letzte Fenster putzt. Ich tauche ein in ihre Frisur und zähle neue graue Strähnen. Corona ist Perspektiv-Erweiterung.
Heute scheint der Tag zu sein, an dem vermehrt der Fensterputztrend losgegangen ist, vielleicht liegt es am blauen Himmel über Mehrteiligdeutschland. Außer in Stuttgart, da schneit es angeblich. Immerhin gibt es doch noch Schnee. 

Mein Vater erzählt mir leidenschaftlich davon, wie er ein Eichhörnchen dabei beobachtet hat, wie es vom Efeu in den Ahorn gesprungen ist, waghalsig so weit, mein Vater sagt: ich habe den Mund nicht mehr zubekommen. Er erzählt mir noch von allen Vögeln, die er heute gesehen hat und über die Streits mit meiner Mutter darüber, wer welche Vogelart richtig identifiziert hat (Vater versus Mutter 1:0. besser als kein Fußball). Sie sind seit einem fast halben Jahrhundert zusammen und gemeinsam in Rente, sie wissen, wie es funktioniert, gemeinsam allein zu sein und nicht durchzudrehen. Ich muss mir bei ihnen keine Sorge um #häusliche Gewalt machen, nur über die Gesundheit.
Ich bin froh, dass mein Bruder es übernommen hat, meine Mutter fürs auf-den-Markt-gehen-weil-sie-nicht-auf-den-Fisch-verzichten-will zu rügen, ich hau aber auch noch mal drauf und sage, dass es kein Argument ist, Fisch auf dem Markt zu holen, weil der so gesund ist. 

Fische im Canal Grande war leider auch dann doch wieder nur Fake News. Bei meiner Recherche lande ich auf einer Seite, die nur positive Nachrichten schreibt und bleibe dran kleben. Ich backe einen Zitronenkuchen für meine 9er-WG und erhalte Beifall, dabei hat es nichts mit wirklicher Arbeit zu tun. Ich fantasiere darüber, auf chefkoch.de einen Rezeptvorschlag für eine Mehl-Klopapierschichttorte hochzuladen, lasse es dann aber sein, es gibt Wichtigeres. Auf change.org kann man jetzt für das bedingungslose Grundeinkommen unterschreiben, 5 minuten Zeit. Die habe ich jetzt, ich bin eins der privilegierten weißen Toastbrote mit Gartenauslauf. Die Geflüchteten an der Grenze sind immer noch da, wo sie sind. Ich sehe keine andere Möglichkeit gerade, als zu spenden und Politiker böse Emails zu schreiben zusammen mit anderen. Meine Mitbewohnerin malt im Garten auf ein Bettlaken den hashtag wirhabengenugplatz. Ich bedanke mich bei ihr für die Arbeit. Sich bedanken wird gerade ein neuer positiver Trend. Allerdings brauchen die Pflegekräfte nicht nur ein Danke sondern bessere Arbeitsbedingungen, merkt eine Pflegerin bei Twitter an.  Coronazeit ist vielleicht Zeit für Netzaktivismus, obwohl ich nicht richtig an Netzaktivismus geglaubt habe bist jetzt, aber es braucht neue Formen von Protest. Zoom-Demos mit 200 Aktivisten vor ihren Bildschirmen zuhause.

PS: Heute morgen: Eine Frau mit einer beflaumten Glatze wie eine junge Taube und Atemschutzmaske an der Kasse sagt zu dem Kassierer das find ich aber gut, dass Sie das mit den Markierungen auf den Boden geklebt haben. Der Mann sagt ja, gerne, 4,95. Ich muss schnell meine nassen Augen wegblinzeln um mir nicht ins Gesicht zu fassen. Ich bin zu nah am Wasser gebaut. Bloß nicht ins Gesicht fassen üben. 

Corona ist Bedachtsamkeitsübungen.
Eine Plexiglasscheibe trennt mich von der Kassiererin. Sie wünscht mir noch ein schönes Wochenende. Ich bedanke mich. Eigentlich fühle ich mich ihr näher als sonst. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Die irische An Post wird in den nächsten Tagen jedem Haushalt kostenlose, frankierte Postkarten zustellen, die an Adressaten im ganzen Land verschickt werden können: ‘The written word is a powerful thing, so embrace it and come together’, heißt es begleitend.

 

Eine gute Werbeaktion, klar, aber mit ernsthaften Kern. Denn, anders als ihre virtuellen Abkömmlinge – Email, WhatsApp, Tweet, etc. – speichern und vermitteln materielle Kommunikationsträger wie Postkarten und Briefe mehr als nur eine Nachricht: Die Handschrift der Absender:in ist nur eine Körperspur neben anderen; man denke an Kaffeeflecken, Tränenspuren, Fingerabdrücke … Postkarten und Briefe werden gehandhabt, adressiert, vielleicht verziert, laufen mit der Post über weite Distanzen, tragen das Nahe in die Ferne und geben den Empfänger:innen etwas, woran sie sich festhalten können, ein Objekt, dessen haptische und optische Qualitäten über lange Zeit zu trösten vermögen.

Über Briefe in Zeiten von Covid-19 dachte ich schon ein paar Tage nach, als Angela Merkel in ihrer jüngsten Ansprache zum Thema bemerkte, dass mancher (neben anderen Kommunikationsformen) vielleicht mal wieder auf den Brief kommen werde. In Krisen- und das heißt auch in Krankheitszeiten gewinnen Formen schriftlicher Kommunikation an Bedeutung – und werden teilweise einer eigenen ‚Behandlung‘ unterworfen (zu beobachten etwa am Beispiel überlieferter Cholerabriefe aus dem frühen 19. Jahrhundert).

Nun plane ich also Briefe, Postkarten – und Pakete – für liebe Menschen. Außerdem habe ich (denn wozu sich auf ein Medium beschränken) heute morgen eine neue WhatsApp-Gruppe für alte Freunde gestartet, die mittlerweile mit Kind und Kegel über ganz Deutschland verstreut sind. Die familiäre WhatsApp-Gruppe wird ab jetzt häufiger nach dem Wohlbefinden befragt (mehrere Verwandte arbeiten im Gesundheitswesen). Eine mentale Telefonliste ist in Arbeit. Am Ende weiß ich jedoch: Alles, was per Schneckenpost rausgeht, wird den Empfänger:innen eine besondere, begreifbare Freude machen.

 

22.3.2020

 

Andrea, Tübingen

Seit kurz vor 8 arbeite ich wieder die Mails ab. Aber ich habe mir auch schon  den Roman “Pixeltänzer” von Berit Glanz rausgelegt, um später die Laudatio von Hanna Engelmaier zum Friedrich-Hebbel-Preis in angemessener Begleitung auf dem Sofa anhören zu können.

 

Viktor, Frankfurt

Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker mit zwei Mitarbeiterinnen, ich habe ihn noch nie so viel rauchen sehen wie in diesen Tagen. Unser Gespräch – zwei Meter Abstand – dreht sich um Ungewissheiten und Unsicherheiten, er weiß nicht, wie er ein halbes Jahr in diesem Zustand durchhalten kann, denn “Machen wir uns nichts vor, das dauert alle noch viel länger.” Ein Kunde schrieb, dass er seinen Job verloren und die neue Brille nicht abholen kann. Die Mitarbeiterinnen sollen zu Hause bleiben, für sie will der Nachbar Kurzarbeitergeld “mit Null Stunden” beantragen. Seine ganze Existenz und das ganze Familienleben (fünf Menschen) hängen im Moment an dem Laden. Und mehr als der momentane materielle Verlust quält ihn die Unsicherheit. 

