Autor: Franziska Reuter

Social-Media-Benimmkolumne: Woran merke ich, wenn ich aufdringlich werde?

von Franziska Reuter

Seit es diese Kolumne gibt, wurde diese Frage mehrfach als Themenvorschlag genannt (herzlichen Dank dafür). Das lässt mich vermuten, dass viele Leute sich Sorgen machen, etwas zu intense zu wirken, während sie das tun, wofür die meisten auf Social Media sind: mit den Gedanken anderer zu interagieren und die eigenen zu teilen. Ich vermute außerdem, dass die Leute, die sich diese Sorgen machen, eher nicht jene sind, die anderen regelmäßig auf den Geist gehen. Aber wer weiß? Also der Reihe nach.

Es gibt fünf nennenswerte Dimensionen, wie jemand auf Social Media drüber sein kann. Nummer eins: Die Person postet alle fünf Minuten etwas und scheint auch nie zu schlafen. Auch wenn das kein weiches Licht auf ihr Aufmerksamkeitsbedürfnis wirft, halte ich das für komplett harmlos. Niemand muss folgen, alle können stumm schalten – immer raus damit, liebe Mitbewohner:innen des Internets! Wundert euch nur nicht, wenn die Interaktionsraten mit euren Posts irgendwann sinken. Das heißt dann, dass ihr wirklich von vielen eurer Follower:innen stumm geschaltet wurdet.

Nummer zwei: zu viel Offenheit. Sicher haben dazu alle sofort eine eigene Assoziation. In dieser Kolumne habe ich vor Oversharing in Twitter Circles gewarnt. Diese Warnung gilt natürlich noch viel mehr außerhalb. Details eurer Beziehungsprobleme, der Durchfall eures Hundes und die Intensität eurer Hassgefühle gegenüber euren Vorgesetzten sollten nicht zu viel Raum einnehmen. Schon mal einen langen Abend mit jemandem verbracht, der von einem eher unangenehmen Thema nicht abzubringen war? Und wie fandet ihr das? Eben.

Aber das sind noch die minder schweren Vergehen gegen den Anstand. Wer gegen beide verstößt, wird wahrscheinlich als etwas drüber bis obsessiv wahrgenommen. Die nächsten drei Dimensionen stoßen in Bereiche vor, in denen Aufdringlichkeit extrem unangenehm wirkt oder sogar zu Stalking werden kann.

Nummer drei: durchfaven, also auf jemandes Profil gehen und dann einfach alles liken, was die Person in letzter Zeit so gepostet hat. Auf Instagram kann das so etwas wie die Vorstufe zum Flirt sein, gerade wenn es um Selfies geht. Man sollte dabei aber nicht weiter zurückgehen als ein paar Wochen – 200 innerhalb einer Stunde gelikte Selfies wirken creepy. Auf Twitter wiederum kann es alles heißen von „Du bist so super schlau/witzig und ich will nichts davon verpassen!“ bis „Du sollst wissen, dass ich alles mitbekomme, was du hier tust.“ Und es gibt nur ein einziges Kriterium dafür: Das Verhältnis der beteiligten Personen. Kennt die Person dich gut genug, dass sie dich eindeutig nicht als Massenmörder oder Nervensäge abgespeichert hat? Dann los, fav sie durch. Wir loben eh immer alle zu wenig. Kennt ihr euch kaum und du versuchst mit dem Durchfaven ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen? Favst du etwa auch noch ihre Replys an andere Leute durch? Um Himmels Willen. Sofort aufhören.

Indem wir jemanden durchfaven, der unsere Intentionen dahinter nicht kennt, bringen wir ihn zumindest in Verlegenheit. Auch positives Feedback kann aufdringlich sein. Die meisten Frauen wissen das, weil Frauen immer noch zu oft schmierige Komplimente bekommen, die im Grunde ein verbaler Übergriff sind, für den die Frau sich auch noch bedanken soll. (Es sollte nicht nötig sein, aber als kleiner Exkurs: „Ah, das Kleid zeigt Ihre schönen Beine!“, ausgesprochen von jemandem, der der Angesprochenen nicht so nahe steht wie eine beste Freundin oder ein Familienmitglied, ist kein Kompliment.)

Nummer vier: ungefragte Kritik an Postings anderer Leute. Niemand mag Kritik besonders, keine Frage. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Menschen, die mit Begeisterung kritische Anmerkungen machen, auf Social Media häufig geblockt werden. Damit meine ich nicht, dass man alle sachlichen Irrtümer unkommentiert lassen muss. Aber im Idealfall umgibt man sich doch auf den sozialen Medien wie im echten Leben mit Menschen, die man nicht für Dummköpfe hält. Wenn du also das Gefühl hast, etliche Postings in deiner Timeline erfordern dein kritisches Eingreifen, hast du entweder die falsche Timeline oder bist sowieso immer der Überzeugung, die klügste Person im Raum zu sein. Im ersten Fall: Ändere deine Timeline. Im zweiten Fall: Wenn du wirklich die klügste Person im Raum wärst, wüsstest du auch, dass andere von deiner Selbstgerechtigkeit genervt sind.

Dabei ist es sogar minder schlimm, wenn jemand seine Besserwisserei großflächig über die Timeline verteilt. Richtig unangenehm wird es, wenn es immer dieselben ein bis fünf Personen sind, die es trifft. Wenn Durchfaven schon als aufdringlich wahrgenommen werden kann, wie sollte gezielte ständige Kritik als akzeptables Verhalten durchgehen? Es ist nicht akzeptabel. Es ist aufdringlich, und es wirkt creepy, weil man sich automatisch fragt, ob die Person irgendetwas bezweckt. Bei Pick-up-Artists und ihrer glücklicherweise aus der Mode gekommenen Ansammlung von Manipulationstechniken, um Frauen ins Bett zu bekommen, ist das eine etablierte Methode: Der Mann ruiniert das Selbstbewusstsein der Frau durch Kritik an ihrem Körper so weit, dass sie irgendwann erleichtert ist, dass er trotz ihrer Unzulänglichkeiten mit ihr ins Bett will. Es gilt im echten Leben wie auf Social Media: Gerade Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein üben sich gerne darin, das der anderen zu untergraben.

