Jahr: 2014

Wollte ich schon immer mal lesen

Beim Bücherkauf verfalle ich in einen merkwürdigen Rausch, vor allem wenn es um vermeintliche Schnäppchen, also Restauflagen, Mängelexemplare o.ä., geht. Klassiker und große Autoren kaufe ich einfach. Will heißen mit der Rechtfertigung “Wollte ich schon immer mal lesen” greife ich zu, egal wie umfangreich, egal wie schlecht dem Ruf nach die Lesbarkeit; es handelt sich um Klassiker und eine Occasion und schon ist er der meine. Auszüge aus den Ergebnissen: Die Auslöschung von Thomas Bernhard (knapp 650 Seiten), Die Brüder Karamasow in 2 Bänden (über 1000 Seiten), Deutschstunde von Siegfried Lenz (570 Seiten) und so weiter und so fort. Wann soll ich die lesen? Weiterlesen

Amity Gaige – Schroders Schweigen

An „Schroders Schweigen“ von Amity Gaige ist erstmal alles falsch. Wie bei einem Rezept, bei dem man jede einzelne Zutat nicht mag. Ähnlich wie Rote Beete und pochierte Eier lösen auch „herzerwärmende“ Vater-Tochter-Geschichten und „erfrischend ehrliche“ Weisheiten aus Kindermündern einen leichten Ekel in mir aus. Und bei Amity Gaige wird es noch schlimmer. „Schroders Schweigen“ ist eine Scheidungsgeschichte (wir waren doch so glücklich, aber du hast dich verändert). Es ist eine Gangstergeschichte (all diese Dinge tun Menschen aus Verzweiflung und Liebe). Und um die Sammlung von seichten Erfolgsromanklischees zu vervollständigen, hat der Erzähler auch noch seine deutsche Herkunft verschleiert und sich eine falsche Identität zugelegt (ein wenig Geschichtswürzmischung mit DDR und Mauerkräutern).

Aber manchmal nimmt man eben widerwillig den ersten Löffel, oder die ersten Seiten, und stellt erst überrascht, dann euphorisch fest, dass es großartig schmeckt.

Denn an „Schroders Schweigen“ von Amity Gaige ist absurderweise alles richtig. Die Autorin aus North Carolina hat aus hinreichend bekannten Zutaten ein berührendes Buch zubereitet, das sowohl bei Jack Kerouacs „Unterwegs“ als auch bei Nabokovs „Lolita“ genascht hat.

Ihre Hauptfigur Eric Schroder erzählt die Geschichte mit einem Brief an seine Ex-Frau (auch dieser nur halbinnovative Kunstgriff sei ihr verziehen). Er will ihr erklären, warum er nach der Trennung ihre sechsjährige Tochter Meadow entführt hat – oder warum zumindest alle Welt glaubt, dass er das getan hat. Für  Schroder sieht die Lage ein wenig anders aus. Es waren doch nur ein paar Tage Ferien mit seinem Zuckerstückchen, eine Ausfahrt, die ein wenig aus der Form geriet, die aber unerlässlich für die Vater-Tochter-Bindung war.

Amity Gaige hat mit Eric Schroder eine starke Erzählstimme erschaffen, die zwischen unbekümmertem Charme und depressivem Selbsthass schwankt. Man geht diesem attraktiven Hochstapler immer wieder ins Netz, obwohl vom ersten Kapitel an klar ist, dass seine Existent auf einem Betrug beruht. Seit einem Ferienlager in seiner Schulzeit lebt er zwei Leben. Aus dem deutschen Immigrantensohn Erik Schroder, schüchtern und mit entlarvendem Akzent, das Ö ging an der US-Grenze verloren, wurde durch ein einfaches Anmeldeformular der amerikanische Adelsspross Eric Kennedy.

Auch der weitere Lebensweg verläuft nicht gerade solide, doch Kennedy-Schroder ist ein Rattenfänger. Immer wieder überzeugt er sein Umfeld von seinen edlen Absichten. Und in seinen wildnaiven Rechtfertigungsschlenkern kann er sogar dem Leser erklären, warum sein samstäglicher Badeausflug mit seiner Tochter plötzlich zur Flucht quer durch die USA mutiert.

