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Autor: Berit Glanz

Berit Glanz macht als Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Autorin viele Dinge mit Texten.

Flauberts Jaulen oder das Lesen der Zukunft

Als Flaubert 1864 einen Brief an einen Freund schreibt, klagt er über seine Reise mit der Bahn: „Ich langweile mich derart in der Eisenbahn, dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne. Die Mitreisenden denken, es handle sich um einen verlorenen Hund; durchaus nicht, es handelt sich um Herrn Flaubert, der da stöhnt.“ Dieses Zitat leitet der großartige Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert“ nach einigen Vorüberlegungen zur Veränderung der Raumwahrnehmung durch die Eisenbahn mit einer scharfen Diagnose ein: „Die Unfähigkeit, eine dem technischen Stand adäquate Sehweise zu entwickeln, erstreckt sich unabhängig von politischer, ideologischer und ästhetischer Disposition auf die verschiedensten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.“ Wenn ich nun heute Elegien darüber lese, dass sich die Leute keine Schmuckbände großer Autoren mehr ins Bücherregal stellen wollen oder Wehklagen über fehlende Bücher im neuen Ikea-Katalog erklingen, fühle ich mich unweigerlich an das Jaulen Flauberts erinnert.

Wir befinden uns in einer interessanten Phase der digitalen Revolution, an der ein sich exponentiell beschleunigender technischer Wandel anfängt zunehmend auch an den Fundamenten ehemals für unumstößlich gehaltener kultureller Gebäude zu nagen. Die Folgen dieses umfassenden medialen Wandels, dessen Auswirkungen Einfluss auf die sozialen und politischen Verhältnisse nehmen, und sogar unsere sensorische Wahrnehmung der Welt selbst verändern, treffen selbstverständlich auch den Literaturbetrieb.

Ein Teil dieses Betriebes ist gerade zusammengebrochen, als der traditionsreiche Stroemfeld-Verlag Insolvenz angemeldet hat. Das ist nicht nur traurig, weil die Geschichte des kleinen Verlags so spannend ist, immerhin entstammt er der linksautonomen Szene Frankfurts in den 1970er Jahren, sondern auch weil sich anhand der Profilbildung und Programmentwicklung dieses Verlages sehr gut nachzeichnen lässt, wie sich kulturelle Sensibilitäten und Wertungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Zunächst ließ bereits die frühe Hinwendung eines linken Verlages zur Hölderlin-Herausgabe inklusive detaillierter Faksimiles vermuten, dass es mit dem Umstürzen bürgerlicher Ideale durch die 68er gar nicht so besonders weit her war. Das radikale dieser Generation Linker widerspiegelte sich scheinbar nicht in einer Aufhebung des Kanons oder der Verabschiedung bürgerlicher Statussymbole, stattdessen waren wohl die büchergefüllten Schrankwände, als Teil eines gebildeten Habitus, auch für linke Umstürzler ein entscheidender Bestandteil der Mentalität. Gleichzeitig wurden diese repräsentativen Ausgaben in einem Programm mit den radikal innovativen kulturtheoretischen Überlegungen von Klaus Theweleit herausgegeben, das Verlagsprogramm der frühen Jahre ist also ein recht gutes Beispiel für die inneren Widersprüche und komplexen intellektuellen Verhältnisse des politischen Umfeldes der Gründungszeit des Verlages. Ein Programm, das sich vor Allem von der Neigung zu anspruchsvollen Texten leiten ließ und nicht von politisch motivierter Kanonöffnung und -erweiterung. Nicht nur aufgrund der komplexen Geschichte des Verlages in linker Subkultur ist die Insolvenz zu beklagen, sondern auch weil das Verlagsprogramm mit seinen liebevoll ausgestatteten historisch-kritischen Ausgaben, ambitionierter Kulturtheorie und ästhetisch anspruchsvoller Literatur eine Lücke in der deutschen Literaturlandschaft hinterlassen wird.

Nun wurde der Verlag also von der oben beschriebenen Welle eines umfassenden Medien- und Kulturwandels erfasst und in Folge dessen wird auf die Umwälzungen, vor denen lange bewusst oder unbewusst die Augen verschlossen wurden, wahlweise mit kulturpessimistischem Alarmismus oder einer trotzigen Wagenburgmentalität reagiert. „Einst, als wir lasen“ titelte die FAZ, als ob wir uns momentan in einer Zeit befänden, in der nicht mehr gelesen wird. So wird nicht nur die Kundenschwundstudie “Buchkäufer – quo vadis?” des Börsensvereins, die den Buchmarkt aufrüttelt, das Erscheinen eines Ikea-Katalogs, der  2018 in den Produktfotos von Bücherregalen kaum noch Bücher zeigt und auch die Insolvenz des Stroemfeld-Verlags zum Anlass anschwellender Kulturverlustklagen in den sozialen und gedruckten Medien. Nun sind wir also angekommen, in der vielfach befürchteten digitalisierten Welt, in der nicht mehr gelesen wird, Epigonen der Hochkultur zu Staub zerbröseln und kulturlose Horden ihre Unterhaltung aus Internet und Netflix beziehen – quelle horreur!

Würden die Hohepriester des Kulturverfalls einen Moment innehalten und sich besinnen auf das, was ihnen vorgeblich so wichtig ist, nämlich den Wissensschatz in den eleganten Hardcovern in ihren Schrankwänden, dann würden sie vielleicht eine andere Tonart anschlagen. Unter B oder E beispielsweise, denn traditionell wurden die Bücher in den Regalen noch nach dem Alphabet sortiert und nicht nach Farbe der Buchrücken oder sonstigen fotogenen Sperenzchen, finden sich beispielsweise Pierre Bourdieu und Norbert Elias, bei denen man einiges zum Habitus und seiner symbolischen Präsentation nachlesen kann. Die Wichtigkeit des Bücherregals für die performative Identitätsbildung des gebildeten Europäers war über viele Jahrzehnte unhintergehbare Gegebenheit. Dass die Bücherwand jedoch in den letzten Jahren als Bildungsmarkierung und Hinweis auf Weltgewandtheit ausgedient hat, findet schon ein aufmerksamer Beobachter aktueller Autorenportraits heraus, denn dort zeigen sich nur noch selten Schreibende unter 50 vor ihrer Bücherwand, stattdessen wird vor Mauern oder in Hauseingängen gestanden, in Cafés oder auf Steintreppen gesessen – passende Symbole für ein urbanes Weltbürgertum, das sich nicht auf die eigene Wohnung beschränken und von 2345 Kilo Papier beschweren lässt. Wer braucht heute noch historisch-kritische Ausgaben und Schmuckbände im Privatbesitz, wenn befristete Verträge und schwierige Arbeitsmarktsituationen den regelmäßigen Umzug nicht nur notwendig machen sondern zum Lifestyle einer ganzen Generation werden lassen. Könnte man dann jedoch nicht gerade das Festhalten an schweren Bücherkisten als Anker im Umzugswirrwarr zu einer antikapitalistischen Protestgeste stilisieren? Doch die Trennung von der Büchersammlung ist nicht nur pragmatisch begründet, auch die Hinwendung zu minimalistischer Ästhetik des expeditiven Milieus führt zu einem Abschied von vollgestopften Regalen. Nun ist die Tatsache, dass die gutgefüllte und weit ausdifferenzierte Privatbibliothek als Symbol für die Bildung des Besitzers ausgedient zu haben scheint, an und für sich noch kein Grund das Ende des Abendlandes heraufzubeschwören.

Natürlich wird weiterhin gelesen, es wird bloß anders gelesen und vielleicht wird nicht mehr zwischen Buchdeckeln gelesen werden, aber diesen Wandel zum Ende der Kultur hochzujazzen ist nicht nur verfehlt, es ist auch ein wenig lächerlich. Medienwandel schmerzt, das ist keine Frage, er schmerzt jedoch vor Allem die Gruppen, die von der Existenz, Dominanz und Statuszuweisung eines langsam verschwindenden Mediums profitiert haben. Diese Trauer ob des empfundenen kulturellen Bedeutungsverlustes können historisch interessierte Menschen – also diejenigen die gerne in Büchern, Quellen und Texten wühlen – ohne weiteres nachweisen. In Phasen des Medienwandels sind dystopische Prognosen, ausführlich verbalisierte Ängste vor Auswirkungen neuer Medien und Schwarzmalerei der von Technik geprägten zukünftigen Gesellschaften schon immer ein beliebtes Genre gewesen. Eine gewisse Nostalgie angesichts des raschen Medienwandels ergreift scheinbar übrigens auch diejenige, die den digitalen Wandel mit offenen Armen empfangen, nicht zufällig gibt es Retrofilter in Instagram, zahllose Accounts die in den sozialen Netzwerken obskure, lustige oder skurrile Fotos der Vergangenheit teilen und einen Serienerfolg in historischem Milieu nach dem nächsten, mit Settings, die sich besonders durch hingebungsvolle Nachstellung vergangener Umstände auszeichnen.

Schon 1933 schrieb der US-amerikanische Soziologe und Technikdeterminist W.F. Ogburn:

„Will the machines of the future be our masters or our servants? They are strange creatures with which modern man has chosen to live, stranger than the ox and the dog which ancient man domesticated, and stranger even than the wild beasts which he did not domesticate. Machines have indeed created a new environment.“

In einem anderen Band von 1922 mit dem vielsagenden Titel Social change with respect to culture and original nature schreibt Ogburn über den Umgang von Gesellschaften mit neuer Technologie und entwickelt ein Vierphasenmodell, mit dem er die Verbreitung von neuen technischen Entwicklungen in Gesellschaften untersucht. Nach Erfindung, Akkumulation von Technologie, Austausch und Ausbreitung neuer Techniken und daraus resultierenden neuen Erfindungen, kommt es zu einer Phase der Anpassung, bei der die Gesellschaft auch in den nicht direkt von der Technologie betroffenen, das heißt die nicht-materiellen Bereiche auf die materiellen Innovation reagieren muss. Kommt es hier zu Verzögerungen entsteht etwas, das Ogburn als „cultural lag“ bezeichnet, Probleme und Konflikte entstehen aus dieser verzögerten Anpassung der Gesellschaft an die technischen Neuerungen.

