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Jahr: 2014

“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

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Finden Sie Mabel

Ich schäme mich nicht, oder nur ein bisschen, es öffentlich zuzugeben: hin und wieder habe ich eine Schwäche für Heinz Rudolf Kunze – die alten Sachen natürlich. Zurückzuführen ist das auf eine pränatale Konditionierung, denn kurz vor der Niederkunft im April 1987 hörte meine Mutter das Album Wunderkinder rauf und runter. Zehn Jahre später entdeckte der Filius dieses Album für sich, ganz besonders Finden Sie Mabel. In diesem Lied fleht der Auftraggeber einen gewissen Philip Marlowe an, dass dieser ihm seine getürmte Freundin finde und zurückbringe.

Ihnen wäre sowas sicher nie passiert,
keine Frau hat je in Marlows Drink gerührt,
leih mir deinen Mantel Marlow nur für eine Nacht.

Auf Nachfrage wurde ich informiert, dass es sich bei Philip Marlowe um einen Privatdetektiv der amerikansichen Krimiliteratur handelt, cool und unnahbar. Nun endlich, 26 Jahre nach der ersten Begegnung mit ihm, mache ich mich auf die Suche dessen Person zu ergründen.

163446Der große Schlaf, der erste Roman in dem Marlowe auftaucht, ist inzwischen ein Klassiker der Krimiliteratur. Das Erscheinen der illustrierten Ausgabe bei der Büchergilde eine Gelegenheit für mich auch mal wieder einen Krimi zu lesen.

Ein alter Mann bittet Marlowe den Schulden einer seiner beiden Töchter nachzuspüren. Die beiden Gören sind dem mit Öl reich gewordenen General schwer missraten und verbringen ihre Zeit damit ihr Taschengeld in Casinos zu tragen, sich zu verschulden oder halbseidene Typen zu heiraten. Seine Recherchen führen den Privatdetektiv zu einem Antiquariat, das im Hinterstübchen eine Leihbibliothek für verbotene pornografische Literatur betreibt. Als kurze Zeit später der Inhaber selbiger ermordet wird, dummerweise eine der Töchter des Generals im Drogenrausch zumindest anwesend ist, ihr Chauffeur mit dem Auto vom Pier stürzt und bei Marlowes Rückkehr die Leiche des Buchhändlers verschwunden ist, beginnt sich die Lage zuzuspitzen.

Philip Marlowe ist ein hardboiled detective, der Prototyp des Privatdetektivs, der Recht und Gesetz unkonventionell auslegt, gerne bei der Observation im Auto eine halbe Flasche Whiskey trinkt und natürlich Einzelgänger ist. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Polizeidienst wegen Befehlsverweigerung steht er mit der Polente nicht mehr so gut, hat aber noch alte Kontakte, auf die er sich verlassen kann. Auch wenn er ständig von den beiden Töchtern seines Auftraggebers umgarnt wird, ist er gegen Avancen immun, zumindest soweit sie das Lösen des Falls oder die Interessen seines Mandanten beeinträchtigen könnten.

Der Stil Chandlers ist locker und zeitgeistig-cool, genau der Ton wie man ihn sich für einen Krimi der 30er/40er wünscht. Der Humor Chandlers ist hintergründig und wirkt sicher nur in diesen Büchern, in diesem Genre, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat würde ihn platt und albern aussehen lassen, dabei sind es immer genau die richtigen Stellen an denen dieser schelmische Ton angeschlagen wird.

Die Spannung ist nicht mit der eines modernen Krimis oder gar Thrillers vergleichbar. Solche Bücher liest man nicht (allein) aus diesem Grund. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien und keine Psychopathen, den Reiz macht die Person Marlowes aus. Seine Ansichten, sein (leicht) melancholisches Draufgängertum, seine Coolness unterhalten, aber trotzdem geht es (auch) um einen verwinkelten Kriminalfall, dessen Lösung im Klimax fesselt.