Dass Meadow das wahrscheinlich eloquenteste Grundschulkind ist, das mir seit langem zwischen die Buchdeckel gekommen ist, macht die Sache noch komplizierter. „Das Gehirn ist da, wo das Eis gemacht wird“, sagt sie als mit drei gerade Lesen lernt. Zum einen will man diesem schmerzhaft schlauen Kind seinen verspielten Vater gönnen. Dass er sie hilflos vergöttert steht außer Frage. Auf der anderen Seite macht ihre Wachheit die Erfahrung der „Entführung“ umso schlimmer. Dass Eric sie am kanadischen Grenzübergang in den Kofferraum stopfen will, kann Meadow nicht so schnell verzeihen. Am Ende dieser emotionalen Verfolgungsjagd steht Schroder entblößt vor seinem Publikum, das nun, wie die Jury am Gericht, über ihn und seine Taten richten muss.

In Amity Gaiges dritten Roman lernt man eine komplexe Figur zu mögen, die man vielleicht nicht unbedingt mögen sollte. Und man hat plötzlich ein Buch verschlungen, das man eigentlich nie lesen wollte.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Amity Gaige.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Sibylle Lewitscharoff.

Arnon Grünberg – Monogam

Ein großer Penis soll – wie das Werkzeug eines Schornsteigfegers – die Vagina bis in den letzten Winkel vom Samen anderer Männer befreien. […] In dieser Vagina, in diesem schwarzen Loch, dieser entzückenden Hölle kann es nur einen geben.

So langsam scheint Arnon Grünberg die Aufmerksamkeit zu erfahren, die ihm gebührt. In seinem Jüdischen Messias konnte ich bereits seinen Witz, seine absurden Geschichten und seine sprachliche Raffinesse erfahren. Dass der Messias erst acht Jahre nach dem Erscheinen ins Deutsche übersetzt wurde, mag vielleicht auch am flappsig-ironischen Umgang mit dem Judentum gelegen haben. Nun erschien Monogam, 12 Jahre nach der Veröffentlichung unter dem Pseudonym Marek van der Jagt, in Grünbergs “Klarnamen”.

gruenberg monogamDer gleichnamige Protagonist Marek will bereits als frühreifer Junge nur eines: Macht. Also versucht er seine Eltern unter Kontrolle zu bringen, diese schicken ihn aber nur zum Psychiater. Planänderung: Er versteigt sich nun, darauf der Don Juan Wiens zu werden. Er will Frauen erobern und nach Gutdünken fallen lassen, um so zu Macht über sie gelangen. Sein einziges Problem dabei ist nur, dass keine anbeißen will. Es folgt das Einlesen in “Fachliteratur”: Frank Wedekinds Lulu, Stendhals Über die Liebe, der Film Der Mann der die Frauen liebte, Albert Camus’ Der Fall und natürlich Don Juan, nur einige der vielen bemühten Quellen und Ratgeber. An seinen Schlüssen und neuen Theorien nimmt der Leser interessiert-verwirrt Anteil.

Seine schlussendlichen Eroberungen sind eine Kindergärtnerin, eine Cellistin und eine Beamtin. Seine neuen sexuellen und emotionalen Erfahrungen verarbeitet er in neuen Vergewaltigungs- und Machtphantasien, versteigt sich in Theorien von Liebe und Sex. Der Protagonist ist offensichtlich gestört.

Aber das waren im Jüdischen Messias auch alle: ein hehres Ziel (Messias der Juden/Don Juan von Wien werden) vor Augen, finden die meisten Erfolge dann leider doch nur in der eigenen Welt im Kopf statt. Grünberg erzählt die Geschichte, des trotz gruseliger Allmachtsphantasien schelmischen Protagonisten, in grotesker Absurdität, die allerdings nie ins Alberne überspannt. So sind die Gedanken über Penisgrößen und Sex zwar bizarr und befremdlich, aber in einem Ernst vorgetragen, der nur Schmunzeln lassen kann.