Kommen wir zur fünften und letzten Dimension: wiederholte Versuche, über private Nachrichten Kontakt aufzunehmen. Landläufig: jemandem in die DMs sliden. Wobei das Sliden an sich nicht das Problem ist, sondern die Wiederholung. Dass man persönliche Kontakte knüpfen kann, gehört zu den Vorzügen sozialer Medien! Aber dieser persönliche Kontakt lässt sich eben nicht einseitig beschließen. Antwortet jemand gar nicht oder nur einsilbig auf deine Nachrichten? Nimm das als Absage. Die Wahrscheinlichkeit, dass deine Nachrichten übersehen werden oder die Person zu schüchtern zum Antworten ist, geht gegen null. Den Mangel an Interesse zu ignorieren und sie weiter mit Nachrichten zu bombardieren, in der Hoffnung, sie zu überzeugen: Das nennt man am Anfang Penetranz und ab einem gewissen Punkt Stalking.

Es hat natürlich seine Gründe, dass Social Media übergriffiges Verhalten verstärkt. Die parasozialen Beziehungen, die Menschen früher nur mit Berühmtheiten verbanden, gibt es nun auch mit ganz normalen Leuten im Internet. Wenn wir Günther Jauch auf der Straße ansprechen, verkennen wir, dass er uns zwar total vertraut vorkommt – aber wir ihm nicht. Unsere Beziehung ist asymmetrisch. Und genau so kann durch Social Media unsere Beziehung mit Claudia aus Stuttgart asymmetrisch sein, obwohl sie ein Normalo ist wie wir selbst. Dass wir schon vierzig Videos von ihren Katzen angeschaut haben, genau wissen, welches Buch sie gerade liest und wie sie ihren Kaffee trinkt, ändert nichts daran, was wir für sie sind: Fremde. Und dass sie diese Informationen über ihr Leben online preisgibt, berechtigt uns nicht dazu, uns mehr herauszunehmen, als wir das gegenüber Fremden täten.

Foto von Justin Veenema auf Unsplash

Social-Media-Benimmkolumne: Müssen Freund:innen die größten Fans sein?

von Franziska Reuter

Natürlich sind deine Freund:innen blitzgescheit und unterhaltsam, keine Frage. Oder zumindest dachtest du das, bis sie diesen Newsletter über peruanische Nackthunde gelauncht haben, den du aus Solidarität abonniert hast. Jetzt kommt jede Woche eine neue Ausgabe. Dir dämmert allmählich, dass du eher ein Katzenmensch bist. Und der Newsletter wiederholt regelmäßig die Bitte, ihn auf Social Media weiterzuempfehlen. Weil du weißt, dass die Ersteller:in die Öffnungsrate des Newsletters sehen kann, öffnest du ihn immer kurz, um ihn dann mit schlechtem Gewissen zu löschen.

Vielleicht ist so etwas gemeint, wenn Leute klagen, Freundschaften wären im digitalen Zeitalter schwieriger geworden? Zumindest in den sozialen Medien ist Aufmerksamkeit eine Ressource, die knapper ist, als viele es sich eingestehen wollen. Selbst wer seine Freund:innen beim Streben danach unterstützen will, muss hier und da eine Grenze ziehen. Zumal, wenn die Interessen auseinanderklaffen – wie im Fall der peruanischen Nackthunde.

Dabei ist es normal und richtig, wenn unsere Freund:innen Unterstützung erwarten, auch auf Social Media. Die Frage ist, wie diese Unterstützung aussieht. Reicht ein Like? Soll es ein Repost sein? Ein eigener Post?  Manche Menschen kuratieren ihre Accounts so liebevoll und wohlüberlegt, dass sie jedes Posting schmerzt, das nicht genau in ihre Linie passt. Wer sich auf Social Media ausschließlich mit Pflanzen beschäftigt, wird dort wahrscheinlich nicht verkünden, dass ein guter Freund gerade ein Buch über Panzer im Wandel der Zeit veröffentlicht hat. Und das ist völlig in Ordnung. Freundschaft und Unterstützung bedeuten nicht automatisch, dass man Werbung für alles mögliche machen muss. 

Andere posten und reposten selbst so viel und so wild durcheinander, dass für Panzer und Pfingstrosen gleichermaßen Platz ist. Bei ihnen ist die Bereitschaft höher, auch noch das Weihnachtsvideo des Schulchores der Nichte eines Freundes zu teilen. Ist das reizend? Ja. Darf man es erwarten? Auf keinen Fall.

Die Faustregel für alle Aktivitäten sollte sein: Es muss sich auch ohne die Unterstützung von Freund:innen lohnen. Wenn also 100 Fremde den Nackthund-Newsletter abonniert haben und das der Verfasser:in genügt, prima. Wenn 50 Freund:innen und 10 Fremde ihn abonniert haben und die Verfasser:in permanent unzufrieden ist mit dieser Anzahl, halten nur die Freund:innen ihn am Leben – und das in unserem Beispiel nicht aus Interesse, sondern aus latent schlechtem Gewissen. Gleichzeitig fühlen sie sich in dieser Situation oft gefangen, weil sie nicht auch noch abbestellen wollen, wenn die Zahlen ohnehin schon so niedrig sind.

Das lässt nur zwei Empfehlungen zu. Erstens: Egal wie gut ihr befreundet seid, überlegt euch sehr, sehr gut, ob ihr den Newsletter abonnieren oder dem Nackthunde-Account folgen wollt. Ihr könnt stummschalten, aber ihr kommt nie wieder so richtig raus. Zweitens, und dieser Rat richtet sich an die Gegenseite: Wenn eine Aktivität, die sich eigentlich an eine breitere Öffentlichkeit richtet, zu 80 Prozent von Freunden unterstützt wird, dann seid zufrieden mit den 20 Prozent, macht es nur für euch selbst oder lasst es bleiben. 

Das fängt im Kleinen an. Zu den großen menschlichen Rätseln auf Twitter gehören für mich die “Ich wünsche mir so sehr x Follower:innen”-Tweets. Sie richten sich an die, die ohnehin schon folgen, und bitten sie, mehr Leute zu animieren. Einerseits ist der Vorgang nicht ungewöhnlich, andererseits stellen sich doch Fragen: Wozu willst du mehr Follower:innen? Und warum soll ich sie dir beschaffen? Was spricht gegen organisches Wachstum? Und was hast du dann vor? “Ich wünsche mir x Follower:innen” ist so viel inhaltsleerer als ein schlichtes “Hallo, ich bin der Mike und interessiere mich für Batik und Mountainbikes, würde mich freuen, hier ein paar Gleichgesinnte zu finden”. Niemand sollte sich verpflichtet fühlen, so etwas zu retweeten.