Wen quält sie nicht. 

Passenderweise lese ich gerade “Suleika öffnet die Augen” (Gusel Jachina), der Roman handelt vom Leben einer jungen Tatarin im Süden der Sowjetunion der 20er/30er Jahre, einer Zeit heute unvorstellbarer Umbrüche, in der die Gesetze von heute morgen nichts mehr galten und die Machthabenden heute die Macht morgen schon wieder verlieren konnten.   

Mich interessierte das Thema ”Unsicherheit” schon lange vor der Corona-Krise. Das hat sehr viel mit meiner Kindheit und Jugend zu tun, mit der Unberechenbarkeit, die ich sehr lange in unterschiedlichsten Kontexten um mich herum erlebt hatte. Unsicherheit kann die Sinne schärfen, kann empfänglich und empfindsam machen, kann aber auch nachhaltig schaden. Ich hatte immer wieder das Glück, dass es Menschen und Phasen gab, die am Ende so etwas wie eine sichere Basis mir halfen aufzubauen, eine Art Sicherheitsinsel für den großen, unsicheren Ozean Leben. Manchmal erscheint mir die Insel groß, manchmal winzig, wie groß sie gerade jetzt ist, kann ich noch nicht einschätzen. Und es ist dann auch schwierig, etwas sinnvolles zu meinem Nachbarn zu sagen oder so für jemanden da sein zu können, dass die eigene Unsicherheit nicht übertragen wird. 

 

Birte, Darmstadt

Heute habe ich Hanna Engelmeier dabei zugesehen, wie sie eine Wohnzimmerlaudatio auf Berit Glanz hält, die mit dem Hebbel-Preis geehrte wird. Wofür muss ich ja wohl nicht noch extra sagen. Ich bin ab sofort für Wohnzimmerlaudationes, vor allem, weil ich die dann auch gucken kann. Nach Westerdingenskirchen, wo der Preis eigentlich verliehen wird, wäre ich ja niemals extra gereist. So konnte ich die schöne Rede und Perspektive auf den Roman hören, auf Berit anstoßen, mich für sie und mit ihr freuen.

Gestern habe ich ein Video aus unserem vorletzten Sommerurlaub gepostet, Strandläufer an der Küste von Montauk.

Seither geht ein sanfter Regen von Meeraufnahmen auf meine Timeline nieder und ich versuche, all das in einem eigenen Account @jedestundemeer zu bündeln, der @spinfocl ist so freundlich, mir bei der technischen Umsetzung zu helfen.

Das Rauschen des Meeres, die gleichförmige Unterschiedlichkeit der Wellen, ihr Rhythmus, all das beruhigt mich. Brauche ich gerade.

 

Slata, München

Jemand schreibt im Messenger wieder über Risikogruppenfaktoren oder die neusten Sterberaten. Zu allem kommt ein neuer Geruch dazu, ein neues Parfüm, das alte leer geworden, es erinnert an das erste Trimester, an zwei Monate Toxikose, ein Erbrechen am Morgen schon, ich bat um ein neutrales Duschgel, ohne Gerüche, Joghurt vielleicht oder Aloe Vera, sowas, könntest du bitte das Deo draußen, vor der Wohnungstür benutzen. Da ist dieser Geruch wieder da, und ich bestelle heimlich ein neues Parfüm, ein anderes, das ich kenne aus der Zeit, als die Geschäfte auf hatten, hundert Milliliter, Eau de Toilette lieber, und dann noch eins für mich, wenn wir schon alle dahocken zuhause, dann Miss Dior, Blooming Bouquet, wenn wir schon alle sterben werden, und vielleicht sogar bald, dann mit einem Hauch Dior auf dem Hals.

 

Berit, Greifswald

Heute habe ich einen Preis gewonnen und mich (wie oft) online geborgen gefühlt. Das war ein Lichtblick, den Rest der Zeit habe ich mit Schmerzen und leichtem Fieber geschlafen. Ich habe mir verordnet an nichts zu denken, einfach gesund zu werden und dafür zu sorgen, dass diese Zeit für meine Kinder eine Zeit mit guten Erinnerungen wird. Das ist Aufgabe genug. 

Bei Twitter entdecken immer mehr Menschen ihr Klassenbewusstsein, zumindest kommt es mir so vor. Schon in den letzten Monaten habe ich immer mehr wütende Tweets gegen die großen Unterschiede in der Einkommensverteilung gesehen und ich habe den Eindruck, dass sich diese Tweets nochmal vermehrt und verschärft haben. Guillotine-Gifs haben Hochkunjunktur. Corona ist auch ein Indikator für soziale Ungerechtigkeiten, die Krankheit verschärft die sowieso vorhandenen Unterschiede, macht sie sichtbar und die Konsequenz ist Wut:

 

Shida

Wir haben uns zum ersten Mal zu dritt zum Spaziergehen verabredet. Im weiten Abstand miteinander geplaudert und uns dabei irgendwie fortbewegt (und uns dabei sehr merkwürdig gefühlt). Eine halbe Stunde später kommt das „Kontaktverbot“, ab jetzt sind Verabredungen solcher Art dann also verboten.  

Später trinken wir per Zoom Konferenzschaltung Bier mit anderen Menschen. Es sind so viele Menschen, dass kein richtiges Gespräch zustande kommt, letztlich trinke ich Bier und schaue dabei andere Menschen an, wie sie in ihren Computer gucken, über irgendwas lachen, irgendwelche Dinge sagen. Trotzdem irgendwie schön.

Gleichzeitig kommt die Meldung, dass Merkel in Quarantäne muss, weil ihr Arzt positiv auf Corona getestet wurde. Ich sehe wie immer, wenn es um Merkel geht, ihre politischen Feinde vor mir und hoffe einfach, um ihnen keinen „Triumph“ zu gönnen, dass sie kein Corona hat. Wo man nicht alles seine Energie reinsteckt.

23.3.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Es braucht also eine Pandemie, um die britische Bahn wieder zu verstaatlichen. Zumindest für ein paar Monate. Gleichzeitig scheinen im Hinterhof von Downing Street “magic money trees” gewachsen zu sein, die der junge Finanzminister (mancher hat in ihm schon den nächsten Premier zu sehen geglaubt), seit Tagen kräftig schüttelt. 

Nachdem mir Covid-19 wortwörtlich Alpträume bereitet, hege ich die Informationsflut ein – weniger Social Media, weniger Nachrichten, mehr Beschäftigung mit Nichtvirusbezogenem. Die Menge an Berichterstattung und digitalem Lärm steht in einem schwer aushaltbaren Missverhältnis zur (scheinbaren?) Ungewissheit der Situation. Aus diversen Ecken des politischen Spektrums verlauten Versuche, Kapital aus der Verängstigung der Menschen zu schlagen. Gleichzeitig wird der eigene Bewegungs- und Handlungsspielraum immer weiter beschnitten.  

Auf Instagram lese ich den Kommentar einer ehemaligen Kollegin, Akademikerin, promoviert, talentiert, vom Befristungsmangelsystem Universität nach Jahren der Anstrengung ausgespuckt (wie so viele junge Menschen meiner und der folgenden Generationen). Sie arbeitet jetzt als Lehrerin, ist zweifache Mutter. Ab heute haben die Schulen in Großbritannien geschlossen, betreuen nur noch die Kinder der ‘key worker’ (es herrscht noch eine gewisse Unsicherheit darüber, wer dazugehört). Die Schüler seien durch die Situation verunsichert, schreibt meine Bekannte – das höre ich auch, fast gleichzeitig, im Radio. Die Lehrer:innen fühlen ähnlich, halten ob der Reaktion der Kinder ihrer Tränen nur mit Mühe zurück. Ihnen kommt das gerade zweifelhafte Privileg zu, erwachsen zu sein. 