Sibylle Lewitscharoff – Consummatus

Was treibt Andy Warhol in einem Stuttgarter Kaffeehaus? Draußen nur Kännchen, sogar für Jim Morrison? Und warum habe ich eigentlich noch nie etwas von Sibylle Lewitscharoff gelesen, einer Autorin, für die mein geschätzter Freund und Blogbetreiber Tilman die beschwerliche Reise von Münster ins hessisch-sibirische Bad Hersfeld zurücklegen würde (wenn sie ihm denn auf seine Interviewanfrage geantwortet hätte)?

consummatusDiese gestapelten Fragen haben dazu geführt, dass ich mir in Zwischenjahreszügen und –flügen Lewitscharoffs Roman „Consummatus“ zu Gemüte führte. Sagen wir es so: Ich würde für dieses Buch keine Weltumrundung auf mich nehmen. Aber eine anregend kurvige Gehirnrundfahrt ist es schon. Das Buch von 2006 folgt den wodkatriefenden Gedankenschleifen von Ralph Zimmermann, einem mittelalten, mittelinteressanten Geschichtslehrer, der sich jeden Samstag im schwäbischen Spießercafé Rösler die Lichter ausschießt. Das Spannendste an „Ralphi“ – mit peha und i – ist seine Begleitung. Denn Ralphi sieht Tote, eine ganze Menge davon. Während dieser Umstand die meisten von uns in einen eher unentspannten Geisteszustand versetzen würde, hat sich der Erzähler längst an seine körperlose Gesellschaft gewöhnt. Neben den rührkuchenkauenden Hausfrauen bevölkern auch seine Idole Andy Warhol, Jim Morrison und Edie Sedgwick das Samstags-Lokal. Die klaustrophobisch deutsche Heinrich-Böll-Örtlichkeit rückt plötzlich absurd nah an Warhols Factory und den rauschhaften  New-York-Glamour der 70er.

Unter den Toten, die wie durchsichtige Insekten in Lederjacken an den Tischen und Wänden kleben, ist auch Zimmermanns Ex-Freundin und Ex-It-Girl Joey (ein Schelm, wer Nico dabei denkt). Diese vor Wut und Sarkasmus tropfende Rockfurie war sein Kurzzeitticket ins Rampenlicht. Endorphineruptionen und Hippie-Inseln, bis er Joey aus Versehen mit dem Tourbus überfuhr und zurück in sein Geschichtslehrerdasein geparkt wurde.

Dieser Ansatz einer Handlung schält sich erst nach und nach aus Ralphis trägen Säufergedanken heraus. In seinem Kopf kreisen Leben und Tod und Gott und Frühstückseier. Immer wieder wird der Erzähler von den Toten unterbrochen, die sich genötigt fühlen, Ralphis Wodkathesen richtig zu stellen. Sie tun das im Buch in verblichen zartgrau abgesetzter Schrift, blasse Geisterbuchstaben auf den beigen Seiten. Die Idee dieser Off-Stimmen ist durchaus elegant, und ohne die lakonischen Kommentare aus dem Totenreich wäre Zimmermanns pathetische Litanei mit Mythenglasur und Bibelkrümeln wohl über 240 Seiten nicht  zu ertragen. Doch auch so stellt sich nach der Hälfte des Buches eine gewisse Ermüdung ein, wenn die Hauptfigur ein wenig zu sehr im Selbstmitleid zergeht und zwischen Kaffeekännchen und Wodkagläsern die großen Fragen des Lebens malträtiert. Selbst die Café Hall of Fame der Toten kann bei den Gedanken ihres Diesseits-Gefährten kaum Begeisterung aufbringen. Wir lernen, dass man als Wiedergänger ein wenig blasser und gleichgültiger wird. Andy Warhol sagt fast gar nichts mehr und Jim Morrison drückt sich wie ein ungezogener Schuljunge in der Küche herum. Den Resten der geliebten Joey scheint ihr entgleisender Ex-Ralphi sogar ein wenig peinlich zu sein. Und auch ich als zwar erschöpfte, aber lebendige Leserin fühlte mich erleichtert, als der Protagonist schließlich im Stuttgarter Schneetreiben verschwindet. Erlösung oder Delirium, man weiß es nicht so genau. Aber zumindest wird der allzu bedeutungsschwangere Gedankenpfad zwischen der Ewigkeit und der Pop-Art-Factory zuverlässig von den schwäbischen Schneeflocken überdeckt.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Sibylle Lewitscharoff.