Das Phänomen setzt sich fort in den DMs. Es gibt tatsächlich Menschen, die etwa ein Panzer-Buch veröffentlicht haben und danach private Nachrichten schreiben mit der Bitte, das zu promoten. Auch an Leute, die nur mit sehr viel Fantasie als Freund:innen zu bezeichnen sind. Sollte jemand, der das hier liest, so etwas für akzeptables Benehmen halten: Du liegst falsch. Lass es bleiben. 

Das bringt uns zur Masterclass: Geld. Geld und Freundschaft werden völlig zu recht traditionell auseinander gehalten, und dass es manchmal keine Probleme gibt, wenn man sie vermischt, darf keine Ermunterung sein, es zu tun. In meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die sich am Crowdfunding für die künstlerischen oder publizistischen Aktivitäten von Freund:innen beteiligen und damit sehr gerne aufhören würden, wenn sie wüssten, wie sie das kommunizieren sollen. 

Diese Situation muss man von vornherein vermeiden. Denn es ist nun mal so: Wenn ich ein Steady-Abo für den Nackthunde-Newsletter abschließe und jeden Monat 2 Euro dafür zahle, meine ich das vielleicht als nette Starthilfe für ein Jahr. Aber die Verfasser:in denkt womöglich: Ach guck, die ist auch Nackthundefan! Und wenn ich ein Jahr später kündige, führt sie das nicht auf mein generelles Desinteresse gegenüber Nackthunden zurück, sondern denkt, ihr Newsletter gefällt mir nicht.

Natürlich haben wir alle Freund:innen, die absolut cool sind in solchen Situationen und von sich aus sagen: “Hey, es ist nett, dass du das Abo abgeschlossen hast, aber kündige das ruhig, von Freund:innen nehme ich doch kein Geld dafür.” Aber wegen dieser Freund:innen, selbst wenn sie die erfreuliche Mehrheit bilden, liest ja niemand diesen Text. Es gibt eben auch die anderen.

Deshalb lautet die dringendste Empfehlung für solche Situationen, sich gar nicht erst hinein zu begeben. Auf direkte Aufforderungen, unentgeltlich Werbung für jemanden zu machen, muss man meiner Meinung nach nicht mal antworten. Da gilt die Faustregel: “Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, schweig.”  Man kann seine Freund:innen übrigens auch unterstützen, indem man ihnen freundliche Nachrichten schreibt und zu ihren Aktivitäten gratuliert – ihr wisst schon, so wie vor Social Media. 

Wenn man aber nun schon mal in einer solchen Situation drin steckt, würde ich raten, offensiv damit umzugehen. Indem man zum Beispiel schreibt: “Ich freue mich, dass es gut läuft mit den Nackthunden. Du brauchst meine Starthilfe offensichtlich nicht mehr, aber ich bin stolz, deinen Aufstieg verfolgt zu haben!” Notfalls ein freundliches Emoji dran. Und dann kündigen. 

Foto von Ryan ‚O‘ Niel auf Unsplash

Social-Media-Benimmkolumne: Wie man sich unmöglich macht – Nonmentions und Snitchtagging

von Franziska Reuter

Das größte Problem von Social Media ist, dass Menschen sich online schlechter benehmen als im echten Leben. Fast niemand würde doch zu einem Fremden auf der Straße gehen und sagen, hey, hast du den Mantel aus der Altkleidersammlung? Online passiert so etwas ständig. Die gängige Interpretation dieses Phänomens lautet: Es fällt Menschen schwer, die Reaktion auf ihr Verhalten zu antizipieren, wenn sie ihr Gegenüber nicht sehen können. Dann wirkt die Person, die man beleidigt, nicht wie eine echte Person, die man vielleicht verletzen könnte, sondern nur wie ein Account.

Ich sehe das anders. Ich bin davon überzeugt, dass Leute, die sich online schlecht benehmen, auch im richtigen Leben unangehm sind und das nur kaschieren, weil es ihnen sonst selbst zu sehr schaden würde. Wer sich in jeder Kommunikation aufführt wie die Axt im Walde, wird bald privat sehr einsam werden und im Job nicht vorankommen. Auf Social Media hingegen muss man schon enormes Pech haben oder sich extrem mies verhalten, um echte Konsequenzen dafür zu spüren. 

Kein Wunder, dass viele Menschen dort gern Dampf ablassen. Sie wissen natürlich, dass sie andere damit verletzen. So wie man selbst ein Mensch mit Gefühlen hinter einem Account ist, steht woanders auch ein Mensch mit Gefühlen hinter jedem Account. Das zu kapieren ist etwa so komplex, wie sich selbst im Spiegel zu erkennen. Und das gelingt meist spätestens im Alter von zwei Jahren. 

Nun gehen nicht alle Social-Media-User mit offenen Beleidigungen ans Werk. Es gibt zwei etwas subtilere und trotzdem unangenehme Methoden, die einen ähnlichen Zweck erfüllen. Nummer eins: Nonmentions.  Für die Glücklichen, die nicht wissen, was eine Nonmention ist: Jemand ärgert sich über jemanden und verfasst ein Posting, in dem das Ärgernis auf verklausulierte Weise benannt wird. Dabei werden nie Namen und selten konkrete Ereignisse erwähnt.

Es braucht wahrscheinlich ein Beispiel. Nehmen wir etwas Undramatisches. Klaus und Beate kennen sich über Twitter und chatten hin und wieder. In einer dieser Nachrichten schreibt Beate, sie liebe Coldplay. Klaus schreibt daraufhin einen öffentlichen Tweet, der in etwa lautet: Manche Menschen haben überhaupt keinen Musikgeschmack, und für solche Leute habe ich nun wirklich keine Zeit. Das ist schon ziemlich gemein. Aber üblicherweise geht es um viel ernstere Themen als Musik, nämlich um Politik oder Lebensstile oder Kindererziehung. Das tut viel mehr weh. Und es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass vorher ein privater Kontakt stattgefunden hat, denn es braucht schon eine gewisse Fallhöhe, damit jemand eine Nonmention verfasst.

