Jahr: 2021

Vorlagen der Angst – Wie von Krebs erzählt wird

von Simon Sahner

 

Mit dem Gedanken, es gebe ein Reich der Kranken und eines der Gesunden und von Geburt an besäßen wir die Staatsbürgerschaft für beide, eröffnet Susan Sontag ihren berühmten Essay über Krebs und Krankheit als Metapher. Sie wolle dennoch nicht beschreiben, fährt sie fort, wie es ist, in das Reich der Kranken auszuwandern und dort zu leben, sondern stattdessen die Fantasien schildern, die es umranken. Ihrer eigenen Überzeugung zum Trotz, dass Krankheit eben – entgegen dem Titel ihres Essays – keine Metapher ist, beginnt sie also ihre Analyse des Reichs der Kranken mit einer solchen. Man ist verleitet bei dem Gedanken an ein Leben, das sich in zwei Reichen abspielt, an die einleitenden Worte von Charles Dickens‘ Eine Geschichte aus zwei Städten zu denken: „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten.“ Weiterlesen

Ein bitterer Geschmack – Erzählungen von Queerness

von Eva Muszar

CN: Suizid, (sexualisierte) Gewalt

 

‚Du darfst mich nicht so liebhaben, Manuela, das ist nicht gut. Das muß man bekämpfen, das muß man überwinden, abtöten.‘ […]

 ‚Liebes, geliebtes Fräulein von Bernburg! Nicht – […] Sie wissen doch, Sie wissen es ja – ich kann das nicht überleben! Das ist ja der Tod.‘“

 

Kurz nach diesem Wortwechsel stürzt sich Manuela, die Hauptfigur von Christa Winsloes Roman Mädchen in Uniform (1933), in den Tod. Ihr Suizid ist kein Einzelfall. Das Phänomen hat einen zynischen Namen bekommen: „Bury your gays“ (in etwa: „Begrabe deine schwulen/lesbischen Figuren“). Und es zieht sich hartnäckig durch die Literatur- und Filmgeschichte: In 22 der 28 amerikanischen Filme, die zwischen 1962 und 1978 offen von Homosexualität handeln, sterben lesbische oder schwule Figuren gewaltsam oder durch Suizid. Von 1976 bis 2020 sterben mindestens 214 Lesben und bisexuelle Frauen in TV-Serien.[1] Grausam ergeht es meist auch den wenigen Figuren, die trans sind. Eine Auswertung von US-Serien zwischen 2002 und 2012 ergibt: In 40 Prozent der Fälle sind sie Opfer und in 21 Prozent Mörder:innen oder Antagonist:innen. Weiterlesen

Verachtungsanalyse – Herablassung gegenüber Influencern als intellektuelle Pose

von Claas Mark

 

Mittlerweile vermissen die meisten von uns Partys, sogar klassische Studentenpartys,  bei denen die Besucher*innen niemals die Küche verlassen, die Tanzfläche wirkt, als wäre sie mit einem Bann belegt worden und immer dieser eine Typ kommt, um dir von seiner Hausarbeit zu erzählen. Wir kennen alle diesen einen Typen, der erzählt, er würde das Dschungelcamp und Germany’s Next Topmodel nur ironisch gucken. Der Typ, der die Zitate eines ganz bestimmten Philosophen (Adorno) auswendig gelernt hat, der exakt ein Thema hat und jedes Gespräch in diese Richtung bricht, wie ein schwarzes Loch das Licht. Diesen Typen könnt ihr euch jetzt als Buch ins Regal stellen. Er trägt den Titel Influencer: Die Ideologie der Werbekörper (Suhrkamp 2021). Weiterlesen

Verpuffter Skandal – Wie ein Schlüsselroman scheitern kann

von Johannes Franzen

 

Die Art, wie wir Literatur konsumieren, ist immer geprägt von einer gewissen Unaufrichtigkeit. Es gibt die Dinge, die wir mögen sollen, und die Dinge, die wir wirklich mögen. Der Schlüsselroman etwa, in dem es darum geht, reale Vorbilder hinter den scheinbar fiktiven Figuren zu entschlüsseln, ist eine dieser Gattungen, bei denen die Diskrepanz zwischen dem schlechten Ruf einerseits und der konstant hohen Nachfrage andererseits auf die Heucheleien ästhetischer Wertsetzung verweist. Das Ratespiel, das uns verspricht, dass hinter den fiktiven Figuren reale Vorbildern lauern, verstößt natürlich in jeder Hinsicht gegen die Reinheit der Kunst. Statt uns an schönen Sätzen oder psychologischer Tiefe zu erfreuen, weiden wir uns am boulevardesken Trash, am indiskreten Geheimnisverrat. Der Roman – doch eigentlich die bestimmende Kunstform der Moderne – wird hier degradiert zum Vehikel für das Waschen schmutziger Wäsche.  Weiterlesen

Leben als Kunst und Kunst als Geschäft –  Andy Warhol wird erzählt

von Christina Dongowski

 

Als Anfang März die Museen in vielen Teilen Deutschlands für Besucher:innen wieder geöffnet wurden, brach das Ticketing-System des Museum Ludwig in Köln in kurzer Zeit zusammen. Die Server konnten den Ansturm von Menschen, die sich einen Zeit-Slot für die große Warhol-Ausstellung sichern wollten, nicht bewältigen. Man arbeite fieberhaft daran, das System wieder online zu bekommen. Mit so viel Interesse habe man einfach nicht gerechnet, verkündete das Museum etwas zerknirscht – den Glitch in der musealen Vermarktungsmaschine souverän für die Vermarktung der Ausstellung nutzend. Dass sich nach monatelangem erzwungenem Starren auf Bildschirme der Hunger nach „echten“ Bildern ausgerechnet in einer Warhol-Ausstellung austoben will (und kann), passt perfekt zu Warhols künstlerischer Auseinandersetzung mit der Ideologie und Metaphysik des Kunstwerks – es erscheint fast schon ein bisschen zu sehr „on the nose“. Weiterlesen

Der schlafende Raum träumt von der Wüste

von Rudi Nuss

 

The meaning of life doesn’t seem to shine like that screen
– Weyes Blood

 

I know that many of you are lethargic and suffer from apathy, but is anyone else hyper?
– @WWWtxt Archiv, Foreneintrag Oktober ’94

 

Katzen in kleinen Latzhosen. Jemand verspeist CPUs wie After Eight-Plättchen. Jemand in einem Moomintroll-Ganzkörperanzug und einer Handfeuerwaffe in verschneiten Wäldern. Screencaps diverser 90er-Jahre-Cartoons. Remix von Mark Zuckerberg, wie er »baby rips« sagt, als sei er ein normaler Mensch, der grillt. Bild eines Fearsome Critter Cryptids, ein Elch mit gelenklosen Beinen namens Hugag, der wie auf Stelzen durch dunkle Wälder wankt. Jon Bois twittert: went to the store. @weedhitter twittert: i will eat dog food for money. Burger King veröffentlicht neues Logo. Bild von Joe Biden, wie er an dem Finger seiner Frau lutscht. Der Liminal Space Bot postet einen menschenleeren Swimmingpool, auf den die Sonne scheint. Die Coca-Cola Company veröffentlicht ein Statement zum Capitol Coup am 06.01.2021. John Maus postet einen Tag danach die Rede Papst Pius’ XI. vom 14. März 1937, MIT BRENNENDER SORGE. Furry Fan Art von Frodo und Sam, wie sie unter Tränen miteinander knutschen. Bild von Duchamps Fountain mit der Caption »Pogchamp«. Nancy Pelosis wikiFeet-Seite.

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Was nicht tötet, härtet ab? Funktion von Vergewaltigung in aktuellen Serien

von Isabella Caldart

CN: Sexualisierte Gewalt

 

„Bist du deswegen so stark?“, fragt Ginny ihre Mutter Georgia in der Serie Ginny & Georgia, nachdem diese ihr gesagt hat, dass sie als Kind von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde. „Weil ich missbraucht wurde?“, fragt Georgia zurück. „Nein, ich bin keine Game of Thrones-Figur. Nein, ich wäre noch viel stärker gewesen, wenn mich der Mist nicht so viel Energie gekostet hätte.“

Vergewaltigung als Plot Device

In nahezu jedem Seriengenre gehört sexualisierte Gewalt zu den beliebtesten Hürden, die sich Drehbuchautor*innen für ihre Frauenfiguren ausdenken. Das ist von einem narrativen Standpunkt her nicht nur schade, machen es sich die Filme und Serien damit doch sehr leicht, es ist in zweierlei Hinsicht sogar höchst problematisch: Noch immer werden die Vergewaltigungen zumeist explizit gezeigt, obwohl es außer zu schockieren keinen Grund dafür gibt, schließlich könnten sie szenisch auch nur angedeutet werden. Und noch immer dient die Vergewaltigung einer Frau zumeist einem konkreten Ziel, das nichts mit der sexualisierten Gewalt selbst zu tun hat, sondern eine bestimmte Handlung ermöglichen soll, beispielsweise den Rachefeldzug der vergewaltigten Frau wie in den Kill Bill-Filmen. Manchmal geht es bei der Vergewaltigung nicht einmal um dem Plot der Frauenfigur, sondern um den männlichen Protagonisten, der seine Frau/Schwester/Tochter rächt. Nicht die Vergewaltigung an sich ist relevant, sie ist vielmehr ein Plot Device, das handlungsvorantreibende Mittel. Weiterlesen

Dichterin, Diseuse, Kabarettistin – Wie ich einmal Emmy Hennings entdeckte

Heike Hellebrand

 

Ende der 1990er Jahre, als ich das Gymnasium verließ und meine erste eigene Wohnung in Berlin-Schöneberg bezog, nahm ich einen Kanon deutschsprachiger Literatur mit, der vor allem Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller als Höhepunkte der deutschsprachigen Literatur ausstellte. Matte Schwarz-Weiß-Fotografien mit hellen Gipsbüsten dieser Schriftsteller wurden damals in die Gehirne von tausenden Abiturient:innen gebrannt. Die Behandlung selbst von hochkanonisierten Autoren wie Bertolt Brecht oder den Mitgliedern der Gruppe 47 im Unterricht lagen beinah im Bereich des Verbotenen. Mein erstes Semester an einer Universität in Berlin war ein Streiksemester und so streifte ich wissensdurstig durch sämtliche Antiquariate und Bibliotheken der Stadt, um dieses Defizit auszugleichen. Weiterlesen

Text und Geld – Über den Wert geistiger Arbeit in der digitalen Gegenwart

von Johannes Franzen

 

Alan Rusbridger, der ehemalige Chef des Guardian, erzählt in seinem Buch Breaking News, wie er 2005 zum ersten Mal davon gehört habe, dass ein 52 Jahre alter Internetenthusiast namens Craig Newmark mit einem Team von nur 18 Leuten in einem baufälligen Haus in San Francisco gerade dabei sei, im Alleingang den Zeitungsmarkt zu ruinieren. Die Geschäftsidee von „Craig’s List“ war einfach und erschien absolut naheliegend für ein digitales Format. Kleinanzeigen konnten dort schnell und eigenhändig für wenig oder gar kein Geld geschaltet werden. Für die Printmedien bedeutet das, dass sie mehr oder weniger über Nacht ihr Monopol auf den Verkauf von Aufmerksamkeit verloren. Eine Stellenanzeige in New York, die in der New York Times zwischen 672 und 954 Dollar gekostet hätte, war bei „Craig’s List“ schon für 25 Dollar zu haben.

Die Geschichte verweist auf eine der wichtigsten mediengeschichtlichen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre. Den Textmedien ist innerhalb kürzester Zeit ihre wichtigste Einnahmequelle weggebrochen. Das Werbebudget großer Firmen geht heute an Tech-Unternehmen wie Google und Facebook. Was das konkret bedeutet, lässt sich an einer weiteren Anekdote aus Rusbridgers Buch illustrieren. Rusbridger absolvierte seine Lehrlingszeit als junger Journalist Mitte der 1970er Jahre bei den Cambridge Evening News. Über viele Dinge hätte man sich damals keine Gedanken machen müssen, über elaborierte Geschäftsmodelle zum Beispiel.

Die Cambridge Evening News hatten eine Auflage von 50.000 und druckten regelmäßig Werbeanzeigen des örtlichen Kaufhauses oder Autohändlers. Einen großen Anteil des Budgets machten außerdem die Kleinanzeigen aus. Die Lokalzeitung war der Ort, wo ein Großteil der gebrauchten Autos oder Häuser in Cambridge zum Verkauf angeboten wurden. Aber auch jedes Jobangebot, jede Geburt, jede Hochzeit, jeder Todesfall wurden hinten in der Zeitung zwischen den Nachrichten und dem Sport bekannt gegeben. Dieses annähernde Monopol auf Sichtbarkeit, über das Zeitungen verfügten, führte teilweise zu Profitmargen von 30 bis 40 Prozent.

Über Geschäftsmodelle musste man sich in dieser Zeit also wirklich keine Sorgen machen. Umso härter traf den Zeitungsmarkt dann allerdings der plötzliche katastrophale Wegfall dieser Einnahmen durch die Digitalisierung. Wenn heute über den Zusammenbruch der finanziellen Infrastruktur von Textmedien gesprochen wird, dann ist vor allem diese Verlustgeschichte gemeint. Nicht umsonst versuchen gerade die etablierten Medien zumindest einen Teil der Werbeeinnahmen von den großen Tech-Unternehmen zurückzuklagen.

Diese Entwicklung ist mit einer unangenehmen Erkenntnis verbunden, die sich nur sehr langsam in den Köpfen der Leser*innen durchzusetzen scheint. Nämlich, dass es gar nicht sie waren, die für die Texte, die sie wie selbstverständlich gelesen haben, in erster Linie bezahlt haben. Wie Tim Wu in seinem Buch Merchants of Attention beschreibt, waren in der gesamten modernen Mediengeschichte schon immer weniger die Texte das Produkt, sondern die Leser*innen. Der Verkauf von Aufmerksamkeit bezahlte die Miete der Redakteur*innen und Autor*innen. Texte, deren Produktion oft sehr kosten- und arbeitsaufwendig ist, waren deshalb so preiswert, weil die Werbebranche für einen Großteil dieser Kosten aufkam. Wenn ein*e Zeitungsleser*in also wütend drohte, ihr Abonnement zu kündigen, dann war das für die Zeitung nur indirekt bedrohlich, weil es bedeutete, dass man weniger attraktiv für Anzeigekunden erschien.

Der Zusammenbruch des Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes ist ein Bedrohungsszenario, das vor allem kulturkritisches Händeringen verursacht hat. Diese Haltung ist in den meisten Fällen lähmend und unproduktiv, Ausdruck einer reaktionären kulturellen Panik, die alle Probleme der Gegenwart in der Digitalisierung sucht. Schuld sind dann wahlweise die Sozialen Medien, die angebliche Kostenlosmentalität von Open Source Eiferern, oder ganz allgemein der Niedergang der guten alten Papiermedien. Diese kulturelle Panik, die oft mit äußerster Bitterkeit artikuliert wird, verstellt den Weg für eine nüchterne Auseinandersetzung mit den ökonomischen und kulturellen Problemen, die der Medienwandel mit sich gebracht hat. Zudem verschleiert sie den Blick auf die positiven Effekte der digitalen Revolution.

Das grundsätzliche Problem ist nicht die Digitalisierung selbst, sondern die Tatsache, dass ein wichtiger kulturgeschichtlicher Bewusstseinswandel noch nicht stattgefunden hat, der vor allem die Rolle der Leser*innen im System der Textmedien betrifft. Kurz gesagt, geht es darum, dass die Menschen für die Texte, die sie lesen wollen, jetzt vollständig bezahlen müssen. Was bisher fehlt, ist eine tiefgehende gesellschaftliche Reflexion über den Wert geistiger Arbeit. Diese Reflexion erscheint bitter nötig, da man den Eindruck gewinnt, dass geistige Arbeit in den letzten Jahrzehnten im öffentlichen Bewusstsein sogar noch an Wert verloren hat. Das brutale ökonomische Faktum des Anzeigenverlusts geht einher mit einem weit verbreiteten Unwillen auf der Seite der Leser*innen, für digitale Texte Geld auszugeben.

Es ist in dieser Hinsicht zwar verführerisch, aber nur bedingt hilfreich, auf die Leser*innen zu schimpfen, die zwar ohne zu zögern 4 Euro für einen Kaffee ausgeben, allerdings sehr lange überlegen, ob sie 50 Cent für einen längeren Artikel übrig haben. Es wird die Aufgabe zukünftiger Medienhistoriker*innen sein, diesen Umstand nüchtern zu erforschen und die Frage zu beantworten, wie sich der Status von Textarbeit im 21. Jahrhundert verändert hat. Vorerst kann man aber ein paar Mutmaßungen machen, etwa dass die Dematerialisierung von Texten, die Tatsache also, dass man Texte immer weniger als Papier in der Hand halten kann, dazu führt, dass ihr Wert infrage gestellt wird.

Die Zeitungen haben, wie Rusbridger berichtet, zu dieser Entwicklung beigetragen, indem sie ihre digitalen Inhalte zunächst kostenlos zur Verfügung stellten. Die ersten Versuche, eine Paywall hochzuziehen, verliefen dann oft auch katastrophal und wurden als klares Zeichen dafür gedeutet, dass Menschen nicht bereit seien, für reine online Textmedien zu bezahlen. Einige große Medien wie die New York Times, der Guardian oder der New Yorker haben inzwischen funktionstüchtige Bezahlmodelle gefunden. Das gilt jedoch nicht für viele andere, die nicht auf einen großen Namen, kulturelles Prestige und ein internationales Publikum aufbauen konnten. Buzzfeed News zum Beispiel, eine ernstzunehmende publizistische Plattform, die aus einem als Content-Klickfarm gestarteten Projekt entstanden ist, musste 2019 sehr harte Kürzungsmaßnahmen durchführen.

Diese Entwicklungen lassen sich in Bezug auf die Dematerialisierung von Medien und Kunst generell beobachten. Dass wir Musik nicht mehr als Tonträger, Bücher nicht mehr als Ansammlung von Seiten, Filme nicht mehr als DVDs besitzen, hat zu Verwirrung geführt, was ihren Wert angeht. Es erscheint zumindest naheliegend, dass Kulturen, die den Wert eines Mediums so lange an dessen Materialität geknüpft haben, nicht automatisch den Wert von etwas anerkennen, das man nicht mehr in der Hand halten kann.

Ein weiterer Faktor, der die Reflexion über den Wert geistiger Arbeit erschwert, ist die Explosion des nicht-professionellen Schreibens. Die Digitalisierung hat unzählige Möglichkeiten hervorgebracht, Texte kostengünstig zu veröffentlichen. Dass es sich um nicht-professionelle Autor*innen handelt, soll nicht heißen, dass sie schlechter schreiben oder denken als Menschen, die das beruflich betreiben; es handelt sich vor allem um eine institutionelle Unterscheidung. Die einen werden dafür bezahlt, die anderen nicht. Gerade weil die nicht-professionelle Textproduktion oft von so hoher Qualität ist, kann das zu einem Missverständnis über den Wert professioneller Texte führen. Dieses Missverständnis hat allerdings zur Folge, dass das Bezahltwerden für Textarbeit selbst in eine Krise gerät und das hat fatale Folgen für den gesamten Bereich der geistigen Arbeit.

Wenn ein Text schludrig gedacht, oder schlecht geschrieben ist, dann kreiden wir das immer noch automatisch der Autor*in an. Durch diese Individualisierung mangelnder Qualität wird allerdings der Blick auf die systemischen Gründe von Beginn an verstellt. Vielleicht hatte die Autor*in auch einfach wenig Zeit? Oder musste sich auf eine Arbeit konzentrieren, die besser bezahlt war? Oder sie hat während der Niederschrift ständig daran gedacht, dass ihr Vertrag in zwei Monaten ausläuft? Oder es hätte eine andere Person gegeben, die viel besser geeignet war, diesen Text zu schreiben, die aber jetzt für Apple arbeitet, weil man dort besser bezahlt wird und einen weniger stressbeladenen Arbeitsplatz hat?

Diese Fragen zielen auf ein besseres Verständnis der kultursoziologischen Voraussetzungen, unter denen die Texte entstehen, die wir lesen – aber auch der Texte, die wir lesen wollen, und die nie zustande kommen. Einem solchen Bewusstsein stehen viele Dinge im Weg, unter anderem die sehr deutsche Genieästhetik, die davon ausgeht, dass ein guter Text in kürzester Zeit einfach in die Tastatur geflossen ist. Diese Vorstellung ist schädlich und macht die Arbeit, die in einen Text investiert wird, unsichtbar.

Die aktuelle Lage erfordert ein klares Bewusstsein für die Produktionsverhältnisse von Texten. Das gilt nicht nur für den aufwendigen Recherchejournalismus, der zuweilen erfordert, dass Jahre in eine investigative Geschichte investiert werden. Auch politische Analysen oder Kulturjournalismus erfordern aufwendige Vorarbeiten, einen hohen Aufwand an ständiger Lektüre etwa, aber auch Zeit zum Nachdenken. Wenn – und das ist die deutliche mediengeschichtliche Tendenz – die doppelte Arbeit von der Hälfte der Autor*innen erledigt wird, dann leidet das Niveau. Es macht einen Unterschied, ob man für ein Porträt zwei Wochen oder zwei Tage Zeit hat, ob man für eine Rezension ein dickes Buch und weitere Bücher der Autorin lesen kann, oder eben eigentlich schon an der nächsten Rezension sitzen sollte.

Es ist eigentlich eine sehr naheliegende Erkenntnis: Je mehr Zeit zum Denken und zum Formulieren zur Verfügung steht, desto besser wird der Text. Allerdings wabern die sozioökonomischen Implikationen dieser Erkenntnis gerade noch sehr im Dunkeln. Die Tatsache etwa, dass es im deutschsprachigen Bereich keine vergleichbare Kultur langer kulturjournalistischer Essays gibt wie man sie im New Yorker oder London Review of Books findet, lässt sich direkt darauf zurückführen, dass keine finanzielle Infrastruktur existiert, die es für Autor*innen auch nur annähernd plausibel erscheinen lässt, die monatelange Arbeit zu investieren, die ein solcher Text erfordert.

Aus alldem folgt zunächst vor allem eines: Ein klares Bewusstsein für den Wert geistiger Arbeit muss dazu führen, dass die Leser*innen die Notwendigkeit anerkennen, ihr individuelles Medienbudget aufzustocken. Der digitale Wandel hat ein Finanzierungsmodell geistiger Arbeit zusammenbrechen lassen und in dieser Leerstelle muss ein neues Modell aufgebaut werden, eines, in dem sich die Menschen als aktive Leser*innen verstehen, und weniger als Produkt. Die Entwicklung ist nicht nur mit finanziellen Opfern verbunden, sondern auch mit einem Zuwachs an Emanzipation. Rusbridger beschreibt das als den Übergang vom passiven Konsumenten hin zum involvierten Prosumenten, der seine Medien nicht nur als Quelle von Informationen und Analysen versteht, sondern auch als Ort des Austauschs.

Konkrete Möglichkeiten, das eigene Medienbudget zu erweitern, gibt es viele. Von klassischen Abonnements über solidarische Formen der Finanzierung, in denen die Inhalte für alle frei zugänglich sind, aber nur die bezahlen, die es sich leisten können. Dazu gehören auch alternative neue Bezahlmodelle, wie die Finanzierung durch Plattformen wie Patreon oder Steady. Ein weiteres Modell, das sich im englischsprachigen Bereich längst durchgesetzt hat, sind kostenpflichtige Newsletter einzelner Autor*innen (über Plattformen wie Substack, inzwischen aber auch Twitter und Facebook).

All diese Möglichkeiten, sich an der Wertsteigerung geistiger Arbeit zu beteiligen, sollten genutzt werden, von denjenigen, die über die Mittel verfügen. Dafür muss auch die Vorstellung verabschiedet werden, dass es sich um ein Bittsteller- und Spendensystem handelt. Es mag sein, dass keines der existierenden Modelle sich als tragfähig erweist, aber auf der Ebene eines ausstehenden Kulturwandels wäre es ein erster Schritt, bewusst für bessere Texte besser zu bezahlen.

 

 

Photo by Josh Appel on Unsplash  

 

Chronik: März 2021

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Alle haben den neuen Kracht rezensiert. Aber eine Sache ist doch auffällig. Von den unzähligen Rezensionen wurden so gut wie alle von Männern geschrieben. Was mag das bedeuten? Wir stellen nur Fragen. Weiterlesen