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Autor: Tilman Winterling

Tilman berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.

Abgründe sind wichtig im Leben

Ich reg mich ja so wenig auf und hab immer ein bisschen Angst, das öffentlich zu machen, weil man bestimmt immer die Hälfte nicht bedenkt und die andere Hälfte vergessen hat. Samstagmorgens liege ich allerdings im Bett und lese als wohlerzogener (ich zahle dafür), aber junger (digitale Ausgabe) Bildungsbürger die Zeitung (Süddeutsche). Dort hat man Felicitas von Lovenberg interviewt, weil man offenbar vorhat, alle zwei Monate mal mit ihr zu sprechen (zuletzt im November anlässlich des Erscheinens ihres platt-freundlichen Titels Gebrauchsanleitung fürs Lesen).

Sind Sie je Opfer von Sexismus geworden?

Im aktuellsten Interview, das die SZ nun unter anderem anteasert als Gespräch “über Männer und männliche Eigenschaften”, antwortet von Lovenberg auf die Frage, ob sie je Opfer von Sexismus geworden sei.

Darüber habe ich in letzter Zeit durchaus mal nachgedacht, weil man sich mittlerweile ja fast komisch vorkommt, wenn man sagt: Ich bin nie Opfer von Sexismus geworden.

Spötter könnten jetzt sagen, “oh, sie hat mal nachgedacht, über das Thema der letzten Jahre, hat sich mit gesamtgesellschaftlichen Debatten auseinandergesetzt, als Verlegerin eines der größten deutsche Verlage”, bevor man jetzt aber spotten könnte, antwortet FvL:

Aber gravierende Fälle habe ich tatsächlich nicht erlebt.

Das ist, was man allen wünscht. Case closed.

Aber! dann sagt sie, zwei Antworten weiter, auf die Frage, warum sie nicht in den FAZ Herausgeberkreis berufen wurde allen Ernstes, dass irgendein alter Heini (“ein mächtiger Mann”) ihr gesagt hat,

Ach wissen Sie, Frau von Lovenberg, ich finde nicht, dass sich ein so nettes Mädchen wie Sie einen solchen Job antun sollte.

Und jetzt, obwohl sie in letzter Zeit über das Thema durchaus mal nachgedacht hat, wahrscheinlich genau während sie das sagt, fällt ihr ein, “Oh! huch! Ist das das, wovon die anderen Furien immer berichten??”, und sie schiebt hinterher:

Und ja, wenn Sie so wollen, dieses eine Mal ist es mir dann eben doch passiert. Heute bin ich froh, der Job wäre nicht das Richtige für mich gewesen.

Also alles gut. Der Job wäre ja wirklich nichts für sie gewesen und lieb von dem alten, mächtigen Mann, dass er sie bewahrt hat.

Vielleicht habe ich nur zu versponnene Vorstellungen davon, was Nachdenken über ein Thema heißt, aber sie sagt mir nichts, dir nichts: “Sexismus? Drüber nachgedacht: Kenn ich nicht.” Und auf die erste Frage, die eigentlich nichts mehr direkt mit dem Thema zu tun hat, erzählt sie, dass sie unglaublich ekelhaft und herablassend behandelt wurde, weil sie eine Frau ist! Dies könnte ein feines Beispiel für Sexismus an allerhöchster Stelle des deutschen Journalismus sein.

“Ich mache mir schon ein wenig Sorgen, dass die Natürlichkeit im Verhältnis zwischen Männern und Frauen verloren geht.” (von Lovenberg)

Könnte natürlich sein, dass das ein Zufallstreffer war, aber sie liefert direkt den nächsten Knaller. Es geht immer noch um die FAZ und dass sie als junge Frau mit Marcel Reich-Ranicki gearbeitet hat und wie man mit so einem Mann arbeitet und sie sagt:

[…] wir hatten rasch unseren Modus gefunden. Da war viel Frotzelei dabei, da fielen sicher Sätze, die heute eher nicht mehr gehen, aber ich fand das nie schlimm, eher unterhaltsam und belebend.

Ich nehme an, mit “Frotzeleien” ist der gute, alte Herrenwitz gemint. Dann geht es allen Ernstes weiter:

Wir saßen einmal bei einer Preisverleihung nebeneinander und lauschten den Ansprachen, als er plötzlich tief aufseufzte und mir seine Hand aufs Knie legte.

Find ich ein bisschen übergriffig. Aber weil sie im Vorfeld schon ein bisschen über das Thema nachgedacht hat und auch eine Kollegin ihr damals sagte, sie hätte dem Herrn einfach eine schmieren sollen, macht sie erstmal nichts Weiteres als das kleinzureden (Frotzeleien, unterhaltsam, belebend [!]) und sagt am Ende noch:

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bewundere Feministinnen, die jungen und erst recht die älteren, die den Weg geebnet haben. Die sollen ihre Kämpfe kämpfen, das ist eine Qualität, so lange auf den Tisch zu hauen, bis sich was ändert. Ich kann da nur nicht so mitbrüllen. Vielleicht musste ich mich nie wehren, vielleicht habe ich mich in entscheidenden Momenten nicht unterlegen gefühlt, vielleicht bin ich manchen Kämpfen auch aus dem Weg gegangen.

Ach, Bewunderung ist so einfach und gibt es gratis an jeder Ecke. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser*in, ich bin nur ein junger, weißer Mann, aber ist das nicht ein Schlag ins Gesicht für die meisten Frauen? Sagt sie nicht “Naja, sehen sie, ich hab immer artig gelächelt und bin jetzt halt Piper Verlegerin, wahrscheinlich weil ich immer so artig gelächelt habe, wenn mächtige Männer das wollten. Feminismus sollen die anderen machen. Aber was regen die sich eigentlich so auf?”

Wenn man sich ein Beispiel an von Lovenberg nehmen möchte und sich ebenso toll gegen Sexismus wehren will, der Trick ist einfach, man reagiert auf Sexismus:

Mit Humor. Ich war frech, schlagfertig und habe nicht alles persönlich genommen.

Andere Frauen nehmen einfach alles ein bisschen zu persönlich. Es ist das alte “Hab Dich doch nicht so” – nur dass es hier eben eine Frau sagt. Richtig gemacht kann Sexismus für alle Parteien eher unterhaltsam und belebend sein!

Es gibt keinen Sexismus im deutschen Kulturbetrieb, alle sind nur so fürchterlich empfindlich.

In diesem Zusammenhang ebenso schnurrig – und vielleicht ein Stück weit auch als Erklärung für ihre dicke Haut gegen Sexismus zu deuten – ihre Antwort auf die Frage, ob sie privilegiert aufgewachsen sei (na wegen des “von”). Durchschnaufen, Freunde:

Nicht so sehr in materieller Hinsicht…

Und dann sagt sie endlich Dinge, wie ich sie Samstagmorgens hören will: nicht reich an Geld, aber Reichtum an Kultur und Werten!

NICHT SO SEHR IN MATERIELLER HINSICHT, antwortet sie auf die Frage, die sie auf ihren Besuch eines englischen Internats und Studium in Oxford anspricht. Wann startet denn das Privileg?

Ich bin wirklich sprachlos.

Dazu “Sexismus im Literaturbetrieb – Die subtile Machtausübung der Männer” von Tanja Dückers.