 

Jan, Hannover

Am Samstag sollten wir also am offenen Fenster stehen und für die Menschen in den Pflegeberufen applaudieren, die gerade den härtesten aller Jobs machen. Aber wieso eigentlich «gerade»? Auch unter «Normalbedingungen» kann ich mir keinen Beruf vorstellen, in denen die Härte der Arbeit und die gesellschaftliche Notwendigkeit einerseits und die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen andererseits in einem derart krassen Missverhältnis stehen. Ich habe in den letzten Jahren (als Angehöriger, als Freund) viel Zeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht und dabei gelernt, dass die Verzweiflung der Kranken- und Altenpfleger*innen jener der Angehörigen meist in nichts nachsteht. Mit einem gewaltigen Unterschied: Für mich als Angehörigen ist es sozial akzeptiert, ja erwartet, dass ich sie zeige.

Dennoch sträubte sich in mir einiges dagegen, mich in diese absolut folgenlose, rein symbolische Aktion einzureihen. Ich empfinde immer einen starken Widerwillen, wenn Aktionismus und Symbolpolitik aufeinandertreffen, um von mir ein «Zeichen» (oder zumindest eine Unterschrift oder eine verwertbare Mailadresse) zu verlangen. Ich bin keiner, der überall «Gutmenschentum» wittert und verspottet, das ist ein Cover-up für Arschlöcher, und ich versuche, keins zu sein. Aber ich habe so eine gewisse Herdenaversion, ein Unbehagen bei Ansammlungen aller Art. Und ich mag keinen Politkitsch. Das klingt fein nonkonformistisch, man darf sich mit dieser Haltung als kritischen Geist sehen, der stets über den Dingen steht (wir wissen ja, Ibsen, der Stärkste ist der, der alleine steht, dies das), aber natürlich hat diese Haltung auch eine Schattenseite: Sie ist reichlich selbstverliebt und eröffnet einem allerlei bequeme Ausflüchte in Situationen, in denen es eigentlich angebracht wäre, praktische Solidarität zu üben.

Was tat ich denn eigentlich sonst so? Unsymbolisch, konkret, mit praktischen Folgen, jenseits der üblichen kapitalismuskritischen Diskussionen am reichgedeckten Esstisch, wenn Freund*innen zu Besuch waren (damals, in der guten alten Zeit, als man sich noch gegenseitig besuchte)? Was tat ich denn tatsächlich, außer reden und twittern? (Regieanweisung: An dieser Stelle bitte Tumbleweeds und Grillenzirpen und ein paar Spendenquittungen einspielen.)

Zur Auflösung: Natürlich standen wir am Samstag am Fenster und klatschten. Wie Klatschvieh im Musikantenstadl, dachte ich. Aber es tat ja schließlich keinem weh. Und im Stadion war ich mir früher auch nicht zu schade gewesen, einem knappen Dutzend kurzbehoster Bälletreter zuzujubeln. Also. Vielleicht applaudierten wir auch ein bisschen uns selbst, aber entscheidend war dann doch etwas anderes: Man war ja nicht Teil einer uniform marschierenden Masse. Da standen die Nachbarn von der anderen Straßenseite auf ihren Balkonen, mit denen ich sonst nie redete. Jetzt auch nicht, aber wir sahen einander über die Straße hinweg und wussten: We’re all in this together. Bislang hatte uns lediglich ein straff gespanntes Stahlseil verbunden, an dem eine alte Straßenlaterne in der Schlucht zwischen unseren Häuserblocks sacht im Wind baumelt.

Vielleicht war es auch einfach die Hilflosigkeit, die man derzeit andauernd spürt, die mich ans Fenster zog. Vor allem aber das Gefühl, dass es einfach lächerlich ist, in einer Zeit wie dieser selbstverliebt darauf zu beharren, man stünde über den Dingen, während man in Wahrheit genauso hilflos mittendrin steckt wie alle anderen auch, während man sich auf die Arbeit anderer verlässt, verlassen muss. Symbolpolitik ist, zumindest wo sie kein Ausdruck inszenierter Macht ist, oft ein Zeichen von Hilflosigkeit, und in times of Corona sollte sich niemand seiner Hilflosigkeit schämen oder sich zu fein für sie sein.

Am Sonntag um 18 Uhr standen wir dann wieder am offenen Fenster, diesmal, um im weiten Kreise der distanzierten Nachbarschaft die «Ode an die Freude» zu spielen. Um ehrlich zu sein, ich empfand ich keine Freude beim Spielen. Aber einen gewissen Trost. Ich sah wieder die Nachbarn von gegenüber, die gleichen wie gestern, klar, wen sonst, wo sollten denn auch plötzlich andere herkommen, und ich wusste bisher gar nicht, dass die junge Frau von ganz oben Geige spielt. «No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main», hatte meine frühere Kollegin C. gern John Donne zitiert, wenn ich ihr mal wieder mit dem Ibsen kam. (Ach, überhaupt Kolleg*innen: Auch so etwas, das ich vermisse.)

«… alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.» Und Applaus. Man winkte einander noch einmal über die Straße hinweg zu, dann schlossen wir wieder die Fenster. Ein kurzer Moment der Gemeinsamkeit, dann war man wieder für sich. Wir teilten mit Freund*innen und Bekannten kreuz und quer durchs Land die Handyvideos, die unsere Straßen in den verschiedenen Städten und Dörfern beim Musizieren zeigten. Ein bisschen stolz, ja, tatsächlich. Ich Herdentier. Als dann aber schließlich die WhatsApp-Gruppen mit neuen Appellen bimmelten, man möge bitte alle miteinander um 21 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen («bitte leitet diese Nachricht an alle weiter!!!»), da reichte es mir dann doch.

(sorry, viel zu lang, künftig wieder kürzer, versprochen)

 

Slata, München

Neue Dinge entstehen, eine heiße Badewanne voller Schaum zum Beispiel, entspannend, beruhigend, davor ein Fondant au chocolat (lava cake ist aussprechbarer), dazu Puderzucker wie Schnee auf Erdbeerscheiben, schmale Dessertgabeln, lass uns noch ein paar Tafeln Schokolade holen, bevor alle Geschäfte dicht machen, selbst als ein Glas zu Boden fällt, sich in tausend Scherben verbreitet, freuen wir uns fast darüber, sammeln, fegen sie geduldig auf.

 

Nabard, Bonn

Bin gerade am Münsterplatz entlang gelaufen und vor Ludwig stehen geblieben. Zwei Tauben sitzen auf ihn. Happy Birthday Ludwig, ich wette deinen 250. hast du dir anders vorgestellt oder? Niemand der vom Café nebenan zu dir hochzieht. Niemand der vor dir stehen bleibt und ein paar Fotos schießt. Guess that’s life. 

Laufe weiter Richtung Bertha und muss an die Fortbildung der Anästhesisten gerade denken. Was machen wenn ein Patient akut zu ersticken droht…bis mir eine Gestalt über den Weg läuft den ich wohl noch von früher kenne. Er hat einen grauen Bart und graue Haare bekommen. Sieben Jahre können doch lang sein.

