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Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im „Literarischen Quartett“, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt („partizipatorisch“, „instrumentell“ etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für „männliches Lesen“, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen „intimes“, „einfühlendes“ Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten („der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert“) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde „schwarz-weiß-zeichnen“ und „das Feuilleton/die Blogger“ als geschlossene „Blocks/Kasten/Schichten“ behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht „das Feuilleton“ und „die Blogger“, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten „alle sind so, genau so und nicht anders“. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als „mal vereinzelt“ finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass „alle“ so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

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44s Kommentare

  1. Danke für den lehrreichen Ausflug in die Lesekultur des 18. Jahrhunderts, der herrschenden Herrscher und gefühlvollen Pöbler. Dass Literaturkritiker oder Kulturjournalisten sich diesen alten Ausgrenzungsmechanismen der Distinktion bedienen, um Blogger, Bookstagramer und YouTuber in aller Öffentlichkeit abzuwerten, ist mir im 21. Jhr. fremdfern. Weil mir die Betonung des Ichs` und des Gefühls wichtiger ist. Wann habe ich zuletzt ein Buch gekauft, das im Feuilleton so gefühlskalt vorgestellt wurde? Das ist lange her. Ich muss nicht alles mögen, aber den Blogger Tobi, seine Hingabe zur Literatur und zum Besonderen Buch, schätze ich sehr. Genauso wie diesen Beitrag. Ein Augenöffner!

  2. Guter Artikel. Wenn man den jetzt noch im Feuilleton platziert bekäme… Aber natürlich stimmt auch: Wenn alle Literaturbloggerinnen und -blogger mit ähnlich viel Sachverstand/kulturellem Kapital schreiben würden wie Du oder andere BloggerInnen, deren Artikel ich schätze, würden die Feuilletonisten wahrscheinlich die Füße still halten. Oder nicht? Schwer zu sagen…

  3. Toni Toni

    Die Unterscheidung zwischen dem Leseverhalten von Schülerinnen und Schülern als „informationsbezogenes Lesen“ (männlich) und „gefühlsbezogenes Lesen“ (weiblich) auf die Unterscheidung zwischen Literaturkritik („informationsbezogen“, männlich) und Literaturblogs („gefühlsbezogen“, weiblich) zu übertragen – bis hin zur Behauptung, Kritikerinnen würden nur akzeptiert, wenn sie „männlich“ kritisieren –, finde ich nun selbst wieder unangemessen. Das übernimmt die Geschlechterstereotypen aus Reichweins Abgrenzungstexten. Die feministische Theorie und Kritik, von der Ruth Klüger spricht, würde sich dafür bedanken, dass sie hier mit „Gefühl“ gleichgesetzt wird.

    Ich lese gerne Literaturblogs. Aber nur dann, wenn sie mehr zu sagen haben als „ich hatte Spaß beim Lesen“ und wenn sie „gedanklich anregend“ nicht als das Gegenteil von Unterhaltung verstehen. Solche Blogs gibt es reichlich. Andererseits kenne ich kein literarisches Feuilleton, das ich mit dem auf Sachbücher bezogenen Begriff „informationsbezogenes Lesen“ beschreiben würde. Welches Feuilleton soll das denn sein, das Literatur „informationsbezogen“ wie Sachbücher liest? In welchem Feuilleton ist „Unterhaltsamkeit“ heute noch ein Feindbild?

    Ich habe das Gefühl, dass hier für die bourdieusche Terminologie literarische Blogs und literarische Feuilletons zu Strohmännern vereinheitlicht werden, in denen ich weder das eine noch das andere wiedererkenne.

  4. Der Artikel erschien in Springers “Die Welt“. Man muss nicht mehr wissen. Warum so einen Schrott lesen oder ernst nehmen, wenn es andere Zeitungen gibt? Ich würde mich schämen da zu arbeiten.

