Jahr: 2017

Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

edna o'brien die kleinen roten stühleNach Cloonoila – ein kleines, irisches Nest – kommt ein Fremder und sucht nach einer Herberge. Er ist gutaussehend und geheimnisvoll. Im Dorf ist man Neuankömmlingen gegenüber skeptisch, was durch dessen schillernden Berufsbeschreibungen Dichter, Heiler, Sexualtherapeut noch verstärkt wird, der Gipfel sein Wunsch sich dort niederzulassen. Die Kirche schaltet sich ein, doch Dr. Vlad wickelt nicht nur deren Vertreter ein, sondern weiß bereits bei den ersten Patientinnen mit Erfolgen zu überzeugen oder sich geschickt bei der Polizei Nachfragen zu entziehen. Aus vielerlei Perspektive erfährt man wie das Dorf sich von dem geheimnisvollen Doktor – mit Lyrik, mit Wanderungen und Heilungen – einlullen lässt.

Als Hauptfigur kristallisiert sich im Laufe des Romans die kinderlose, mit einem älteren Mann verheiratete Fidelma heraus. Sie verliebt sich in den Fremden, wünscht sich von ihm ein Kind und empfängt dieses auch. Doch die Vergangenheit des Doktors holt das gesamte Dorf ein als er eines Tages festgenommen und offenbar wird, was er tatsächlich ist, ein Kriegsverbrecher des Bosienkriegs auf der Flucht. Cloonoila ist in heller Aufruhr und Fidelma wird von Agenten heimgesucht, die an ihr die Rache verüben, die für den Doktor vorgesehen war.

Edna O’Brien, Jahrgang 1930, hat mit Die kleinen roten Stühle, dieses Jahr im Steidl Verlag erschienen, wahrlich eine faszinierend, bedrückende Geschichte der neueren europäischen Geschichte verarbeitet. Dr. Vladimir Dragan ist dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nachempfunden, der erst im letzten Jahr von dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Teilnahme am Massaker von Srebrenica zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde.

Grigori Rasputin (um 1914/16)
Grigori Rasputin (um 1914/16)

Dass Kritiker und Kollegen sich nun vor Begeisterung überschlagen, liegt an der unfassbaren Wucht, mit der Edna O’Brien die Gräuel von Massakern, Belagerungen und Hass schildert, ohne diese wirklich zu schildern. Ein Meisterwerk – sagt Philip Roth auf dem Buchrücken zurecht – weil hier nicht plump sämtliche Widerlichkeiten, zu denen – auch die moderne, europäische – Menschheit – auch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert – fähig war, geschildert werden, sondern auf irische Idylle, persönliche Schicksale, die bisher keine anderen Sorgen als Kinderlosigkeit oder das Schließen der eigenen Boutique hatten, gepfropft werden. Meisterwerk, weil auf diesem Hintergrund in Nebentönen, in Stimmungen das unfassbare Leid gezeichnet werden und dazu diese schier unglaubliche Geschichte des Doktors, einer Geschichte des Leugnes, von Arroganz und Mitleidlosigkeit. O’Briens Doktor ist ein Rasputin und Wunderheiler, ein Seher. Sie schafft eine Figur, die ihre Abgründe in scheinbarer Menschenfreundlichkeit verbirgt und im Hintergrund hört man die Schreie der Geschundenen und Toten. Die Gewalt ist über 300 Seiten greifbar, nimmt den Leser brutal gefangen und wird aber nie voyeuristisch geschildert. Die kleinen roten Stühle tatsächlich ein Meisterwerk!

Im Schlack der Genres. Über Pascal Richmanns Debüt „Über Deutschland, über alles“

Zuerst: Selten habe ich ein durchgängig so nerviges Buch gelesen, selten einen Autor mit mehr Eifer als Unsympathen und Schwadroneur verflucht. Zugleich waren wenige Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, so umsichtig, clever und spitzfindig wie Über Deutschland, über alles, das Debüt von Pascal Richmann. Gleich auf der ersten Seite des gattungslosen Buches wird erwähnt, um was es gehen soll: Es werde der Plan verfolgt, „deutschkrümelnder Idiotie in die Schnitte zu spucken“. Nichts leichter, nichts schwieriger als das.

ÜDÜA liefert uns hierfür eine Wander-, Lektüre- und Ideenbiographie. Wie bei einem Kontextschlucker wird vieles, was der 1987 geborene Richmann seit ca. 2014 mitbekommen hat, in den Text gepresst. Jonathan-Franzen-Lektüren, Reise-Szenerien, Nachrichten, Gespräche mit Freunden und Familie – alles findet in diesem Buch auf eine erstmal unkoordiniert wirkende Weise zusammen. Angereichert ist das Material mit Belesenheitszitaten von Heinrich Heine über Marc Augé und Max Brod bis hin zu Houston Chamberlain; geographisch verstreut spielen die Episoden mal in Büsum, mal auf Palma, oft im Ruhrpott, natürlich in Berlin.

Gerade gibt es ja ausreichend viele offene Diskurswunden, an denen man der „deutschkrümelnden Idiotie“ ansichtig werden kann. PEGIDA-Proteste, Burschi-Treffen, Nazi-Hooligans, NPD- und AFD-Funktionäre, Münchner Löwenbräukeller – bei allem will Richmann dabei sein, zu allem verlangt er sich einen Kommentar ab. Auch deswegen ist das Buch perspektivisch so hibbelig, so rastlos unterwegs und ständig auf der Hut sowie auf der Suche – schließlich will es in beachtlicher Maßlosigkeit „über alles“ Auskunft geben. Es ist letztlich ein Batzen Disparates, das nur einen Kitt kennt: die präzise, rhythmisch gnadenlos gut austarierte Sprache Richmanns.

Die pointierte szenische Beschreibung in einer Kneipe liegt ihm ebenso wie die (fiktive?) Schilderung von Holger Apfels Lebensweg, von der Jugend über die Anfänge bei der NPD bis hin zum schnapsdiplomierten Wirt auf Mallorca. Dazwischen wechselt Richmann immer mal wieder in den Phrasen- und Analysemodus: „Aber die Aufgeladenheit der Dinge entsteht eben aus den Koordinaten ihrer Geschichte und der Gegenwart daraus folgender Embleme.“

Und genau das ist die semiologische Schicht, die in diesem Buch alles und jeden überlagert: Die Zeichen sind relevanter als das jeweils Bezeichnete. Die pop-kulturellen, redundant symbolischen und in Film und Büchern motivisch recycelten Bilder vom Deutschen sind eingängiger, sind „vorhandener“ als die tatsächlich umherlaufenden Deutschen. In dieser Logik lassen sich ausschließlich Klischees ausmachen. Jedes Phänomen ist längst zum medial etablierten und distribuierten Stereotyp seiner selbst geronnen. Die beige gekleideten Rentner, die hartgekochte Eier im IC aufschlagen, es gibt sie – und nur sie.

Mit dieser Brille läuft der spottaffine Richmann durch Deutschland und findet nichts als zeichenhaft modellierte Typen von Menschen vor, die in die Realität abgepaust wurden. Kichernde Damen, die sich unbekümmert Bunkeranlagen an der Nordsee anschauen; eimersaufende Junggesellen mit hummerfarbener Haut auf Mallorca; Burschenschaftler, die in voller Montur durch Eisenach ziehen und von reiner deutscher Abstammung sprechen. Als Merksatz wird uns in der letztgenannten Szene dann auch mitgegeben: „Ein Schmiss kann eben nichts anderes mehr sein als das Zitat eines Schmisses.“ Und später ist in Bezug auf Helmut Kohls Sohn davon die Rede, er erschaffe sich sein „eigenes Simulacrum“.

Unerhörtes lässt sich also gar nicht mehr entdecken. Der Nazi ist immer schon sein eigenes Zitat, Deutschland bevölkert von Nazitaten. Ob hinter und unter diesen Karikaturen womöglich etwas Ungeahntes liegt, ob es nicht Aufgabe der Literatur ist, einen Mehrwert abseits der stereotypischen Farce zu entdecken – an der Beantwortung dieser Fragen hegt das Buch kein Interesse. Es geht vielmehr darum, wie sich im Jahr 2017 in Deutschland überhaupt noch über Deutschland im Jahr 2017 schreiben lässt. In diesem Sinne will ÜDÜA auch keine neuen Einsichten in das neurechte Phänomen und dessen Denktraditionen liefern. Wer auf gut aufbereitetes Wikipedia-Wissen steht, wird dennoch fündig: die Nibelungensaga, die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, Migrationsbewegungen italienischer Wanderarbeiter, die in Wolfsburg enden – „alles“ findet in historischen Referaten Erwähnung.