© Büchergilde Gutenberg
© Büchergilde Gutenberg

Die Aufmachung meiner Ausgabe ist, wie bei der Büchergilde gewohnt: gutes Papier, Lesebändchen, das Cover aus farbig bedrucktem Leinen, großzügiger Satz und Fadenheftung. Dazu die nette Idee den Vorsatz aus silbernem Zigarattenpapier zu gestalten. Die Illustrationen aber sind abstoßend häßlich! Ich kann meiner Ratlosigkeit darüber gar keinen Ausdruck verschaffen, kann nur sagen, dass sie mich stellenweise sogar gestört haben, keiner konnte ich irgendetwas, gar einen Mehrwert für das Buch, abgewinnen.

Zu Heinz Rudolf Kunze habe ich inzwischen ein gespaltenes Verhältnis. Der Mann, nun ohne Schnäuzer, mit dem immer erhobenen Zeigefinger, vehement zur Schau gestellter, und damit aufgesetzt wirkender, Liebe zu Literatur, Schreiben, Weltfrieden und Europa und jetzt mit einem neuen Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Album, wir haben uns in den letzten Jahren sichtlich auseinander gelebt. Marlowe dagegen ist mein Mann, sollte es mich also in nächster Zeit mal wieder nach einem Krimi und einem coolen Detektiv gelüsten. Aber trotzdem, ich schäme mich nicht es zuzugeben, z.B. für Finden Sie Mabel hat HRK für immer einen Platz in meinem Herzen.

Verfilmt wurde Der große Schlaf als Tote schlafen fest 1946 mit Humphrey Bogart in der Rolle des Marlowe.

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Der schmale Grat

In der Literatur, wie im Humor, gibt es eine sehr feine Linie zwischen Kunst und Käse. Das gilt umso mehr für den Bereich der modernen Lyrik, nur dass der Käse dann meist Kitsch heißt. Wie kein Zweiter hatte Vicco von Bülow alias Loriot ein Gespür für diese Grenzen.

In Pappa ante portas schafft er es die überzogene Ernsthaftigkeit des Bildungsbürgertums bei einer Lesung eines angeblich wichtigen deutschen Lyrikers auf dessen augenscheinliche Selbstüberschätzung und seine Nonsense Werke prallen zu lassen. Dass das vorgetragene Gedicht Melusine inzwischen trotz seines offensichtlichen Schwachsinns ein Klassiker geworden ist, lässt einmal mehr erkennen wie gut es Loriot verstand die Grenzen zwischen Kunst und Quatsch, Humor und Albernheit auszuloten.

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Fluchen lernen mit Don Quijote

Welcher Zuschauer wäre da nicht in Lachen ausgebrochen angesichts der Verrücktheit des Herrn und der Einfalt des Knechts? S. 329

Don Quijote? Durchgeknallter Kerl und Windmühlen! – Alle meinen Cervantes’ Don Quijote zu kennen, außerdem zu wissen, dass er schwer zu lesen ist, weil sehr alt und dick. Und so wäre auch ich geneigt gewesen um dieses Buch einen Bogen zu machen, gäbe es nicht meinen Hanser Neuübersetzungslieferanten in Oldenburg. Auch wenn über die Güte der Übersetzung von Traditionalisten mit jeder Neuerscheinung gestritten wird, hat der Hanser Verlag es geschafft Größen ihres Faches für diese wunderbare Reihe zu gewinnen: Elisabeth Edl, Barbara Conrad oder, wie im vorliegenden Fall, Susanne Lange. Dazu kommt, dass man sich bei Hanser möglichst an das Original halten will und daher Urfassungen oder ungekürzte Versionen herausgibt. Für mich als Leser hat dies den Vorteil, dass ich, wenn ich mir diese Klassiker vornehme, nicht eine zusammengeklitterte Fassung in einem Billigband mit Pappedeckel lesen muss, sondern den handlichen Leinenband mit Lesebändchen und fadengehefteten Dünndruck in den Händen halte, der dem Original in Sprache und Zusammenstellung besonders nahe ist, wie in dieser Reihe üblich versehen mit einem umfangreichen Nachwort und Erläuterungen. Nach Anna Karenina, Moby Dick, Oblomow, Die Kartause von Parma sowie Krieg und Frieden hab ich nun also den ersten Band Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha von Miguel de Cervantes Saavedras gelesen. (Zur Rezension von Band 2)