In eben dieser Reibungszone befindet sich der Buch- und Medienmarkt, und das Konfliktpotential wird durch die Geschwindigkeit der Digitalisierung bestärkt, alte Medien und Wahrnehmungsdispositive werden mit neuen technischen Entwicklungen konfrontiert und ehemals für stabil gehaltene kulturelle Kernkompetenzen verlieren ihre Wirkmacht. Dabei ist es leicht zu vergessen, dass der Buchmarkt, ja selbst die Literaturformen, wie wir sie heute kennen ein relativ junges Phänomen sind, die selbst als Reaktion auf gravierende technische Neuerungen im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Noch im Barock krähte kein Hahn nach den Autoren literarischer Texte und die private Ansammlung von Büchern zum Studium und zur Ausstellung der eigenen Gelehrtheit ist ein Phänomen der Aufklärung. Den Massenzugang zur Literatur verdankte die breite Masse der Bevölkerung übrigens den Arbeiterliteraturvereinen, das emanzipative Potential von Büchern und die Versuche diese allgemeiner zugänglich zu machen war im 19. Jahrhundert entscheidender Teil des Klassenkampfes.

Durch den Medienwandel erfolgen Verschiebungen in der Käuferschicht und es ist daher letztlich eine kulturpolitische Frage, ob bestimmte verlegerische und editorische Aufgaben nicht in Zukunft einer staatlichen Unterstützung bedürfen. Wir brauchen weiterhin Ausgaben von Gesamtwerken, die in editorischer Feinarbeit geschliffen und poliert sind, jedoch ist die Frage, ob diese Aufgaben den Wirren eines spätkapitalistischen Medien- und Unterhaltungsmarktes unterworfen werden sollten oder ob der Schutz von Bibliodiversität nicht eine staatliche Aufgabe ist. Die kleinen und unabhängigen Verlage forderten daher bereits 2017 mit der Düsseldorfer Erklärung eine staatliche Unterstützung ihres Einsatzes für die Kulturlandschaft, eine Unterstützung die in anderen europäischen Ländern übrigens schon zum Standard gehört und auch als politisches Instrument genutzt werden könnte, um eine breitere Zugänglichkeit von Literatur für die Öffentlichkeit zu gewährleisten.

Hier lohnt es sich nochmal auf die Stroemfeld-Insolvenz zurückzukommen: Studierende konnten sich eine Subskription der Kafka-Ausgaben sowieso nie leisten, wer also hier den Käuferschwund beklagt, sollte sich vielleicht auch auf seine linken Ideale besinnen und über die zunehmend auseinanderklaffende Einkommensschere der deutschen Gesellschaft nachdenken und sich fragen, inwieweit diese ausgesprochen separaten Vermögensverhältnisse Einfluss auf den Zugang zur Bildung – wenn sie denn in Form von Schmuckausgaben und Editionen einhergehen soll – haben. Genau aus dieser Perspektive ist es doch befremdlich, dass gerade zentrale Figuren aus dem Umkreis des Stroemfeld-Verlags und der Verlag selbst in der Vergangenheit so eifrig gegen Open Access, also die digitale Zugänglichmachung von Literatur für eine Allgemeinheit verschiedenster Einkommensgruppen, vorgegangen sind und sich auch ansonsten den sich abzeichnenden Möglichkeiten und Folgen technischer Innovation versperrt haben.

In Norwegen wird beispielsweise zur Unterstützung der Verlagslandschaft eine Mindestabnahme von Büchern durch den Staat mit anschließender Verteilung an die Bibliotheken des Landes garantiert, dazu gehören auch feste Abnahmegarantien für eBook-Lizenzen und ehrgeizige Digitalisierungsprogramme der Nationalbibliothek. Wir brauchen jedoch keine Bibliotheken fördern, die keine Leser haben, in denen die Bücher nur in Regalen aufbewahrt werden. Zu einer vernünftigen Förderung der Literaturlandschaft gehört daher unbedingt auch eine weiträumige Lese- und Bibliotheksförderung und eine nachhaltige Finanzierung von Modernisierungs- und Digitalisierungsvorhaben der Bibliotheken. Die Rezeption von anspruchsvoller, oftmals nicht direkt zugänglicher oder zur Immersion anregender Literatur ist eine Form der Lesekompetenz, eine Fähigkeit, die man sich erwerben kann, analog beispielsweise zu den Sehkompetenzen für zeitgenössische Kunst oder den Hörkompetenzen für die Rezeption klassischer Musik. Hier wird in Zukunft die Rolle der öffentlichen Bibliotheken angesiedelt sein, als Informationszentren und Austauschstellen zwischen digitalem und analogem Raum, als Begegnungsort für alle Einkommensschichten, an dem Angebote zur Schulung von Lesekompetenz gemacht werden, kollektiv in Lesekreisen gelesen und über Literatur gesprochen wird.

Auf Medienwandel sollte der Buchbetrieb und die deutsche Kulturlandschaft nicht mit Angst reagieren, nicht wie Flaubert jaulend im Zugabteil sitzen, sondern offen auf Veränderungen zugehen, Stellschrauben da drehen wo es notwendig ist, Strukturen die erhaltenswert sind erhalten, aber nicht bloß aus einem reinen Selbstzweck oder zur Besänftigung von Statusängsten oder jaulenden Kulturpessimisten. Wir lesen, und wir werden weiterhin lesen. Was das für die Literatur bedeuten wird, wie die spezifischen Möglichkeiten und Kommunikationsformen literarischer Ästhetik sich verändern werden, das wird sich herausstellen, spannend wird es allemal! Dabei bedarf es durchaus einer ideologiekritischen Perspektive auf die neue Technik, die Antwort ist jedoch kein nostalgischer Traum von einer guten alten Zeit, sondern eine klare und scharfe Analyse der digitalen Verblendungszusammenhänge – um mal einen Begriff von Adorno auf den Tisch zu werfen – und leidenschaftliche Plädoyers für Literatur und Theorie, authentisch vorgetragen und zwar nicht nur in buchkitschiger Realitätsflucht zwischen Kaffeetassen am Bootssteg, sondern als Möglichkeit geistiger Schärfung und pluralistischer Meinungsbildung. Diese Position wird gegenwärtig von den etablierten Verlagen im und für den digitalen Raum in weiten Teilen leergelassen, hoffen wir darauf, dass sie gefüllt wird, bevor es dem Buchbetrieb so geht wie den Videotheken der 80er Jahre.

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Musenanrufung im digitalen Zeitalter

Dieser Text ist eine Reisereportage aus dem Schattenreich der Autofiktion, eine Reflexion über die Spannung, die entsteht, wenn zwei Autoren einander umkreisen, wie Geier auf der Suche nach den besten Brocken Realität. Was sind die Konsequenzen, wenn eine per Dating-App und Chat durchgeführte Affäre von beiden Beteiligten für die eigene Literatur verwendet wird? Kannibalische Schreibende, die Lebensgeschichten, Alltagsdramen und persönlichen Krisen ihrer Mitmenschen zu eigen machen, um diese für ihre literarische Stoffe zu verdauen, geraten besonders im Kontext einer Hochkonjunktur autofiktionaler Texte regelmäßig ins Blickfeld. Der Begriff der Autofiktion zur Beschreibung von Texten, die eindeutige Abgrenzungen zwischen Autobiographie und Roman verwischen, wird Ende der 70er Jahre zunächst in Frankreich verwendet und ab der Jahrtausendwende auch in Deutschland aufgegriffen. Die große Beliebtheit autofiktionaler Verfahren in der Literatur Frankreichs und Skandinaviens inspirierte auch deutsche Autor*innen und mittlerweile hat auch hierzulande die Autofiktion ihren festen Platz im Literaturbetrieb erhalten. Merkmal autofiktionaler Texte ist es, dass die Erzählinstanz, die den Text erzählt, mit der Autoridentität zusammengedacht wird. Im Dunstkreis dieser Texte, die beispielsweise intimste Aspekte des Familienlebens literarisch verarbeiten, gerät immer wieder die Frage nach den ethischen Implikationen von Autofiktionen in den Fokus: Wem gehört eine Geschichte und wer darf sie erzählen?

Die Frage nach Eigentumsrechten an einer Geschichte ist eng verbunden mit der Schwierigkeit der Abgrenzung faktualer und fiktionaler Text voneinander; eine komplexe Fragestellung mit der sich die Literaturwissenschaft intensiv beschäftigt. Beide Begriffe beziehen sich auf das Verhältnis eines Textes zur außersprachlichen Wirklichkeit, also beispielsweise der Frage nach einem etwaigen Wahrheitsanspruch des Textes. Mit der Einordnung eines Textes als faktual ergeben sich andere Anforderungen an ihn, als bei einer fiktionalen Zuordnung. Faktuale Texte, die sich beispielsweise in der Textsorte „Biographie“ mit dem Leben von real existierenden Personen auseinandersetzen, sind juristischen Normen verpflichtet, dürfen also nicht die Persönlichkeitsrechte der Beschriebenen verletzen, die diese gegebenenfalls auch einklagen können. Fiktionale Texte folgen anderen Regeln und wenn diese Texte sich mit real existierenden Personen und deren Lebensgeschichte befassen, können ethische Graubereiche entstehen aus denen regelmäßig sogar juristische Konflikte resultieren. In seiner Dissertation zum Schlüsselroman, die sich den aus diesen Graubereichen entstehenden ethischen Fragestellungen widmet, schreibt der Fiktionstheoretiker Johannes Franzen folgendes:

Die Autoren berufen sich in Fällen, in denen diese Fragen zu Streitfragen werden, auf die literarisierende oder fiktionalisierende Anverwandlung des Realen, die es ihnen erlaubt, die geltenden Eigentumsrechte zu umgehen. Die Betroffenen dagegen verweisen auf die Residuen des Realen in der fiktionalen Darstellung, die eine Wiedererkennbarkeit möglich machen und dadurch ihr Recht, über die eigene Geschichte zu verfügen, verletzen. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 312)

Die Erlebnisse zweier Autoren, um die es in diesem Text gehen soll, beginnen in Berlin –Stadt der ewig verlängerten Adoleszenzphase. Beteiligt sind der schwedische Autor Malte Persson und die deutsche Autorin Sarah Berger. Um die Machtdynamiken der nun beschriebenen Entwicklungen zu verstehen, müssen zunächst die beiden Protagonisten etwas näher bekannt gemacht werden:

Portrait Malte Persson
Malte Persson, 2008. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Der Schwede Malte Persson ist seit seinem Debutroman Livet på den här planeten aus dem Jahr 2002 eine etablierte Figur in der schwedischen Literaturszene, nicht nur als Romanautor und Lyriker, sondern auch als Kritiker, Blogger und Übersetzer. Er hat diverse Stipendien und Preise für sein Werk bekommen und unter Anderem Thomas Kling und Heinrich Heine ins Schwedische übersetzt. Im März 2018 kam sein Gedichtband Till dikten heraus, der sich in Schweden nicht nur ausgesprochen gut verkauft, sondern auch von der Literaturkritik positiv besprochen wurde. Der Autor lebt in Berlin und dort begann dann auch die Tinder-Affäre, die sein Werk mit dem einer weit weniger etablierten deutschen Autorin verknüpft hat.