“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

Finden Sie Mabel

Ich schäme mich nicht, oder nur ein bisschen, es öffentlich zuzugeben: hin und wieder habe ich eine Schwäche für Heinz Rudolf Kunze – die alten Sachen natürlich. Zurückzuführen ist das auf eine pränatale Konditionierung, denn kurz vor der Niederkunft im April 1987 hörte meine Mutter das Album Wunderkinder rauf und runter. Zehn Jahre später entdeckte der Filius dieses Album für sich, ganz besonders Finden Sie Mabel. In diesem Lied fleht der Auftraggeber einen gewissen Philip Marlowe an, dass dieser ihm seine getürmte Freundin finde und zurückbringe.

Ihnen wäre sowas sicher nie passiert,
keine Frau hat je in Marlows Drink gerührt,
leih mir deinen Mantel Marlow nur für eine Nacht.

Auf Nachfrage wurde ich informiert, dass es sich bei Philip Marlowe um einen Privatdetektiv der amerikansichen Krimiliteratur handelt, cool und unnahbar. Nun endlich, 26 Jahre nach der ersten Begegnung mit ihm, mache ich mich auf die Suche dessen Person zu ergründen.

163446Der große Schlaf, der erste Roman in dem Marlowe auftaucht, ist inzwischen ein Klassiker der Krimiliteratur. Das Erscheinen der illustrierten Ausgabe bei der Büchergilde eine Gelegenheit für mich auch mal wieder einen Krimi zu lesen.

Ein alter Mann bittet Marlowe den Schulden einer seiner beiden Töchter nachzuspüren. Die beiden Gören sind dem mit Öl reich gewordenen General schwer missraten und verbringen ihre Zeit damit ihr Taschengeld in Casinos zu tragen, sich zu verschulden oder halbseidene Typen zu heiraten. Seine Recherchen führen den Privatdetektiv zu einem Antiquariat, das im Hinterstübchen eine Leihbibliothek für verbotene pornografische Literatur betreibt. Als kurze Zeit später der Inhaber selbiger ermordet wird, dummerweise eine der Töchter des Generals im Drogenrausch zumindest anwesend ist, ihr Chauffeur mit dem Auto vom Pier stürzt und bei Marlowes Rückkehr die Leiche des Buchhändlers verschwunden ist, beginnt sich die Lage zuzuspitzen.

Philip Marlowe ist ein hardboiled detective, der Prototyp des Privatdetektivs, der Recht und Gesetz unkonventionell auslegt, gerne bei der Observation im Auto eine halbe Flasche Whiskey trinkt und natürlich Einzelgänger ist. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Polizeidienst wegen Befehlsverweigerung steht er mit der Polente nicht mehr so gut, hat aber noch alte Kontakte, auf die er sich verlassen kann. Auch wenn er ständig von den beiden Töchtern seines Auftraggebers umgarnt wird, ist er gegen Avancen immun, zumindest soweit sie das Lösen des Falls oder die Interessen seines Mandanten beeinträchtigen könnten.

Der Stil Chandlers ist locker und zeitgeistig-cool, genau der Ton wie man ihn sich für einen Krimi der 30er/40er wünscht. Der Humor Chandlers ist hintergründig und wirkt sicher nur in diesen Büchern, in diesem Genre, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat würde ihn platt und albern aussehen lassen, dabei sind es immer genau die richtigen Stellen an denen dieser schelmische Ton angeschlagen wird.

Die Spannung ist nicht mit der eines modernen Krimis oder gar Thrillers vergleichbar. Solche Bücher liest man nicht (allein) aus diesem Grund. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien und keine Psychopathen, den Reiz macht die Person Marlowes aus. Seine Ansichten, sein (leicht) melancholisches Draufgängertum, seine Coolness unterhalten, aber trotzdem geht es (auch) um einen verwinkelten Kriminalfall, dessen Lösung im Klimax fesselt.