  5. Wow, das war jetzt mein Artikel des Tages!
    Ich hatte zwar gewusst, dass Literaturkritiker auf Buchblogger herabsehen, hatte aber noch nie die konkreten „Argumente“ dazu gelesen bzw. wusste ich nicht, dass das so ein großes Thema ist.
    Was mir deshalb aufgefallen ist: Es ist ein wenig so, als ob die Literaturkritik die letzte Bastion der (Print-) Medien ist, denn ich bin seit einiger Zeit überrascht, wie sehr Artikel etablierter Medien denen von Bloggern ähneln – da wird gefühlt, da werden eigene Erlebnisse erzählt und in das große Ganze eingebettet, da gibt es oftmals ein großes Ich.
    Und das ist ja auch nicht verwunderlich, geht ja der Trend zum Onlineartikel, weg von den klassischen Medien.
    Vielleicht ist die Literaturkritik das, was im Land der Dichter und Denker noch bis zum letzten Tag bewahrt werden muss – auch Sicht der Kulturelite.

  6. Mit Verlaub, aber Feuilletonisten, Literaturkritiker, Musikkritiker, ob Männer oder Frauen, leben meiner Erfahrung als Journalist nach in einer abgeschlossenen, von social media freien Welt und sehen nicht, dass ihre „Zunft“ mit der Zeitung aus Papier aussterben wird. Mir soll’s recht sein, ich brauche Rezensenten, die mich neugierig auf ein Buch machen (Krimi, Klassiker, Lyrik, Kinderbuch…), nicht Pseudo-Intellektuelle mit Standesdünkel. Bourdieu würde mich übrigens zu den herrschenden Herrschenden zählen, und ich lese was mir Spaß macht, mich träumen lässt oser zu Tränen rührt… oder was meinem Kind gefällt, etwas die gesammelten Werke von Hanni & Nanni! 😄

  7. Beifall für diesen wunderbaren, ausführlichen Artikel, der so gut wie alles an der aktuellen Situation beleuchtet und argumentativ gut aufgebaut ist. Danke für diesen Beitrag. Wie lange hast du da dran geschrieben?
    @Anton: Selbst mit gut geschriebenen und aufgebauten Artikeln über Bücher und Leseeindrücken in Masse wird sich nichts ändern, da es immer diese Menschen geben wird, die einem das eigene Tun neiden.

    Gruß
    Marc

  8. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Toni: Die Kritik, dass ich meinerseits pauschalisiere, ist definitiv berechtigt, ja. Ich habe mich um Differenzierung bemüht, vieles fehlt hier aber, an vielen Stellen habe ich nicht genau genug gearbeitet. Das liegt schlicht auch daran, dass der Beitrag ohnehin schon recht lang war und ich ihn nicht mit weiteren Theorien, Differenzierungen und weiteren Baustellen aufladen wollte. Ich habe versucht, die Debatte, die sonst nur aus Polemik besteht (da nehme ich mich nicht aus), auf eine theoretische Ebene zu übertragen. Das kann nur ein Anfang sein. Ich freue mich über jeden, der das weiterführt, weiter differenziert und an den Stellen, die dringend einer Korrektur bedürften – wie zum Beispiel der angesprochenen Pauschalisierung – eben Korrekturen vornehmen. Andererseits weiß ich aber nicht, ob Sie nicht gerade das, was ich geschrieben habe, in Ihrer Wahrnehmung nicht noch holzschnittartiger machen, als ich es geschrieben habe. Wie gesagt: Schreiben Sie bitte einen eigenen Beitrag irgendwo, einen, der noch differenzierter ist, der das hier weiterführt, der das hier korrigiert. Das kann alle nur weiterbringen.
    Dass ich durchaus der Meinung bin, dass man von Bloggern Inhalte und Reflexion verlangen muss, habe ich dagegen schon explizit geschrieben. Wie geschrieben: Ganz so holzschnittartig, wie Sie es darstellen, ist es gar nicht. Aber, ja, die Pauschalisierungen sind da. Der Beitrag war acht Wordseiten lang, als ich ihn fertig hatte. Ich habe vieles, was drin war (z.B. zur Seite des Buchmarktes, der „weibliches Lesen“ ja zu seinen Gunsten nutzt und so an einigen Stellen zum Klischee ganz erheblich beiträgt), wieder rausgenommen, weil es einfach zu viel wurde. Ich habe versucht, ein paar grobe Linien nachzuzeichnen, die ich wahrnehme. Das bedeutet nicht, dass sie zutreffen müssen. Und ja, natürlich bedeutet „grobe Linien“ auch genau das: grobe Linien.