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Von Bullshitjobs und vergessenen Gesten

In einer Whatsapp-Gruppe, deren Mitglied ich bin, befinden sich fünf Juristen. Diese Gruppe wird hauptsächlich dazu genutzt, digitalen Internetmüll zu perpetuieren und – natürlich – um über das jeweilige Beschäftigungsverhältnis Leid zu klagen. Einer dieser fünf – nach eigener Aussage, sehr glücklich mit seiner Tätigkeit in der Rechtsabteilung einer großen Bank, die noch dazu (angeblich) geistig äußerst fordernd sei und sich ebenfalls nach eigener Aussage im Anspruch auf einem Level mit Raketenwissenschaften befindet – postete vor Wochen einen Artikel aus der FAS. Dieser war eine einseitige Zusammenfassung des Buchs Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit von David Graeber erschienen bei Klett-Cotta. Wie bei Unternehmensjuristen üblich, hatte er offenbar den Artikel selbst nicht gelesen, sondern wahrscheinlich eine externe Kanzlei damit beauftragt, dies zu tun und dann das Gutachten dazu nicht gelesen, denn in diesem Artikel stand unter anderem, ein klassischer Bullshitjob sei der des Unternehmensjuristen.

 

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The usual.⠀ -⠀ #worklife #adultlife #9gag

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Was ist ein Bullshitjob?

David Graeber definiert einen Bullshitjob wie folgt

Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

David Graeber BullshitjobsDie fünf Grundtypen von Bullshitjobs erkennt Graeber dabei in den Lakaien, den Schlägern, den Flickschustern, den Kästchenankreuzern und den Aufgabenverteilern. Der Lakai ist nur dafür da die Arbeit derer zu erledigen, die sich den Lakai halten, weil sie es eben können. Streng gesehen ist also nicht der Job des Lakaien Bullshit, sondern der des Chefs. Schläger sind Menschen, deren Tätigkeit ein aggressives Element beinhaltet, die aber – und das ist entscheidend – nur deshalb existieren, weil andere Menschen sie anstellen. Paradebeispiel wären Streitkräfte, die nur deshalb notwendig sind, weil andere Länder ebenfalls Streitkräfte haben. In diese Kategorien fallen für Graeber die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte. Der Flickschuster wiederum ist nur dafür da Probleme zu lösen, die es eigentlich nicht geben sollte, insbesondere die Fehler auszubessern, die Vorgesetzte verursacht haben. Kästchenankreuzer sind Angestellte, die einem Unternehmen dabei helfen so zu tun als würden sie Dinge tun. Klassisches Beispiel ist die Erledigung von Bürokratie um ihrer selbst willen. Zuletzt der Aufgabenverteiler, der lediglich Arbeit an andere verteilt, er ist das Gegenteil von einem Lakaien, er ist kein unnötiger Untergebener, sondern ein unnötiger Vorgesetzter.

Schon an dieser Einteilung wird ein eklatantes Problem deutlich. Graeber – immerhin Lehrender an der London School of Economics – definiert nicht sauber, sondern plaudert Fallbeispiele daher. Ich vermute, dass dies im Wesentlichen auch mit der Entwicklung des Themas zusammenhängt. Denn Graeber schrieb im August 2013 einen Artikel für das Strike! Magazin, auf den sich eine Vielzahl von Menschen bei ihm meldete und ihre persönliche Bullshit-Job Geschichte erzählten. Ein Großteil des Buchs besteht daher in der Wiederholung von Fallgeschichten, die so nicht unbedingt verallgemeinert werden können.

So kennen viele wahrscheinlich die Geschichte des Mitarbeiter eines spanischen Wasserwerks, der sechs Jahre nicht zur Arbeit kam und das erst auffiel, als er eine Auszeichnung für zwanzig Dienstjahre erhalten sollte oder der andere Vogel, der einfach 24 Jahre der Maloche fernblieb. Das ist auf den ersten Seiten unterhaltsam und hilft dabei ein „Gefühl für das Problem“ zu bekommen, eine wissenschaftliche Problemanalyse sieht aber anders aus.

Hier ist das Problem!

Immer wieder plauderige Beispiele aus der ganzen Welt, geben dem Buch Seiten, dem Leser aber keine neue Erkenntnis. Was Graeber – auf mindestens 150 Seiten zu viel – aber sehr erfolgreich tut, ist, den Leser zu reizen. Er ist pauschal, er ist ungenau und häufig viel zu undifferenziert (was ist z.B. mit all den Jobs, die einfach nur ein bisschen oder zu einem Teil Bullshit sind?) und trotzdem zeigt er Missstände auf, die zweifelsohne existieren. Seit der Lektüre sehe ich die moderne Arbeitswelt anders.

Aus der Peripherie der persönlichen Arbeitswelt des Rezensenten sind beispielsweise solche Aussagen zu hören. „Ja, Kanzlei ist hart, schrubbe 60-80 Stunden, kriege aber auch 110k. Denke ich mache das noch zwei, drei Jahre und dann will ich in eine Rechtsabteilung, auch gut bezahlt, aber ruhige Kugel schieben in einer 40-Stunden-Woche.“ Offensichtlich besteht also der Drang danach weniger zu arbeiten, trotzdem aber „gutes Geld“ zu verdienen. Die ruhige Kugel suggeriert dabei aber stets, dass man den Job eigentlich in kürzerer Zeit ausführen könnte, es aber notwendig ist, 40 Stunden vor Ort zu sein, damit das Gehalt für genau diese Summe verkaufter Zeit gezahlt wird. Es wird also die Zeit gezahlt, nicht die geleistete Arbeit. (Bei Kanzleijuristen ist es in der Regel andersherum: kommt man nicht auf eine gewisse Anzahl abrechenbarer Stunden, vulgo billables, wackelt der Stuhl. Selbstverständlich ist dabei wiederum zu bedenken, dass sich geleistete Arbeit und abrechenbare Arbeit nicht zwangsläufig decken müssen, weder in die eine noch in die andere Richtung.) Vor der Lektüre von Bullshitjobs hätte ich unreflektiert genickt. Denn es ist doch so, dass man 40 Stunden arbeiten muss. Oder nicht?

Wir könnten ohne Weiteres zu einer Freizeitgesellschaft werden und eine 24-Stunden-Arbeitswoche einführen. Vielleicht sogar eine 15-Stunden-Woche. Stattdessen sind wir als Gesellschaft dazu verdammt, den größten Teil unserer Zeit bei der Arbeit zu bringen und Tätigkeiten zu verrichten, von denen wir den Eindruck haben, dass sie für die Welt keinerlei Nutzen bringen.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Eine Lösung wäre fein!

Unbefriedigend bleibt dann aber, dass der Leser nach dem Aufzeigen des Problems alleine gelassen wird.