Musik-Tip:

The Weeknd – Snowchild

 

Berit, Greifswald

Wenn die Spielplätze und Fußballplätze zu sind, kann man mit seinen Kindern draußen herumlaufen und Pokemon Go spielen. Man steht an Ecken und beugt sich konspirativ gemeinsam über das Handy, fängt dieses und jenes Pokemon, fachsimpelt über Bälle und läuft noch den einen Extrakilometer, den es braucht, um das Ei auszubrüten. Alles fühlt sich sehr normal an, bloß die anderen Passanten machen große Kreise um uns und sie schauen nicht mehr skeptisch auf die Kinder mit dem Smartphone, sondern lächeln mich mitleidig an. Im Hinterhof jagen Eltern ihre Kinder zwischen den Wäschestangen hinterher, damit sie später in der Wohnung ausgetobt sind, andere haben ein Trampolin gekauft. Ein kleines Mädchen rollt sehr lange bäuchlings auf einem Rollbrett hin und her, es klackert leise durch das geöffnete Fenster.

 

Marie, Isabel Dunfermline

Heute auf dem Weg zu Post und Supermarkt (ausgerüstet mit offiziell ausreichend notwendigen Gründen, das Haus zu verlassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen): Vom Bus aus eine kleine Kinderzeichnung hinter Fensterglas. Ein Regenbogen. Auf dem Rückweg ein Stück zu Fuß, der frischen Luft wegen. Ein Taubenpaar sitzt winterdick und eng aneinander geschmiegt auf einem Zaun. Eine pickt der andere liebevoll den Schnabel. Halte an für Finken, Rotkehlchen, Spatzen, Möwen, Krähen, Meisen, Amseln, noch mehr Tauben. Hundehalter ziehen im Sicherheitsabstand vorbei. Vierbeiner begreifen nicht, warum sie Fremden nicht mehr begrüßen dürfen. In einem großen Haus (dessen Garten immer voller Spielzeug wimmelt) ein Wohnzimmerfenster, hinter dem Luftballons tanzen. Auf dem Glas in leuchtenden Farben ein großer Regenbogen, schönstes Halbrund, die Enden stecken in fluffigen Wolken. Darunter in Großbuchstaben, im genau richtigen Dunkelblauton: NHS. Als ich nach Hause komme und mir ausführlich die Hände wasche, sehe ich im Spiegel, dass ich auf dem Gang in die Stadt mein Regenbogentuch um den Hals getragen habe.

Ein Zweiter Frühling – Der Verlag Voland & Quist verschiebt sein aktuelles Programm

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

Dass Voland & Quist äußerst kreativ und zugleich resilient ist, hat der Verlag in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. 12 Prozent des Jahresumsatzes gingen im vergangenen Jahr durch die KNV-Insolvenz verloren – also stellte Voland & Quist kurzerhand eine Benefizveranstaltung auf die Beine. Ebenfalls letztes Jahr kündigte der Verlag ein außergewöhnliches Imprint an, das im Herbst 2020 mit dem ersten Programm an den Start geht: V&Q Books wird deutschsprachige Literatur ins Englische übersetzen und in Großbritannien vertreiben. Da wundert es wenig, dass sich Voland & Quist auch von der Coronakrise nicht in die Knie zwingen ließ und stattdessen den Zweiten Frühling ausrief (dem sich hoffentlich viele Verlage anschließen werden): Das Frühjahrsprogramm wird im Herbst erneut aufgelegt. Bereits einen Tag zuvor hatte der Elif Verlag auf Facebook angekündigt, das Frühjahrsprogramm zu schieben, und den Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung dazu aufgerufen, diese Idee zu verbreiten. In vielen weiteren Verlagen wird intern bereits diskutiert, ob und wie eine Programmverschiebung gehandhabt werden kann.

Ja, wie handhabt man das? Voland-&-Quist-Verleger Sebastian Wolter gibt Antworten.

Wie sehr ist euer Frühjahrsprogramm von der Coronakrise betroffen? Waren alle Titel bereits ausgeliefert? Wie war die Aufmerksamkeit bisher?

Wolter: Die Leipziger Buchmesse ist ausgefallen, fast alle Lesungen wurden abgesagt, Buchhandlungen müssen schließen – ich würde sagen, das Frühjahrsprogramm hat es hart getroffen. Zwei Titel, Marc-Uwe Klings Graphic Novel „QualityLand, Band 1“ und Beka Adamaschwilis „In diesem Buch stirbt jeder“, sind sowieso noch nicht erschienen, die kommen aber wie geplant in den nächsten Wochen. Die Aufmerksamkeit insgesamt ist viel geringer als sonst, Corona überlagert natürlich alles gerade.

 

Wie kamt ihr auf die Idee, das Frühjahrsprogramm im Herbst erneut zu veröffentlichen? Was genau erhofft ihr euch davon?

Wolter: Wir finden, dass unsere Frühjahrstitel von Anna Herzig, Ivana Sajko, Nora Gomringer, Nancy Hünger und Volker Sielaff mehr Aufmerksamkeit verdient haben, das ist der Grundgedanke. Und wir veröffentlichen sie nicht neu, sie sind ja schon draußen. Es geht einfach um eine Verlängerung und darum, sie länger im Gespräch zu halten, zum Beispiel auch Lesereisen neu zu organisieren, weil jetzt alles abgesagt wurde.

 

Wie wird die Presse-, wie die Marketingarbeit bei Titeln aussehen, die eigentlich schon angekündigt sind? Wie arbeiten die Vertreter*innen? Gibt es eine Herbstvorschau?

Wolter: Wir kündigen die Titel nochmal in der Herbstvorschau an, ergänzt um zwei Titel aus dem kommenden Programm, darunter Julius Fischers neuer Roman „Ich hasse Menschen – eine Stadtflucht“.  Unsere Vertreter fanden die Idee sehr gut, sie stellen die Titel den Buchhändlern dann wieder vor. Im Grunde befindet sich der Buchhandel gerade in einer Auszeit. Das unterbrochene Spiel kann ja danach auch beim vorigen Punktestand weitergehen, bevor ein neues beginnt, finden wir.

 

Ihr habt in eurer Ankündigung im Verlagsblog noch kein konkretes Datum genannt. Wartet ihr damit ab, bis klar ist, wie sich die Coronakrise entwickelt?

Wolter: Das gilt ab sofort, wir arbeiten derzeit an der Herbstvorschau und somit an der nach der Buchmesse erstmaligen größeren Ankündigung des Programms mit Auslieferung ab Juli/August. Wir sind ansonsten noch dabei mit dem Buchhandel zu klären, wie sie die erwähnten ausstehenden Frühjahrstitel jetzt bekommen wollen, damit ihnen kein Nachteil entsteht. Gerne können sich Buchhändler*innen dazu bei uns melden.

 

Was geschieht mit den Titeln die für den Herbst geplant waren, was mit denen, die ihr im Frühjahr 2021 bringen wolltet?

Wolter: Wir haben natürlich zuerst mit den Autor*innen, Übersetzer*innen und Agenturen gesprochen und das Einverständnis für eine Verschiebung eingeholt – alle fanden die Idee sehr gut und richtig. Wir werden alle geplanten Titel jeweils um ein Programm verschieben. Unser englischsprachiges Imprint V&Q Books wird aber wie geplant im Herbst an den Start gehen.

 

Wie hat Corona eure Arbeit bisher allgemein gesehen beeinflusst? Womit rechnet ihr in den nächsten Wochen, Monaten? Wie kann man als kleiner Verlag finanziell damit umgehen?