Sarah Berger, 2018. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Sarah Berger ist eine Fotografin und Autorin, die bereits seit einigen Jahren auf ihrem Blog, ihrem Twitter-Account und bei Facebook innovative Prosaminiaturen veröffentlicht, von denen zahlreiche unter die von der Verlegerin Christiane Frohmann definierte digitale Textsorte „Kleine Formen“ fallen. Ihr Debüt erschien im Herbst 2017 unter dem Titel Match Deleted. Tinder Shorts im Frohmann Verlag. In diesem empfehlenswerten Band versammelt Sarah Berger zahlreiche Texte, von denen einige bereits zuvor online veröffentlicht wurden und die sich im weitesten Sinne mit dem Phänomen der Liebe in Zeiten des Internets befassen. In den letzten Jahren hatte sich die Autorin in ihren Online-Communities bereits den Ruf erarbeitet, mit feinem Blick und philosophisch geschultem Vokabular die Absurditäten, enttäuschten Hoffnungen und hoffnungsvollen Einsamkeiten in Dating-Chats literarisch zu sezieren. Im Vergleich zu dem bereits im schwedischen Literaturbetrieb fest etablierten Autoren Malte Persson ist Sarah Berger also in einer deutlich weniger einflussreichen Position, eine Machthierarchie, auf die dieser Text später noch näher eingehen wird.

Liebe in Zeiten der freien Marktwirtschaft

Da Sarah Berger die Erfahrungen mit ihren Tinder-Dates nur in sehr vager Form beschreibt und ihr gegenüber dabei entsprechend unkenntlich gemacht wird, folgen wir zunächst Malte Persson Text. Für den großen öffentlich-rechtlichen Schwedischen Radiosender P1, der in ganz Schweden, Teilen Dänemarks und sogar auf Rügen zu empfangen ist, verfasste Persson eine 22-minütige Radionovelle, die von dem Schauspieler Johan Ulveson eingesprochen und am 5. März 2018 erstmalig ausgestrahlt wurde. Das Stück trägt den Titel Research, eine Anspielung auf die Erzählinstanz, die sich im Text auf Recherche in die Dating-App begibt und dort eine Autorin trifft, die ebenfalls für ihr Buch recherchiert – eine Tatsache, die bereits beim ersten Kontakt der beiden offengelegt wird:

Min presentation lyder: ”Allt jag gör här, är research för min nästa bok.” Det är en lögn. Och ändå inte. Precis som denna berättelse är, där det nästa som händer är att jag matchar med någon som kallar sig för Lou och är 29 år och också presenterar sig som författare. Lou skickar ett meddelande på chattet. Att allt jag gör här är research för min nästa bok, hade jag också kunnat säga. Detta finner jag lovande. Oklart om det är på ett personligt plan eller på ett litterärt.

Meine Beschreibung lautet: ”Alles, was ich hier mache, ist Recherche für mein nächstes Buch.” Das ist eine Lüge. Und doch auch nicht. Genau wie diese Geschichte sind, ist das nächste, was passiert, dass ich mit jemandem matche, die sich Lou nennt und 29 Jahre alt ist und sich auch als Schriftstellerin vorstellt. Lou schickt eine Nachricht im Chat. Dass alles, was ich hier mache, Recherche für mein nächstes Buch sei, hätte ich auch sagen können. Das finde ich vielversprechend. Unklar ist, ob auf einer persönlichen Ebene oder einer literarischen.

(Alle Zitate aus Research sind Rohübersetzungen auf Basis einer Transkription der Radionovelle)

Die Radionovelle ist schon in den ersten Absätzen so angelegt, dass es naheliegend ist, eine enge Überschneidung zwischen dem Ich-Erzähler, der sich selbst als in Berlin lebender Schriftsteller beschreibt, und Malte Persson zu vermuten. Der Leser nimmt so bereitwillig das autofiktionale Deutungsangebot des Textes an. Typisch für autofiktionale Texte wird bereits im ersten Absatz sowohl die Fiktionalität des Textes als auch die Faktualität markiert, wenn recht einfallslos darüber philosophiert wird, dass diese Geschichte zu einem anderen Zeitpunkt in einem Zugabteil oder einem Literatursalon hätte beginnen können, aber aufgrund ihrer zeitlichen Verortung in der Gegenwart nun eben in einer Dating-App beginnen muss. So betont der Autor erstens, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt, dessen Erzähler er ist und zweitens, dass er diese Geschichte nicht anders hätte erzählen können, weil er an die Gegebenheiten der Realität gebunden ist. Das Changieren autofiktionaler Texte zwischen erzählerischer Freiheit und Wahrheitsanspruch wird hier sehr deutlich markiert.

Persson beschreibt, wie er bereits vor dem ersten Date Bergers Pseudonym „Lou“ lüftet und mit einiger Recherche ihren Twitter-Account findet; er berichtet von dem ersten Treffen der beiden und den sich daraufhin entwickelnden Gesprächen, die mehrheitlich per Chat geführt werden. Er bezeichnet sich und Sarah Berger als autofiktionale Autoren, die nun gegenseitig ihr Erleben für ihre textuellen Spiele mit der Realität verwenden. Sie sprechen darüber, wer es schafft die bessere Erzählung aus ihren Dates und Online-Flirts zu spinnen und entwickeln beim Chatten im kommunikativen Zusammenspiel eine komplexe Geschichte, die wiederum auf mehreren Ebenen das Verhältnis von Schriftsteller A und B spiegelt, die wahlweise versuchen sich ihre Erzählungen stehlen oder sich gegenseitig Geschichten unterzuschieben – die Radionovelle wird hier in manchen Passagen dermaßen selbstreflexiv, dass es ermüdend ist dem Text zu folgen, der weitestgehend eine metapoetische post-moderne Spielerei ist. Im gesamten Text wird dem Zuhörer jedoch vermittelt, dass es sich um die Begegnung zweier Autoren dreht, die mehr verliebt sind in das Geschichtenerzählen selbst, als in den zwischenmenschlichen Kontakt miteinander. Malte Persson hinterlässt als Erzählinstanz im Verlauf der Radionovelle keinen besonders sympathischen Eindruck. Im Gegenteil wirkt er auf eine dermaßen überzogene Weise selbstverliebt, dass es beinahe parodistisch wirkt. Textstellen wie die Folgende lassen sich kaum ohne schmerzhaftes Augenrollen anhören:

Hon heter i verkligheten Sarah, är 32 år och verkar inte ha publicerat sig annat än på internet. Jag är lite besviken. Inte över ålderen, men över den bristande litterära meritlistan. Jag är en snobb. Förresten måste jag förtydliga mig: I verkligheten heter hon inte Sarah, men jag har ändrat namnet, precis som jag har ändrat mycket annat här. Detta är inte ett kapitel i mina memoarer, utan en påhittad berättelse där författaren visserligen inspirerats av sådant som verkligen hänt – som författare ofta gör. Förresten måste jag förtydliga mig igen: Hon heter faktiskt Sarah. Jag försöker, men lyckas inte komma på någon ersättning för det här namnet, som känns rätt. Förutom möjligen Hannah, och det heter mitt ex. Så det blir för förvirrande när jag skriver, även om sånt borde spela någon roll. Att jag användar hennes riktiga namn, ska dock inte tolkas som jag inte ljuger om annat.

Sie heißt in Wirklichkeit Sarah, ist 32 Jahre alt und scheint nicht woanders publiziert zu haben als im Internet. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nicht über das Alter, sondern über die fehlenden literarischen Verdienste. Ich bin ein Snob. Übrigens muss ich klarstellen: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sarah, aber ich habe den Namen geändert, genau wie ich hier viel mehr verändert habe. Dies ist kein Kapitel in meinen Memoiren, sondern ein erfundener Bericht, bei dem der Schriftsteller sicherlich von etwas inspiriert wurde, was wirklich geschah – wie es Schriftsteller oft tun. Übrigens muss ich erneut klarstellen: Sie heißt doch Sarah. Ich versuche, aber schaffe es nicht, einen Ersatz für diesen Namen zu finden, der sich richtig anfühlt. Außer möglicherweise Hanna, und so heißt meine Ex. Dann wird es verwirrend, wenn ich schreibe, selbst wenn so etwas keine Rolle spielen sollte. Dass ich ihren richtigen Namen verwende, soll jedoch nicht so gedeutet werden, als ob ich über anderes nicht lügen würde.

Die Erzählinstanz, die zwischen Fakt und Fiktion schwankt, erklärt kurzerhand als Lüge etablierte Informationen zu Fakten und thematisiert wiederholt die eigene Unzuverlässigkeit. Die Benennung seines Gegenüber als Sarah wird jedoch als Fakt gerahmt, die Rezeption der Hörer wird also in die Richtung geleitet, die biographischen Informationen über Sarah Berger als Fakten wahrzunehmen. Im Anschluss wird ihr Status im Literaturbetrieb, als nicht veröffentlichte Autorin, enttäuscht kommentiert. Diese sonderbare Konkurrenzdynamik finden sich im gesamten Text, der sich mehr der Reflexion widmet, wer nun der etabliertere Autor ist oder die Geschichte besser erzählen wird, als dem wirklichen Austausch von Ideen. Diese unheimliche Art und Weise mit der sich marktwirtschaftliche Kriterien in die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme einschreiben, ist vielleicht das interessanteste ästhetische Merkmal eines darüber hinaus nicht sehr aufregenden Textes.