Natürlich gibt es harmlose Nonmentions. Liebeskummer hat schon sehr viele davon verfasst. Es wäre auch harmlos und nett, wenn Klaus sich weiter mit Beate unterhalten hätte, aber sein Tweet lautete: Da denkst du, du kennst einen Menschen allmählich, und dann outet der sich plötzlich als Coldplay-Fan. Nonmentions sind nicht prinzipiell unverschämt. Nur eben oft in der Ausführung. Außerdem ist ihr Publikum völlig unklar: Richtet sich das Posting an die Person, die dort beleidigt wird – wenn ja, warum kann man ihr das nicht einfach direkt mitteilen? Richtet es sich an alle Follower, von denen die meisten doch keine Ahnung haben, worum es überhaupt geht, und sich bestenfalls ausgeschlossen fühlen? Oder ist es nur etwas, das irgendwie raus muss? Da täte ein Selbstgespräch bessere Dienste als Social Media. Wer erwägt, aus Ärger eine Nonmention zu verfassen, sollte dringend sein Handy weglegen und mal um den Block laufen. Und wer eine Nonmention sieht, egal an wen sie gerichtet ist, sollte sie ignorieren. Man darf dieses Verhalten nicht mit Aufmerksamkeit belohnen – nicht mal mit negativer Aufmerksamkeit.

Das bringt uns zur zweiten Methode, andere Menschen anzugreifen: Snitchtagging. Wahrscheinlich gibt es einige Menschen, die sich gar nichts Böses denken, wenn sie es betreiben. Umso wichtiger ist Aufklärung. Auch hier ein Beispiel: Klaus hat einen Artikel verfasst. Drei Menschen, die ihn nicht näher kennen, unterhalten sich online über den Artikel und sind anderer Meinung, finden vielleicht sogar den Artikel schlecht und artikulieren das. Auftritt Beate, die sich in das Gespräch mischt mit den Worten: “Also ich lese die Artikel von @Klaus eigentlich immer gern!” 

Man kann über die Motivation dazu streiten. Womöglich will sie ihn verteidigen, ist aber nicht altruistisch genug, um das außerhalb seines Sichtfeldes zu machen. Womöglich geschieht es aus einem fehlgeleiteten Sinn für Fairness. Womöglich findet Beate aber auch, dass Klaus ruhig mal mitkriegen kann, dass seine Artikel nicht sonderlich geschätzt werden, damit er nicht zu selbstbewusst wird.

Das ist einer von zwei Effekten des Snitchtaggings: Die Person, um die es geht, bekommt mit, dass jemand schlecht über sie redet. Ist es fair ihr gegenüber, sie darauf aufmerksam zu machen? Für diese Einschätzung lohnt es sich oft, die Szene ins echte Leben zu übertragen. Es gibt also eine Party, eine sehr große Party, viele dort kennen einander nicht. In der Küche diskutieren drei Leute über Klaus’ Artikel. Beate hört das mit und brüllt in den Flur: “Klaus! Klaus, komm rüber, hier sagt jemand, du argumentierst wie ein Drittklässler!” 

Wahrscheinlich ist Klaus gerade in einem angenehmen Gespräch über französische Rotweine und will weder erfahren, was über ihn gesagt wurde, noch selbst mitdiskutieren. Aber jetzt hat er die Wahl nicht mehr: Alle wissen, dass er es jetzt weiß, also muss er irgendwie reagieren. Verteidigt er sich, wozu er nun wirklich nicht verpflichtet ist? Bittet er darum, aus der Konversation genommen zu werden? Ignoriert er den Thread? Egal, was Klaus tut, seine Laune ist schlechter als vorher.

Klaus ist natürlich nicht der einzig Betroffene hier. Die drei Diskutanten stehen ebenfalls blöd da. Und zwar zu Unrecht: In Abwesenheit über Menschen oder ihre Arbeit zu sprechen, sogar negativ, ist ein völlig normaler Vorgang. Deshalb ist es auch nicht angemessen, hier mit Fairness zu argumentieren. Das gilt natürlich nicht für Freunde. Aber wenn Klaus mit den Lästernden befreundet wäre, hätte Beate ihm besser eine private Nachricht geschickt und ihm damit selbst überlassen, ob er so tun möchte, als hätte er den Vorgang nicht mitbekommen. Beate wiederum verdirbt es sich mindestens mit denen, in deren Diskussion sie sich eingeschaltet hat. 

Beim Snitchtagging verlieren also alle Seiten. Das macht es so erstaunlich, dass Leute es weiterhin durchziehen. Man muss schon ausgesprochen tone deaf sein, um nicht zu merken, dass man die Stimmung aller ruiniert. Oder man macht das mit Absicht und gerne, weil man es liebt, wenn andere Menschen sich schlecht fühlen. Damit verdient man es sich redlich, großflächig geblockt zu werden. Ich selbst habe schon Snitchtagger auf Twitter geblockt, die gar nicht mich bloßgestellt haben, sondern andere Leute. Das kann ich sehr empfehlen. Im echten Leben würde man ja auch verstummen, wenn plötzlich die intriganteste Person des Bekanntenkreises neben einem steht, um ihr keine Munition zu geben. Das ist auf Social Media nicht anders.

Foto von charlesdeluvio auf Unsplash

Social-Media-Benimmkolumne: Warum Drükos peinlich sind

von Franziska Reuter

Es kommt vor, dass ganze soziale Systeme ein Verhalten kennen, das eigentlich alle falsch finden — außer bei sich selbst. Normalerweise funktioniert das über Entschuldigungen: Ja, ich hätte an der Kasse sagen sollen, dass ich fünf Euro zu viel rausbekommen habe, aber ich war irgendwie gestresst oder pleite oder sauer, weil die Kassiererin unhöflich war. Bei einem selbst gelten diese Entschuldigungen. Für welchen Struggle sollte man auch mehr Verständnis haben als für den, den man selbst erlebt? 

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Bei anderen betrachtet man dieses Verhalten schon strenger. Vor allem, wenn man selbst, um im Bild zu bleiben, die Kassiererin ist, die am Abend die Abrechnung machen muss und feststellt, dass die Zahl nicht stimmt.

