Jahr: 2020

Chronik: Februar 2020

Einen Schauspieler am Penis gezogen einmal im Kreis laufen                                    lassen – das ist „bemerkenswert“ (FAZ vom 29.01.2020)

 

Ein gut gefülltes Fass aus Hohn und Spott ergoss sich Ende Januar über den Spiegel und seinen Titel “Die Faszination des Gangsta-Rap”. Und man muss sagen, ausgesprochen verdient, denn schon die Aufmachung erinnert an eine Bravo aus den 80er Jahren, die halb erregt, halb verängstigt vor den Gefahren einer “neuen” Jugendkultur warnt. Gleichzeitig brach sich in dem äußerst langen Text eine seltsam genervte Herablassung gegenüber Teenagern Bahn, die den Verdacht nahe legte, dass sich hier vor allem jemand über seinen 14jährigen Sohn aufregte. Diese Jugendlichen tragen nämlich schon seit sie 13 sind “fast nur Jogginghose und Kapuzenpulli” und wollen selbst auch Sportwagen fahren. Und das obwohl sie doch auch zu Fridays-for-Future Demos gehen. Das verwirrt offenbar die Eltern. Warum die dann aber gleich einen Spiegel-Text schreiben müssen, wird nicht so ganz klar.

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In der SZ wird ein Buch von Volker Hage besprochen, ehedem Literaturchef der Zeit und beim Spiegel. Gleich 21 Schriftstellerporträts werden hier versammelt, in denen Hage, der das Misstrauen seiner Kolleg*innen gegen diese Gattung nicht teilt, offenbar hemmungslos in die Biographie seiner Helden abtaucht. Und das gelingt auch gut, freut sich der Rezensent: “Die Romane von Max Frisch zum Beispiel gewinnen eine selbstverständliche Klarheit, wenn Hage von den Beziehungen Frischs zu Frauen erzählt…” Wir dagegen freuen uns, dass Frauen in diesem Buch überhaupt vorkommen und sei es auch nur als Verständnishilfe und biographische Würze zu Frischs drögen Romanen. Unter den 21 Porträtierten finden sich gerade einmal zwei Frauen. Nun muss man Hage natürlich zugute halten, dass es sich um eine Sammlung historischer Texte handelt und das Buch ist in jeder Hinsicht ein historisches Dokument, denn es erzählt von einer Zeit, in der es selbstverständlich gewesen ist, vornehmlich über Männer zu schreiben. Inwiefern Hage, der einer der mächtigsten Männer im Feuilleton der letzten Jahrzehnte war, an diesem historischen Umstand mitgewirkt hat, wollen wir hier nicht näher erörtern (Hage gilt übrigens als Erfinder des Labels “Fräuleinwunder”).

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Bereits in der letzten Chronik hatten wir über das Ende des Unsichtbar Verlages berichtet. An Ton und Inhalt des offenen Briefs des Verlegers Andreas Köglowitz rieb man sich. Unter anderem Jens Bartsch, der Inhaber der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln beschreibt aus der Perspektive des Buchhändlers das Problem, die richtigen Titel für den Verkauf zu finden. Gerade die Buchhändler*innen waren in Köglowitz’ Philippika als wenig experimentierfreudige Angsthasen schlecht weggekommen. Bartsch gibt zu bedenken, dass häufig durchaus ansprechende Inhalte völlig falsch verpackt wären. Es würde nicht verwundern, dass Kund*innen und Buchhändler*innen bei einer Covergestaltung, die “an drittklassige Selfpublisher erinnert”, nicht zugriffen. Die Forderung nach mehr Förderung von Indie-Verlagen findet Bartsch dagegen “kreuzdämlich”. Hierzu hatte sich bereits im November letzten Jahres der Fürther Manfred Rothenberger (starfruit publications) geäußert. Nun stellt der Verleger des homunculus Verlags Joseph Reinthaler ein Modell vor, wie Förderung aussehen könnte. Er sagt: “Es sind nicht wir Verleger*innen, die hilfsbedürftig sind. Es ist die Bibliodiversität, die deutsche literarische Kultur, eine Kultur der Vielfalt der Stimmen und des Worts.” Bartsch ist dagegen der Ansicht, “eine gute Sache sollte also im besten Falle irgendwie aus sich selbst heraus funktionieren können – oder eben nicht. Dies bei den Verlagen wie bei uns Sortimentern auch.”

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Was dem deutschen Buchmarkt vor ziemlich genau einem Jahr Takis Würgers Stella war, das ist jetzt für den amerikanischen Literaturbetrieb American Dirt von Jeanine Cummins: Eine weiße Frau erzählt von der Flucht einer mexikanischen Familie vor einem Kartell in die USA, um endlich die Geschichte derer zu erzählen, die in den USA oft als “faceless brown mass” wahrgenommen würden. Cummins schafft damit das buchgewordene Äquivalent eines Sombreros auf dem Kopf eines besoffenen Frat-Boys. In den deutschsprachigen Raum wurde der Skandal vor allem importiert, um über den Gegensatz von Moral und Ästhetik zu befinden. In der SZ etwa heißt es, die Kritik am Buch würde vorrangig identitätspolitsch begründet, “[w]eil die Autorin des Romans aber keinen lateinamerikanischen Hintergrund hat, sondern eine weiße Amerikanerin ist, und ihr Buch von einer überwiegend weißen Verlagsbranche für ein überwiegend weißes Publikum in Position gebracht wurde.” Nur stimmt das so leider gar nicht, denn die Einwände in den heftigen Kritiken waren überwiegend ästhetisch. Kein Grund für die SZ nicht trotzdem als Vergleichsfälle Brechts “Der gute Mensch von Sezuan” und Kleists “Verlobung in Santo Domingo” anzuführen. Denn die dürften nach den neu geschaffenen Maßstäben der Identitätspolitik ja dann auch nicht mehr erscheinen etc. Inzwischen ließe sich komfortabel eine Bibliothek der Bücher zusammenstellen, von denen schon gesagt wurde, dass sie wegen “Politischer Korrektheit” heute nicht mehr erscheinen könnten. Hannes Stein nennt in seinem schlecht gelaunten Bericht über die Kontroverse um American Dirt, dessen Prosa er übrigens “makellos” findet, noch folgende Werke, die heute nicht mehr hätten publiziert werden können: Das Leben der Anderen (weil von einem Westdeutschen), Macbeth (weil von einem Nicht-Schotten) und dann noch was von Werfel und Heine (because why not). Diese faule Bibliographie zeigt vor allem, dass der Autor das Problem nicht verstanden hat, und auch nicht verstehen will. Sein Fazit ist wenigstens ehrlich: “Aber warum müssen wir solche Debatten über Literatur überhaupt führen?”

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Viel interessanter ist dabei noch, dass inzwischen auch Insider aus der Verlagsbranche in den USA eingestehen, was zu befürchten war, nämlich, dass der Roman vermutlich keinen Skandal ausgelöst hätte, wenn er als das vermarktet worden wäre, was er offenbar ist: ein reißerischer Unterhaltungsroman, der hauptsächlich auf Effekt zielt – oder wie es der Assistant Editor des Verlags Flatiron ausdrückte: “You can’t be Twitter woke and Walmart ambitious.” Die Kontroverse war offenbar erwartet worden und man hatte kalkuliert, ob es das Risiko wert sein würde. Die Antwort ist auf 400 Seiten mit floralem Stacheldraht-Cover zu bewundern.

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Wie man ja weiß, dreht sich gerade bei Rowohlt mal wieder das Personalkarussell, auf Florian Illies folgt Nicola Bartels. Auf einen Mann, der keine Lust mehr hat, folgt eine Frau – so weit so gut. Wie fest die Rollenzuschreibungen trotz allem bei manchen auf die Innenseite der Stirn geschrieben stehen, durfte man kurz darauf im Spiegel beobachten. Dort war von Illies als dem Mann mit “bildungsbürgerlicher Prägung” die Rede, vermutlich weil der zwei Bücher verfasst hat, die als Klolektüre in jedem Haushalt liegen. Hingegen: Nicola Bartels ist für den Spiegel die Frau, die Bastei Lübbe geleitet hat, ein Name, der “geradezu ein Synonym für leichte Unterhaltungsliteratur” sei. Bildungsbürgerlicher Autor geht also und die Frau für seichte Unterhaltungsliteratur kommt – schön, wenn Weltbilder so einfach sind.

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Dabei ist es doch erst einmal lobenswert, wenn sich in Deutschland das tut, was Großbritannien offenbar bereits geschafft hat. Die Studie “Diversity of UK publishing workforce detailed in extensive survey” der in London ansässigen Publishers Association hat herausgefunden, dass 2019 54% der Führungspositionen und auf Geschäftsführungsebene von Frauen besetzt  waren (56% in leitenden Führungspositionen und 48% auf der Führungsebene). Es scheint doch zu gehen.

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Die Welt witterte Skandalöses hinter der Tatsache, dass der neue Roman des inzwischen von weit rechts winkenden Schriftstellers Uwe Tellkamp nicht schon dieses Jahr bei Suhrkamp erscheinen sollte. Und nicht nur in der Welt wurde gemunkelt, dass der renommierte Verlag vielleicht mit dem neuesten Werk Tellkamps nicht einverstanden sei. Das Wort “Zensur” steht im Raum. Ganz abgesehen davon, dass Tellkamp mit aller Wahrscheinlichkeit  einen Verlag für seinen neuen Roman Lava finden wird und dass dieser Verlag vermutlich Suhrkamp sein wird, stellte sich heraus, dass das Buch wohl einfach noch nicht fertig lektoriert und gar noch nicht fertig geschrieben war. Was die Welt jedoch nicht davon abhielt schnappatmend einige Menschen (die “Intellektuellen” nämlich), nach ihrer Meinung zu “Suhrkamps Dilemma” zu befragen, was man jedoch nicht lesen konnte, außer man hätte dem Springer-Verlag 10€ im Monat bezahlt, um zu erfahren was beispielsweise Rüdiger Safranski dazu zu sagen hat – und wer will das schon. Wir dagegen haben 700 Intellektuelle gefragt, was sie zu der Welt-Aktion zu sagen haben, aber was das ist, kann man erst lesen, wenn man 54Books+ abonniert hat.

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Der True Crime Hype ist aus den USA mittlerweile erfolgreich nach Deutschland geschwappt und alle spielen bei der journalistischen Vergoldung von schnödem Voyeurismus mit. Auch der Stern hat keinerlei Probleme damit, einen amerikanischen Artikel von 1993 (!) übersetzen zu lassen und ihn dem gierigen Publikum als frische Ware zu präsentieren. Wir dürfen gespannt sein, aus welchen Archiven noch “lange, hervorragende und sensibel erzählte Geschichten” ausgegraben werden, um die Gruselwollust des Publikums zu kitzeln. Denn wie absurd der Publikumshunger nach den vermeintlich wahren schaurig-schönen Gewaltverbrechen inzwischen ist, zeigt auch ein Blick in die Podcast-Sparte auf Spotify. Dort präsentieren ARD, ZDF und funk die beiden Podcasterinnen “Paulina und Laura” seltsam sexualisiert auf dem Cover eines Podcasts, der zu allem Überfluss auch noch “Mordlust” heißt. Während hier über die Hintergründe von Morden gesprochen werden soll, informiert der grinsende Philipp in “Verbrechen von Nebenan” über “True Crime in der Nachbarschaft” – von den Öffentlich-Rechtlichen, über Zeit und Stern, alle sind dabei beim wohligen Palaver über Femizide, Sektenmorde und den Killer aus der Nachbarschaft.

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Unsere Kultur lässt uns nichts in Würde vergessen. Erfreulich still war es etwa um die Ultraromantik, bis dieser Tage plötzlich Leonhard Hieronymi – Verfasser des zugehörigen, im Korbinian-Verlag herausgegebenen, Manifestes – wieder mit einem Essay in der SZ auftauchte. Die intertextuellen Referenzen aus dem Text lesen sich wie ein Panini-Album gepflegter Herrenkultur: Chatwin, Herzog, Rimbaud, Buddha, Meister Eckhart, Helmut Newton (Jodie Foster darf als Objekt eines Bildes von Newton immerhin als Metapher für den Verfall der Literatur stehen). Mit literaturhistorisch geschultem Blick wundert man sich etwas über einige der breitbeinig aufgestellten Behauptungen, besonders über die erstaunlich blinden Flecken in Bezug auf Literatur der 90er, die jenseits von Pop-Literatur, Crichton und Grisham stattfand. Der wirr-assoziativ geschriebene, aber mit großer Pose präsentierte Text, steigert sich dann zu einem Rant gegen erzählerische Linearität und amerikanische Popkultur, was sich liest, wie der dritte Aufguss eines Teebeutels mit Literaturtheorie der Postmoderne. Zu diesem Gefühl von Regress passt es, dass einem jungen Mann derart viel Platz für seine halbgaren Gedanken eingeräumt wird. (Wieviel lieber hätte man stattdessen einen Essay von Enis Maci gelesen, die zumindest auch von Hieronymi zitiert wird). Der Verfasser des Essays wird übrigens mit der steilen Behauptung vorgestellt: “Dass es sich bei [Hieronymis] ‘Formalin’ um die beste Kurzgeschichte handelt, die in jenem Jahr [2017] in deutscher Sprache erschienen ist, wird heute kaum mehr bestritten.” Diese Behauptung ist gleichermaßen frech und zutreffend. Niemand bestreitet das, und niemand kann es bestreiten, denn niemand hat die Erzählung gelesen. […] [Aus einem Interview mit den Hieronymi-Verlegern vom Korbinian Verlag: “Bei „Ultraromantik“ von Leonhard Hieronymi, dem ersten Buch von uns das in den Feuilletons kursierte, war es so, dass er dieses aus 15 Punkten bestehende Manifest geschrieben hatte, aber gar nicht von alleine darauf gekommen ist, uns das als Buchidee vorzuschlagen. Eine Verkettung günstiger Umstände führte dazu. Wir wurden damals von Felix Stephan interviewt, der mittlerweile bei der Süddeutschen Zeitung ist, damals aber noch für die Literarischen Welt schrieb, und dem hatte Leo das Manifest auf den Tisch gelegt. Ein paar Wochen später waren wir alle zusammen zu siebt in Leipzig in einer Air BnB-Unterkunft für drei Leute und dann…”]

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Der Autor Till Raether stickt Plattencover, aktuell “Prefab Sprout – Andromeda Heights”. Wunderschön!

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[…]

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Noch bis März kann man in der Arte-Mediathek eine Dokumentation sehen, die es in sich hat: die junge saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal trat 2010 mit kritischen Gedichten bei der Fernsehshow Million’s Poet in den Vereinigten Arabischen Emiraten an, die Reality TV Show ist eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen der Region und vergibt Preisgelder in Millionenhöhe. Hissa Hilal gewann zwar nicht, riskierte aber ihr Leben für die Lyrik. Dass ihre Lyrik noch nicht auf Deutsch erschienen ist, verwundert uns leider nicht, aber wir würden sie gerne lesen. Und ganz nebenbei haben wir hier auch noch einen Vorschlag gefunden, was man anstatt des wieder aufgegossenen Literarischen Quartetts hätte produzieren können: einen guten alten Dichterwettstreit, gepaart mit einer dicken Menge Entertainment. (Danke an Nadire Y. Biskin für den Hinweis)

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Zu allem Überfluss ist im Februar auch noch Karneval und als ernsthaftes Literaturportal haben wir noch schnell herausgesucht, ob man “Schriftsteller” als Kostüm kaufen kann. Antwort: Man kann, sieht dann zwar aus wie ein Polyester-Shakespeare, aber zumindest liest sich die Produktbeschreibung selbst wie Poesie. (“Es ist ein kostüm exklusive Atosa. mit große menge ornamentacion Es ist. QUALITÄT pasamaners und texturen. Alle die endungen und kanten sind gut”).  Für “Kostüm Schriftstellerin” gab es – wer hätte das ahnen können – übrigens kaum Resultate.

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„Wir sind uns unserer Verantwortung als Deutschlands größte Publikumsverlagsgruppe bewusst und wollen konsequent die ökologische Wende im Verlagswesen vorantreiben, indem wir unseren CO2-Ausstoß nachhaltig reduzieren“, sagt Random House CEO Thomas Rathnow. Die Verlagsgruppe will den Anteil klimaneutral produzierter Titel jährlich um 20% steigern. Das passt gut zum Start des neuen Sachbuch Paperback Programms beim Random House Verlag Goldmann, bei dem man “gesellschaftlich prägende und sich neu entwickelnde Trend- und Zeitgeistthemen für ein wachsendes Lesepublikum veröffentlichen” möchte. Dieser Ausstoß an Produkten wird dann wohl wieder klimamäßig neutralisiert. Ist es das, wovor Rüdiger Safranski gewarnt hat, als er befürchtete “Bald wird vielleicht auch die Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks gesehen.”

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Wo gezählt wird, da entstehen Daten, und diese Daten erzählen eine Geschichte. Zum Beispiel, dass die Kolumnenplätze im Printteil großer Zeitungen und Magazine nach wie vor überwiegend männlich besetzt sind. Das hat Julia Karnick in einem umsichtigen und klugen Text auf ihrem Blog herausgefunden, der von dort aus rege Verbreitung im Internet fand und schließlich über ein Interview mit der taz wieder im Print landete. Dort wiederholt Karnick noch einmal die wichtigste These, die aus der Interpretation der Zahlen abgeleitet wurde. Bei der Frage nach der Form (Kolumne) geht es um Macht: “Natürlich gibt es andere relevante Formate. Aber Kolumnen waren schon immer Aushängeschilder. Da steht jemand mit Gesicht, Namen, Stil und seiner Haltung für ein Medium.”