“Was ist das für ein Mann, Herr, der so seltsam aussieht und so seltsam spricht?” “Wer sonst”, antwortete der Barbier, “als der treffliche Don Quijote von der Mancha, Geißler aller Frevel, Heiler allen Unheils, Beschirmer aller Jungfrauen, Schrecken aller Riesen und Sieger aller Schlachten?” S. 573

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Honoré Daumier: Don Quijote auf seinem Pferd Rosinante (um 1868)

Ein verarmter Landadliger wohnt in der Mancha, uns heute besser als Kastilien bekannt, und verbringt seine Tage damit Ritterromane zu lesen. (Cave! auch wenn manchem das Erscheinungsjahr des Quijote von 1605 sehr lang her erscheinen mag – Ritter gab es da nicht mehr!) Der phantasievolle, bereits gealterte, Junggeselle hat sich eine stattliche Bibliothek zusammengesammelt, diese aber, anders als ich, auch komplett gelesen, und verfällt immer mehr in den Wahn seinen Helden nacheifern zu wollen. Ausgerüstet mit einer alten Rüstung und einer Schindmähre, die er Rosicante tauft, bricht er auf Abenteuer zu erleben, ernennt eine verflossene Jugendliebe, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat zu seiner idealistisch geliebten Maid und empfängt den fehlenden Ritterschlag von einem Wirt. Tragischerweise wird der tapfere Mann von allen Realisten meist ohne viel Federlesen verdroschen. Bei einem Lazarettbesuch im eigenen Hause beschließt er, immer auf Authenzität bedacht, sich einen Knappen zu nehmen und rekrutiert den Bauern Sancho Panza auf seinem Grauohr. Der kleine Dicke und der große Dünne (haben hier Dick und Doof geklaut?!) ziehen nun erneut los, während zur späten, zu späten, Rettung Don Quijotes in seinem Haus seine Bibliothek vom befreundeten Pfarrer und dem Barbier des Dorfes geschändet werden.

Gleich zu Beginn findet der berühmte Kampf gegen die für Riesen gehaltenen Windmühlen statt. Aber Quijote kämpft auch gegen Weinschläuche, befreit Gefangene, die sich aufgrund seiner dreisten Forderungen sofort gegen ihn wenden oder erlöst einen misshandelten Knecht von seinem Herrn, der sich dafür umso ärger an diesem rächt, sobald der Ritter außer Sichtweite ist. Die einzelnen Abenteuer werden immer wieder von den Geschichten derer durchzogen, die der fahrende Ritter auf seinem Wege trifft. Als Barbier und Pfarrer ausziehen, um ihren Freund mit einer List wieder nach Hause zu locken, gerät das ganze in ein aberwitziges Schauspiel, dass nur Don Quijote und Sancho Panza nicht so recht zu durchschauen, immer aber erklären können.

Diese Begründungen der quijoteschen Bemühungen, die Rechtfertigungen und Erklärungen für Fehlschläge bilden einen stetigen Höhepunkt, und wenn es im Zweifel ein Zauberer war, der sich gegen die beiden Helden wadt. Sancho Panza scheint trotz seiner Einfältigkeit immer wieder den Wahn seines Herren zu durchschauen, doch der Vernuft tritt Quijote entgegen, so auch als Sancho die für einen Helm gehaltenen Schüssel eines Barbiers als solche enttarnen will.