  9. Ja, ich habe mit dem Pauschalen in Deinem Text bei aller Sympathie (!) auch Probleme. Vor allem denke ich, wir (Blogger) kommen nicht mit den bislang „offiziellen“ Rezensent/innen zusammen, wenn wir zurückschlagen. Davon abgesehen, gibt es so viele Schnittmengen, Blogger/innen, die eben auch in Zeitschriften veröffentlichen, Rezensent/innen, die Blogs schreiben, lesen, lieben, etc. Es stimmt, dass es in Gesellschaften Gruppen und Distinktionen gibt. Bourdieu ist an dieser Stelle so aktuell wie eh und je. Aber eben. Es ist an uns, Grenzen zu überspringen. Es wird höchste Zeit!

  10. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    Wie geschrieben: Es steht jedem frei, eine differenziertere Analyse zu schreiben – dann machen Sie das doch einfach, wenn Ihnen mein Beitrag zu pauschal ist, ich würde das gerne lesen. Und mein Ziel war hier gar nicht, mit „offiziellen Rezensenten“ zusammenzukommen (ich wüsste auch ehrlich gesagt nicht, warum ich das wollen sollte), sondern – wie es da auch steht – zu erklären, warum ich mich an manchen Dingen stoße, die andere nicht schlimm finden.
    EDIT: Habe gerade beim drüberlesen gesehen, dass „machen Sie das doch einfach“ irgendwie harsch klingt – so war es nicht gemeint. Ich meine das schon ernst: Ich würde mich über Weiterführungen und gemeinsames Weiterdenken freuen.

  11. Danke für diesen spannenden Artikel, dem ich an vielen Stellen gern zustimme. Die von Ihnen reich belegte Herablassung gegenüber der Szene geht so wenig okay wie das ebenso reich von Ihnen belegte Klischee von der dummen Modetussi als Bloggerin. Und ja – die Seilschaften in der Kulturszene gibt es, von Benjamin Lebert über Marie Pohl bis hin zu Helene Hegemann. Andererseits gibt es auch Arztkinder, die Ärzte werden, Konditorenkinder, die Konditoren werden etc. Und nicht immer haben sie damit Erfolg.

    Gleichwohl trifft der Text m.E. nicht wirklich (oder wird nichts erreichen).

    Es beginnt mit der Positionierung als Opfer. „Das Feuilleton“ – damit meinen Sie vermutlich FAZ, SZ, Zeit, Welt, und nicht Bild oder die mehr oder minder bedeutenden Regionalzeitungen – beschäftigen sich so selten mit den Buchbloggern, dass diese es selbstbewusst vernachlässigen sollten. Eine Zeitung wie die FAZ rezensiert im Regelfall fünf Bücher täglich (!) – oft mehr. Mit den neuen Medien und ihren Rezensent*Innen beschäftigt sie sich, wenn’s hoch kommt, dreimal im Jahr. Da sollte man schon mal cool sagen: was soll’s! Die Szene mag manches sein, aber nicht ein Opfer feuilletonistischer Arroganz.

    Wesentlich stärker in’s Gewicht fällt, dass Sie die Gelegenheit nicht nutzen, einen positiven Gegenentwurf zur Kritik des Hochfeuilletons (nenne ich jetzt mal so) zu skizzieren. Es reicht nicht aus, „ich habe gelacht“ oder „es hat mir gefallen“ zu schreiben. Die damit unbeantwortete Frage, warum das so ist, ist ja gerade der Angelpunkt der Kritik. Das hat nichts mit männlicher Ästhetik zu tun, sondern ist eine Information, die Kritik überhaupt erst begründbar macht. Ob ich die Kriterien als Leser dann anerkenne, ist eine andere Frage. Zumindest weiß ich jedoch, wie die/der Besprechende zu seinem Urteil gelangte.
    Tucholsky hat seiner Subjektivität freien Lauf gelassen und sie in der Regel wohlbegründet; Ruth Klüger und Christine Westermann lassen an dieser Stelle auch keine Ungenauigkeit walten.

    Sie glauben, „die Herrschenden lesen anders.“ Lassen Sie sich von mir als Buchhändler versichern: Ganz bestimmt nicht.
    Ärzt*innen, Rechtsanwät*innen, Politiker*innen und was der analogen Influencer mehr sind, tragen am Samstag am liebsten einen Krimi aus der Buchhandlung. „Ich hatte Spaß beim Lesen“ ist für sie dennoch kein Kriterium. Nicht, weil sie zur „herrschenden Klasse“ gehören, sondern weil es zu wenig Info ist.

