Jahr: 2021

Chronik: Juli 2021

Gibt es rechtsradikalen Kaffee? Aber ja. Alles andere wäre in diesen Zeiten auch wirklich verwunderlich gewesen. Im New York Times Magazine kann man eine lange Geschichte über die Firma Black Rifle Coffee lesen, die sich seit einiger Zeit sehr erfolgreich als konservativer Anti-Starbucks inszeniert. Endlich gibt es auch Latte Macchiato für toxische Männlichkeit. Die Firma pflegt einen paramilitärischen Stil und generiert Aufmerksamkeit über konventionelle rechte Strategien des Trollens. Als Starbucks nach Donald Trumps Muslim Ban ankündigte, 10.000 refugees einzustellen, antwortete Black Rifle mit einem Meme, das Starbucks Becher neben Isis-Kämpfern zeigte. Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Politisierung der Kultur immer auch eine Politisierung des Alltags zur Folge hat. Am Ende geht es um Fragen des Lifestyles. Wer man ist, oder wer man sein möchte, definiert sich nicht unbedingt über klar umrissene Grundsätze, sondern eher über den Kaffee, den man jeden Tag konsumiert und der sich mit teilweise ziemlich vagen Grundsätzen und Ästhetiken verbindet. Damit kann man natürlich gutes Geld verdienen, muss allerdings auch in Kauf nehmen, dass die Politik sich irgendwann wieder mit Macht in die halb-zynische Marketingstrategie hineindrängt. Als am 6. Januar 2021 eine Gruppe rechtsradikaler Trumpanhänger das Kapitol stürmte, war eines der besonders erschreckenden Bilder ein Mann in militärischem Aufzug mit einer Reihe von extrem bedrohlichen Kabelbindern am Arm (der “Zip-tie-guy”). Dieser Mann trug eine Mütze mit dem Black Rifle Coffee Logo. Es gehört zu den Mechanismen des kulturellen Austauschs, dass die Menschen, die man mit politisch aufgeladener Werbung für die eigene Marke gewinnen will, irgendwann Werbung für die eigene Marke machen.

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Aus Versehen progressiv – Wie manchmal auf giftigem Boden fortschrittliche Gedanken wachsen

von Jonas Lübkert

Ich liebe Popkultur. Nur manchmal hab ich das Gefühl, Popkultur liebt mich nicht: Jedes mal wenn eine Person of Color aus einem Film gestrichen wird, Frauenfiguren ausschließlich als Blickfang dienen und queere Repräsentation höchstens am Rande eine Rolle spielt. Popkultur versucht oft eine maximale Anzahl von Menschen zu erreichen und bedient dabei leider viel zu oft den kleinsten gemeinsamen Nenner. Manchmal aber, in kuriosen Momenten, bröckelt die Fassade und ein erstaunlich innovativer Gedanke kommt durch. Dieser ist in der Regel hart erkämpft oder – noch seltener –  unabsichtlich. 

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Am Anfang waren die Orishas – Warum Afrofantasy ein politisches Statement ist

von Amanda Godwins

„Afrika ist reich an Mythologie und Märchen. Wie kommt es, dass sie in keinem einzigen Fantasybuch vorkommen?“ Diese Frage stellte sich Hawa Mansaray kurz bevor sie begann, Afrofantasy zu schreiben, ein Genre, das Schwarze Protagonist*innen und afrikanische Kulturen feiert. Im Gespräch mit der Autorin wurde deutlich, dass Afrofantasy ein vielversprechendes Phänomen ist, das kreativ gegen rassistische Unterdrückung vorgeht.

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Das Knirschen im System – Probleme der Videospielindustrie

von Maximilian John

Für viele Menschen scheint die Videospielindustrie von außen betrachtet ein sehr attraktives Berufsfeld zu sein. Das Versprechen, das Hobby zum Beruf zu machen, führt viele Menschen in den Bereich. Jason Schreiers Bücher geben Einblicke in eine Industrie, die viel zu häufig Enthusiasmus ausnutzt, um schlechte Arbeitsbedingungen zu rechtfertigen.

