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Autor: Elif Kavadar

Bisschen wissenschaftliche Mitarbeiterin, bisschen Geschichtsdidaktik, bisschen Promotion, viel Prokrastination.

Heim(at)weh

Ich überlege seit geraumer Zeit, wie ich die Bedeutung eines Buches wie „Eure Heimat ist unser Albtraum“ so transportieren kann – akademisch und wortgewandt begründet – dass es auch Menschen verstehen, die diese Realität nicht selbst erleben und die eine Abwehrhaltung gegen solche Aussagen entwickeln, auf die ich erstmal nichts entgegnen kann, weil ich eben nicht so akademisch und wortgewandt bin. Aber dann wiederum – das muss ich vielleicht nicht. Vielleicht reicht es aus, darüber zu reden, warum ich die Anthologie wichtig finde.

Heimat

Wem gehört Deutschland? Wer gehört zu Deutschland? Seit dem letzten Jahr scheint es einen noch größeren Bruch zu geben zwischen dem „Eure“ und „Unsere“. Nicht nur gibt es jetzt das Heimatministerium unter diesem Namen, auch gehören Aussagen wie „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, geäußert von Horst Seehofer, zum Alltag. Der Mann also, der politisch für die „Heimat“ stehen soll, schließt eine Gruppe von Menschen pauschal aus dieser aus. Für viele Muslim*innen, die ebenso in Deutschland geboren sind wie ein Seehofer und die gar keine andere Heimat kennen, ein Schlag ins Gesicht. Ein Albtraum.

„Dieses Wissen hat für immer Auswirkungen darauf, wie ein marginalisierter Körper sich zu dieser dritten Gruppe, die sich als Mehrheit versteht, verhalten wird. Es geht nicht darum, dass die Mehrheit nicht selber angegriffen hat – es sind immer Einzelne, die die Aggressionen ausführen-, aber sie hat auch nicht verteidigt.“ S. 21, „Sichtbar“ von Sasha Marianna Salzmann

Wer gehört zu Deutschland?

Ist es notwendig, an dieser Stelle nochmal das Fass aufzumachen, warum die Frage „Wo kommst du her?“ von vornherein die Zugehörigkeit abspricht? Wobei, in meinem Fall sind die Menschen häufig kreativer – die Frage „Wo kommt dein Name her?“ tarnt sich noch mehr als positives Interesse, fragt aber verschleiert doch nach der Herkunft, die so widersprüchlich ist, weil ich weißer aussehe als ein Kartoffelsalat. Spätestens da sollte eigentlich ein Lernmoment einsetzen. Ich sage sollte, weil es bei vielen nicht der Fall ist.

„Das Grauen ist nicht nur ein Grauen vor der Gewalt der Neonazis, es ist vor allem ein Grauen vor einem Staat, der nicht schützt, dessen Polizei nicht eingreift, wenn der Mob die Unterkünfte von Geflüchteten und migrantischen Arbeiter_innen […] jubelnd anzündet.“ S. 46, „Vertrauen“ von Deniz Ultu

„Eure“ vs. „unser“

Oft lese ich, dass diejenigen, die über Ungleichheiten sprechen, überhaupt erst dafür sorgen würden. „Opferrolle“, „Rassismuskeule“ und „Extrawurst“ sind eine häufige Reaktion. Dabei ist mir unverständlich, denn wie soll ein strukturelles Problem demontiert und dekonstruiert werden, wenn wir es nicht benennen? Wenn wir nicht, wie in dem Essay-Band, Situationen nennen, in denen Ungleichbehandlungen erfahren wurden? Bezeichnend scheinen mir da einige der Amazon-Rezensionen:

„[…] So schlecht kann Deutschland ja nicht sein, man kann kostenlos studieren, was auch Aydemir gerne in Anspruch genommen hat. Und die Gretchenfrage, warum geht sie denn nicht in ein anderes Land, wenn hier alles sooooo schlecht ist?“
„[…] Es steht Ihnen allerdings nicht zu, dieses Land umzugestalten, damit Sie sich hier besser fühlen. Die Haltung der beteiligten Autoren zeigt, dass jeder hierzulande gastierende Ausländer eine tickende Zeitbombe ist.“
„[…] Was ich vermisse, ist die kritische Selbstreflexion: will man sich integrieren? Wenn ja, was hat man bis jetzt getan? Oder will man es nicht? Wenn nein, warum dann nicht konsequent sein und nicht über „Almans“ jammern, sondern sich einen schöneren Flecken auf dieser Welt suchen?“

Es ist bezeichnend, dass sobald Menschen, die nicht deutsch gelesen werden, Kritik an Deutschland oder weißen Deutschen äußern, ihnen nahegelegt wird, das Land doch zu verlassen. Der Mangel an Integration als Vorwurf bleibt auch nicht lange weg – eine Forderung, die nur an jene gestellt wird, die „anders“ sind. Nein, nicht sind – die anders gemacht werden.

Für uns

Nun ist die dritte, teilweise vierte Generation von Einwanderern aber nicht mehr bereit, diese Position zu akzeptieren, die ihr gesellschaftlich gebilligt wird. Wir sind mündig, sprechen fließend Deutsch, studieren, sind laut und unnachgiebig. Und wir schreiben. Ich sage „wir“, weil ich die Autor*innen dieser Anthologie als Mitstreiter*innen sehe. Und weil sie mir Hoffnung geben, dass Deutschland doch noch das Potential hat, ein Land zu sein, das alle Menschen gleich behandelt. Es sind (post-)migrantische Menschen, die über Rassismus sprechen, über Antisemitismus, Sexismus, Heteronormativität und Transfeindlichkeit, die mir Hoffnung geben und nicht die, die von ihnen fordern, die einzige Heimat zu verlassen, die sie kennen – und hasslieben.