Wenn es wirklich stimmt, dass bis zur Hälfte der Arbeit, die wir leisten, ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Gesamtproduktivität abgeschafft werden könnte, warum verteilt man dann nicht einfach die verbleibende Arbeit so, dass jeder nur einen Vierstundentag hat? […] Aber aus irgendeinem Grund haben wir als Gesellschaftskollektiv entschieden, dass es besser ist, wenn Millionen Menschen viele Jahre ihres Lebens so tun, als würden sie etwas in Tabellenkalkulationen eintragen oder geistige Landkarten für PR-Meetings vorbereiten, statt ihnen die Freiheit zu verschaffen, Pullover zu stricken, mit ihren Hunden zu spielen, eine Garagenband zu gründen, mit neuen Kochrezepten zu experimentiere, in Cafés zu sitzen und über Politik […]
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Wie also die Umverteilung dieser Arbeit konkret aussehen könnte, wird nicht gesagt, nicht mal angedacht. Das ist für ein weltveränderndes Sachbuch dann doch arg dünn. Ebenso die Lösungsleere nach der Zusammenfassung Graebers „von Studien zur Arbeit“ in

  1. Das Gefühl für die eigene Würde und den Selbstwert verkörpert sich für die meisten Menschen darin, dass sie mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
  2. Die meisten Menschen hassen ihren Job.

Welche Studien er da ausgewertet hat oder was diese aussagen, behält der Autor geflissentlich für sich. Was die Leute dann in ihrer ganzen freien Zeit dann treiben sollen, weiß ich daher auch nicht (– aber es ist natürlich immer noch besser nach eigenem Gusto rumzulungern als nur Bullshit zu machen.)

Das Arbeiten „nach der Uhr“ führt zu der Absurdität, dass Leute Zeit einfach nur absitzen oder so tun als würden sie etwas produktives machen, nur damit sich der Chef nicht eine total sinnlose Beschäftigung ausdenkt – die dann wiederum Bullshit par excellence ist.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Philpp Blom Was auf dem Spiel stehtBullshitjobs‘ bester Freund ist die Digitalisierung. Das führt zu weiteren Problemen, denn bisher ist unsere Gesellschaft so zugeschnitten, dass nur Geld bekommt, wer dafür arbeitet. Für viele Tätigkeiten ist heute aber kein trotteliger Mensch von Nöten, sondern das kann wunderbar ein Maschinchen erledigen. Ohne das Geld aus seinem (Bullshit-)Job kann aber das Konsument nicht konsumieren und dem Unternehmer mit seinen Maschinen dessen Produkte abkaufen.

Der Job selbst mag unnötig sein, aber man kann darin kaum etwas Schlechtes sehen, solange er die Möglichkeit schafft, damit die eigenen Kinder zu ernähren. Man kann fragen, was das für ein Wirtschaftssystem ist, das eine Welt schafft, in der man die eigenen Kinder nur dann ernähren kann, wenn man sich während eines großen Teils seiner wachen Stunden mit nutzlosen Übungen im Kästchenankreuzen beschäftigt oder Probleme löst, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Man kann die Frage aber ebenso gut auch auf den Kopf stellen und fragen, ob das alles wirklich so nutzlos ist, wie es scheint, wenn das Wirtschatsystem, das solche Jobs geschaffen hat, die Menschen in die Lage versetzt, ihre Kinder zu ernähren.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Auf den letzten Seiten bietet daher Graeber immerhin für die Frage nach dem „Wer soll das (Produkte) alles bezahlen?“ das bedingungslose Grundeinkommen an. Gleiches tut auch Philipp Blom in seinem bei Hanser erschienen Buch Was auf dem Spiel steht. Bloms Buch liest sich wie eine abgespeckte, unaufgeregtere Version von Graeber. Selbst wenn dieses ebenso aus einer Vielzahl von Fragen und Fragezeichen besteht, ist dies die eindeutigere Lektüreempfehlung.

Ein oft vorgebrachtes Argument gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ist moralisch oder, um genau zu sein, protestantisch gefärbt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, besagt es, in einer anständigen Gesellschaft gibt es nichts umsonst, auch wenn sich der Staat aus Barmherzigkeit bereitfindet, den Bedürftigsten Unterstützung zukommen zu lassen, die oft mit demütigenden Ritualen und Befragungen auf den entsprechenden Ämtern verknüpft ist. Was aber wird aus diesem Argument, wenn ein Großteil der Bürger eines Landes für die Produktivität der Wirtschaft einfach nicht mehr gebraucht wird? Was wird dann aus dem Menschenrecht auf Würde, geschweige denn dem pursuit of happiness? […]

Diese Änderung, das bedingungslose Grundeinkommen, kommt nicht, weil sie nett oder edel ist, sondern weil sie notwendig ist. Es ist eine der ganze wenigen Neuerungen, die sowohl vom rechten als auch vom linken Spektrum befürwortet wird. Den Linken geht es dabei vornehmlich um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung. Rechte Ökonomen und Politiker sehen im Grundeinkommen die einzige Möglichkeit, im Zeitalter von Maschinen noch Konsum und dadurch Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Inzwischen allerdings sind so viele Menschen ohne Erwerbarbeit, in einigen entwickelten Ländern geht die Zahl an die 40 Prozent, und sie wäre noch höher, würde nicht jede Regierung ihre Statistiken schönen. Die Kosten für den Staat sind astronomisch, und doch ist ein wesentlicher Teil der Bevölkerung arm, deprimiert, nutzlos und gedemütigt.
Aus: Philipp Blom – Was auf dem Spiel steht

Vergessene Gesten

Vergessene Gesten Alexander Pschera das vergessene buchWundgeschlagen also von der Erkenntnis des bevorstehenden Untergangs unserer Gesellschaft, las ich noch Alexander Pscheras Vergessene Gesten, das im kleinen Wiener Verlag Das vergessene Buch erschien. Vor dem Hintergrund der Sorge um die Zukunft meiner Kinder und Kindeskinder empfahl mir Pschera mal wieder Urlaubsfotos in ein Album zu kleben, statt nur durchs Handy zu wischen oder mir einen Toast Hawaii zu kredenzen (eine „Geste“, die nun wirklich mal langsam aussterben sollte) oder derlei Unfug mehr. Pscheras Buch kann sich getrost mit dem des rückwärtsgewandten Grafen, der es pflichtschuldig in der BILD am Sonntag erwähnte (die leider ebenfalls nicht vergessene Geste/Tugend des Klüngels), in eine Reihe stellen.

Diese nebenbei verteilte Ohrfeige für ein Buch, das auf den ersten Blick gar nicht in diese Reihe passt, erscheint etwas wahllos und passt doch so hervorragend. Denn wenn man sich vor Augen hält, mit welchen Problem der moderne Mensch in Zukunft (und der gegenwärte Mensch in der Jetztzeit) konfrontiert sein mag (hervorragend zum Laune verderben in dieser Hinsicht auch Yuval Noah Hararis 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert) und dies der Gefahr des Aussterbens des Toast Hawaii gegenüberstellt, kann einem doch etwas blümerant werden. Aber so ist es ja immer, die großen Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, denn weder Graeber oder Blom noch Schönburg oder Pschera können oder wollen uns dabei helfen. Einer wandelnden Gesellschaft kann man wie der Graf Schönburg begegnen und es sich im Zustand der Verarmung im Porsche Targa gemütlich machen oder wie Pschera, der das Heil der Welt durch das Grüßen des Busfahrers wiederherstellen will, oder man beginnt, statt im Manufactum Katalog zu blättern, damit etwas zu ändern.

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Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige Anfänger

Die Verlagsbranche geht seit Jahren vor die Hunde, sagen die Verlagsbranchenmenschen und meinen damit, dass es weniger Leser gibt, die Bücher kaufen. Also „machen“ die Verlagsbranchenmenschen einfach mehr Bücher und fluten damit den Markt. Es bleibt deswegen keine Zeit mehr Titel aufzubauen, weil auch der alte Frühjahrs-/Herbst-Turnus aufgeweicht wurde und sich innerhalb von Monaten, wenn nicht gar Wochen, entscheidet, ob eines der laufend neuerscheinenden Bücher läuft oder nicht. Es gibt viel zu viele Bücher, sagen dann die Verlagsbranchenmenschen.

Umso schöner daher die Worte, die Jo Lendle auf der Buchmessen-Stehgreifparty – eine Stehgreifparty wurde nötig, da eine Reihe kostspieliger Verlagspartys abgesagt wurde – fand

Das Türhütermonopol kommt nicht wieder. Das ist auch so in Ordnung. Etwas anderes aber bleibt: Wir können entscheiden, wofür wir stehen, welche Bücher wir verlegen. Und die Antwort muss sein: Nicht irgendwelche.

Jo Lendle hat natürlich gut reden, denn sein Haus ist – so wie einige viele – genau dafür bekannt, dass man eben nicht auf den Markt schleudert, was verkäuflich erscheint, sondern dem eigenen Anspruch und Selbstverständnis entspricht.

Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige AnfängerUmso erstaunlicher ist daher die Veröffentlichung eines Buches namens Schreiben für ewige Anfänger: ein kurzer Lehrgang in eben diesem Hanser Verlag. Dieser schmale Band für 16 Euro enthält über zwanzig Briefe eines alten Schriftstellers an einen (fiktiven?) jungen Kollegen. Wer nun aber Schreibtipps erwartete, wird schnell enttäuscht. Hier wird plauderig-onkelhaft erzählt, wie ein Buch „im Betrieb“ entsteht. Das ist auf so unbeholfene Art und Weise langweilig und bemüht, dass man zwangsläufig die Frage auftaucht, warum genau man ein solches Buch veröffentlichen sollte. Beim besten Willen fällt mir kein einziger Mensch ein, dem dieses Buch von Nutzen sein könnte.

Der einzige Grund für einen Verlag ein solches Buch zu veröffentlichen, kann aus meiner Sicht nur sein, dass man dem Autor einen Gefallen schuldete. Andreas Thalmayr ist ein Pseudonym von Hans Magnus Enzensberger, der sonst bei Suhrkamp verlegt wird. Dieses Buch ist leider ansonsten ein einziges Ärgernis.

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Gespräch mit Heinrich von Berenberg, Gründer und Verleger des Berenberg Verlages

Angelehnt an den Ausspruch des Historikers Robert Darnton: »In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das schreit: Ich will raus!« erscheinen seit nunmehr 14 Jahren im Berliner Berenberg Verlag Bücher, die selten 200 Seiten überschreiten. “Rhetorisch funkelnde und dezidiert subjektiv gehal­te­ne biografische und autobiografische Literatur und Essays, Bücher zur Zeitgeschichte, seit 2010 hier und da auch hervor­ra­gende Belletristik, zwei Jahre später erschienen die ersten Bände einer kleinen Lyrikreihe”, so der Verlag keineswegs übertrieben über das eigene Programm.

Nach der kürzlichen Lektüre des wunderbaren “Der Geist von Turin” von Maike Albath sprach ich mit dem Verleger Heinrich von Berenberg über die Verlagsarbeit.

In einem Porträt, das im Magazin Cicero im Jahr 2010 über Sie und Ihren Verlag erschien, stand es bereits im Teaser: Zur Zeit der Gründung Ihres Verlages im Jahr 2004 hätte die Buchbranche in der Krise gesteckt, die Gründung eines Verlages sei ein Himmelfahrtskommando, hört man da raus. Wenn ich heute einen Verlag gründete, wäre sicher ebenso zu lesen, die Branche sei gerade in der Krise. Wie lang hält die Krise noch an und wann ist sie überwunden?

Ein Himmelfahrtskommando war die Verlagsgründung bestimmt nicht. Es sind ja zu jener Zeit eine ganze Menge Verlage gegründet worden, einige haben überlebt, andere weniger, einige haben es geschafft, bei größeren Unternehmen als Imprint unterzukommen. Ich bin eigentlich an Krisen nicht so sehr interessiert, denn es hat sie gegeben, solange ich in der Buchbranche tätig bin, also seit Beginn der achtziger Jahre. Da war es die Angst vor dem Fernsehen, heute ist es die, begründete, Angst vor der unübersehbaren Aufspaltung des Aufmerksamkeitsspektrums der möglichen Leser. Die meisten müssen ja ins Iphone schauen oder auf andere Bildschirme. Unsere Leserschaft ist also etwas älter – 40 plus – und interessiert sowohl an den Inhalten als auch an den schönen Büchern, die zum Glück Sammlerinstinkte wecken. Wie es weiter geht, weiß niemand, ich auch nicht. Aber so lange ich lebe – nicht mehr allzu lange – wird es Bücher und einen Buchmarkt immer geben. Ich war soeben ein paar Wochen in Bolivien. Selbst dort, ohne Post, isoliert auf dem zweiten Dach der Welt, gibt es eine überaus lebendige Buchkultur mit beachtlichen Verlagen (ich habe immer noch nicht heraus, wie die das schaffen), so wie es sich für ein Land auf dem literaturbesessensten Kontinent gehört. Dagegen erleben wir hier immer noch eine Krise auf sehr hohem Niveau.

Sie waren über zwanzig Jahre Lektor und Übersetzer bei Wagenbach. Muss man sich die Initialzündung für die Gründung des eigenen Verlages dann so vorstellen, dass einfach die Liste der Bücher, die Sie nicht veröffentlichen durften, zu lang wurde?

Ja, die Tatsache, dass man jahrelang immer wieder Autoren entdeckt und sie weitergeben muss, hat sicher dazu beigetragen, dass der Wunsch, selbst Verleger zu werden, realisiert werden konnte.

Ihr Programm lebt von dem Schwerpunkt autobiografische und biografische Literatur, Essay-Literatur, Memoiren-Literatur. Es findet sich zum Beispiel aber auch ein Roman von Juan Pablo Villalobos dort. Katie von Christine Wunnicke stand letztes Jahr sogar auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Was bringen solche Autoren mit, dass Sie der eigentlichen Programmlinie untreu werden?

Ich habe von Anfang an mir das Vergnügen gemacht, zu jedem Programm stichwortartige Zitate aus den Büchern zu nehmen. Beim ersten Programm hatte ich noch keine eigenen und habe unter anderem Ian Fleming zitiert: „Sag niemals nie“, schon damals mit der Absicht, die Programmlinien bei Bedarf auch mal zu ändern. Wenn Autoren wie Christine Wunnicke oder Maria Sonia Cristoff anfangen Romane zu schreiben, soll ich sie deshalb nach Hause schicken? Nein, und ich muss sagen, dass die Romane dem Programm gut getan haben, zumal sie immer noch so etwas wie die Ausnahme sind.

Sehen Sie bereits Erben Ihrer Idee vom Verlegen? Ich denke z.B. an Sebastian Guggolz, der ebenfalls bei seinem Arbeitgeber aussteigt, um selbst zu gründen und als Kleinverlag genau eine Nische zu bedienen.