Wolter: Tja, natürlich ist zuerst viel Organisatorisches zu erledigen, beispielsweise den Betrieb auf Homeoffice umstellen, VPN einrichten, Reisen absagen, Termine umlegen, so was alles. Was die Zukunft betrifft: Wir müssen hoffen, dass die Buchverkäufe nicht völlig wegbrechen und dass die Krise nicht zu lange anhält. Was passiert, wenn genau das eintrifft, weiß keiner. Aber dann wird es sehr schwer.

 

Was wünschst du dir von den Leser*innen?

Wolter: Kauft Bücher, kauft und lest! Kauft sie bei kleinen unabhängigen Buchhändlern, per Webshop, Telefon oder E-Mail. Die Buchhandlungen trifft es gerade auch hart, viele Läden müssen geschlossen bleiben. Aber unabhängige Buchhändler*innen sind kreativ und findig, wie sie Bestellungen an ihre Leser*innen bringen, das wird funktionieren. Und jedes gekaufte Buch hilft auch den Autor*innen, die jetzt keine Einnahmen aus Lesungen und Vorträgen haben. #buchsolidarität und #bücherhamstern sind das Gebot der Stunde.

 

Photo by Jan Haerer on Unsplash

Zäsurwunsch – „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ von Benjamin Maack

von Sophie Weigand von Literaturen

Es gibt sehr viele Bücher über Depressionen. Meistens handeln sie davon, wie man „es geschafft hat“. Die Depression zu überwinden, das Leben wieder zu „lieben“, der Dunkelheit irgendeine Lehre abzutrotzen, dank der man alles jetzt viel mehr zu schätzen weiß. Die Depression (oder eine andere überwundene Erkrankung) wird als Baustein in einem fortlaufenden Prozess der Selbstoptimierung umgedeutet. Dementsprechend ist es wichtig, dass die Erzählung über Depression eine Heilungs- und Erfolgsgeschichte ist. Eine Anleitung für andere. Prinzipiell spricht auch nichts gegen Erfolgserzählungen. Sie können Motivation sein und Hoffnung, dass nicht immer alles so weitergeht. Die meisten psychischen Erkrankungen sind aber kein Sprint, sondern mindestens ein Marathon und ganz oft etwas, das man nicht restlos besiegt, sondern mit dem man sich zu arrangieren lernt. Man müsste mehr vom arrangieren lesen, weniger vom „siegen“. Es wird nicht immer alles gut, auch am Ende nicht.

Ich bin Maack dankbar, dass er keines dieser Erbauungsbücher geschrieben hat.

Vielmehr erzählt er in „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ von mehreren schweren depressiven Episoden, die ihn sowohl in die Psychiatrie als auch in einer akuten Krise auf eine geschlossene Station gebracht haben. Depression bedeutet in seinem Fall vor allem ein Verlust Bildergebnis für benjamin maack wenn das noch gehtvon Empfindungsfähigkeit. Die Verbindung zwischen Welt und Mensch ist gestört, da findet keine Kommunikation mehr statt, nur noch Rauschen. Von allem ist nur noch Oberfläche übrig. Als hielte man einen Baukasten mit Materialien in der Hand, ohne zu wissen, was man damit soll. Maack quälen immer wieder Selbstvorwürfe, weil er andere belastet, weil er nicht imstande ist, Gefühle aufzubringen für die, die ihm doch nahestehen, weil er glaubt, unfähig und unnütz zu sein. Nur eine Frage der Zeit, bis das alles auffliegt und alle bemerkt haben, was für ein schlimmer Mensch er ist. Viele Menschen, die von Depressionen betroffen sind, fragen sich nach den Ursachen und fühlen sich nicht selten noch schlechter, wenn keine auszumachen sind. Sie glauben, es müsste ihnen gut geht, weil sie doch alles hätten. Ein Satz, den Betroffene vor allem von außen oft hören, als gäbe es so etwas wie einen Depressionsberechtigungsschein. Auch Maack macht sich Vorwürfe. Vielleicht ist er „falsch krank“ – oder gar nicht.

Es gibt diverse Klischees darüber, wie Menschen in psychischen Krisen auszusehen haben. Am besten verheult und handlungsunfähig. Wer noch lachen kann, kann ja nicht so schlimm getroffen sein. Eine Fehleinschätzung, die nicht nur medizinischem Fachpersonal unterläuft, sondern auch Betroffenen selbst. Dabei gibt es hochfunktionale Patient*innen mit Depressionen, deren Leidensdruck nicht etwa geringer ist, bloß weil man weniger davon sieht. Es ist wichtig, mit Klischees wie diesen zu brechen, immer wieder. Auch die Frage, was und wie Medikation die Situation konkret verändert, spielt eine Rolle. Wie viele Betroffene erhält Maack diverse Medikamente und probiert sich unter psychiatrischer Leitung durch den unerschöpflichen Fundus der Psychopharmaka. Dabei muss er immer wieder abwägen: Bin ich bereit und in der Lage, für das Ergebnis die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen?

Die Schilderungen in „Wenn das noch geht (…)“ sind disparat und fragmentarisch, sehr verschieden in Ton und Intensität. Explizit, auch wenn es um Suizidgedanken geht, die ein behandelnder Arzt als „Zäsurwunsch“ bezeichnet. Es gibt keinen roten Faden, der zur Erlösung führt, auch wenn der Erkrankung am Ende dann doch ein paar positive Aspekte abgewonnen werden („Es geht mir gut. Besser als je zuvor in meinem Leben.“) Wie viele Betroffene, die über psychische Erkrankungen offen schreiben, stellt auch Maack die Frage, ob er künftig nur noch „der mit den Depressionen“ ist. Ähnliches hatten schon Franziska Seyboldt („Rattatatam mein Herz“) und Peter Wittkamp („Für mich soll es Neurosen regnen“) mit ihren Büchern über Angst bzw. Zwangsstörungen thematisiert. Wie sehr identifiziert mein Umfeld mich mit dem, was ich von mir preisgegeben habe? Glücklicherweise war es weder für Seyboldt noch für Wittkamp oder Maack ein Hinderungsgrund, ungeschönt von ihren Erfahrungen zu erzählen. Bücher wie diese sind weit mehr als Aufarbeitungstexte für die Betroffenen, insbesondere wenn sie so ein hervorragendes Gespür haben für Ironie am Abgrund wie Benjamin Maack. Spürbar etwa als im Aufenthaltsraum der Psychiatrie diverse Patient*innen an einem Delphin-Puzzle sitzen und jemand „Delphintherapie“ sagt. Der Text ist immer wieder von feinem Humor durchzogen, vom ständigen Kampf gegen die eigenen Gedanken. Wie ein Seismograph misst er die Erschütterungen und zeichnet sie auf. Dem Buch gelingt es, mehr als eine Notizsammlung zu sein. Es bildet eine Gedankenwelt ab, die viele Menschen kennen und entkräftet en passant auch immer wieder Vorurteile, unter denen Betroffene zu leiden haben. Benjamin Maack ist nicht nur „der mit den Depressionen“. Er ist ein sehr guter Autor.

Wer unter Suizidgedanken leidet, sollte sich schnell Hilfe suchen. Es gibt in Deutschland mehrere Anlaufstellen: die Telefonseelsorge ist unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar. Sozialpsychiatrische Dienste vermitteln in jeder Stadt und Gemeinde Hilfen. Auf der Webseite der Deutschen Depressionshilfe kann man Krisendienste und Beratungsstellen in der Nähe finden.

 

Mein Zorn ist längst verraucht – Vor fünfzig Jahren starb Marlen Haushofer

Von Nicole Seifert

 

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben.