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Am 29. Januar ist Christoph Meckel gestorben. In der FAZ erinnert sein Lektor Wolfgang Matz in einem kurzen Nachruf an ihn. “Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten.” Auch in anderen Medien wurde Meckel mit ausführlichen Nachrufen bedacht. Die große Bestseller-Queen Mary Higgins Clark verstarb am 1. Februar. Einen wirklich ausführlichen Nachruf, mit Würdigung des umfangreichen Werks der global erfolgreichen Krimi- und Thrillerautorin und einer literaturkritischen und zeithistorischen Einordnung haben wir leider nicht gefunden. Zumindest war sie in vielen Medien mit einer Meldung vertreten. Am 17. Februar ist außerdem Ror Wolf verstorben, es gab zahlreiche Nachrufe und auch auf Twitter wurde mit vielen Tweets an ihn erinnert.

Unsichtbare Frauen – Was Daten nicht erzählen

von Cordula Kehr (@prinzjusuf)

 

Die Beobachtung ist eigentlich nicht neu: der prototypische Mensch ist männlich – Frauen sind das Andere, das atypische Geschlecht. Die westliche Kulturgeschichte ist geprägt von diesem Männerzentrismus und die feministische Kritik an ihm füllt inzwischen auch eigene Bibliotheken. Allerdings – und hier setzt Caroline Criado-Perez’ Buch Unsichtbare Frauen an – hat sich in unserer von Daten beherrschten Welt der Kontext verändert, in dem die Perspektiven und Bedürfnisse von Frauen übersehen und übergangen werden: Big Data hat eine geschlechterbezogene Datenlücke. Sie ist sowohl Ausgangspunkt als auch Folge der Diskriminierung von Frauen. 

Big Vagina vs. Big Data

Criado-Perez, die sich auf Twitter als „Lobbyist for Big Vagina“ bezeichnet, nimmt sich in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch diesen Gender Data Gap vor. Sechs Themenfelder – Alltagsleben, Arbeitsplatz, Design, Bildergebnis für criado perez Unsichtbare FrauenArztbesuch, Öffentliches Leben und Katastrophenmanagement – nutzt sie als Schauplätze, um evidenzbasiert (also auf Basis empirisch ausgewerteter Daten) die Benachteiligung von Frauen vorzuführen. Es geht ihr darum, die (Gender-)Neutralität von Algorithmen in Frage zu stellen und die weibliche Hälfte der Bevölkerung zu rezentrieren. Denn obwohl wir geradezu manisch Daten sammeln, bleiben Frauen zu oft unsichtbar: „Frauen werden nicht gesehen, und man erinnert sich nicht an sie, weil Daten über Männer den Großteil unseres Wissens ausmachen.“

Wie oft Frauen einen Autounfall überleben, wenn sie selbst am Steuer sitzen? Wissen wir nicht. Dafür kennen wir die Überlebenschancen eines 1,77 m großen und 76 kg schweren Crashtest-Dummys. Wissen wir, welche Nebenwirkungen ein Medikament für Frauen hat, oder nur welche bei männlichen Mäusen auftreten? Berücksichtigen Algorithmen, die Schichtpläne erstellen, dass die meisten Frauen nicht nur Lohnarbeit sondern auch Care-Arbeit leisten?

Die Benachteiligung von Frauen ist weder individuell noch zufällig, sondern strukturell und allgegenwärtig. Anschaulich reiht Criado-Perez in ihrem Buch Studie an Studie und nutzt diese beeindruckende Datenfülle, um mit Nachdruck einen Systemwandel zu fordern. Sorgfältig recherchierte Daten werden durch Storytelling ergänzt, O-Töne betroffener Frauen illustrieren Statistiken, und Criado-Perez schöpft auch mal aus dem Privaten, um das Politische zu erzählen. 

Ohne Storytelling reproduziert sich die Datenlücke

Wie aber lässt sich die Geschichte einer Abwesenheit erzählen? „Es gibt eine Leerstelle in den wissenschaftlichen Daten in Bezug auf Frauen im Allgemeinen […], doch über Schwarze Frauen, behinderte Frauen oder Frauen aus der Arbeiterschicht gibt es praktisch keinerlei wissenschaftliche Daten.“ Damit macht Criado-Perez auf einen grundlegenden Widerspruch ihres Buches aufmerksam: Einerseits argumentiert sie datenbasiert und weist Diskriminierung in Zahlen nach. Andererseits will sie die Folgen und Ursachen der geschlechterbezogenen Datenlücke beschreiben, also über fehlende Daten sprechen. 

Das ist ein Problem! Die Datenlücke potenziert sich, wo es nicht um weiße, nicht-behinderte, wohlhabende, heterosexuelle Frauen geht. Gleich zu Beginn ihres Buches verspricht Criado-Perez deswegen, dass sie intersektionale Daten, soweit vorhanden, immer anführen wird. Sehr selten werden also „Frauen aus ethnischen Minderheiten“ oder „Frauen aus der Arbeiterschicht“ sichtbar. Und Criado-Perez erinnert wiederholt daran, dass nicht alle Frauen in gleicher Weise benachteiligt sind, selbst wenn ihr keine Daten zu Mehrfachdiskriminierungen vorliegen. 

An einigen entscheidenden Stellen verzichtet die Autorin dann aber darauf, ihren Blick intersektional zu weiten und Positionen zu benennen, die von der weiblichen Mehrheitsperspektive abweichen. So ignoriert sie die Sicht von Frauen mit Behinderung auf Mobilität, von Frauen of Color auf Care-Arbeit und von queeren Personen auf Zweigeschlechtlichkeit. Das ist nicht einfach eine Frage der fehlenden Repräsentation. Bei vielen Themen, die das Buch anschneidet, fällt es nicht besonders ins Gewicht, dass eine vermeintlich homogene Gruppe von Frauen konstruiert wird. In den genannten Fällen verzerrt die fehlende Differenzierung aber den Blick auf vorhandene Ausschlüsse. 

Frauen mit Behinderung brauchen zum Teil andere öffentliche Mobilitätsangebote und sind stärker auf Barriereabbau im öffentlichen Raum angewiesen als Frauen ohne Behinderung. Persönliche Mobilität ist nicht umsonst ein eigener Artikel der UN-Behindertenrechtskonvention. Es gibt Studien die zeigen, dass weiße Frauen nicht in gleichem Maße Care-Arbeit leisten wie Frauen of Color, weil sie sich häufiger davon freikaufen können. Man fragt sich, warum diese Zusammenhänge im Buch unterbelichtet bleiben.

Die Probleme des Buches zeigen sich etwa in der Art, wie die Autorin die folgende Anekdote zu genderneutralen Toiletten verwendet, ohne die Perspektive queerer Personen auf Zweigeschlechtlichkeit zu berücksichtigen: „Im April 2017 wollte die erfahrene BBC-Journalistin Samira Ahmed auf die Toilette gehen. Sie war gerade bei einer Pressevorführung […] im berühmten Barbican Arts Centre in London […].“ Als Ahmed in der Pause die Toilette aufsuchen will, ist die Schlange noch länger als üblich: „Wie um in fast komischer Manier zu beweisen, dass an Frauen kein bisschen gedacht worden war, hatte das Barbican sowohl die Herren- als auch die Damentoiletten geschlechtsneutral gestaltet. Die Schilder für „Männer“ und „Frauen“ waren durch die Hinweise „geschlechtsneutral mit Urinalen“ und „geschlechtsneutral mit Kabinen“ ersetzt worden. Es geschah das Naheliegende: Nur Männer benutzten die angeblich ‚geschlechtsneutralen‘ Toiletten ‚mit Urinalen‘, und beide Geschlechter benutzten die ‚geschlechtsneutralen mit Kabinen‘.“

Criado-Perez nutzt in ihrem Buch Anekdoten, um starke Identifikationsmomente zu schaffen. Aber warum nutzt sie sie nicht, um genau die Perspektiven sichtbar zu machen, die in der Datenlücke verschwinden? Geschlechtsneutrale Toiletten richten sich an queere Personen, die sich jenseits der zweigeschlechtlichen Norm verorten und sich auf „Herren- und Damentoiletten“ nicht wohl fühlen. Wer wie Criado-Perez beklagt, dass Männer Frauenanliegen auf die Zeit nach der Revolution verschieben wollen, sollte aufpassen, nicht selbst Perspektiven zu marginalisieren, die in der geschlechterbezogenen Datenerhebung nicht sichtbar werden. Wer nicht gezählt wird, zählt nicht – das trifft bei Studien über Männer und Frauen auf alle zu, die sich jenseits der zweigeschlechtlichen Norm verorten. Das hätte man zumindest kurz erwähnen können, wenn man Anekdoten über genderneutrale Toiletten erzählt.

Gleichstellung: eine Frage fehlender Daten?

Und apropos nicht gezählt werden: Kurz vor der Oscar-Verleihung vor zwei Wochen forderte die Journalistin Ann Mbuti im monopol Magazin, dass wir mit dem Zählen aufhören: Unter Hashtags wie #OscarsSoWhite und #OscarsSoMale würde nur gezählt, wer fehle, die Ursachen der ungerechten Strukturen würden nicht analysiert. Das System ändere sich so nicht, egal wie oft wir Oscars zählten.

Natürlich ist Gleichstellung nicht einfach eine Frage vorhandener oder fehlender Daten. Es reicht nicht, geschlechterbezogene Daten zu erheben und Benachteiligungen sichtbar zu machen. Entscheidungsträger*innen müssen aus diesen Daten auch einen Handlungsbedarf ableiten. Criado-Perez plädiert in ihrem Buch deshalb nicht nur dafür, Gleichstellungsdaten zu erheben, sondern diese auch zu nutzen. Was aber hindert Entscheidungsträger*innen daran, evidenzbasierte Politik zu machen? Natürlich ist es immer leicht, Bedürfnisse zu übersehen – ob absichtlich oder unabsichtlich –, die nicht die eigenen sind.

Criado-Perez benennt aber auch den offenen Widerstand gegen Gleichstellungspolitik, der sich z.B. in Form sexistischer Shitstorms äußert. (Der Verdacht liegt nahe, Männer, die nicht genug Care Arbeit leisten, haben zu viel Zeit, um im Internet zu trollen.) Und gerade privilegierte Menschen hängen oft dem Mythos der Meritokratie an, der ihnen suggeriert, ihre gesellschaftliche Stellung sei allein eine persönliche Leistung, die sie ihrem Talent zu verdanken haben. 

„Dieser Mythos verstellt den Blick auf die institutionalisierte Bevorzugung weißer Männer. Und er ist leider bemerkenswert immun gegen die seit Jahrzehnten bekannten Fakten, die ihn als Fantasie entlarven. Wenn wir diesen Mythos abschaffen wollen, genügt die bloße Datenerhebung nicht.“  

Criado-Perez nennt Quoten, finanzielle Anreize und gesetzliche Verpflichtungen sowie bessere Meldestrukturen für Diskriminierungsfälle als mögliche politische Stellschrauben, um Gleichberechtigung zu erwirken. Um diese Schrauben anzubringen, brauche es aber mehr Politikerinnen, und dazu brauche es wiederum Quoten und ein frauenfreundlicheres Arbeitsklima in der Politik. Was also tun?

Unsichtbare Frauen von Caroline Criado-Perez ist ein Plädoyer dafür, den Gender Data Gap zu schließen. Es ist keine Anleitung, wie man die politischen Widerstände auf dem Weg dorthin überwindet. Vielleicht kann es aber zum Gesprächsanlass werden, um datenbasiert über Benachteiligung zu sprechen und – im Gespräch – intersektionale Datenlücken durch Storytelling zu verkleinern. Dann könnte dieses Buch zum Ausgangspunkt einer solidarischen feministischen Bündnispolitik werden.

 

Photo by Crissy Jarvis on Unsplash

Randnotizen

Manchmal stößt man beim Scrollen durch die Timeline auf Texte, die den gewöhnlichen Strom aus Neuigkeiten, Selbstnarrativierungen und Sprachspielen weit hinter sich lassen und Statusmeldungen in Literatur verwandeln – Elisa Asevas Beiträge auf Facebook gehören zu diesem Genre. Wir freuen uns daher, dass wir Texte von Elisa Aseva in der Reihe 54stories präsentieren können.

 

10.11.2018, 21:45 Uhr

beim aufräumen die unscharfen fotos.
du auf dem sofabett, vor dem kacheltisch mit kram drauf.
das war der winter in dem wir die eissorten mit den meisten chemischen zusätzen durchgingen.
und die verfügbaren bestellservices, am liebsten chinabox wegen der verpackung mit den süßen drachen. es war der winter in dem wir uns die schwere decke teilten.
es gab nur diese eine, aber sie war groß wie ein see oder ein schwimmbad.
groß genug jedenfalls um nur kurz daraus aufzutauchen, aufs klo zu gehen oder das eis aus dem fach zu holen.
manchmal schwammen wir darin. ich suchte deine hand.
und dann gleiten durch die unterdecketiefen

– – –

rauhe seesternhaut, anemonenblick.

hörst du die wale?
jaaa.

– – –

wir durchfluteten uns, tauchten ineinander, neben dem griff in die chipstüte oder zur fernbedienung.
unser atem legte eisblumen auf die fenster, wir freuten uns darüber.
noch eines dieser wunder.
als immer öfter die türklingel ging, hielten wir die luft an um das lachen zu verdrücken. wenn es gar nicht mehr ging, pressten wir die münder in die decke und lachten stumm hinein.
du suchtest meine hand.
nachdem die heizung abgeschaltet wurde wärmten wir aus dem backofen, unserem “kamin” und tauchten noch tiefer hinab. bis es in den ohren rauschte.

bis ich eines morgens erwachte, aus dem bett und über die im zimmer verstreuten tüten und eisschalen stieg und vorsichtig die tür zuzog.
der morgenverkehr stand noch bevor, die strasse lag leer. durch den pyjama spürte ich warmen wind + beschloss dem salz in der luft zu folgen.

hey. ich hoffe es geht dir gut.
keine offenen rechnungen für nessie

 

24.11.2018, 15:46 Uhr

warte! nur noch rasch
den honig erwärmen bevor ich ihn dir
über die blassen kokosbrüste gieße
das fenster öffnen auf dass
schwarzer sesam hereinwehe
und kältemoleküle
deine süße speise kosten
rieche donner atme blitz
wenn sich die temperaturen
auf meiner zunge
begegnen

 

22.01.2019, 13:37

die deutschen mit ihrem distanzfetisch. selbst in engeren freundeskreisen gibt es recht klare vorstellungen, dies das sei PRIVAT, jenes schon wirklich grenzüberschreitend + wer zuviel von sich zeigt mindestens bemitleidenswert.

vielleicht hat der nationalsozialismus einen verborgenen dabei physischen ekel hinterlassen.
gefühle, so scheint es jedenfalls, schmecken den deutschen so gut wie saure milch.
+ nähe ist wenn du die toilette von einer person übernimmst nur um mitten in ihren dämpfen zu stehen

 

8.4.2019, 16:26 Uhr

geht man mit 1 kind an der hand durch 1 dunklen wald
wird man größer ruhiger stärker weil die ganze angst nun beim kind ist

das ist das seltsame talent der kinder

 

4.7.2019, 19:52 Uhr

ausländisch

ausländer – der begriff ist heute etwas verpönt aber ich hab ihn gern.
fragt mich wer ob ich deutsche sei sage ich:
gott nee, ich bin ausländerin.
auf weitere nachfrage dann: afrikanerin.
das gerne weil es leute oft richtig stört (“echt afrika? sieht man gar nicht so bei dir. dachte
brasilien/kuba/philippinen”). + es stimmt schon nur noch so halb, auch in äthiopien bleibe ich
ausländerin.

ein freies weites wort.
ich will wohnen wo die ausländer*innen sind, essen mit den ausländern,
ausländisch lieben, denken + wichtig: trauern – das machen sie hier einfach nicht.
ich träume also davon dass wenn ich einmal sterbe alle zu ausländer*innen geworden sind, jede für sich.

in den menschen liegt ein ausland. + wer weiß.
vielleicht grenzen wir mal aneinander

 

7.9.2019, 14:31 Uhr

alle reden vom osten, einige sind von dort, manche waren mal da.
mein bruder zb.
1993 wurde er per zvs dekret nach greifswald zum studium entsandt. bitten + flehen halfen nichts – nur weil da gerade ausländer abgefackelt werden können wir nicht das gesamte SYSTEM umstellen, schließlich immer noch deutschland, hier bekommt niemand eine extrawurst. na gut.
brav reihte sich mein bruder jeden zweiten tag in die ewige schlange vor der telefonzelle ein um seiner schwester + seiner mutter zu versichern “hallo hab’s wieder überlebt, bin immer noch da”. recht schnell wurde er teil einer clique von ausländer-medizinstudis – ein schweiz-iraner, ein weiterer äthiopier + ein fliegerjackentragender grieche namens stavros kanakis.
an den weiten ostseestränden träumten sie vom gewinn der greencardlotterie, einem discobesuch ohne stress + der gutlaufenden gemeinschaftspraxis. gemeinsam flohen sie vor faschos, letschogemüse + dem nächsten staatsexamen.

heute arbeiten alle als ärzte.
2 von 4 sollten eine psychotische episode erleben.
1 gewann tatsächlich bei der green card lottery.
3 sind nach jetzigem stand eltern von mehr als 1 kind.
stavros trägt immer noch den besten nachnamen der welt.
geblieben ist keiner

 

6.11.2019, 21:43 Uhr

gut küssen ist wenn’s flüssig wird. nein nicht nur spucke
ich meine tiefer, in den muskeln + anderen verhärtungen.
gut küssen ist wenn ich dich erreiche, halbfest
+ halbweich mache; nicht so dass du matsch wirst.
gut küssen ist zahnfleisch.
gut küssen ist fallen aber ohne angst. nach unten nach oben
hin + weg.
gut küssen ist eine gelegenheit:
in die wellen werfen + auf den grund sinken.
die fähigkeit besteht darin nicht ans ersticken zu denken.
wir atmen luft für generationen.
gut küssen wäscht ängstlichen furcht ab,
religiösen den glauben, müttern die sorgen.
wir senden fluten.
algen wehen, quallen steigen aus den brücken.

komm her koralle. dein riff setzt mich frei

 

5.12.2019, 07:33

ob es nochmal schneien wird?
in berlin macht mich das immer fertig, der unausweichliche matsch, die schmutzige beschwerlichkeit. beides in der stadt ohnehin reichlich vorhanden, nach dem schneefall kippt es dann. gut, das eine aufgeregte wochenende an dem isolierverpackte kinderballen in die parks strömen. ihre schlitten hinterlassen zugspuren, darin reste von silvesterknallern.
hier diese farbe von altem blut, da an der baumscheibe sulfursprenkel. von der hauswand wölben plakate runter – pisse diese band die sie jetzt mögen hat schon wieder gespielt. urin wäre der bessere name gewesen.
sowas regt mich manchmal auf, wenn es so naheliegend ist. nein es regt mich nicht auf. nur ein halber schmelzender egalgedanke.
bald wird es tropfen. schnee schmerzt mich, wenn er fällt hält alles andere an.

wir stehen am fenster, sehen durch die atembeschlagene scheibe. wechselndes ampellicht.
ich will die welt runterzählen, bis auf deine haut bis auf jedes wort dass es jetzt nicht braucht. bleib.

die autos fahren an, ziehen die verwehten bremswege nach. kiesel, kajal. ich setze kaffee auf, schalte das radio an. es wird nichts liegenbleiben, glättegefahr.
vielleicht schneit es auch einfach nicht mehr, nicht mehr so richtig. noch eine verletzliche stelle weniger.

 

7.12.2019, 15:02 Uhr

ostern

meine mutter hat zeitweise in einer grundschule geputzt die ich auch besuchte, sie erledigte das am frühen abend oder auch wochenends.
es kam vor, ergab sich aber nicht oft dass ich sie begleitete. ich half ihr dann mit kleinigkeiten wie dem reinigen der waschbecken (wichtig: armaturen zum glänzen bringen) oder der spiegel aber die meiste zeit saß ich nur auf den garderobebänken herum + las.
einmal bekam meine mutter einen anfall – erst atemnot dann spuckte sie in die toilette. ich durfte nicht nah herankommen sah aber rote spritzer auf dem boden.

ein andermal lagen osterkörbe, wir hatten sie am vormittag gebastelt + befüllt, auf dem fensterbrett gereiht. 24 osterhasen sahen mich an, eigentümliches gefühl. aus den besonders vollen körben nahm ich jeweils eine kleinigkeit heraus.
den nachhauseweg über war ich voller angst meine mutter könnte meinen schatz entdecken, aber mehr noch, jemand, etwas hätte draussen in der dämmerung in den büschen gesessen + mich im erleuchteten klassenzimmer beim stehlen beobachtet.
nächster morgen am selben ort:
wir bekamen die körbe ausgehändigt, der süßigkeiten-tauschhandel war umgehend eröffnet + niemand schien etwas zu vermissen oder zu bemerken. ich spürte nicht unbedingt schuld – mehr eine art weisung von den meisten dingen zu schweigen.

vielleicht war aber auch nichts geschehen. vielleicht war ich gestern nicht hier gewesen, meine mutter nicht krank, lauerte nichts da draussen wenn es dunkel wurde. vielleicht bildete ich es mir wirklich nur ein das leben

 

 

Elisa Aseva – lebt in Berlin + schreibt auf Facebook 

 

Nostalgie als Droge

Wir leben in einer Zeit, in der kulturelle Nostalgie es uns schwer macht, Formate, die ihre beste Zeit lange hinter sich haben, in Würde sterben zu lassen. Anders lässt sich nicht erklären, warum das „Literarische Quartett“, dessen Exhumierung im Jahr 2015 (nach fast 15 Jahren friedlicher Ruhe) schon keine allzu gute Idee war, immer noch weitergeführt werden soll. Nachdem sich die gesamte ursprüngliche Besatzung verabschiedet hat, wird nun Thea Dorn alleine das Geisterschiff dieser Sendung steuern – fragt sich nur, wohin. Bedrohlich klingt schon die Ankündigung, man wolle „die Glut der Leselust, die in vielen immer noch schlummert, sechs Mal im Jahr zum Glühen bringen.“

Dabei hatte schon die alte Neuauflage mit Maxim Biller, Christine Westermann und Volker Weidermann alles andere als geglüht. Eher hatte man den Eindruck, dass ständig köchelnde Ressentiments innerhalb der Gruppe von Anfang an eine nervöse, gestresste Stimmung erzeugten. Statt in den Genuss von gut produziertem simuliertem Streit zu kommen, wurden die Zuschauer*innen oft mit dem unangenehmen Spektakel realer Feindseligkeiten konfrontiert. Das lag vor allem an Biller, der zwar sichtlich bemüht war, Marcel Reich-Ranicki in der Rolle des Polemikers zu beerben, aber offensichtlich nicht bereit war, die Arbeit und Vorbereitung zu investieren, die für eine solche (nur scheinbar mühelose) Form des amüsanten Polterns nötig ist.

Zu oft hatte man den Eindruck, dass seine Gemeinheiten gegenüber Westermann wirklich verletzend gemeint waren, und zu oft erschien der Vorwurf plausibel, dass Biller die Bücher teilweise gar nicht gelesen hatte. Gleich zu Beginn musste Weidermann seinen Kollegen mehrfach mit echtem Ärger zur Ordnung rufen. Das alte „Literarische Quartett“ brauchte Jahre, um zu dem Punkt zu kommen, wo aus dem kommunikativen Schaukampf echte Blessuren entstanden (In der berühmten Diskussion um Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“, in der Marcel Reich-Ranicki Sigried Löffler vorwarf, sie halte „die Liebe für etwas anstößig Unanständiges“.). Die ganze Sendung wirkte unterproduziert, gehetzt, belastend für die Beteiligten und damit auch belastend für die Zuschauer, die dann auch immer mehr ausblieben.

Bevor man sich die Frage stellt, warum das „Literarische Quartett“ trotzdem weitergeführt werden muss, lohnt es sich vielleicht, zu fragen, warum es überhaupt neu aufgelegt wurde. Schaut man sich heute auf Youtube Ausschnitte aus den alten Sendungen an, dann überfällt einen vor allem die Melancholie starker historischer Alterität. Das beginnt beim körnigen Fernsehbild, geht weiter über die 90er-Jahre Einrichtung irgendwo zwischen Yuppie-Loft und Wartesaal einer Sparkasse, bis hin zu dem deplatzierten Selbstvertrauen, mit dem vor allem Männer hier über Literatur befinden. Insbesondere Hellmuth Karasek ist in diesem Zusammenhang eine ständige Quelle der Verwunderung. Die Sendung illustriert auf beeindruckende Art, was es bedeutet, wenn wir sagen, dass etwas schlecht gealtert sei.

Das alte „Literarische Quartett“ war Fernsehen für eine Zeit, in der Fernsehen das hegemoniale Massenmedium darstellte. Es ist deshalb ironisch, dass ausgerechnet die kulturelle Nostalgie nach einer Zeit, in der das Buch noch eine zentrale Rolle im bürgerlichen Diskurs spielte, dazu geführt hat, das Format wieder aufleben zu lassen. Denn die Sendung war selbst schon Ausdruck der Unsicherheit über den Status von Literatur in Zeiten der Medienkonkurrenz. Ein „Literaturpapst“ wie Reich-Ranicki trat ja bereits als Karikatur eines Gatekeepers auf, der den Zusammenbruch etablierter Gatekeeperstrukturen kompensieren sollte.

So beruhte das alte Quartett bereits auf einer Nostalgie, die durch das neue nur vermehrt wurde – eine doppelte Nostalgie, die in vielfacher Hinsicht repräsentativ für den kulturellen Zeitgeist ist. Man sehnt sich nicht so sehr nach den Formaten und Kunstwerken selbst, sondern nach der Bedeutung, die diese Dinge einmal für eine bürgerliche Gesellschaft besaßen. Man möchte nicht den Literaturpapst zurück, sondern eine Zeit, in der es Literaturpäpste und Großkritiker gab, und in der noch nicht die entfesselte Demokratisierung der Sozialen Medien einer Masse an Laien Einlass in den kulturellen Salon verschafft hat. So kann man dann über den größeren ‚Stellenwert‘ fantasieren, der Literatur früher zukam, ohne sich eingestehen zu müssen, dass die Orte, wo dieser ‚Stellenwert‘ verhandelt wird, sich einfach nur verschoben haben.

Die Tatsache, dass das ZDF am Format „Literarisches Quartett“, von dem nun wirklich nichts, außer dem Namen bleibt, festhält, zeigt vor allem, wie stark Nostalgie aktuell die Entscheidungen kultureller Institutionen beeinflusst. Thea Dorn, die Bücher für “aufgeklärte Patrioten” schreibt, und in letzter Zeit durch die Forderungen aufgefallen ist, Opfer sollen auch mehr Toleranz zeigen, gehört zu der Funktionselite des alten Literaturfernsehens, die doch schon alle Kanäle dieser Art beherrscht. Es stellt sich aber die Frage, ob das Produktionsbudget für eine solche Sendung nicht anderweitig besser investiert wäre, für ein neues Programm, jünger, diverser, innovativer. Das allerdings ist möglicherweise gerade zu viel verlangt. In Zeiten großer kultureller Verunsicherung ist Nostalgie eine starke Droge.

 

Photo by Ikhsan Sugiarto on Unsplash

 

 

 

 

 

Je demokratischer die Dummheit wird, umso elitärer dürfen sich die Kenner geben

„Wir fangen bei der Geburt an“, beginnt der langjährige Hanser Verleger Michael Krüger.

„Oder noch besser bei der Zeugung“, wirft Krügers Sidekick der ehemalige NZZ Feuilleton Chef Martin Meyer ein.

„Bei der Zeugung, ja, ja, genau“, holpert sich da auch Rüdiger Safranski ins Gespräch.

Happy Birthday!

Gesprochen wird bekanntlich viel, zum Glück wird das Wenigste für die Nachwelt festgehalten. Anders im Falle des Austauschs dieser drei Herren. Dass man dieses Gespräch aus dem April des letzten Jahres nun lesen kann, liegt wohl an dem Umstand, dass Rüdiger Safranski dieses Jahr 75 wird. Der Hanser Verlag veröffentlicht daher dieses mit so viel Zielstrebigkeit beginnende Buch als Mogelpackung unter dem Titel „Klassiker! – Ein Gespräch über die Literatur und das Leben“. Dabei geht es zuerst, anders als vom Verlag angekündigt, viel weniger um die Fragen

“Wie steht es um die Klassiker? Wie bewähren sie sich in einer Zeit, die einstige Gewissheiten unserer Kultur radikal in Frage stellt? Welche Rolle spielen sie noch auf dem Theater, für die private Lektüre?” 

sondern um das Leben, konkreter das Leben von Rüdiger Safranski.

Hmmm … Intellektuell.

Zur Einstimmung darf der Jubilar von der eigenen „wohl eiligen“ Zeugung in Königsberg berichten, die aufgrund des Timings zu einer „pränatalen Flucht vor den Russen“ in die „Diaspora“ (!) Rottweil führte. Safranskis Kindheitserinnerungen kommentiert Martin Meyer immer wieder mit ausgesprochen luziden und hilfreichen Einwürfen wie „Intellektuell.“ oder „Hmmm …“, einmal schlussfolgert er messerscharf: „Das Fröhliche stammt von Mutters Seite.“

Das Leben meint es aber nicht mit allen gut. Die gute Laune erhält einen ersten Dämpfer durch die gänzlich unfröhliche Geschichte eines Lehrers von Safranski. Dieser liebte zwar seine Arbeit sehr, hatte aber leider zuhause einen „ganzen Stall voller eigener Kinder und einen Drachen zur Frau“. Martin Meyer hat von solchen Frauen schon einmal gehört und kann daher bestätigen „Das kommt ja tatsächlich vor.“ Das knallt als Information erstmal ziemlich rein. Ebenso wie es – ganz anders als dem Lehrer – Paul Tillich erging; der war nämlich nicht nur Theologe, sondern „übrigens auch ein begnadeter Frauenversteher“. Das „weiß Gott“, weiß natürlich auch Michael Krüger und jetzt wissen es auch wir. Endlich!

Intellektuelles Opfer

Der kleine Rüdiger ging zur Schule, erfahren wir. War erst durchschnittlich, dann aber in den letzten drei Jahren „ziemlich gut […] lauter Einsen“. Und er war auch mal verliebt, wozu Meyer dem „Glückpilz“ gratuliert, ebenso dazu, dass sich später die Lebensverhältnisse ordneten, Krüger schließt sich an, findet das „wirklich schön“.

Nachdem diesbezüglich Einigkeit hergestellt wurde, geht Rüdiger in seiner Erzählung in Frankfurt studieren. Adorno, so erfährt man, hatte einen Assistenten, der einmal ans Mikrophon trat und ankündigte Herr Adorno würde heute etwas leiser sprechen, er sei erkältet. Safranski schlussfolgert konsequent (er kennt sich mit Philosophie aus):

„Das ist große Philosophie, wenn man das nicht mehr selber sagen muss, sondern der Assistent.“

Das ist sie also, die Liebe zur Weisheit, ein Assistent! Von Adorno und seiner „erotischen Aufmerksamkeit“ geht es dann für den Studenten von Frankfurt nach Berlin.

“RS: Genug Adorno. Ich ging von Frankfurt nach Berlin.
MK: Warum?
RS: Eigentlich nur, um mal nach Berlin zu gehen. Damals galt: Man musste einmal in Berlin gewesen sein.”

Junge Berlin Fans werden sofort einwenden, dass dies nicht nur damals so war, auch 55 Jahre später, sollte man einmal in Berlin gewesen sein. Rüdiger ist aber nicht nur in der heutigen Bundeshauptstadt gewesen, nein er hat dort sogar lange gewohnt. In Berlin, es ist 1965, beginnt um Safranski bald, „was man dann die 68er-Bewegung nannte“ und „dazu gibt es einiges zu sagen“. Klar, da denken wir alle mit Herrn Meyer an „Pop, Sex, Träume …“. Aber Safranski denkt gar nicht daran, dazu viel zu sagen, jedenfalls nichts Allgemeingültiges. Er hat nicht nur Pop, Sex und Träume gemacht, sondern auch Politik. Linke Politik! Doof aber, „die Organisation war hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt“. Das nervte damals den Studenten, das nervt heute den Leser, denn bisher sind Meyer, Safranski und Krüger hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt.

An das Studium schließt sich die Promotion an. Meyer hakt zur Safranskischen Dissertation nach, ob ihn das Thema wirklich interessiert habe. Kann man so wohl nicht sagen, denn der Doktorand empfand „das als intellektuelles Opfer“, das mag er sich und uns nicht verhehlen. Als intellektuelles Opfer möchte man auch die 60 Seiten bis hierhin bezeichnen. Die Herren haben sich jetzt aber erst richtig warm gequackelt.

Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks

Bei der Besprechung des Studiums und der späteren Arbeit platzen immer mal wieder ein paar Bomben. Meyer, Krüger und Rüdiger sind sich unter dem Strich auch hier wieder einig: Früher war alles besser.

“[…] die Frage, was tust du als Künstler in einer Welt, in der es übel zugeht, hat ihre Suggestivität nicht verloren. Nicht mehr die Revolution ist Rechtfertigungsinstanz, sondern das sogenannte Humanitäre bis hin zur Weltrettung. Die Dienstverpflichtung der Literatur für das sogenannte „Gute“ ist inzwischen so selbstverständlich, dass es gar nicht mehr auffällt. Wehe auf die Kunst fällt der Verdacht der anrüchigen Gesinnung, der mangelhaften Weltrettungstüchtigkeit! Erst die Gesinnung, dann die Kunst. Für uns Maoisten gab es die Autonomie des Schönen nicht. Und heute hat man, mit anderen Begründungen, auch nur noch wenig Sinn dafür. Bald wird vielleicht auch die Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks gesehen.”

Dass bei Hanser der ökologische Fußabdruck noch nicht über Kunst oder Unkunst entscheidet, ist dagegen offensichtlich; ein Glück für das Gesprächstrio. Mit etwas mehr Weltrettungstüchtigkeit wäre uns die Lektüre dieses Gesprächs, diese Gesprächskunst erspart geblieben.

Nun aber endlich zum Kern, auf den wir sehnsüchtigst warten: Literatur und Weinvergleiche, denn wir haben es hier mit drei echten Connaisseuren und Genießern zu tun, die sich entre nous über die schönen Dinge des Lebens austauschen:

„wenn man zusammensitzt und einen Pétrus trinkt, freilich selten genug, weil die Chinesen seinen Preis verdorben haben“

Drei Mann als kleine verwegene Schar der letzten Literaturliebhaber

Nach der Hälfte der 150 Seiten spricht man nun doch über Klassiker und was man so kanonisieren sollte oder nicht. Vorher war man ja nur um die Lektüren des heranwachsenden Safranski gekreist. Jetzt aber – wo es allgemeingültig wird – dürfen die drei Herren sich erstmal versichern, dass sie die Speerspitze der „kleinen verwegenen Schar der letzten Literaturliebhaber“ sind.

Dazu ist doch gar nicht schlecht zu wissen: Hat man einen (oder gar alle drei) der Diskutanten zu einem Abendessen geladen, dann kann man zumindest bei ihnen noch „auftrumpfen, [wenn] man sagt, Leute, hört zu, dieses Kapitel der Strudlhofstiege habe ich jetzt schon zum dritten Mal wieder gelesen und bin noch immer tief ergriffen.“ Denn das fehlt nicht nur Meyer bei jeder Gesellschaft, das fehlt dem ganzen Trio. „Früher wäre eine alte Dame auf dem Sofa daneben darüber in Tränen ausgebrochen. Alles vorbei.“ Offen bleibt leider, ob diese Ausrufe von Partygästen „früher“ tatsächlich vorkamen oder es auch damals nur ein frommer Wunsch war. Tempi passati.

Meyer empfiehlt daher nicht etwa, die Schulbildung zu überdenken, Leselisten zu erstellen oder Gäste vor der Einladung zum Literaturgeschmack zu befragen. Nein, solchen Hoffnungen gibt man sich gar nicht mehr hin. Meyer fühlt sich damit in seinem Zirkel der drei offenbar ganz wohl.

„[…] je demokratischer die Unbildung, vielleicht darf man auch sagen: die Dummheit, wird, umso elitärer dürfen sich die Kenner geben. Was wir hier ja auch tun …“

Rüdiger stimmt sogleich ein, und fordert seine beiden Mitstreiter dazu auf, sich nicht zu scheuen, auch mal Leute zu beschämen. Daher schlägt er vor, diese Dummköpfe zu entlarven. „Was, Sie kennen dieses Kapitel aus der Strudlhofstiege nicht, womit haben Sie denn Ihre Zeit verschwendet?“ Nicht auszudenken, wie heiter eine Abendgesellschaft durch solche Ausfälle und Bloßstellungen einzelner Dummköpfe aufgelockert wird. Klassismus zum Schenkelklopfen. Eines ist daher sicher: die drei haben gar keine Lust, dass jemand anders als sie selbst bei ihrem Literaturclub mitmacht.

Zum Ende des Gesprächs wird dann trotzdem über die Erweiterung des eigenen elitären Zirkels phantasiert. Safranski möchte gerne einladen, Meyer aber vorher eine „Eintrittsklausur“ veranstalten. Im Club soll nur sein, „wer es auch wirklich verdient“. Alle anderen sollen „wieder twittern oder Golf spielen oder ihre vegane Küche bespielen“. Man darf sich sicher sein, die Eintrittsklausur wird die Strudlhofstiege zum Thema haben. Man darf sich ebenso sicher sein, dass sich glücklich schätzen darf, wer bei dieser Veranstaltung nicht dabei sein muss. Man ist ja oft unzufrieden im Leben, aber jetzt kann man sich in Momenten des Missmuts wenigstens damit trösten, nicht an einem der schrecklichen hochkulturellen Männerabende von Krüger, Meyer und Safranski teilnehmen zu müssen. Frauen kommen eh nur zum Weinen dazu.

Inserat, Blumenstrauß und Pétrus

Runde Geburtstage sind wirklich etwas Feines; mehr Geschenke als üblich, je nach Beliebtheit gar ein Inserat in der Zeitung oder ein Blumenstrauß vom Arbeitgeber, endlich drucken die Enkel die biographischen Notizen, die man ihnen vor Jahren mit den Worten „falls Du irgendwann mal wissen willst, was Opa so in seiner Jugend gemacht hat“ in die Hand gedrückt hatte. Die Kleinstauflage von 15 Stück kann man dann an Freunde weitergeben. Ein Exemplar geht an die Lokalzeitung, weil ja auch eine Menge Stadtgeschichte da drin ist.

Bei den meisten Jubilar*innen erschöpft sich die Auflage eben in 15. Das Inserat sehen sowieso nur ein paar derer, die noch die Zeitung abonniert haben und die Blumen verwelken schnell. Hanser bietet dagegen dieses bräsige, ichbezogene und alle drei Herren entlarvende Salbadern für 18 Euro allen Leser*innen an. Die Enttäuschung darüber, nichts von dem zu finden, was in Aufmachung und Werbung versprochen wird, wiegt nicht so schwer, wie die darüber, dass sich in München drei Männer treffen, um sich selbst ihrer Großartigkeit zu vergewissern, elitäre Räume nach außen hin abzusichern und Hanser dies dazu noch druckt.

Hätte Hanser Safranski zum Geburtstag doch einfach nur eine Flasche Pétrus geschickt – aber die Chinesen haben ja die Preise kaputt gemacht.

Beitragsbild von Richard Boyle

Der Wunsch sich selbst zu gestalten – Das Tagebuch der Marie Bashkirtseff

Von Magda Birkmann

 

Im Jahr 1882 forderte der französische Schriftsteller Edmond de Goncourt seine Leserinnen im Vorwort seines Romans La Faustin auf, ihm authentische Zeugnisse ihres Lebens und ihrer Empfindungen – in der Form von Tagebüchern, Erinnerungen und Lebensbeichten – zukommen zu lassen:

„Die Enthüllung zarter Gefühle und feiner Keuschheit, ja, die ganze unbekannte Weibhaftigkeit auf dem Grund der Frau, die den Ehemännern und selbst den Liebhabern zeitlebens verborgen bleibt […], das ist es, was ich verlange.“

Mit dieser ungewöhnlichen Bitte bereitete de Goncourt bereits sein nächstes Romanprojekt vor, welches „einfach die psychologische und physiologische Studie eines jungen Mädchens“ werden sollte, „ein Roman, der auf Zeugnissen des menschlichen Lebens errichtet wird.“ Zwei Jahre später entstand daraus der naturalistische Roman Chérie, der das Innenleben der gleichnamigen Protagonistin minutiös nachzeichnet.
Die Entstehungsgeschichte dieses Romans war es wohl, die eine junge russische Malerin namens Marie Bashkirtseff im Jahr 1884 dazu ermutigte, sich mit einem Brief an Edmond de Goncourt zu wenden:

„Monsieur. Wie jedermann habe auch ich “Chérie” gelesen, und, unter uns gesagt, das Buch ist voller Banalitäten. Diejenige, die die Kühnheit besitzt, Ihnen zu schreiben, ist ein Mädchen, das in einem reichen, eleganten, manchmal exzentrischen Milieu aufgewachsen ist. Dieses Mädchen, das seit vier Monaten 23 Jahre alt ist, ist gebildet, künstlerisch begabt und anspruchsvoll. Sie ist im Besitz von Heften, in denen sie seit dem 12. Lebensjahr Tag für Tag ihre Eindrücke aufgezeichnet hat. Nichts wurde darin verheimlicht. Das fragliche Mädchen verfügt im übrigen über einen Stolz, der bewirkt, dass sie sich in ihren Notizen ganz und gar zur Schau stellt. […] Ihr scheint es interessant, Ihnen dies Tagebuch zukommen zu lassen.“

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Marie Bashkirtseff

Da Marie Bashkirtseff sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Endstadium einer langjährigen Tuberkuloseerkrankung befand und sich der Tatsache bewusst war, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, sah sie in der Veröffentlichung ihres privaten Tagebuchs die einzige ihr verbleibende Möglichkeit, ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Sie wollte berühmt werden, und das um jeden Preis. Am 31. Oktober desselben Jahres erlag Marie Bashkirtseff der Schwindsucht – ihr Brief an Edmond de Goncourt blieb unbeantwortet. Doch auch ohne die Unterstützung des berühmten Literaten fand das Tagebuch der Marie Bashkirtseff wenige Jahre nach ihrem Tod den Weg in die Öffentlichkeit, die es mit Begeisterung aufnahm: In ganz Europa entstand um die Jahrhundertwende ein regelrechter Bashkirtseff-Kult.

Selbsterzählung statt moralischer Gewissensprüfung

Das Tagebuchschreiben gilt im 19. und frühen 20. Jahrhundert als eine weiblich dominierte Praxis, dennoch sticht Marie Bashkirtseffs Tagebuch aus mehreren Gründen aus der Masse an Journaux intimes junger Frauen heraus. Bei den meisten dieser überlieferten Tagebücher handelt es sich um religiös und moralisch motivierte Texte. Als Teil einer verbreiteten Erziehungspraxis für Mädchen wurden sie von Erzieher*innen und Eltern nicht nur angeregt, sondern teilweise auch kontrolliert. Indem sie sich schreibend einer moralischen Gewissensprüfung unterzogen, sollten junge bürgerliche Mädchen die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und Werte verinnerlichen. Statt einer intimen Selbstbetrachtung diente das Tagebuch vielmehr der Austreibung eines individuellen Ichs.
Nicht so im Schreiben von Marie Bashkirtseff, hier kann von einer Ich-Austreibung kaum die Rede sein:

„Ich kenne jemanden, der sein ganzes Leben hingeben möchte, um mich glücklicher zu machen, der auch alles tun wird für mich und der Erfolg haben wird, jemand, der mich nie verraten wird, obgleich er mich schon einmal verriet. Und dieser jemand bin ich selbst!“

Grundsätzlich galt ein Tagebuch im 19. Jahrhundert nur aus zwei Gründen als publikationswürdig: entweder, weil es als biographische Illustration zum bereits kanonisierten Werk eines Künstlers gelesen werden konnte oder, weil es als Erbauungs- bzw. Erziehungsschrift für junge Mädchen Verwendung fand, wie beispielsweise die Tagebücher Eugénie de Guérins (1855) oder Marie-Edmée Paus (1876). Von den wenigen Tagebüchern, die vor Marie Bashkirtseffs Journal überhaupt veröffentlicht wurden, war vermutlich keines mit der Absicht, es zu publizieren, verfasst worden.

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Beim Buchlesen (Marie Bashkirtseff, ca. 1882)

Anders Marie Bashkirtseff – im Mai 1884, im fortgeschrittenen Stadium ihrer Tuberkuloseerkrankung, entwirft die junge Künstlerin ein Vorwort für ihr Tagebuch, das vehement ihren Wunsch es zu veröffentlichen ausdrückt und diesen Wunsch vor den zukünftigen Leser*innen verteidigt:

„Wozu lügen und sich verstellen? Ja, es ist offensichtlich, dass ich den Wunsch, wenn nicht gar die Hoffnung habe, auf dieser Erde zu bleiben, durch welches Mittel es auch sei. Falls ich nicht jung sterbe, hoffe ich, als große Künstlerin zu überleben, aber wenn ich doch jung sterbe, dann will ich mein Tagebuch veröffentlichen, das nicht anders als interessant sein kann.“

Marie befürchtet, dass diese explizit geäußerte Veröffentlichungsabsicht ihre Leser*innen dazu verleiten könnte, die Authentizität des Geschriebenen in Frage zu stellen. Sie versucht, solch einer Lesart zuvorzukommen:

„Zuerst habe ich sehr lange geschrieben, ohne daran zu denken, je gelesen zu werden, und jetzt bin ich, gerade weil ich hoffe, gelesen zu werden, völlig aufrichtig. Wenn dieses Buch nicht die exakte, absolute, strenge Wahrheit ist, hat es keine Existenzberechtigung. […] Im übrigen halte ich mich für zu bewundernswert, um mich zu zensieren. Sie können also sicher sein, meine barmherzigen Leser, dass ich mich auf diesen Seiten ganz und gar ausbreite.“

Trotz dieser leidenschaftlichen Beschwörung eines Authentizitätsanspruchs ist aus Leser*innenperspektive Vorsicht geboten, Maries Tagebuch sollte ungeachtet ihrer vermeintlichen Offenheit nicht als vollkommen authentisches Selbstzeugnis gelesen werden. Verschiedene Strategien der bewussten Inszenierung sind bei genauer Lektüre des Journals deutlich erkennbar und Marie selbst thematisiert, dass sie in ihrem Schreiben längst nicht alles festhalten kann, was ihr durch den Kopf geht: „Zwischen all den geschriebenen Wörtern verbergen sich eine Million gedachter Dinge, nur Bruchstücke meiner Gedanken kommen zum Ausdruck.“

Sie ist sehr bedacht darauf, wie sie sich in ihrem Tagebuch darstellt, immer wieder spricht sie imaginierte Leser*innen direkt an, spielt mit den literarischen Konventionen, die ihr aus ihrer umfassenden Lektüre der Werke von Balzac, Maupassant, Dumas, Stendhal, Sand und anderen Romanciers wohlbekannt sind.  In ihrem Schreiben wird sie selbst zur Heldin ihres „Kopf-Romans“ und lässt dabei die Grenzen zwischen faktentreuer Dokumentation und Fiktionalisierung des eigenen Lebens verschwimmen. In dieser Hinsicht kann Marie Bashkirtseff durchaus als ideelle Vorreiterin des autofiktionalen Schreibens, wie es im 20. und vor allem im beginnenden 21. Jahrhundert Verbreitung findet, betrachtet werden. Angesichts ihres bewegten Lebens verwundert Maries großer Drang, sich literarisch auszudrücken, nicht weiter, denn ihre Erfahrungen fernab einer ruhigen bürgerlichen Existenz bieten reichlich Stoff für eine große Erzählung.

Ein Leben unter dem Drang nach Ruhm und Ehre

Marie Bashkirtseff wird am 24. November 1858 in Gawronzi (Gouvernement Poltawa) in der heutigen Ukraine als Tochter des adligen Grundbesitzers Constantin Bashkirtseff und dessen Frau Marie Babanine geboren. Bereits drei Jahre nach Maries Geburt trennen sich ihre Eltern, Marie wächst fortan auf dem Gut ihrer mütterlichen Großeltern auf. 1870 verlassen Marie, ihre Mutter, ihr Bruder und weitere Mitglieder der Familie Babanine Russland und unternehmen ausgedehnte Reisen nach Wien, Baden-Baden und Genf, bevor sie sich schließlich 1871 in Nizza niederlassen.

Die Verwicklungen in einen aufsehenerregenden Gerichtsprozess, in dem Maries Mutter und ihre Tante Nadine Romanoff als Erbschleicherinnen angeklagt werden, sowie die alkoholischen und gewalttätigen Exzesse von Maries Onkel Georges schmälern das Ansehen der Familie und führen dazu, dass den Bashkirtseff-Babanines der Zugang zu den höchsten Kreisen der feinen Nizzaer Gesellschaft zeit ihres Lebens verwehrt bleiben wird – zum großen Leidwesen Maries. Denn bereits als junges Mädchen sehnt Marie sich nach Ruhm und Ehre, träumt von einer Bühnenkarriere. „Ich bin geschaffen für Triumphe und Erregungen; also das Beste, was ich tun kann, ist, dass ich Sängerin werde,“ notiert sie 1873 in ihrem frisch begonnenen Tagebuch.

Der zweite große Traum ihrer Jugendjahre ist romantischer Art: Marie wähnt sich verliebt in den Herzog von Hamilton, den sie auf der Promenade von Nizza erblickt, mit dem sie jedoch noch nie auch nur ein Wort gewechselt hat. Das hindert sie allerdings nicht daran, in ihrem Tagebuch kühne Pläne zu schmieden:

„Wenn er dann ein junges Mädchen sehen wird, das den höchsten Gipfel des Ruhmes, den eine Frau erreichen kann, erklommen hat, wenn er erfährt, dass ich ihn treu seit meiner Kindheit liebe, dass ich ehrbar bin und rein, so wird ihn das in Staunen versetzen, er wird mich um jeden Preis haben wollen, und er wird mich aus Stolz heiraten. Doch, was sag‘ ich? Warum sollte er mich nicht aus Liebe heiraten?“

Doch keiner dieser kühnen Pläne soll in Erfüllung gehen, beide werden vom Schicksal vereitelt. Eine Kehlkopferkrankung raubt Marie die Singstimme und der Herzog von Hamilton, lange Zeit aus der Ferne umschwärmt, heiratet schließlich Ende 1873 eine andere. Für Marie, die mit ihren 15 Jahren mitten im Teenageralter steckt, bricht eine Welt zusammen, als sie davon erfährt:

„Das drang mir wie ein scharfes Messer in die Brust. Ich fing an, so stark zu zittern, dass ich kaum das Buch halten konnte. Ich fürchtete, ohnmächtig zu werden […] Mein Gott, rette mich von dem Übel! Herr Gott, vergib mir meine Sünden und strafe mich nicht! Es ist aus … aus! Mein Gesicht wird fahl, wenn ich daran denke, dass es aus ist.“

Vom jugendlichen Pathos, der diese Zeilen tränkt, distanziert sich sechs  Jahre später die inzwischen erwachsene, desillusionierte Künstlerin jedoch klar, dann wird sie beim Wiederlesen ihrer alten Tagebücher an den Rand notieren: „All das wegen eines Mannes, den ich ein Dutzend mal auf der Straße gesehen hatte – den ich nicht kannte, und der nichts von meiner Existenz wusste. All das hat beim Wiederlesen im Jahr 1880 überhaupt keine Wirkung auf mich.“

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Der Regenschirm (Marie Bashkirtseff, 1883)

Und tatsächlich findet Marie in den folgenden Jahren schnell Ablenkung auf zahlreichen Reisen nach Paris, Spa, Ostende, London, Florenz, Rom und Neapel, die vor allem durch diverse Flirts und Schwärmereien gekennzeichnet sind. Letztendlich werden sie jedoch alle folgenlos bleiben.

1874 tauchen bei ihr erste Anzeichen einer Tuberkuloseerkrankung auf, auch wenn zu diesem Zeitpunkt weder Marie selbst noch ihre Familie den Ernst der Lage erkennen: „Ich bin so fröhlich, dass es mir seltsam vorkommt. Vielleicht habe ich in der linken Brust Krebs, denn von Zeit zu Zeit habe ich Schmerzen. Ich habe Mama ernsthaft davon unterrichtet, aber sie sagt das sei Unsinn.“ Nach wie vor ist Marie hauptsächlich auf ein Ziel fixiert:

„Heiraten und Kinder bekommen! Das kann ja jede Waschfrau! […] Was will ich denn eigentlich? Oh, ihr wisst es ja. Ich will Ruhm!“ Doch wie berühmt werden? Die Ungeduld nagt an der jungen Frau : „Ich bin achtzehn Jahre alt. […] Mit achtzehn Jahren müsste ich schon damit begonnen haben, berühmt zu werden.“

“Was die Männer ganz einfach haben können.”

Doch als Frau im 19. Jahrhundert bleiben ihr viele Wege versperrt, besonders, als sie sich 1877 der bildenden Kunst zuwendet. Frauen dürfen sich nicht an der berühmten staatlichen Kunstakademie École des Beaux-Arts in Paris einschreiben, ihr bleibt daher nur die Anmeldung an der privaten Académie Julian, um ein Kunststudium aufzunehmen. Diese entmutigende Erfahrung führt dazu, dass sie im Dezember 1880 – als große Ausnahme in ihrem Umfeld – dem von Hubertine Auclert gegründeten Verein Le Droit des Femmes beitritt und unter dem Pseudonym Pauline Orell Artikel für die feministische Zeitschrift La Citoyenne verfasst, in denen sie die institutionellen Ausschlüsse und Anfeindungen von Frauen in der Kunstwelt anprangert:

„Es gibt keine [Gründe, Frauen nicht in die Ecole des Beaux-Arts aufzunehmen], man hat noch niemals darüber nachgedacht, und das ist alles. Folglich verkündet Ihr laut, stärker, intelligenter, begabter als wir zu sein, und Ihr nehmt für Euch allein eine der schönsten Schulen der Welt in Anspruch, in der alle Förderungen an Euch verschwendet werden. […] was wir brauchen, ist die gleiche Möglichkeit zu arbeiten wie die Männer und nicht das Aufbringen von größten Anstrengungen, um das zu erreichen, was die Männer ganz einfach haben können.“

Auch in ihrem Tagebuch klagt Marie immer wieder über die Einschränkungen, die ihr als Frau auferlegt werden:

„Oh! wie sind die Frauen zu bedauern! Männer sind wenigstens frei. Völlige Unabhängigkeit im Alltagsleben, die Freiheit zu kommen und zu gehen, auszugehen, im Theater oder zu Hause zu Abend zu essen, zu Fuß in den Wald oder ins Café zu gehen. Diese Freiheit macht schon die Hälfte einer Begabung aus und drei Viertel des… normalen Glücks.“

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Das Treffen (Marie Bashkirtseff, 1884)

Aber Marie zeigt Talent und besitzt Ehrgeiz. Mehrere ihrer Gemälde werden im berühmten Pariser Salon ausgestellt. Doch der Traum vom ganz großen Ruhm bleibt noch immer unerfüllt, und langsam läuft ihr die Zeit davon. Von einer Reise nach Spanien kehrt Marie im Oktober 1881 schwerkrank nach Paris zurück, im Laufe der nächsten Jahre verschlimmern sich ihre Symptome immer mehr. Marie gibt sich aber dennoch voll und ganz ihrem künstlerischen Schaffen hin, verausgabt sich immer wieder, ungeachtet ihres immer schlechter werdenden Gesundheitszustands. Doch immer häufiger schleicht sich auch die Verzweiflung in Maries Schreiben ein: „Mein Leben ist nichts wert, und nichts lässt mich daran festhalten. […] Ich weiß nicht länger, was ich tun soll. Ein neues Bild wird mir wieder Lebensmut schenken, aber bis dahin fühle ich mich verloren!“

Am 20. Oktober 1884 nimmt Marie die letzte Eintragung in ihrem Tagebuch vor: „Seit zwei Tagen steht mein Bett im Salon, aber da es sehr groß ist und Paravents, Puffe und das Klavier darum herum stehen, fällt es nicht auf. Es fällt mir zu schwer, die Treppe zu steigen.“ Sie stirbt elf Tage später am 31. Oktober.

Zur Femme Fragile gemacht

Mit Maries Tod beginnen die Legendenbildungen – und die Schmähungen. 1887 gibt André Theuriet im Auftrag von Maries Mutter eine erste Edition des Tagebuchs heraus, in der jedoch etwa die Hälfte des Textes radikalen Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Nicht nur wird Marie darin als fast zwei Jahre jünger dargestellt, als sie tatsächlich war, Theuriets Eingriffe entschärfen außerdem ihren Stil und ihre Sprache und dämmen ihr Temperament stark ein. Der Herausgeber zensiert Hinweise auf Maries kompromittierende familiäre Situation und schwächt Erwähnungen ihrer verheerenden Krankheit ab, schreibt sogar ganze Passagen komplett um.

Dennoch ist der Erfolg dieser ersten Ausgabe so beachtlich, dass 1891 eine nicht minder fragwürdige Edition ihrer Briefe folgt. Verehrer*innen pilgern fortan zu Maries pompösem Mausoleum auf dem Pariser Künstler*innenfriedhof Passy, Sammler*innen streiten sich um die zahlreichen Photographien, die Marie im Laufe ihres Lebens hat anfertigen lassen. 1925 erscheinen die von Pierre Borel herausgegebenen Cahiers intimes inédits, die behaupten, alles bisher Ungesagte zu offenbaren, in die aber kaum weniger Eingriffe vorgenommen wurden als in Theuriets Edition. Ein 1935 gedrehter österreichischer Spielfilm wird zum Skandal, weil darin Marie als die Geliebte von Guy de Maupassant dargestellt wird.

Schriftsteller*innen wie Henri Bataille und Mrs Humphry Ward bedienen sich ihrer Geschichte als Inspiration für ihre eigenen tragischen Protagonistinnen und auch der deutsche Dramatiker Ferdinand Bruckner veröffentlicht 1935 einen schwülstigen biografischen Roman über Marie mit dem Titel Mussia. Und so verfestigt sich nach und nach das romantische Bild der schönen, kindlichen, tugendhaften, unberührten Schwindsüchtigen, die im Leben zwar ein wenig zu viel gewollt hat, deren viel zu früher Tod sie aber als reiner und unschuldiger Engel in der Vorstellung der Nachwelt fortleben lässt.

Doch selbst dieses geglättete Bild Marie Bashkirtseffs steht immer noch in einem starken Kontrast zu dem Idealbild der jeune fille, wie es im späten 19. Jahrhundert beispielsweise in Benimmbüchern für bürgerliche Frauen propagiert wurde:

„Ein wohlerzogenes Mädchen schaut sich niemals nach jemandem auf der Straße um. […] Weder in der Öffentlichkeit noch im Hause trägt sie außergewöhnliche oder exzentrische Kleidung und verzichtet auf jede auffällige Farbe, die ‚die Blicke anzieht‘. Der Ton ihrer Stimme ist weder laut noch leise, weder schleppend noch schroff oder schrill. Sie spricht ganz natürlich, mit einer ordentlichen, weder zu tiefen noch zu hohen Stimme. Sie enthält sich jeder Überspanntheit in der Konversation […] Sie vermeidet unbändiges Lachen, indem sie sich daran gewöhnt, ihre Gefühle zu beherrschen.“

Marie dagegen zeigt sich in ihrem Tagebuch keinesfalls bescheiden und zurückhaltend, sondern stellt sich überaus extravagant und fordernd dar. Sie liebt es, mit ihren selbst entworfenen Outfits die Blicke im Theater und auf der Promenade auf sich zu ziehen, außerdem sieht sie sich gern nach Männern um und äußert in ihrem Tagebuch auf für ihre Zeit explizite Art ihre sexuellen Wünsche. Auch ihre häufigen Wutausbrüche und Stimmungsschwankungen, die sie gewissenhaft dokumentiert, entsprechen ebenso wenig dem gesellschaftlich akzeptierten Bild einer wohlerzogenen jungen Dame wie Maries grenzenloser Ehrgeiz und ihr Überzeugtsein von der eigenen Besonderheit: „Ich will Cäsar sein, Augustus, Marc-Aurel, Caracalla, der Teufel, der Papst!“

Die Offenheit und Nonchalance, die Bashkirtseff in ihrem Tagebuch an den Tag legt, rufen vernichtende Kritiken an Maries Person auf den Plan. Simone de Beauvoir sieht in Marie den Prototyp der weiblichen Narzisstin, die sich durch Entfremdung in ein „imaginäres Double“ selbst vernichtet und ihre Leidenschaft für die Kunst nur gespielt habe. Der englische Reformer William Stead ist so schockiert von Maries mangelnder weiblicher Demut, dass er sie gar zur “antithesis of the true woman” erklärt und fürchtet, dass sich andere junge Frauen an ihr ein Beispiel nehmen könnten.

Und Stead liegt richtig: Maries unerschrockene Selbstdarstellung als Künstlerin birgt ein hohes Identifikationspotenzial für spätere Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. In ihren eigenen Tagebüchern, von denen einige später ebenfalls große Bekanntheit erreichen werden, halten sie den großen Einfluss fest, den die Lektüre des Journals auf ihr Denken und Schaffen hat. So berichtet Franziska zu Reventlow im Jahr 1901: „Ich lese Marie Bashkirtseff, das möchte die einzige Frau gewesen sein, mit der ich mich ganz verstanden hätte, vor allem auch in der Angst, etwas vom Leben zu verlieren und vor dem unerhörten Prügelbekommen vom Schicksal.“

Auch Anaïs Nin ist tief beeindruckt von ihrer Lektüre, am 23. September 1921 schreibt sie in ihr Tagebuch: „There are things [Marie Bashkirtseff] says that are reflected word for word here in my own diary. It’s enough to make me think I am mad and that I copied them – or else that Marie’s soul has been reincarnated in me.“

Für den verzerrten Mythos von Marie Bashkirtseff als tragischer, engelsgleicher Kindfrau zeichnet größtenteils die Rezeption ihres Tagebuchs durch männliche Leser und Kritiker verantwortlich. Wir verdanken es der Arbeit und Recherche von Frauen, dass wir heute ein verlässlicheres Bild von Bashkirtseffs Leben und Werk haben. Deutschen Leser*innen bleibt aber ein authentischer Eindruck davon, wie sich Marie Bashkirtseff in ihrem Tagebuch selbst präsentierte, bis heute vorenthalten. Es wird höchste Zeit für eine unverfälschte Neuübersetzung.

Anmerkung:
Doris Langley Moore verfasste 1966 die erste Biographie Marie Bashkirtseffs, die auf einer Lektüre der originalen Tagebuchmanuskripte anstatt auf den verfälschten Editionen Theuriets und Borels aufbaut – sie behandelt allerdings hauptsächlich das Jahr 1873 und Maries Schwärmerei für den Herzog von Hamilton. Colette Cosnier machte mit ihrer 1985 erschienenen Biographie „Marie Bashkirtseff – Un Portrait sans retouches“ erstmals ein breites Publikum auf das verfälschte Bild, das bis zu diesem Zeitpunkt von Marie Bashkirtseff kursierte, aufmerksam. In Frankreich ist inzwischen dank der Bemühungen des „Cercle des Amis de Marie Bashkirtseff“ eine vollständige Transkiption aller 103 Tagebuchmanuskripte, die sich im Besitz der Französischen Nationalbibliothek befinden, erschienen. Englische Leser*innen können seit einigen Jahren auf eine zweibändige Übersetzung der Tagebücher von Phyllis und Katherine Kernberger zurückgreifen, die im Gegensatz zu den früheren englischen Übersetzungen nicht auf Theuriets Edition, sondern auf den Originalmanuskripten basiert. In deutscher Sprache dagegen ist Bashkirtseffs Tagebuch noch nie in einer unzensierten Version erschienen. Die letzte deutsche Ausgabe von 1983, seit Jahren vergriffen, basiert auf der ersten deutschen Übersetzung von Lothar Schmidt aus dem Jahr 1897 und setzt die massiven Eingriffe in den Text, die Bashkirtseffs erster Herausgeber Theuriet vornahm, nicht nur fort, sondern wurde sogar gegenüber der Ausgabe von 1897 noch weiter gekürzt.

Würgers Würste – Geschichte einer Obsession

Dies ist die Geschichte eines Reporters und seiner Obsession. Einer sehr stereotypen Obsession. Es geht um nichts anderes als um die Wurst. Aber der Reihe nach. Schon Otto von Bismarck soll angeblich den Satz gesagt haben: “Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ Doch wie es bei etlichen Zitaten, die historischen Persönlichkeiten zugesprochen werden, der Fall ist, so muss man auch hier feststellen, dass es sich leider nur um eine Legende handelt.

Der Journalist und Romanautor Takis Würger hingegen hat wirklich eine besondere Vorliebe für Würste, man könnte gar sagen eine Besessenheit.

Als Reporter ist er angewiesen auf sprachliche Bilder, die ein Gespür für die Szenerie vermitteln. Und Würger sieht es so: Reporter*innen werfen „ihre Protagonisten in die Wurstmaschine, ob sie [wollen] oder nicht, weil die Wurstmaschine der einzige Weg zu einer Reportage ist.“ Dieser Satz aus Würgers Porträt der amerikanischen Reporterin Lisa Taddeo vom 04. Januar 2020 irritiert erst einmal. Woher diese seltsame Metapher? Wenige Tage später ein weiteres Porträt aus Würgers Feder, diesmal über die Bestsellerautorin Rita Falk, die Krimis schreibt, die in kleinbürgerlichen deutschen Dörfern spielen, der Titel: Wurstliteratur. Kann das Zufall sein? Nur wenige Tage darauf sprach Würger im Podcast Quatschen mit Soße der Zeitschrift Essen & Trinken über seine „Gier nach Currywurst“ . Es ist kein Zufall! Eine Recherche im Zeitungsarchiv verrät: Würste und Würger – das gehört zusammen.

Die Wurst – eine absolute Metapher?

Kaum ein anderes Lebensmittel ist so sehr eine Metapher für Deutschsein. Vielleicht ist es das Grobe, das in dem Akt des Pressens von zermahlenem Fleisch in die Haut steckt, vielleicht aber auch das Eingeengte der Wurstmasse in der Haut, die wenig elegante Form oder der Klang des Wortes allein: Das tief im Hals ansetzende U, das in den Konsonantencluster aus zwei Reibelauten und einem Verschlusslaut übergeht – aus irgendeinem Grund ist die Wurst das stereotype deutsche Lebensmittel schlechthin. Und um die metaphorische Kraft weiß Takis Würger natürlich. Wie hier in der Reportage Mein Monat mit den Menschen von Clausnitz:

„Was also bleibt an Erkenntnis nach einem Monat im Erzgebirge? Es gibt kein Nazidorf. Es gibt nicht den Clausnitzer, der für alle steht. Das Einzige, was alle, die ich traf, gemeinsam haben, ist, dass sie Wurst mögen.“

Die Wurst ist hier die Gemeinschaft erzeugende Vorliebe, das überparteiliche Lebensmittel, nicht nur Nazis essen Wurst, alle Menschen in Clausnitz mögen Wurst. Der letzte Satz weist, so meint man, über die Reportage hinaus, er scheint sagen zu wollen: Du darfst deutsch sein, das macht dich noch nicht zum Rechtsradikalen – du bist gut wie du bist, iss Wurst.

Für Takis Würger ist die Wurst die perfekte Metapher, die absolute Metapher. Und Hans Blumenberg hatte Recht mit seiner Feststellung, dass manche Metaphern eine Semantik weit über das hinaus gewonnen haben, für das sie einmal standen. Absolute Metaphern geben „einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität.“ Und so hält es Takis Würger auch mit der Wurst:

„2 Gläser Nutella, 2 Gläser selbstgekochte Erdbeer-Rhabarber-Marmelade, 1 Büchse grobe Leberwurst, 1 Stück Speck, 1 Büchse Mandarinen, 1 Tube Senf, 1 Blutwurst, 2 Ritter Sport, 1 Brief. Es ist ein Karton gefüllt mit Deutschland. Sommerkorn schreibt seiner Mutter in einer E-Mail: Danke für das tolle Paket. Du weißt doch, dass ich keine Blutwurst esse.“

Der Soldat in der Reportage Das verschwundene Bataillon bekommt ein Fresspaket seiner Mutter und Würger erkennt zielsicher die metaphorische Qualität dieser Situation. Es ist ein Paket, das für Deutschland stehen soll, für Heimat, und wir sehen sofort, dass das Entscheidende nicht die anderen Lebensmittel sind (sie alle können in irgendeiner Form für Deutschland stehen) – was die Metapher funktionieren lässt, was die Metapher absolut macht, sind die Blutwurst und die Leberwurst. Wie auch in der Ablehnung der Blutwurst durch den jungen Soldaten vielleicht auch eine Ambivalenz zu seiner Aufgabe als Repräsentant und Verteidiger einer deutschen Kultur steckt.

Überall Würste

Hier offenbart sich auch die Vielzahl unterschiedlicher Würste, die viele Deutsche kennen. Einige Städte in Deutschland haben ihre eigene Wurstsorte und in den 90er Jahren wurden sie von einem rundgesichtigen Metzger mit glänzenden Augen im Fernsehen aufgezählt, einen Schnitt später brachte eine Mischung aus Robin Hood und Surferboy mit einem Wort die Fleischwarenverkäuferin in der Rügenwaldermühle zum Schmelzen und ritt mit einem Arm voller Würste nach Hause, Bratmaxe wurden gegrillt und dann ging TV Total, die Late-Night-Show mit dem berühmtesten deutschen Metzgersohn, weiter.

Vielleicht war es diese mediale Überpräsenz, die auch bei Takis Würger eine Obsession mit dem bei vielen Deutschen so beliebten Fleischprodukt auslöste, wie sonst hätte er seine semantische Reichhaltigkeit in Vergleichen so nutzen können wie hier:

„Ein Maßschuh hat mit einem Schuh von Tamaris oder Deichmann eigentlich nur gemeinsam, dass beide an den Füßen getragen werden. Es ist, als würde man einen Maserati mit einer Wurst auf Rädern vergleichen, beides rollt, aber damit endet die Gemeinsamkeit.“

Nichts umfasst den Kern der Geschichte der Maßschuhmacherin Saskia Wittmer so perfekt wie der hier gewählte Vergleich. Es hätte jedes Lebensmittel sein können, aber kein anderes wäre perfekt gewesen. Etwas ließ Würger spüren, das es nur die Wurst sein konnte, die das scheinbar Paradoxe an einer deutschen Frau als Maßschuhmacherin in Florenz ausdrücken und im gleichen Moment auflösen würde: Der Vergleich mit dem Wurstklischee entlarvt ein anderes Klischee als falsch. Es ist das Grobe, das Unelegante der Wurst, das hier den Unterschied und die Wurst zum perfekten Nahrungsmittel in dem Vergleich macht. Es sind dieselben charakterlichen Elemente der Wurst, mit denen Takis Würger der Pariser Philharmonie mit dem Vergleich, sie sähe aus „wie eine geplatzte Wurst aus Metall,“ in einer Reportage ein Stück der Erhabenheit nimmt, die man ansonsten sofort mit dem Gebäude verbinden würde. Würger genügt die Erwähnung einer Wurst, um ein Gebäude umzudeuten.

Die perfekte Symbiose aus faktischem Inhalt und metaphorischem Gehalt seiner Obsession aber schaffte Würger 2010 mit der Geschichte von Wolfgang Joswig: einem widerständigen DDR-Bürger, der schließlich die längste Thüringer Wurst aller Zeiten briet: „Die Wurst war für ihn Vergangenheitsbewältigung.“ Ob Würger wusste, was er tat, lässt sich nicht nachvollziehen, aber hatte nicht Christoph Schlingensief zwanzig Jahre zuvor mit dem Film Das deutsche Kettensägenmassaker, in dem eine ostdeutsche Familie nach ihrer Ausreise von Westdeutschen zu Wurst verarbeitet wird, eine metaphorische Kritik am Wendeprozess auf Zelluloid gebannt? Und jetzt übernahm die Obsession im Unterbewusstsein die Regie und die wahre Geschichte eines Widerstandes gegen das DDR-Regime, in der eine Wurst eine tragende Rolle spielte, wurde ohne das Wissen des Reporters mit dem metaphorischen Gehalt des Schlingensief-Films aufgeladen.

Auch wenn Würste für Takis Würger nicht die gleiche Bedeutung haben dürften, wie für Wolfgang Joswig, der sich gegen ein repressives System auflehnte, so sind sie doch für sein Wirken als Reporter so elementar, dass sie in mehr Texten auftauchen als hier aufgezählt werden konnten und Takis Würger ist vielleicht der erste Journalist, der ohne Zwang in einem SPIEGEL-Text das Wort „Wurstgulasch“ verwendete. Und so wie Reporter*innen ihre Protagonist*innen zu Wurst verarbeiten, verwurstet auch der Reporter Takis Würger die gleiche Metapher, den gleichen Vergleich ein ums andere mal – und da soll einer sagen, die Wurst sei nicht nachhaltig.

 

Hypnotica Studios Infinite from Toms River, New Jersey, USA [CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

#Leseköpfe – Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir lesen?

Vor einigen Tagen machte ein Artikel auf Twitter die Runde, in dem es darum ging, wie sich die Gedanken bei verschiedenen Menschen darstellen. Offenbar haben nicht alle Menschen einen inneren Monolog, der ihre Gedanken verbalisiert. Davon inspiriert, begannen wir darüber zu sprechen, was in unsere Köpfen passiert, wenn wir lesen. Wie bilden sich die Geschichten ab? Laufen filmische Sequenzen vor unserem inneren Auge? Stellen wir uns das Äußere von Figuren vor? Lesen wir uns den Text mit einer inneren Stimme vor?

In einem Google-Doc haben wir versucht unsere individuellen Leseeindrücke zu verbalisieren. Das Google Doc ist offen und wir laden alle Interessierten herzlich ein, dort einen eigenen kleinen Text zu ihren inneren Leseerlebnissen zu schreiben. Zum Mitmachen bitte auf diesen Link klicken, dort das individuelle Leseerlebnis schildern und mit Namen oder Twitter-Handle unterzeichnen. Ihr könnt euer individuelles Leseerlebnis auch unter dem Hashtag #Leseköpfe teilen. Wir sind gespannt!

Hier die ersten fünf Antworten auf die Frage:

“Ich habe schon immer ein Problem damit, mir die Figuren in einem Text so vorzustellen, wie der Text das vorgibt. Irgendwo zu Beginn des ersten Bandes der Harry-Potter-Reihe wird beschrieben, dass das Haar des Ekelpakets Draco Malfoy blond ist. Das musste meinem 14-jährigen Ich aber in seiner nackten Weiterlesegier entgangen sein, denn in meinem Kopf hatte Malfoy immer schwarze Haare. Die störrische Imagination muss dann die restlichen Male, die von den blonden Haaren Malfoys die Rede war, überlesen haben. Jedenfalls bin ich aus allen Wolken gefallen, als die Filme kamen und Malfoy blond war: #notmymalfoy! Genaue visuelle Beschreibungen aller Art konkurrieren in meinem Kopf mit der Casting-Politik meiner Imagination, die sehr schnell entscheidet, wie etwas auszusehen hat. Meistens werden dafür Eindrücke aus meinem realen Erleben verwendet. Ich habe z.B. ein und dasselbe reale Haus für einige verschiedene Interieurs in Romanen. Da kann dann noch so viel über Damastvorhänge und samtene Fauteuilles geschrieben werde (Thomas Mann ist in dieser Hinsicht besonders penibel); mein Kopf hat diese Räume schon anderweitig möbliert. Das gilt wiederum auch und besonders für Figuren: In Jonathan Franzens Roman Freedom gibt es eine Figur, die immer wieder vom Aussehen her mit Muammar al-Gaddafi verglichen wird. Ich hatte für diese Figur aber von Anfang an (vollkommen unwillkürlich) einen entfernten Bekannten im Kopf. Jedes Mal, wenn Gaddafi erwähnt wurde, war das eine Irritation: Aber so sieht Richard doch gar nicht aus!”
(Johannes, @Johannes42

“Beim Lesen höre ich eigentlich immer meine eigene Stimme in meinem Kopf, die mir den Text vorliest. Dabei spielt sich allerdings kein Film vor meinem inneren Auge ab, Figuren stelle ich mir – wenn überhaupt – nur sehr verschwommen vor. Bei langen, ausführlichen Beschreibungen der Umgebung steige ich sehr schnell aus, weil ich es mir nicht richtig vorstellen kann, deshalb lese ich beispielsweise auch nur ungern Nature Writing. Eigentlich sehe ich während der Lektüre nur vereinzelte Schnappschüsse vor mir, wenn im Text etwas vorkommt, was ich schon mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt habe. Kürzlich las ich zum Beispiel einen Text, in dem eine Frau eine Uferpromenade entlang geht. Erst als im Text explizit erwähnt wurde, dass es sich dabei um den Abschnitt des Themseufers kurz vor der St Paul’s Cathedral handelt, den ich selbst schon mehrmals entlanggelaufen bin, hatte ich für einen kurzen Moment ein Bild im Kopf. Im Alltag, also unabhängig vom Lesen, habe ich allerdings keine Probleme, abwesende Dinge, Orte und Personen zu visualisieren.”
(Magda, @Magdarine)

“Beim Lesen sehe ich sofort Räume oder Landschaften, ab dem ersten Satz, und passe die dann, je mehr ich darüber erfahre, laufend und problemlos an. Bei den Personen dauert das mit dem Sehen etwas länger, und sie bleiben dann eher schattenhaft und haben keine Gesichter. Hände stelle ich mir sehr bildlich vor, sofern sie beschrieben werden (z.B. so ein bisschen eine Marotte von Min Jin Lee, „Pachinko“, „Ein einfaches Leben“, das ich gerade lese). Ein Buch hat für mich eine Farbe, die wie so ein Filter (wie das Sepia in Til-Schweiger-Komödien) über allem liegt. Früher hat sich diese Farbe leider oft nach dem Umschlagmotiv oder dem Einband gerichtet, darum bin ich sehr froh über die Reizarmut des eReaders und lese viel lieber darauf. Obwohl die Figuren unscharf sind (was ich nicht als Mangel empfinde), sehe ich Szenen beim Lesen vor mir, was mich manchmal von der Sprache ablenkt. Wenn die Sprache sehr schlecht ist, wirkt sich das allerdings auf dieses Filmische aus: Dan Browns „Da Vinci Code“ konnte ich nicht weiterlesen, weil es vor meinem Leseauge ablief wie eine völlig bizarre Slapstick-Komödie in grellen Primärfarben. Wenn ich eine Verfilmung sehe, existiert mein innerer Film unabhängig davon weiter und wird nicht überschrieben, und bei der Verfilmung stören mich keine Abweichungen von meiner Erwartung, es ist für mich völlig getrennt von meinem Leseerleben.”
(Till, @TillRaether)

“Die 3 Hexen. Sehe eine rauhe, felsige Landschaft, braun grün grau. Heide. Gewitter. Hexen-Talk.
In der Ferne taucht der Kopf eines Mannes auf, der einen albernen Blechhut trägt. Dschinghis Khan-Auftritt im Fernsehen der 80er. Die Hexen. Warum stelle ich mir Hexen immer entweder alt, hässlich, krummnasig und warzig oder aber jung und schön vor. Ha, ja warum wohl. Hurlyburly schönes Wort. Überhaupt viele schöne Wörter, grosse Liebe für S.  Höre unter den Hexen immer die Stimme von Ted Hughes, wie er „double double toil and trouble“ sagt. Diese Vorliebe von Konsonanten, möglichst rollen und grollend vorgetragen bei ihm, das ist sehr eindrucksvoll und dramatisch, aber Vokale sind mein jam. Etwa Joe Henry am Ende von Sign, „who trailed a strand of braided hair across the back rail of her chair“. Immer das Scheiss-Musending. Jetzt ein kahler Seminarraum mit einem Literaturdozenten, der mit dem Zeigefinger wackelt und „Kitsch“ murmelt. Ist eigentlich alles, was Gefühle auslöst, Kitsch. Weg mit dem.
Welles wirklich Fehlbesetzung für mich. Sogar Kinski wäre besser. Uff hasse den so. Aber der Film sonst sehr eindrucksvoll, obwohl die Kulissen so cheap wirken. Macbeth auch immer verknüpft in meinem Kopf mit Faust. Nur Goethe leider Shakespeare für Arme. Hot take lol. Shakespeare-Übersetzungen. Die Kommilitonin, die damals im Seminar eine eigene Sonett-Übersetzung vorgelesen hat, so wunderschön, alle haben ganz atemlos gelauscht. Wünschte, ich könnte das auch, aber gar kein Reimtalent alas. In dem ganzen verdammten Stück sind eigentlich nur die Frauen interessant. Vielleicht sollte ich mal wieder Marias lesen. Dieser Hexenkessel in offener Landschaft, das ist doch unrealistisch oder. Überhaupt diese ganze Kesselnummer, sehr langer Bart. Könnte 1 vielleicht mal entstauben. Diese 3 sehen jedenfalls alt und verlumpt aus. Macbeth nicht grad ein Schlaukopf oder. Puh.”
(Maike, @mai17lad)

“Ich sehe beim Lesen einen Film vor dem inneren Augen, der manchmal auch durch Snapshots unterbrochen wird. Dabei ist dieser Film tatsächlich mit cineastischen Mitteln gestaltet: Farbfilter, Stimmung, Kameraperspektive (nahezu unmöglich zu recherchieren, aber wie spannend wäre es, das mit Leseerlebnissen von vor 100 Jahren zu vergleichen). Es ist aber grundsätzlich ein stummer Film. Menschen sehe ich sehr genau vor, bis auf das Gesicht, das ist meistens verschwommen. Statur, Kleidung, Haarfarbe etc. sind aber detailliert. Die Umgebung setzt sich sofort zusammen, sobald ich anfange zu lesen. Selbst wenn die späteren Beschreibungen meiner ersten Vorstellung widersprechen, ändert sich meine Vorstellung kaum noch. Ich glaube am deutlichsten erlebe ich Stimmungen und Atmosphären, die sind wirklich von Text zu Text ganz unterschiedlich und ich frage mich oft, was genau eine Stimmung eigentlich erzeugt. Beispiel: Ich habe letztes Jahr Essays von Joan Didion gelesen, die meistens in Kalifornien angesiedelt sind, die Atmosphäre ist schwer, dunstig, die Hitze, die Stadt L.A., das Meer, das aber irgendwie keine Abkühlung bietet, alles ist überhitzt und warm. Gleichzeitig ein Hauch von Horror. Genauso lese ich jetzt gerade Saskia Vogels “Permission”, das auch in L.A. spielt und ich habe den unguten Verdacht der Grund, dass ich vorher irgendwo den Namen Joan Didion mit ihr in Verbindung gelesen habe.”
(Simon, @SamsonsHirne

Beitragsbild von Siora Photography über Unsplash

„Die unklare Ängstlichkeit vor atmosphärischen Revolutionen“ oder Über das Lesen und Schreiben im Anthropozän

Weil ich Fichtenwälder liebe,
ging ich durch Fichtenwälder
– Franz Kafka

I miss the earth so much
– Elton John

 

Gegenwartsliteratur, die sich im Rahmen eines epochalen Selbstverständnisses als Literatur im Anthropozän[1] begreift, ist auf die eine oder andere Weise Literatur in Zeiten bzw. im Zeichen der Klimakrise.[2] Im Essay Die große Verblendung konstatiert der indische Schriftsteller Amitav Ghosh indes einen Mangel: „Der Klimawandel [wirft] auf die Landschaften der literarischen Fiktion einen noch wesentlich kleineren Schatten […] als auf die öffentlichen Arenen“.[3] Ghosh macht einen „merkwürdigen Widerstand“ aus, den „der Klimawandel der heute sogenannten ernsten Erzählliteratur leistet“, um zu schlussfolgern: „Die Klimakrise ist auch eine Krise der Kultur und deshalb eine der Imagination.“[4]

Im Deutschlandfunk berichtete die Journalistin Sieglinde Geisel von einer Tagung im Literarischen Zentrum Göttingen, die sich im August 2019 dem Thema “Vom Klima schreiben” widmete. Ihre Bilanz entspricht Ghoshs Diagnose: „Ich würde sagen, den Roman zum Klimawandel gibt es noch nicht.“ Sie verweist auf in Göttingen anwesende Naturwissenschaftler wie den Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber, der der Literatur Untätigkeit vorwarf: „Der hat gesagt, ihr lasst uns im Stich, wo bleiben die Romane, wo bleibt die Matthäus-Passion, also alle Künste, wir haben die Kunst noch nie so dringend gebraucht wie heute, was ist los mit euch?” Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungen hält Geisel fest: „Das Problem ist ja, dass man diese Literatur nicht bestellen kann.“[5]

Angebot und Nachfrage in Zeiten der Klimakrise

Dieser Satz lässt sich umformulieren: Das Problem liegt nicht darin, diese Literatur nicht bestellen zu können, sondern darin, sie nicht bestellen zu sollen. Mit der Herausbildung einer Marktstruktur inkl. Produzierenden, Distribuierenden und Konsumierenden ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die (europäische) Literatur zu einer ökonomischen Angelegenheit geworden.[6] Die Entwicklung setzt sich bis heute fort. Das heißt auch: Wer Literatur als ein exklusiv ästhetisches oder imaginäres Phänomen betrachtet, ist mit Blindheit geschlagen bezüglich der ökonomischen (und sozialen)[7] Bedingtheiten, auf denen eine Idee wie das Schöne oder das Erfundene fußt.[8] Der Ruf nach einer neuen Imagination im Hinblick auf einen terrestrischen Notstand ist an dieser entscheidenden Stelle widersprüchlich: Das Prinzip, das die Klimakrise (mit-)verursacht hat, wird angewendet, um eben diese zu fassen zu kriegen. Die Argumentationen folgen einer Angebot-Nachfrage-Logik, laut der Literatur ein Service-Produkt ist, ein Bildgebungsverfahren, das ins Regal gehört.

An dieser Stelle möchte ich einsetzen, um einen anderen Weg auszuprobieren. Der Vorschlag soll keiner moralistischen Norm der Entsagung Folge leisten, die gerade zu oft zu laut propagiert wird. Es geht nicht darum, analog zum Fleisch- einen Schreibverzicht umzusetzen. Eine Gesellschaft braucht neue Gedanken in neuen Texten – aber auch Verfahren, um alte Texte zu lesen. Es geht um einen devianten Modus, sich mit Literatur im Anthropozän, das auch als „Kapitalozän“[9] zu begreifen ist, auseinanderzusetzen, und dabei die Selbstwidersprüche westlicher Lebensweisen ernst zu nehmen – und sei es nur für die Dauer eines Textes.

Die Relektüre als Möglichkeit einer Emanzipation

Die Relektüre bietet die Möglichkeit, eine Praxis der Literatur einzuüben, die abseits der kapitalistischen Mechanik operiert. Wer Slogans mag: Es geht um die Nachhaltigkeit der Literatur, um Reusing, um Recycling, das als eine „practice of emergency“ betrachtet werden kann. Das Konzept entstammt den sog. Ecopoetics, die sich damit beschäftigen, wie sich Mensch-Umwelt-Beziehungen als künstlerische Konstellationen umsetzen lassen. Der Herausgeber Jonathan Skinner hat den Begriff der Notfallpraxis 2012 vorgeschlagen; die Philologin Margaret Ronda versteht darunter Werke und Tätigkeiten, „that emphasize ecological interrelationality and complicity in environmental destruction, and often explore collective feelings of vulnerability, hopelessness, and dread“.[10]

Die Relektüre ist insofern anti-systematisch, als sie sich dem Produktionsparadigma entzieht. Wer das Anthropozän als Phänomen begreift, das alle lebensweltlichen Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand stellt, muss schließlich auch die Formen der literarischen Produktion und Rezeption hinterfragen. Eine solche Funktionalisierung ist nicht innovativ; ihr emanzipatives Potential wird längst genutzt, etwa in der feministischen Reihe Re-Reading the Canon, in der maßgebliche Texte der westlichen Philosophie-Tradition unter die Lupe genommen werden. Mit Steffen Richter lässt sich analog dazu festhalten: „Das Anthropozän – und das ist eine zentrale Erkenntnis – ist in literarischer Hinsicht weniger als Epoche interessant, als dass es eine Perspektive auf historische, aktuelle und zukünftige Texte eröffnet.“[11]

Dieser Text plädiert für eine Umkehr der Leserichtung. Die retrospektive Bewegung ist dabei nicht als reaktionär zu erachten, sondern stellt sich in den Dienst einer prospektiven Epistemologie. Hierzu eignen sich wegen ihrer Bedeutungsoffenheit Kunstwerke besonders: Sie lassen sich stets neu begehen. Ein Bonus dieser Methode mag darin liegen, dass die alarmistischen Debatten, die die nüchterne Argumentation zugunsten einer Mobilisierung von Empörung in den Wind schlagen, diesen Zeugnissen nicht eingeschrieben sind. Also: Hat Jules Verne in Der Einbruch des Meeres maritime Effekte der Klimakrise vorweggenommen? Lässt sich Friederike Mayröckers Gedicht [wird welken wie gras] als Drohbild kommender Desertifikationen lesen?

Die kommende Trauerarbeit. Über ein Gedicht Friederike Mayröckers

Das titellose Gedicht (1947) ist inspiriert von Johannes Brahms Ein deutsches Requiem, das ab 1861 entstanden ist und dessen Chorus wie folgt lautet: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras / und alle Herrlichkeit des Menschen / wie des Grases Blumen. / Das Gras ist verdorret /
und die Blume abgefallen.“ (Diese Verse beziehen sich wiederum auf 1. Petrus 1,24.)

Wird welken wie gras – auch meine Hand und die Pupille
wird welken wie gras – mein Fuß und mein Haar mein stillstes Wort
wird welken wie gras – dein Mund dein Mund
wird welken wie gras – dein Schauen in mich
wird welken wie gras – meine Wange meine Wange und die kleine Blume
die du dort weißt wird welken wie Gras
wird welken wie Gras – dein Mund dein purpurfarbener Mund
wird welken wie Gras – aber die Nacht aber der Nebel aber die Fülle
wird welken wie Gras wird welken wie Gras[12]

Alle Verse sind für sich genommen ein Lebens- und Sterbezyklus en miniature: Einem Gegenstand oder einer Tätigkeit wird prophezeit, abzusterben. Mit dem darauffolgenden Vers wiederholt sich die Vorhersage einer Dekadenz, mal ist die Hand gemeint, dann der Mund oder das Schauen, schließlich die Nacht. Das ist der regenerative Clou des Textes: Jeder Vers setzt mit dem Wissen ein, dass es wieder Gras gibt, Gras, das erneut welken kann, nachdem der vorherige Vers es im Rahmen eines Vergleichs hat vertrocknen lassen. Der Text zieht seine Dynamik aus der Idee einer intakten Natur, deren Wirkkraft sich in den Phasen von Blühen und Absterben zeigt. Ohne die Garantie einer solchen zyklischen Vitalität käme das lyrische Sprechen in [wird welken wie gras] zum Erliegen.

An dieser Stelle der Relektüre wird die Trauer, die dem Gedicht eigen ist, für die Leserschaft zur Ressource: Die Trauer bezieht sich nicht nur auf die Vergänglichkeit des Körpers, wie Mayröckers lyrisches Ich sie inszeniert, sondern auch auf die Vergänglichkeit des Verständnisses einer gesund(end)en Natur, das uns blindlings getröstet hat. Dabei spielt die Zeitform des Futurs, die [wird welken wie gras] organisiert, eine wichtige Rolle. Bei Mayröcker wird die Gegenwart im Hinblick auf die kommende Dürre gepriesen: Weil der Körper wie Gras welken wird, müssen wir ihn heute feiern.

Wenn aber die Natur nicht kollabieren wird, sondern im Hier und Jetzt kollabiert, bleibt uns für diese Feier des Lebens keine Zeit mehr. Die Zukunft des Textes ist zur Gegenwart der Leserschaft geworden. Denn die zyklischen Sicherheiten der Natur, in denen wir uns eingerichtet haben, sind nicht mehr unumstößlich. Einer ökologischen Trauer im Anthropozän eignet infolgedessen eine zusätzliche Qualität: „[T]he more radical idea of nature’s end demands an emphasis on what is not, on the negative workings of creative imagination in light of a concept’s withering-away.”[13]

Just dieses Verkümmern eines Konzepts nötigt einen dazu, ein alternatives Naturverständnis zu entwickeln, das anti-regenerative Mechanismen miteinschließt. Anders ausgedrückt: Es geht darum, tipping points in den Blick zu nehmen. Sie sind strukturell betrachtet das Gegenteil dessen, was Mayröckers Gedicht Halt gibt: Es gibt keinen Kreislauf; es ist unmöglich, eine Szene zu reproduzieren oder zu konservieren. Der Begriff ist durch und durch fatalistisch, schließlich trennt er eine Zeitspanne in ein (gutes) Davor und ein (schlechtes) Danach. Wenn die Eiskappen eine bestimmte Schmelzdynamik entwickeln, ist sie unumkehrbar, selbst wenn man nach dem Erreichen des tipping points die Bedingungen herstellt, die erforderlich gewesen wären, um das Abschmelzen vor dem tipping point zu verhindern.

In Juliana Spahrs Gedicht Gentle Now. Don’t Add to Heartache von 2005 gibt es einen solchen Kippmoment. Margaret Ronda stellt das Gedicht, das als Schlüsseltext der ecopoetics gilt, im bereits angeführten Aufsatz vor. Auf den ersten Teil des Gedichts, der ein paradiesisches Leben in der Nähe eines Flusses imaginiert, folgt ein tipping point: Das Sprechen wird elegisch, die Verben stehen nicht mehr in der Gegenwarts-, sondern in der Vergangenheitsform. Dieser zweite Teil entspricht dem biblischen Narrativ einer selbstverschuldeten Vertreibung aus einer Natur, die, zerstört und verschmutzt, wie sie jetzt ist, kein Obdach mehr bietet. Die Lektüre Spahrs ebenso wie die Relektüre von Mayröcker ist nicht ohne Melancholie zu haben, weil beide eine Erfahrung des Verlusts thematisieren. Weder Rettung noch Regeneration sind in Sicht, und es bleibt nichts zu tun, als sich der Elegie hinzugeben: „I did not sing I see, I see. / I did not sing wo, wo!“[14]

„Woher kam dieses Wasser?” Über einen Roman Jules Vernes

In Jules Vernes Roman Der Einbruch des Meeres (L’invasion de la mer, 1905) will ein Konglomerat aus europäischen Händlern, Ingenieuren und Politikern ein Talgebiet in Nordafrika fluten, um das sog. Saharameer anzulegen.[15] Die gesamte Topographie würde sich ändern, was neben ökonomischen auch militärische und politische Veränderungen nach sich zöge. Es war Vernes letzter Roman, zum Zeitpunkt der Niederschrift war er gesundheitlich angeschlagen. (Es wird angenommen, dass sein Sohn Michel an der Redaktion beteiligt war.) Das Buch wartet mit vielem auf, was Vernes Texte beliebt machte: mit einem rigiden Fortschrittsglauben inkl. Lobliedern auf technische Errungenschaften, dem Erfolgsversprechen westlicher Expeditionen, dazu kolonialistischen Portraits indigener Bevölkerungen.

Der Roman ist mittelmäßig, seine trivialen Prinzipien sind von Beginn an einsichtig: Die Europäer bringen die Zukunft, die Einheimischen lehnen sich auf, aber ihre rückständige Revolte lässt sich brechen, am Ende gelingt das zivilisatorische Projekt. Alle dürfen sich freuen, die Ingenieure, die bekehrten Einheimischen, die Leserschaft. Aber schon der erste Satz verspricht, dass hier etwas anderes zu holen ist: „Ja … was weißt du nun?“, fragt ein Stammeskrieger, um zu erfahren, wo der Anführer einer aufrührerischen Touareg-Gruppe festgehalten wird. Es geht immer wieder um Wissenspraktiken, darum, Unwägbarkeiten in den Griff zu bekommen: Wie wird sich das Mittelmeer, das durch einen 150 Kilometer langen Kanal fließen soll, im Tal ausbreiten? Wird das neue Klima die Oasen intakt lassen? Wie verhalten sich die Ansässigen, wenn das Wasser kommt?

Gut ist nur der Schluss. Auf der Suche nach einem Nachtlager bemerkt die Expedition, dass etwas nicht stimmt: „Der Boden wurde immer schlechter. Seine Kruste brach zuweilen unter dem Fuße, und dann glänzte der Sand herauf, aus dem das darin enthaltene Wasser hervorquoll. Manchmal geriet man bis ans Knie in das halbflüssige Gemisch, und es kostete Mühe, sich daraus wieder zu befreien.“ Die Truppe rettet sich auf einen Hügel und verbringt die Nacht in ängstlicher Neugierde. „Es gewann den Anschein, als ob hier plutonische und neptunische Naturkräfte miteinander unter dem Schott im Kampfe lägen und dessen Boden mehr und mehr veränderten.“ Am nächsten Morgen geht das erratische Naturspektakel weiter: Eine Herde Tiere, „reichlich vierhundert Raubtiere und Wiederkäuer, Löwen, Gazellen, Antilopen, wilde Schafe und Büffel“, prescht vorbei. Den Figuren fehlt das Verständnis, um diesen Aufruhr zu begreifen. Sie sind erstaunte und erschreckte Beobachter: „Was, zum Kuckuck, geht denn überhaupt da draußen vor?“… „Ja … was kann da geschehen sein?“ … „ Sollten die Tiere auf uns zugestürmt kommen? “ … „ Und wohin könnten wir dann fliehen? “

Später rollt eine Flutwelle heran, die durch seismische Bewegungen ausgelöst wurde und die Gegend in ein Binnenmeer verwandelt. Selbst das Erdbeben als Naturkatastrophe fügt sich bei Verne in das Narrativ zivilisatorischen Gelingens: Die Expedition überlebt, während das Wasser die fliehenden Touareg-Reiter verschluckt. Später schlängelt sich als deus ex machina ein Dampfer heran, um den Trupp zu retten. Der Chefingenieur Schaller empfiehlt lachend, sich schleunigst Aktien des Saharameers zu sichern. Das Kapital siegt, das Kapitel endet.

Der Einbruch des Meeres wird dann interessant, wenn man den Text gegen den Strich liest. Es gilt heute, den Einbruch des Meeres zu verhindern, nicht herbeizuführen. Es gilt küstennahe Habitate zu schützen, nicht deren Bewohner*innen zu vertreiben. Es gilt solidarische Wissenspraktiken einzuüben, die auf Fragen wie „Und wohin könnten wir dann fliehen?“ oder „Woher kam das Wasser?“ andere Antworten geben. Denn es ist eine miese Fantasie, zu hoffen, später zu denjenigen zu gehören, die auf einem Hügel sitzen, auf Rettung warten und dabei einer Ideologie anhängen, die für jene Krise mitverantwortlich ist, die allmählich alle überall heimsucht.

In Vernes Roman meint der Mensch indes, in einer Landschaft, die eine andere geworden ist, derselbe bleiben zu können. Gespeist wird der Narzissmus von einer technokratischen Imagination: Der Damm, die Bagger, der Kanal, der Dampfer – alles ist zu Diensten. Damit lässt sich die Umwelt dominieren. Gerade wegen ihrer Naivität ist diese idée fixe, die innerhalb der Fiktion belohnt wird, außerhalb derselben zu hinterfragen. Im Anthropozän findet sie ihre Weiterführung im Geo- bzw. Climate Engineering, in der Idee, mit technischen Eingriffen das Klima zu verändern. Dazu zählen Spiegel im All, reflektierende Aeresole oder subterrane CO2-Speicherung. Der Geograph Hans Gebhardt weist auf die Dialektik des Konzepts hin: „Umwelt- und Klimaschutz werden bei Climate Engineering zu einer ,technischenʻ Möglichkeit, um die Folgen von ,Technikʻ zu reduzieren.“[16]

„Ja, wer kann mit Sicherheit in der Zukunft lesen?“, fragt Schaller sich zwischendurch. „ Unser Planet hat ja, das unterliegt keinem Zweifel, schon die außerordentlichsten Ereignisse gesehen, und ich leugne nicht, daß jener Gedanke mich, ohne gerade belästigend zu wirken, doch recht oft beschäftigt.“ Das Anthropozän ist gewissermaßen die zur Metapher gewordene Beschäftigung mit dem Planetarischen. Während Schaller & Co ihre ausbeuterische Tätigkeit noch zur Wohltat verklären konnten, ist die human agency mehr als ein Jahrhundert später problematisch geworden. Welche „außerordentlichen Ereignisse“ stehen bevor? Und wie werden wir ihnen begegnen? Eins steht jedenfalls fest: Die kommenden Naturkatastrophen werden sich nicht fügen in Vorstellungen eines neurotisch fortschrittlichen Plots.

So steht am Ende erneut die Melancholie – und ein letztes Lesen gegen den Strich: In Der Einbruch des Meeres folgten wir fast durchgängig der Perspektive der Überheblichen, Unbekümmerten und Machtversessenen. Aber was ist mit den vielen anderen inner- und außerhalb des Buches? Mit denjenigen, die vor Wassermassen fliehen, vor Dürren flüchten und vor Bränden Reißaus nehmen müssen? Dorthin kann die literarische Tätigkeit im Anthropozän, egal ob sie als eine lesende oder schreibende gedacht wird, ihren Blick im Rahmen einer „practice of emergency“ richten, dort kann sie sich aufrichten:

[1] Vgl. zur Begriffskritik Hans Gebhardt: Das „Anthropozän“ – zur Konjunktur eines Begriffs. In: Heidelberger Jahrbücher Online (1/2016), S. 28-42 sowie Helmuth Trischler: Zwischen Geologie und Kultur. Die Debatte um das Anthropozän. In: Anja Bayer u. Daniela Seel (Hgg.): All dies hier, majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. Berlin 2016, S. 268-286, hier S. 268f.

[2] Axel Goodbody spricht davon, dass „der Begriff ,Anthropozänʻ über rein Geologisches hinaus zur Chiffre geworden [ist] für sämtliche Herausforderungen planetarischen Ausmaßes, die aus Umweltveränderungen hervorgehen – ob kultureller, ethischer, ästhetischer, philosophischer oder politischer Art“ (Axel Goodbody: Naturlyrik – Umweltlyrik – Lyrik im Anthropozän. Herausforderungen, Kontinuitäten und Unterschiede. In: Bayer u. Seel: All dies hier, S. 287-305, hier S. 288).

[3] Amitav Ghosh: Die große Verblendung. Der Klimawandel als das Undenkbare. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. München 2017, S. 16.

[4] Ebd., S. 18 u. 19.

[5] Das Gespräch mit Sieglinde Geisel ist einsehbar unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/climate-fiction-co-der-klimawandel-als-randthema-in-der.1270.de.html?dram%3Aarticle_id=458378.

[6] Als der Geologe Paul J. Crutzen 2002 den erstmals im Jahr 2000 von ihm und dem Biologen Eugene F. Stoermer vorgeschlagenen Begriff des Anthropozäns in einem Heft von Nature erläutert, schreibt er: „The Anthropocene could be said to have started in the late eighteenth century, when analyses of air trapped in polar ice showed the beginning of growing global concentrations of carbon dioxide and methane.“ (Paul J. Crutzen: Geology of mankind. In: Nature Vol. 415 [03.01.2002], S. 23). Es ist dieselbe Zeitspanne, die für die Entstehung europäischer Literaturmärkte veranschlagt wird, vgl. dazu Thomas Wegmann: „Liebe Kindlein, / Kauft ein!“ Zum bilateralen Verständnis von Literatur und Markt um 1800, einsehbar unter: https://literaturkritik.de/id/20091#_ftnref19.

[7] Katharina Herrmann: Literatur. In: Leander Steinkopf (Hg.): Kein schöner Land. Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart. München 2019, S. 95-120.

[8] Eine beeindruckende Studie dazu, wie stark die Literaturproduktion kapitalistischen Erwägungen folgt, hat der US-amerikanische Literatursoziologe Clayton Childress mit Under The Cover vorgelegt. Vgl. für den deutschen Literaturmarkt Philipp Schönthaler: Schreiben im Zeichen des Geldes. In: Volltext 04/2018, einsehbar unter: https://volltext.net/texte/philipp-schoenthaler-schreiben-im-zeichen-des-geldes/.

[9] Donna Haraway: Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chtulucene. Making Kin. In: Environmental Humanities (6/2015), S. 159-165, einsehbar unter: http://environmentalhumanities.org/arch/vol6/6.7.pdf.

[10] Margaret Ronda: Mourning and Melancholia in the Anthropocene. In: Post45, o. P., einsehbar unter: http://post45.research.yale.edu/2013/06/mourning-and-melancholia-in-the-anthropocene/.

[11] Steffen Richter: Die große Erzählung. Literarische Narrative des Anthropozäns. In: Dritte Natur 1 (01.2018), S. 145-155, hier S. 153.

[12] Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. Frankfurt am Main 2003, S. 33.

[13] Ronda, o. P.

[14] Ebd.

[15] Das französische Original ist im PDF-Format einsehbar unter: https://beq.ebooksgratuits.com/vents/Verne-invasion.pdf. Das Zitat im Titel ist dem Roman entnommen. Die zitierte Fassung ist einsehbar unter: https://gutenberg.spiegel.de/buch/der-einbruch-des-meeres-9313/1. Das Bild am Artikelende ist der französischen Erstausgabe von 1905 entnommen.

[16] Gebhardt: Das „Anthropozän“, S. 31. Die Idee eines guten Anthropozäns, in dem das Climate Engineering die negativen Effekte der Klimakrise verhindert, ja sie sogar durch positive Maßnahmen konterkariert, wird äußerst kritisch betrachtet. Die Allmachtsfantasie, die dahinter steckt und die u. a. Vernes Roman speist, ist ein Auslöser, nicht die Lösung des Problems. Vgl. Clive Hamilton: The Theodicy of the „Good Anthropocene“. In: Environmental Humanities (7/2015), S. 233-238, einsehbar unter: http://www.environmentalhumanities.org/arch/vol7/7.14.pdf.


In einer ersten Fassung ist dieser Beitrag erschienen in: Forum (Heft 401), Zeitschrift, für Politik, Gesellschaft und Kultur. (https://www.forum.lu/)

Beitragsbild von Sebastian Unrau über Unsplash

Es zählt nur die Qualität – Über ein fadenscheiniges Argument

Von Nicole Seifert

Dass es beim Büchermachen ausschließlich um Qualität gehen sollte, darin sind wir uns ja alle einig, oder? Und dass Männer die besseren Bücher schreiben auch. Ach nein, das darf man ja nicht mehr sagen. Also: Wenn Männer nun mal die besseren Bücher schreiben, dann – nee, Moment, ich fang noch mal an: „Wir machen Literatur, nicht Männer und/oder Frauen. Entscheidend ist allein die Qualität und nicht das Geschlecht. Entscheidend ist die Aussage, der Stil, da braucht es keine Genderaufsicht.“ So kann man es schon sagen. Oder?

So hat es jedenfalls Joachim Unseld gesagt und ist damit (immerhin fast als einziger) der tendenziösen Fragestellung der Literarischen Welt auf den Leim gegangen, die vor einer Woche mehrere Verlagsleute um ihre Meinung zum „aktuellen Aktionismus“ bat. Gemeint war damit der Versuch, ein größeres Bewusstsein für Geschlechterungerechtigkeit im Literaturbetrieb zu schaffen, indem man anhand quantitativer Erhebungen Verlagsprogramme analysiert: Das sogenannte Vorschauen- oder Frauenzählen.

So gut wie alle der  befragten zwölf Verleger*innen stehen der Debatte übrigens aufgeschlossen gegenüber, selbst Unseld hält sie für „wichtig und berechtigt“, auch wenn sie sich in Enthusiasmus und Umsetzung stark unterscheiden. Das zentrale Gegenargument, das sich in der Debatte hartnäckig hält, ist die von Unseld so schön auf den Punkt gebrachte angebliche Opposition von Diversität und Qualität.

Am 21. Januar veranstaltete der SWR2 in der Reihe Forum einen fast einstündigen Radio-Talk zum Thema mit Susanne Krones, Programmleiterin im Penguin Verlag, mit mir und mit Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus. Auf die Frage, ob er bei den Literaturhaus-Veranstaltungen auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis achte, wollte Moritz zwar ein „ich glaube, es wurde gerade so ähnlich wie Problembewusstsein genannt“ haben, das er aber schon im nächsten Halbsatz an seine „Kolleginnen“ delegierte. Die würden schon dafür sorgen, „dass sie mit ernstem Blick zu mir in mein Büro kommen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese Ausgewogenheit vielleicht nicht so hergestellt ist.“ Er selbst versuche, „nicht krampfhaft“ zu entscheiden und wenn er „aus literarischen Gründen“ glaube, das sei jetzt so, „dass in diesem ersten Halbahr vielleicht 60-70% Männer lesen“, weil er der Meinung ist, „dass diese Bücher besser sind, dann ist das so, dann muss man das auch durchstehen und man muss versuchen, das argumentativ zu verteidigen.“

Bei dieser Argumentation beruft sich Moritz auf die „großen Männerfiguren“ Siegfried Unseld und Michael Krüger, die hätten oft gedacht, „ohne es gesagt zu haben: so richtig große dolle Literatur können Männer doch besser schreiben.“ So ganz möchte er sich allerdings nicht auf deren Seite stellen, denn „als chauvinistisch gelten“, das wolle heute ja niemand. „Deshalb wird auch verbal zurückgerudert“, erklärt Moritz, „d.h. man will auf gar keinen Fall sagen, wir haben einfach jetzt viel bessere Manuskripte von Männern gehabt, deswegen haben wir das so gemacht. Dieses Argument werden Sie ganz selten hören, selbst wenn sie’s denken, die Verlegerinnen und Verleger, werden sie es nicht sagen.“

Wieder und wieder dieselbe Formulierung, da kommt man um die Schlussfolgerung kaum herum, dass hier wohl tatsächlich jemand glaubt, Männer schrieben die besseren Bücher. Das einzige Problem: Man darf es nicht mehr sagen. Man sollte schon so tun, als wäre man nicht sexistisch, pardon: chauvinistisch. Spätestens hier wird klar, wie halbherzig die Distanzierung von den genannten Verlegern ist. Aber sind Sexisten nicht eh immer die anderen?

Der Letzte, der sich noch traute, auszusprechen, wie es offenbar wirklich ist, war der von vielen nach wie vor hochverehrte Marcel Reich-Ranicki. Interviewt von André Müller, sagte er vor ungefähr zwanzig Jahren: „Man darf auch nicht sagen, Frauen können keine Romane schreiben. […] Frauen können Novellen schreiben, wunderbar, Frauen können Gedichte schreiben. Fragen Sie mich nicht, warum! Fragen Sie Gynäkologen!“

Wenn man nicht nachvollziehen kann, warum man Dinge so besser nicht mehr sagt, dann fehlen einem Informationen, dann hat man Zusammenhänge noch nicht verstanden. Es wäre also klug zuzuhören, was die, über die man gestern noch abfällig reden durfte, für Erfahrungen gemacht haben – einmal die andere Perspektive einzunehmen und über die eigenen Privilegien nachzudenken. Oder, wie Oliver Vogel vom S. Fischer Verlag es in seiner Antwort auf die oben erwähnte Frage an die Verlage formulierte: „Glück zu haben ist immer ein guter Grund, trotzdem nachzudenken.“

Diese Informationen finden sich beispielsweise in einigen neueren Studien zur Sichtbarkeit von Frauen in Kultur und Medien, die zeigen: Es wird eben nicht nur nach erbrachter Leistung und Qualität ausgewählt. In der Realität haben Autor*innen höchst unterschiedlichen Zugang zu Förderprogrammen, Veröffentlichungen und Auftrittsmöglichkeiten. Und um hier mehr Gerechtigkeit herzustellen, braucht es konkrete Maßnahmen.

Das, was Joachim Unseld als „Genderaufsicht“ bezeichnet, entspricht dem, was man in der konservativen Ecke gern „Sprachpolizei“ nennt. Plötzlich muss man aufpassen, man darf nicht mehr einfach abwertend über Frauen, über BIPoC oder über queere Personen reden – blöd, wo das doch immer so lustig war! Harald Staun gab im November in einem FAZ-Artikel die bestmögliche Antwort auf diese Haltung:

Natürlich sollte man aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert, aber nicht, weil sonst die Sprachpolizei kommt, sondern aus Höflichkeit, Zivilisiertheit oder auch nur aus dem Interesse, den öffentlichen Diskurs ein bisschen klüger zu machen.

Das Qualitätsargument aber macht den Diskurs nicht klüger, es ist unreflektiert und unterkomplex und im Grunde nichts anderes als ein reaktionärer Reflex.

Einer, der umgedacht hat, ist Stephen King, nachdem er für einen Tweet einen Sturm der Kritik erntete. Der Autor ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die entscheidet, wer im Februar einen Oscar bekommt. Aus diesem Anlass twitterte er Mitte Januar:

In der Kunst zähle nur Qualität, Diversität zu berücksichtigen, erscheine ihm falsch. Von den 12.000 Replies wiesen viele auf das Kernproblem dieser Aussage hin: Diversität und Qualität sind keine Gegensätze. Hier einen Widerspruch zu konstruieren, legt nahe, man hätte es mit einander bekämpfenden Konzepten zu tun; als sei das eine dem anderen selbstverständlich überlegen, als könne beides gar nicht zusammenfallen. Wären Qualität und Diversität Gegensätze, würde das im Umkehrschluss bedeuten, Kunst von Frauen, von BIPoC, von Queeren sei weniger gut. Wieder dieselbe Prämisse wie oben, also.

Dass seit Bestehen der Oscars nur eine einzige Frau einen Award für die beste Regie bekommen hat, dass schwarze Schauspieler*innen lange gar keine Auszeichnungen bekommen haben und dann bevorzugt für Rollen, in denen sie Sklav*innen spielten – das kann doch nur daran liegen, dass weiße Männer eben besser sind. Was auch hier wieder nicht in Erwägung gezogen wird: das nachweislich herrschende Ungleichgewicht durch schlechtere Chancen, mangelnde Sichtbarkeit und die Voreingenommenheit derer, die auswählen.

Stephen King haben die Replys zu seinem Tweet zu denken gegeben, denn knapp zwei Wochen später veröffentlichte er unter dem Titel „The Oscars are still rigged in favor of white people“ einen Artikel in der Washington Post, in dem er schrieb, er habe seine Aussage im Moment des Twitterns fälschlicherweise für unstrittig gehalten, nun habe er genauer hingesehen. Er stellt einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Academy (sehr überwiegend weiß, männlich und über 60 Jahre alt) und der Vergabe der Preise an ebendiese Kohorte fest. Er wiederholt seine „overall attitude that, as with justice, judgments of creative excellence should be blind.“ Um dann jedoch zuzugestehen: „But that would be the case in a perfect world, one where the game isn’t rigged in favor of the white folks.“

Ja, in einer idealen Welt ginge es einfach nur um Qualität. Solange man aber anerkennt, dass in unserer Kulturlandschaft nach wie vor historisch gewachsene, sexistische und rassistische Strukturen bestehen, wird man auch erkennen, dass viele Gruppen weiterhin benachteiligt sind. Und diese müssen erstmal einbezogen werden in die Auswahlprozesse, bevor man über ihre Qualität urteilen kann.

Das Qualitätsargument ist aber noch aus weiteren Gründen hinfällig: Es ist naiv und es ist unehrlich. Naiv, weil es den Anschein erweckt, Qualität setze sich naturgemäß durch – was mit der Realität des Literaturbetriebs nichts zu tun hat. Und unehrlich, weil es bei der Zusammenstellung von Programmen aller Art nie nur um Qualität geht (dazu auch dieser Text von Simon Sahner auf 54books). Es geht immer auch um Verkäuflichkeit, sowie darum, ein rundes Gesamtpaket zu schnüren – nur welche Kriterien man da gelten lässt und welche nicht, das ist eben die Frage.

Susanne Krones wies in dem SWR2-Gespräch darauf hin, dass die Verlage angesichts der Manuskriptfülle, aus der sie auswählen, alle Möglichkeiten hätten: „Wenn wir uns überlegen, welchen Bruchteil dieser Dinge wir nur einkaufen, dann lügen wir uns natürlich in die Tasche, dass wir da kein 50:50 herstellen könnten.“

Außerdem machte sie darauf aufmerksam, was passiert, wenn die Auswahl von Manuskripten anonymisiert wird und ohne Ansehen der Person stattfindet, wenn also geschlechtsbezogene Voreingenommenheit systematisch ausgeschlossen wird. Das ist der Fall beim Berliner Literaturwettbewerb Open Mike, in dessen Vorjury Susanne Krones saß. Nachdem aus mehreren hundert Einsendungen allein aufgrund der Textproben 20 Finalist*innen ausgesucht worden waren, kam man auf vier Männer und sechzehn Frauen. Ein anonymisiertes Vorauswahlverfahren gibt es auch bei den Hamburger Literaturpreisen, die in Kategorien von Comic über Übersetzung bis Roman an neun Frauen und zwei Männer gingen. Das kann passieren, wenn man das mit der Qualität einmal ernstnimmt. Lässt man die Voreingenommenheit walten, sieht es anders aus: Dann kommen Frauen auf einen Anteil von 13% aller Literaturnobelpreise oder auf 15% aller Georg-Büchner-Preise.

Anonyme Auswahlverfahren gibt es seit den Siebzigerjahren auch bei amerikanischen Orchestern, nachdem man festgestellt hatte, dass die fünf Top-Orchester des Landes einen Frauenanteil von weniger als 5% aufwiesen. Bei blind auditions befinden sich die Kandidat*innen beim Vorspiel hinter einem Wandschirm. Die Jury kann sie nicht sehen, nur hören, es geht allein um die Qualität ihres Spiels. Wissenschaftler*innen haben festgestellt, dass es durch diese Maßnahme um 50% wahrscheinlicher ist, dass es eine Frau in die Endauswahl schafft. Auf diesem Weg hat sich der Anteil von Frauen in diesen Orchestern inzwischen auf 30-40 Prozent erhöht, wie der Guardian berichtete.

Für Literaturhäuser und Verlagsprogramme dürfte so ein geschlechtsblindes Auswahlverfahren kaum umsetzbar sein, aber immerhin lassen diese Beispiele Rückschlüsse darauf zu, was wäre, wenn man die Sache mit der reinen Qualität konsequent durchziehen würde. Fast könnte man auf die Idee kommen, das Gerede davon, dass Männer eben einfach besser seien, diene im Wesentlichen der Verschleierung des Gegenteils.

Das Qualitätsargument würde so gern alle vereinen, denen Literatur am Herzen liegt, um die anderen als ideologisch Verblendete aus dem Gespräch auszuschließen. Es ist jedoch innen hohl, wie es Totschlagargumente gerne sind. Denn es gibt keine „reine Qualität“, so wie es nicht die eine, zentrale Instanz gibt, die sie unabhängig von Vorannahmen feststellen könnte. Jedes Urteil unterliegt einer Perspektive, und jedes Urteil bedarf eines Vergleichs. Qualität kann nur festgestellt werden, wenn man alle einbezieht, wenn man sich dem Vergleich stellt. Insofern ist Qualität ohne Diversität vor allem eins: fragwürdig.

 

Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin. Auf ihrem Blog www.nachtundtag.blog, der 2019 als bester Buchblog ausgezeichnet wurde, schreibt sie über das Thema Autorinnen sowie deren Literatur. Sie ist Mitinitiatorin der Aktionen #autorinnenschuber und #vorschauenzählen.

 

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