© Büchergilde Gutenberg
© Büchergilde Gutenberg

Die Aufmachung meiner Ausgabe ist, wie bei der Büchergilde gewohnt: gutes Papier, Lesebändchen, das Cover aus farbig bedrucktem Leinen, großzügiger Satz und Fadenheftung. Dazu die nette Idee den Vorsatz aus silbernem Zigarattenpapier zu gestalten. Die Illustrationen aber sind abstoßend häßlich! Ich kann meiner Ratlosigkeit darüber gar keinen Ausdruck verschaffen, kann nur sagen, dass sie mich stellenweise sogar gestört haben, keiner konnte ich irgendetwas, gar einen Mehrwert für das Buch, abgewinnen.

Zu Heinz Rudolf Kunze habe ich inzwischen ein gespaltenes Verhältnis. Der Mann, nun ohne Schnäuzer, mit dem immer erhobenen Zeigefinger, vehement zur Schau gestellter, und damit aufgesetzt wirkender, Liebe zu Literatur, Schreiben, Weltfrieden und Europa und jetzt mit einem neuen Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Album, wir haben uns in den letzten Jahren sichtlich auseinander gelebt. Marlowe dagegen ist mein Mann, sollte es mich also in nächster Zeit mal wieder nach einem Krimi und einem coolen Detektiv gelüsten. Aber trotzdem, ich schäme mich nicht es zuzugeben, z.B. für Finden Sie Mabel hat HRK für immer einen Platz in meinem Herzen.

Verfilmt wurde Der große Schlaf als Tote schlafen fest 1946 mit Humphrey Bogart in der Rolle des Marlowe.

Der schmale Grat

In der Literatur, wie im Humor, gibt es eine sehr feine Linie zwischen Kunst und Käse. Das gilt umso mehr für den Bereich der modernen Lyrik, nur dass der Käse dann meist Kitsch heißt. Wie kein Zweiter hatte Vicco von Bülow alias Loriot ein Gespür für diese Grenzen.

In Pappa ante portas schafft er es die überzogene Ernsthaftigkeit des Bildungsbürgertums bei einer Lesung eines angeblich wichtigen deutschen Lyrikers auf dessen augenscheinliche Selbstüberschätzung und seine Nonsense Werke prallen zu lassen. Dass das vorgetragene Gedicht Melusine inzwischen trotz seines offensichtlichen Schwachsinns ein Klassiker geworden ist, lässt einmal mehr erkennen wie gut es Loriot verstand die Grenzen zwischen Kunst und Quatsch, Humor und Albernheit auszuloten.

Fluchen lernen mit Don Quijote

Welcher Zuschauer wäre da nicht in Lachen ausgebrochen angesichts der Verrücktheit des Herrn und der Einfalt des Knechts? S. 329

Don Quijote? Durchgeknallter Kerl und Windmühlen! – Alle meinen Cervantes’ Don Quijote zu kennen, außerdem zu wissen, dass er schwer zu lesen ist, weil sehr alt und dick. Und so wäre auch ich geneigt gewesen um dieses Buch einen Bogen zu machen, gäbe es nicht meinen Hanser Neuübersetzungslieferanten in Oldenburg. Auch wenn über die Güte der Übersetzung von Traditionalisten mit jeder Neuerscheinung gestritten wird, hat der Hanser Verlag es geschafft Größen ihres Faches für diese wunderbare Reihe zu gewinnen: Elisabeth Edl, Barbara Conrad oder, wie im vorliegenden Fall, Susanne Lange. Dazu kommt, dass man sich bei Hanser möglichst an das Original halten will und daher Urfassungen oder ungekürzte Versionen herausgibt. Für mich als Leser hat dies den Vorteil, dass ich, wenn ich mir diese Klassiker vornehme, nicht eine zusammengeklitterte Fassung in einem Billigband mit Pappedeckel lesen muss, sondern den handlichen Leinenband mit Lesebändchen und fadengehefteten Dünndruck in den Händen halte, der dem Original in Sprache und Zusammenstellung besonders nahe ist, wie in dieser Reihe üblich versehen mit einem umfangreichen Nachwort und Erläuterungen. Nach Anna Karenina, Moby Dick, Oblomow, Die Kartause von Parma sowie Krieg und Frieden hab ich nun also den ersten Band Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha von Miguel de Cervantes Saavedras gelesen. (Zur Rezension von Band 2)