Auf Twitter ist dieses Verhalten der Einsatz von Drükos. Für Nichttwitterer*innen: Das sind Drüberkommentare, im Unterschied zu Drukos, also Drunterkommentaren. Niemand weiß, warum sich diese beknackte Nomenklatur eingebürgert hat, die sich auf den Apps oder auf der Website überhaupt nicht wiederfindet. Drükos sind einfach Zitattweets und Drukos einfach Antworten. Aber so ist es jetzt nun mal. Drükos entstehen, indem jemand auf das Retweet-Symbol tippt, „Tweet zitieren“ auswählt und dann oberhalb des Zitats eine eigene Anmerkung schreibt.

Nun gibt es durchaus ein paar harmlose Anwendungsbeispiele. Sie sind nur in der Minderheit. Wenn man durch einen fremden Account scrollt, der einem neuerdings folgt, und dort sehr viele Drükos findet, sollte man einen Softblock zumindest in Erwägung ziehen. Drüko-Ultras zeichnen sich meist durch eine Mischung aus aggressiver Rechthaberei und Feigheit aus. Lediglich das Verhältnis dieser beiden Eigenschaften differiert. Klingt das wie eine Persönlichkeit, mit der Kommunikation Spaß macht? 

Fangen wir mit den harmlosen Beispielen an. Sogenannte Mitmachtweets laden zum Drüko geradezu ein. Wenn der Ausgangstweet lautet „Dein Superhelden-Name ist die Farbe deiner Socken und der Name deines ersten Haustier“ und jemand zitiert das mit den Worten „Blue Bello“, hat das mit Drüko-Ultras nichts zu tun. Dasselbe gilt für die meisten affirmativen Drükos. Angenommen, jemand postet ein Foto eines Buches, wäre der Drüko „Das habe ich neulich auch gelesen und fand es toll!“ sozial völlig verträglich.

Auf gefährlicheres Terrain kommen wir dort, wo dem Ausgangstweet nicht wirklich eine Information hinzugefügt wird. So wie manche Meetings E-Mails hätten sein können, könnten manche Drükos einfach Retweets sein. Das ist besonders peinlich bei Gags, die dann noch einmal anders formuliert zitiert werden. Man kann lange diskutieren, was dahinter steckt: Die Überzeugung, es besser zu können? Reine Gedankenlosigkeit? Das Verlangen nach Likes für einen selbst? Letzteres ist natürlich Selbstbetrug — wenn mir jemand ein Kompliment macht für die Hose, die ich trage, geht das Kompliment im Grunde immer noch an den Hersteller und nicht an mich. Es sei denn, die Leistung soll hier das Finden und Erkennen des Qualitätstweets sein. Aber wie gesagt, ein Retweet täte es dann auch.

Ebenfalls gutartig, aber sinnlos: Affirmative Drükos, die eigentlich Drukos sein sollten. „Ja, genau“ ist schon als Druko nur mittelgeistreich. Unter dem Ausgangstweet ist es womöglich hilfreich oder zumindest gut aufgehoben, aber den anderen Follower*innen je nach Relevanz des Themas vielleicht völlig egal. Wenn ich mich mit einem Freund prima und ausdauernd über die Herstellung von Mango Chutney unterhalten kann, heißt das nicht, dass mein ganzer Bekanntenkreis auch für dieses Thema zu begeistern ist. Manchmal ist es besser, wenn ein Gespräch dort weitergeführt wird, wo es herkommt. Zumal ein Drüko sicher vieles ist, aber keine Einladung zum weiteren Gespräch. Man bricht die Kommunikation ab, um sie woanders hinzutragen.

Das bringt uns zu den Drüko-Ultras. Genau das ist nämlich ihr Ziel: Sie wollen kein Gespräch, sondern die Diskussion gewinnen, und zwar so schnell und stressfrei wie möglich. Also begeben sie sich an einen Ort, an dem sie erstens Widerspruch technisch blocken können, wenn es ihnen zu bunt wird, und wo zweitens ihre eigenen Follower*innen sind, von denen sie sich Unterstützung erwarten. Ein solcher Drüko entspricht also mindestens einer von zwei Verhaltensweisen, die wir von Kindern kennen: die eigene Meinung laut rauszubrüllen, während man sich selbst die Ohren zuhält, oder Streit mit Stärkeren vom Zaun zu brechen und sich dann von seinen älteren Geschwistern verteidigen zu lassen.

Die Erfahrung zeigt: Es gibt Leute, die es für sophisticated halten, einen Tweet direkt und ohne vorherige Kommunikation mit den Worten „Was für ein Unsinn“ zu zitieren. Wenn es sich um den Tweet einer Politiker*in handelt: Geschenkt. Die würden sowieso nicht antworten. Aber bei Privatpersonen heißt es im Grunde: „Ich diskutiere nicht mit der Person, die das getwittert hat, denn ich halte sie nicht für satisfaktionsfähig. Aber auf meinem eigenen Account, wo mir viele Gleichgesinnte folgen, wäre ich unter Umständen zu einer kleinen Diskussion zum Thema bereit, falls jemand anderer Ansicht sein sollte als ich. Die Tatsache, dass dieser Jemand mir folgt, zeigt schließlich seinen ansonsten guten Geschmack und qualifiziert ihn zum Gesprächspartner. Und wenn es schiefgeht, wird mich schon jemand von meinen anderen Follower*innen raushauen.“ Narzissmus mag ein Modewort sein, aber das nicht als narzisstisches Verhalten zu sehen, fällt schon schwer. 

Ansonsten entstehen die Drükos aber häufig aus der verzweifelten Situation, dass jemand schon dabei ist, die Diskussion in einem Thread unter dem Ausgangstweet zu verlieren. Also antwortet ein Drüko-Ultra dort irgendwann nicht mehr, sondern zitiert stattdessen. Ab sofort geht es nicht mehr ums Reden, sondern ums Rechthaben. Daran erkennt man, ob es sich hier um einen Austausch handelt, den beide sportlich nehmen, oder um einen eitlen Schaukampf der Beteiligten. 

Auf manchen Accounts sieht man die Überreste dieser sinnlosen Schlachten: Mehrere Tweets hintereinander, die auf diese andere Diskussion verweisen und um Unterstützung betteln. Besondere Genies zitieren dabei nicht nur die Tweets ihrer Gegner, sondern auch ihre eigenen Diskussionsbeiträge. Wahrscheinlich liegt ihnen am Herzen, dass ihre Followerschaft keinen einzigen ihrer brillanten Gedanken versäumt.

Paradoxerweise finden alle solche Drükos unverschämt, wenn es sie selbst trifft. Manche werfen auch schnell mit dem Wort Shitstorm um sich, wenn sie plötzlich mehrere fremde Accounts in ihren Antworten haben, die ihre abweichende Meinung mehr oder minder wertschätzend kundtun. Aber wenn sie dasselbe tun, finden sie stets einen Grund, zumindest moralisch im Recht zu sein. Oft ist es das Gefühl, von Andersdenkenden umgeben zu sein. Das kommt aber nun mal schnell auf, wenn man unter dem Tweet einer anderen Person eine Diskussion beginnt. Das heißt nicht, dass man es grundsätzlich lassen soll. Manche Dinge erfordern Widerspruch. Aber bei den meisten Themen, die einem durch erboste Drükos in die Timeline gespült werden, wird eine Twitterdiskussion uns gesellschaftlich nicht voranbringen. 

Was also tun? Ehrlichkeit wäre eine Lösung. Mir ist in mehr als zehn Jahren auf Twitter kein einziger Drüko begegnet, der das Offensichtliche zugegeben hätte: „Ich bin da in eine Diskussion geraten und jetzt gehen mir die Argumente aus, weiß jemand von euch noch eins?“ Das wäre ein Drüko, der Respekt verdient hätte. Oder auch: „XY und ich führen gerade eine Diskussion, die vielleicht auch manche von euch interessiert.“ Oder: „Wie seht ihr das?“ Alles deutlich weniger passiv-aggressiv gegenüber den Kontrahenten und höflicher gegenüber den eigenen Follower*innen, die sich ernst genommen und nicht als Like-Lieferanten missbraucht fühlen wollen.

Drükos sind ein Eskalationsmittel und sollten deshalb ausgesprochen sparsam eingesetzt werden. Da sind wir wieder beim Beispiel mit der Kassiererin: Egal wie gestresst oder genervt man gerade ist — man muss sich trotzdem fragen, ob man nicht unter Umständen doch am längeren Hebel sitzt und dem Gegenüber mittelfristig viel mehr Ärger verursacht, als man selbst gerade empfindet. Und was bringt die Eskalation einem schon am Ende? „Hat seit 2015 keine Diskussion mehr auf Twitter verloren“, ist nichts, was man sich in den Lebenslauf schreiben kann. Oder sollte.

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Social-Media-Benimmkolumne – Was soll das mit den Twitter Circles nun wieder?

von Franziska Reuter

Twitter hat ein neues Feature ausgerollt: Circles. Damit können Nutzer*innen bei ihren Tweets einen kleineren Personenkreis festlegen, der sie exklusiv sehen können soll. Dieses neue Feature hat weite Teile des Netzwerks in Aufregung versetzt, was für Außenstehende unter anderem deshalb schwer zu verstehen sein dürfte, weil Facebook schon seit mehr als zehn Jahren eine viel avanciertere Variante davon anbietet. Aber der Reihe nach: Wo ist das Problem? Und wozu das alles überhaupt?

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Bis zu 150 Menschen erlaubt Twitter in einem Circle. Dass die Tweets exklusiv sind, erkennt man sofort an einem grünen Zeichen und einem Texthinweis. Man muss nicht lange nachdenken, um auf sinnvolle Verwendungszwecke zu kommen: Wenn jemand etwa seine gesundheitlichen oder mentalen Probleme nur mit Vertrauten teilen möchte, wenn jemand über seinen Job schimpfen möchte, ohne dass der Arbeitgeber davon Wind bekommt, wenn jemand in einem Sorgerechtsstreit Unterstützung und Rat braucht – wirklich viele gute Gründe sprechen für die Nutzung dieses Features. 

Die Idee ist wie erwähnt nicht neu. Facebook bietet schon seit Ewigkeiten die Kategorien „Enge Freunde“, „Bekannte“ und „Eingeschränkt“ an und lässt Nutzer*innen weitere Gruppen selbst erstellen. Aber Facebook war auch schon immer ein soziales Höllenloch, das von privaten Details lebte und gleichzeitig dazu ermunterte, die Kontaktliste immer mehr zu erweitern. Als noch fast alle ihre Posts ausschließlich für „Freunde“ sichtbar gestellt hatten, ergab sich dadurch ein trügerisches Gefühl der Intimität.

Twitter hingegen lebt davon, dass die Nutzer*innen ihre Meinungen und Erlebnisse gar nicht laut genug in die Welt hinausschreien können. Privatheit ist eher nicht vorgesehen. Deshalb gibt es auf Twitter auch so kostbare Cringe-Momente – etwa wenn man jemandem gerade erst gefolgt ist und der plötzlich einen detaillierten Thread darüber absetzt, warum seine letzte Beziehung gescheitert ist. Das Circle-Feature stellt eine Abkehr von Twitters Cocktailparty-Prinzip dar, bei dem die Gäste durcheinander reden, mit Fremden ins Gespräch kommen und irgendwie alles von allen mitbekommen. So erklären sich auch die Nöte, in die manche Nutzer*innen nun gestürzt wurden. Zuvorderst: FOMO, fear of missing out. Was bekomme ich nun nicht mehr mit, ohne davon auch nur zu ahnen? Nutzt diese Person Circle einfach nur nicht oder gehöre ich nicht dazu?

Aber es stellen sich eben auch Fragen der Höflichkeit. Wenn mich jemand in seinen Circle aufnimmt, muss ich das dann umgekehrt auch tun? Kann ich jemandem sagen, dass ich nicht in seinem Circle sein möchte, weil mir das alles zu privat ist und wir uns so gut nun auch nicht kennen? Darf ich meine engeren Freund*innen fragen, ob sie das Feature nutzen, und dann nervös durch ihre Profile scrollen und schauen, ob ich ihre Circle-Tweets sehen kann?