    Die Lesegewohnheiten der Herrschenden waren früher nicht elitärer. Goethe stand nicht auf der Leseliste seiner Zeit. Der berühmteste „Werther“-Leser, Napoleon, führte auf seinen Reisen sämtliche Werke August Lafontaines mit sich, ein deutscher Bestsellerautor seiner Zeit. Wenn Sie den nicht kennen, ist das keine Bildungslücke und es sind Zweifel angebracht, ob Sie bei der Lektüre seiner Bücher zu einem anderen Urteil kämen als Wilhelm Hauff als Rezensent des damaligen Hochfeuilletons. Er fand ihn so unlesbar wie die Spukgeschichten von Hildebrandt, die Räuberromane von Vulpius, die Liebesgeschichten von Clauren. Nebenbei hat seine Kritik den Erfolg dieser Genreproduktionen des frühen 18. Jahrhunderts nicht verhindern können. So wenig, wie das Hochfeuilleton heute es schafft, die Bestsellerlisten zu dominieren.

    Dass es „keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur“ gäbe, ist eine schwache Behauptung. Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts war geprägt von Genreproduktionen: Feenmärchen und Schauerromane (= Fantasy und Horror), Räuber- und Kriminalgeschichten (= Krimi), historische Romane, Liebesgeschichten sowieso. All das erfuhr sehr viel Lob und Zustimmung der Leser aller Schichten und Stände und gelegentliche negative Aufmerksamkeit durch das Hochfeuilleton von Schiller bis Fontane. Jugendliteratur im engeren Sinne ist zwar noch vergleichsweise jung. Die Kritik des Sachgebiets wird aber in einigen Jahren auch schon locker 150 Jahre alt (wenn nicht älter). Ob Young adult wirklich ein Genre ist oder nicht eher eine brillante Marketingbetrachtungsweise, wäre ein Extra-Thema.

    Wirklich geändert haben sich nicht die Inhalte, sondern die Medien.
    Sie haben vollkommen recht: Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier nicht auf Bewährtes zurückgreifen – wenn es um das Medium geht. Bei der Kritik schon. Weil sonst die große Langeweile einsetzt. „Gefällt mir – gefällt mir nicht“ macht Denis Scheck auch. Den finden Sie doch unoriginell …

    Es muss etwas besser werden. Aber nicht im Feuilleton der Zeit oder der Welt. Die brauchen Buchblogger so wenig wie der Fisch das Fahrrad. Sondern im Selbstverständnis der Blogger, die eine Szene aus eigenem Recht darstellt. „Rezis“ wie die, in der ein Mensch seine ungelesenen Bücher im neuen Regal nach Farben sortiert hat und dann ohne weiteren Kommentar vorliest, um welche Titel es sich handelt, sind wirklich nichts weiter als Aufmerksamkeitsheischen. Wenn Sie damit nicht in einem Topf landen möchten, lassen Sie sich bitte nicht ablenken. Carry on.

  12. Liebe Katharina,

    ein sehr schöner und ausführlicher Artikel, dem man anmerkt, wie wieviel Zeit und Sorgfalt darin steckt. Ungefähr 1000% mehr als im durchschnittlichen Beitrag des hiesigen Pamphlets, auf das du dich beziehst. Was du recht genau analysierst, umfasst die Tatsache der Abgrenzung, die gewisse Personen betreiben, um sich so die eigene Persönlichkeit zu bestätigen und zu stärken. Ich habe es als sehr interessant empfunden, deine Ausführungen zur Herkunft und zum Ursprung der Verhaltensweise zu lesen, sowie auch noch einmal diese ganz klar chauvinistische Einstellung herausgearbeitet zu sehen. Hervorragend! Aber alleine wenn man nach der eigenen Intuition geht, ohne genauer auf die Beweggründe dieses Autoren zu schauen, war klar, dass es hier primär darum geht ein Ego mit Hilfe einer Gruppenzugehörigkeit zu streicheln. (Die Gruppenbildung und -zugehörigkeit, wenn auch rein mentaler Natur, ist eben ein evolutionär geprägtes Bestreben, dass sich nicht abstellen lässt). So wenig wie man die WELT ernst nehmen kann, so wenig kann man einen Reichwein ernst nehmen.