“Was ist das für ein Mann, Herr, der so seltsam aussieht und so seltsam spricht?” “Wer sonst”, antwortete der Barbier, “als der treffliche Don Quijote von der Mancha, Geißler aller Frevel, Heiler allen Unheils, Beschirmer aller Jungfrauen, Schrecken aller Riesen und Sieger aller Schlachten?” S. 573

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Honoré Daumier: Don Quijote auf seinem Pferd Rosinante (um 1868)

Ein verarmter Landadliger wohnt in der Mancha, uns heute besser als Kastilien bekannt, und verbringt seine Tage damit Ritterromane zu lesen. (Cave! auch wenn manchem das Erscheinungsjahr des Quijote von 1605 sehr lang her erscheinen mag – Ritter gab es da nicht mehr!) Der phantasievolle, bereits gealterte, Junggeselle hat sich eine stattliche Bibliothek zusammengesammelt, diese aber, anders als ich, auch komplett gelesen, und verfällt immer mehr in den Wahn seinen Helden nacheifern zu wollen. Ausgerüstet mit einer alten Rüstung und einer Schindmähre, die er Rosicante tauft, bricht er auf Abenteuer zu erleben, ernennt eine verflossene Jugendliebe, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat zu seiner idealistisch geliebten Maid und empfängt den fehlenden Ritterschlag von einem Wirt. Tragischerweise wird der tapfere Mann von allen Realisten meist ohne viel Federlesen verdroschen. Bei einem Lazarettbesuch im eigenen Hause beschließt er, immer auf Authenzität bedacht, sich einen Knappen zu nehmen und rekrutiert den Bauern Sancho Panza auf seinem Grauohr. Der kleine Dicke und der große Dünne (haben hier Dick und Doof geklaut?!) ziehen nun erneut los, während zur späten, zu späten, Rettung Don Quijotes in seinem Haus seine Bibliothek vom befreundeten Pfarrer und dem Barbier des Dorfes geschändet werden.

Gleich zu Beginn findet der berühmte Kampf gegen die für Riesen gehaltenen Windmühlen statt. Aber Quijote kämpft auch gegen Weinschläuche, befreit Gefangene, die sich aufgrund seiner dreisten Forderungen sofort gegen ihn wenden oder erlöst einen misshandelten Knecht von seinem Herrn, der sich dafür umso ärger an diesem rächt, sobald der Ritter außer Sichtweite ist. Die einzelnen Abenteuer werden immer wieder von den Geschichten derer durchzogen, die der fahrende Ritter auf seinem Wege trifft. Als Barbier und Pfarrer ausziehen, um ihren Freund mit einer List wieder nach Hause zu locken, gerät das ganze in ein aberwitziges Schauspiel, dass nur Don Quijote und Sancho Panza nicht so recht zu durchschauen, immer aber erklären können.

Diese Begründungen der quijoteschen Bemühungen, die Rechtfertigungen und Erklärungen für Fehlschläge bilden einen stetigen Höhepunkt, und wenn es im Zweifel ein Zauberer war, der sich gegen die beiden Helden wadt. Sancho Panza scheint trotz seiner Einfältigkeit immer wieder den Wahn seines Herren zu durchschauen, doch der Vernuft tritt Quijote entgegen, so auch als Sancho die für einen Helm gehaltenen Schüssel eines Barbiers als solche enttarnen will.