Ich sehe eine Menge Kollegen, die ähnliches machen wie ich, aber ich habe noch nie Konkurrenzgefühle gehabt. Was Sebastian Guggolz macht, was Ingo Drzecnik macht, aber auch Christian Kill, Dietrich zu Klampen, Peter Hinke und wie sie alle heißen, nicht zu vergessen die tollen Frauen von Binoki, das ist alles aller Ehren wert, und wir kommen uns niht ins Gehege. Für’s vererben bin ich denn doch noch nicht alt genug.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie Abkömmling einer der bekanntesten Bankiersfamilien des Landes sind. Ihre Verlagsgründung ist nun aber wahrlich nicht unpersönliches Mäzenatentum. Sie selbst sind zusammen mit Ihrer Frau der Kopf des Verlages. Ärgern Sie sich dann manchmal doch, nicht einfach einen Scheck für einen anderen geschrieben zu haben?

Oha, für wen hätte ich denn diesen Scheck schreiben sollen? Es ist uns doch gut gegangen und geht uns weiterhin gut. Das Geld im Hintergrund ist ein unverdientes Privileg, und ich fühle mich nach wie vor verantwortlich, damit etwas Sinnvolles anzufangen. Geholfen hat es immer, um die Angst vorm Scheitern ganz weit in den Hintergrund zu drängen, etwas, das glaube ich nötig ist, damit man in Ruhe und mit allem nötigen Ernst ein gutes Programm machen kann.

Lieber Heinrich von Berenberg, vielen Dank für das Gespräch.

heinrich von berenberg cordula Giese
© Cordula Giese

Heinrich von Berenberg wurde 1950 in Hamburg geboren und studierte dort Germanistik und Anglistik. Er war Lektor im Attica-Verlag, im Syndikat Verlag und insgesamt sechzehn Jahre im Verlag Klaus Wagenbach. Von Berenberg war Mitherausgeber der Vierteljahreszeitschrift Freibeuter. 2003 gründete er zusammen mit Petra von Berenberg den Berenverg Verlag in Berlin. Dieser wurde 2010 mit dem Zillmer-Preis der Hamburger Kulturbehörde und 2016 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Neben seiner Tätigkeit als Lektor und Verleger ist von Berenberg ebenfalls als Herausgeber und Übersetzer, insbesondere von Roberto Bolaño, tätig, schreibt Artikel und Rezensionen, sowie zahlreiche Vorworte und Einleitungen für Publikationen.

 

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Nobilität ist auch ohne Pferd möglich: Die Kunst des lässigen Anstands

Als Abiturient oder Zivildienstleistender las ich Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens und fühlte mich, so glaube ich mich zu erinnern, gut unterhalten. Verarmen musste ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich. Die Lebensphase, in der ich mich damals befand, ist im Allgemeinen nicht dafür bekannt, dass man aus dem Vollen schöpfte. Perfekt also vor dem Studium bereits zu wissen wie man aus den begrenzten Mitteln das Beste macht, um während des Jura Studiums trotzdem als edler Herr und nicht als Gernegroß durchzugehen.

Was ich bis heute allerdings aus den sicher vielen guten Tipps erinnere, ist nur der, man solle nicht mit (irgend)einem Auto protzen, ein alter Porsche Targa tue es auch. Der Leser möge kurz seinen Kontostand überprüfen. Sie kennen es, während der Verarmung verpasst man meist den Punkt, an dem es noch die finanzielle Möglichkeit gab einen Porsche Targa zu erwerben. Bei vielen allerdings wäre das Geld für den Targa erstmal zu besorgen, man müsste das Auto kaufen und dann darin stilvoll verarmen. Nichts ist heute einfach, nicht mal arm sein oder arm werden.

Die Themen und der Hintergrund Graf von Schönburg-Glauchaus laden natürlich zu Neid und Missgunst ein. Stefan Volk etwa ätzte im Bücher Magazin in der Rubrik Überschätzte Bücher über Die Kunst des stilvollen Verarmens:

Unangenehm aber ist die kumpelhafte Attitüde, mit der von Schönburg aus seinem Elfenbeinturm des „verarmten Adels“ und längst auf dem Weg zurück in die Chefredaktionen ein munteres „Haltung bewahren“ in die Gosse hinunter trällert. Er selbst hat gut daran verdient, dass er Armut zum besseren „Lifestyle“ verklärte.

alexander graf von schönburg die kunst des lässigen anstands piperNun schlägt der Graf aber trotz der Schelte – weil es sich eben auch gut verkauft – weiter in diese Kerbe (einer von denen da oben, der aber auch mal bei euch hier unten war, erklärt euch, wie echte Gentlemen das mit dem Leben machen und zwar von hier oben) und schreibt weiter über Themen, mit denen er sich gut auskennt, etwa ein Lexikon der überflüssigen Dinge oder über Smalltalk. Das neuste Werk, der langjährige Rowohlt Autor ist nun bei Piper, trägt den Titel Die Kunst des lässigen Anstands.

Adel hat nichts mit Geburt, aber sehr viel mit Kultur zu tun, die man sich aneignen kann. Oder eben nicht. Nicht alles, was der Adel bewirkt hat, war segensreich, aber niemand wird leugnen, dass es ein paar Werte, Traditionen, Denkweisen und tugendhafte Eigenarten gibt, die in Adelskreisen besonders hochgehalten worden sind und ein bewahrenswertes kulturelles Reservoir darstellen.

Wahrscheinlich kann man – wie jedem – Schönburg viele Dinge vorwerfen, z.B. für die Bild zu arbeiten – was man wiederum nicht jedem vorwerfen kann, aber auch jetzt erstmal ein recht pauschales Urteil ist. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er langweilig schreibe. Durch die zu erlernenden 27 Tugenden zum anständig Sein rauscht er in plaudernd-plapperndem Ton, paart Aristoteles und Thomas von Aquin mit Minnesang, Alltagsgeschichten mit Geschichte, ja man kann sich sehr gut vorstellen, einfach einen Abend von ihm unterhalten werden zu wollen. Denn offenkundig ist er sowohl klug als auch gebildet. Innerhalb der Kapitel gibt es noch putzige Seiten mit kurzen Fragen wie „Darf ich weiße Anzüge tragen?“ (in nuce: nein) oder „Wann darf ich mit den Fingern essen?“ (Spargel), die der Autor als letzte Instanz zu beantworten weiß. Das wäre alles herrlich kurzweilig, wäre das Buch 250 Seiten kürzer. Unklar bleibt dazu was AvS ist oder tut: Spielt er eine Rolle? Ist er ein Naseweis? Will er belehren oder wirklich nur unterhalten?

Wirklich ärgerlich sind vor lauter Kumpelhaftigkeit (wieder so eine Frage: will er mein Kumpel sein oder mein Lehrer?) dann aber Stellen wie

Wenn ich einer/m militanten LGBT-Aktivist*en gegenüberstehe und mit ihr/ihm/x streite, bringt das, muss ich offen eingestehen, in der Regel das Schlechteste in mir hervor. Ich will sie/ihn/x in Grund und Boden argumentieren, fertigmachen.

Offensichtlich tritt auch auf dem Papier beim bloßen Denken und Schreiben über „LGBT-Aktivist*en“ das Schlechteste im Autor hervor. Selbstverständlich endet der Absatz in einem „ich weiß, dies tut man nicht“, da liegt das Kind aber bereits im Brunnen, und es lässt dann doch vermuten, dass die Monstranz des Anstands vielleicht doch nur ein Deckmäntelchen sein könnte. Das Lustigmachen über Minderheiten finde ich dann unter dem Strich irgendwie höchst unanständig. Nicht nur hier, zwischen den Zeilen stolpert der Leser doch immer mal wieder über ein Vonobenherab. Mach ich es mir am Ende dann zu einfach, wenn ich einfach feststelle, dass es mit meinem eigenen Anstand nicht zu vereinen wäre, zusammen mit Julian Reichelt in der Chefredaktion der Bild zu sitzen? Aber was weiß ich schon über Anstand.

„Obacht, dass Sie im Alter kein Peter Hahne werden“, möchte man von Schönburg zum Schluss noch zurufen, wenn er im Buchmarkt Gespräch sagt, es ginge in seinem Buch „um unsere komplette Orientierungslosigkeit, den Verlust aller zeitlosen Werte, Maßstäbe und Standards. Seit 50 Jahren erleben wir eine fortwährende Destruktion und Verwüstung von allen jemals existierenden Wertesystemen.“

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Vox: zu diesem Buch fallen mir keine 100 positiven Worte ein

„O lala“, denkt der geneigte Leser, „diesen Roman muss ich also gelesen haben, um mitreden zu können. Ein Buch über das Schweigen, über das ich nicht schweigen wollen werde. Die Autorin von Vox, dem hochgejazzten und viel präsentierten Buch des Herbstes – eben sah ich die Werbung am Bahnhof, zum Verkaufsstart beklebte Münder auf Instagram, große Printkampagne selbstverständlich ebenfalls – ist immerhin in Georgetown promovierte Linguistin“, denkt sich weiter der geneigte Leser, „vielleicht weiß sie also worüber sie schreibt.“

Vox spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in den USA. Der Führer einer politisch starken Religionsgemeinschaft spielt mit dem charakterlich schwachen POTUS Marionettentheater und den Frauen wurde die Anzahl der Wörter, die man am Tag so von sich geben darf, auf 100 gekürzt. Überwacht wird dies mit einem elektronischen Armband, das beim Überschreiten der Grenze Elektroschocks in das Handgelenk der Mitteilsamen entlädt. Dazu gibt es noch andere fiese Überwachungsmethoden, die – ganz klassisch – aus technischen Spielereien und dem Aufhetzen der Mitmenschen gegen den Einzelnen bestehen.

Die Protagonistin Jean findet diese Welt als – hoppla – Linguistin natürlich gar nicht cool. Frauen werden durch diese Form der Haltung in die passive Erwerbstätigkeit gedrängt, verlieren den gesellschaftlichen Anschluss und auch familiär führt das Konstrukt erwartungsgemäß zu Problemen. Jean blickt mit Besorgnis auf die Entwicklung ihrer kleinen Tochter, die keine andere Welt als die sprachlose kennt, als sich aufgrund eines Unfalls des Bruders des Präsidenten für sie die Möglichkeit ergibt, mit den Machthabern über ihre Lebensbedingungen zu verhandeln.

Machen wir es kurz. Vox ist kein gutes Buch. Es ist vorhersehbar:  vom linientreuen, gehorsamen Sohn, der wie ein Spitzel lebt und später geläutert zum Rebell wird, über die Affäre mit dem schönen, italienischen Kollegen und dem Selbstmordversuch mittels Wortebegrenzungsarmband bis zur weggesperrten, feministischen Studienfreundin, keiner der Handlungsstränge kann überzeugen. Jeder ist so offensichtlich zusammengeplottet, dass am Ende das Bild zusammenpasst. In das Bild passt aber, was Dalcher in den Pressematerialien über Vox erzählt. Denn der Roman war ursprünglich nur eine Kürzestgeschichte mit nicht mehr als 700 Worten, vielleicht hätte man es dabei belassen sollen.

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Werbekennzeichnung, Schleichwerbung, Influencer und die immer neue Angst

Disclaimer: Rechtliche Themen können meist schwer in absoluten Verallgemeinerungen beantwortet werden. Dieser Beitrag stellt dazu meine persönliche Meinung dar. Bei diesem Thema sollte insbesondere beachtet werden, dass bislang nur wenig obergerichtliche Rechtsprechung existiert, die sich z.T. widerspricht. Zudem sind sich die meisten Kommentatoren einig, dass die momentane Rechtslage häufig zu statisch auf neue Phänomene (Social Media, Influencer, Werbung durch Privatpersonen) übertragen wird und die Rechtsprechung deren Besonderheiten nicht ausreichend Rechnung trägt.

Das Interesse an den Themen Influencermarketing und Schleichwerbung nimmt nicht ab. Mit jedem neuen Urteil oder Beschluss von Landgerichten schwappt wieder Aufregung durch die sozialen Netzwerke. Die Panik führt dabei zu absurden Blüten; haben Blogbetreiber aus Angst vor den Auswirkungen der DSGVO einfach ihre Seiten dicht gemacht, sind es jetzt Trotzreaktionen wie „Dann kennzeichne ich jetzt eben alles als Werbung“ (warum das eine ganz dumme Idee ist, am Ende des Beitrags).

Die rechtlichen Grundlagen

Es gibt weiterhin eine Fülle von Gesetzen, die je nach Medium und Fall anzuwenden sind. Hierzu gehören vor allem das Telemediengesetz (TMG), der Rundfunkstaatsvertrag (RStV), das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), die Landespressegesetze und/oder auch der Pressekodex und andere Branchenvereinbarung 1. Dazu können noch eigene „Hausregeln“ der Netzwerke, auf denen gepostet wird, hinzukommen oder Vorgaben des Anbieters eines Affiliate Programms.

Exemplarisch und als allgemeine Leitlinien seien hier drei der wichtigsten Regelungen angeführt:

§ 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG

Kommerzielle Kommunikationen müssen klar als solche zu erkennen sein.

§ 5a Abs. 6 UWG

Unlauter handelt auch, wer den kommerziellen Zweck einer geschäftlichen Handlung nicht kenntlich macht, sofern sich dieser nicht unmittelbar aus den Umständen ergibt, und das Nichtkenntlichmachen geeignet ist, den Verbraucher zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die er andernfalls nicht getroffen hätte.

§ 7 Abs. 3 RStV

Werbung [muss] als solche leicht erkennbar und vom redaktionellen Inhalt unterscheidbar sein. In der Werbung […] dürfen keine Techniken der unterschwelligen Beeinflussung eingesetzt werden. Auch bei Einsatz neuer Werbetechniken [muss Werbung] dem Medium angemessen durch optische […] Mittel oder räumlich eindeutig von anderen Sendungsteilen abgesetzt sein.

Was ist Werbung?

Die erste große Unsicherheit entsteht bei der Einschätzung, was überhaupt Werbung ist. Hier hilft z.B. § 2 Nr. 5 TMG weiter

Kommerzielle Kommunikation [ist] jede Form der Kommunikation, die der unmittelbaren oder mittelbaren Förderung des Absatzes von Waren, Dienstleistungen oder des Erscheinungsbilds eines Unternehmens, einer sonstigen Organisation oder einer natürlichen Person dient, die eine Tätigkeit im Handel, Gewerbe oder Handwerk oder einen freien Beruf ausübt;

Die mittelbare Förderung des Absatzes von Waren ist dabei ein sehr weites Feld. Daher schränkt § 2 Nr. 5 b) TMG dies u.a. dadurch ein, dass keine kommerzielle Kommunikation vorliegt, wenn

Angaben in Bezug auf Waren und Dienstleistungen oder das Erscheinungsbild eines Unternehmens, einer Organisation oder Person, die unabhängig und insbesondere ohne finanzielle Gegenleistung gemacht werden

Weil den meisten Laien Gesetzesprosa nicht viel weiterhilft, nach meiner Einschätzung ist keine Werbung:

  • Ein unabhängiger Produkttest. Ein unabhängiger Produkttest ist ein objektiv-neutraler Bericht, der ohne Vorgaben eines Dritten über ein Produkt berichtet. Dabei muss denklogisch ebenso eine hymnische Besprechung rechtlich möglich sein, wie ein harter Verriss.

Dagegen ist Werbung:

  • Ein Beitrag, der in Form2 und/oder Inhalt3 den Vorgaben eines Dritten folgt, ist Werbung.
  • Wer für den Beitrag bezahlt wird, macht Werbung.
  • Ein Beitrag, der anpreisend und marktschreierisch über ein Produkt berichtet, ist Werbung. Indizien können hier sein: reklamehafte Sprache, Kaufappelle, Übernahme von Slogans
  • Ein Affiliatelink ist Werbung.

Sonderfall 1: Vreni Frost

Die Entscheidung des LG Berlin4 in Sachen „Vreni Frost“ hat nochmal eine neue Diskussion losgetreten. Etwas verkürzt gesagt, muss Vreni jeden Instagram Post, bei dem auf einen Dritten oder die Marke eines Dritten verlinkt wird, als Werbung kennzeichnen. Dies ist nicht auf alle Blogger übertragbar! Juristen betrachten sowieso immer nur den Einzelfall. Bei Vreni kamen viele verschiedene Faktoren zusammen, die zu dieser Entscheidung geführt haben:

  • Frost hat mehr als 50k Follower,
  • sie beschäftigt eine eigene Projektmanagerin für ihre Tätigkeit als Influencerin,
  • sie hat in einem Interview – das sie dann auch noch selbst zu den Gerichtsakten reichte – gesagt, dass „das Einzige, was man auf ihrem Blog nicht sehe, private Bereiche seien, die sie nicht ins Internet tragen möchte“.

Der gesamte Account von Vreni ist damit eine einzige kommerzielle Kommunikation. Die Argumentation, man betreibe den Instagram dabei auch privat, ist daher offensichtlich eine reine Schutzbehauptung. Das LG Berlin ging dabei zudem davon aus, dass jede Verlinkung auf eine Marke durch Vreni auch dazu diene, die verlinkten Marken auf sie aufmerksam zu machen, damit der nächste Post vielleicht bei ihr eingekauft wird. Also kommerzielle Kommunikation in zwei Richtungen: für die Marke und für sie selbst.

Dabei gilt aus meiner Sicht unbedingt zu beachten: Man sollte in keinem Fall alle seine Beitrag als Werbung kennzeichnen! Denn ist jeder Beitrag gleich ob redaktionell oder wirklich Werbung als Werbung gekennzeichnet, kann man die „echte Werbung“ nicht mehr erkennen – Werbung, die nicht als solche erkennbar ist, ist Schleichwerbung! Die Zwitterlösung, anzugeben warum man als Werbung kennzeichnet5, mag vielleicht ein Gefühl der Sicherheit verursachen, ist aber Unfug, wenn man einfach echte Werbung als Werbung kennzeichnet, benötigt man diese nicht.

Sonderfall 2: Angaben zu Büchern

Im ersten Beitrag zu Schleichwerbung hatte ich als Update gepostet, dass die reine Verlinkung auf einen Verlag nicht als Werbung gekennzeichnet werden muss und dabei auf § 2 Abs. 5 TMG verwiesen. Bei meinem Vortrag auf der Leipziger Buchmesse 2018 habe ich dies zum Teil revidiert und dies gilt auch unter dem Eindruck des Frost-Urteils. Die ausufernde Angabe von Buchdetails (ISBN, Preis, Ausgabeform etc. pp.) kann durchaus werbliche Ausmaße annehmen. Wer also ganz sicher gehen möchte, sollte sich diese sparen. Hier kommt es aber auf den Einzelfall an und kann nicht verallgemeinert werden.

Richtige Kennzeichnung von Werbung

Werbung muss gekennzeichnet werden. Dies funktioniert wie folgt:

  • Bezeichnung des Beitrags/Fotos/der Story als „Werbung“ oder „Anzeige“ – alles andere (Ad, Sponsored, bezahlte Partnerschaft mit) ist keine ausreichende Kennzeichnung – und zwar
  • am Anfang des Beitrag, vor dem Text, direkt sichtbar in der Story – nicht in der Hashtag Wolke, Nutzung des Markentools reicht nicht aus!

 

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David Foenkinos – Lennon

David Foenkinos hat ein paar von vielen viel, von mir bisher wenig beachtete Bücher geschrieben. Seine Bücher erscheinen in 40 Sprachen, sagt mir Wikipedia, und er selbst im Interview ist auch der Meinung, dass sein neustes Werk Lennon gelungen sei, schließlich verkaufe es sich ja gut. Bestechende Logik, trotzdem schlechtes Buch.

Schlecht ist dabei natürlich ein hartes Wort, es sind immerhin keine Schreibfehler drin, es hat einen Anfang und einen Schluss, es passiert etwas in der Mitte und es ist wohl inhaltlich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, aber irgendwie will man häufig ja doch ein bisschen mehr.

Der Inhalt ist schnell umrissen. In Lennon liegt ein fiktiver John Lennon in achtzehn Sitzungen auf der Couch eines Therapeuten und erzählt in Ich-Form ununterbrochen sein gesamtes Leben; ununterbrochen, da der Therapeut oder die Therapeutin kein Wort sagt. Unterbrechend sind nur kurz die Enden der fiktiven Sitzungen und am Ende Lennons Tod.

Lennon von David Foenkinos

Der Aufhänger ist dabei natürlich schon ein bisschen billig. Wo erzählt man sein Leben, wenn nicht beim Therapeuten, wird sich Bestseller-David gedacht haben. Das naheliegende Setting würde man gern verzeihen, wenn daraus irgendetwas gemacht würde. Die größtenteils vater- und mutterlose Kindheit, das Leben bei der Tante, der frühe Unfalltod der Mutter, lebenslanger Ruhm, Beatlemania etc pp all dies hätte sagenhaften Stoff gegeben, die Erzählung tiefer gehen zu lassen. Foenkinos lässt Lennon aber einfach nur erzählen und sich zwischendurch kurz selbst analysieren, was aber auch nicht über “das ist für Sie bestimmt ein interessantes Detail” hinausgeht. Kreativität sieht dann doch anders aus.