    Das Problem ist die Bedeutungslosigkeit des Feuilletons. Diese Diskussion ist eine absolute Randerscheinung, eine völlige Nichtigkeit. Klar, wer stark in dem Literaturbetrieb verwurzelt ist, für den ist das alles ein großes Thema und erscheint als sehr wichtig. Betrachte ich das Bücherkonsumverhalten meines Umfeldes, und schaue ich mir an, was in den Bücherläden so in der Auslage liegt, so würde ich mal sagen, hat das Feuilleton (und Buchblogger) auf die Literaturauswahl der Menschen dieses Landes einen Impact von 0,00001%. Trügt mein Eindruck? Dann lasse ich mich hier sehr gerne eines Besseren belehren.

    Über die Formulierung mit „skurrile Emporlesebiografie“ bin ich damals auch gestolpert. Ich fand es recht eigenartig und musste unwillkürlich nochmal prüfen, wie der zeitliche Verlauf meiner Rezensionen gelagert ist. Das hat sich so gelesen, als hätte ich mit billigen Schmuddelheften angefangen und mich dann langsam in die hohen Sphären der elitären Literaturwelt hinauf geschwungen, praktisch hart empor gearbeitet, um schließlich in den geistigen Gefilden von Herrn Reichwein zu lustwandeln. Blöderweise habe ich auch nach Horcynus Orca wieder komplett hirnlose Schmonzetten gelesen. Aber auch feinste Literatur, Perlen des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Fluch: Ich lese zum Vergnügen. Und auch noch das, was gewisse elitäre Gruppen so gerne für sich alleine beanspruchen.

    Ein sehr schöner Artikel auf jeden Fall, der aufgrund seiner differenzierten Sichtweise wesentlich mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, als diese regelmäßigen, traurigen Ausdünstungen, die man hierzulande Journalismus nennt.

    Liebe Grüße
    Tobi

  13. Liebe Katharina,
    ich neige bei dieser Diskussion ja auch eher zur Polemik und finde Deinen auf einer theoretischen Ebene ansetzenden Diskussionsbeitrag deutlich differenzierter und interessanter als manche anderen Beiträge in diesem Zusammenhang. Und bei diesem Thema glänzt das hochkultivierte Feuilleton ja tatsächlich auch nicht (immer).
    Und Dein Beitrag hat es nun bis ins Radio geschafft, nämlich in die Sendung Büchermarkt im DLF, in der sich Stefan Mesch in dieser Debatte und als Auseinandersetzung mit Deinem Ansatz zu Wort gemeldet hat. Hier gehts entlang zum Nachhören: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/05/08/stefan_mesch_im_gespraech_ueber_die_neue_debatte_ueber_dlf_20170508_1620_21aa4906.mp3
    Viele Grüße, Claudia

  14. thursdaynext thursdaynext

    Beachtens- und bedenkenswert und hochinteressant. Danke, für die Veränder- und Bereicherung meiner Wahrnehmung zu diesem Thema mit dem ich eigentlich schulterzuckend bereits abgeschlossen hatte.

  15. Distinktion hin und Distinktion her. Literaturkritisches Handwerkszeug finde ich in Buchblogs und im Feuilleton, und finde sie dort aber auch nicht. Die einzige Distinktion, die ich anwende, ist das Beharren auf Qualität. Die fängt dort an, wo es um mehr geht als um die Abschilderung individueller Befindlichkeiten und billiger Geschmäcklerei. Kritische Distanz, die mehr als Betroffenheitsfloskeln und Befindlichkeitswasserstände absondern. Die mehr sind als bloße Inhaltsangabe. Die gerne begründete Vorlieben für Arten und Genres servieren dürfen. Die vor allem auch Betrachtungen der Form enthalten. Die Einordnung in literaturgeschichtliche Bezüge. Blogs und Beiträge in den literaturkritischen Gazetten, die nicht ein Mindestmaß dieser Kriterien erfüllen, lese ich nicht. Davon gibt es leider zu viele. Dafür ist mir das Kapital der Zeit zu schade, mit dem ich sorgsam haushalten muss. Ich tue mich schwer, wenn behauptet wird, dass Männer keine Romane mit glaubwürdigen Frauenfiguren schreiben können. Eine heftige Auseinandersetzung hatte ich einmal mit einer Dame, die dies zu Flauberts Madame Bovary geäußert hat. Genauso wenig halte ich davon zu behaupten, dass Frauen und Männer anders lesen. Ich sehe da keinen biologistischen oder essentialistischen oder sonstwie in Stein gemeißelten Urgrund dieser fahrlässigen Unterscheidung. Daran ändert aus meiner Sicht auch Bourdieus Modell nichts, welches wie fast alle soziologischen Beschreibungsverfahren eher an einer fixen Idee von Gesellschaft gebunden ist, als diese in ihrer Überkomplexität beschreiben zu können. Der Diskurs ist wichtig. Ein Ergebniss deiner Kritik könnte sein, dass sich gewisse Beteiligte in den Schmollwinkel ihrer Echokammern zurückziehen, Diskurs dauerhaft verunmöglicht wird. Erst dann käme es zu Klassierungen, zur Absonderung, zur Distinktion.