Erst durch die Weise, wie der Autor Spracharbeit und Genrewahl miteinander verknüpft, gewinnt das ausufernde Buch an Profil. Denn Richmann weiß, dass er blass bliebe, wenn er nur in einem Genre schriebe. Für eine Reportage etwa ist der Sound zu selbstverliebt. Hier kümmert sich jemand zuallererst um sich und seinen Stil, um durch ihn hindurch Land und Leute zu beschreiben. Es geht dem Text nie darum, uneigennützig sein Gegenüber in den Blick zu nehmen, den Platz leerzuräumen, damit etwas anderes zur vollsten Darstellung gebracht wird. Stattdessen wird die eigene Sprachraffinesse erprobt:

„Ohne Leine, denke ich, sind wir alle Blondis Welpen, aber dann öffnet sich eine Schneise in unserer Kolonne, die Polizisten winken, raus oder rein, soll das wohl bedeuten, und mit einem Mal bin ich draußen, wir ziehen ohne mich weiter. Und weil ich es nicht aushalte, und auch um ein bisschen Buße zu tun, ja wirklich, ich fühl mich ganz schlecht, kehre ich ein, setze mich an einen Tresen und bestelle ein Mettbrötchen mit Zwiebeln.“

Die knapp 300 Seiten stecken voller Manierismen, die richtig gut nerven, Nullsätze wie: „Zum Frühstück biss ich in einen Boskop“, Binärformulierungen wie „glühende Geranien hin, lodernde Markise her“, hineingeworfene Floskeln wie „na klar“. Wäre ÜDÜA aus Uneinsichtigkeit doch eine Reportage geworden, so hätte es sich als überheblicher Epigone von Deutschboden disqualifiziert.

Dasselbe gilt für das Genre des Romans: Eine Deutschland-Vermessungsgeschichte in makellos ein- und anstudierter Prosa – das will doch keiner mehr lesen. Wer braucht denn noch diese sattsam kaputten Protagonisten, die auf Sylt Jever trinken, um dann die kreuz und quer vor sich hinsiechende deutsche Üblichkeit zu kartographieren? Und wer will sie lesen, die x’te abgefuckte Episode auf einer Mittelmeerinsel, wie sie in Faserland, wie sie in Rave erzählt wird? Hätte sich ÜDÜA diesem Trug hingegeben, es wäre, „na klar“, ein flotter, okayer Gegenwartsroman geworden, der sich nicht hätte lösen können vom Schatten seiner Prosa-Vorfahren.

In diesem Schlamassel steckt Richmann mit seinem „Gefühl, dass die deutschsprachige Literatur tot“ sei, stecken die Jung-Schriftsteller, all die Ambitiösen, die aus Schreibschulen, Agenturen und Dachkammern auf den Markt kullern und mit gierigen Augen auf das 2017-Deutschland schauen, das der literarischen Erfassung harrt. Aber viele Genres sind verschlackt, viele Positionen bezogen und breitgetreten. Um alles richtig, das heißt: nichts wie alle anderen zu machen, erschreibt sich Richmann eine Hybridform, ein mäanderndes Textding zwischen Essay für Das Wetter, Referat im Proseminar „Völkischer Sprach- und Körperdiskurs um 1900“, Ego-Gegenwartsprosa und Seite-Drei-Reportage.

Zudem ist dem Text das Wissen eingeschrieben, ebenfalls Zitat zu sein, eine Persiflage auf den Reportage-Modus, ein deutsches Erkundungsstück, das die bittere ironische Pille geschluckt und verdaut hat, selbst nur mehr längst antrainierte und wohlbekannte Attitüden, Beschreibungsmuster und Bewertungskategorien zu wiederholen. Auch der in Hildesheim ausgebildete Autor tritt demgemäß immerzu als die Farce seiner selbst auf. Zugleich sträubt sich ÜDÜA dagegen, bloße Redundanz zu sein – und versucht wehrhaft, den ganzen Diskursspiralen doch noch irgendetwas Zusätzliches, etwas Eigenes aufzusetzen.

Diese Mischung macht dieses Buch in all seiner Prägnanz und Penetranz aus. Die Frage aber bleibt, zu welchem Ende all diese Schreib- und Denkmühe aufgeboten wurde. Geht es hier tatsächlich um eine Annäherung an Deutschtümelei, darum, zu verstehen statt zu verachten? Oder will sich hier ein angehender Autor ein möglichst beeindruckendes Portfolio zusammenstellen? Auf jeder Seite eine Pointe, in jedem Absatz ein Stiltrumpf?

Letzteres ist Richmann gelungen; auf sein nächstes Buch bin ich jedenfalls sehr gespannt. Wenn ihm aber tatsächlich daran gelegen war, den grassierenden Rechtsruck in einer sozio-topographischen Studie zu suchen, zu finden und sprachlich zu „dekontaminieren“ (das Verb kommt gleich an zwei Stellen vor), dann ist ÜDÜA ein konzeptueller Fehlgriff. Denn hierfür ist das Buch viel zu narzisstisch, viel zu eitel und sprachverbohrt. Näher an Land und Leute führt es jedenfalls nicht heran. Zu beschauen ist stattdessen ein muskelzerreissender Spagat: Hier empfiehlt sich ein verquerer, widerborstig-kluger Kopf, indem er ein so zugepropftes Debüt vorlegt, dass man es irgendwann genervt beiseitelegt und in entfachter Neugierde darauf wartet, was sein Autor im zweiten Buch anstellen wird.

Die Schrulle hat System. Über Francis Neniks Roman „Die Untergründung Amerikas“

Ein Buch nicht zusammenfassen zu können – das deutet meistens auf eine zähe Lektüre hin, auf eine klobige, verfahrene Geschichte. Mitunter kann die Unmöglichkeit, einen Text zu paraphrasieren, aber auf dessen beharrliche Eigenwilligkeit hindeuten, auf das Hirnrissige und heillos Eigenartige eines Buches. „Die Untergründung Amerikas“ von Francis Nenik ist glücklicherweise letzterer Kategorie zuzuschlagen.

Die Protagonistin heißt Amanda Hollis, eine frisch graduierte, kauzige und einsame Bibliothekswissenschaftlerin, die 1963 in Harvard als Archivarin eingestellt wird. Sie arbeitet in der Nathan Pusey Bibliothek, „einem vierzig Fuß tiefen Loch im Boden, das außen mit Beton ausgekleidet und innen mit Büchern und Akten vollgestellt war. Es war ein Ort, an dem kein Sonnenstrahl die Verblichenen traf und kein Feuerball die Lebenden verbrannte.“ Dort soll Hollis den Nachlass des längst vergessenen und ebenso kauzigen Bibliothekars William Croswell aufarbeiten.

Tatsächlich steht dieser archivarische Raum im Mittelpunkt der erzählerischen Aufmerksamkeit, genauer: die Idee, durch die diesem Raum Nutzen und Wert zukommt. (Schneller Lesetipp: In seinem Erzählbericht „Die amerikanischen Archive“ verfolgt Norbert Gstrein ein ganz ähnliches Projekt.) In ihrer ritualisierten Essenspause steigt Hollis eines Tages in den Keller der Bibliothek hinab. Dort vernimmt sie eine Stimme aus einem Abluftrohr. Zuerst ist sie irritiert, dann interessiert, und so lauscht sie dem, was die Stimme ihr freimütig mitteilt: dass Amerika in größter Gefahr sei, dass mongolische Würmer das Land bedrohten und dass eine Verschwörung bald zutage träte.

Das Buch ist quirlig und hanebüchen, nach spätestens vierzig Seiten gibt man es auf, alles bis zum letzten Deut behalten und nachvollziehen zu wollen. Auf die Würmer folgt nämlich ein Reigen an Figuren und Gegenständen aus unterschiedlichsten Zeiten: ein Mönch namens Giovanni de Plano Carpini, ein zwielichtiger Antiquar namens Enzo Ferrajoli, originale und gefälschte Weltkarten aus früheren Jahrhunderten, ein verschwundener Kronleuchter, ein Hausmeister namens Dick Walrus, „an ein Rumpelstilzchen“ erinnernd, „das sich in der Zeit und im Raum geirrt hatte.“

Von allem eben Genannten erzählt die unbekannte Stimme, und Amanda – gute Archivarin, die sie ist – fragt nach, notiert sich Details, zieht Querverbindungen und beschreibt eifrig Katalogkarten. Was hat ein Hand-Symbol in irgendwelchen Tagebucheinträgen mit einer antiken Schreibmaschine zu tun? Wohin weisen all die Verweise? Gibt es überhaupt eine Zielgerade?

Man weiß es nicht, und genau hier beginnt die frohe Arbeit. Endlich ist Hollis’ Kompetenz gefragt, hierfür hat sie studiert, hierbei findet sie zu sich: die Welt ordnen, die Dinge beschriften, sie einfügen in ein großes Narrativ, in dem jedes Teil seinen Beitrag leistet für die große ganze Sinnhaftigkeit. Im Zentrum dieser enzyklopädischen Bemühung steht die sogenannte „Vinland-Map“, eine tatsächlich existierende Karte, die beweisen soll, dass die Wikinger den amerikanischen Kontinent lange vor Columbus entdeckten.