Sit down, bitch, be humble

Von zukünftigen Leser*innen der Essays würde ich mir wünschen, dass sie sich zunächst zurücknehmen und nicht gleich in eine Abwehrhaltung fallen. Privilegierte(re) Positionen werden angegriffen ja; nicht aber Personen. „Das ist doch gar nicht so gemeint“, „Das ist doch völlig unabhängig von Herkunft und Hautfarbe“, „Das gibt es doch auch bei [andere benachteiligte Gruppe einfügen]“ – verzichtet einmal drauf. Und hört zu.

„Noch immer ist es für Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte schwieriger, eine Wohnung, einen Arbeitsplatz oder auch gute ärztliche Betreuung zu bekommen. Und all das muss vor dem Hintergrund einer Gesellschaft betrachtet werden, in der die Schwere zwischen Arm und Reich sowieso immer weiter auseinandergeht. „Die Norm ist verankert, und die empirische Realität sieht anders aus, also ist die Ordnung gestört“, erklärt Foucault das Phänomen. „Und was macht man, um sie wieder ins Lot zu bringen? Entweder man mobilisiert viele Ressourcen, um die empirische Realität der Norm anzupassen. Oder man holt die Norm nach unten. Und das ist das, was wir im Moment im politischen Spektrum beobachten können und das ist der rechte Diskurs.“ S. 111, „Zuhause“ von Mithu Sanyal

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Liebe, Verrat und toxische Männlichkeit – „Bleib bei mir“ von Ayòbámi Adébáyò

Was passiert mit dir, wenn du deine ganze Liebe und Hoffnung auf nur eine Person setzt und von dieser verraten wirst? Wenn du dich in einer Ehe wiederfindest, wie du sie nie führen wolltest und tatenlos dabei zusehen musst, wie nicht nur diese Ehe und dein Heim, sondern auch deine Gesundheit zerstört werden?

Heute sage ich mir, der Grund dafür war, dass ich mich verbogen und jeden entwürdigenden Schritt über mich habe ergehen lassen: damit es jemanden gab, der mich suchen würde, wenn ich plötzlich als vermisst gelten sollte.“

Adébáyò erzählt vor dem Hintergrund Nigerias in den 80er Jahren von Yejide und Akin, die sich in der Universität ineinander verlieben und die unabhängig und, nach westlichen Standards, modern und gebildet sind. Nicht so ihr Umfeld. Weil die Ehe einige Jahre ungewollt kinderlos bleibt, sieht Akins Mutter den Fehler bei Yejide und überredet ihren Sohn zur Polygamie. Das ist nicht ungewöhnlich, vielmehr gängige Praxis und doch eine, in der Yejide sich nie wiederfinden wollte – ist sie doch gezeichnet vom frühen Tod ihrer Mutter und den anderen Frauen ihres Vaters, die ihre lieblose Kindheit und Jugend erschwert hatten. Aber Yejide fragt niemand. Ihr wird es nicht einmal gesagt, erst Wochen später, nachdem die zweite Ehe schon eingegangen wurde. Das Gefühl, als Frau nicht vollwertig zu sein und zu genügen, gepaart mit dem Verrat durch die Person, die ihr Liebe und Treue versprochen hat, stürzen Yejide in eine Scheinschwangerschaft, in der sie nicht nur glaubt, schwanger zu sein, sondern auch alle körperlichen Symptome aufweist.

Und überhaupt, was war schon ein Mann im Gegensatz zu einem Kind, das ganz allein mir gehören würde? Ein Mann kann viele Frauen oder Konkubinen haben; ein Kind kann nur eine Mutter haben.“

Ein Kind zu bekommen wird zum großen Ideal der Geschichte – ein Kind würde Rettung bedeuten. Es würde Yejide retten, ihre Ehe, ihre Reputation und es wäre ihres, unangefochten. Glaubt sie. Was folgt, sind noch mehr unausgesprochene Worte, Abmachungen, verzweifelte spirituelle Maßnahmen und Verrat – vieles davon hinter Yejides Rücken, sodass auch der*die Leser*in erst spät versteht, was vor sich geht. Nicht einmal das, was Yejide im Laufe der Geschichte wirklich für sich macht, “gehört” am Ende ihr.

Beleuchtet der Roman auch eine bestimmte Tradition in einem bestimmten Land, so dient er trotzdem als ein Exempel für frauenfeindliche Narrative weltweit. Der Protagonistin werden nicht nur körperliche, sondern auch psychische Krankheiten und Unzulänglichkeiten unterstellt, sie wird behandelt wie jemand, der hysterisch oder ein kleines Kind ist, während ihr jegliche Mündigkeit abgesprochen wird. Und das, obwohl sie “modern” ist, obwohl sie gebildet ist. Sie ist schließlich trotzdem eine Frau. Und so kommt ihr im Verlauf doch abhanden, was ihr die ganze Zeit unterstellt wird – ihre Gesundheit.

Auch erzählerisch steht der Roman dem Inhalt in nichts nach. Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte meist aus Yejides und manchmal aus Akins Sicht erzählt. Die Autorin hält nicht nicht mit detaillierten Beschreibungen oder Ausschweifungen auf und fokussiert sich auf die Dialoge. Die Emotionen werden bei Adébáyò nicht durch Beschreibungen transportiert, sondern sehr subtil – und sind dadurch noch wirkungsvoller und intensiver.

Ein Debütroman, den man nicht genießt und der einen trotzdem nicht loslässt.

Photo by Olayinka Babalola on Unsplash.

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