Marlen Haushofer war zweiunddreißig und hatte noch nichts veröffentlicht, als sie ihrem Mentor Hans Weigel am 23. Juli 1952 diesen Brief schrieb. Er hatte das Manuskript ihres ersten Romans gelesen, der, wie Weigel später berichtete, davon handelte, „daß irgendwo einige Frauen sind und es auf sorgsam ausgeklügelte Manier schließlich dazu bringen, daß ein Mann von ihnen umgebracht wird, ohne daß sie als Täterinnen belastet sind. Ende des Romans. Der klassische ungesühnte Mord.“ Weigel riet Haushofer aus Vorsicht, den Roman nicht zu publizieren. Er ist bis heute verschollen. Vermutlich hat Haushofer ihn – wie viele ihrer als misslungen oder zu privat erachteten Texte – verbrannt.

Dass sie sehr wohl die dichterische Kraft hatte, über Dämonie und Idylle zu schreiben, selbst ohne ein paar Monate Ruhe, beweisen die fünf Romane, zwei Novellen, drei Erzählbände und mehrere Kinderbücher, die sie anschließend veröffentlichte. Marlen Haushofer zählt nicht zu den vergessenen Autorinnen – ihr Werk ist lieferbar, wenn auch verteilt auf mehrere Verlage –, aber den ihr gebührenden Rang nimmt sie nicht ein. In den Literaturgeschichten fehlt ihr Name weitgehend, taucht höchstens in separaten Frauenliteraturgeschichten auf.

„Es muß einmal gesagt werden, Marlen Haushofer hätte es weiter bringen können.“

Das schrieb die Autorin selbst in ihrem „Nachruf auf eine vergeßliche Zwillingsschwester“, einem so selbstironischen wie beklemmenden Zeugnis ihrer inneren Zerrissenheit. Die von ihr konstruierte Doppelgängerin geht streng mit der Autorin ins Gericht, zählt zahlreiche Schwächen auf und enttarnt das Bild der natur- und kinderlieben Schriftstellerin als ein für die Öffentlichkeit produziertes Image. Der Zwiespalt, der hinter diesem Kunstgriff steckt, dürfte in dem Versuch gründen, in einer österreichischen Kleinstadt der Fünfziger- und Sechzigerjahre zwei miteinander unvereinbare Leben zu führen: das der Autorin und das der Mutter und Ehefrau. Dass sie schrieb, sahen ihr Mann und ihre Söhne nicht gern, es sollte den Familienalltag nicht beeinträchtigen. Also tat sie es mit Hilfe von Cola und Kaffee morgens zwischen halb fünf und halb sieben oder abends zwischen neun und Mitternacht, und fuhr nur gelegentlich nach Wien, um andere Schriftsteller*innen zu treffen.

1954 wurde sie eingeladen, bei der Tagung der Gruppe 47 in Italien aus ihrem noch unveröffentlichten Roman Eine Handvoll Leben zu lesen. Die Novelle Das fünfte Jahr war inzwischen erschienen und Haushofer mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur ausgezeichnet worden. Zu dieser Reise kam es jedoch nicht – vielleicht ein Grund dafür, dass „‚die Haushofer’ auch heute noch so gar nicht als Zeitgenossin von ‚der Bachmann’ wahr- und ernstgenommen“ werde, wie Daniela Strigl in ihrer Haushofer-Biografie schreibt. Ingeborg Bachmann, die viel reiste und deutlich mehr Ehrgeiz und Formwille an den Tag gelegt habe, sei Ende der Fünfzigerjahre schon berühmt gewesen. Haushofer dagegen lebte als Zahnarztgattin und Mutter zweier Söhne in Steyr ein bürgerliches Leben und äußerte sich immer wieder in dem Sinne, keine Freude an einem gelungenen Buch zu haben, „wenn ich das Gefühl hätte, mich meiner Familie gegenüber nicht genug bemüht zu haben“. Man könne nicht zwei Herren dienen, und „der lebende Mensch“ habe für sie immer Vorrang. Strigl zufolge war das jedoch auch eine gute Ausrede, um absolute Ansprüche gar nicht zuzulassen:

Indem sie ihr Werk bewußt zur ‚Hausfrauenprosa’ stilisierte, hat Marlen Haushofer sich von vornherein einer weiblichen Autorenschaft verschrieben und sich, anders als Ingeborg Bachmann, die männliche Rolle nie angemaßt. Andererseits hat sie sich so auch nie dem Gesetz des männlichen Genie-Ideals unterworfen. Ihre legendäre Bescheidenheit diente ihr als Schutzschild gegen allzu große Erwartungen, sie war Ausdruck einer Verweigerung.

Es gibt aber auch Aussagen von Haushofer, die das Schreiben viel höher werten und es über die Familie stellen. „Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe u. da ich derzeit nicht schreibe, fühle ich mich versumpft u. ekelhaft“, schrieb sie 1967 in ihr Tagebuch. Oder: „Wenn ich vorher gewußt hätte, daß Schreiben mein Lebensinhalt ist … hätte ich vielleicht keine Kinder bekommen.“

Schutzraum und Käfig

Betrachtet man diese widersprüchlichen Aussagen für sich, scheinen ihre Prioritäten jeweils klar – zusammen betrachtet bedeuten sie einen Konflikt, der jeden Tag von Neuem bestimmt werden muss. Haushofers Figuren trachten immer danach, die lästigen Pflichten hinter sich und Abstand zwischen sich und die Familie zu bringen. In Eine Handvoll Leben verlässt die Protagonistin Mann, Kind und Liebhaber mittels vorgetäuschtem Selbstmord, um ein freies, unabhängiges Leben zu beginnen. Die Protagonistin in Die Mansarde, Haushofers letztem Roman, verlagert ihre „unbürgerlichen Ausschweifungen“ in ihre Dachkammer, die die anderen nicht betreten. Dort zeichnet sie und denkt ihre „Mansardengedanken“. So ist schön säuberlich getrennt, was hierhin und was dorthin gehört:

Ich habe einen bürgerlichen Mann geheiratet, führe einen bürgerlichen Haushalt und muss mich entsprechend benehmen. … Dinge und Gedanken, die mein Mansardenleben betreffen, haben nicht in das übrige Haus einzudringen.

In fast allen Büchern von Marlen Haushofer finden sich Frauen in der Einsamkeit wieder oder suchen einen Ort für sich, sei es innerhalb der Familie oder außerhalb von ihr. Sie suchen einen Rückzugsraum, der für Freiheit steht und das Leben erst erträglich macht, einen Überlebensraum. Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, wird das dort stattfindende eigene Leben jedoch weggeschlossen, wird die Kreativität domestiziert, durch Putzzwang und andere sich ständig wiederholende eintönige Tätigkeiten bezwungen, „eine Art Austreibungsritual“ schreibt Marlene Krisper in ihrem Essay über Marlen Haushofer. Haushofers Figuren führen ein Leben zwischen Anpassung, Widerstand und Resignation. In der Novelle Wir töten Stella heißt es:

Mein Zorn ist längst verraucht, geblieben ist nur das Grauen, das mich ganz beherrscht und in dem ich wohne wie in einem verhassten Raum. Es ist in mich eingedrungen, es hat mich ganz durchtränkt und begleitet mich überallhin. Es gibt keine Flucht.