“Wirklich, Sancho, […] du hast den kürzesten Verstand, den je ein Knappe auf der Welt besaß oder besitzt. Ist es die Möglichkeit, dass du schon so lange mit mir ziehst und immer noch nicht begriffen hast, dass bei den fahrenden Rittern alles nach Hirngespinst, Torheit und Ungereimtheit aussieht […]? Und nicht etwa, weil es das wirklich wäre, sondern weil immerzu ein Schwarm von Zauberern unter uns wandelt, die all die Dinge verzaubern und vertauschen und so verkehren, wie es ihnen beliebt, je nachdem, ob sie uns begünstigen oder vernichten wollen. […] Und welch weise Voraussicht des Zauberers, der mir gewogen ist, dass alle für ein Becken halten, was wirklich und wahrhaftig der Helm des Mambrin ist, denn so wertvoll ist er, dass ein jeder versuchen würde, ihn mir abzujagen, aber da ihn alle für eine Bartschüssel nehmen, macht ihn mir keiner streitig […].”

S. 252

Anders als so manche Bearbeitung für Film, Zeichentrick, Musik, Hörspiel etc. glauben lässt, ist Don Quijote aber nicht albern; es ist vielmehr die tragische Geschichte eines verstiegenen Idealisten. Allen Widrigkeiten zum Trotz kämpft der Ritter für das Gute, dass seine Bemühungen scheitern, liegt nicht nur an seinem Unvermögen, sondern auch an den Widerständen der zu Rettenden und zu Beschützenden oder der faktischen Unmöglichkeit. Und trotzdem lässt er sich nicht entmutigen, sondern setzt sich weiter ein, nie zweifelt er an seinen eigenen Grundsätzen und gerät auch durch Zureden oder Prügel nicht ins Wanken.

Cervantes schafft es durch das großzügige Einflechten von Geschichten, die Weggefährten der Beiden erzählen oder vorlesen, den Leser dem Quijote nicht ungnädig werden zu lassen, denn im Laufe der Lektüre kann einem der Ritter von der traurigen Gestalt in seiner Sturheit schon auf die Nerven fallen. Während also der Schäfer die Geschichte seiner unglücklichen Liebe darstellt oder der Pfarrer im Gasthaus eine Novelle vorträgt, wird der wahnhafte Ritter ausgesperrt, nach kurzer Verschnaufpause wird der Leser ihm wieder gewogen sein.

Don Quijote und Sancho Panza auf der Plaza de España in Madrid, im Hintergrund sitzend Cervantes
Don Quijote und Sancho Panza
auf der Plaza de España in Madrid,
im Hintergrund sitzend Cervantes

Die Sprache ist, habe leider keine andere Übersetzung zum Vergleich zur Hand, so übervoll an Bildern, wie der Roman an Geschichten. Anders als zu vermuten, vielleicht zu befürchten, kann auch der Leser mit einem Abstand von über 400 Jahren dieses Großwerk der Literatur ohne Anstrengungen lesen und verstehen. Die üppigen für jede Seite vorhandenen Erläuterungen lassen keine Frage offen und der aufmerksame Leser kann hierdurch viel über historische Ritterromane und deren Figuren, Spanien und die Welt lernen und erkennt was Don Quijote auch ist: ein perfekt komponierter Roman, der in der Sturktur des Einbindens von Episoden stark dem Decamerone ähnelt.

Wem dies alles noch nicht reicht, der darf in der Flut von Schimpfwörtern und Kraftausdrücken des Quijote baden: Gottloser Lump, Grobsack, Galgenspeck, Windbeutel, Schlagenzunge, Hurenbock, Himmelhund, Staublecker, Donnerhure. Nur diese kleine Auswahl an Herrlichkeiten kann nicht abbilden, welchen unglaublichen Spaß die Lektüre dieses Romans macht. Ich kann sie jedem interessierten Leser nur ans Herz legen, der erste (?!) moderne Roman schlägt auch heute noch fast alle nach ihm erschienen. Die Windmühlenepisode, mag sie auch noch so häufig zitiert werden, ist nur ein winziger Ausschnitt und lässt nur Erahnen welche Kraft und Freude in diesem Buch steckt.

Band 2 liegt schon bei mir bereit.

 

Im Winter

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schnellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl