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München und der Nationalsozialismus – lästige Vergangenheitsbewältigung

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Die “Hauptstadt der Bewegung” kann sich bis heute nicht als solche der Aufklärung und Aufarbeitung bezeichnen. Wer ohne Schuld ist möge den ersten Stein werfen und so könnte München immer wieder auf andere zeigen: In Braunau weiß man bis heute nicht wie man mit dem Geburtshaus Hitlers umgehen soll, in Schwerte fiel gerade auf, dass man nur noch einen Ehrenbürger hat – Hermann Göring. Und doch scheint das Erbe Münchens schwerer zu wiegen, und auch wenn inzwischen die wenigsten der heute (noch) lebenden Münchner an Verbrechen der Nazis beteiligt gewesen sein dürften, zeigt man sich immer wieder unfähig im Umgang mit der eigenen Vergangenheit.

Für ein Erbe ist der Erblasser*  verantwortlich, nicht der Erbe und trotzdem ist es Letzterer, der an seinem Umgang mit selbigem gemessen wird. Übersteigen die Schulden das Vermögen, schlägt man die Erbschaft klugerweise aus, § 1942 Abs. 1 BGB. Was tut man aber, wenn dies nicht möglich ist?

An München klebt der Makel der Geschichte und durch Ignorieren der Altlasten wird man diese nicht mehr los. Die Taktik des Taubstellens wird manchmal noch durch Akte der politischen, natürlich auch moralischen, Unvernuft durchbrochen, wenn der Stadtrat sich etwa gegen die inzwischen bundesweit etablierten Stolpersteine ausspricht. Erst 1993 (!!) gab es die erste Ausstellung im Stadtmuseum über München im Nationalsozialismus. 2001, 56 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Erlöschen der als Ehrentitel getragenen Hauptstadtbezeichnung, wurde die Errichtung eines eigenen Museums am Ort der NSDAP-Zentrale, dem “Braunen Haus” beschlossen, dessen Fertigstellung 15 Jahre währte. 70 Jahre nach Hitlers Tod steht endlich das NS-Dokumentationszentrum.

9783406667015_largeDie verspätete, nun aber umfassende Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit wird parallel zur Ausstellung im hervorragenden Band “München und der Nationalsozialismus” von C. H. Beck dokumentiert**. Der Verlag scheint auch daher besonders passend, da dort zum 250. Jubiläum ein Streit um die eigene Geschichte zur Zeit des dritten Reichs entbrannte. Der üppig ausgestattete Band umfasst über 350 Seiten voll farbiger Bilder zur Ausstellung selbst und weitere 250 Seiten mit Aufsätzen zur Vertiefung warum gerade München im NS-Staat eine solche herausragende Stellung einnahm, zur Frühgeschichte der NSDAP, zu den Profiteuren und den Gründen und Abgründen des eigenen Schweigens. Eine gelungene Zusammenstellung, die nicht regionalbegrenzt das Zeug zum Standardwerk hat.

Spät, aber nicht zu spät, erkennt eine Stadt was sie tun muss(te). Dieses Buch ist nicht nur ein Lehrstück der Vergangenheitsbewältigung für München, sondern für ganz Deutschland. Endlich könnte man sagen, nehmt euch ein Beispiel an dieser Stadt und wie sie mit dem schweren Erbe ihrer Vergangenheit umgeht.

*Hier geht es um den Erb-lasser, der natürlich auch ein Er-blasser im Angesicht des Todes ist, besser war. Der ungeheure Humor von Juristen, die diesen Witz seit Generationen pflegen, soll aber nicht Gegenstand des Beitrages sein.
**Ein Buch dieser Ausstattung (sehr viele Bilder in Farbe, Leinen, Format, Lesebändchen) für 38 € ist übrigens ein echtes Schnäppchen! Trust me.

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Folge 54books.

3s Kommentare

  1. Thomas Svenson

    Schönes Beispiel für voll im Trend liegendes Antifaschismusgelaber(der ja eigentlich ein Anti-National-Sozialismus sein sollte)das nichts kostet.