  16. Mutti245 Mutti245

    „Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu.“

    Stefanie Sargnagel, Ronja von Rönne fallen mir sofort ein. Wie kann es sein, dass dir die nicht eingefallen sind?

    Ich glaube nicht, dass „weibliches Lesen“ verteufelt wird, sondern oberflächliches Lesen. Und das ist eben das gefühlig-senitmentale Lesen, das mehr Wert auf Emotion legt als auf sprachliche und inhaltliche Komplexität. Für dieses gefühlige Lesen stehen auch leider sehr, sehr viele Buchblogs, die bisweilen eher wie Schleichwerbebeilagen für Bestseller wirken.

  17. Weil ichs wohl nicht schaffe, einen Artikel dazu zu machen, hier auch als Kommentar. Ich mochte den Text sehr und sehe ein, dass man verkürzen muss und das ist dann eben verkürzt. Aber mir wird bei der Trennung zwischen männlichem und weiblichen Lesen unwohl. (Anders als Toni habe ich nicht unbedingt eim Problem mit dem Verzicht auf „objektive“ Wertungen. Wer einem Blogger folgt, hat ja so seine Vermutungen, was es bedeutet, wenn es dem gefällt, man schließt halt nur Zufallsleser mit dem pesönlichen Stil aus.) Mein erste Erinnerung, dass das weibliche Lesen ja nicht nur eine Vorliebe, sondern ebensogut und mehr auch eine normative Nötigung war, eine Einübung, nach deren Überwindbarkeit man fragen kann. Eine Schmonzetten lesende Frau hatte bestenfalls rührende Schwächen, eine Wissenschaften treibende Frau war im 18. und 19.Jh. Eher unnatürlich, monströs oder verrückt.
    Wichtiger aber ist, dass die beherrschten Herrscher ja ebensogut umgekehrt vorgehen, wenn es nötig ist: Mit der Forderung nach Identifizierbarkeit und Gefühl andere, analytischere Literatur ausgrenzen. Migrantische Erfahrung z.B.: Abbas Khiders Ohrfeige, weil die Figuren nur Holzschnitte seien, sei das kein Roman, heißt es da. Obwohl der Roman ursprünglich mal gegen das dramatische Figurenpuppentheater als sachorientiertere Form angetreten war (in jenem oben aufgerufen 18. Jahrhundert). Die Vergesslichkeit des Feuiletons ist da schon erstaunlich, noch für Gervinus zeichnete eben das den „modernen Roman“ vor seinen Vorgängern aus (z.B: Ariost, Tasso, Gellert), obwohl Journalisten noch alle brav im Germanistikgrundkurs gelernt haben, Wieland Agathon sei der erste moderne Roman in Dtl. Und sich mit dieser Info gegebenenfalls dicke tun. Ebenso ausgegrenzt wird das politisch Arge: Das sei ja nur Ideologie, Parteiprogramm usw. Auch ostdeutsches Lesebiografien werden gern abgewertet. Da plötzlich soll dann dem Zeitungsrezensenten Literatur oft genau das identifikatorisch empfindbare (meinetwegen sinnlich anschauliche) Moment bieten, was sonst zur Abgrenzung gegen Blogger verworfen wird. Deswegen sollte man das identifikatorische Lesen nicht vorschnell als unterdrücktes weibliches Lesen unter Naturschutz stellen. Da werden dann plötzlich nur marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt.
    Man kann ja auch eine andere Soziologie bauen: Das identifikatorische emotionalere Lesen hat eine riesige Marketingmaschine hinter sich, das analytische Lesen und eine analytisch orientierte schöne Literatur wird ständig ausgegrenzt? Außer im Reservat des Hochfeuilleton? Und auch da beginnen die Markterzählungen sich durchzusetzen: Was erfolgreich ist, muss auch gut sein. Auch wenn es sich hier vorerst nicht auf Rangenres wie Naturlyrik bezieht. Über Jan Wagner sind sachliche Diskussionen dort kaum noch möglich gewesen, auch das findet sich schon nur noch auf Blogs. Da ist das Zugeständnis, Feuilleton entspreche dem aufgerichteten Ideal des Analytischen auch wirklich, kaum noch aufrecht zu erhalten.

