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Jahr: 2019

Otto-Katalog und Colabier – Giulia Beckers “Das Leben ist eins der härtesten”

In den letzten Jahren hört man immer wieder von „kultigen“ oder „authentischen“ Milieus, in denen literarische Handlungen angesiedelt sind – zuletzt im Roman Große Freiheit von Rocko Schamoni. Für gewöhnlich betrachtet darin eine sich selbst als hochkulturell definierende Szene einen sozialen Bereich, der ihr in irgendeiner Form fern ist. Oft wird eine Mischung aus maskuliner Authentizität und Nostalgie für Zustände gewählt, die man aus guten Gründen nicht mehr haben will, deren Charme man sich aber auch nicht vollkommen erwehren kann. Jemand, der mit Kultpatina auf sozial schwierige Verhältnissen nichts anfangen kann, ist die Schriftstellerin und Comedy-Autorin Giulia Becker. Das machte sie im November 2018 unmissverständlich auf Twitter und Facebook klar, als sie sich durchaus wütend und exakt beobachtend über „den“ norddeutschen Mann lustig machte, der sogenannte Zuhältertypen kultig finde, in Kneipen viel trinken und rauchen würde, Lieder über Regen und das Leben schreibe und sich für einen Feministen halte, weil er an drei Tagen in der Woche seine kleine Tochter hat (siehe Thread).

Das kultige Potenzial dieses Milieus voller Männer, die vermeintlich sensibel mit den harten Umständen des Mannseins in einer immer „unmännlicheren“ Welt zu kämpfen haben und sich aufreiben zwischen dem Wunsch nach der Authentizität von verrauchten Kiezkneipen und dem Vater-Sein, hat die Kulturbranche von Film über Musik bis hin zur Literatur inzwischen weitgehend ausgereizt. Die Kiezromane von Rocko Schamoni und Heinz Strunk, die Verfilmung von Strunks Roman Der Goldene Handschuh im letzten Jahr durch Fathi Akin; Musiker wie Olli Schulz und Thees Uhlmann füllen diesen Rahmen stetig mit neuen Geschichten.
Dieser gesellschaftliche Bereich, der leicht mit diesem Firnis aus stereotyper kultiger Echtheit überzogen werden kann, ist ein Bereich, in dem sich die deutsche Gegenwartsliteratur nicht selten ansiedelt. Auch das kreative Bildungsmilieu oder ein sozial schwieriges Milieu, das in der literarischen Darstellung häufig entweder kultig oder sozial interessant ist, haben literarische Konjunktur: Sinnfrage und horror vacui einer gebildet-kreativen Schicht, sozial schwache Milieus als Kultroman, Sozialstudie oder Emanzipationsgeschichte und historische Stoffe füllen die Regale der Buchhandlungen.
Irgendwo zwischen diesen literarisch hochfrequentierten sozialen Bereichen findet sich eine große Gruppe an Menschen, die in Kleinstädten in Einfamilienhäusern, mittelgroßen Wohnungen und Neubaugebieten wohnen, und den Berufen nachgeht, die das Literaturmilieu für gewöhnlich argwöhnisch beäugt: Verwaltung und mittlere Angestelltenberufe. Menschen, denen die meisten Schriftsteller*innen weder die intellektuelle Kompetenz noch die authentische materielle Notlage zutrauen, die es als Zutaten für große (zwischen)menschliche Dramen offenbar braucht. Was diesen Menschen aus der Perspektive der tendenziell hochkulturellen Branchen fehlt ist der scheinbar raue Charme und das Elend der sogenannten Arbeiterklasse, das sich in Kult verwandeln ließe.

Es ist die Welt, in der Willy-Martin, ein Protagonist in Giulia Beckers Debütroman Das Leben ist eins der härtesten (Rowohlt 2019), abends nach Hause kommt, eine Pizza Hawai bestellt, sich mit seiner E-Zigarette mit Multifrucht-Liquid an seinen Medion-PC setzt und unter dem Pseudonym HäuptlingRaimundo gegen DieKnochenbrecherin Online-Kniffel spielt. Willy-Martin ist mit Silke befreundet, die bei einem psychischen Zusammenbruch vor etlichen Jahren, die Notbremse eines Regionalzuges betätigt hat und dadurch in Schulden gestürzt wurde, jetzt in der Bahnhofsmission in Borken arbeitet und gerne einen Spendenlauf für den krebskranken Obdachlosen Zippo organisieren möchte. Ihre Freundin Renate, die sie einmal unterstützt hat, muss nun selbst den Verlust ihrer Hündin Mandarine Schatzi und die Rechnung nach einem Berg von Impulskäufen verkraften. Gemeinsam beschließen die drei der 97-jährigen Nachbarin von Silke einen letzten Wunsch zu erfüllen und in die Fake-Tropen Tropical Island in einem alten Flugzeughangar nach Brandenburg zu fahren. Allein wie Becker durch die Erwähnung bestimmter Orte, Produkte und Menschentypen und durch gut beobachtete Details ein Kleinbürgermilieu entstehen lässt, macht dieses Buch schon lesenswert.

Wenn der Kleinstadthorror im Spiegel lauert

Kleinstädte wie den Handlungsort Borken gibt es zwischen den größeren und größten Städten Deutschlands zuhauf und Giulia Becker, die laut eigener Aussage in „einem Dorf hinter einer Kleinstadt hinter Siegen“ aufgewachsen ist, kennt sie vermutlich aus eigener Anschauung. So kann sie in ihrem Roman ein Sammelsurium an Figuren zum Leben erwecken, über das man sich leicht lustig machen könnte. Menschen, die bei Home-Shopping-Kanälen Küchengeräte en masse einkaufen, die Kerstin Ott hören und sich von ihr „verstanden“ fühlen, deren Lieblingsradio-Sender „das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und von heute“ spielen und die ihre Hunde eben Mandarine Schatzi nennen. Vielleicht lassen sich die Figuren am besten mit einem Satz von Willy-Martin charakterisieren, mit dem er Silke Kaffee anbietet: „Willste auch einen? Ist der feine Milde von Tchibo.“ (159)
Die Autorin stellt die Leser*innen damit vor eine heikle Aufgabe und begibt sich dabei selbst auf einen wackligen Untergrund, auf dem sie nicht immer sicher steht. Indem sie ihre Figuren stereotypisiert und überzeichnet, spricht sie zunächst einmal die Vorurteile an, die über das beschriebene Kleinstadtsoziotop bestehen. Giulia Becker ist vorrangig bekannt als Autorin und Teammitglied des Neo Magazin Royale von Jan Böhmermann, erschienen ist ihr Roman bei Rowohlt und sie wurde unter anderem mit dem Newcomer-Preis der lit.Cologne ausgezeichnet. Ihr Zielpublikum ist ein junges, meist gebildetes Großstadtmilieu: Menschen, die all das, was die Figuren in Das Leben ist eins der härtesten ausmacht, nicht verkörpern wollen. Die bewusste Überzeichnung der Romanfiguren entlarvt diese als Klischeetypen und führt den Leser*innen damit ihre eigenen Vorurteile gegenüber dieser Gruppe von Menschen vor Augen. Damit werden diese Vorurteile und Klischees aber auch reproduziert und stellenweise zieht der Roman auch seine Komik daraus.

Gleichzeitig stattet Becker ihre Charaktere aber mit den klassischen Problemen der Literatur aus: Sinnfragen, zwischenmenschliche Probleme und Krankheit und Tod. Man spricht dann häufig in solchen Fällen davon, dass ein*e Autor*in die Figuren liebevoll beschreiben würde. Meistens ist liebevoll ein Euphemismus dafür, dass mit einem mitleidigen Lächeln auf die Charaktere hinabgeschaut wird. Genau das vermeidet Becker aber, indem sie den Leser*innen immer wieder die Gemeinsamkeiten mit den Figuren vor Augen führt und ihnen klarmacht, dass vermutlich viele selbst aus diesen Kleinstädten kommen. Da ist nämlich unter anderem Sascha, der im Tropical Island arbeitet und aussieht

„wie jemand, der sein Work and Travel-Jahr in Australien frühzeitig abgebrochen hat, weil es ihm doch ein bisschen zu viel Work und zu wenig Travel war.“ (101)

und damit vermutlich gar nicht so weit entfernt von einigen Männern aus dem Zielpublikum des Romans ist. Der Kleinstadthorror lugt immer wieder aus dem Spiegel hervor und verhindert, dass sich man sich als Leser*in allzu genüsslich über die Figuren amüsiert. Der Grund, aus dem man sich über die Figuren lustig machen möchte und schnell dem Reiz der intellektuellen Überheblichkeit erliegt, liegt in ihrer Einfachheit gegenüber den Angeboten und Klischees des sogenannten guten Lebens begründet. Es sind Menschen, die auf jedes Sonderangebot hereinfallen, die jeder Werbung folgen und ansonsten alles so machen wollen, wie das Vorabendfernsehen und der EDEKA-Prospekt es ihnen vorleben. Das Lachen bleibt dem großstädtisch-kreativen Lesepublikum jedoch im Halse stecken, wenn es kurz den Kopf aus dem Buch hebt und auf die fünf MacBooks im Hinterhofcafé mit Craft-Beer-Auswahl blickt.

Wer noch keinen Otto-Katalog in der Hand hatte, werfe den ersten Stein

Giulia Becker löst daher bei ihren Leser*innen ähnliches aus, wie Rainald Grebe in seinen Songtexten, nur dass sie andere Strategien dabei anwendet. Während Rainald Grebe durch das Hervorholen von milieuspezifischen Klischees und einer gebrochenen BRD-Nostalgie bei den Hörer*innen eine ungute Gänsehaut auslöst, weil sie sich selbst in ihren kleinbürgerlichen und spießigen Sehnsüchten wiedererkennen, zeigt Becker einem vermeintlich hippen Großstadtlesepublikum, dass sein Leben sich in der Struktur gar nicht so sehr vom Kleinstadtleben ihrer Protagonisten unterscheidet:

„Also aßen sie und schwiegen, und im Radio lief leise Lighthouse Family“ (47)

Solche Sätze in der Balance zwischen einer unwiderstehlichen Situationskomik und einem leichten Erschaudern, finden sich in Beckers Roman ebenso wie in Grebes Songtexten. In beiden Fällen wird schnell klar, dass man selbst gar nicht so wenig spießig und kleinstädtisch ist, wie man das vielleicht gerne hätte.

Diese zweite Ebene hinter dem manchmal kalauernden Humor unterscheidet diesen Roman von den meisten Beispielen deutscher Literatur aus dem Comedybereich. Während der Witz der millionenfach verkauften Romane von Tommy Jaud auf dem gleichen Niveau daherkommt wie Mario-Barth-Shows und Oliver Pochers Sprüche, verbindet Giulia Becker ihr hintergründiges Spiel mit Klischees mit einem Humor, bei dem man sich manchmal wünscht, dass die Stand-up-Nummern von Jan Böhmermann am Anfang des Neo Magazin Royales genauso intelligent zünden würden. Gut ist dieser Humor, weil er den Leser*innen die eigenen Klischees vor Augen führt, aufzeigt, dass sie manche davon selbst erfüllen und das in so komische Situationen verpackt, dass man dennoch über sich selbst und andere gleichzeitig lachen kann:

„Silke musste ihr dann mit einem Otto-Katalog Luft zufächern und ein Glas Aperol Spritz an ihren Mund halten, damit sie bei Bewusstsein blieb.“ (111)

„Willy Martin fährt gemächlich auf der rechten Spur, Silke isst ein Brot nach dem anderen, Renate schreibt Nachrichten bei WhatsApp. Kurz findet Silke die Reise schön, irgendwie abenteuerlich.“ (94)

Es ist ein sehr deutsches Milieu, das Becker hier zeichnet und damit zielt sie auch auf die Klischees der deutschen Reihenhausmentalität und deckt diese schadenfroh auf, wenn beispielsweise Kerstin zu Kartoffeln immer noch ein anderes Kartoffelgericht als Beilage macht und das Kartoffelmesser zur gefährlichen Waffe wird. Diese Spielerei mit Selbstironie macht den Roman dann auch noch sympathisch.

Giulia Becker hat mit Das Leben ist eins der härtesten etwas geschafft, das nur wenige auf diese Weise hinbekommen: Einen Roman zu schreiben, der lustig (und das kann nicht stark genug betont werden), absurd und gleichzeitig intelligent ist, den man in wenigen Stunden lesen kann und der die Leser*innen mit eigenen Klischees und Fragen der Selbstwahrnehmung konfrontiert. Dass er gleichzeitig mit zahlreichen boshaften Seitenhieben auf die Medienwelt gespickt ist, die Becker vermutlich aus eigener Anschauung zur Genüge kennt, ist ein zusätzliches Plus.