    Die Stadt München stellt sich ihrer Vergangenheit im NS so gut+so schlecht wie
    andere Gemeinden auch.

    Die “Stolpersteine” sind das clevere Geschäftsmodel eines “Künstlers”, der mit dieser
    Art von Ablasshandel schon ca.6ooo.ooo € Umsatz generieren konnte.

    Das deutsche Bildungsbürgertum liebt es auf solche plakative+ preiswerte Weise
    an der Wiedergutwerdung der Deutschen teilhaben zu können.

    Der in diesen Kreisen ständig wachsende Antisemitismus,getarnt als Antizionismus,
    steht dem nicht entgegen.
    So sind es auch in Müchen vor allem Anti Israel-pro Palestina Gruppen,Hamas Freunde usw.die finden:Tolle Sache diese Steine!

    Die jüdische Gemeinde+die Opferfamilien dagen finden es unerträglich,dass wieder
    auf den Namen ihrer Toten herumgetrampelt ,gespuckt werden kann.
    Oder Hunde ihren Haufen setzen.

    Neu ist das nicht.Schon der Führer hatte Freude daran jüdische Friedhöfe platt machen zu lassen um die Grabsteine als Gehwegplatten nutzen zu können.

    Als die Hausbesitzerin ein Erinnerungtafel am Haus für den ermordeten Ministerpresidenten Kurt Eisner verweigerte lief der Stadtrat mit Recht Sturm gegen ein:”Unwürdiges
    Trampelgedenken am Boden+Zitat:”Würdige Erinnerung gibt es nur auf Augenhöhe”

    Das sollte auch für alle anderen ermordeten Münchner Juden so sein.

    Wer natürlich mit Peter Richter glaubt,die DDR habe auch ihre schönen Seiten gehabt oder immerhin gute Intentionen am Anfang,der glaubt auch man kann Vergangenheit
    “Bewältigen” z.B. mit Stolpersteinen für 120€

    • 54books

      Guten Tag Herr Svenson,
      wenn ich das richtig sehe, widerspricht Ihr Kommentar nur der möglicherweise entstandenen Meinung, ich sei der Ansicht, dass man sich von Verbrechen mit Hilfe von Stolpersteinen reinwaschen könnte.

      Dieser, Ihr, Eindruck trügt. Wie meiner Meinung nach recht deutlich aus dem Text hervorgeht, handelt es sich bei diesem auch um Schelte der Stadt München und anderer Gemeinden sich nicht um Aufarbeitung zu bemühen. Diese Aufarbeitung würde bei Gesten beginnen, wie der ausdrücklichen Aberkennung von Ehrenbürgerwürden (die von selbst mit dem Tod erloschen sind, also juristisch nicht aberkannt werden müssen) oder dem Verlegen von Stolpersteinen. Dass Sie kein Fan letzterer sind, kann ich Ihrem Kommentar deutlich entnehmen, dass diese hier aber nur als ein Beispiel dienten, sollten Sie aber bedenken, denn der Text behandelt die Frage nach Aufarbeitung und Bewältigung in größerem Rahmen – die endlich mit dem NS-Dokumentationszentrum gelingen kann, aber eben auch aus diesen kleinen Gesten besteht.

      Auch bei Peter Richter verstehen Sie mich falsch. Hier geht es vielmehr darum, dass man zu Beginn der DDR glauben durfte, es würde etwas neues geschaffen, dass Bürger die berechtigte Hoffnung haben durften, dass alle alten Nazis aus dem Staatsapparat entfernt werden und eine neue Gesellschaft heranwächst. Diese Hoffnung führte sogar zu Immigration, nicht nur zur Flucht in den Westen (Beispiel Fritz J. Raddatz’ der Anfang der 50er bewusst nach Ost-Berlin ging, in der Hoffnung auf den besseren Staat und der schließlich flüchtete, weil er einsehen musste, dass ein solcher dort nicht entstehen würde).

  2. Thomas Svenson

    Lieber 54books,

    natürlich kann man mit überteuerten Pflastersteinen kein Blut abwaschen,
    aber durch Teilnahme am zeitgeistigen deutsch-jüdischen Versöhnungskitsch
    doch noch einen schönen Distinktionsgewinn einfahren.

    Mit den von mir nur kurz+unvollständig angerissenen Fakten gegen die Trampelsteine
    haben sie sich daher garnicht abgemüht.

    Für die Steine gilt was der kluge Eike Geisel über das Holocaust Mahnmal in Berlin
    gesagt hat.Er nannte das Mahnmal ein Monument der Vernichtungsgewinnler und nationale Kuschelecke.

    Einen wie ihn könntet ihr dringend brauchen in Deutschland.Leider hat er euch viel zu früh verlassen.Vielleicht gibt es seine Bücher noch bei Tiamat.

    Niemand hat scharfsichtig wie Geisel euren bigotten Wunsch registriert, wehrlose tote Juden fest an euer Herz zu drücken.

    Die Wünsche+(Überlebens)Ängste der lebenden Juden stören da nur.
    Sie offenbar auch.

    Ich freue mich hier im Norden schon auf den Bildband mit den Aufmärschen der
    neuen Antisemiten,denen eure Polizei gerne das Dienstmegaphon überlässt,damit
    Parolen wie “Hamas,Hamas,Juden ins Gas” usw auch überall gehört werden können.
    Hoffentlich wird der auch so ein volkstümliches Sonderangebot wie der von
    ihnen vorgestellte.Fast nur 80Dm,so nanntet ihr euer Geld doch früher.
    Nach dem Kauf reicht es dann noch fürs Kletzmer Konzert hier in Malmö+
    mein persönliches antifa Hochamt kann dann mit einem guten Roten+ ein paar
    Tränchen besinnlich ausklingen.

    Vielleicht zappe ich noch ein Wenig durch euer Staatsfernsehen.
    Ich nenne es gerne HITLER-TV,denn es gibt keinen Tag ohne euren grössten
    Popstar,seine Frauen,seine Hunde,seine Waffen,seine Berge,seine Krankheiten,
    seine Bücher,seine Musik,seine Kunst usw.

    Und dann sehe ich euch deutsche Bessermenschen vor mir,wie ihr berauscht von eurer
    eigenen Rührung mit feuchten Augen 50.000 gelbe Judensteine eingrabt ,auf das die Nachfahren von Blondi darauf kacken können.

    Ihr Raddatz,ein Kaviar -Linker wie wir leider auch hier viele haben, konnte nicht ahnen
    dass die guten Intentionen der stalinistische Gruppe Ulbricht so schnell von der CIA
    unterwandert werden würden.Die hatten auch eine Menge Nationalsozialisten in
    den Machtapparat der nationalen Sozialisten der SED eingeschleust.
    Das ging leicht,man teilte die meisten Werte+die Uniformen+Aufmärsche waren gleich.

    Wie konnte er das wissen.wo es doch nur die CIA wusste.

    So wenig wie eine kompl.Reisegruppe unserer schwed. Vorzeigeintellektuellen bei ihrer
    Pilgerreise zu Kamerad No.1 PolPot ahnten,dass der gute Schampus den sie mit ihm
    schlürften aus den gierigen,toten Fingern plötzlich verstorbener bürgerlicher Elemente
    gerissen werden musste.

    Auch heute noch finden die ihre Reise goldrichtig,denn sie,
    waren von POLPoTs (sie werden es erraten) Zitat :Guten Intentionen” überzeugt.

    Ihr Idol Raddatz hat die DDR wohl verlassen weil ihm die Genossen den Lebensstil
    eines Dandys mit Porsche,Kühlschrank voller Campagner,Wohnung auf Sylt usw
    nicht bieten konnten oder wollten.

    Aber in einem Land wie eurem,wo einer wie der verblichene Schirrmacher als
    Ausnahmedenker,einer wie Grass als Nobelpreiswürdiger Autor gilt,da hält
    man natürlich auch Helmut Schmidt für einen Staatsmann+ Philosophen.

    Logisch dass dann Raddatz ein überragender Feuilletonist+Autor ist.

    Armes Deutschland,wie bist du klein geworden.

    Leider ist hier in Schweden alles eher noch schlimmer.

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