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Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

In ihrer autobiografischen Erzählung, die erstmals 1969 erschienen ist und von der Kindheit Angelous in den 1930er und 1940er Jahren im Süden Amerikas sowie in St. Louis und San Francisco erzählt, gewährt die Autorin Einblick in das Aufwachsen mit Segregation und Rassismus, mit Angst und Armut, mit der Herabwürdigung von Frauen durch Männer, mit instabilen Familienverhältnissen und dem ständigen Ringen um Stolz, Stabilität, Selbstbewusstsein und so etwas wie Normalität. Die junge Erzählerin muss schon früh erwachsen werden und die Religion, die ihrer Großmutter noch Sinn und Orientierung geben konnte, stellt für sie eher rituelle Sicherheit als einen wirklichen Schutzschild dar. Einen solchen Schutzschild findet sie aber in der Bildung: in Büchern, Wissen und Haltung – und schließlich auch in der eigenen Familie. Erschwert wird der Weg dahin dadurch, dass ihr permanent gespiegelt wird, unzulänglich zu sein, weil sie schwarz ist, weil sie eine Frau ist, aber eben aus ihrer Perspektive wie der ihrer Umwelt wohl weder schön noch weiblich, was ihren Status in den 1940er Jahren mit seinen festen Rollenbildern deutlich schaden konnte. Trotzdem kämpft die Erzählerin für sich und steht damit in einer Reihe anderer kämpferischer Frauenfiguren in ihrer Familie: Ihrer Großmutter, die sie aufgezogen hatte und ihre Haltung und Sicherheit aus der Religion gewinnen konnte, ihre Mutter, die ihre Haltung und Sicherheit aus ihrer Selbstständigkeit gewinnen konnte. Gegen Ende resümiert die Erzählerin:

„In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus. Mit Erstaunen, Widerwillen, ja sogar Feindseligkeit wird zur Kenntnis genommen, dass eine erwachsene schwarze Frau einen ausgeglichenen Charakter hat. Selten wird erkannt, dass dies ein Ergebnis schwerer innerer Kämpfe ist.“ (S. 305)

Und diese Erschwernisse, die sich durch die Jugend der Erzählerin ziehen wie Leitmotive, überwindet sie zusätzlich zu den ganz normalen Problemen des Aufwachsens, die alle Jugendliche haben. Diese Motive ziehen sich durch die Kapitel und halten sie zusammen – und alle drei werden überwunden im Ende, in einem Moment der Sicherheit, Liebe und Stabilität, der Bemächtigung über das eigene Leben, der die Erzählerin ruhig einschlafen lässt.

Angelou erzählt bildreich und mit eigenwilliger, doch sinnvoller Komposition: Das ereignislose Leben auf dem Land im Süden korrespondiert beispielsweise mit einem episodischem Erzählen, die Kapitel, die Ereignisse aus Stamps wiedergeben, sind in sich geschlossene Erzählungen, die selten aneinander anschließen. Dagegen werden in den Kapiteln, die vom Stadtleben erzählen, aufeinander aufbauende Handlungsfolgen entwickelt – die Monotonie in Stamps, wo nur selten etwas geschieht, erlaubt nur das Erzählen von einzelnen Ereignissen, zusammenhängende Handlungen ergeben sich erst in der Stadt. Aber auch hier, wenn einzelne Kapitel aufeinander aufbauende Handlungsstränge enthalten, bleibt das Erzählen episodenhaft, Fäden werden aufgenommen und fallen gelassen – das kontingente Leben als schwarzes Mädchen, das immer wieder physischer wie psychischer Gewalt ausgesetzt ist, lässt sich nicht in einem sinnvollen Zusammenhang erzählen, es gibt keinen roten Faden jenseits der brutalen Zufälligkeit des Lebens und also lässt sich auch kein roter Faden erzählerisch herstellen. Einzelne Kapitel beziehen sich dabei dialektisch aufeinander und machen so deutlich, wie nahe immer wieder Freud und Leid beieinanderliegen können: So ist der Boxkampf von Joe Louis ein Höhepunkt für alle Bewohner von Stamps, auch deswegen, weil Louis „einer von ihnen“ ist. Nur wenige Kapitel später wird eindrücklich problematisiert werden, was es bedeutet, dass Sport das einzige Feld ist, auf dem Weiße Schwarzen Karrierechancen und exzeptionelle Leistungen zutrauen und ermöglichen und wie bedrückend das für die Heranwachsenden ist. Erzähltechnisch eigenwillig und spannend ist auch die, häufig am Kapitelende, aus der jugendlichen Perspektive deutlich herausfallende, kommentierende Erzählstimme, die – wie beispielsweise in dem Zitat oben – weitreichendere Kontexte markiert oder Schlussfolgerungen zieht.

„Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ von Maya Angelou ist ein so aufschlussreiches wie gut erzähltes Buch, das gerade deswegen, weil es sich zusammenhängendem Erzählen verweigert, Zusammenhänge aufzeigen kann. Schön, dass es neu aufgelegt worden ist. Die Übersetzung stammt von Harry Oberländer.

[Beitragsbild von Duy Hoang auf unsplash.com]

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