Narrative Enteignung – Auf Tinder sieht dich niemand stehlen

Die Hauptkritik an der Radionovelle Research von Malte Persson lässt sich ebenfalls an dem oben zitierten Absatz festmachen: Indem er Name, Alter, Wohnort und ihren Twitter-Account erwähnt, hat er die noch mit der Verwendung des Pseudonyms „Lou“ mögliche Verschlüsselung aufgegeben und Sarah Berger für alle Hörenden der Radionovelle mit einer minimalen Google-Suche auffindbar gemacht. Besonders durch die Verweise auf „Sarahs“ ästhetisches Interesse an Tinder als poetischem Bezugsrahmen und ihr zum Thema erschienenes Buch wird Sarah Berger eindeutig identifizierbar. Das Pendeln zwischen der Präsentation des Namens als fiktional oder faktual: ”In Wahrheit heißt sie nicht Sarah […] Übrigens muss ich mich doch korrigieren: Sie heißt doch Sarah.”, kann hier nur als halbherzige Strategie verstanden werden, die Verantwortung für die Identifikation seiner Protagonistin durch Ironie von sich weisen zu können. Diskretionsstrategien, die in literarischen Texten angewendet werden um die Referenzierbarkeit der Figuren zu erschweren, werden von Persson ironisch gebrochen, indem er zwar vorgibt sie zu verwenden, sie dann jedoch sofort wieder auflöst. Die faktuale Lesart von Teilen der Radionovelle, das heißt die Wiedererkennbarkeit der Protagonistin als Teil der Wirkungsästhetik, ist also Bestandteil der intendierten Rezeption – eine Strategie, mit der die Autorin Sarah Berger dem Autoren Malte Persson in seinem autofiktionalen Schutzraum ausgeliefert ist. Besonders bei den im Text ausgeplauderten Intimitäten, unter anderem der Thematisierung von einem Gespräch Sarah mit ihrem Psychologen, fragt man sich, wie der Autor dazu kommt, sich berechtigt zu fühlen auch persönlichste Details zum Stoff einer Radionovelle zu machen, die gleichzeitig keine Verschlüsselung der Protagonistin vornimmt. Um noch einmal Johannes Franzen zu Wort kommen zu lassen, der sich eben diesen ethischen Implikationen einer narrativen Enteignung ausführlich widmet:

Nicht autorisierte Narrativierungen fremder Identitäten, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, stellen einen moralischen Verstoß dar, der als schwerwiegender, möglicherweise juristisch ahndbarer Eingriff wahrgenommen werden kann. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 319)

In diesem Text solle es jedoch nicht um die möglicherweise manifeste Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Autorin Sarah Berger gehen – hier kann man ihr nur eine gute Rechtsberatung ans Herz legen – sondern besonders um Aneignung von Inhalten, ästhetischen Verfahren und spezifischen literarischen Mustern der Autorin Sarah Berger in Perssons Radionovelle.

Cover: Sarah Berger Match Deleted

Berger hat sich in den letzten Jahren mit ihren zunächst online veröffentlichten kurzen Textfragmenten eine große Anzahl Follower in den sozialen Medien erarbeitet, ihr Buch Match Deleted Tinder Shorts enthält zahlreiche dieser Texte, von denen sich viele konkreten Begegnungen und Gesprächen mit anderen Menschen widmen. Im Gegensatz zu Malte Persson gibt die Autorin jedoch nie die Identität ihrer Gegenüber Preis, sondern setzt sich mit sehr bewusst gewählter Sprache mit den strukturellen Dynamiken der aus Tinder Matches resultierenden Treffen und Gesprächen auseinander. Nun ist die Schilderung von aus Tinder entstehendem Kontakt kein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal, doch ist es auffällig, wie eng sich Malte Perssons Radionovelle an einige Textstellen aus Bergers Buch anlehnt und wie stark sich ihr poetologisches Programm in Perssons Werk wiederfindet. Persson schreibt:

Människor finns bara i de olika historier de berättar om sig själva, skriver jag till Sarah och misstänker genast att det är ett plagiat av något hon har skrivit, antingen i ett meddelande till mig eller på Facebook eller både och.

Menschen gibt es nur in den unterschiedlichen Geschichten, die sie über sich selbst berichten, schreibe ich an Sarah und vermute sofort, dass dies ein Plagiat von etwas ist, das sie geschrieben hat, entweder in einer Nachricht an mich oder auf Facebook oder beidem.

Diese Aussage findet sich wortwörtlich in Bergers Buch, auf Seite 34 steht: ”Ich existiere nur in diesen Geschichten, die ich über mich erzähle.” Ein Gedanke Bergers, der durchaus als die Ausgangsüberlegung von Perssons Text bezeichnet werden kann. Plagiatsvorwürfe sind skandalträchtig und sollen hier nicht erhoben werden, angesichts der Tatsache, dass Bergers Buch mehrere Monate vor der Radionovelle erschien und in Perssons Text auch thematisiert wird, ist es jedoch auffällig, dass sich Spuren von Bergers Werk in Perssons Radionovelle sehr viel deutlicher finden lassen als andersherum. Da jedoch beide Autoren ihr Chatgespräch bearbeitet haben, geht ein Plagiatsvorwurf hier sicherlich zu weit – ihre Dialoge miteinander haben nicht nur Sarah Berger zu literarischen Texten inspiriert, sondern liegen ebenfalls Malte Perssons Radionovelle zu Grunde. Die literarische Bearbeitung persönlich kommunizierter Chats ist ein ethischer Graubereich, in dem sich sowohl Sarah Berger als auch Malte Persson bewegen. Interessant ist hier zu analysieren, wie sich Bergers und Perssons Werk voneinander unterscheiden: Wie bearbeiten die beiden Autoren den vorliegenden Stoff?

Berger schreibt über das Zusammentreffen zweier Autoren, die Tinder zur Recherche nutzen, in der Prosaminiatur Nummer 30 in ihrem Buch:

Jeder lebt also für sich auf der eigenen Oberfläche die Figur des Liebenden, um den Betrug nicht zuzugeben und um weiterhin Nachforschungen für das eigene Projekt zu betreiben, ohne dabei selbst zu wissen, was eigentlich an erster Stelle steht.

Sie interessiert sich in ihrer literarischen Behandlung des Themas für die dem Anderen präsentierte Fassade der Geschichtenerzähler und die Unsicherheit, in einer Liebesbeziehung nur Stoffmaterial für die Texte des anderen zu werden, passend zu dem sich durch die Texte ihres Buches ziehenden Themen von Einsamkeit und Sehnsucht nach genuin zwischenmenschlicher Verbindung. Malte Persson sieht im Gegenzug die Begegnung vor Allem als Gelegenheit sich mit seiner eigenen Schriftstelleridentität auseinanderzusetzen.

Jag har redan tidigt bestämt mig för vad som främst intresserar mig, är den självmedvetenhet som måste uppstå när två författare ömsesidigt researcher varandra.

Ich habe schon früh beschlossen, dass das, was mich am meisten interessiert, das Bewusstsein für sich Selbst ist, das entstehen muss, wenn sich zwei Schriftsteller gegenseitig recherchieren.

Während Persson immer wieder das Spiel mit Faktualität und ausgestellter Fiktionalität ins Zentrum stellt, widmet sich Berger in ihrem einige Monate früher erschienenen Buch einer tieferen Dimension von Einsamkeit, enttäuschten Hoffnungen und einer melancholischen Sehnsucht, die sich durch ihre an vielen Stellen sehr berührenden Texte zieht. Das Gegenüber löst in Bergers Texten vor Allem eine Reflexion der eigenen Einsamkeit aus. Bei Malte Persson wird Sarah Berger wiederum zum Spiegel der eigenen Eitelkeit und Selbstbezogenheit. Berger schreibt über die Langeweile und Leere: „Wir werden uns erzählen, wie furchtbar wir diese Zeit finden, wie öde es ist, nur auf der Oberfläche zu schwimmen, nichts mehr zu spüren, sich nur noch von der einen guten Geschichte zur nächsten zu bewegen …“, während Persson sehr selbstreferentiell davon erzählt, wie sich die Egos der Autoren in ihrer Autofiktion spiegeln:

Men om hon hade vetat att jag citerar publicerade dialog, skulle hon säkert ha jobbat med sitt svar och kommit på ett ännu bättre, som jag nu i stället har tillskrivit henne. Det är vad jag tror, eller vad jag säger att jag tror, för i denna spiral av postmodern litterär självmedvetenhet kan det naturligtvis vara så att jag å ena sidan fåfängad framställer mig själv som den mer begåvade författaren, men å andra sidan också så att jag tvärtom anstränger mig för att framställa henne som den mer begåvade författaren, för att det inte ska se ut att jag är en typisk självgod manlig författare som inte ger en kvinnlig kollega tillräckligt med cred, ens när han stjäl hennes idéer.

Aber wenn sie gewusst hätte, dass ich veröffentlichte Dialoge zitiere, hätte sie sicherlich an ihrer Antwort gearbeitet und eine noch bessere gefunden, die ich nun stattdessen ihr zugeschrieben habe. Das ist, was ich glaube, oder was ich sage, dass ich glaube, denn in dieser Spirale postmodernen literarischen Selbstbewusstseins kann es natürlich sein, dass ich mich auf der einen Seite eitel als den begabteren Autoren präsentiere, aber auf der anderen Seite auch sein, dass ich mich im Gegenteil anstrenge sie als die begabtere Autorin zu präsentieren, damit es nicht so aussieht, als wäre ich ein typisch eingebildeter männlicher Autor, der einer weiblichen Kollegin nicht genügend Anerkennung gibt, selbst dann nicht, wenn er ihre Ideen stiehlt.

Sein Gegenüber wird in Malte Perssons Text vor allem zur Folie von Gedanken über sich selbst und sein nach außen präsentiertes Bild, sein autofiktives und ausgesprochen selbstreferentielles Spiel bleibt im Vergleich zu Sarah Bergers Texten reichlich kalt, er verfugt mit seiner Ironie nur die Oberflächen des Erlebten, während bei Berger immer wieder Abgründe erkennbar werden.

Ironische Nostalgie oder affirmative Ironie

In den Kritiken zu Perssons aktuellem Gedichtband Till dikten wird immer wieder die subtile Ironie und der feine Humor des Autors betont. Tatsächlich ist die ironische Brechung ein sehr spezifisches Merkmal von Perssons Schreiben, das bereits in den ersten Sätzen der Radionovelle „Research“, bei der Gegenüberstellung von Früher und Heute, Literatursalon und Dating-App, durchzuscheinen beginnt und das sich auch im Gedichtband Till Dikten immer wieder findet: Hinter der Pose abgeklärter Ironie verbirgt sich jedoch eine Bewunderung klassischer bildungsbürgerlicher Distinktionsmarkierungen, die in ihrer Offensichtlichkeit einen beinahe rührend bemühten Eindruck macht. Beispielhaft für diese eigenwillige Form humorbefreiter Ironie seien hier nur die ersten Zeilen aus dem Gedicht Underhållning zitiert:

När vi skäms för att vi läst så många dikter och vill göra något seriösare så tittar vi på teve

Wenn wir uns dafür schämen, dass wir so viele Gedichte gelesen haben und etwas Seriöseres machen wollen dann schauen wir Fernsehen

Das an diese Textzeilen anschließende Gedicht beschreibt ironisch das Fernsehen und das serielle Erzählen als die ernsthaftere und komplexere Unterhaltungsform, die das lyrische Ich aus Dummheit eben nicht versteht, dabei einschläft und sich deswegen den kürzeren und „einfacheren“ Gedichten zuwendet. Im Gestus selbstironischen Spotts wird von Persson wieder und wieder das eigene Aus-der-Zeit-gefallen-Sein thematisiert, dabei jedoch eigentlich nur bildungsbürgerlicher Kanon in gähnender Langeweile affirmiert. Zumindest führt Persson mit dieser Schreibweise recht beeindruckend die Möglichkeit vor Augen Ironie jedweder subversiver Funktion zu entledigen.