In Die Wand, Haushofers eindringlichem opus magnum, das sie selbst am gelungensten empfand, wird das Bild des eigenen Raums konsequent zu Ende gedacht. Die Protagonistin, die mit ihrer Cousine und deren Mann ein Wochenende in einer Jagdhütte verbringen wollte, findet sich plötzlich allein im Tal, vom Rest der Welt durch eine durchsichtige Wand abgeschlossen, hinter der alles tot ist. Abgeschnitten von der Menschheit und ihrem gewohnten Leben, ist sie zurückgeworfen auf die Gesellschaft der Tiere, die mit ihr diesseits der Wand sind, und auf die Erprobung ihrer archaischen Fähigkeiten, ohne die sie nicht überleben können wird. Sie ist radikal auf sich gestellt und muss lernen, autonom zu leben. Und das gelingt. Die Wand, die jede Flucht unmöglich macht, ermöglicht zugleich erst das Überleben, ist in ihrer Bedeutung also hochgradig ambivalent. Das verschont gebliebene Tal, der eigene Raum, ist Schutzraum und Käfig zugleich, es gibt kein Entrinnen.

Tief empfundene Ausweglosigkeit

Nicht wenige Rezensent*innen verurteilten den Roman bei seinem ursprünglichen Erscheinen 1963 aus moralischen Gründen: weil Gott darin keine Rolle spiele und der Erzählerin die anderen Menschen gar nicht wirklich fehlten. Clara Menck fiel in der FAZ die Unfähigkeit zu lachen der Ich-Erzählerin auf, die sie zu der Frage veranlasste, „ob Menschen ohne erotische Begabung nicht immer humorlos sind“. Die Rezensentin weiß aber, unter welchen Umständen „eine gute Erzählung daraus“ hätte werden können, nämlich wenn sich Marlen Haushofer von Anfang an von ihrem Thema oder Objekt distanziert hätte.

Größeres Aufsehen als die Originalausgabe erregte die Neuausgabe von Die Wand im Jahr 1983, die die Autorin nicht mehr miterlebte. Der Roman wurde nun im Kontext der atomaren Aufrüstung, der Friedens- und der Frauenbewegung gelesen, als Science Fiction und als Emanzipationsgeschichte. Auch diesmal fällt eine Besprechung auf, in der es in erster Linie um Außerliterarisches geht. Christa Kickbusch schrieb in der taz:

Es ist bedauerlich, daß nur wenige schreibende Frauen […] positive spielerische Fantasien entwickeln. Die meisten Autorinnen sind noch dabei, sich die Wunden zu lecken, die nur eine naßkalte Einsamkeit absondern, und nur selten Milch und Honig. Und es ist ebenso bedauerlich, daß ein Großteil der Verlagsproduktion die Tendenz ‚Frauenleben als Frauenleiden’ weiterhin perpetuiert, nur selten durchbrochen von starken unverschämten, humorvollen Frauenbüchern, von denen es doch auch mehr geben muß. Ich zumindest kann mit der Richtung ‚unser Leiden ist die letzte Stärke, die uns noch geblieben ist’ nichts anfangen, […] Leiden hat für mich nur Sinn, wenn es Bewältigung, Ansatz zu einer Veränderung ist. Solche Bücher wie M.H’s. Die Wand machen mich traurig und ängstlich, irritieren und betäuben mich in ihrer Auswegslosigkeit.

Dass gerade die Ausweglosigkeit die tief empfundene Lebenswirklichkeit von Haushofers Protagonistinnen ist, will hier nicht gesehen werden; dass Resignation und Depression zu bestimmend sind, um die für einen Aufbruch nötige Energie aufzubringen. Frauen sollen nun gefälligst stark, unverschämt und humorvoll sein und auch so schreiben. Es scheint eine Notwendigkeit zu bestehen, sich von dem bei Haushofer beschriebenen Lebensgefühl zu distanzieren, von Geschlechterrollen, die man in den Achtzigerjahren überwunden zu haben glaubt. – Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Marlen Haushofer nicht den ihr gebührenden Platz in der Literaturgeschichte einnimmt.

Für die Autorin war die Wand, wie sie in einem Interview sagte, „eigentlich ein seelischer Zustand, der nach außen plötzlich sichtbar wird.“ Andere erkannten deshalb in Haushofers geschilderten Seelenzuständen ein Urbild der conditio humana und verglichen ihre Texte mit denen von Kafka und den Existenzialisten, vor allem mit Albert Camus.

Verschweigen und Verdrängen

Der Kontext von Haushofers Schreiben waren eben nicht die Achtzigerjahre, sondern die unmittelbare Nachkriegszeit, was nicht nur starre Rollenbilder bedeutete, sondern auch die Tabuisierung der jüngsten Vergangenheit und das kollektive Verdrängen erlebter Traumata. Die Antithese von Verdrängen und Erinnern zieht sich denn auch durch Haushofers Werk; mehr als einmal werden etwa alte Briefe gefunden und verbrannt, die Vergangenes lebendig werden lassen. In diesen Zusammenhang gehört auch die 1955 entstandene Novelle Wir töten Stella, die als eins von Haushofers Meisterwerken gilt.

Stella ist die neunzehnjährige Tochter einer Freundin, die für einige Monate bei der Familie der Erzählerin Anna unterkommt – eine schwierige Situation, weil ein anderer ja „die unzähligen Tabus“ nicht kennt, „die wir im Umgang miteinander beachten müssen.“ Nachdem Annas Mann Stella verführt und geschwängert, eine Abtreibung veranlasst und die Affäre beendet hat, wirft Stella sich vor einen Lastwagen und stirbt. Der Erzählerin ist bewusst, dass ihre Rolle dabei keine passive war, dass auch sie Schuld trägt an diesem Tod, diesem Mord. Im Psychogramm dieser bürgerlichen Familie spiegeln sich die Kriegserlebnisse und das Verdrängen der Nachkriegsgesellschaft, auf das sich zahlreiche Anspielungen finden lassen. Für beide Bezugsrahmen gilt, wie Daniela Strigl schreibt: Wer gute Miene zum bösen Spiel macht, entscheidet sich für lebenslange Gefangenschaft.

In ihrem eigenen Leben entschied sich Marlen Haushofer immer wieder, einschneidende Ereignisse zu verschweigen. Mit zwanzig wurde sie schwanger und bekam das Kind 1941 in einem Heim für ledige Mütter. Ihren streng katholischen Eltern verheimlichte sie diesen Sohn, der zunächst von der Mutter einer Freundin aufgezogen wurde. Drei Monate nach der Niederkunft heiratete sie Manfred Haushofer, der den „Fehltritt“ akzeptierte. Zwei Jahre später kam der gemeinsame Sohn Manfred zur Welt. Erst, als ihr Erstgeborener sechs war, holte sie ihn zu sich, lernten die beiden Söhne sich kennen und lebten von da an die Normalität einer Familie. Die Wahrheit erfuhren sie erst als erwachsene Männer, nach dem Tod der Mutter.

Auch dass ihre Eltern sich zwischenzeitlich hatten scheiden lassen, weil Marlen Haushofer eine Affäre ihres Mannes nicht hinnehmen wollte, erfuhren die Söhne erst spät und durch Zufall. Weil der Vater nicht hatte ausziehen und die Mutter für sich und die Kinder ebenfalls nichts Eigenes hatte suchen wollen, lebten sie weiterhin zusammen und heirateten später sogar erneut – weil man „in Steyr nicht geschieden sein“ könne, wie Haushofer einer Freundin sagte. Dabei hatte von der Scheidung dort überhaupt niemand gewusst.