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Von Menschen und Nachos, oder: Das Kino hassen

von Gerrit Wustmann

An der Sitzlehne klebt irgendwas Eingetrocknetes. Ich nehme den Arm wieder runter und lege ihn in den Schoß. Nach einer halben Stunde Werbung ist mir schon der linke Fuß eingeschlafen. Ich wecke ihn auf. Als der Film endlich losgeht, bin ich in Gedanken längst woanders. Links neben mir stopft jemand Nachos in sich rein. Seit einer halben Stunde. Ein kurzer Seitenblick: Es ist die ganz große Schale. Er isst sie einzeln. Und kaut ausgiebig. Eine der zentralen Fragen des Lebens drängt sich einmal wieder auf: Welcher Vollidiot hatte die Idee, in Kinos Nachos zu verkaufen? Ausgerechnet diese Dinger, die man unmöglich leise essen kann. Das ist so grausam wie ein Zugnachbar, der bei jedem Griff in die Chipstüte noch mehr Krach macht als mit dem Beißapparat, minimal unter dem Kapitalverbrechen namens Apfel. (Disclaimer: Ich mag Äpfel. Sehr sogar. Aber ich möchte niemandem beim Apfelessen zuhören, das ist wie Fingernägel auf Tafel.) Ich vermute dahinter eine Verschwörung der Filmindustrie: Je weniger man im Kino mitbekommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich den Streifen hinterher zu Hause nochmal ansehen will.

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Normalisieren statt rechtfertigen – Zwei Bücher über Kinder und Transidentität

von Katja Anton Cronauer

Die Graphic Novel Steinfrucht von Lee Lai und das Kinderbuch Das schönste Kleid von Holger Edmaier (Text) und Kai D. Janik (Illustrationen) unterscheiden sich in einigen Punkten, wie Alter der Lesenden, zugrundeliegender Geschichte und Auflösung der dargestellten Problematik. Doch haben sie etwas wesentliches gemeinsam: Beide normalisieren statt Othering zu betreiben und beide thematisieren, wie es trans* Kindern und Jugendlichen in einer cis-normativen Gesellschaft ergeht.

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Politik darf keinen Spaß machen! – Über die angemaßte Unschuld von Videospielen

von Eugen Pfister

Ende Mai 2021 erschien auf der Seite des Spiele-Publishers Ubisoft ein kurzes Statement von Navid Khavari, dem Narrative Director von Far Cry 6, einem First Person Shooter, der im Oktober 2021 erscheinen soll. Titel des 400 Wörter langen Kurztextes: „The Politics of Far Cry 6“. Erster Satz: „Our story is political.“ Punkt. Absatz [1].

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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Zu Automaten gemacht werden – Kazuo Ishiguros “Klara und die Sonne” aus autistischer Perspektive

von Sebastian Moitzheim

In der Folge vom 9. April 2021 des Literarischen Quartetts besprach Gastgeberin Thea Dorn mit ihren Gästen, den Schriftsteller*innen Dörte Hansen, Marko Martin und Moritz von Uslar, unter anderem Kazuo Ishiguros Roman Klara und die Sonne. Titelfigur und Erzählerin ist eine ”KF”, eine künstliche Freundin — eine hoch­entwickelte Androidin, die die Aufgabe hat, die Einsamkeit einer Teenagerin zu lindern, während diese allein zu Hause eine nicht näher definierte Krankheit bekämpft und ihre schulischen Aufgaben per Videochat mit ihren Lehrer*innen absolviert. Assoziationen mit der Realität der letzten anderthalb Jahre sind wohl unbeabsichtigt, aber unver­meidlich. 

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Weiterleben müssen – Einige Gedanken über vier zuversichtliche Bücher

von Matthias Warkus

Texte, die damit beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, sind oft öde und anstrengend. Es ist nicht ohne Grund ein Klischee, dass schlechte Vorträge bei Poetry-Slams oder offenen Lesungen oft damit anfangen (oder sich gar darin erschöpfen), dass jemand vom Anruf mit der Aufforderung, etwas zum Thema des Abends zu schreiben, erzählt. Daher habe ich erhebliche Skrupel, diesen Text so einzuleiten, aber nachdem ich nun  fast drei Jahre lang daran gescheitert bin, es irgendwie anders zu machen, fange ich tatsächlich mit seiner Entstehung an. Weiterlesen