Till Dikten strotzt von scheinbar ironisch präsentierter Literaturverehrung, die letztlich eine Anbiederung an den bildungsbürgerlichen Kanon ist, die mit gutem Gewissen als Referenzmasturbation bezeichnet werden kann. Was sagt es über den schwedischen Literaturbetrieb aus, dass ein Gedichtband wie Till Dikten von den Kritikern bejubelt wird, ein Band, der in seiner metapoetischen Bemühtheit an zahlreichen Stellen mühelos ins Lächerliche gleitet? In den schwedischen Rezensionen wird Persson als humorvoller Dichter beschrieben, die daraus resultierende Frage ist jedoch eher, was mit dem Humor schwedischer Literaturkritiker kaputt ist, dass diese Form von Ironie überhaupt als humorvoll wahrgenommen wird. (Eine kritischere Lesart von Malte Perssons Ironie in Till Dikten habe ich übrigens finden können, geschrieben wurde sie von Filip Lindberg für Örnen&Kråkan.) Zumindest ist der Gedichtband in Schweden weit oben in der Bestsellerliste platziert, er scheint bei den Lesern gut anzukommen, andererseits verkaufen sich in Deutschland beispielsweise auch die Gedichte von Hans Kruppa sehr oft – Erfolg beim Absatz scheint also weder in Schweden noch in Deutschland ein Garant für gute Literatur zu sein.

Es ist möglicherweise das Drama Malte Perssons als Schriftsteller, dass er sich nach einer historischen Periode mit entsprechender Genie-Verehrung zurücksehnt, diese Sehnsucht gegenwärtig aber nur noch mit vorgespielter Ironie präsentieren kann. Seine Obsession mit schriftstellerischem Status und Relevanz durchzieht auch die Radionovelle Research, in der sich zahlreiche Referenzen auf kanonisierte große Schriftsteller finden lassen. Das generische Maskulinum ist in diesem Fall beabsichtigt, denn Frauen oder Autorinnen sind in Malte Perssons Bezugshorizont sonderbar abwesend, stattdessen werden David Foster Wallace, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke erwähnt, die letzteren im Bezug zu Sara Bergers Alias, die sich in Tinder „Lou“ nennt. Persson denkt darüber nach, dass eine angehende Schriftstellerin, die sich den Namen Lou gibt, sicherlich von der Psychoanalytikerin Lou Salomé inspiriert wurde, die auch Freundin von Nietzsche, Freud und Rilke war. Diese Freundschaft – „vän eller mer / Freundin oder mehr” schreibt Persson – fasziniert ihn. Lou Salomé ist nicht interessant aufgrund ihrer eigenen Biografie, sondern wegen ihrer Beziehung zu von Persson bewunderten berühmteren Männern – sein Interesse an dieser Form eines Musendiskurses ist offensichtlich.

Die Muse schreit zurück

Die Trope von Musen und den Meistern, deren Werke sie inspirieren, findet sich in zahlreichen historischen Texten über Kunst und Literatur. Von den antiken Musenanrufungen, beispielsweise in Homers Odyssee, bis hin zur modernen Variante des Manic Pixie Dream Girls, das sich in zahlreichen Filmen wiederfindet, ist das zentrale Merkmal die Selbstaufgabe weiblicher Identität, um zur Projektions- und Inspirationsfläche des männlichen Künstlers zu werden. Erst Hesiod gab übrigens den Musen ihre Namen und begrenzte ihre Zahl, vorher wurden sie nur als namenlose Wesen angerufen, waren so also bereits in der Antike symptomatisch für die Unsichtbarkeit der inspirierenden oder mitschöpfenden Frauen hinter den Erzeugern eines ästhetischen Textes. Frauen, die als hilfreiche Unterstützerinnen großer Künstler, Forscher und Literaten, nur durch Dienstleistungen für die männlichen Genies einen Wunsch nach Teilhabe erfüllen konnten, sind ein wiederkehrendes historisches Phänomen. Wer nur einen kleinen anekdotischen Eindruck davon bekommen möchte, sollte sich in einer ruhigen Stunde einmal den Hashtag #ThanksForTyping auf Twitter zu Gemüte führen – ich empfehle dabei für etwaige aus den angeführten Beispielen resultierende Gemütszustände einen Wutball in der Hand zu halten.

Cover: Christiane Frohmann: Präraffaelitische Girls erklären das Internet

Eben dieser Musendiskurs, der Frauen zum Schweigen bringt und ihre Identitäten verwischt, wird von Christiane Frohmann, Sarah Bergers Verlegerin, aufgegriffen und subversiv gebrochen, wenn sie in ihrem Buch „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ und auf dem dazugehörigen Twitter-Account “Pre-Raphaelite Girls Explaining” die jungen Frauendarstellungen der präraffaelitischen Maler zu Wort kommen lässt. In ihren Bild-Text-Kompositionen setzen sich die „Girls“ kulturkritisch mit Internetphänomenen auseinander, ohne dass der Maler der Werke überhaupt relevant ist – die Musen schrei(b)en zurück. Die gleichen digitalen Möglichkeiten, die im Jahr 2018 das Datingleben verändern und Menschen ermöglichen, sich als Autor*innen zu bezeichnen, obwohl sie nie ein gedrucktes Buch veröffentlicht haben, geben so auch den früher zum Schweigen verpflichteten Musen die Möglichkeit, ihren Mund zu öffnen und Frustration über ihre Instrumentalisierung zu formulieren.

Sarah Berger, eine Autorin, deren Werk ursprünglich im Internet erschien, hat natürlich auch zu der Causa Persson bei Twitter Stellung bezogen. In der Radionovelle zitiert Malte Persson einen Tweet von Berger zu ihrem ersten Date mit dem Schriftsteller, in dem die Frage gestellt wird, wer wohl die beste Fiktion über den jeweils anderen schreiben wird. Eben diesen Tweet greift Sarah Berger im April 2018 wieder auf und dekonstruiert Perssons Radionovelle mit wenigen Worten:


Genau an diesem von Sarah Berger benannten Punkt der klassischen Rollenmuster, der narrativen Enteignung einer Debütautorin durch einen als Schriftsteller bereits stark etablierten Mann, der digitalen Wiederbelebung abgestandener Musendiskurse, macht es sich fest, dass Malte Persson für seine Radionovelle Research kritisiert werden sollte. Auch und gerade deswegen, weil er seinen Text auf Schwedisch mit hoher Reichweite veröffentlichte und so durch die Sprachbarriere absicherte, dass Sarah Berger nur mit gesteigerten Schwierigkeiten Zugriff auf einen Text bekam, für den sie einerseits eine Nennung als Co-Autorin verdient hätte und der andererseits intimste Details unter ihrem Klarnamen offenbart.

Gerade von Malte Persson, der sich im Kontext der aktuellen Skandale um die Schwedische Akademie, für die er selbst schon als zukünftiges Mitglied ins Spiel gebracht worden war, wiederholt kritisch geäußert hat, und dabei den Sexismus und die archaischen Machtverhältnisse der Akademie analysierte, hätte man ein größeres Bewusstsein bei seinen eigenen Texten erwartet. Vielleicht wäre die Schwedische Akademie doch das richtige Habitat für diesen Schriftsteller, der zumindest von der Literaturkritik bereits in die Nähe antiker Dichterfürsten gerückt wurde:

Man känner de gamla grekernas närvaro hos Malte Persson precis som hos Svenbro. Men hur slänger man ihop en dikt här och nu, här vid historiens slut, efter romantik och modernism och postmodernism?

Man merkt die Nähe der alten Griechen, bei Malte Persson genauso wie bei Svenbro. Doch wie entwirft man ein Gedicht im hier und jetzt, hier am Schluss der Geschichte, nach der Romantik und der Moderne und der Postmoderne?

Auf diese rhetorisch gestellte Frage kann man nur mit Nachdruck und Vehemenz antworten: Bitte nicht so, wie Malte Persson es in Till dikten und Research betreibt und bitte auch nicht, indem durch die kritiklose Übernahme antiquierter Musendiskurse Autorinnen instrumentalisiert und in die Unsichtbarkeit gedrängt werden.

(Großer Dank gebührt dem Skandinavisten und Übersetzer Matthias Friedrich, der nicht nur Malte Perssons Radionovelle transkribiert hat und mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte, sondern auch Anregungen für diesen Artikel gab. Dank gebührt außerdem dem Germanisten Johannes Franzen, der mir im persönlichen Gespräch und mit seiner Forschung zur narrativen Enteignung sehr geholfen hat, daher empfehle ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich seine Monographie zum Schlüsselroman: Johannes Franzen: Indiskrete Fiktionen. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960-2015. Göttingen, 2018.)

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Das Lyrische 54ett spricht über Peter Neumann

Vor zwei Jahren schrieb Kristoffer Cornils mal bei Fixpoetry, dass die Lyrikkritik an fehlender Diskussion leide:

“Schriftliche Literaturkritik kennt, ebenso wie sie keine Kürzestformen kennt, keinen Dialog außer dem der langwierigen Essays wie diesem hier. Das ist ein Strukturfehler und er existiert nur deswegen, weil niemand diese Struktur ernsthaft in Frage stellen möchte. So wie bei Signaturen die Kommentarfunktion fehlt, gibt sich Lyrikkritik weiterhin als Atavismus von Printzeiten: Als fixierte Setzung, die Diskussionen zwar anstoßen kann, nicht aber an ihnen teilnimmt.”

Inspiriert davon, haben wir beschlossen einmal zu probieren, wie Lyrikkritik als Diskussion im Internet aussehen könnte. Wir haben einige Tage lang in einer geschlossenen Facebook-Gruppe über ein Gedicht diskutiert. Um das Gespräch möglichst unbeeinflusst zu halten, wurde der Name des Autors erst später geteilt. Nach Abschluss unserer Diskussion gebe ich hier nun wesentliche Punkte der Debatte wieder (All die Abschweifungen, Sticker und Diskussionen über Geburtstage und Brunch lasse ich beiseite). Fürs Erste haben wir beschlossen, dass wir unsere Namen anonym halten – jetzt ist es eine Art lyrischer Karneval der Tiere geworden. Vielleicht können wir eine Diskussion anstoßen, über das Gedicht selbst oder auch über dieses Format der Lyrikkritik.