„Diesen ungebrochenen Weg des Verschweigens, Verdrängens und Sublimierens geht Marlen bis zum Tag ihres Todes“, schreibt Marlene Krisper. Den Knochenkrebs, der 1968 diagnostiziert wurde, nannte sie „verflixte Verkalkung“ und nach vierunddreißig Bestrahlungen schrieb sie ihrem Verleger, der Prozess sei gutartig und sie sehr glücklich davongekommen. Auch ihren Kindern und ihrem Mann verschwieg sie, dass sie unheilbar krank war. Dieser wusste längst Bescheid, beschloss aber seinerseits, darüber zu schweigen. Echte Nähe, echter Austausch schien keine Möglichkeit zu sein. „Wir sitzen hier und spielen eine Szene, die nicht ganz stimmt, die aber doch ein guter Ersatz ist für die wirkliche Szene, die nie gespielt wird“, heißt es in Die Mansarde.

Auch Haushofers Figuren stellen sich taub und blind, wenden sich ab, suchen das Gespräch mit dem Gegenüber nicht, äußern Gefühle nicht und nehmen sie nicht wichtig – eine Härte gegenüber anderen und sich selbst, die unauflöslich verbunden ist mit ihrer existenziellen Einsamkeit. Vielleicht ist es das, was Haushofers Werk so faszinierend macht. Dass es eben nicht um abseitige, spezielle Befindlichkeiten geht und schon gar nicht nur um eine Psychosoziologie des Hausfrauendaseins in den Fünfzigerjahren, nicht mal nur um die innere Verfasstheit der Kriegsgeneration – sondern um den Kern menschlichen Seins. Obiger Brief an Hans Weigel aus dem Jahr 1952 endet mit den Worten:

Ich steh auf einem Platz, auf den ich nicht gehöre, lebe unter Menschen, die nichts von mir wissen u. die Hälfte meiner Kraft geht schon auf, in der Anstrengung die es mich kostet unauffällig zu bleiben. Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, wie hoffnungs- und ausweglos wir alle verstrickt sind und ich bin froh für jeden, der nie zu Bewußtsein kommt.

Marlen Haushofer starb am 21. März 1970 in einem Wiener Krankenhaus, drei Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag.

 

 

Von Marlen Haushofer

Das fünfte Jahr

Eine Handvoll Leben

Die Tapetentür

Wir töten Stella

Die Wand

Himmel, der nirgendwo endet

Schreckliche Treue, Gesammelte Erzählungen

Die Mansarde

Der gute Bruder Ulrich: Märchen-Trilogie

 

Über Marlen Haushofer

Andreas Brandtner, Volker Kaukoreit (Hrsg.), Marlen Haushofer, Die Wand: Erläuterungen und Dokumente, Leipzig: Reclam, 2012.

Markus Bundi, Begründung eines Sprachraums: Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer, Innsbruck: Limbus, 2019.

Anne Duden, Irmela von der Lühe, Manuela Reichert (Hrsg.), „Oder war da manchmal noch etwas anderes?“, Texte zu Marlen Haushofer, Frankfurt a.M.: Verlag Neue Kritik, 1995.

Marlene Krisper, Das ordentliche Leben der Marlen Haushofer: Ein Essay, Steyr: Ennsthaler, 2010.

Daniela Strigl, „Wahrscheinlich bin ich verrückt …“ Marlen Haushofer – die Biografie, Berlin: List, 2007.

Liliane Studer (Hrsg.), Die Frau hinter der Wand, Aus dem Nachlaß der Marlen Haushofer, München: Claassen, 2000.

Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel.

“Deswegen ist es an der Zeit, dem, man muss es einmal so sagen, denn der Schaden, den er anrichtet, wird immer größer: dem Moralpöbel das Maul zu stopfen. ‘Moralpöbel’ ist hier zu verstehen als Sammelbegriff für all jene, die sich etwas anmaßen, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herumzuposten und zupesten. (Edo Reents, FAZ)

“Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Denn durch diesen offenen Brief weht der Geist einer Bürgerwehr, einer legalen zwar, weil sie keine Gewalt anwendet, aber einer durchaus gefährlichen.” (Tobias Wenzel im DLF)

“Deutsche Schriftsteller, die niemand kennt, protestieren gegen den grossen Woody Allen. Präventive Bücherverbrennung.” (Roger Köppel auf Twitter).

“Inzwischen leisten – wie im Stalinismus – Schauspieler öffentlich Abbitte, dass sie je mit ihm gearbeitet haben.“ (Eva Menasse, FAZ)

“Der Kommunismus und der Nationalsozialismus waren totalitäre Bewegungen. Sie unterhielten Putzkolonnen, die Tag und Nacht im Einsatz waren. Was von diesen übrig geblieben ist, lebt weiter. In Teilen des Kulturbetriebes, der sich zu einer Art Volksgericht entwickelt hat, da Urteile verkündet, noch bevor die Anklage zu Ende verlesen wurde.” (Henryk M. Broder in der Welt)

“Ich reagiere immer ein bisschen allergisch, wenn ich solchen zweifelsfreien Menschen begegne, das hat vermutlich mit meiner Jugend in der DDR zu tun, die ja auch von Leuten regiert wurde, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten.” (Maxim Leo in der Berliner Zeitung vom 14./15. März)

“Schriftsteller versuchen ernsthaft, die Veröffentlichung eines Buches zu verhindern. Finde ich prima, dann brauchen wir für so was gar keine Nazis und Scheiterhaufen mehr…” (Udo Vetter auf Twitter)

“Den Begriff ‘entartete Kunst’ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir‘s ab. Der Reichsfilmkammer hätte Allens Oeuvre jedenfalls bestimmt nicht gefallen.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Man kann sich gegen Thilo Sarrazin die Finger wund schreiben, aber er muss seine Bücher veröffentlichen dürfen, ebenso, wie er seine Thesen öffentlich vertreten können soll.” (Eva Menasse, FAZ)

“Das entscheidende Wort in diesem Kontext ist überzeugend, und was überzeugend ist, das entscheidet eine Jury aus 15 Laienscharfrichtern, die gerne und mit großem Engagement für Rowohlt schreiben, was sie offenbar auch dazu befähigt, Urteile zu fällen, denen keine Verhandlung vorausgegangen ist.” (Henryk M. Broder, achgut.de)

“Moralische Selbstjustiz” (Gregor Dotzauer im Tagesspiegel)

“In der MeToo-Debatte ist sie [die Unschuldsvermutung] ohne Federlesens, auf empörend ruchlose Art außer Kraft gesetzt worden: Der Prozess gegen den Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe wurde zum Beispiel eingestellt; der Mann hat damit als unschuldig zu gelten, aber sein Ruf ist ruiniert.” (Edo Reents, FAZ)

“Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow mit losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da Widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss.“ (Eva C. Schweitzer im Cicero)

Über Ronan Farrow: “Der Jurist und Journalist hat aus seinen Weinstein-Enthüllungen ein Geschäftsmodell gemacht, in dem er sich als “Me Too”-Posterboy verkauft.” (David Steinitz in der SZ)

“Ich war nie ein Anhänger des Klischees, dass böse Menschen große Kunst schaffen, ich glaube vielmehr, dass sich die Persönlichkeit eines Künstlers in seinem Werk ausdrückt – und gerade in dieser Hinsicht ist es nicht egal, dass Woody Allens Lebenswerk den tiefsten und wahrhaftigsten Humanismus ausdrückt. Und weil ich nun einmal den Eindruck habe, dass es nicht das Werk eines Mannes ist, der Kinder vergewaltigt, möchte ich wissen, was er selbst über sein Leben und über die Vorwürfe zu sagen hat; […]” (Daniel Kehlmann in der Zeit)

“…schrieb der Philosoph Walter Benjamin.”
“Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt…”
“Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz…”
(Florian Schröder auf spiegel.de)