  18. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @Mutti 245: Stefanie Sargnagel ist beileibe nicht in derselben Weise als Schriftstellerin akzeptiert und etabliert wie Glavinic und Meyer. Und Ronja von Rönne nehme ich bis zum Bübchenkragen als biederen Mittelstand war, ich seh an der überhaupt nichts Prolliges, im Gegenteil, genau über diese Schicht macht sie in ihren Texten gerne Witze.

  19. Toni Toni

    Ein Nachtrag:

    Ich habe mich um Differenzierung bemüht, vieles fehlt hier aber, an vielen Stellen habe ich nicht genau genug gearbeitet. Das liegt schlicht auch daran, dass der Beitrag ohnehin schon recht lang war und ich ihn nicht mit weiteren Theorien, Differenzierungen und weiteren Baustellen aufladen wollte.

    Darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus. Mir geht es um etwas anderes: Kritik an den ästhetischen Kriterien der im Literaturbetrieb Arrivierten – sehr gerne. Eine Verteidigung der, wenn wir es im Gegensatz zum Literaturbetrieb mal so nennen wollen, ‚Laienkritik‘ – sehr gerne. Aber: Diese zu verteidigende Laienkritik, die ja erstmal nur über die soziale Position im Feld „Literatur“ definiert ist (wenn wir bei Bourdieu bleiben) dann mit „Gefühl“ zu identifizieren, und, Himmel, das dann auch noch mit „weiblichem Lesen“, ist für mich eine Stereotypisierung, die den ganzen Ansatz der Kritik fundamental untergräbt.

    Wenn wir jetzt Literaturblogs verteidigen wollen, nicht indem wir deren ästhetische Kriterien reflektieren, sondern indem wir sagen: Die brauchen keine ästhetischen Kriterien, denn die stehen nun mal für weibliches Lesen, und Frauen sind nun mal fürs Gefühl zuständig, sieht man auch an Schulkindern – dann sind wir tatsächlich wieder im 18. Jahrhundert, das den Frauen eine kritikunfähige „Lesewut“ untergeschoben hat.

  20. Vielen Dank für diesen ausführlichen und interessanten Artikel, der eine, wie ich finde, wichtige Problematik auf den Punkt bringt und dies auf einem Niveau tut, das dem der Journalisten, die sich angesprochen fühlen sollten, eher entspricht als die Ergüsse „einfacher, ungebildeter und viel zu gefühlsbetonter“ Blogger.