Lennon als Figur ist dabei je nach dem eine denkbar dankbare oder undankbare Person, die man als den Mittelpunkt eines solchen Buchs wählen kann. Ein umfangreiches Werk, eine gut bekannte, aber schwere Kindheit, wilde Jahre in Hamburg, absurde Jahre mit der größten Band der Welt und eine absurde Liebe zu einer absurden Frau, die heute Hamburger Kneipen abmahnt. David Foenkinos verarbeitet dabei, soweit ich das überblicken kann, alles fein säuberlich was bekannt und belegbar ist. Was anderen Autoren dieses Genres – die unbekannten Lücken mit Leben füllen, mit der Geschichte spielen, sie weiterentwickeln, Erklärungen finden – versucht David Foenkinos dagegen gar nicht erst.

Die große Frage bleibt daher während der ganzen Lektüre: Warum sollte ich das lesen? Mir fällt leider kein guter Grund ein. Lennon ist so unterhaltsam und inspirierend wie der Wikipedia Artikel Johns, nur das letzterer mehr Bilder hat. Will man sich Hintergrundinfos zum Chefbeatle reinziehen, eignen sich Bücher wie die Lennon Biographie von Philip Norman eher. In meinem Fantum habe ich sogar die Biographie seiner ersten Frau Cynthia gelesen und die würde ich mir eher ein zweites mal zu Gemüte führen als noch einmal den Lennon von David Foenkinos.

“Ich bin ein riesiger Fan seiner Songs”, sagt der Autor, “sie sind perfekt, einfach und stark zugleich, sie gehen leicht ins Ohr und sind doch ungemein komplex.” Das alles kann man über dieses Buch nicht sagen.

Beitragsbild: Von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2301 – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079241

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Auster und Klinge von Lilian Loke

„Hoffnungsträger ist ein furchtbar großes Wort, und ich sehe mich nicht in einer Riege“, sagt Lilian Loke angesprochen auf die Kategorisierung ihrer Person in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des Erscheinens ihres neuen, zweiten Romans Auster und Klinge bei C.H.Beck. Eine Rezension und ein Gespräch.

Auster und Klinge sind zwei.

Da ist Georg, ein Maler, der nicht mehr malt, der lieber wachrütteln will mit Aktionen im öffentlichen Raum, obwohl seine Galeristin ihm wieder zu Gemälden rät, die sich auch besser verkaufen. Aber Geld braucht Georg eigentlich gar nicht zu verdienen, denn er ist mit einem üppigen Erbe ausgestattet, lebt aber lieber distanziert von der schweineschlachtfabrikbetreibenden Verwandtschaft.

Auf der anderen Seite ist Victor. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen schiefgegangenen Einbruch einsaß, bei dem er den Hausherrn fast totgeprügelt hat (u.a. § 252 StGB für die Jurafreaks; aber auch ziemlich nah an §§ 211 Abs. 2, 22, 23 Abs. 1 StGB, also mit einer kurzen Gefängnisstrafe noch ziemlich gut bedient). Victor ist aber – bis auf diese Tatsache und dass ihn Einbrüche ziemlich kicken – gar kein so übler Kerl. Am liebsten würde er ein Restaurant mit einem alten Kumpel eröffnen und endlich wieder mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zusammenwohnen. Weil diese Frau aber erst kurz vor dem unrühmlichen Gefängnisaufenthalt vom Doppelleben ihres Mannes erfuhr, ist diese verstimmt. Mit ehrlicher Arbeit müssen nun die Schulden bei alten Komplizen abgearbeitet werden, bevor man für den großen Traum sparen kann.

Auster und Klinge können beide sein.

auster und klinge lilian loke cover

An dieser Stelle ihrer Lebensläufe treffen Georg und Victor aufeinander und ziehen zusammen. Als Victor erfährt wie vermögend Georg eigentlich ist, schließen beide einen Deal. Georg soll Victor finanziell bei der Eröffnung des Restaurants sponsorn und Victor bringt Georg das Einbrechen bei – für dessen Kunst, bis eine Aktion aus dem Ruder läuft und Victor erneut den großen Traum gefährdet sieht.

Bei Amazon „beschwert“ sich eine Leserin, die einen „lockeren, vielleicht humorvollen Roman über ein interessantes Duo“ erwartet hat. „Auster und Klinge“ liest sich tatsächlich stellenweise leicht wie Unterhaltung, behandelt aber harte Themen. „Wer schwarzen Humor mag, kommt bei mir sicher eher auf seine Kosten“, sagt Lilian mir im Gespräch. „Ich wollte harte Themen mit Humor angehen, auch im Schrecken Komik finden. Neben der Sprache sind mir vor allem Figuren mit Licht- und Schattenseiten und ein starker Plot mit straffen Spannungsbögen wichtig. In der deutschen Literatur wird gern recht streng zwischen Ernster Literatur und Unterhaltungsliteratur getrennt, aber gute Literatur sollte auch ernste und harte Themen interessant und kurzweilig vermitteln können. Nichts ist trauriger als ein langatmiges Buch, das legt man beiseite.“ Langatmig ist Auster und Klinge sicher nicht, denn die Geschichte entwickelt Fahrt. Die Story von Georg und Victor muss man dabei weniger als ernstgemeinte Fiktion nehmen als vielmehr als ein Rollenspiel. Dass die Figuren dabei manchmal etwas zu offensichtlich ihre Rollen spielen, verzeiht man aber gern.

„Kunst darf auch wehtun, aufwühlen, reizen. Außerdem gilt »Depiction is not endorsement«: Nur, weil etwas in einer Fiktion dargestellt wird, wird es dadurch nicht automatisch befürwortet. Diese Entscheidung liegt beim Leser oder Betrachter und ist Teil des Rezeptionsprozesses. Ich schreibe bewusst möglichst dicht aus der Perspektive der jeweiligen Figuren, ohne eine auktoriale und wertende Erzählinstanz, um dem Leser größtmögliche Freiheit zu geben. Für mich sind besonders Geschichten und Kunstwerke interessant, die einen Konflikt im Rezipienten erzeugen, den er selbst individuell auflösen kann. Ein Bild erschreckt mich, aber ich kann nicht aufhören, es anzusehen – warum? Ein Protagonist ist mir sympathisch, aber seine Handlungen sind verwerflich, meine Sympathien bleiben oder schwinden – weshalb? Wie positioniere ich mich zum Dargestellten? Ob Woyzeck, der zum Mörder wird, Michael Kohlhaas, der zur Selbstjustiz greift oder Breaking Bads Walter White, der als Drogenproduzenten groß in die organisierte Kriminalität einsteigt, Antihelden ermöglichen ein besonderes Spannungsfeld, einen anderen, einen tieferen Blick auf bestimmte Themen.“

Lilian Loke hat mit Auster und Klinge einen Roman mit Witz und der nötigen Portion Anstoß zum Nachdenken geschrieben, dass man mit der Autorin gerne gemeinsam zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung balanciert. Die Hoffnungsträgerin sagt selbst, dass sie jeden Tag alle um sich herum hoffnungsvoll beobachte, und sehr oft würde dieses genaue Hinschauen belohnt. Beobachten wir weiter hoffnungsvoll Lilian, man kann recht sicher von weiteren Belohnungen ausgehen.

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