“Wirklich, Sancho, […] du hast den kürzesten Verstand, den je ein Knappe auf der Welt besaß oder besitzt. Ist es die Möglichkeit, dass du schon so lange mit mir ziehst und immer noch nicht begriffen hast, dass bei den fahrenden Rittern alles nach Hirngespinst, Torheit und Ungereimtheit aussieht […]? Und nicht etwa, weil es das wirklich wäre, sondern weil immerzu ein Schwarm von Zauberern unter uns wandelt, die all die Dinge verzaubern und vertauschen und so verkehren, wie es ihnen beliebt, je nachdem, ob sie uns begünstigen oder vernichten wollen. […] Und welch weise Voraussicht des Zauberers, der mir gewogen ist, dass alle für ein Becken halten, was wirklich und wahrhaftig der Helm des Mambrin ist, denn so wertvoll ist er, dass ein jeder versuchen würde, ihn mir abzujagen, aber da ihn alle für eine Bartschüssel nehmen, macht ihn mir keiner streitig […].”

S. 252

Anders als so manche Bearbeitung für Film, Zeichentrick, Musik, Hörspiel etc. glauben lässt, ist Don Quijote aber nicht albern; es ist vielmehr die tragische Geschichte eines verstiegenen Idealisten. Allen Widrigkeiten zum Trotz kämpft der Ritter für das Gute, dass seine Bemühungen scheitern, liegt nicht nur an seinem Unvermögen, sondern auch an den Widerständen der zu Rettenden und zu Beschützenden oder der faktischen Unmöglichkeit. Und trotzdem lässt er sich nicht entmutigen, sondern setzt sich weiter ein, nie zweifelt er an seinen eigenen Grundsätzen und gerät auch durch Zureden oder Prügel nicht ins Wanken.

Cervantes schafft es durch das großzügige Einflechten von Geschichten, die Weggefährten der Beiden erzählen oder vorlesen, den Leser dem Quijote nicht ungnädig werden zu lassen, denn im Laufe der Lektüre kann einem der Ritter von der traurigen Gestalt in seiner Sturheit schon auf die Nerven fallen. Während also der Schäfer die Geschichte seiner unglücklichen Liebe darstellt oder der Pfarrer im Gasthaus eine Novelle vorträgt, wird der wahnhafte Ritter ausgesperrt, nach kurzer Verschnaufpause wird der Leser ihm wieder gewogen sein.

Don Quijote und Sancho Panza auf der Plaza de España in Madrid, im Hintergrund sitzend Cervantes
Don Quijote und Sancho Panza
auf der Plaza de España in Madrid,
im Hintergrund sitzend Cervantes

Die Sprache ist, habe leider keine andere Übersetzung zum Vergleich zur Hand, so übervoll an Bildern, wie der Roman an Geschichten. Anders als zu vermuten, vielleicht zu befürchten, kann auch der Leser mit einem Abstand von über 400 Jahren dieses Großwerk der Literatur ohne Anstrengungen lesen und verstehen. Die üppigen für jede Seite vorhandenen Erläuterungen lassen keine Frage offen und der aufmerksame Leser kann hierdurch viel über historische Ritterromane und deren Figuren, Spanien und die Welt lernen und erkennt was Don Quijote auch ist: ein perfekt komponierter Roman, der in der Sturktur des Einbindens von Episoden stark dem Decamerone ähnelt.

Wem dies alles noch nicht reicht, der darf in der Flut von Schimpfwörtern und Kraftausdrücken des Quijote baden: Gottloser Lump, Grobsack, Galgenspeck, Windbeutel, Schlagenzunge, Hurenbock, Himmelhund, Staublecker, Donnerhure. Nur diese kleine Auswahl an Herrlichkeiten kann nicht abbilden, welchen unglaublichen Spaß die Lektüre dieses Romans macht. Ich kann sie jedem interessierten Leser nur ans Herz legen, der erste (?!) moderne Roman schlägt auch heute noch fast alle nach ihm erschienen. Die Windmühlenepisode, mag sie auch noch so häufig zitiert werden, ist nur ein winziger Ausschnitt und lässt nur Erahnen welche Kraft und Freude in diesem Buch steckt.

Band 2 liegt schon bei mir bereit.

 

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Im Winter

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schnellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl

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