Das Gedicht “tief wurzeln in der timeline die bäume” ist Peter Neumanns Gedichtband areale & tage entnommen, der 2018 in der Edition Azur erschienen:

tief wurzeln in der timeline die bäume

bild könnte enthalten: himmel, berg, ozean, im freien, natur und wasser

du wartest auf den bruch, aber er kommt nicht
als hätten die bäume zu lange auf dem dachboden gestanden
die tagesform des internets, trockengefallen.
deiche, wehre, vermuschelte kanäle, ein echter
herrndorf-himmel ist das: eine baumreihe, die ihren schatten
bis zur unkenntlichkeit in die länge zieht. strohballen
liegen gekastet, halbe pausen, eine landschaft
die bloß modell steht, ohne menschen, berge, bonsai.
milane legen sich in die luft, wir gleiten vorüber
spülfelder, die uns beschützen vor den blicken
die es nicht gibt, und nur die regionalbahnen wissen
von den dörfern, den lichtern, dass es sie gibt.

für daniel bayerstorfer

Seeschwein: Hübsch künstlich, diese künstliche Natur. Aber wo hört schon das Eine auf und fängt das Andere an?

Erdlöwe: Mir gefällt der diffuse Gegensatz von Technik und Natur, die Bäume in der Timeline erinnern mich daran, dass es plötzlich so ein neues naturkundliches Interesse in den sozialen Medien zu geben scheint. Aber ich weiß gar nicht ob hier Timeline wirklich in Bezug auf die sozialen Medien verwendet wird, eher scheint es sich mir doch auf eine reine Zeitlinie zu beziehen.
Das Gedicht hält also den Digitalität / Natur Gegensatz aus dem Titel nicht so richtig ein, oder? (Bzw. macht es das ganz traditionell mit so Technik aus dem 19. Jahrhundert: Eisenbahnen, die gegen die Natur gestellt werden.) Das Internet wird ja nur in Zeile drei wieder aufgegriffen, was ich schade finde.

Seeschwein: Der Titel macht doch gar keinen Gegensatz auf, oder? Im Gegenteil: Die Bäume wurzeln in der Timeline, die Natur ist hier nur digital vermittelt zu haben. Vielleicht weiß darum nur die analoge Technik (Eisenbahn) noch, was es wirklich gibt und was nicht?

Erdlöwe: Stimmt, das “wurzeln” verbindet die Bäume mit dem Internet. Aber warum sind die Orte menschenleer und die Dörfer werden nur von den Regionalbahnen gesehen? Die Idee, dass nur die alte Technik uns noch sieht/ erkennt finde ich als Deutung grundsätzlich schön.

Seeschwein: Ist das Internet ein Ort für Leute, die sehen wollen, ohne gesehen zu werden, um den Preis dessen, dass man nicht mehr weiß, was echt ist? So oder so: Gefällt mir gut, das Gedicht, irgendwie.

Erdlöwe: Ich frage mich, ob Zeile zwei hier impliziert, dass das Ganze eine Bildbeschreibung ist? Erinnert mich an künstliche Intelligenzen, die versuchen Photographien zu klassifizieren. Geht das zu weit?

Seeschwein: Keine Ahnung, ich find die Dopplung verwirrend, also Himmel/im Freien, Berge/Natur, Ozean/Wasser. Konkret/abstrakt. Hübsch, aber: Wozu? Und: Welcher Bruch ist in Vers 1 gemeint, und bricht der Vers nicht doch?

Kartäuserkater: Die kursive Zeile scheint mir ganz klar so ein typischer Output einer Bildanalysesoftware.

Fetzenfisch: Ich steige etwas spät ein, hake aber an einer früheren Stelle ein: Ich dachte am Anfang, dass es ein Bajohr-Gedicht sei, also eins, das auf ein irgendwie computerhaft angereichertes Verfahren setzt. Und in dem Lese-Modus fand ich dann alle poetisch klingenden Maschen als eine Art algorithmische Farce bestätigt: Ich dachte, hier sei ein Programm darauf angesetzt worden, den gängigen “Sound” von Gegenwartslyrik zu imitieren. Dass das jetzt nicht der Fall ist, sondern “tatsächlich” von einem “richtigen” Autor stammt, macht den Eindruck womöglich noch fragwürdiger: Der Gegenwartslyriker schriebe dann so, wie ich meine, wie ein mediokeres Dichtungsprogramm versuchen würde, wie ein Gegenwartslyriker zu schreiben, eine recht traurige Schleife, oder?

Blattschwanzgecko: Ich schließe mich insoweit an, als es auch aus meiner Sicht so klingen will wie man denkt, dass es klingen soll. Ich finde die erste Zeile (Du wartest..) furchtbar plump, gerade sprachlich. Normalerweise würde ich deswegen schon weiterblättern.

Seeschwein: Ich bin auch immer so plump, ich mag das.

Erdlöwe: Ich habe an einigen wenigen Stellen, z.B. “Milane legen sich in die Luft”, Kitschverdacht, aber mag das Gedicht grundsätzlich sehr.

Seeschwein: Ist der “Kitsch” hier nicht Mittel zur Beschreibung der digitalen Naturwahrnehmung, der nur noch Modell stehenden Natur? Also: Ist das nicht Absicht, der Bruch, der auf die Bruchlosigkeit reagiert? Geht es bei dem “Bruch” um brechende Wellen?
P.S.: Stellt euch einfach “Leguane” statt “Milane” vor, dann ist es surreal.

Kartäuserkater: Ich kann’s mir jetzt doch nicht verkneifen: »strohballen liegen gekastet, halbe pausen« – sowas ist doch wirklich das Klischee vom Klischee deutscher Gegenwartslyrik.

Seeschwein: Ich verweise noch einmal auf meine These von oben: Vielleicht ist eben das hier Stilmittel, um auf die Darstellung von Natur im virtuellen Raum zu verweisen. Hmmm?

Kartäuserkater: Ich meine weniger, dass es irgendwie »kitschig« wäre, als dass dieser gewollt kreative Einsatz von Grammatik und Analogie mir abgedroschen scheint. (Übrigens für mich als Landkind interessant, dass es tatsächlich Gegenden in Deutschland zu geben scheint, wo noch eckige Ballen gemacht werden.)

Seeschwein: Das meinte ich doch.

Erdlöwe: Aber warum sollte man kitschig oder poetisch auf die Naturdarstellung im Internet verweisen? Immerhin steht doch da auch, dass der Internetmodus “trockengefallen” ist und “wie bäume auf dem dachboden”

Seeschwein: Es geht doch eher um die Typisiertheit der sprachlichen Repräsentation. Die sprachliche Darstellung ist so standardisiert wie die visuelle. Sie ist nur Modell.

Blattschwanzgecko: Man könnte doch auch einfach ein gutes Gedicht schreiben und da stünden dann keine Strohballen gekastelt drin!

Erdlöwe: Was ist mit Herrndorf-Himmel gemeint?

Blattschwanzgecko: Herrndorf war doch zuerst Maler, habe mal ein paar Bilder gesehen. Ich suche mal den Link, glaube da war auch Himmel bei. Ich glaube der Buchumschlag von Arbeit und Struktur ist auch von ihm.

Seeschwein: Mir gefällt das Gedicht übrigens immer noch ganz gut.

Kartäuserkater: Mir doch auch.

Erdlöwe: Mir doch auch, bloß nicht 100%.

Seeschwein: Deswegen ja „ganz“. Aber das liegt auch am Thema, Natur interessiert mich nicht so.

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„Hilfe, zwischen meinen Buchdeckeln sind Algorithmen“*

Vor ungefähr vier Jahren schrieb Sibylle Berg in ihrer S.P.O.N-Kolumne folgende These: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“ Als Gegenmittel empfahl sie der Buchbranche ironisch doch mal einen Abstecher ins Silicon Valley, wo sich zum damaligen Zeitpunkt gerade Kai Diekmann auf Innovationssuche befand. Auf die Kolumne regte sich viel Widerstand, beleidigter Protest und trotziges Gestampfe, doch auch vier Jahre später scheint mir die Beziehung zwischen Literaturbetrieb und Internet – hier als Chiffre für die diskursiven und technischen Innovationen der Digitalisierung verwendet – auch weiterhin keine Herzensangelegenheit zu sein, eher eine mehr oder minder pragmatische Zweckgemeinschaft.
Natürlich gibt es mittlerweile digitale Leuchtfeuer im Büchermeer: Franz Friedrichs non-linear erzählte und gemeinsam mit dem Fischer-Verlag entwickelte App 25052015 – Der letzte Montag im Mai; mehr oder minder gelungene Prosa (und Lyrik), die sich z.B. an die Ästhetik von Facebook-Chats anpasst oder Hashtags sinnvoll miteinbezieht. Auch die zahlreichen Verlagsblogs, die in den letzten Jahren entstanden sind, zeigen zumindest, dass die Buchbranche sich bemüht um die Herzen der Online-Leser*innen. Die Verlage stoßen also in den virtuellen Raum vor, versuchen sich an medialer Innovation und suchen nach Texten, die sich formal oder inhaltlich mit einer im weitesten Sinne digitalen Ästhetik befassen – Zunehmend trauen sich Verlage auch Bücher mit genuin digitaler Literatur zu veröffentlichen. Der begriff der digitalen Literatur ist momentan noch recht unpräzise, ich beziehe mich in der Verwendung auf Texte bei denen der Computer zumindest Anteil an der Entstehung hat und die deswegen klassische Konzepte von Autorschaft gehörig ins Schwanken bringen.

„Dazu gehören alle möglichen Formen von Texten, die maschinell generiert wurden, die sich mechanisch andere Texte aneignen und deren Satz- und Wortelemente neu kombinieren, meistens mittels mehr oder weniger komplexer Scripte, die die Autoren selbst schreiben – das Schreiben der Texte, die sie hervorbringen, ist eine bestimmte Art computerisierter Textverarbeitung.“

So fasst Hanna Engelmeier einen Teilbereich der digitalen Literatur in einem sehr empfehlenswerten Essay im Merkur 12/2017 zusammen, der sich unter dem Titel „Was ist die Literatur in »Digitale Literatur«?“ unter Anderem mit dem interessanten Phänomen auseinandersetzt, dass die Theoretiker*innen und Produzent*innen dieser Form von deutschsprachiger digitaler Literatur oftmals dieselben Personen sind.

Spannend ist es da, dass der Suhrkamp Verlag in diesem Frühjahr gleich zweimal Bände vorlegt, die in das eigentlich weite (aber in der deutschsprachigen Literatur eben leider noch immer ziemlich enge) Feld der digitalen Literatur vorstoßen: Hannes Bajohrs Halbzeug: Textverarbeitung und Clemens Setz: Bot – Gespräch ohne Autor. Bevor ich mich den beiden Bänden inhaltlich widme, will ich jedoch erst einen Exkurs zu den Klappentexten dieser Bücher einerseits – das was von Gérard Genette als Paratexte bezeichnet wird – und andererseits ihrer Rezeption durch die Literaturkritik machen. Ich habe den Eindruck, dass besonders die Rahmung dieser Bücher in Verlagsankündigungen und Klappentext, die sowohl rezeptionssteuernd wirkt als auch Vermarktungslogiken bedient, in der Kritik mehrheitlich aufgegriffen wird.