Einfache Antworten gibt es auf diese Fragen nicht, komplizierte aber schon. Zu ersten Frage: Wenn wir davon ausgehen, dass ein Circle wirklich so etwas ist wie ein Freundeskreis, dann wissen die Personen, die darin sind, im Idealfall von dieser Freundschaft und empfinden sie ebenso. Darf man das Gegenüber dann ausschließen? Wir alle kennen Menschen, die nie etwas Persönliches von sich erzählen, sich aber gerne von anderen mit privaten Geschichten unterhalten lassen. Das finden ihre Gesprächspartner*innen auf Dauer meist unangenehm. Wenn man sieht, dass man bei jemandem im Circle gelandet ist, sollte man also zumindest in Erwägung ziehen, die Person auch in den eigenen aufzunehmen. Ein Vertrauensvorschuss von einer Seite bringt ja manchmal die schönsten Freundschaften hervor.

Der zweite Punkt, Oversharing im Circle, ist besonders knifflig. Es gibt wie immer die friedvolle Lösung, die Person einfach stumm zu schalten. Aber dann entgehen einem alle ihre Tweets. Den Kontakt weiter zu pflegen wird dadurch fast unmöglich. Deshalb ist es keine schlechte Option, anzusprechen, dass einem die Circle-Tweets zu intim sind. Der Inhalt der Tweets spielt hier eine große Rolle. Bei allem, was nach landläufiger Auffassung eine Triggerwarnung bräuchte, würde ich sogar dringend dazu raten, es zu artikulieren. Wir überfallen auch unsere Bekannten nicht mit Horrorgeschichten, bei denen wir keine Ahnung haben, ob sie alte Wunden aufreißen. Und so verständlich es ist, dass jemand etwa nach dem Tod von Angehörigen Trost auf Twitter sucht, so sehr braucht es den Konsens aller Beteiligten, mehrmals täglich mit medizinischen Details und Trauer konfrontiert zu werden. Vor allem, da sie einen beim Scrollen durch die Timeline völlig unvorbereitet treffen können.

Kommen wir zur dritten Frage: Darf ich auffällig-unauffällig recherchieren, ob meine engen Freund*innen mich womöglich nicht in ihren Circle aufgenommen haben? Ja, selbstverständlich darfst du das, aber bitte tu es trotzdem auf keinen Fall. Du rufst auch nicht deine Freund*innen zum Geburtstag an und fragst, ob sie wirklich nicht feiern oder dich nur nicht eingeladen haben. Freundschaften sollten nicht von der Angst geprägt sein, ausgeschlossen zu werden, und wenn sie das aus guten Gründen doch sind, ist es Zeit für ein ernstes Gespräch, in dem die Worte Twitter und Circle nicht vorzukommen brauchen. Wenn es sich hingegen nur um anlasslose Unsicherheit handelt, sollte man ihr nicht so viel Raum geben, sondern lieber mal wieder ein Treffen, ein Telefonat oder einen längeren Chat initiieren. Im Zweifelsfall fühlt man sich der Person danach deutlich näher, als ein Twitter Circle das jemals schaffen könnte.

Eine vierte Frage stellen sich vielleicht gerade nicht so viele, aber sie ist ausgesprochen wichtig: Was soll das überhaupt, was macht Twitter da? Zum einen scheint die Plattform endlich begriffen zu haben, dass ihre Nutzer*innen sich mehr Schutz wünschen. Noch vor ein paar Jahren wurde sogar strafrechtlich relevantes Verhalten auf Twitter kaum verfolgt, weil das Unternehmen die Ermittlungen nicht unterstützte. Dann kamen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und mit ihm auch bessere Möglichkeiten, sich gegen Hassnachrichten zur Wehr zu setzen. Nur möchte man sich nicht immer zur Wehr setzen müssen. In der Hinsicht ist das neue Feature eine gute Sache für die Nutzer*innen.

Twitter selbst könnte jedoch auch tiefer liegende Interessen haben. Die Übernahme der Plattform durch Elon Musk wurde abgesagt, angeblich weil die Zahl der Nutzer*innenkonten und die Zahl der wahren Nutzer*innen zu weit auseinander lägen. Nun gibt es etliche Gründe, warum eine Nutzer*in mehrere Accounts haben könnte. Die meisten davon sind vollkommen ehrenwert und haben mit politischer Hetze oder Shitposting nichts zu tun. Viele Menschen unterhalten neben ihren Hauptaccounts kleine Dark Accounts, die mit einem Schloss versehen sind und nur eigens bestätigte Follower*innen aufnehmen. Ein solcher Dark Account ist nicht mehr nötig, wenn man den Circle einrichtet. Das bedeutet, Twitter könnte mit der Zeit mehr Überblick über die Anzahl seiner Nutzer*innen gewinnen. Gleichzeit erhöht es das Risiko für die Nutzer*innen im Fall eines Datenlecks: Die heiklen Tweets wären zweifelsfrei zuzuordnen. Ob das nur leicht peinlich wäre oder existenzbedrohend, und ob man der Datensicherheit genug vertraut, um das Risiko einzugehen, muss jede selbst entscheiden.

Foto von Wilhelm Gunkel auf Unsplash

Social-Media-Benimmkolumne: Ist es unhöflich, nicht zurückzufolgen?

von Franziska Reuter

Auf sozialen Netzwerken zerfällt die Menschheit in drei Kategorien: echte Freunde, völlig Fremde und solche, die man doch irgendwie ein bisschen kennt. All diese Menschen könnte es vor den Kopf stoßen, wenn sie einem folgen und man das nicht erwidert. Aber heißt das automatisch, dass man zurückfolgen muss?

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Schauen wir auf die Fakten. Meta hat jüngst Facebook und Instagram umgestellt auf Timelines, die dem TikTok-Prinzip ähneln: Nicht mehr die Urlaubsfotos von Schulfreund*innen und Jobwechselankündigungen von ehemaligen Kolleg*innen sollen uns dort begrüßen, sondern beliebter Content, egal von wem. Ob das nun eine wirklich gute Idee war, sei dahingestellt – schließlich gilt Facebook als Medium zur Kontaktpflege und hat mit diesem Konzept die meisten Nutzer*innen gewonnen. Fragt sich, ob die Leute nicht unzufrieden wären, wenn sich plötzlich herausstellte, dass ihre jahrelang als solche genutzte Bratpfanne in Zukunft nur noch als Tennisschläger zu benutzen ist. Und ob der Vorsprung, den TikTok darin hat, eine nahezu perfekte Timeline zu kuratieren, jemals aufzuholen ist.

Es zeigt aber doch, wohin es geht. Meta wird diese Entscheidung aufgrund von Daten getroffen haben, wie das Unternehmen das immer tut, und diese Daten sagten offenbar: Die Freund*innen unserer Nutzer*innen sind langweilig, deshalb müssen wir ihnen andere Inhalte zeigen. Und es stimmt! Meine Freund*innen sind langweilig, deine Freund*innen sind langweilig. Im echten Leben können sie nette Menschen sein. Aber Social Media ist eine Kunstform, und viele verwechseln sie mit einem Selbstgespräch. Wer noch nie jemanden stummgeschaltet hat, weil der zum dritten Mal so etwas wie „Ich mache mir jetzt einen leckeren Salat“ oder ein merkwürdiges Selfie mit einem Paulo-Coelho-Zitat gepostet hat, möge mir widersprechen.

Für echte Freund*innen machen wir da natürlich eine Ausnahme. Wenn man eng mit jemandem befreundet ist, interessiert einen auch der dritte Salat in Folge. Daher ist es keine Frage der Höflichkeit: Wenn einem jemand auf Social Media folgt, mit dem man richtig befreundet ist, will man natürlich zurückfolgen. Und wenn man den Impuls hat, das nicht zu tun, könnte das ein guter Anlass sein, sich zu fragen, wie gut es mit dieser Freundschaft im echten Leben derzeit bestellt ist.

Das bringt uns zur zweiten Kategorie: fremde Menschen. Auch wenn man das IRL anders empfindet, so sind fremde Menschen auf sozialen Netzwerken das Allerbeste. Wenn einem Fremde folgen, kann man sich gemütlich durch ihr Profil wühlen. Manchmal ist es amüsant, manchmal ähnelt es einem Autounfall, und manchmal findet man das Ganze so interessant, dass man zurückfolgen will. Der ganze Prozess ist herrlich, und am Ende steht eine freie Entscheidung, für die man niemandem Rechenschaft schuldig ist. Wer bei fremden Menschen beleidigt ist, wenn sie nicht zurückfolgen, hat Social Media nicht verstanden, und wenn man mit Leuten diskutieren will, denen dieses Verständnis fehlt, kann man auch einfach mal wieder seine Eltern anrufen.

Der ganze Charme fremder Menschen im Internet ist bisher tatsächlich am ehesten auf TikTok auszumachen, wo neben professionellen Content Creators haufenweise Normalos einfach ihren Hobbies nachgehen und sich dabei filmen. Wer beschlossen hat, auf einen Handstand hinzuarbeiten, findet dort ebenfalls Videos von Gleichgesinnten wie jemand, der wissen will, wie man einen verdeckten Reißverschluss näht oder seinem Hund beibringt, Pfötchen zu geben. Dabei geht es nicht unbedingt um Anleitungen oder Perfektion – man sieht andere auch scheitern. Eine Sache aber hat TikTok frühzeitig verstanden: Wenn jemand in Düsseldorf sitzt und sich für Obertongesang interessiert, müssen wir ihn mit den Leuten in Idaho und Ulaanbaatar zusammenbringen, die sich auch damit beschäftigen. Nicht mit Leuten aus Köln, deren Karnevalsvideos drei Millionen Views haben.

Wirklich kompliziert wird es erst in der dritten Kategorie: Menschen, die man ein bisschen kennt. Das können Kolleg*innen oder Bekannte aus dem echten Leben sein, aber auch solche, deren richtige Namen man kaum weiß, denen man aber schon mal bei Veranstaltungen oder Treffen begegnet ist – zusammengebracht durch einen Hashtag oder ein gemeinsames Interesse. Oder Online-Freund*innen von Online-Freund*innen. Nehmen wir an, diese flüchtigen Bekannten folgen uns, und wir finden ihre Profile nicht so interessant, dass wir ihnen auch zurückfolgen würden, wenn sie Fremde wären. Muss man hier höflich sein?

Der beste Rat, den ich dazu geben kann, lautet: Nein, bloß nicht. Höflichkeit kann einem die Timeline komplett ruinieren. Auf Twitter gibt es immerhin einen Geheimtipp: Wenn man der Person folgt, aber ihre Retweets ausblendet, hält sich der Schaden zumeist in Grenzen – außer bei Leuten mit außergewöhnlichem Sendungsbewusstsein und zu viel Freizeit, vor denen hier ganz besonders nachdrücklich gewarnt werden muss. Folg diesen Accounts nicht, wenn es dich nicht brennend interessiert. Du kommst sonst nicht mehr so leicht da raus.

Dann gibt es noch Menschen, die zwar einen Account haben, aber kaum posten. Eigentlich sehr angenehme Fälle: Offenbar ist ihnen Social Media nicht so wichtig, dass sie Affekte entwickeln würden, wenn man ihnen nicht zurückfolgt. Außerdem sieht man, selbst wenn man ihnen folgt, nur einmal im Monat ihre Posts – das ist zu verschmerzen, auch wenn es sich um Liebeserklärungen an die Scorpions handelt.

Ansonsten lautet ein wichtiger Punkt, den man in Erwägung ziehen sollte: Treffe ich diese Person regelmäßig im echten Leben in einem Ausmaß, dass es irgendwann peinlich wird, wenn ich ihr doch noch folge, gefühlt viel zu spät? Das sortiert alle Menschen aus, die eigentlich schon zur Vergangenheit gehören.

Bei den anderen muss man eine Entscheidung treffen, die stark von der eigenen Persönlichkeit abhängt. Schämt man sich mehr vor sich selbst, wenn man aus Höflichkeit eingeknickt ist, oder schämt man sich mehr vor der anderen Person, wenn die mehr oder minder dezent darauf hinweist, man folge ihr ja immer noch nicht? Letzteres, das sollte man unbedingt bedenken, würde bedeuten, dass man selbst höflicher ist als die Gegenseite. Es ist nicht besonders elegant, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie einem ja immer noch nicht folgen. Social Media ist keine Polonaise. Deshalb gilt die Faustregel: im Zweifel nicht zurückfolgen. Früher wurde Twitter oft mit einer Cocktailparty verglichen. Und wer auf einer Cocktailparty mit allen reden muss, verpasst die ausführlicheren Gespräche mit den Menschen, die man sich selbst ausgesucht hat.

Photo von Prateek Katyal auf Unsplash