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Jeder Schritt ein Satz – Über die Flaneusen-Anthologie “FLEXEN”

„aber wie soll ich. das meer an menschen durchwaten.“

Man könnte diese Frage, die Simoné Goldschmidt-Lechner in ihrem Text sur d’autres heures stellt, als die Grundfrage bezeichnen, die diese Anthologie durchzieht, doch dann würde man anderen wichtigen Fragen aus anderen Texten dieses Bandes unrecht tun. Es finden sich nämlich auffällig viele Aphorismen oder prägnante Fragen in dem ungewöhnlichen Flanérie-Sammelband FLEXEN. Flaneusen* schreiben Städte (Verbrecher Verlag 2019), in dem sich dreißig „Frauen*, POC oder queere Menschen“ (so die Angabe im Klappentext) durch Städte bewegen und darüber schreiben: „Heute lieber Hose. Heute lieber unsichtbar.“ (Mirjam Aggeler), „Ich verspeise die Stadt“ (Halina Mirja Jordan), „Flanieren heißt sich um nichts zu kümmern.“ (Anke Stelling), „Ich versuche so zu tun, als liefe ich hier jeden Tag lang.“ (Leyla Bektaş). Es wirkt, als schiene durch alle diese Sätze eine Art gemeinsames Bedürfnis hindurch, zunächst einmal Aussagen zu treffen, Fragen zu stellen, prägnante Sentenzen zu finden, um etwas zu umreißen, das bisher in der kulturellen Repräsentation nicht vorgesehen war: Menschen, die nicht männlich, weiß, cis und straight sind, bewegen sich ohne festes Ziel durch einen urbanen Raum und schreiben darüber. Sie flanieren – oder?
Flanieren ist auf den ersten Blick einfach zu definieren. Wer flaniert bewegt sich mehr oder weniger ziellos durch ein städtisches Umfeld und beobachtet Menschen, Häuser, Straßen, eben das gesamte großstädtische Leben. Geprägt wurde diese Art der beobachtenden Bewegung in den europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts in der Figur des Flaneurs, die literarisch stark mit bestimmten Schriftstellern verbunden ist, vor allem mit Gustave Flaubert und Charles Baudelaire: Der gut gekleidete Mann spaziert durch die Pariser Boulevards und sinniert über das hektische Treiben um sich herum. Er flaniert, analysiert und beschreibt.

Flexen & flanieren – das Formen der Umgebung

Dieser männlichen Figur, dem Flaneur, stehen in FLEXEN dreißig Menschen gegenüber, die nicht der traditionellen in der Literatur etablierten Vorstellung entsprechen. Die vier Herausgeberinnen Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann, Lea Sauer und ihre Autor*innen flanieren nicht einfach, sie – der Titel des Bandes sagt es bereits – flexen.

Ich flexe. Ich flexe mich in die Stadt, durch die Stadt. Ich flexe mir die Stadt zurecht. Flexen – das Wort mache ich. Ich gehe durch die Stadt, flaniere und flexe. Alles, was ich in den Texten dieses Buches mache, findet sich in diesem Wort wieder. (S. 9)

Dieses Verb als Erweiterung des Flanierens, nicht als sein Gegenteil oder sein Ersatz, ist gut gewählt. Schon lautlich fügt es dem Vorgang der Bewegung durch die Straßen etwas Energetisches hinzu, wer flext, bahnt sich seinen Weg, wer flext, formt sich seine Umgebung, wer flext, akzeptiert Gegebenes nicht. Diese vielschichtigen Bedeutungen spiegeln sich in den Texten wieder.

Am deutlichsten kommt das Flexen als eine bewusste Emanzipationshandlung in zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Texten zum Vorschein. In Wie man eine Stadt erobert erzählt Julia Lauter von Neha Singh, die nachts durch Mumbai läuft und schon dadurch, dass sie sich als Frau alleine nachts durch eine indische Stadt bewegt, ein Tabu bricht. Neha Singh hat in Indien eine Protestbewegung ins Leben gerufen, die aus Frauen besteht, die ohne Ziel und Aufgabe durch Städte laufen. Allein das Spazieren in einer städtischen Gesellschaft, in der alles von Männern beherrscht und kontrolliert wird, ist für diese Frauen eine Form des Protests. Singh läuft mitten in der Nacht über Madh Island, eine Landzunge Mumbais, außer ihr sind nur Männer auf der Straße.

Am Tag sind hier viele Menschen unterwegs, die den Strand im Norden von Mumbai besuchen wollen. Doch nun, in der Nacht sorgt das Auftauchen einer jungen Frau für Aufruhr. Die Männer starren sie an, blicken über ihre Schultern hinweg auf die Straße, ob da noch wer kommt, die Atmosphäre ist angespannt. (S. 117)

Diese Spannung, die entsteht, wenn eine Frau in einer Umwelt, die sonst Männern vorbehalten ist, auftaucht und sich frei zu bewegen scheint, durchzieht immer wieder einzelne Texte der Anthologie. Am Ende ihres Spaziergangs hat sich Singh einen weiteren Teil Mumbais erobert.
Vom urbanen Raum besitzergreifend, aber auf eine ganz andere Art, sind die jungen Frauen in Die Luders von Özlem Özgül Dündar. Darin ziehen vier junge Frauen feixend, aggressiv und voller Lust am Aufruhr durch Berlin. Sie brechen bei ihrer Lehrerin ein, suchen sich in den Straßen männliche und weibliche Opfer, die sie verfolgen, sie streifen auf eine Art durch die Straßen, die ansonsten meist mit Gruppen junger Männer assoziiert wird – eine marodierende, zügellose Bande, deren Verhalten eine Ermächtigung ist. Ihr stolzes, selbstbewusstes Einnehmen von Raum ist eine laute Geste der Rücksichtslosigkeit und der Aufmerksamkeit:

Was weiß ich, Mann, sagt Alex und wir laufen dem Opfer hinterher, und wir schreien dabei alle aus vollen Kehlen, die Luders, wir sind die Luders, die Luders, und alle Passanten schauen uns an, aber wen interessiert das schon. (S. 85)

Sowohl Neha Singh als auch die vier Frauen aus Die Luders bewegen sich durch eine Stadt in einer Art und Weise, die ihnen von der Gesellschaft nicht zugedacht wird. Ihrem Umfeld und ihrer Gesellschaft entsprechend widersetzen sie sich Grenzen und erobern sich Raum.

Sorgenfreies Flanieren?

Neben solchen Texten, die viel emanzipatorische Kraft haben, hängt über vielen anderen aber auch ein Schleier der Unsicherheit und der Vorsicht. Da zeigt sich dann, dass Flexen nicht ungebrochen als ermächtigende Fortbewegung gesehen werden kann. Den (teilweise offensiv-)emanzipatorischen Texten steht dann die gegenwärtige Lebensrealität vieler Frauen und queerer Menschen gegenüber. Die selbstbewusste Bewegung als flexender Mensch, der sich seinen Weg bahnt und vielleicht eine rebellischere Version des spazierenden Flaneurs darstellt, stößt in den Texten immer wieder an die Grenzen von Diskriminierung, Gewalt und patriarchalen Strukturen. Für die Erzählerin in Kamala Dubrovniks Hausnummer 29 ist das Verlassen des Hauses ein Kampf mit Erinnerungen an eine Vergewaltigung und mit dem Zwang immer wieder in das Haus zurückzukehren, wo sie geschah. Zwar ist auch hier der Weg durch eine – an dieser Stelle vor allem subjektiv – traumatische Gegend eine Art Ermächtigungsgeste, der Weg mit all seinen Triggern und Erinnerungen wird durchschritten und nicht gemieden, aber es bleibt ein Kampf.

Weniger ein existenziell bedrohliches und traumatisches Fortbewegen, aber auch kein selbstbewusstes Spazieren wird in Leyla Bektaş Güerita geschildert. Besonders eindrücklich zeigt sich in Bektaş Beitrag etwas, das sich auch durch viele andere Texte zieht. Die flanierende Person wird zwar per se als beobachtender Mensch gedacht, doch wird in FLEXEN immer wieder deutlich, dass Frauen immer auch selbst beobachtet werden. Die Flaneuse ist nie nur Beobachterin, sie wird auch selbst immer wieder zum Objekt des Betrachtens, meistens durch Männer. Während der prototypische Flaneur der deutschen Literatur, Rainer Maria Rilkes Alter Ego Malte Laurids Brigge, in seinen Aufzeichnungen völlig unbehelligt von einem sehenden Gegenüber durch die Pariser Straßen des frühen 20. Jahrhunderts flanieren kann, ist die Erzählerin in Güerita auch aufgrund ihrer (titelgebenden) Haarfarbe blond in der von vorrangig dunkelhaarigen Menschen bewohnten Stadt Mexico-City niemals nur Betrachterin, sondern immer auch Betrachtete und deswegen nie völlig unbehelligt:

An einer Straßenecke eine Gruppe Männer, die mich ansieht. Ihre Blicke kommen mir nah, zu nah und das ist das Problem, denke ich, immerzu kommen mir Personen von draußen, ihre Blicke oder ihre Körper einfach zu nah, sie durchdringen die Sphäre, die ich für persönlich halte, unaufgefordert, ohne zu fragen. (S. 176)

Aus dieser Situation heraus, stellt sich für die Menschen in den Texten immer wieder implizit oder direkt ausgesprochen die Frage: „Sagen diese Blicke mir, dass ich hier falsch bin?“ (S. 174). Das gilt für die junge Frau in Mirjam Aggelers Text, die lieber eine lange Hose und einen Kapuzenpullover anzieht als sich im Bus ständig fremden Blicken und direkten Berührungen ausgesetzt zu sehen oder auch für das lesbische Paar in Svenja Gräfens Text, das aufgrund des gemeinsamen Kindes immer wieder von fragenden oder kritischen Blicken getroffen wird und sich schließlich überlegt, ob es nicht aufs Land ziehen sollte.

Sich Gehör verschaffen und mehr

Dem drängenden und selbstbewussten Stil des Vorwortes folgend, könnte man in die Falle tappen, davon auszugehen, dass es sich beim Flexen stets um eine selbstbewusste, souveräne Geste handelt. Dass dies nicht der Fall ist, wird in der Gesamtschau der Texte deutlich. Das Flexen hat in all seiner Kraft und seiner Raum einnehmenden Qualität auch eine angespannte, eine auslaugende Ebene. Das Besetzen von Raum und das Überwinden von Grenzen und Hindernissen vollzieht sich nicht immer im sichtbar Souveränen. Die Texte erzählen neben von eroberten Stadtgebieten und von selbstbewussten und emanzipatorischen Gesten auch von Niederlagen, von Kapitulationen und von Angst, aber so erfüllen sie in ihrer Gesamtschau ein Ziel, das sich die Herausgeberinnen im Vorwort geben und das allein schon durch dreißig unterschiedliche Perspektiven auf Städte erfüllt wird. Deutlich zu machen: „Ich bin da. War ich schon immer. Ich existiere. Und ich möchte gesehen werden.“ (S. 12) Die Autor*innen fügen durch ihre fiktionalen Erzählungen, ihre autobiographischen Essays, ihre Gedichte und ihre Berichte dem literarischen Bild vom Leben in der Stadt so viele Facetten hinzu, dass man ohne Zweifel sagen kann, durch diese Menschen läuft „der Rhythmus der Stadt.“ (S. 12) Der Band leistet auf diese Weise mehr als ‚nur‘ all diesen Menschen Gehör zu verschaffen. Die Menge an unterschiedlichen Stimmen, literarischen Formen, gesellschaftlichen Bereichen, Kulturen und vor allem Städten bildet nicht zuletzt auch ein Panorama an städtischem Leben zwischen Klimawandel, Infrastrukturproblemen, Diskriminierung, Gentrifizierung und Globalisierung. So ist FLEXEN. Flaneusen* schreiben Städte nicht nur eine Anthologie, die Stimmen laut werden lässt und Menschen in Städten sichtbar macht, sondern die auch zeigt, wie wichtig unterschiedliche und vielschichtige Perspektiven auf Lebens- und Wohnraum im 21. Jahrhundert sind.

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Kanon-Wrestling bei den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur #tddlKanon

Aktuell findet in Klagenfurt wieder der Bachmannpreis statt, dessen Lesungen in den sozialen Medien eifrig begleitet werden. Es ist interessant zu beobachten, welche Namen und Werke in den Jury-Diskussionen genannt werden, da sich eben diese Nennungen im Kontext von Diskussionen und Gesprächen über Literatur als performative Kanonisierungspraxis beschreiben lassen. Welche Namen und Werke werden als bekannt vorausgesetzt oder durch eine Nennung indirekt empfohlen? Beziehen sich die Empfehlungen eher auf Filme und Serien oder auf literarische Texte?

Ein Kanon bezieht sich auf einen Korpus von Texten, die als gemeinsame Gesprächsgrundlage vorausgesetzt oder als wichtig für die kollektive Identität befunden werden. Waren früher die Kanones oft verschriftlicht, beispielsweise in Leselisten mit Texten, die jede*r Studierende der Germanistik kennen sollte, so sind die Kanones mittlerweile deutlich offener und werden eher implizit vermittelt. Aus expliziten und impliziten Kanones lässt sich ableiten, welche Texte für eine Gesellschaft oder eine Gruppe wichtig sind. Die Veränderung von Kanones wird unter dem Begriff der Kanondynamik gefasst.

Als Ensemble von Texten, die von einer sozialen Gruppe für wertvoll gehalten werden (vgl. Worthmann 1998, 14), dient Kanon der Absicherung und Stabilisierung von Werten, Normen und kollektiven Vorstellungsbildern, zugleich auch der Abgrenzung nach außen. Ein literarischer Kanon umfasst in diesem Sinne Texte, die den Absicherungs- und Abgrenzungsbedürfnissen einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt entsprechen und für diese spezifische Bedürfnisstruktur spezifische Antworten liefern. Wandeln sich diese Bedürfnisstrukturen, so wandelt sich auch der Kanon als Gruppe jener Texte, die auf diese Bedürfnisse reagieren.

(Gerhard Kaiser u.a.: Vom literarischen Kanon zur Kanonpluralität. In: Gabriele Rippl / Simone Winko (Hgg.): Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Stuttgart, 2013. 85-119. Hier: S. 103)

Inspiriert davon schrieb ich auf Twitter, dass mich die gesammelten Referenzen in Bezug auf Kanonisierung und Medienwandel interessieren würden. Daraufhin antwortete Nikola Richter mit dem Vorschlag gemeinsam unter dem Hashtag #tddlKanon zu sammeln:

 

Folgend nun die Auflistung von Referenzen aus den Moderationen und Jury-Diskussionen des ersten Tages. Obwohl sich einige Menschen beteiligt haben, kann es durchaus sein, dass etwas vergessen oder überhört wurde. Bei Titeln, die sich sowohl auf ein Buch als auch auf einen Film bzw. eine Serie beziehen können, wurde aus dem Kontext abgeleitet, was gemeint war. Hinweise auf Korrekturen und Ergänzungen können gerne kommentiert werden, auch unter dem Hashtag #tddlKanon.

Tag 1 – 27. Juni 2019:

Filme & Serien:

Star Wars, Annihilation, Avatar, Avengers, Star Trek, Chihiros Reise ins Zauberland, Coco – Lebendiger als das Leben, Handmaid’s Tale, Solaris (Buch von Stanislaw Lem, Insa Wilke bezieht sich jedoch in der Diskussion explizit auf den Film von Andrei Tarkowski)

Literarische Quellen:

1984 (George Orwell), Simplicissimus (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen), Roman eines Schicksalslosen (Imre Kertész), Stella (Takis Würger), Augsburger Kreidekreis (Bertolt Brecht), Die Liebe im Ernstfall (Daniela Krien)

Autor*innen literarischer Werke:

Ursula K. LeGuin, Sibylle Lewitscharoff, Elfriede Jelinek

Ernst Jünger, Gerd Gaiser, Thomas Bernhard, Josef Winkler, Stephen King, Andreas Maier, Michael Kumpfmüller, Daniel Kehlmann, Franz Kafka, Michael Köhlmeier

Nicht literarische Werke:

Schiffbruch mit Zuschauer (Hans Blumenberg)

In der Diskussion zum Text von Silvia Tschui spielte Hildegard Keller auf Rousseaus “Émile” an, Autor oder Werk wurden jedoch nicht explizit genannt.

Sonstiges:

Märchen, Sage, Kain und Abel (Bibel)

Tag 2 – 28. Juni 2019:

Filme & Serien:
Taxi Driver

Regisseur*innen:
Alfred Hitchcock, Woody Allen

Literarische Quellen:
Faserland (Christian Kracht), Rohstoff (Jörg Fauser), Malina (Ingeborg Bachmann)

Autor*innen literarischer Werke:

Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann

Peter Weiss, Peter Handke, Franz Kafka, Samuel Beckett, Carlos Castaneda, J.G. Ballard, Raymond Chandler, Richard Ford, Cormac McCarthy

Nicht literarische Werke:
Masse und Macht (Elias Canetti), Engel der Geschichte (unklar ob Bezug auf Paul Klee oder auf den Essay von Walter Benjamin), Kunst aufräumen (Ursus Wehrli)

Sonstiges:
Elegie, Reportage, Familienreportage, Carolin Emcke, Theodor Adorno, Musikvideo „Close To Me“ von The Cure, Lucky Luke, Lassiter Hefte,

Tag 3 – 29. Juni 2019:

Filme & Serien:
The Big Lebowski, Aus der Mitte entspringt ein Fluss (Verweis auf Brad Pitt, nicht auf den Autor Norman Maclean der Romanvorlage), The Life Aquatic, Arielle

Literarische Quellen:

Die Klosterschule (Barbara Frischmuth),

Mutter Courage (Bertolt Brecht), Brief an den Vater (Franz Kafka),
Überm Rauschen (Norbert Scheuer), “Eine Geschichte vom Fliegenfischen”(Paulus Hochgatterer), Doktor Faustus (Thomas Mann),

Autor*innen literarischer Werke:
Ingeborg Bachmann

Thomas Brasch, Thomas Bernhard, Josef Winkler, Ernest Hemingway, Adalbert Stifter,

Nicht literarische Werke:
Die Banalität des Bösen (Hannah Arendt)

Sonstiges:
Gleichnis, „Mein Freund der Baum“ Lied von Alexandra (fälschlicherweise Nicole zugeordnet),

Ein Juror erzählte den Wettstreit der Maler Zeuxis und Parrhasios, der in Plinius’ Naturgeschichte überliefert ist.

An Tag 3 kommt es außerdem zu einem weiteren interessanten Phänomen:

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Gefangene in zweifelhaften Paradiesen – Über Leïla Slimanis “All das zu verlieren”

Die Beschreibung von Sex in der Literatur ist ein Sujet, an dem sich viele Autor*innen, auch solche, die ansonsten sprachlich gewandte Stilist*innen sind, die Zähne ausbeißen. Nicht umsonst gibt es den Bad Sex in Fiction Award, der jedes Jahr an die schlechteste literarische Beschreibung von Sex vergeben wird und der besonders häufig Männern zu gesprochen wird. Nominiert war im vergangenen Jahr unter anderem der ewige Nobelpreisanwärter Haruki Murakami mit einer Szene aus Killing Commendatore

My ejaculation was violent, and repeated. Again and again, semen poured from me, overflowing her vagina, turning the sheets sticky. There was nothing I could do to make it stop. If it continued, I worried, I would be completely emptied out.

„Befremdlich“ wäre noch eine wohlwollende Umschreibung für diese Darstellung und man fragt sich zwangsläufig, warum gute Schriftsteller gerade an diesen Stellen ihr Talent zu verlassen scheint. Denn unter den Preisträger*innen der letzten 25 Jahre, solange existiert der Preis, befinden sich 22 Männer und darunter durchaus so renommierte Autoren wie Jonathan Littel, Norman Mailer und Tom Wolfe. Wenn es Männern also offenkundig schwerfällt, gut über Sex zu schreiben und man genügend Beispiele dafür findet, stellt sich die Frage, ob Frauen es einfach besser können oder ob sie schlicht weniger über Sex schreiben.

Dafür dass natürlich auch Frauen über Sex schreiben, ist die französisch-marrokanische Autorin Leïla Slimani (*1981) ein aktuell viel diskutierter Beweis. Die 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Schriftstellerin ist aktuell der Shootingstar der französischen Literatur und ihr Debütroman All das zu verlieren (Original: Dans le jardin de l’ogre, 2014) erschien gerade in deutscher Übersetzung. Ein neues weibliches Schreiben über „die düsteren, dreckigen, brutalen Abgründe der Sexualität“ sei das, behauptet Mara Delius in der WELT, aber ist es das oder besteht nur der dringliche Wunsch nach einem solchen Schreiben?

All das zu verlieren handelt von Adèle, Mitte 30 und Journalistin in Paris, sie ist verheiratet mit Richard, einem Arzt, mit dem sie einen kleinen Sohn, Lucien, hat. Die Stadtwohnung ist eigentlich zu klein und Paris zu laut und zu eng, deswegen plant Richard schon länger irgendwann ein Haus auf dem Land zu kaufen. Eine derart angelegte Szenerie der spießigen Bürgerlichkeit im zentralistischen Frankreich, wo der Gegensatz von Landhaus in der Provinz und Stadtwohnung in Paris in wohlhabenderen Kreisen dem Klischee des deutschen Reihenhauses gleichkommt, baut bereits eine Fallhöhe auf, die auf einen dramatischen Verlauf hindeutet. Doch der Roman endet nicht mit der Katastrophe, er steigt mitten in sie ein. Adèle ist nämlich nichts weniger als die gewissenhafte Journalistin, umsorgende Mutter und liebende Ehefrau, das alles bildet lediglich die Fassade für ihre zerstörerische Sexsucht, deren Zwänge, Neurosen und Ekstasen Slimani in filmischer Hatz beschreibt:

Allein in der Küche tritt sie von einem Fuß auf den anderen und raucht eine Zigarette. Unter der Dusche würde sie sich am liebsten die Fingernägel in die Haut bohren, sich entzweireißen. Sie schlägt die Stirn gegen die Wand. Sie will, dass man sie packt, dass ihr Kopf gegen die Scheibe prallt. Sobald sie die Augen schließt hört sie die Geräusche, das Stöhnen, die Schreie, das Klatschen der Körper. Ein nackter, keuchender Mann, eine Frau, die kommt. Sie will nur ein Objekt in Mitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haaren verschlungen werden. Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.

Sex so beschreiben, dass es nicht zu einer peinlichen Erfahrungen beim Lesen wird, auch wenn der Sex mal brutal, mal leidenschaftlich und mal enttäuschend ist, gelingt Slimani, das sei an dieser Stelle schon gesagt. Während diese Szene als die Sehnsucht einer Frau nach leidenschaftlichem, zuweilen schmerzhaftem Sex gesehen werden kann, wird über den Verlauf des Romans mehr und mehr deutlich, dass Adèle die Zwänge ihres bürgerlichen Familielebens nur durch die Zwänge eines ausschweifenden Sexuallebens, das weniger aus Lust als aus Sucht genährt wird, ersetzt. Die One-Night-Stands mit fremden Männern, die Quickies in nächtlichen Hofeinfahrten und die Affären mit Kollegen undBildergebnis für all das zu verlieren Bekannten sind selten Quell der Befriedigung und der erfüllenden Ekstase, sondern meist der erzwungene Versuch, dem ätzenden Alltag eine verbotene, rauschhafte Alternative gegenüberzustellen. Entscheidend ist, dass der Versuch hilflos bleibt. Die Grundausrichtung des Romans mit einer Frau, die aus den familiären Zwängen ausbricht und ihre Sexualität heimlich und verboten auslebt, könnte die Basis für eine Emanzipationsgeschichte sein. Adèle jedoch begibt sich von einem Gefängnis in das nächste. Was sie nicht findet, sind Vergnügen und Freiheit.

Darin gleicht sie dem Protagonisten Brandon in Steve McQueens Film Shame (2011), gespielt von Michael Fassbender. Der erfolgreiche New Yorker Geschäftsmann kann seine Sexsucht nur mühsam hinter dem gut sitzenden Anzug und dem perfekten Körper verstecken, seine Nächte sind ein verzweifelter Versuch Körper und Geist zu befriedigen, sei es durch Pornographie, mit Prostituierten oder mit Frauen, die er in Bars anspricht. Der gezeigte Sex ist das Gegenteil einer befriedigenden und leidenschaftlichen Erfahrung, was in der Verkrampfung und der Wut in Brandons Gesicht beeindruckend deutlich wird – sein ganzes Leben ist auf den kurzen, immer wiederkehrenden sexuellen Akt reduziert, alles andere verschwindet hinter dieser Sucht. Auch wenn Brandon am dramatischen Höhepunkt des Films aufgrund seiner Sexsucht mitansehen muss, wie seine Schwester, deren Hilferufe er über die gesamte Handlung nicht bemerkt, einen Suizidversuch begeht, ist Adèles Fallhöhe dramatischer. Und gerade darin ist All das zu verlieren lehrreich und seltsam konservativ.
Adèles Ehemann, Richard, ist ohne Zweifel kein feministischer Traumpartner, sondern eher ein verunsicherter Ehemann, der seine Position zwischen klassischer Rollenverteilung mit männlicher Stärke und seiner eigenen Unsicherheit nicht findet, weil er einerseits das etablierte Rollenklischee erfüllen will, andererseits aber eben nicht der souveräne Patriarch ist, der er meint sein zu müssen. Und auch deswegen wird er zum Kollateralschaden der Sexsucht seiner Ehefrau – das erste Opfer ist Adèle selbst. Brandons zerstörerisches Verhalten in Shame hat weniger Konsequenzen für die Menschen um ihn herum, auch wenn er eine moralische Verantwortung für seine Schwester hat, der er nicht nachkommt. Als alleinstehender Mann wird ihm weniger gesellschaftliche und vor allem familiäre Verantwortung auferlegt als der Ehefrau und Mutter Adèle. An dieser Stelle wird der Vergleich von All das zu verlieren und Shame interessant, weil deutlich wird, worin sich die Situationen von Brandon und Adèle unterscheiden.
Auch wenn Brandon von seiner verzweifelten Suche nach Sex innerlich zerstört wird und seine Schwester in Gefahr bringt, ist er selbst sein größter Gegner. Zum einen ist der gesellschaftliche Anpassungsdruck an Adèle größer und zum anderen bringt sie sich während des zwanghaften Sexes konsequent selbst in Gefahr, an einen gewalttätigen Mann zu geraten, vergewaltigt zu werden oder die Kontrolle anderweitig zu verlieren – damit befindet Adèle sich als Frau in einer strukturell bedingten Gefahr, in die Brandon gar nicht geraten kann. Das zeigt sich deutlich am Vergleich zweier ähnlicher Szenen. Während Brandons Schwester sich in seiner Wohnung die Pulsadern aufschneidet, hat Brandon Sex mit zwei weiblichen Prostituierten. Sein Gesicht drückt in diesem Moment verzweifelte Wut und Aggressivität aus. Beängstigend erkennt man in seinem Gesicht den schmerzhaften Zwang zum Orgasmus kommen zu müssen, bei dem die beiden Frauen auf erschreckende Weise nur Mittel zum Zweck sind. Adèle hingegen lädt sich, während ihr Mann schwerverletzt im Krankenhaus liegt, zwei männliche Prostituierte in die Wohnung ein und fordert sie auf, gewalttätigen Sex mit ihr zu haben und sie zu verletzen:

Sie hat es so gewollt. Sie kann es ihm nicht übelnehmen. […] Fünfmal, vielleicht zehn, hat er ausgeholt und sein spitzes, knochiges Knie auf ihre Scheide krachen lassen. Am Anfang war er noch vorsichtig. Er hat Antoine einen verblüfften, leicht spöttischen Blick zugeworfen, hat das Knie gehoben und mit den Achseln gezuckt. Er verstand nicht. Und dann hat er Geschmack daran gefunden, als er sah, wie sie sich wand, ihre Schreie hörte, die nicht mehr menschlich waren.

Sowohl Adèle als auch Brandon bestrafen sich letztlich auf psychisch schmerzhafte Weise selbst, der entscheidende Unterschied ist, dass Brandon als Mann immer noch in der aggressiv-dominanten Position ist, während Adèle sich der Gefahr schwerwiegender körperlicher Verletzungen aussetzt, allein, weil es Männer gibt, die ihren Wunsch nach Gewalt auch erfüllen und dabei weitere Grenzen überschreiten.

In dieser Hinsicht ist Slimanis Roman dann aufschlussreich, weil er aufzeigt wo, bei aller Parallelität der Situation, der entscheidende Unterschied zwischen einem sexsüchtigen Mann und einer sexsüchtigen Frau ist. Darunter fällt auch Adèles Verhältnis zu ihrem Sohn Lucien. Für Adèle als Frau und in diesem Fall Mutter ist im Angesicht traditioneller Rollenbilder ihre Vernachlässigung des Kindes ein weitaus größerer moralischer Skandal, als es das im umgekehrten Fall wäre. Aussagen wie „Lucien ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann.“ (S. 34) sind an sich schon ein Aufbrechen eines Tabus, weil solche Aussagen, ja bereits die Gedanken, von Müttern gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. An dieser Stelle blitzt dann das emanzipative Potential des Perspektivenwechsels auf, verschwindet aber schnell wieder hinter der Erkenntnis, dass Adèle in erster Linie als eine Süchtige dargestellt ist.

Hier schwelt im Hintergrund stets die Frage, was die Alternative zu Adèles zerstörerischen sexuellen Eskapaden ist. Die bürgerliche Kleinfamilie ist das offensichtlichste Gegenüber, mit dem die Sexsucht kontrastiert wird und stellt aus Adèles Perspektive nur eine andere Form von Gefängnis und Zwang dar. Eine tatsächlich alternative Vision eines besseren Lebens bietet ihre Freundin Lauren. Die Distanz, die Adèle aber gegenüber ihrer Freundin an den Tag legt, deutet darauf hin, dass sie einerseits zwar diese Alternative erkennt, sie andererseits für sich selbst aber nicht als umsetzbar ansieht.
Da zeigt sich auch, warum der französische Titel besser ist als der deutsche. Der Originaltitel in wörtlicher Übersetzung ist Im Garten des Monsters oder der Bestie. Die Anspielung an einen Garten der Lüste, der sich aber als von einem Monster bewohnt entpuppt, entwirft eine Interpretationsambivalenz, ob ihre Sucht der gefährliche und zerstörerische Garten der Lüste ist oder ob das scheinbar sichere bürgerliche Familienleben ein trügerisches Paradies ist. In beiden Interpretationen jedoch steckt die Ambivalenz einer zerstörerischen Gefangenschaft in einer Situation, die theoretisch Befriedigung und Glück ermöglichen könnte. Der deutsche Titel hingegen legt mit der Angst all das zu verlieren den Fokus auf die Verluste, die durch ihre Sucht entstehen, und baut somit die traditionelle Familie als erstrebenswertere Alternative auf. Tatsächlich aber bleibt Adèle gefangen zwischen zwei Lebensentwürfen, die ihr beide keine Hoffnung ermöglichen.

Leïla Slimanis Debütroman ist also in gewisser Hinsicht ein guter Roman. Der flüssige Stil, der sich auch auf die Übersetzung überträgt, gepaart mit einer rasanten Erzählweise macht ihn zu leichtem Lesestoff mit schwerer Kost. Auch zeichnet Slimani die französische bürgerliche Oberschicht mit ihren konservativen Familienträumen und ihrer Pariser Dekadenz scharf in Szene gesetzt nach und kontrastiert sie gekonnt mit der zerstörerischen Sexsucht der Protagonistin. Die sexuellen Ausschweifungen Adèles stellen jedoch keine befreiende Alternative zu ihrem einengenden bürgerlichen Familienleben dar, sie sind letztlich nur Ausdruck eines ebenso zwanghaften und suchtgetriebenen Verhältnisses zu Sexualität. Damit fällt es schwer in All das zu verlieren einen emanzipatorischen Ansatz festzustellen, vielmehr handelt es sich um eine bedrückende Darstellung einer Sucht. Die Sucht als Grund für das Sexualverhalten der Protagonistin und die psychologisierende Andeutung dass Adèles zwanghaftes Sexualverhalten letztlich in ihre Kindheit zurückzuführen scheint, machen die Figur eher eindimensionaler als interessanter. Slimani hat bestimmt keinen Roman über die sexuelle Befreiung einer Frau geschrieben, aber sie macht deutlich, wo die gravierenden Unterschiede zu Männern in einer vergleichbaren Situation liegen, das ist dann zumindest teilweise lehrreich.

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Wie wir leben werden. Über Sina Kamala Kaufmanns Erzählband “Helle Materie”

Ronja, Paul, Jannik, Timo oder Lotte – ihre Figuren heißen, als seien sie einem Hauptstadt-Roman entlaufen und würden jeden Augenblick anfangen, über bodentiefe Fenster oder Bräunungsmittel für Parkettböden zu sprechen. Glücklicherweise hat Sina Kamala Kaufmann, das zeigen schon die ersten Seiten ihres Erzähldebüts, weit mehr vor, als desorientierte Twens an die Berliner Luft zu lassen.

Kleine Zukunftsstücke hat die 1985 geborene Autorin geschrieben, „nahphantastische Erzählungen“, wie der Verlag es nennt, in denen sie jeweils eine Komponente des heutigen Zusammenlebens weiterdenkt. In Wettbewerbungswochen radelt Lotte durch eine verfinsterte deutsche Stadt und weicht Schlaglöchern aus. Landesweit wird aus ökologischen Gründen Strom gespart. Städte und Gemeinden stehen im Wettbewerb miteinander, dem Sieger winken zusätzliche Feiertage und Subventionszuschüsse. Im Rahmen der Aktion sind alle Daten der Bevölkerung online einsehbar, die der Sparer ebenso wie die der Verschwender. Lotte zählt zu letzteren, sie hat sich illegal alte Glühbirnen über eBay besorgt, „die mit den Glühfäden, in denen man die sich bewegenden Elektronen fast noch sehen, zumindest aber erahnen kann“. Auf wenigen Seiten entwirft Kaufmann eine staatlich geförderte Kontroll- und Entsagungsgesellschaft, die sich wie die natürliche nächste Stufe des Effizienz-Öko-Gedankens ausnimmt. Hier greift ein Getriebe aus umweltethischem Argument, einer Praxis des Shamings und ein kollektiver Zwang reibungslos ineinander. Gegendarstellung: ausgeschlossen, mündiger Individualismus: unerwünscht.

Elastische Mini-Simulationen

An anderer Stelle ist bei Kamala wie selbstverständlich von Social-Network-ID-Kärtchen und alt-repräsentativen demokratischen Vertretern die Rede. Wer anders hätte hieraus eine langatmige und hyperevidente Dystopie gebastelt, Kaufmann hingegen greift diskursive Details auf, die gerade die Öffentlichkeit bestimmen, und überführt sie in prägnante Szenarien, ohne dabei diagnostischen Groß-Ansprüchen nachzugeben. Denn in „Helle Materie“ wird nichts manfred-spitzer-mäßig verdammt. Vielmehr benehmen sich Figuren und Erzähler so, als hätten sie gemerkt, dass sich etwas Neues anbahnt, ein Druckabfall, eine atmosphärische Verschiebung.Ein wenig sträuben sie sich dagegen, ein wenig machen sie mit – was bleibt ihnen auch anders übrig? Irgendwie muss man doch durch diese bizarr verformte Gegenwart navigieren, die nichts mehr nicht in Frage stellt.

In Opt-in-Slavery werden weltweit Milliardäre dazu verpflichtet, sich als Mäzene um Schützlinge zu kümmern, die sich ihnen in Bewerbungsvideos mit ihren Lebensprojekten vorstellen: „Ich will Ihre Unterstützung. Ich bin kein hoffnungsloser, sondern ein höchst spannender Fall!“ So richtet sich die verzweifelte Figur an ihre potentiellen Geldgeber, in der Hoffnung, endlich ausgewählt zu werden. Der Reiche zahlt auf diese Weise Steuern und darf entscheiden, was der Arme tun muss. So geht Steuerreform und schöne neue Arbeitswelt, so geht Social Gaming. Irgendwann, demnächst, womöglich.

Bei alledem gerät Kaufmann nie in den Panikkopf-Modus. Weder fuchtelt sie mit erhobenen Zeigefingern, noch setzt sie alarmistische Ausrufezeichen. Ihre Mini-Simulationen bleiben knapp und elastisch. Zugleich merkt man, dass hier aus den innersten Denkräumen der Gegenwart gesprochen wird. In der ersten Erzählung Nochmal, nochmal gibt’s eine Passage, die wie ein Motto fürs Buch klingt: „Und ich stand nun hier. Mitten in diesem Bild, in meinem Geschichtsbuch im 21. Jahrhundert.“ Durch das Jetzt-Museum stolpern, dabei Besucher und Ausstellungsobjekt zugleich sein – das ist die Rolle, die einem dieses bemerkenswerte Buch zuweist.

Ein Clown im Bundestag

Vielleicht hat sich die Katastrophe längst in das alltägliche Gehabe geschlichen, als Anlage, als Möglichkeit. Diese Ahnung arbeitet Kaufmann geschickt heraus und bewahrt dennoch eine mal muntere, mal bittere Verspieltheit. In einer ihrer Erzählungen wird die gefährdete Demokratie durch einen sogenannten Bundesnarren revitalisiert, der die politischen Systeme mit einer Mischung aus Clownerie, Reformeifer und Anpackmentalität aufwirbelt. Den Parlamentariern schreit er besoffen entgegen: „Ich zerstöre Ihr Vertrauen in das System und stelle Ihr Vertrauen in die Menschen wieder her!“ Wer will, denkt hier an eine gute Variante von Trump, an einen philanthropischen Demagogen. Am Ende stellt die Autorin ihren Reformkasperl in einer Hütte auf einem Tessiner Felsen ab, als habe sie keine Lust mehr auf die Figur, nachdem sie sie einige Seiten durch die tragischen Trümmer unseres Politsystems gescheucht hat.

Jede der zwölf Erzählungen wäre für sich genommen ein gutes Script für die Serie “Black Mirror”, in der technologische Entwicklungen zugespitzt werden, als Like-Autoritarismus oder Virtual-Reality-Gefängnis. Der Grusel-Effekt ist in beiden Fällen ein ähnlicher: Wir kriegen Denkbreschen geschlagen, die uns einen ersten Eindruck verschaffen, wohin es gehen könnte. Und wie weit wir auf diesem Weg bereits sind.  „Wie hatte das hier begonnen?“, fragt sich Timo in Eine Kleidergeschichte, einer Erzählung, die von einem anti-konsumistischen Aufstand namens Die Weiße Bewegung handelt. Die Gruppe trägt ausschließlich weiße Klamotten und feiert den kauffreien Montag als Moment des Widerstands. Nach und nach gewinnt die Bewegung an Fahrt, der Verfassungsschutz wird aktiv. Aber Timo findet im Laufe der Geschichte keine überzeugende Antwort, zu seltsam sind ihm seine Umwelt und sein Platz darin geworden.

Aber seine Frage hallt nach. Ja, wie hat es denn begonnen, das 21. Jahrhundert mit seinen spätkapitalistischen Selbstverständlichkeiten, seinen lässig einstudierten Gesten der Verweigerung und der mal hoffnungsfrohen, mal drohenden Idee, dass eine große Änderung bevorsteht? In ihrem bestechend hellsichtigen Buch erdreistet sich Sina Kamala Kaufmann nicht, eine vorschnelle bzw. einfache Antwort hierauf zu geben. Aber selten wurde die Frage so eindringlich, agil und lesenswert gestellt wie in ihren Erzählungen.

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Der harte Kerl des Literaturbetriebs? – Über die eindimensionale Sicht auf Jörg Fauser

Mit murmeltierhafter Regelmäßigkeit entdeckt das deutschsprachige Feuilleton alle paar Jahre einen Autor der bundesrepublikanischen Literatur wieder, den es bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 1987 weitestgehend ignoriert hatte: Jörg Fauser (geboren 1944) ist gerade wieder in aller Munde und einige größere und kleinere Literaturteile der Feuilletons widmen ihm zum Anlass der neuen Werkausgabe, die dieses Jahr bei Diogenes erscheint, eine Eloge und etliche werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch folgen, schließlich feiert er im Juli auch seinen 75. Geburtstag (bisher Süddeutsche, WELT, Aargauer Anzeiger, Tagesanzeiger und eine Besprechung im Lesenswert Quartett).

Jörg Fauser, das ist der repräsentative Säufer, Kneipen- und Drogenliterat und Rebell des deutschen Literaturbetriebs, den man immer wieder aufs Neue vom Barhocker weg ins Rampenlicht zerren muss, um zu zeigen, dass auch die sonst so blutleer geschriebene deutschsprachige Literatur der letzten Jahrzehnte ihre alkoholisierten Haudraufs hatte – Jörg Fauser: Unser Charles Bukowski. Offenbar braucht man ihn. Wieso sonst sollte ein Autor, der bis heute von der Forschung und seinerzeit vom Literaturbetrieb weitestgehend vernachlässigt wurde, nur 32 Jahre nach seinem Ableben schon die dritte Werkausgabe bekommen? Selbst einem Lesepublikum, das Fauser nicht abgeneigt ist, mag eine solch dichte Folge von Werkausgaben in insgesamt drei Verlagen (1990 bei Rogner & Bernhard, ab 2004 im Alexander-Verlag, 2019 bei Diogenes) seltsam vorkommen.

Fauser im Feuilleton – immer wieder das gleiche

Bei all dem feuilletonistischen Brimborium, das zu runden Geburts- und Todestagen, Werkausgaben und aktuell wieder um Fauser gemacht wird, zeigt sich immer wieder eine Rezeptionstendenz der letzten drei Jahrzehnte des Schriftstellers Fauser: Trotz aller Begeisterung bekommt man den Eindruck, dass er nur teilweise oder gar nicht gelesen wird. Denn dafür, dass Fausers komplettes Werk im Buchhandel erhältlich ist, beschränkt sich die Rezeption meist auf den berühmten autofiktionalen Roman Rohstoff – der erschreckend oft als Quelle für Fausers Leben gelesen wird, was schlicht unzulässig ist. Verwiesen wird zudem gerne auf die beiden Krimis Das Schlangenmaul und Der Schneemann. Selten unerwähnt bleibt auch die Anekdote von Fauser beim Wettbewerb um den Bachmann-Preis 1984, wo ihm die gesamte Kritikerjury, einschließlich Marcel Reich-Ranicki, bescheinigte, dass er allenfalls wertlose Trivialliteratur schreiben würde. Auch Fausers Vorbilder werden regelmäßig aufgerufen, all die großen Renegaten der amerikanischen Literatur wie William S. Burroughs, Jack Kerouac und Charles Bukowski werden genannt, so als wolle man sagen: „So einen haben wir auch.“ (Wer an dieser Stelle häufig vergessen wird ist Christian Dietrich Grabbe, der für Fauser eine große Rolle spielte, der aber nicht in diese amerikanische Kulturreihe von vermeintlich coolen Männlichkeitsliteraten passt) Verknüpft wird dies alles mit Hinweisen auf Fausers Biographie, die Heroinerfahrungen in Istanbul, die Kneipennächte in Frankfurt, München und Berlin. All dies autobiographische Material habe er in Literatur umgesetzt. Michel Decar lässt sich beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung zu solchen Sätzen verleiten:

Dabei sein, einfach mal machen, auf die Fresse bekommen, leben. Die Welt der Kioske, Nachtzüge und Teehäuser. Szenen am Stehausschank, Szenen in der Morgendämmerung der Bahnhofsviertel, in den Frühlokalen und Imbissbuden, im Zwischengeschoss!

In der selben Rezension schwingt sich Decar noch zu einer Feier all dieses Drogenkonsums auf und bedauert schließlich in seltsamen Worten den Verlust dieser Kneipen- und Fixerkultur:

35 Jahre später ist diese Welt beinahe verschwunden, zu Tode kommerzialisiert und marginalisiert. Hier und da schimmert sie noch durch zwischen den Back Factorys, Coffee Fellows und Rewe-to-gos der Innenstädte. Sicher werden am Frankfurter Hauptbahnhof noch heute Nadeln in Venen gejagt, aber auch hier hat sich die Nachbarschaft zum Schrecklichschönen verändert.

Fauser, das Vorbild für ‚echte Männerliteratur‘?

In der Literatur seit Mitte der 1990er Jahre hat Fauser ebenfalls treue Gefolgsleute, die sich in den Nach- und Vorworten der letzten Werkausgabe im Alexander-Verlag versammeln, allen voran Benjamin von Stuckrad-Barre, der im Nachwort zu Rohstoff zwar lediglich zu diesem spezifischen Roman schreibt, aber doch immer im Plural von den ‚Helden‘ Fausers spricht, bei denen er nicht nur „die volle Wahrheit“, sondern auch Würde, „das sogenannte Leben“ und „abgerockte Schönheit“ zu finden meint. Franz Dobler ergeht sich in Der Blues geht nicht weiter in Lobeshymnen zu Fausers früher Lyrik, in denen er „keine Pose, nichts Erfundenes“ zu erkennen meint und schließlich über sein eigenes Schriftstellerdasein zu lernen glaubt, „daß ich nur aus Feigheit in den Universitätsgängen herumlungerte und daß das kein würdiges Verhalten für einen Schriftsteller war.“ Auch Maxim Biller sieht in Fauser einen Gewährsmann für seine realitätstriefende Literatur. Wie gut er ihn allerdings gelesen hat, bleibt zumindest fraglich, da er 1999 in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk behauptete, der Roman Rohstoff von 1984 sei aus den 1970ern. Aber auch 2011 stellt er in der FAZ fest:

Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch. Denn Jörg Fauser hat den Siebziger-Jahre-BRD-Horror, den er beschreibt, Wort für Wort, Niederlage für Niederlage, genauso selbst erlebt. Eine gute literarische Investition.

Auffällig ist, dass es in der Fauser-Rezeption in den meisten Fällen nur um Rohstoff geht, aus dem dann oft die Lebensgeschichte Fausers abgeleitet wird. Als würde der eine – ohne Frage gute – Roman, den Fauser im Alter von 40 Jahren geschrieben hat, reichen, um eine generelle Aussage über sein Werk tätigen zu können.

Fausers Helden – Vorbilder für ‚echte Kerle‘ ?

Liest man die Feuilletonbeiträge und die Lobeshymnen der auf ihn folgenden Autorengeneration könnte man den Eindruck gewinnen, dass Fauser intensiv und detailliert gelesen wurde. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Christiane Rösinger schrieb 2004 für den Tagesspiegel einen kritischen Artikel über Jörg Fauser als Autor für „coole Jungs“, in dem sie auf die Begeisterung einging, die Fauser offensichtlich vor allem bei spätpubertierenden Jungmännern auslöst, die mit Hilfe seiner Literatur aus ihrer bürgerlichen Existenz in die zwielichtigen Eckkneipen fliehen wollen. Und sie zitiert darin auch die FAZ: „„Sie nahmen Frauen hart ran und vertragen einen kräftigen Schluck“ hieß es 1990 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Fausers Helden.“ Diese Beobachtung der Autorin über die identifikatorische Beliebtheit von Fausers Literatur bei einer bestimmten Gruppe junger Männer führt sie auf die vermeintliche stereotype Männlichkeit der Romane zurück:

Jörg Fauser wurde so zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach Männerromane.

Das Bild, das Rösinger hier von der Rezeption zeichnet, trifft zu, so wird die Literatur Fausers für gewöhnlich dargestellt. Es stellt sich jedoch die Frage, wie bei der Lektüre von Jörg Fauser der Eindruck entsteht, hier würde jemand die vorbildhaften lässigen, harten Jungs vom Tresen beschreiben. Anscheinend dürften die wenigsten Fausers ersten Roman Tophane (1972) gelesen haben, der nicht erst in der Junkie-Szene in Istanbul einsetzt, sondern bereits im Frankfurter Bahnhofsviertel:

Schmutzig sinkt die Sonne über den Fassadenhimmel in ihren Untergang – haltet euren Bauch, Bürger, frei von Fäulnis und Gier, den Bauch dieser Stadt die euch mit den Süchtigen betrügt – schützt eure Kinder vor den Anlagen in denen der Spritzenmann im Dunkeln lauert – zerreißt die Seiten vergast die Föten vertilgt die Frauen die ihre Fotzen betrachten – stellt sie in den aseptischen Regen und überlaßt sie der Nacht.

Jörg Fauser: Tophane. In: ders.: Alles wird gut. Gesammelte Erzählungen und Prosa I, Zürich 2009, S. 312.

Von dort an wird der Ton nur rauer, da ist keine Spur der ambivalenten Junkie-Romantik, die Michel Decar in seinem Artikel im heutigen Frankfurt vermisst. Tophane ist Literatur am Abgrund und ein Kampf für jeden, der es liest. Der Roman mäandert über 150 Seiten ohne Handlung und Struktur – das ist keine kultige Kneipenliteratur im Stile eines Charles Bukowski. Diese wiederum schreibt Fauser in den siebziger Jahren tatsächlich, allerdings wimmelt es hier nur so von Männern, die man nicht zum Vorbild haben und denen man schon gar nicht zu nahe kommen will. Wie dem Wirt in Zuhause hab ich keine Zeit, der darüber fantasiert seine Frau, die ihn verlassen hat, umzubringen und von seinem Wehrdienst zu berichten weiß:

Beim Bund hatten wir solch einen Waschlappen, erinnerte er sich. Sie hatten ihn an ein Bett gefesselt und die Sado-Susi auf ihn angesetzt. Erst als das Bett wieder gebraucht wurde, hatte man ihn losgebunden und festgestellt, daß er tot war, der Drückeberger.

Jörg Fauser: Zuhause hab ich keine Zeit. In: ders.: Mann und Maus. Gesammelte Erzählungen II, Zürich 2009, S. 64.

Oder die Protagonisten in Der Sieger kehrt heim und Die Bornheimer Finnin, die beide verzweifelt auf der Suche nach Nähe und einem Dach über dem Kopf sind und keines von beidem finden:

Hinter den Flammen unserer Feuerzeuge tappten wir durch ein leeres verpißtes Haus auf der Suche nach Sex, nach einem scharfen Zahn, wahrscheinlich auf der Suche nach der Frau fürs Leben.

Jörg Fauser: Die Bornheimer Finnin. In: ders.: Alles wird gut. Gesammelte Erzählungen I, Zürich 2009, S. 193.

Keiner dieser Männer ist auch nur annähernd cool, lässig oder auf eine möglicherweise nachahmenswerte Art authentisch männlich. Sie alle verkrampfen sich in der zwanghaften Performanz einer toxischen Männlichkeit im Angesicht der sich wandelnden Gesellschaft der siebziger Jahre. Jörg Fauser beschreibt diese Männer manchmal mit Mitleid, manchmal mit Abscheu und wenn ein hilfloser Typ in seinen Erzählungen am Tresen sitzt, der fertig gemacht wird oder am meisten leidet, dann ist diese Figur seinem Autor oft am nächsten, wird als „Dichter“ bezeichnet oder heißt auch mal Harry – nach Fausers Alter Ego Harry Gelb. Sieht man ihn 1984 in der Sendung Autor-Scooter im Interview mit Jürgen Tomm und Hellmuth Karasek, bekommt man eher den Eindruck eines biederen Schriftstellers, der sich zwar in der zwielichtigen Halbwelt auskennt, aber doch ein eher spießiger Autor ist.

Und der im Herzen konservative Spießer wäre er wohl auch heute noch, wenn er nicht so früh und tragisch verstorben wäre. Gerade deswegen wundert es umso mehr, dass das Feuilleton ihn immer wieder für seine Grenzüberschreitungen feiert. Seine Literatur, seine Reportagen und Essays sind voller rassistischer Ansichten, Homophobie und Misogynie, da werden Männer als Schwuchteln beschimpft und Frauen sind grundsätzlich Sexobjekte. Fauser, der sich selbst als unpolitisch betrachtete, würde heute wohl gegen ‚politische Korrektheit‘ wettern und sich ‚weder rechts noch links‘ oder ‚Freidenker‘ in die Twitterbio oder die Selbstbeschreibung auf Facebook schreiben. In welchen Kreisen sich Fauser in den 80ern bewegte, zeigt sich auch daran, wer heute davon schwärmt mit ihm befreundet gewesen zu sein. Franz Josef Wagner besäuft sich in einer Erinnerung zum 20. Todestag im SPIEGEL fast daran mit Fauser gut bekannt gewesen zu sein und am Abend vor seinem Tod mit ihm getrunken zu haben:

Die Geburtstagsgesellschaft lief angenehm betrunken am frühen Abend dann ins “Schumann’s” ein. Gott, wie oft schon waren wir beide, Jörg und ich, als Schnapsleichen aus dem Schumann’s hinausgetorkelt. Zwei Schritte vor, drei Stolperschritte zurück, und hinter uns Eichinger oder Wondratschek. München 1987.

Auch Matthias Matussek rühmte sich 2017 in seinem Text Wie ich von links nach rechts gelangte in der ZEIT noch damit mit Jörg Fauser bekannt gewesen zu sein. Während sich das tendenziell linksliberale Feuilleton aus guten Gründen von Wagner und Matussek weitestgehend fernhält, kann man Fauser weiter umgarnen – er wurde nicht alt genug, um auf einer Kiste stehend Parolen zu schwingen. Bei all der Feier dieser vermeintlich authentischen Literatur könnte man allerdings erwarten, dass mehr gelesen würde als seine Trinkerstories. Seine Erzählungen, Romane, Gedichte und seine Essays sind neben der vielen aus heutiger Sicht problematischen Teile voll von exakten Beobachtungen über die BRD, wie dieser hier:

Carl starrte auf den Krempel in seinem Karren. Pastis, Rasierwasser, Zahnbürsten, Honigmelone, Dosensuppen, Plastikwurst, Tintenschreiber, Nähnadeln, Büchsenbier, Sahnejoghurt, Unterhosen, Kartoffelchips, Diätmargarine, was ergab das für einen Sinn? Waren das die cleveren Marktmethoden gewissenloser Supermarktmultis, oder welcher Warenhunger hatte diesen Karren gefüllt? Dieser Karren, dachte Carl, ist zehn Jahre Einsamkeit, und der Karren des Kahlkopfs vor dir mit seiner Sülze, seinem Scheuerlappen, seinen Weichspülern, seinem Magenbitter, seinen Käsestangen ist zwanzig Jahre Einsamkeit, und der Karren der Schlampe hinter dir mit seinem Fruchtlikör, seiner Fernsehzeitschrift, seinen Lockenwicklern, seinem Katzenfutter ist dreißig Jahre Einsamkeit, und der Karren des Türken mit seinen drei Kilo Mischbrot und seinen fünf Dosen Vierfruchtmarmelade ist die Einsamkeit eines Kontinents im Exil, und all die Karren im Supermarkt und alle Supermärkte sind die Insignien und in Beton gemauerten Zeichen unserer Niederlagen.

Jörg Fauser: Das Weiße in den Augen. In: ders.: Mann und Maus. Gesammelte Erzählungen II, Zürich 2009, S. 34f.

Und vielleicht hat kein Autor die westdeutsche Republik so trist und treffend beschrieben wie Fauser in seiner Deutschland-Reportage Kein schöner Land. Doch in all diesen Texten, so genaue Beobachtungen sie auch enthalten mögen, erkennt man den performativ männlichen Blick zwischen den Zeilen, es wimmelt von Frauen, die als ‚Schlampen‘ und ‚Huren’ bezeichnet werden und gerade in frühen Jahren findet sich manches rassistische Klischee und offene Homophobie.

Dass Jörg Fauser und sein Werk mit kleinen Ausnahmen bis heute keine differenzierte Auseinandersetzung in Feuilleton und Wissenschaft erfahren, die sich auch diesen ausgesprochen problematischen Facetten widmet und das Werk in seiner Gesamtheit mit allen Stärken und Schwächen wahrnimmt, mag zum einen an einer kursorischen Lektüre liegen und zum Anderen daran, dass sich meist nur diejenigen wissenschaftlich und literaturkritisch mit ihm befassen, die ihn als Idol oder wenigstens als genialen Undergroundschriftsteller verehren – nur so kann es auch dazu kommen, dass beinahe überall seine spießige und teilweise diskriminierende Weltsicht entweder verharmlost oder verschwiegen wird. Das beste Beispiel dafür ist die Ankündigung der Großen Jörg-Fauser-Sause, die anlässlich seines 75. Geburtstages im Juni in Berlin stattfindet (Danke für den Hinweis an Holger Schulze (@mediumflow)), in der es heißt:

Das Gespräch über einen, dem der deutsche Literaturbetrieb bis heute nicht die Ehren erweist, die er ehemaligen SS-Männern oder faschistoiden Popdichtern gar nicht genug nachwerfen kann.

Jörg Fauser wurde gerade erst im Lesenswert Quartett besprochen, bekommt die dritte Werkausgabe und wird zu jedem Todes-, Geburtstag und wieder aufgelegtem Text aufs Neue als der dreckige Undergroundschriftsteller besungen. Mit ein Grund, warum Fauser wieder und wieder hervorgeholt wird, dürfte sein, dass Authentizität im aktuellen Literaturbetrieb groß geschrieben wird. Und männliche Authentizität bedeutet in vielen Fällen immer noch eine vermeintlich harte Männlichkeitsprosa. Dazu passt das landläufige Bild von Fauser als kultiger Kneipenliterat dann wie die Faust aufs Auge. Das ist viel der Ehre, nur leider die falsche.

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Der Sänger: Lukas Hartmanns Roman über Joseph Schmidt

In dem kleinen Dorf Dawideny, nahe Czernowitz, der Geburtsstadt Paul Celans, in der zu Österreich gehörenden Bukowina wird 1904 Joseph Schmidt geboren. Er ist der Sohn deutschsprachiger, orthodoxer Juden und singt bereits in jungen Jahren als Chasan (Kantor oder “Vorbeter”) in der Synagoge. Joseph Schmidt ist ein begnadeter Tenor, da er aber von recht geringem Wuchs ist, bleibt ihm die klassische Opernkarriere verwehrt. Stattdessen wird er vom Rundfunk entdeckt und im jungen Genre der “Rundfunkoper” ein Star. Sein Gesicht, aber vor allem seine Stimme, sind bald international bekannt.

Ein Lied geht um die Welt

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen, ist Schmidt auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Einen Tag vor den Bücherverbrennungen in zahllosen deutschen Städten feiert der Film “Ein Lied geht um die Welt” Premiere. Im Ufa-Palast sitzen am 9. Mai dreitausend Zuschauer, unter ihnen Joseph Goebbels, der Schmidt gerne zum “Ehrenarier” ernennen würde, was der Sänger ablehnt.

Schmidt flieht am Tag nach der Premiere. In halb Europa ist er zu Gast, in den USA und Palästina. 1938 flieht er aus Österreich über Belgien nach Frankreich. 1942 flieht er von dort in die Schweiz.

Da ihm an der Schweizer Grenze der Grenzübergang verwehrt wird, übertritt er sie bei Nacht illegal. Er ist gesundheitlich stark angeschlagen und wird im Lager Girenbad – unter anderem zusammen mit Manès Sperber – interniert. Auf seine Arbeitserlaubnis wartend verschlechtert sich sein Zustand immer weiter. Im November stirbt Joseph Schmidt mit nur 38 Jahren in der Schweiz an Herzversagen. An den großen Star von einst erinnern sich heute nur noch Wenige.

“Der Sänger” von Lukas Hartmann

der sänger lukas hartmann joseph schmidt diogenes cover

Der Lebensgeschichte Schmidts hat sich nun der Schweizer Romancier Lukas Hartmann angenommen und diese fiktionalisiert in “Der Sänger” verarbeitet.

Der Roman beginnt 1942 in Frankreich mit den Vorbereitungen der Flucht in die Schweiz und reicht bis zu Schmidts Tod, verschränkt immer wieder mit den Erinnerungen des Protagonisten, des Sängers selbst, über die Hartmann dessen gesamte Biographie einführen kann, ohne den Rahmen zu verlieren.

“Hartmanns Schmidt” ist ein verlorener, gebrochener Mensch; tief verunsichert, um seine (wirtschaftliche) Existenz und sein Leben bangend, aufgerieben zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Als Sänger einer der Besten seines Fachs, ein Star, ein Frauenheld wird Schmidt im Exil unter widrigen Bedingungen auf die Notwendigkeit des bloßen Überlebens zurückgeworfen. Trost bieten nur die helfenden Hände, die sich Schmidt aus Sympathie oder aufgrund des Ruhms vergangener Zeiten entgegenstrecken, und doch nichts gegen den übermächtigen Feind ausrichten können.

Der Sänger überzeugt dabei als Roman nicht durchweg, mal mäandert Hartmann von Erinnerung zu Erinnerung, mal psychologisiert er bis zur Überzeichnung – dies aber sicher eine “Krankheit des Genres”, denn trotzdem ist “Hartmanns Schmidt” in sich konsistent und nicht unglaubwürdig.

Auch zwei Wochen nach der Lektüre geistert Schmidt und seine Musik noch durch die Gedanken. Dies liegt in erster Linie aber wohl an der Tragik Schmidts Lebens und nicht der herausragenden Qualität des Roman, der gleichwohl eine überaus solide Lektüre darstellt.

Eine lohnende Dokumentation zu Joseph Schmidts Leben findet sich auch hier:

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Heim(at)weh

Ich überlege seit geraumer Zeit, wie ich die Bedeutung eines Buches wie „Eure Heimat ist unser Albtraum“ so transportieren kann – akademisch und wortgewandt begründet – dass es auch Menschen verstehen, die diese Realität nicht selbst erleben und die eine Abwehrhaltung gegen solche Aussagen entwickeln, auf die ich erstmal nichts entgegnen kann, weil ich eben nicht so akademisch und wortgewandt bin. Aber dann wiederum – das muss ich vielleicht nicht. Vielleicht reicht es aus, darüber zu reden, warum ich die Anthologie wichtig finde.

Heimat

Wem gehört Deutschland? Wer gehört zu Deutschland? Seit dem letzten Jahr scheint es einen noch größeren Bruch zu geben zwischen dem „Eure“ und „Unsere“. Nicht nur gibt es jetzt das Heimatministerium unter diesem Namen, auch gehören Aussagen wie „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, geäußert von Horst Seehofer, zum Alltag. Der Mann also, der politisch für die „Heimat“ stehen soll, schließt eine Gruppe von Menschen pauschal aus dieser aus. Für viele Muslim*innen, die ebenso in Deutschland geboren sind wie ein Seehofer und die gar keine andere Heimat kennen, ein Schlag ins Gesicht. Ein Albtraum.

„Dieses Wissen hat für immer Auswirkungen darauf, wie ein marginalisierter Körper sich zu dieser dritten Gruppe, die sich als Mehrheit versteht, verhalten wird. Es geht nicht darum, dass die Mehrheit nicht selber angegriffen hat – es sind immer Einzelne, die die Aggressionen ausführen-, aber sie hat auch nicht verteidigt.“ S. 21, „Sichtbar“ von Sasha Marianna Salzmann

Wer gehört zu Deutschland?

Ist es notwendig, an dieser Stelle nochmal das Fass aufzumachen, warum die Frage „Wo kommst du her?“ von vornherein die Zugehörigkeit abspricht? Wobei, in meinem Fall sind die Menschen häufig kreativer – die Frage „Wo kommt dein Name her?“ tarnt sich noch mehr als positives Interesse, fragt aber verschleiert doch nach der Herkunft, die so widersprüchlich ist, weil ich weißer aussehe als ein Kartoffelsalat. Spätestens da sollte eigentlich ein Lernmoment einsetzen. Ich sage sollte, weil es bei vielen nicht der Fall ist.

„Das Grauen ist nicht nur ein Grauen vor der Gewalt der Neonazis, es ist vor allem ein Grauen vor einem Staat, der nicht schützt, dessen Polizei nicht eingreift, wenn der Mob die Unterkünfte von Geflüchteten und migrantischen Arbeiter_innen […] jubelnd anzündet.“ S. 46, „Vertrauen“ von Deniz Ultu

„Eure“ vs. „unser“

Oft lese ich, dass diejenigen, die über Ungleichheiten sprechen, überhaupt erst dafür sorgen würden. „Opferrolle“, „Rassismuskeule“ und „Extrawurst“ sind eine häufige Reaktion. Dabei ist mir unverständlich, denn wie soll ein strukturelles Problem demontiert und dekonstruiert werden, wenn wir es nicht benennen? Wenn wir nicht, wie in dem Essay-Band, Situationen nennen, in denen Ungleichbehandlungen erfahren wurden? Bezeichnend scheinen mir da einige der Amazon-Rezensionen:

„[…] So schlecht kann Deutschland ja nicht sein, man kann kostenlos studieren, was auch Aydemir gerne in Anspruch genommen hat. Und die Gretchenfrage, warum geht sie denn nicht in ein anderes Land, wenn hier alles sooooo schlecht ist?“
„[…] Es steht Ihnen allerdings nicht zu, dieses Land umzugestalten, damit Sie sich hier besser fühlen. Die Haltung der beteiligten Autoren zeigt, dass jeder hierzulande gastierende Ausländer eine tickende Zeitbombe ist.“
„[…] Was ich vermisse, ist die kritische Selbstreflexion: will man sich integrieren? Wenn ja, was hat man bis jetzt getan? Oder will man es nicht? Wenn nein, warum dann nicht konsequent sein und nicht über „Almans“ jammern, sondern sich einen schöneren Flecken auf dieser Welt suchen?“

Es ist bezeichnend, dass sobald Menschen, die nicht deutsch gelesen werden, Kritik an Deutschland oder weißen Deutschen äußern, ihnen nahegelegt wird, das Land doch zu verlassen. Der Mangel an Integration als Vorwurf bleibt auch nicht lange weg – eine Forderung, die nur an jene gestellt wird, die „anders“ sind. Nein, nicht sind – die anders gemacht werden.

Für uns

Nun ist die dritte, teilweise vierte Generation von Einwanderern aber nicht mehr bereit, diese Position zu akzeptieren, die ihr gesellschaftlich gebilligt wird. Wir sind mündig, sprechen fließend Deutsch, studieren, sind laut und unnachgiebig. Und wir schreiben. Ich sage „wir“, weil ich die Autor*innen dieser Anthologie als Mitstreiter*innen sehe. Und weil sie mir Hoffnung geben, dass Deutschland doch noch das Potential hat, ein Land zu sein, das alle Menschen gleich behandelt. Es sind (post-)migrantische Menschen, die über Rassismus sprechen, über Antisemitismus, Sexismus, Heteronormativität und Transfeindlichkeit, die mir Hoffnung geben und nicht die, die von ihnen fordern, die einzige Heimat zu verlassen, die sie kennen – und hasslieben.

Sit down, bitch, be humble

Von zukünftigen Leser*innen der Essays würde ich mir wünschen, dass sie sich zunächst zurücknehmen und nicht gleich in eine Abwehrhaltung fallen. Privilegierte(re) Positionen werden angegriffen ja; nicht aber Personen. „Das ist doch gar nicht so gemeint“, „Das ist doch völlig unabhängig von Herkunft und Hautfarbe“, „Das gibt es doch auch bei [andere benachteiligte Gruppe einfügen]“ – verzichtet einmal drauf. Und hört zu.

„Noch immer ist es für Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte schwieriger, eine Wohnung, einen Arbeitsplatz oder auch gute ärztliche Betreuung zu bekommen. Und all das muss vor dem Hintergrund einer Gesellschaft betrachtet werden, in der die Schwere zwischen Arm und Reich sowieso immer weiter auseinandergeht. „Die Norm ist verankert, und die empirische Realität sieht anders aus, also ist die Ordnung gestört“, erklärt Foucault das Phänomen. „Und was macht man, um sie wieder ins Lot zu bringen? Entweder man mobilisiert viele Ressourcen, um die empirische Realität der Norm anzupassen. Oder man holt die Norm nach unten. Und das ist das, was wir im Moment im politischen Spektrum beobachten können und das ist der rechte Diskurs.“ S. 111, „Zuhause“ von Mithu Sanyal

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Auf nassem Grund – Strategien des Aufmerksamkeitsbusiness in unklaren Zeiten

Das Aufmerksamkeitsbusiness ist kein leichtes. Wie soll man als Journalist*in dafür sorgen, dass die Leute die eigenen Texte lesen, wenn das ganze Internet voll von Texten ist? Es ist zur Zeit ein schwieriges Unterfangen publizistische Aufmerksamkeit zu bekommen und gleichzeitig die politische Integrität als im eigenen Verständnis demokratischer, weltoffener und eher links gesinnter Mensch zu behalten. Natürlich kann man es wie Rüdiger Safranski machen und sich einmal mit einem großen Schritt nach Rechts bewegen, in den Abgrund des Rechtspopulismus blicken und dann entscheiden, dass man sich von dem Windstoß, der von dort hochkommt, tragen lässt, aber dann wird man sehr schnell (und sehr) zurecht in die kalte rechte Ecke gestellt. Wenn man aber in die Vielklang der linken, feministischen, antinationalistischen und weltoffenen öffentlichen Stimmen einsteigt, dann hört einen dort, wo man Gehör finden will, niemand, denn da stehen zum Glück nicht wenige.

Strategie 1: Etablierung als scheinbar streitbare und unabhängige intellektuelle Stimme

Thea Dorn hat dieses Problem erkannt und zeigt seit einiger Zeit, wie man sich geschickt konservativen und teilweise neurechten Positionen annähert, bestimmte Grenzen aber nie überschreitet. Diese kommunikative Strategie begann vielleicht nicht mit dem Buch Deutsch, aber nicht dumpf (auch hier auf 54books rezensiert von Matthias Warkus), aber da nahm es seine jetzige Form an. Dorn entwirft darin eine Variante des Patriotismus oder sagen wir ruhig Nationalismus, den sie jedoch nicht rechts verortet, sondern, den sie im Gegenteil gegen rechte Vereinnahmung verteidigen will. Anders gesagt, man solle den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen. Damit schlägt sie zwei Fliegen mit einer rhetorischen Klappe. Sie grenzt sich zum Einen von neurechten Positionen ab, was sie weiterhin tragbar, interviewbar und publizierbar für das im Selbstverständnis generell dem Pluralismus verpflichtete deutschsprachige Feuilleton macht, zum Anderen winkt sie aber mit bestimmten Begriffen den Menschen zu, die nicht die AfD wählen würden, denen aber feministische, antinationalistische und identitätspolitische Entwicklungen zu weit gehen – denen das alles nicht so ganz geheuer ist. Eine Taktik die im englischsprachigen Raum als Dogwhistling bezeichnet wird, das Pfeifen mit einer Hundepfeife, deren Töne nur für Hunde hörbar sind. In diesem Kontext heißt das, es wird mit Begriffen hantiert, die bestimmte Gruppen ansprechen, die aber im öffentlichen Diskurs per se unproblematisch sind.

Gerade steht sie wieder auf diesem sehr schmalen Grat und blickt nach unten, mit einem Meinungsessay in der ZEIT und einem anschließenden Interview mit der WELT.
Darin äußert sie jeweils Positionen, die nicht per se neurechts sind, die sich aber in Sichtweite neurechter Positionen befinden. Es wird immer so viel davon gesprochen, man müsse mit den Rechten reden, um sie zu verstehen. Davon ist wenig zu halten, das soll später noch zur Sprache kommen. Viel wichtiger ist, dass man diejenigen verstehen sollte, die sich weltoffen geben, Essays in großen Feuilletons veröffentlichen und selbstverständliche Gäste in allen Zeitungen und Talkshows sind und dennoch der diskursiven Strategie des Dogwhistling verfallen. Eine Möglichkeit diese Stimmen zu verstehen, ist sich solche Essays und Interviews, wie die von Thea Dorn, genauer anzuschauen.

In dem Essay plädiert sie dafür, sich bitte an den Fortschritten einer offenen und toleranten Gesellschaft zu erfreuen und es nun aber erstmal gut sein zu lassen, damit diejenigen, die von der ganzen Toleranz und dem, was man jetzt alles ungestraft auf offener Straße darf, etwas verwirrt sind, sich an diese Umwelt, die alle Menschen gleich behandeln und nicht diskriminieren will, gewöhnen können.

Wollen wir unsere Gegenwart so beschreiben, dass ihr vordringlichstes soziales Ziel darin liegen müsste, die Emanzipationskämpfe der letzten Jahrzehnte mit Schärfe fortzusetzen? Oder wollen wir sie so beschreiben, dass viele emanzipatorische Erfolge errungen sind und es nun zunächst einmal darum gehen muss, denjenigen, die von diesen Erfolgen nicht profitiert haben und deren einstige soziale Gewissheiten und Ordnungsvorstellungen erschüttert worden sind – dass wir diesen Teilen unserer Gesellschaft Zeit geben, sich erst einmal mit den bisherigen Veränderungen zu arrangieren?

Was Thea Dorn in diesem Ausschnitt heruntergebrochen auf den Inhalt sagt ist schlicht: Es ist in Ordnung, dass sich jetzt auch bisher Diskriminierte zumindest juristisch gesehen frei bewegen können und frei leben dürfen, aber das finden nicht alle gut, auf die sollte man Rücksicht nehmen. Sie fährt dann fort damit, zu erklären, dass wir, die Fürsprecher*innen einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft, zu denen sie sich zählt, doch in den letzten Jahrzehnten so viel erreicht hätten, dass man nun doch mal Ruhe geben sollte.

Ich erwähne dies alles nicht, um in Manier des schlecht gelaunten Patriarchen auf den Tisch zu hauen und zu donnern: “Undankbare Brut, schaut, was ich euch alles erlaubt habe – jetzt ist aber mal Schluss mit den ewigen Forderungen!” Ich erwähne es, weil ich bisweilen den Eindruck habe, dass wir – und mit diesem “Wir” meine ich die Emanzipationsgewinner, zu denen ich mich selbst zähle – bisweilen vergessen, wie viel wir in relativ kurzer Zeit erreicht haben. Und wie wenig selbstverständlich dies ist.

Das Perfide an diesem Absatz ist, dass sie zwar nicht die Rolle des hier skizzierten „schlecht gelaunten Patriarchen“ einnimmt, dass sie ihn aber in seiner Haltung versteht und unterstützt. Sie fordert letztlich genau das, was er in scharfen Worten fordert, bloß auf sehr viel mehr Zeichen breitgewälzt. Dabei stellt sich Dorn nicht direkt auf die Seite, des von ihr geschaffenen Popanzes, sondern sagt „Nehmt Rücksicht auf diesen armen Kerl.“ Das Ergebnis ist jedoch letztlich das gleiche, nur dass sie sich eine Hintertür offenhält, indem sie immer wieder betonen kann, dass diese Thesen nicht ihre Thesen sind, sondern die des „schlecht gelaunten Patriarchen“.
Zur Unterstützung ihrer Grundforderung, dass auch die diskriminierten Gruppen Toleranz zeigen müssten, verfällt sie zudem in das altbekannte Argument, dass eigentlich die linke Identitätspolitik Schuld am Aufstieg Donald Trumps sei – sie betritt diesen argumentativen Raum zwar durch die rhetorische Hintertür, aber die Aussage steht trotzdem in demselben:

Ihre Botschaft [die zweier amerikanischen Psychologen] ans linksliberale Lager lautet: Eure zentralen Anliegen wie die Sorge um Minderheitenrechte, sozialstaatliche Fürsorglichkeit und Gerechtigkeit sind zentrale Anliegen. Aber ihr begeht einen gravierenden Fehler, wenn ihr die konservativen Anliegen wie Schutz der (traditionellen) Familie, Religion oder Patriotismus in Bausch und Bogen als veraltete, nicht mehr legitime Werte abqualifiziert. Schaut euch um, sowohl in der Geschichte eurer eigenen Staaten als auch in der übrigen Welt, und ihr werdet feststellen, dass ihr die “seltsame” Minderheit seid und nicht diejenigen, die an Familie, Religion und Patriotismus glauben.

Zum Glück sind ihr bei “seltsame“ Minderheit noch Anführungszeichen reingerutscht, aber trotzdem ist die Aussage fragwürdig. Erstens ist immer noch nirgendwo klar geworden, wer etwas dagegen hat, dass Menschen in familiären Strukturen aus einem heterosexuellen, verheirateten Paar mit 1-4 Kindern in einem Reihenhaus wohnen und in die Kirche gehen, und zweitens ist die Aussage „Schaut euch um, die Mehrheit ist konservativ“ kein Argument dafür, dass man selbst nicht für die eigenen Rechte kämpfen sollte
Ihr Fazit ist schließlich, dass auch die Diskriminierten, die endlich zu mehr Freiheiten und einem angstfreieren Leben gekommen sind, dass auch die nun tolerant gegenüber den konservativ und traditionell denkenden Menschen sein müssten. Sie greift dabei ganz tief in die Wohlfühlkiste des konservativen Bürgertums:

Zum anderen müssten wir neu über Toleranz nachdenken. Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen? Indem sie wütend losfauchen, sobald einer sie fragt, wo sie geboren sind? Indem sie jeden schlechten Witz auf Kosten der queeren Community zum Skandal aufbauschen?

Bei der Phrase „Gendersternchen vorschreiben“ geht ein Raunen durch die bildungsbürgerlichen Studierstuben und es gibt starke stille Zustimmung, „Ja, genau, Vorschreiben wollen die uns das!“ , die Karnevalsgesellschaften erfreuen sich des Verständnisses der studierten Philosophin für ihren platten und diskriminierenden Humor und der ältere Herr, der eben der Bedienung noch gesagt hat, dass ihre Oberweite in dem Kleid aber fesch aussehe, legt zufrieden die ZEIT beiseite.

Nachschlag im Interview mit der WELT

Das Interview, das vorgestern in der WELT erschien, schließt direkt an diesen Essay und die Kritik daran an. Hier geht Dorn, flankiert von den Fragen des WELT-Feuilletons, noch einen Schritt weiter, indem sie die Forderungen nach Gleichberechtigung, Freiheit und Offenheit von diskriminierten Gruppen gleichsetzt mit den Rechten, die sich in ihrem Patriotismus und ihren diskriminierenden Ansichten gekränkt sehen:

Das permanente Beleidigtsein beschränkt sich nicht auf ein Milieu, sondern ist Ausdruck einer politischen Radikalisierung.

Für Thea Dorn sind das zwei Seiten einer Medaille. Mit Blick auf die Kritik an ihrem Essay, die beispielsweise von Margarete Stokowski kam, äußert sie:

Ich bin überzeugt, dass man als Intellektueller heute zwischen allen Stühlen sitzen muss – anstatt das Geschäft der gesellschaftlichen Radikalisierung und Spaltung zu betreiben. Wenn Sie sich umschauen auf der Welt, stellen Sie fest, dass die offene, pluralistische Gesellschaft ein krasser Sonderfall ist. Und ich möchte ergänzen: ein fragiler Sonderfall. Vor 90 Jahren haben wir in Deutschland erlebt, was geschieht, wenn sich gesellschaftliche Aggressionen gegenseitig hochschaukeln.

Nehmen wir das kurz auseinander. Sie setzt sich als Intellektuelle zwischen die Stühle, während Menschen wie Margarete Stokowski und andere, die Dorn kritisiert haben, die Gesellschaft spalten, weil sie nicht begriffen haben, wie privilegiert sie bereits jetzt schon sind. Genau dieses Verhalten habe vor 90 Jahren zum Verfall der Weimarer Republik und letztlich zum Nationalsozialismus geführt. Ergo: Wenn Stokowski und Co. so weitermachen, sind sie noch Schuld, wenn wir wieder Zustände wie 1933 bekommen. Täter-Opfer-Umkehr als rhetorische Strategie, klassische neurechte Rhetorik.
Letztlich gehen die restlichen Aussagen in dem Interview in dieselbe Richtung, es geht Thea Dorn darum, dass man auch als jemand, der diskriminiert ist, tolerant sein muss und zwar gegenüber den Befindlichkeiten derjenigen, die einen diskrimieren. Ihre Strategie besteht darin sich nach radikal Rechts abzugrenzen, die Tür aber nicht komplett zu schließen. Sie sagt deutlich, dass man gegen „aggressive Pöbler und tatsächliche Volksverhetzer“ vehement einschreiten müsse, dass man aber dem verklemmten Vater, der nicht will, dass sich ein homosexuelles Paar vor den Kindern im Café küsst, Toleranz und Gleichmut entgegenbringen solle. Sie will nicht, um beim Beispiel zu bleiben, dass Homosexuelle beschimpft und attackiert werden, aber wenn es Leute stört, dass sie gleichberechtigt sein wollen, dann sollte man das tolerieren.

Warum ist dieses Vorgehen so geschickt und warum funktioniert es? Es funktioniert, weil sich Thea Dorn damit als vermeintlich streitbare Intellektuelle etabliert, die scheinbar über den gesellschaftlichen und politischen Kämpfen steht und stattdessen das große Ganze im Blick hat. So bekommt sie Widerspruch von links, Zuspruch von halbrechts und ein anerkennendes Nicken von ganz rechts und insgesamt sehr viel Aufmerksamkeit, ohne sich klar in einem politischen Diskursfeld zu verorten, das es ihr erschweren würde ihre Essays in der ZEIT platzieren zu können und das sie ihren Platz im Literarischen Quartett kosten könnte. Gleichzeitig bedient sie aber verschiedene Sparten des Aufmerksamkeitsspiels: Sie bezeichnet sich als links und weltoffen, zeigt aber Verständnis für gegenteilige Positionen. Dabei geht sie sogar soweit, ihren Kritiker*innen von hinten durch die Brust ins Auge vorzuwerfen, dass sie gesellschaftliche Spaltung betreiben und damit den Rechten in die Arme spielen würden. So bespielt sie alle Seiten gleichermaßen, indem sie rechte Positionen anzitiert, sich bis zu einem gewissen Grad zu eigen macht, aber bestimmte Linien nie überschreitet.

Strategie 2: Schmücken mit dem Gruselfaktor von Rechts

Eine zweite Strategie, um Aufmerksamkeit zu generieren, ist nicht das Einnehmen latent rechter Positionen unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesellschaft, wie Thea Dorn es pflegt, sondern sich selbst mit dem Grusel rechter Politiker*innen unter dem Deckmantel des Verstehen-Wollens zu schmücken. Raphael Thelen, freier Journalist unter anderem beim SZ-Magazin, geriet vergangene Woche wegen eines Portraits des rechtsradikalen AfD-Politikers Markus Frohnmaier in die Kritik, besonders aber auch wegen des Tweets, in dem er das Portrait ankündigte:

Kritik an Portraits mit rechtsradikalen Politiker*innen gab es in letzter Zeit häufig und zurecht, da es zu einem beklemmenden Trend unter Journalist*innen geworden zu sein scheint, den Inszenierungsversuchen der AfD auf den Leim zu gehen. Da wird Kubitschek immer wieder auf seinem Rittergut besucht – wie schön, er wohnt auf einem Rittergut, wie gut lässt sich das in eine Spiegel-Geschichte packen – und Höcke wird auf einem Waldspaziergang begleitet – deutscher Wald – der Assoziationsraum hat hier keine Wände so weit ist er. Thelen aber folgt vordergründig nicht dem Framing Frohnmaiers als provokanter Redner, der aber sagt, was Sache ist, sondern begleitet ihn anderthalb Jahre vor allem in beruflichen Kontexten als Bundestagsabgeordneter. In einem Interview für übermedien.de grenzt sich Thelen sogar dezidiert von solchen AfD-Homestories ab:

Das Problem mit einem Besuch auf dem „Rittergut“ oder an einem Waldspaziergang ist ja, dass das das Framing der Rechten ist. Ich bewundere viele der Kollegen, die diese Texte geschrieben haben, aber ich wüsste nicht, dass ich irgendwo Frohnmaiers Framing gefolgt bin. Er wollte mir immer das Framing aufdrücken, dass er über Steuern schreibt und Rentensysteme und Entwicklungspolitik. Wir haben Stunden damit verbracht, darüber zu reden. Ich habe mir das alles angehört, aber das war alles nicht überzeugend.

Und es stimmt, Thelen geht nicht zu Frohnmaier nach Hause, nach eigener Aussage kennt er nicht mal die Namen von dessen Frau und Kindern. Was man Thelen viel eher vorwerfen kann, ist anderthalb Jahre Recherchezeit, in denen er Unterdrückten und Diskriminierten hätte zuhören und sie zu Wort hätte kommen lassen können, an einen dauerprovozierenden AfD-Politiker verschwendet zu haben. Denn das Schlimmste an dem Portrait ist, dass nichts von dem, was wir hier über Frohnmaier erfahren, überraschend ist. Die meisten Informationen hatte man schon vorher und hätte man sich durch ein bisschen Assoziation und Vermutung erschließen können. Die interessanteste Information, nämlich die Verquickung Frohnmaiers mit dem russischen Geheimdienst hat Thelen in seiner langen Recherche nicht entdeckt. Thelen bestätigt mit seinem langen Portrait nur die Vorannahmen über den AfD-Politiker, ändert aber nichts an dem Wissen über die Person Frohnmaier: Markus Frohnmaier ist ein permanent provozierender, rassistischer Lautsprecher aus einfachen Verhältnissen, der in seiner Jugend in rechtsradikalen Kreisen verkehrte und jetzt versucht, das Bild eines weitgehend seriösen, aber lauten Politikers abzugeben. Damit entspricht er zwar nicht dem elitären AfD-Politikertypus, wie Gauland, Höcke oder Weidel ihn verkörpern, dieses Bild vermittelt er aber auch nicht. Wer Frohnmaier bei öffentlichen Auftritten sieht, bekommt den Eindruck, er sei der kläffende Kampfhund, den sich Gauland, Höcke und Co. für die unflätigen, lauten Töne halten. Das erkennt man aber auch ohne Portraits nach anderthalb Jahren Recherche.
In dem Interview, das Stefan Niggemeyer für übermedien.de mit Thelen führte, wird dieser nicht nur als der einsame Held für die gute Sache inszeniert, der seine „gesamten Ersparnisse“ für die Recherche geopfert habe, sondern Thelen verteidigt sich leider auch schlecht. Seine Argumente sind a) man muss Frohnmaiers Aussagen nicht kommentieren, wenn man ihn nur zeigt, wie er ist, dann entlarvt er sich selbst und b) wir müssen die Rechten verstehen, damit wir sie bekämpfen können. Das Problem an Argument a) ist, dass man seit Jahren sieht, dass das nicht funktioniert, genauso hielt man es als die ersten AfD-Fraktionen in Landesparlamente einzogen und genauso hielt man es, als die AfD in den Bundestag einzog. Und es stimmte nicht. Rechte entlarven sich nicht selbst, sondern müssen als antidemokratische Kräfte konstant und nachhaltig von einer pluralistischen Gesellschaft, die bereit ist, ihre Werte zu verteidigen, gestellt und aktiv entlarvt werden. Sonst bleiben ihre antidemokratischen und rassistischen Parolen unkommentiert stehen und werden normalisiert. Das Problem an b) ist, dass er zwar recht hat, dass man aber deswegen einem Politiker nicht anderthalb Jahre folgen muss. Es gibt Studien, die genau das tun: zum Nachvollzug der Denk- und Handlungsweisen von Rechtsradikalen und Rechtspopulist*innen beitragen, ohne dass man dafür mit ihnen Rum trinken und Essen gehen müsste. Schlimmer wird das alles nur durch das Interview mit übermedien.de:

Der Nachmittag endet damit, dass die beiden [Frohnmaier und ein syrischer Rapper, den er trifft] bei Frohnmaier im Büro sitzen und Rum trinken. Und ich sitze dabei, und natürlich trinke ich auch Rum, denn ich will das ja verstehen.

Hier steht die einfache Frage im Raum: Warum? Wieso muss Thelen hier Rum trinken, um zu verstehen, was da passiert? Was davon bleibt, ist: Raphael Thelen, das ist doch der, der mit Frohnmaier Rum getrunken hat. Dass dieses Bild und die damit verbundene Aufmerksamkeit entstehen, dafür hat Thelen mit seinem Post gesorgt.

Außerdem äußert er in dem Interview, er würde sich auch mit Nazis treffen, um zu verstehen, wie sie agieren. Wozu? Es gibt zahlreiche wissenschaftlich fundierte Arbeiten, die genau das tun: Erklären, wie Nazis agieren. Das Frohnmaier-Portrait, in dem berichtet wird, wie er auf einer Hauptschule erlebte, dass seine muslimischen Klassenkameraden den 11. September feierten, so erzählt es wenigstens Frohnmaier, argumentiert genauso, wie die Rezensionen, die im letzten Herbst Lukas Rietzschels Mit der Faust in die Welt schlagen zur Erklärung für die rechten Strukturen im Osten herbeischreiben wollte. Denn natürlich ist diese Anekdote, die Frohnmaier erzählt, die perfekte Geschichte, um sie in einem Portrait zu erwähnen. Nur weiß das zum Einen auch Frohnmaier, deshalb erzählt er sie Thelen, und zum Anderen ist das keine Kausalkette. So ein Erlebnis führt nicht automatisch zu Fremdenhass. Genauso wie die beschriebene Jugend in Rietzschels Roman nicht automatisch zu Hetzjagden in Chemnitz führt. In beiden Fällen, dem fiktionalen und dem faktualen, werden eine Kindheit und eine Jugend dargestellt und suggeriert, dass diese letztlich im Rechtsradikalismus enden mussten. Wenn Thelen im Interview sagt: „Alles hat die Funktion, seine Politik zu erklären. Selbst der autobiografische Part dient dazu, sein Dauer-Provozieren zu erklären und seinen Drift nach rechts […],“ und später anfügt: „Ich finde, es hilft, sich anzugucken, warum jemand so handelt, um dann die Ursachen bekämpfen zu können,“ dann meint er genau das.

Vergleichbar ist Raphael Thelens Frohnmaier-Portrait mit Thea Dorns Essays und Interviews, weil beide den Aufschwung von Rechts von ihrem per se linken Standpunkt aus für sich nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Thea Dorn, indem sie durch Verständnis für Konservative und provokante Aussagen zur streitbaren Intellektuellen wird, und Raphael Thelen, indem er den Grusel und den Schauder, der Personen wie Markus Frohnmaier anhaftet, für sich und seine Clickbait-Reportage nutzt. Sein Tweet ist der pure Ruf nach Aufmerksamkeit: Ich war mit dem Rechtsradikalen Rum trinken. Vielleicht glaubt Thelen wirklich, dass er das als Journalist machen muss, um Aufklärung zu betreiben, dann wäre er naiv, die Aussagen im Interview und seine Reaktion deuten darauf hin. Selbst wenn es so ist, dann ist es immer noch dem SZ-Magazin vorzuwerfen, das aus aufmerksamkeitstechnischen Gründen zu befeuern. Letztlich zeigen beide Fälle, dass man den Aufstieg des neurechten Populismus für sich nutzen kann, ohne selbst wirklich nach rechts abzurutschen. Denn die Aussage von Thelen gegenüber seinen Kritiker*innen: „ Die hätten wissen können, dass der Raphael kein Nazi ist und hätten schnell nochmal googeln können, was ich sonst so schreibe.“ ist korrekt, aber das war auch nie der Vorwurf.

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