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Anna Louisa Karsch (1722-1791), eine deutsche Sappho

Wenn man unter den frühen Schriftstellerinnen nach einer Biografie suchen wollte, die als Beispiel dafür taugt, dass sozialer Aufstieg (wenn auch nicht unbedingt: ökonomische Sicherheit) auch für schreibende Frauen möglich war, dann müsste man vielleicht Anna Louisa Karsch auswählen: Zu ihrer Lebenszeit war sie wohl die berühmteste Dichterin, zudem war sie vielleicht die erste Frau, die in Deutschland ihren Lebensunterhalt durch Schreiben verdiente.

Dabei fing alles erst recht einfach und auch etwas unschön an: Am 1.12.1722 als Tochter des Bauernwirts Christian Dürbach und einer Försterstochter bei Schwiebus in Schlesien geboren, verlor die Karschin 1728 den Vater. Nach dessen Tod wuchs sie vier Jahre lang bei ihrem Großonkel auf, der sie erzog, ihre Neigung zum Lesen und Schreiben weckte und ihr sogar Grundkenntnisse in Latein vermittelte, was für diese Zeit unüblich war. Dann rief die inzwischen neu verheiratete Mutter ihre inzwischen zehnjährige Tochter zurück zu sich – als Hilfe bei der Betreuung der Stiefgeschwister und beim Hüten des Viehs. Anna Louisa las nun heimlich – und die Lektüre dafür besorgte ihr heimlich ein befreundeter Hirtenjunge.

Mit 16 wurde sie mit dem Schwiebuser Tuchmacher Michael Hirsekorn verheiratet, mit dem sie vier Kinder bekam – während dieser Zeit begann sie auch mit dem Schreiben von Gedichten. Er quälte und erniedrigte sie, und als Hirsekorn sich 1748 von ihr scheiden ließ, weil sie angeblich ihren häuslichen Pflichten nicht nachgekommen sei, empfand sie dies dennoch als Schande: Sie war nun völlig mittellos und wurde zu ihrer Mutter zurückgeschickt. Ein Jahr später wurde sie von der Mutter mit dem alkoholkranken Schneider Daniel Karsch aus Fraustadt verheiratet, auch diese Ehe, aus der drei weitere Kinder hervorgingen, war unglücklich.

Neben der Kindererziehung schrieb die Karschin aus Geldnot Auftragsarbeiten, vor allem Gedichte zu familiären Anlässen, und erlangte so mit der Zeit Bekanntheit in Schlesien. Nach einem Umzug der Familie nach Glogau 1755 konnte sie zeitgenössische Dichtung lesen und ihre Bekanntheit weiter ausdehnen: Vor allem trugen dazu patriotische Oden auf Friedrich II. von Preußen bei, die während des Siebenjährigen Krieges auf Flugschriften Verbreitung fanden.