Die sog. Vinland-Map

Der Text bietet kein Aperçu über eine Individualgeschichte samt psychologischen Finessen und subjektivistischen Belangen, er gibt sich selbst nicht einmal eine Gattungsbezeichnung. Vielmehr ist Neniks Werk Archivtheorie, historiographische Reflexion und Medienanalyse zugleich. Die Handlung selbst ist wenig mehr als das Alibi, das vorgebracht wird, um zu verhindern, dass die Leserschaft Verdacht schöpft bzw. Langeweile und Überdruss verspürt. Das funktioniert über weite Strecken auch deswegen, weil Neniks Sprache bemerkenswert präzise, schlau und kühn ist. Das Tempo stimmt, die Bilder passen, die Pointen sitzen: „Sein Gesicht war groß und rund, und darin lagen die braunen Augen wie Rosinen in zähflüssigem Teig.“

Neniks eigentliches Interesse liegt darin, zu schauen, wie sich alles verschraubt, wie das Schreiben von Literatur, das Archivieren von Geschichte und das Nachdenken über Vergangenheit zusammenwirken. Die gravitätische Mitte dieses rücksichtslosen und gerade deswegen so überzeugenden Projekts ist das Archiv, „ein Ort des ebenso systematischen wie unsichtbaren Erfassens, Erhaltens und Erhebens der ungebunden daherkommenden Reste einer Vergangenheit, die von der Gegenwart für alle Zukunft unvergänglich gemacht werden sollte“.

In der suchenden, lauschenden und katalogisierenden Amanda Hollis spiegeln sich dann auch viele andere wider, u. a. Leser und Figuren. Denn sie ist es, die stellvertretend für all jene steht, die immerzu versuchen, der Willkür ums uns herum zu entwischen. Um aufzuzeigen, wie unübersichtlich das Dort-Draußen ist, muss freilich zuerst eine verworrene Textwelt herbeigeschrieben werden, aus der heraus dann sortiert, eingeordnet und arrangiert werden kann. Das ist keine leichte Kost – und auf den knapp 250 Seiten werden der ermüdeten Leserschaft keine Zugeständnisse gemacht.

Am Ende steht natürlich keine letztgültige Klärung. Es wäre vermessen zu denken, alles ließe sich in Ordnung bringen. Die Wirren der Zeit fädeln sich weiter durch unsere Leben, und das archivarische Denken birgt keine Rettung – aber immerhin bietet es eine Handhabe, was möglich ist durch Denken und Schreiben, durch intellektuelle Bemühung also. Es gilt, Verweis um Verweis nachzugehen, Wort um Wort nachzuspüren, nicht um alles zu durchschauen, sondern um nur ein wenig mehr als rein gar nichts zu verstehen.

Kassandras Standard. Über Omar El Akkads Roman „American War“

Nie war es leichter, sich als Prophet zu gebärden, nie billiger, vom Ende des Friedens, des Westens oder gleich der ganzen Welt zu künden. Ein wenig Krise, dazu Krieg samt seinen Unwägbarkeiten, mittendrin Figuren, die straucheln und fallen – schon wirkt es, als sähe man, was da käme. Was passiert aber, wenn hieraus Literatur wird? Ist sie allein deswegen gut, weil sie zeitgenössisch ist? Und ist sie zeitgenössisch, weil sie krisenhaft ist?

Gleich zu Beginn stoßen wir in „American War“ von Omar El Akkad auf eine Landkarte. Der südöstlichste Teil der USA hebt sich farblich vom Rest des Landes ab; von Florida ragen nur mehr einige Inselchen aus dem Meer heraus, darunter eine mit der Legende „Gefangenenlager Sugarloaf“. Ja, die Welt ist eine andere geworden. Es gibt wieder Fronten, die quer durch Land- und Gesellschaften verlaufen: hier die Rebellen, die sich 2074 weigerten, ein strenges Brennstoffverbot für „eine nachhaltige Zukunft“ mitzutragen, dort die Zentralregierung der „Blauen“, die über Jahrzehnte gegen die Aufständischen vorgeht; hier der steigende Meeresspiegel, der immer mehr Land schluckt, dort die Bevölkerung, die vor dem Wasser zurückweicht, in verwahrloste Städte hinein. In ihrer Verelendung ist sie auf Hilfslieferungen angewiesen, die aus den neuen starken Staaten wie China und dem fiktiven Bouazizireich geschickt werden.

In diesen apokalyptischen Trubel wird die Hauptfigur hinabgelassen: Sarat Chestnut, geboren 2068, die zu schnell die Härte des Lebens kennenlernt. Ihr Vater stirbt bei einem Attentat, gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter wird sie in das Flüchtlingscamp „Patience“ umgesiedelt. Dort lernt sie Albert Gaines kennen, eine rätselhafte Gestalt, die mit einem Entsandten des Bouazizireich kooperiert und Sarat mit rebellischen Idealen wie Opfermut und Widerstand indoktriniert.

So ist der Weg, den die Hauptfigur gehen wird, schnurgerade vorgezeichnet: Heldin der Rebellen, Gefangene auf der Folterinsel Sugarloaf, endgültig kaputte Märtyrerin. Tatsächlich wird hier eine Protagonistin auf eine Weise mit biographischen Episoden ausgestattet, wie man etwas einfallslos einen Kühlschrank bestückt, um über das lange Wochenende zu kommen. Alles ist vorhanden, nichts überrascht.

Unterbrochen wird dieser träge Hauptstrang durch dokumentarische Einschübe. Wir kriegen Auszüge aus Geschichtsbüchern, parlamentarischen Befragungen und Akten des Kriegsministeriums vorgelegt. Derart wird der Dystopie ein quasi-historisches Fundament untergeschoben, eine vermeintliche Historiographie des letzten Viertels des 21. Jahrhunderts entsteht. So erfahren wir von der großen Seuche, die um die Jahrhundertwende mehr als hundert Millionen Menschen dahinraffen wird, sowie vom Beginn des Bürgerkriegs, als die Blauen Demonstranten aus dem Süden niederschossen.

Wer in alledem eine weitere Spiegelfläche sucht, um sich lüstern der masochistischen Morbidität des Westens hinzugeben, der findet in dieser so sauber ausformulierten wie standardisiert entfalteten Geschichte ausreichend Material für Kümmernis und K.O.-Gedanken. Neue Religiosität, gesellschaftliche Risse, Erstarkung vulgärer Umgangsformen, brutaler Zynismus – alles liegt verdaulich vor einem ausgebreitet.

Wer hingegen mehr will als eine dekadente Katastrophenlektüre, der wird von der 440-seitigen apokalyptischen Handelsüblichkeit enttäuscht sein. In seiner Schwarzmalerei ist die sprachliche, figürliche und konzeptuelle Palette dieses Buches nämlich arg begrenzt. Als Sarat zusammenbricht, weil Milizen ihre Mutter umgebracht haben, bekommen wir etwa zu lesen: „Sie sah den leisen Anflug eines Lächelns nicht, der in diesem Augenblick über die Lippen ihres Lehrers huschte.“ Zu mehr gereichen die Figuren und das entworfene Szenario nicht. Das verkohlte Holz, aus dem hier alles geschnitzt ist, bietet nun einmal wenig Möglichkeiten für Spitzfindigkeiten.

Da hilft es auch wenig, dass der Autor in Interviews immer wieder betont, er sei kein Seismograph – und sein Roman kein schriftstellerischer Reflex auf Donald Trump und die Spaltung der US-Gesellschaft. Dass „American War“ aber nur als ein solcher überhaupt lesenswert ist, dass er nur in seiner denkerischen Akutheit von (kurzem) Belang ist für eine 2017-Leserschaft – das ist die Falle, aus der er sich nicht herauswinden kann. Vielmehr erinnert er an die vielen drittklassigen Katastrophenfilme auf RTL 2, die wahlweise Seuchen, Terroristen oder klimatische Veränderungen herbeizitieren, um ein 0815-Epos aus Glück, Trauma und Rache zusammenzuschustern.

Umso verwunderlicher ist es, dass ein Großteil der Kritik, darunter die Washington Post und die New York Times, „American War“ als außerordentlich lobten. Das wiederum wirft ein fahles Licht darauf, wie in Zeiten der Unbeständigkeit auch das Schreiben, Lesen und Kritisieren von Literatur allzu schnell dem hektisch-hysterischen Zeitgeist unterliegt. Gerade lechzen wir nach Kommentierung, Fiktionalisierung, rundum: nach erklärender und illustrativer Einhegung, um ein wenig mehr den Überblick zu haben. Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.