Vergleicht man die beiden Klappentexte fällt besonders auf, dass beide sich sehr ausführlich Metaphern bedienen, die gleichzeitig Faszination und leichtes Unbehagen an der Digitalisierung ausdrücken. Bei dem Buch von Clemens Setz schreibt nicht mehr die „natürliche Person“ sondern die „künstliche Intelligenz“ / „die ausgelagerte Seele“, was schließlich in der Verabschiedung der Autoreninstanz mündet – immerhin haben wir laut Klappentext mit dem Buch „das Werk allein, völlig losgelöst von seinem Autor“ in der Hand. Im Klappentext des Buches von Hannes Bajohr wird gleich das Werk selbst verabschiedet, „Wo alles Text ist, weil alles Code ist, gibt es kein Werk mehr“ – ein wohlklingender Satz, der aber mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Auch Ideen von Autorschaft und Rezeption werden laut Klappentext durch den Gedichtband in Frage gestellt. Der Band von Clemens Setz ist von der Kritik in zahlreichen Beiträgen aufgenommen worden, dabei häufen sich jedoch Wortfetzen, Aussagen und Stimmungsbilder, die sich eng an die Tonalität des Klappentextes anlehnen: Der Text ist „das sperrigste Werk des Jahres“; geprägt durch einen „hermetische[n] Stil“, der decodiert werden muss; „Das Ich steckt als ausgelagerte Seele im Computer“ und Clemens Setz wird wahlweise als „Computerfreak“, „Nerd“ oder „Internetfreak“ bezeichnet. Ganz grundsätzlich wirft das Buch bei Kritiker*innen die Frage auf: „Wann haben wir es mit Menschen, wann mit Maschinen zu tun?“ oder anders ausgedrückt „Dem Menschen antwortet ein Algorithmus, und Setz wirft damit die Frage auf, wie wir menschliches von maschinellem Verhalten unterscheiden können.“

Black Box Autor

Die beiden Autoren, die sich mehr oder weniger stark digitaler Verfahrensweisen bedienen, werden so durch Rezeption und die Paratexte ihrer Bücher zu einer Art Black Box stilisiert, weil herkömmliche Methoden der Rezeption, wie beispielsweise über eine klar fixierte Autorenidentität nicht mehr zu funktionieren scheinen. Mit der Metapher der Black Box, die im Kontext von Gesprächen über Computer eine mysteriöse Unverständlichkeit von Algorithmen bzw. Software ausdrückt, wird vor Allem der Überforderung gegenüber digitaler Innovation Ausdruck gegeben: Der Mensch füttert Maschinen mit Daten oder Programmierbefehlen, aber die Lösungen sind nur noch bedingt nachvollziehbar. Das generelle Unverständnis darüber, wie Computer zu ihren Resultaten gelangen, und eine daraus resultierendes Unbehagen sammelt sich in der Metapher der Black Box. All dies hat Kathrin Passig bereits sehr viel besser analysiert, als ich das je könnte, deswegen verweise ich hier auch nur auf ihre ausführlichen Überlegungen, die im Merkur unter dem Titel “Fünfzig Jahre Black Box” erschienen sind und nehme bloß ein Zitat aus ihrem Text heraus, das besonders auf den hier beschriebenen Kontext und die wiederholte Verwendung des Wortes „Algorithmus“ passt passt:

„Bei der Bezeichnung fängt es schon an: Man könnte einfach »Software« sagen, aber das klingt eben nicht so sinister wie »Algorithmus«, sondern nur ein bisschen nach angestaubten Disketten. Algorithmus bedeutet nicht »irgendwas, woran ein Computer beteiligt ist«. Das Wort bezeichnete eigentlich einmal ein klar umrissenes Rezept, zum Beispiel ein Sortierverfahren oder eine Anleitung zum Zusammenbau eines Ikea-Regals.“

In der Rede von Algorithmen, binären Logiken und künstlicher Intelligenz, die besonders bei der Rezeption von Clemens Setz Buch auffällig ist, schwingt sowohl Faszination als auch Skepsis mit und oft werden so auch eigentlich sehr banale technische Verfahren ins Mysteriöse überhöht. Man könnte hier nun einen langen Exkurs beginnen und zeigen, wie diese Rezeption von Technik letztlich quasi-religiös ist und Elemente des Numinosen im Sinne Rudolf Otts enthält – eine Analyse von Mysterium Tremendum und Mysterium Fascinans in der Rede über künstliche Intelligenz – aber das würde zu weit vom Thema fortführen. Fraglich bleibt jedoch, warum uns diese Bücher als Werke ohne Autor, Bücher ohne Werk (was auch immer das sein soll) und als Bücher, deren Entstehungsprozess eben so unverständlich ist wie die rätselhaften Algorithmen auf denen sie aufbauen, vermittelt werden. Immerhin ist es schon amüsant zu lesen, wie Begriffe wie künstliche Intelligenz aus dem Feuilleton-Hut gezaubert werden, wenn es bei Clemens Setz doch letztlich nur um eine recht schlichte Strg+F Suche in einem längeren Word-Dokument geht. Spiegelt sich hier Unkenntnis oder Unbehagen wieder?

Halbzeug: Textverarbeitung und das Kreative am Uncreative Writing

Bajohrs Band ist ganz im Einklang mit der digitalen Poetik, die Kenneth Goldsmith in „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ (Matthes & Seitz, 2017) formuliert, dessen Übersetzung ins Deutsche nicht zufällig von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein verantwortet wurde, eine elegant durchgeführte Replik auf Goldsmiths These, dass auf die Unmengen an Text im digitalen Zeitalter mit einer Veränderung der literarischen Verfahren reagiert werden sollte. Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, die unterschiedliche Strategien in der Textproduktion verwenden. Für den Teil „in corpore“ verwendet Bajohr etablierte computerlinguistische Verfahrensweisen und lässt Textkorpora zunächst mit recht elementaren Suchbefehlen untersuchen, ordnet und sortiert in Folge dann die vom Computer produzierten Ergebnisse. Der genaue Weg zu den Gedichten wird in einer Art gläserner Literaturproduktion immer im Anschluss an die Texte spezifiziert. Grundsätzlich wichtig ist, dass hier weder die Komplexität des technischen Verfahrens noch die entstandenen Sprachspiele das einzige Kriterium zur Bewertung der Qualität sind, sondern das außerdem der Fokus auf die Originalität der Fragestellung an die Textkorpora gerichtet werden muss. (So wie eben auch bei Konzeptkunst nicht unbedingt das Urinal selbst relevant ist, sondern die Idee es in einem musealen Rahmen zu präsentieren.) Die von Bajohr im Teil „in corpore“ erdachten Konzepte liefern manchmal rein spielerische Resultate, bei anderen Texten sind sie schlichtweg großartig und liefern einen eigenwillig absurden Einblick in unsere Realität. (Meine Favoriten sind: „Was Man Muss (Managementkorpus)“ und „Über mich selbst“)

Der Teil „automatengedichte“ liefert meiner Meinung nach eher uninteressante Resultate, weil hier einfach verschiedene Texte zu einer Art Medley maschinell vermischt werden, was auf mich entweder beliebig oder bemüht wirkt, besonders wenn kanonisierte literarische Texte verwurstet werden und es bei der Rezeption vor Allem um das Kitzeln des bildungsbürgerlichen Bewusstseins zu gehen scheint. Hier ist auch die Reichweite des Autoreneingriffs in den computergenerierten Text nicht wirklich nachvollziehbar, im Anhang steht, dass die Texte „manuell und subjektiv“ zusammengesetzt und gekürzt wurden, wieviel Hannes Bajohr und wieviel Maschine also exakt in den Texten steckt bleibt so unklar. Für den Teil „maschinensprache“ wird mit der Verknüpfung unterschiedlicher Software, wie Spracherkennungs- und Übersetzungsprogrammen, gespielt. Innovativer Dreh ist hier vor Allem die Absurdität mit der die Software miteinander interagiert, ein gutes Beispiel für interessante Konzepte mit resultierenden Gedichten, die leider eher mühsam zu lesen sind. Der Teil „in den reader für das eleventum“ bei dem die Word-Synonymfunktion verwendet wird um kanonische Gedichte umzuschreiben, liefert deutlich unterhaltsamere Resultate, denn auch hier ist die auswählende Autoreninstanz, die sich für die jeweiligen Synonyme entscheidet, ein Garant für die Lesbarkeit der Texte.

Besonders im Appendix wird dann sehr gut verdeutlicht, was auch Hanna Engelmeier in ihrem Merkur-Essay schon beschrieb: die Vermengung von ästhetischer Produktion und theoretischer Reflexion. Besonders die, wie ein Manifest gestalteten, Überlegungen zur digitalen Literatur sind interessant zu lesen, inklusive zahlreicher Verweise auf die Avantgarde als deren logischen Entwicklungsschritt Bajohr die digitale Literatur verortet (Mehr dazu auch in einem Essay des Autors in der NZZ, der aber auf Verweise zu seinem eigenen Werk verzichtet). Hannes Bajohr ist also nicht nur Produzent digitaler Literatur, er liefert auch gleich noch eine Reflexion seiner Methode mit. Dass diese theoretische Rahmung und Einordnung der digitalen Literatur, die eben gleichzeitig auch als Bewertung des eigenen Outputs lesbar ist, dann manchmal etwas selbstgefällig klingt, sei dahingestellt – es entbehrt zumindest nicht einer unfreiwilligen Komik:

„Entsprechend müssen wir zwischen Netzliteratur und digitaler Literatur unterscheiden. Flarf, twitterature und spam lit sind Netzliteratur, Schnappschüsse eines kulturellen und linguistischen Augenblicks. Digitale Literatur wäre dagegen etwas, in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet.“