Durch die Hilfe befreundeter Offiziere gelang eine Trennung von Karsch, der zum Heer einberufen wurde – 1761 holte sie Baron Rudolf Gotthart von Kottwitz nach Berlin, wo sie in literarischen Salons als Naturdichterin für Aufsehen sorgte und unter anderem von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn gefördert wurde. Johann Wilhelm Ludwig Gleim erklärte sie zur „deutschen Sappho“. Bis 1762 wurde ihr Lebensunterhalt von Förderern finanziert, sie verkehrte am Hof von Elisabeth Christine von Preußen in Magdeburg, schrieb Texte für Amelie von Preußen und pflegte engen Kontakt zu Prinz Ferdinand von Braunschweig, Graf Heinrich Ernst zu Stolberg-Wernigerode und Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin musste die Karschin ihren Lebensunterhalt aber wieder selbst finanzieren. Gleim ließ 1764 ihren ersten Gedichtband „Auserlesene Gedichte“ veröffentlichen, der ökonomisch recht erfolgreich war, aber von der Kritik mitunter verkannt wurde. In den folgenden Jahren zwang sie wirtschaftliche Not immer wieder zu Auftragsdichtungen. Friedrich Wilhelm II. machte 1789 ein altes Versprechen Friedrichs II. von 1763 wahr: In einem Gespräch über Dichtkunst hatte Friedrich II. ihr eine jährliche Pension und ein Haus versprochen – hatte dieses Versprechen aber wegen der leeren Staatskasse nicht halten können. 1789 konnte sie dann ihr Haus an der Neuen Promenade in Berlin beziehen. Mit Goethe pflegte sie Briefkontakt, Herder lobte ihre Gedichte „wegen ihrer vielen originalen Züge“, die „mehr Verdienst um die Erweckung deutschen Genies als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt“[1] haben. In einer Zeit, in der Frauen Individualität und Kreativität weithin abgesprochen wurden, ist es wohl schon ein ungeheuerliches Lob, wenn einer Dichterin immerhin originale Züge und ein Beitrag zur Erweckung des Genies zugesprochen werden.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Karschin in der ersten, von Gewalt geprägten Ehe zu schreiben begann, vielleicht auch zu schreiben beginnen musste – scheint doch auch später das Schreiben das Medium zu sein, in dem sie ihre wechselhafte Biografie zu verarbeiten suchte, wie das Gedicht „An den Domherrn v. Rochow“ beispielhaft zeigt:

    An den Domherrn v. Rochow

Meine Jugend war gedrückt von Sorgen.
Seufzend sang an manchem Sommermorgen
Meine Einfalt ihr gestammelt Lied.

Nicht dem Jüngling töneten Gesänge,
Nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge
Wie auf Ameishaufen niedersieht!

Ohne Neigung, die ich oft beschreibe,
Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
Ward zur Mutter, wie im wilden Krieg

Unverliebt ein Mädchen werden müßte,
Die ein Krieger halb gezwungen küßte,
Der die Mauer einer Stadt erstieg.

Was wir heftig lange wünschen müssen
Und was wir nicht zu erhalten wissen,
Drückt sich tiefer unserm Herzen ein;

Rebensaft verschwendet der Gesunde
Doch erquickend schmeckt des Kranken Munde
Auch im Traum der ungetrunk’ne Wein.

Sowohl die Tochter, Caroline Louise von Klencke, als auch ihre Enkelin, Helmina von Chézy, wurden Schriftstellerinnen.  Am 12.10.1791 starb Anna Louisa Karsch in Berlin – ihr Grab in der Sophienkirche trägt die Inschrift „Kennst Du, Wandrer, sie nicht / So gehe und lerne sie kennen.“. Dazu kann ich hier auch nur einladen.

Werke u.a.: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (Hrsg.): Auserlesene Gedichte von Anna Louisa Karschin 1764; Gedichte von Anna Louisa Karschin geb. Dürbach. Nach der Dichterin Tode nebst ihrem Lebenslauff herausgegeben von ihrer Tochter C. L. v. Klenke geb. Karschin 1792; Leben der A. L. Karschin, geb. Dürbach 1762; Barbara Beuys (Hrsg.): Herzgedanken. Das Leben der „deutschen Sappho“ von ihr selbst erzählt. Frankfurt am Main 1981; Regina Nörtemann (Hrsg.): Mein Bruder in Apoll. Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim. 2 Bde., Göttingen 1996; Gerhard Wolf (Hrsg.): O, mir entwischt nicht, was die Menschen fühlen. Gedichte und Briefe, Stimmen von Zeitgenossen. Märkischer Dichtergarten, Berlin 1981; Regina Nörtemann (Hrsg.): Die Sapphischen Lieder: Liebesgedichte, Göttingen 2009.

[1] Zitiert nach: Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute. Gedichte und Lebensläufe, Köln 2007, S. 151.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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3s Kommentare

  1. Wie lustig – ich hab die Karschin auch gerade entdeckt (und für Sommer 2018 ein Gedicht von ihr für mein Blog in der Kategorie “Hauptsache Lyrik” vorgesehen 😉 ) Vielen Dank für die Erinnerung an diese Dichterin.

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