Vernichten, verzehren, verramschen: Über den Umgang mit Text

Robert Musil, 1914: „Würde man in Kilometern Zeilenlängen oder Kilogrammen Papier ausdrücken, was allein in Deutschland jährlich veröffentlicht wird, sähe man ohneweiteres, daß man es mit einem der seltsamsten sozialen Gebilde zu tun hat. Denn es muß mit dem Leben des Lebens etwas nicht stimmen, wenn die Auswanderung auf das Papier so groß ist.“

Fellini, 8 1/2, 1963, ab 01:40:

Jürgen Ploog, 1991: „Aber das Wort zeigt eindeutig das einzig erkennbare Zeichen eines Virus: es ist ein Organismus mit keiner eigenen Funktion, ausser der, sich zu reproduzieren.“

Tom McCarthy, 2016: „And writing would be a material practice — which is why U [der Protagonist des Romans] is so obsessed with the spilled oil. Particularly that moment when the black oil hits the white snow is a beautiful moment for him because this is writing. This is the moment of writing; it’s ink polluting paper, or words marring the whiteness of a page. So it’s another messy, fluid, material process.“

Ein Text über Text ist ein schwieriges Unterfangen – und oftmals ein nerviges. Weil man sich selbst auf die Finger schaut, weil man mit jedem gesetzten Buchstaben bekümmert merkt, dass die betriebene Kritik auch und besonders auf die eigene Arbeit zutrifft. Zugleich entsteht hieraus ein rabaukiger Stolz, trotzdem zu schreiben, dennoch voranzugehen, als ließe sich das Dilemma wegschreiben, überwinden mit immer mehr Text, gerade in Zeiten der allerleichtesten Herstellung und Verteilung desselben. (Der Berg wächst, und keiner weiß, wie er zu besteigen ist.)

Die vier Zitate versuchen den Weg dort hinauf trotzdem vorzugeben: Es geht um den Exzess an Wörtern, darum, wie unlesbar viel Text produziert wird und wie wir damit verfahren. Ausblenden und Abschotten? Manisches Mehrlesen? Selektive Aufmerksamkeit? Mehr oder weniger Bookmarks? Seit die Franzosen mit ihren glitzernden Begriffsschleudern (Barthes: „Le plaisir du texte“; Derrida: „Il n’y pas de hors-texte.“) herumhantiert haben, ist die Vokabel Text extrem aufgeladen, zum Guten (als Instrument, um zu sehen, wie Bezeichnungen ablaufen) wie zum Schlechten (als willkürliche Vokabel für alles: die Welt als Text, die Fußballzweitliga als Text). Auch daran entzündet sich dieser Beitrag.

Die folgenden drei Beispiele zeigen, wie heute mit Text umgegangen wird, wie mit ihm gerungen wird, wie ihm als hypertrophes Zeichencluster Argwohn entgegengebracht wird. Bestenfalls kriegt man darüber einen Eindruck, dass es Tendenzen hin zu einer Unlust am Text gibt, die genährt wird durch Überfülle, Willkür und Bedrängnis. Gibt es so etwas wie ein Zuviel an Mitteilung, Erzählung und Zeichen?

1) Ein Jahr lang aß Jamie Loftus pro Tag eine Seite von David Foster Wallaces Infinite Jest. Das Video des Verzehrs stellte sie auf Youtube. Mal aß sie die Seite mit Senf, mal als Toastbrot.

Das rituelle Muster ist klar: die Hostie essen, um mehr als nur kognitiv teilzuhaben an der gemeinsam betriebenen Sache. Mundraum und Magendarmtrakt werden miteinbezogen, um diesem „masterpiece that’s also a monster“ (New York Times) endlich mal nahe zu kommen. Ein anderer Modus der Rezeption wird uns vorgeführt. Den wuchernden Text (1104 Seiten im Original!), den ich in all seinem wuselnden und hyperintelligenten Verfahrensein eh nicht verstehe, lese ich nicht mehr. Ich esse ihn, als Gegenmaßnahme und Wertschätzung zugleich. Das ist natürlich alles ein wenig zu arty und funny, um als einziger Theorieanlass herhalten zu können. Aber die Stoßrichtung ist klar: weniger Druckerschwärze, mehr Magensäure.

2) Zwischen März und August 2017 war der Twitter-Account burnedyourtweet aktiv. Jeder Tweet von Donald Trump wurde automatisch von einem Roboter ausgedruckt, mit einem Schwenkarm über ein Feuerzeug gehalten, um von diesem abgefackelt zu werden. Die verkohlten Papierreste fielen in einen Aschenbecher. Die automatisch aufgenommenen Videos der Textverbrennung wurden hochgeladen:

Die Reaktionen seitens der Twitter-Community fielen einhellig aus: “Awesome, with that afterglow at the end.” “More more more!” “This is so satisfying!” Einhellig sowohl in ihrer süffisanten Feier dieses Clous als auch in ihrer historischen Unachtsamkeit. Bücher, Seiten, Buchstaben verbrennen – war da nicht was? Nun, es geht darum, die tweet-gewordene Idiotie dieses Menschen aus der Welt zu schaffen – und sei es nur auf symbolische Weise. Wohl eher: gerade auf symbolische Weise. Die 36377 Tweets (Stand: 14.11.2017) von Trump werden eh in zig Clouds gespeichert, sie werden tatsächlich nie gelöscht werden können. Also verfährt man uneigentlich. (Eine andere Gegenmaßnahme, die aber die selbe Unerträglichkeit bekämpft, war letztens die Deaktivierung von Trumps Account durch einen aus dem Konzern scheidenden Twitter-Mitarbeiter.)

3) In Terry Pratchetts Testament wurde verfügt, dass alle Festplatten des Autors zerstört werden sollten – inklusive der dort abgespeicherten Manuskripte und Notizen. Ende August diesen Jahres war es soweit: Publikumswirksam fuhr bei einer Steam-Fair eine Dampfwalze über die Festplatten; später wurden die zerstörten Speichermedien stolz in die Kamera gehalten.

Es war wohl auch ein nostalgisches Unterfangen: Heute speichern Autoren und Autorinnen ihre WORD- und PDF-Dateien eh(er) in der Cloud ab. Auch wenn das Bild reizvoll ist: Mit einer Dampfwalze lassen sich die Wolken am Himmel nicht plattmachen. In diesem Sinne war der testamentarische Vollzug auch ein letzter materialistisch-martialischer Sieg gegenüber der Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit der zukunftsträchtigen Cloud. Noch haben wir die Verfügungsgewalt über unsere Texte. Noch können wir mit 10-Tonnern drüber preschen. Aber eigentlich wissen wir auch, dass dieser Zustand einem Ende entgegengeht.

Was die drei Beispiele zeigen: Die Lust am Text kippt leichthin in dessen Verweigerung, Tilgung und barbarische Zerstörung. Auch das sind Maßnahmen im Angesicht der Überfülle an Text und der dort allenthalben eingesetzten Bedeutung. Und so nimmt es nicht Wunder, dass man 2017 leichthin eine Passage aus Roland Barthes‘ „Le plaisir du texte“ (1973) nehmen, einfach ein paar Negationen dazwischen knallen kann – und alles perfect sense macht:

„Ich ignoriere, ja, verweigere die Sprache, weil sie mich verletzt oder verführt.“ … „Text der Unlust: der überfordert, stresst, Ärgernis erregt, der an eine unbehagliche Praxis der Lektüre gebunden ist.“ … „Es scheint eine Mystik des Textes zu geben. – Dagegen kommt alles darauf an, die Unlust am Text zu materialisieren, aus dem Text ein Hassobjekt wie andere zu machen.“

Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn – Mit Rechten reden

Lass Vielposter in Ruh du kenns ihre stories net
(Jana Klein)

Vorweg: Jemand, der sich vor Bücherwänden fotografieren lässt, eine aufreizend überlange Dissertation geschrieben hat und verlangt, man möge sie lesen,* online einen hochfahrenden, fulminant selbstabdichtenden Habitus der Humorlosigkeit, Recht- und Vielzeithaberei kultiviert, ist niemand, den man gegen sich möchte – zumal, wenn er auch noch Jünger um sich sammelt und (etwas schwerfällige) Memes zum Einsatz für seinen Standpunkt produziert (bzw. produzieren lässt).

Seit Sommer 2016 habe ich es hier und da immer wieder grummeln gehört: Gegen den Zorn müsste man mal was machen! Es machte aber niemand was, weil sich keiner aufladen mochte, dass »der Zorn« auf Facebook endlos hinter ihm oder ihr herkommentiert oder halt sonst passiert, was eben passiert, wenn man sich mit ihm anlegt.

Andererseits: Ich soll hier ein Buch rezensieren. Vielleicht ist es ja auch gut, das Buch, und man muss gar nichts »gegen den Zorn machen«? Immerhin hat nicht nur ein namhafter Argumentationstheoretiker sein letztes Buch (Logik für Demokraten) unlängst beim Plausch nach einer Disputation hoch gelobt. Zudem hat Mit Rechten reden nicht »der Zorn« allein geschrieben, sondern mit ihm der einzige deutsche Erfolgsschriftsteller und »Schatullenproduzent« (Wikipedia), dessen Name kürzer ist als der von Juli Zeh, nämlich Per Leo (kein Pseudonym!?), und der klagenfurtgestählte Verfassungsjurist Maximilian Steinbeis.

Kurz gesagt: Es ist schwer, Mit Rechten reden (Klett-Cotta, 194 S.) zu lesen und dabei von Zorns nervtötenden Netzaktivitäten und dem Wunsch vieler, jemand möge ihm endlich eins auswischen, zu abstrahieren. Ich wollte es dennoch versuchen – falls das Buch gut ist, könnte das meinen Blick auf den Online-Zorn ja glückhaft verändern.

Im Vorfeld gab es schon um den Titel Aufregung. Wie im zweiten Kapitel erläutert (49), ist der nicht imperativisch zu lesen, was m.E. auch völlig auf der Hand liegt.** Bei einem Buch namens »Rassekatzen züchten. Ein Leitfaden« würde man auch nicht ohne Weiteres erwarten, dass dort möglichst viele zum Rassekatzenzüchten aufgefordert werden (allerdings auch keine Ablehnung des Katzenzüchtens). Schwieriger wird es mit der den Autoren anscheinend wichtigen Aussage, das Buch sei – obzwar »Leitfaden« und »Ratgeber« durchaus als Synonyme gelten – kein Ratgeber in dem Sinne, dass eine spezifische Zielgruppe bestimmte Handlungsanleitungen erhielte (11f.): findet sich doch bereits auf Seite 15 ein Satz, der impliziert, dass Leitfäden normalerweise eben Handlungsanleitungen enthielten; und hat doch das Buch auf dem Rücken die Frage »Warum und worüber und vor allem wie mit Rechten reden?« stehen, so dass, wer es liest, mit Recht erwarten könnte, entsprechende Anleitung zu erhalten. Wer weiß – möglicherweise ist das alles nur Teil eines großen Täuschungsmanövers, steht doch weiter hinten gar, dass es sich carrément um ein Buch für Rechte handle (158).

Wie auch immer: Das Werk enthält nur wenige Passagen, die man überhaupt als Handlungsaufforderungen für mit Rechten Redende lesen kann, so dass m.E. eine Diskussion darüber, ob es ganz allgemein das Reden mit Rechten gutheiße oder gar einfordere, überzogen ist. Sein Hauptgegenstand ist vielmehr, zu beschreiben, a) wie Rechte reden; und b) wie »die Linke« handelt. Dies alles in weitgehend unkonkreter Weise: Es gibt keinerlei Literaturnachweise und in vielem hält sich der Text im Allgemeinen oder lässt fiktive Rechte zu Wort kommen. Über weite Strecken gibt es sogar »multiple levels of indirection«, wenn etwa in ermüdender Ausführlichkeit erzählt wird, wie ein fiktiver rechter Informant bei einem fiktiven Gespräch den Autoren ein fiktives Theaterstück schildert, in dem »die Linke« als allegorische Figur auftritt, oder einen ähnlich allegorischen Traum über die Unterdrückungsängste Rechter (56–86).

Kernstück ist eine zwar mit wenig überzeugenden Analogien (die Verwendung von verschiedenen disparaten Kreismetaphern soll vermutlich kunstvoll wirken, trägt aber inhaltlich nichts bei) arbeitende, aber schlüssige Darstellung rechter Rhetorik im Allgemeinen (88–131), ergänzt um einige kurze exemplarische Besprechungen typischer Konfliktfelder (132–175; es geht um Flüchtlinge, Widerstandsrecht, Volksbegriff, Redefreiheit, Islam und Nationalsozialismus). Dabei wird überzeugend analysiert, was die rechte Sprechhaltung ausmacht: aggressives Einfordern, Beliebiges ohne Gegenrede behaupten zu können, und sofortiger Übergang zur Stilisierung als Opfer, wenn doch eine Gegenrede aufkommt. Die Themenanrisse machen die Schwäche dieses Gestus auf verschiedenen Feldern klar. Nichts davon ist neu, wenn man in den letzten zwanzig Jahren ein bisschen mit Metadiskussionen dazu zu tun hatte, warum bestimmte Diskutanten im Netz (»Trolle«, »Kooks«, »Flamer«) so anstrengend sind. Vermutlich hat es aber noch kein deutsches Sachbuch mit so hohem Profil zu genau diesem Thema gegeben.

Soviel also zum gar nicht so uninteressanten Inhalt. Es gibt nun drei große Einwände, die man gegen Mit Rechten reden erheben kann: gegen seinen Stil, gegen seine Prämissen und gegen die ihm zugrundeliegende Unterscheidung.

Zum ersten: Der Stil ist ohrenbetäubend überheblich, bemüht flapsig, aber leider durchweg völlig unlustig – »Die Frage hätte eigentlich einen dicken Wälzer mit 1968 Fußnoten verdient« (54); »Man kann sich jederzeit an den Händen fassen und um den Ahnenstammbaum tanzen, bis einem schwindelig wird« (147); der bemüht popkulturelle Epilog mit seinen asterixmäßigen Anhimmeleien (»mein Gott, dieses Lächeln!«, 180); usw. Darin ist er den onkeligen Erzählerstimmen alter Jugendbücher ähnlich.*** Dazu passt der dezente Sexismus – auf Seite 92f. wird als Ad-hoc-Beispiel für das Haben von hervorstechenden Eigenschaften ausgerechnet eine Frau mit »dicken Beine[n] und […] lose[m] Mundwerk« bemüht, weil viel redende Frauen mit dicken Beinen halt anscheinend intrinsisch lustig sind.

Möglicherweise ist dieses stilistische Scheitern zu erklären. Das Buch macht einen schwer mit der heißen Nadel gestrickten Eindruck. Dass zwei promovierte Geisteswissenschaftler, von denen einer Argumentationstheoretiker und der andere Romanschriftsteller ist, sowie ein Jurist, die zusammen bei einem renommierten Qualitätsverlag publizieren, z.B. eine Stilblüte produzieren wie die, dass »die Erdkugel« sich hinter dem Horizont »nach allen Seiten« wegbiege (116),**** lässt sich nur durch Zeitdruck oder Achtlosigkeit erklären. Die Lektüre wird auch dadurch erschwert, dass zwar ab Seite 29 explizit »wir« im Text für die »Nicht-Rechten« und »ihr« für die Rechten stehen soll, aber ab und zu Passagen vorkommen, in denen »wir« unangekündigt und stillschweigend für etwas anderes steht, z.B. für das deutsche Volk aus Sicht der Rechten (143).

Zum zweiten: Das gesamte Werk ist von verschiedenen politischen Grundüberzeugungen unterzogen, die zwar größtenteils explizit gemacht, aber nicht begründet oder gar anhand von Literatur entwickelt werden. Dazu gehört eine extrem holzschnittartige Darstellung »der Linken«, die weitgehend die derzeit gängige konservative Erzählung nachbetet, diese sei irgendwann ein gutes, humanistisches Projekt gewesen (52f.), habe sich dann aber in Freund-Feind-Denken und Paternalismus verrannt und sei heutzutage sozusagen identitätspolitisch darin blockiert, effektiv gegen die Rechte zu agieren.

Darüber, was gerade nicht explizit gemacht wird, mögen drei exemplarische Zitate Auskunft geben, die ich nicht weiter kommentieren möchte:

  • »Die Russen, die wie kein anderes Volk durch die Literatur zu sich selbst und zur Menschheit gesprochen haben« (42)
  • »Ein deutscher Jude, der um keinen Preis Jude und um jeden Preis Deutscher sein wollte, aber um keinen Preis nur Deutscher.« (128)
  • »Deutschland ist heute auch deswegen eines der mächtigsten Länder in der Welt, weil viele unserer Nachbarn sich deutsche Führung wünschen.« (174)

Mich stört zu guter Letzt (zugegeben, hier wird es persönlich), dass sich das Buch nicht bloß mehrfach über Kirchentagsprotestantismus und Margot Käßmann mokiert – das ist ja im deutschen Feuilleton mittlerweile strafbewehrte Pflicht und daher verständlich –, sondern en passant (158) lediglich Evangelikalen und Katholiken die Fähigkeit zuspricht, in einem »radikalen Sinne« gläubig zu sein. In einem Buch, an dem jemand mitgeschrieben hat, der an der KU promoviert wurde, passiert so etwas vermutlich nicht zufällig.

Zum dritten: Was Rechte zu Rechten macht, ist den Autoren zufolge »eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden«. »Rechts«, wie es hier thematisiert wird, ist für sie eine Eigenschaft eines kontextgebundenen Sprechakts, nicht einer politischen Haltung oder gar einer Person. Nun ist es aber eben so, dass die real existierenden Rechten in Deutschland, soweit sie derzeit ein wichtiges politisches und kulturelles Phänomen sind, sich dadurch auszeichnen, dass sie durchweg, von der Facebook-Basis bis hoch zur Spitze der AfD, a) die Beseitigung bestimmter Menschengruppen aus Deutschland durch Deportation und/oder physische Vernichtung und b) die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland gutheißen oder betreiben; oder zumindest eindeutig mit Gruppen verbandelt sind, die solches tun. Die Redeweise und der Vernichtungswille hängen zusammen und können nicht voneinander abgetrennt werden; der auch im Buch angerissene Schmittianismus der Rechten impliziert das bereits, da er ihren Feinden (wie allen ernstzunehmenden politischen Akteuren überhaupt) unterstellt, offen oder versteckt ebenfalls Vernichtungswillen zu hegen. Wer rechts im Sinne der jüngeren politischen Entwicklungen ist, ist mit Vernichtungswilligen verstrickt, sonst ist er nicht rechts oder höchstens so rechts, wie man vielleicht in der hessischen CDU 1982 rechts war; sein rechtes Reden ist von (mindestens gedachter) politischer Gewalt nicht abtrennbar.

Auch den Autoren ist klar, um welche Rechten bzw. rechts Redenden es ihnen heute geht. Es werden andauernd die sattsam bekannten Galionsfiguren der aktuellen rechten Bewegung, also Götz Kubitschek und die Identitären samt jeweiligem Anhang, mithin offene Befürworter der Diktatur sowie Förderer, Apologeten bzw. sogar tatsächliche Veranstalter rechtsterroristischer Akte, als Exemplare dieser angeblich diskursfähigen gemäßigten Nicht-Nazi-Rechten gehandelt. Dies zeigt, dass die geforderte Differenzierung entweder nicht ganz durchdacht oder nicht praxisrelevant ist.

Leo und Steinbeis haben in einem Interview in der SZ gesagt, dass sie den Kampf mit den Rechten gerne selbst öffentlich als »Kampf zwischen Gegnern und nicht zwischen Feinden« austragen möchten. Die Rechten wären aber keine Rechten, wenn sie nicht ständig mit ihrem Wunsch nach der physischen Niederwerfung und am Ende Vernichtung Andersdenkender sowie als irgendwie minderwertig Behaupteter kokettierten, sei es auf allerhöchster Ebene, wenn sie den Holocaust gar nicht so schlimm finden, oder auf niederster Ebene, wenn etwa der angebliche Chef-Rechtsintellektuelle Kubitschek noch nicht einmal ein lockeres Gespräch mit zwei Leuten von der FAZ führen kann, ohne mit »Soll ich Ihnen mal zeigen, was autoritär ist?« eine Gewaltandrohung in den Raum zu stellen. Man kann mit ihnen nicht als Gegner reden, selbst wenn man vorher ein noch so schönes Buch dazu schreibt, sie sind und bleiben Feinde, gewissermaßen Feinde zweiter Ordnung: Sie sind deshalb (und nur deshalb!) Feinde, weil sie selbst mit voller Absicht unfähig sind, Gegner nicht als Feinde zu sehen.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Aber was ist mit den Rechten, die keine physische Gewalt gegen unliebsame Bevölkerungsgruppen ausüben möchten und schon gar nicht irgendwen vernichten? Mit denen kann man doch reden? Ja, mit denen kann man reden, aber das sind dann nicht die Rechten, die Zorn und Konsorten über ihre Beispiele aufrufen, nicht die Rechten, die Politik und Medien in diesem Land seit spätestens 2014 vor sich hertreiben, sondern schlicht handelsübliche Konservative mehr oder minder nationalchauvinistischer Couleur. Und mit denen reden wir in Deutschland ununterbrochen, jeden Tag der Woche, so viel und so oft, dass man sich manchmal fragen möchte, ob überhaupt noch jemand anderes zu Wort kommt. (Wir reden übrigens bereits heute andauernd auch mit den vernichtungswilligen Rechten; die medial bestens präsente AfD ist eine Partei, deren politische Ziele ohne Massendeportationen schlicht nicht umsetzbar sind.)

Mit Rechten reden ist also: eine inhaltlich streckenweise gewinnbringende, stilistisch durchweg ärgerliche Lektüre, die darin gefährlich ist, dass propagiert wird, rechtes Reden sei irgendwie theoretisch oder gar diskurspraktisch abtrennbar von rechter Gewalt. Wer das glaubt, könnte man vermuten, der glaubt auch, dass der Verfassungs- und Staatsschutz effektiv Verfassung und Staat vor Rechten schützen: und tatsächlich, auf Seite 25 steht, den Gewaltaspekt der ganzen Geschichte könne man einfach den zuständigen Staatsorganen sowie der Antifa (!) überlassen. Die Realität rechter politische Gewalt im gegenwärtigen Deutschland spielt ansonsten nirgendwo groß eine Rolle. Auf Seite 31 kann man nachlesen, dass die Autoren weder Linke noch Rechte sein wollen, Linke mögen und eigentlich auch nichts gegen Rechte hätten – an denen stört sie nicht etwa, dass sie die Tendenz zum Anzünden von Ausländern und Zusammentreten von Obdachlosen haben, sondern dass sie ihnen immer wieder bestimmte Absichten unterstellen. Der Epilog des Buchs schlägt vor, Rechte und Nicht-Rechte könnten sich doch einfach paarweise zu einer Art Freistil-Debattierclub treffen (182f.).

Holy centrism, Batman! Man muss sich die Autoren als glückliche Deutsche vorstellen. Immerhin: »Der Zorn« ist mir nicht unsympathischer als vor der Lektüre.*****

Aus Gründen, die auf der Hand liegen, werde ich mich auf keinerlei Diskussion über diese Rezension einlassen. Wer mir nachweisen kann, dass ich öffentlich auf eine Reaktion auf diese Rezension reagiert habe, erhält von mir gratis und frei Haus eine Flasche guten Weißweins aus dem Anbaugebiet Saale-Unstrut.

Für seine präzisen Kommentare und Verbesserungsvorschläge danke ich Dr. Alexander Kremling.

____________

* In den paar Threads unter Zorns Beteiligung, die ich auf Facebook gelesen habe, wurde öfter jemand aufgefordert, seine zweibändige, 877 Seiten starke Dissertation (das ist z.B. deutlich umfangreicher als die Kritik der reinen Vernunft) zu lesen, als in meiner gesamten philosophischen Laufbahn jemand (sämtliche mir bekannten LehrstuhlinhaberInnen eingeschlossen) in meiner Gegenwart jemand anderen aufgefordert hätte, eine eigene Qualifikationsschrift zu lesen.
Dazu noch eine Anmerkung: Extrem umfangreiche Dissertationen haben im Philosophiebetrieb keinen guten Ruf, weil sie häufig von Spätberufenen oder sonstwie Sendungsbewussten kommen, die beanspruchen, bereits auf dem Wege der Doktorarbeit das gesamte Fach neu aufzurollen. So oder so gilt es als suspekt, wenn jemand Material, mit dem er/sie sich rein vom Umfang her eigentlich locker habilitieren könnte, bereits zur Promotion vorlegt und sich nicht kurz fasst. Zorns gründliche, mit Bestnote verteidigte Dissertation passt allerdings augenscheinlich nicht in dieses Raster; es gibt keinen Grund, hinter ihrem Umfang eine irgendwie schräge Absicht jenseits des Bedürfnisses, sich raumgreifend auszudrücken, zu vermuten. (Ich habe mehrfach länger hineingeblättert, aber nicht das ganze Trumm gelesen, wofür ich um Verständnis bitten möchte, da es wirklich sehr lang ist und keine Relevanz für meine Forschung und Lehre hat.) Insbesondere gibt es, auch wenn andere immer wieder einmal Anderes angedeutet haben, keinen Grund zu vermuten, dass Zorn ein schlechter Philosoph sei.

** Nicht jeder Buchtitel, der dies zulässt, darf imperativisch gelesen werden; exemplarisch möchte ich hier nur das juristische Standardwerk Erbrecht (Brox/Walker) nennen.

*** Wer ihn kennt, mag sich wie ich an den schwerfälligen Humor von Arthur C. Clarke erinnert fühlen. Zorn ist übrigens bekannt dafür, auf Facebook hin und wieder anderen erklären zu wollen, was witzig ist und was nicht, ein Unternehmen von bestechender unfreiwilliger Komik.

**** Selbstverständlich biegt sich nicht die Erdkugel, sondern die Erdoberfläche, und zwar biegt sie sich auf, zu oder an allen Seiten weg, aber überall nach derselben Seite, nämlich nach unten, genauso wie in einem Kreisverkehr auf allen Seiten alle Autos nach rechts abbiegen.

***** Hinten im Buch (zumindest in der 2. Auflage) sind übrigens Verlagsanzeigen für Schmitt (187) und In Stahlgewittern (191) drin. Wirklich. Schauen Sie selbst nach.

Papperlapathos: Sieben Nächte von Simon Strauß

Es ist ein willkommenes Buch, für alle, auch für Kritiker, die es sich zu einfach machen (wollen), die im Buch nur die falsche, hysterische, hyperaktive Artikulation eines Wohlstandskindes sehen, das sich auflehnt, ein erstes, ein letztes Mal, bevor es an den Trog der Arbeit, der Familie, der Schulden geführt wird und nie wieder etwas Größeres, Stärkeres, Schnaufenderes von sich geben wird als wohlgefällige satte Grunzlaute.

Solche Kritiken stürzen sich auf die vermeintliche erste und größte Schwäche dieses Buchs, das diese eine Flanke wiederum unbekümmert, stolz gar, hinhält, im kühnen Wissen, wem es sich dadurch zum Fraß vorwirft. Zugleich schert sich „Sieben Nächte“ wenig um diese freie Flanke, im Gegenteil: Es ist gerade dies die erfolgreiche Strategie des Buches. Es will doch verletzlich, großspurig, angehbar, belangbar sein; es will reinhauen und eins in die Fresse bekommen. Hauptsache: Das intensive Leben schimmert und schießt durch.

Und die Flanke glänzt unverhohlen: Ein Streberbengel versucht, sich risikobereit und schmuddelig durch ein nur sieben Nächte andauerndes anderes Leben zu wälzen, selbst wenn nicht wirklich viel Schlamm vor ihm ausgebreitet wurde. In Ermangelung tatsächlicher aventiure springt er halt von halbhohen Türmen und stopft zu viel halbgares Fleisch in sich rein, als ließe sich dadurch der innere Hunger stillen. Er wagt es, sehnsüchtig zu sein, sich dem Gedanken(kitsch) einer großen befreienden Geste hinzugeben. Derlei zu kritisieren ist einfach, gängig – und nur an einigen Stellen tatsächlich angebracht, dann nämlich, wenn der Erzähler sich unter dem arg plüschigen Deckmantel von Pathos und Urgefühl nur noch sich selbst gefällt, wenn er derart vom eigenen Ungenügen gegenüber der Welt berauscht ist, dass er mehr und mehr Bilderfluten und rhetorische Fragen bemüht.

Oftmals aber stürzen sich die Kritiken, die ich las, ausschließlich auf das vermeintlich nervig Proklamative dieses Textes, hervorgebracht von einer hassenswerten Gestalt, irgendetwas Ausgebufftem zwischen Bube, Bonze und Botho Junior. Dabei gleicht diese gefällige Form der Kritik jenem Angeraunze, mit dem die beige Oma sich darüber aufregt, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht: Sie ist evident, halbwegs legitim und unsäglich festgefahren. In dem Sinne gehen wir jetzt mal den Kritiker an: Wieso darf „Sieben Nächte“ das alles nicht? Wieso dürfen wir in diesem öden Land nicht bei Rot über die Ampel? Kann die Schreibgeste in all ihrer pathetischen Schnauzigkeit nicht sympathisch sein – oder wenn schon nicht sympathisch, so doch annehmbar, nachvollziehbar, gerne auch: wünschenswert, sei es als Maßnahme gegen die ironieverkühlte immerzu abwägende Hin-und-her-graue-Stadt-graue-Seele-Prosa des großen ganzen Rests, sei es auch nur als erfreuliche Andersdarstellung, als statistisches Gegenüber, schlimmstenfalls als symmetrisches Übel, das den Laden mal aufmischt – stilistisch, weltanschaulich, lebensreformerisch.

Wenn man diesem Buch denn etwas vorwerfen möchte, dann sind es „nur zwei [andere] Dinge“: Dass es sich erstens einem unpräzisen Denken hingibt, dass es Worte, Begriffe und Vokabeln zusammenklaubt, sie nachts, bei zu viel Starksprudel und arg herabgedimmtem Laptopbildschirm, aneinanderknallt, um sich Ausdruck zu verleihen – und darüber nicht bemerkt (nicht bemerken will?), dass es mit heiklen, historisch aufgeladenen, ideologisch leichthin andockbaren Ideen hantiert: Gemeinschaft, Tat, Monument.

[Zusatz, 20.11.2017: Nachdem ich diesen bedinungslos lesenswerten (ich würde sogar sagen: pflichthalber zu lesenden) Text von Wolfgang Ullrich (Die Wiederkehr des Schönen) gefunden habe, will ich diesen ersten Punkt nochmal besonders herausstellen: Der Text von Strauß ist an manchen Stellen reine Rhetorik, nichts als Geste ohne Körper, die wirken will – auch und gerade abseits einer intellektuellen Aufnahme. Und das ist dann mehr als ein Kniff aus der Schreibschul-Mottenkiste, das kann schlechterdings ein Schreibverfahren sein, das sich gefühlshalber und mächtig imponieren will, das zugleich eine bedachte, besonnene Reaktion seitens der Leserschaft unterbinden will. Schließlich steht die monumentale tat-bezogene Wirkkraft qua Text an erster Stelle, und derlei beabsichtigte „Stöße“ und „Umwälzungen“ setzen analytische, reflektierte Umgangsformen außer Kraft. Und ja, das ist dann tatsächlich sehr bedenklich. Besser, ausgiebiger und klüger steht das alles bei Ullrich, & nochmal: pflichthalber zu lesen!]

Dass es zweitens bei all der um sich greifenden großen Trostlosigkeit, bei all den Leuten, die glauben, ausgelaugt zu sein, wo sie eigentlich nie mehr als Schongang und Weichspüler kannten, dass es sich demgegenüber nicht anders zu helfen weiß als mit einem Schrei nach MEHR!, nach mehr Ich, mehr Gefühl, mehr Leben. Vor lauter gierigem Ich-Schielen verliert das Buch jegliches Gegenüber aus den Augen. Die Recherche in „Sieben Nächte“ käme wohl an ein Ende, wenn der Erzähler sich selbst potenziert (wieder-)fände, d. h.: aufgebläht, eingedellt, gesättigt, voller Schrammen, Enttäuschungen und Erfahrungen, wenn er aufs spätere Selbst stieße, das in monströse Intensität hoch- und breitgepumpt wäre. Dass es womöglich eine andere befreiende Haltung gibt, eine weitsichtigere Reaktion auf die niederträchtige Üblichkeit unserer Gedanken und Gesten – das ist in der radikal subjektivistischen Logik von „Sieben Nächte“ undenk- und also unerzählbar. Wie wäre es, statt als Hyperprivilegierter dadurch den Ausbruch zu wagen, mehr, bloß halt anderes härteres Zeug für sich einzufordern, zu versuchen, diesem Impuls ein anderes Mehr! entgegenzusetzen, ein Miteinander, ein Mitmenschiges. Es wäre eine (ebenfalls großspurige) Haltung des Zurückstehens, des Still-Werdens, des Zuhörens, des leisen Mitmachens, um derart die Hypoprivilegierten vorzulassen, deren Bäuche überzeugender grummeln, nicht von zu viel Maki-Rollen, sondern von zu wenig tatsächlicher Lebenszufuhr. Auch sie würden sich vermutlich gerne bis zum rhetorischen Platzen aufblähen und alles und nichts für sich beanspruchen wollen.

Und eins ist sowie und abschließend und immer klar: Gemeinsam läuft es sich besser und sicherer über Rot; je mehr man ist, umso spaßiger ist die Chose – und umso länger müssen die Mercedes-Fahrer hupen und warten. (Ja, das ist ein pathetisches Ende, als Gruß an die guten Seiten dieses Buches.)

Abschließend zwei Links zu Texten, die sich Pathos & dem Lob des endlich wieder extremen Gefühls ebenfalls hingeben:

Hannah Lühmann, „Verhaltenslehren der Kälte“: „Wir haben das Wissen um die Kälte verlernt und das Wissen um die Hitze, ihre dialektische Gegenmacht. Wer sitzt noch in der kalten Dachkammer und ringt um Sprache?“

Alban Nikolai Herbst, „Arbeitsjournal“: „Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch, anders würde sie wieder und wieder relativieren, was Leidenschaft eben ausschließt. Entgrenzung, Begeisterung, Orgasmen sind ironisch nicht nur nicht mehr spürbar, sondern sie werden vernichtet, erstickt und überdies sogar lächerlich gemacht – auch und gerade sich selbst gegenüber. Damit verlieren die Menschen ihren Kontakt zu sich selbst und zur Erde. Sie entgeistigen sich ihr.“

Die Grundlage meines Geschäfts: Origin von Dan Brown

Keine Fragen, sinnierte der Killer. Das ist die ungeschriebene Regel, die Grundlage meines Geschäfts.

Ohne Frage ist Dan Brown mit Illuminati und Sakrileg etwas – nicht nur kommerziell – außergewöhnliches gelungen. Dabei war das Verknüpfen von Verschwörungstheorien – in der Vor-YouTube-und-Fake-News-Zeit meist nur bekannt als harmlose als Mondlandung-in-der-Wüste und Elvis-lebt-Szenarios – und einfach, aber rasant erzähltem Thriller, keine Erfindung von dan brown origin lübbe coverBrown, auch nicht die Kombination des Jahrhunderte währenden Kampfes zwischen Kirche und Wissenschaft, die legendenartige Zelebrierung des Fights des Fortschritts gegen die Mär vom Paradies und dem Apfel, der sprechenden Schlange und den Salzsäulen, gab es als denkbar offensichtlichen Plot ebenfalls in der Zeit vor Dan.

So offensichtlich und durchschaubar bleibt bis heute alles was Dan Brown schreibt. So sehr die beiden Turbo-Bestseller damals einen Hype entfachten und wahrscheinlich nur irgendwie zur rechten Zeit am rechten Ort waren, schaffen es Autor und Verlag bis heute immer wieder den alten Wein in neue Schläuche zu füllen und von Bahnhofsbuchhandlung bis Bestsellerliste, sicher bald auch wieder Kinosäle, zu fluten.

Dabei will ich nicht verschweigen, dass ich die Brownschen Powerbücher Sakrileg und Illuminati schätze. Nicht weil sie besonders pfiffig konstruiert wären oder (das am wenigsten) gut geschrieben, sondern weil sie einem damals Heranwachsenden dieses Lesegefühl gaben, den Sog, den sonst nur Harry Potter Bücher hatten und eben auch genau in meine (Lebens)Zeit passten, die Empfänglichkeit für das Ablehnen des Alten, der Glaube an die Macht der Wissenschaft und die Faszination für das Uminterpretieren von Geschichte und Geschichten.

Wenn’s am schönsten ist

Der Fehler des Dan Brown war dabei, dass er sich nicht einfach ausgeruht hat. Wobei was heißt dabei Fehler, natürlich ist es sehr, sehr klug von ihm weiterzumachen, denn so wird er ja noch reicher, auch sein neustes Werk verkauft sich bestens und bei einem Ladenverkaufspreis von 28 Euro in deutschen Läden freuen sich Verlage, Buchhändler und Daniel Braun gleichermaßen über Origin. Literaturpreise und/pder Kritikeranerkennung stinken sowieso ziemlich gegen das ab was wirklich wichtig ist: Geld.

Deswegen hat der Bestseller Autor sein altes Kochrezept rausgeholt und damit ein neues, altes Buch geschrieben:

  • Hauptfigur: moderner Indiana Jones = Professor, aber cool, gebildet, aber nicht eingebildet, Tweed (ausgerechnet!), aber sexy
  • irgendeine geschichtsträchtige europäische Stadt: Rom, Paris, Florenz
  • ein Toter am Anfang, der irgendeiner superkrassen Entdeckung auf der Spur war oder supergeheimes Geheimwissen hatte
  • schöne Frau, die mit Professor zusammenarbeitet
  • ein fieslicher Killer, der am besten religös verblendet ist
  • supermächtige Drahtzieher irgendeiner unsympathischen Lobby (am besten katholisch)

Daher der Plot schnell für Origin gebaut:

Langdon + Bilbao, Barcelona, Madrid + toter Mentee des Profs, der publikumswirksam seine Superentdeckung präsentieren wollte, aber kurz vorher ebenso publikumswirksam erschossen wird + schöne Frau ist die superkluge, superschöne Leiterin des Guggenheim in Bilbao, die mit dem spanischen Thronfolger verlobt ist, der möglicherweise mit der katholischen Kirche Spaniens hinter dem Anschlag steckt + der Killer ein ehemaliger Marine Offizier mit – KLAR! – direktem Draht zum (Gegen-)Papst einer absurden Strömung der katholischen Kirche

Und der Mann zieht das ja durch, das ist wirklich derselbe (nicht dergleiche!) Plot wie alle anderen vorher auch. Großes Problem aber zu den Vorgängern, die Story ist jetzt wirklich endgültig durchgekaut und größtes Problem, mindestens die ersten 300 Seiten (so weit bin ich [Update: habe es zu Ende gelesen, es bleibt langweilig]) sind unglaublich langweilig. Von der Superentdeckung weiß der Leser immer noch nichts, es gibt einen superschlauen Computer und superböse Bösewichte, das isses. 28 Steine für den fünften Aufguss eines alten Tees, geschrieben von einem nicht so superschlauen Computer.

Damit ihr euch die Euros für den nächsten Bestseller sparen könnt, hier bereits der von mir durchgeplottete nächste Robert Langdon Powerseller:

  • Berlin
  • ein junger Historiker, der aber nebenbei an Quantencomputern forscht, hat entdeckt, dass Hitler gar nicht tot ist, er arbeitet (wirklich!) als Schichtleiter in einem VW-Werk in Argentinien,
  • weil aber Merkel nicht will, dass das rauskommt, verbündet sie sich mit der katholischen Kirche (obwohl ostdeutsche Pastorentochter!) und lässt Hitler und den Wissenschaftler umbringen, den Mord bezahlt sie mit Bitcoins und organisiert ihn über das Darknet mit ihrem Alias „Mutti“ (hintergründiger Humor, aber doch so platt, dass es alle verstehen)
  • Robert Langdon war zu einem Kongress in Berlin und findet eine verschlüsselte Nachricht, er will die Entdeckung publik machen, weil Mutti das rausfindet, hetzt sie ihm und der schönen Elsa (Indianer Jones Referenz) auch einen Killer auf den Hals
  • Langdon muss deshalb superschnell nach Argentinien und rausfinden, ob Hitler einen Sohn hatte
  • am Ende wird alles gut
Beitragsbild von Cristina Gottardi auf Unsplash

High five

Fünf, so weiß Wikipedia, ist eine natürliche Zahl zwischen vier und sechs. In Deutschland, so belehrt die Online Enzyklopädie weiter, ist 5 die zweitschlechteste Schulnote, in Österreich die schlechteste. In Russland, Ungarn, Türkei ist die Fünf die beste Schulnote. 54books ist jetzt auch 5, Platz wäre also noch für vier weitere oder 49 weitere Reckinnen und Recken. Unter dem Strich soll dies aber erstmal bedeuten: 54books wächst erneut.

Gegründet als Ventil für einen einzelnen Narzissten, bietet diese kleine Internethütte inzwischen Platz für vier weitere. Nachdem die hochgeschätzte Katharina Herrmann bereits mit ihrem vieldisktierten Beitrag Zur Kritik des normierten Lesens das Internet zum Beben brachte, lud man sie endlich auf Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen zum Gespräch ins Radio gewordene Feuilleton. Nach kurzfristiger Erweiterung des Teams um Matthias Warkus, der sich als dezidierter Sachbuchverreißer einen Namen machen soll, heiße ich, Tilman Winterling, nun auch noch Katrin Schuster und Samuel Hamen im Kreis der 54 willkommen.

Zu diesen Persönlichkeiten im Einzelnen:

Dr. Matthias Warkus wohnt als humanoider Roboter in einem Schuhkarton. Er ernährt sich von Sachbüchern und getragenen Tweedjackets alter Männer. Er liebt es gern warm und politisch aufgeheißt. Seine Freizeit füllt er mit dem Erstellen von Listen und Verrissen. Man möchte ihn gerne ermuntern auch das eigene Buch zu verreißen, aber Dr. MW kennt selbst genug schlechte Bücher.

Katrin Schuster hat bei dastelefonbuch.de nur eine Bewertung von zwei Sternen, ein erbärmliches Resultat, bedenkt man, dass das bloße Führen einer Telefonnummer keine allzu große Herausforderung darstellt. Mit einer Mischung aus Mitleid und Hoffnung auf Steigerung, nimmt 54books die studierte Germanistin und bereits viele Jahre als freie Journalistin tätig Gewesene, die heute für die digitale Kommunikation der Münchner Stadtbibliothek zuständig ist, gerne in seine Reihen auf. Mehr zu Katrin erfährt man dazu hier.

Samuel Hamen zitierte Jelinek in einem Zeit Online-Artikel über Buch Blogs und hat damit die Blogosprähe gegen sich aufgebracht (vgl. Katharina Herrmann, die macht das auch ständig). Entgegen der eigenen Darstellung trinkt er aber gerne Heißgetränke zu einem guten Schmöker, betreibt heimlich einen Instagram Account mit 1,7 Mrd. Followern und bloggt bereits auf ltrtr. Da die URL des Blogs zu sperrig ist, soll er 54books als Spielwiese und Versuchslabor erhalten, während er über Terrorvögel in der ostindischen Literatur des 13. Jahrhunderts: der Vogel muss die Axt sein für das gefrorene Buch in uns an der FH Schmalkalden promoviert.

Wir laden Sie, liebe Leserin und lieben Leser, ein uns zu folgen. 54books ist jetzt zu fünf – wie die Beatles!

Mehr zum Team und weitere erlogene Biographien der Mitglieder des Teamsa finden Sie hier.

Beitragsfoto von Đức Mạnh bei Unsplash

Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr‘ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.