Bot und die Poetik des CTRL+F

„Für das SZ-Magazin fertigte Joachim Kaiser gern kunstvolle Interviews aus den Sätzen verstorbener Größen.“ – Kaiser setzt also die „Antworten“ auf seine Fragen aus anderen Aussagen der „Interviewten“ zusammen. Interessanterweise hat dieses Verfahren einige Ähnlichkeit mit dem Interviewband „Bot. Gespräch ohne Autor“. Ein Bot ist eigentlich bloß ein Computerprogramm, das widerkehrende Aufgaben automatisiert bearbeitet ohne dass manuelle Eingaben notwendig werden, Bots sind dabei in der Mehrzahl eher schlichte Programme, die im Internet zahlreiche Funktionen erfüllen, beispielsweise regelmäßig Daten herunterladen oder eingeben und damit einen erheblichen Teil der Netznutzung ausmachen. Aufmerksamkeit haben die Bots in den letzten Monaten besonders durch die sozialen Bots bekommen, die in sozialen Netzwerken mit mehr oder weniger offensichtlichen Interessen automatisiert zu bestimmten Themen oder Hashtags posten. Im Sinne der etwas eigenwilligen Setz-Suhrkamp Definition des Wortes „Bot“ hätte Kaiser mit seinen zusammengesetzten Interviews zahlreiche Bots produziert, denn das Buch Bot besteht eben aus einem genau solchen Interview mit zahlreichen von Angelika Klammer genial formulierten Fragen, auf die jedoch nicht der Autor persönlich antwortet, sondern mal mehr oder weniger passende Auszüge aus seinem viele Seiten langen Tagebuch zur Antwort verwendet werden. In dem ausgesprochen interessanten von Setz verfassten Vorwort denkt er darüber nach, ob sein Tagebuch, das er selbst als „ausgelagerte Seele“ bezeichnet, nicht tatsächlich einen ausreichenden Gesprächspartner abgeben kann. Er spannt für diese Überlegungen den Bogen vom Turing-Test, mit dem getestet werden soll ob eine künstliche Intelligenz über eine ähnliches kognitives Vermögen wie ein echter Mensch verfügt, zu dem Philip K. Dick Android Project, bei dem eine sehr realistisch aussehende Büste des Sci-Fi Autoren Dick gebaut wurde, deren Software mit unzähligen Materialseiten aus Äußerungen des Autors gefüttert wurde und anschließend mehr oder weniger gut funktionierende Dialoge führen konnte. Diese Überlegungen sind für sich genommen eine spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und ihren Auswirkungen auf unsere Konzeptionen von persönlicher Identität bzw. Menschlichkeit, dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was konkret in dem Interviewband versucht wurde, und sowohl im Klappentext als auch in zahlreichen Kritiken mit Metpahern der künstlichen Intelligenz bezeichnet wurde, eigentlich nur eine CTRL+F Schlüsselwortsuche in einem langen Word-Dokument ist. Es wird also auf einen technischen Bezug des des Buches angespielt, der durch die formale Struktur kaum eingelöst wird. Eine CTRL+F Suche durch ein langes Textdokument mit anschließender Selektion durch eine Lektorin hat mit künstlicher Intelligenz ungefähr soviel zu tun, wie die Analytical Engine von Charles Babbage mit dem IBM Roadrunner.

Wird in der Rezeption des Buches, die sich stark der Idee eines Bots als Gesprächspartners widmete, eine diffuse Black Box Metapher aufgegriffen? Ist es vielleicht leichter sich den an manchen Stellen durchaus etwas schwierigen Inhalt als technisches Mysterium vorzustellen, wie es beispielsweise Jérôme Jaminet tut:

[…]durch den sprunghaft assoziativen, intertextuell komplexen und hermetischen Stil ist das “Gespräch” mit dem Clemens-Setz-Bot stellenweise so schwer zu decodieren wie eine höhere Programmiersprache. Auf Dauer gerät die Lektüre deshalb äußerst anstrengend.“ (Spiegel Online, 12.2.2018)

Genau diese Unzugänglichkeit der Textfragmente ist aber doch kein Resultat der CTRL+F Suche oder sonstiger Algorithmen, sondern offensichtlich eben ein genuines Stilmerkmal des Tagebuchs, das mit absurden Geschichten, weit verfächerten Verweisen und wild springenden Anekdoten ziemlich beindruckend verfasst ist. Diesen Stil muss man mögen – ich persönlich könnte davon auch 1000 Seiten lesen und finde es schlichtweg grandios – jedoch zu behaupten, dass diese inhaltlichen Merkmale durch mysteriöse Algorithmen entstanden und nicht einfach stilistische Entscheidungen des Autors sind, ist meiner Meinung nach eine verkürzte Rezeption.

Dabei spricht einiges dafür, dass sich an genau diesen stilistischen Eigenheiten die tatsächliche digitale Aktualität des Werkes zeigt, in der Sprunghaftigkeit der Themen und Inhalte, die in der NZZ so treffend als „irrlichternder Kosmos der Vorstellungen und Erscheinungen“ bezeichnet wird. Ist nicht vielleicht das Rezeptionsverhalten in Internet und sozialen Medien genau mit dem Ausdruck des „irrlichternden Kosmos“ perfekt beschrieben? Clemens Setz nimmt den Leser in dem Buch mit auf einen recht beeindruckenden Surftrip durch seine Weltwahrnehmung: So wie man eine Gazillion Tabs im Browser öffnet, von Wikipedia zu Youtube zur Google Suche springt und nicht mehr linear an einem Text sondern an vielen Ideen und Berichten parallel liest, Fakt und Fiktion durchmischt, ist man auch auf dem Leseweg durch das Tagebuch einer rasante Gedankenvielfalt ausgesetzt, die sich in all ihrer wundervollen Versponnenheit ungeheuer gegenwärtig anfühlt.

Deep Learning Poetry und der Einzug des Unvorhersehbaren

Wer sich mit dem Stand und der Rezeption von digitaler Literatur in Deutschland befassen möchte, der wird an den beiden lesenswerten Büchern von Hannes Bajohr und Clemens Setz nicht vorbeikommen. Hannes Bajohrs Buch zeigt auf eine interessante Art und Weise, wie das Sprachspiel mit Computern zu ganz neuen Leseeindrücken führen kann, während bei Clemens Setz nicht der formale Kniff der CTRL+F Suche das interessanteste Merkmal ist, sondern eher die eigenwillige Gegenwärtigkeit der Gedankenwelt des Autors. Von einem Ende von Werk oder Autor kann jedoch bei beiden Bänden ganz sicher nicht die Rede sein, sind doch die sortierende und ordnende Funktion der Autoren bzw. der Lektorin Angelika Klammer ganz entscheidend für die veröffentlichten Texte. Auch für diese Texte gilt was Kathrin Passig im Rahmen ihrer gemeinsam mit Clemens Setz 2015 gehaltenen Poetikdozentur in Tübingen sagte:

„Nehmen Sie deshalb Leute nicht so ernst, die von vollständig computergenerierter Lyrik oder Kunst reden. Das ist – bisher jedenfalls –vor allem ein Marketingtrick. Hören Sie schon eher hin, wenn jemand von Zusammenarbeit mit Maschinen redet, ich zum Beispiel.

Das ist einerseits weniger interessant, denn mit Maschinen arbeiten wir auf die eine oder andere Art schon lange zusammen. Andererseits ist es eben dann doch ein spezieller und relativ neuer Fall, wenn die Maschine das Rohmaterial für Ideen liefert.“

Genau hier ist dann auch das spannende Element der beiden Bücher beschrieben: die Nutzung von Computern und Software um ein Rohmaterial zu produzieren, das dann von den Autoren und dem Lektorat poliert und bearbeitet wird. Wie ein Kistenteufel springt aus der Black Box dieser beiden Bücher nämlich nicht der rätselhafte Algorithmus, sondern stattdessen eine ziemlich klassisch operierende Autoreninstanz. Die ist jedoch genauso zauberhaft, mysteriös und nachdenklich machend, wie eh und je. Auch für diese zwei aktuellen Bände aus dem Bereich der digitalen Literatur liegt der Tod des Autors also noch in der Zukunft, je nach Perspektive eine frustrierende oder beglückende Erkenntnis.

In welche Richtung wird sich die digitale Literatur entwickeln? Ist es nur eine Frage der Zeit bis die Rede vom Verschwinden der Autor*innen und dem Aufstieg der eigenständig schreibenden Maschinen wirklich gerechtfertigt ist? Der große Erfolg der im Kontext von Deep Learning entstehenden künstlichen Intelligenzen in den letzten Jahren liefert uns bereits erste Hinweise darauf, wie mit neuronalen Netzwerken sehr eigene Literatur produziert werden kann, bei der die Maschine einen deutlich höheren Anteil am Endprodukt hat. Steht uns der Tod der Autor*innen also bevor, wenn im Kontext des Machine Learning wirklich dem Computer weit mehr gestalterische Freiheit zugestanden wird? Gegenwärtig finden die wesentlichen Experimente zur Literaturproduktion mit neuronalen Netzwerken in den USA statt und die entstehenden Texte sind ziemlich vielversprechend. In diesem Beitrag des Künstlers Ross Goodwin lassen sich beispielsweise zahlreiche Textbeispiele finden, die zeigen wohin die Reise der Mensch-Maschinen-Literatur gehen kann und wird. Doch selbst Goodwin will nicht das Ende der Autorenschaft erklären, sondern sieht die neuen technischen Möglichkeiten als Chance für neue Formen der Kreativität:

“The question is not when can we replace all humans with machines but at what point will the tools that machines provide for us, help us reach beyond our native capacities to the extent that what we can produce is light years beyond what we’re producing now. Humans working in consult with machines is the way of the future, not humans being completely replaced.”

Es bleibt also aufregend in der Welt der digitalen Literatur, neue Techniken ziehen massive Veränderungen nach sich und zahlreiche Modi neuronale Netzwerke und künstliche Intelligenzen kreativ zu nutzen warten noch darauf entdeckt zu werden – Ich persönlich kann es beispielsweise kaum erwarten zu sehen was TensorFlow mit sämtlichen Textquellen von Clemens Setz anstellen könnte. Eigentlich wollte ich am Ende dieses Essays noch einen kleinen Exkurs darüber schreiben, wie die GANs (Generative Adversarial Network) – zwei gegeneinander gestellte neuronale Netzwerke – im Machine Learning eine wundervolle Metapher für das Verhältnis von Autor*in und Computer bilden könnten, aber dieser Text ist bereits sehr viel länger geworden als ursprünglich gedacht. Als Fazit empfehle ich die Bücher von Hannes Bajohr und Clemens Setz zu lesen, sich mit digitaler Literatur zu befassen und keine Angst vor den Algorithmen zwischen den Buchdeckeln zu haben: Autor*inen sind weiterhin quicklebendig, bloß haben sie inzwischen immer öfter eine Maschine als Sidekick.

* Kathrin Passig veröffentlichte am 10. Januar 2012 in der SZ einen Artikel zur Algorithmenkritik mit dem Titel: „Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?“. Ihr ursprünglicher Titelvorschlag war jedoch: „Mama, unter meinem Bett sind Algorithmen.“

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