  21. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Toni: Wenn Sie meinen Beitrag ganz gelesen haben, wissen Sie, dass ich von Bloggern Reflexion und Inhalt fordere – aber aus anderen Gründen. Und, ich bin es inzwischen leid, das ständig zu erklären: Es gibt so etwas wie Lesesozialisationsforschung, schon seit Jahrzehnten, und es gibt so etwas wie historische Leseforschung, schon seit Jahrzehnten. Alles, was ich über „weibliches“ und „männliches“ Lesen hier schreibe, ist nicht Ergebnis meiner Pauschalisierung, sondern Ergebnis von Lesesozialisationsforschung. Es ist empirisch gut erforscht und belegt, dass Mädchen „intim“, „versinkend“, „identifikatorisch“ und eben also: gefühlsorientiert und in Masse lesen. Jungen dagegen lesen empirisch belegt (!) informationsorientiert und partizipatorisch (so W. Graf, es gibt auch die modernere, weitere Bezeichnung „instrumentell“, die die neuere Entwicklung zum unterhaltenden Lesen bei Jungen auch mit einbezieht, wobei auch hier unterhaltend tendenziell anders gelesen wird, als dies bei Mädchen der Fall ist), und das bedeutet: sie leben oberflächlicher und weniger, weil ihr Ziel in erster Linie ist, mitreden zu können, anders als bei Mädchen. Dazu gibt es Studien, die das belegen, und dass das zu einem deutlich messbaren Unterschied in der Lesekompetenz zwischen Mädchen und Jungen führt, bei dem Jungen deutlich im Nachteil sind, zeigt jede einzelne PISA-Studie, das ist im internationalen Vergleich belegbar. Das mag Ihnen zu pauschal sein, aber das liegt halt nicht daran, dass ich pauschal denke, sondern dass ich mich hier auf Ergebnisse der empirischen Lesesozialisationsforschung berufe, die übrigens genau diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus genauso wie ich lesesoziologisch und sozialgeschichtlich erklärt. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Es gibt auch noch biologistische und psychologische Erklärungen, wenn Ihnen die soziologische Erklärung aber schon nciht gefällt, werden Sie diese noch weniger mögen. Es gibt zahlreiche Bücher über Lesegenese und Lesesozialisation und über die Geschichte des Lesens. Es gibt dünne, gut lesbare Einführungen dazu für das Lehramtsstudium, weil dort solches Wissen wichtig ist. Lesen Sie diese Bücher – dort werden Sie alles wiederfinden, was Sie mir hier unterstellen. Lesen Sie beispielsweise „Lesegenese in Kindheit und Jugend“ von Werner Graf. Oder benutzen Sie einfach mal google. Aber unterstellen Sie mir bitte nicht, ich würde hier Dinge erfinden, die schlicht empirisch großflächig belegt sind. Der Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus entspringt ganz bestimmt nicht meinem Wunschdenken.

  22. Thomas Kastura Thomas Kastura

    Ein kenntnisreicher, für mich sehr erhellender Artikel, Kompliment! Die Abgrenzungstendenzen zwischen E und U nehmen ja leider wieder zu. Ich halte diese Grabenkämpfe in den meisten Fällen für destruktiv und bin als Krimiautor selbst davon betroffen. Da sitzt man schnell zwischen allen Stühlen und kann es keiner Seite recht machen. Jetzt weiß ich noch ein bisschen genauer, warum das so ist, danke, Katharina Herrmann!

    Zum identifikatorischen Lesen möchte ich noch etwas ergänzen. Auch ich denke, dass identifikatorisches Lesen den Lesegenuss enorm steigern kann. Als typisch weiblich würde ich es nicht bezeichnen. Es gibt auch viele Männer, die identifikatorisch lesen, von den Ritter- und Räuberromanen des 18. Jh. bis zu Abenteuer-, Historien- oder SF-Romanen der Gegenwart, und dieses Phänomen ist auch nicht auf „Genreliteratur“ beschränkt, glücklicherweise.

    Problematisch finde ich allerdings, identifikatorisches Lesen als Kritierium für Rezensionen heranzuziehen, vor allem für abwertende Rezensionen. Die Aussage, man habe sich zum Beispiel mit keiner Figur eines Romans identifizieren können, oder, noch einseitiger, man finde keine Figur eines Romans sympathisch, ist rasch getroffen und argumentativ nicht widerlegbar. Da machen es sich manche Rezensenten zu einfach, Feuilletonisten wie Blogger. Was ist denn mit Texten, die ganz bewusst auf Identifikationsangebote verzichten und dennoch auf gefühlsbezogenes, empathisches Lesen setzen? Texte wie „Sturmhöhe“ von Emily Brontë, „Das Parfum“ von Süskind und viele andere mehr fallen dann durchs Identifikationsraster.

    Ich würde gefühlsbezogenes nicht mit identifikatorischem Lesen gleichsetzen und nur ersteres für Literaturkritik als angemessen erachten. Gefühlsbezogenes Lesen, obwohl naturgemäß subjektiv, lässt sich bis zu einem gewissen Grad begründen, beschreiben, objektivieren und somit für eine faire Rezension heranziehen. Identifikatorisches Lesen ist dagegen um noch ein paar Grade subjektiver und noch weniger fassbar, begreifbar. Das macht u.a. seinen Reiz aus, keine Frage. Aber es als Hauptkritierium für faire Kritik zu akzeptieren, da tue ich mir schwer. Für mich ist (gelingendes) identifikatorisches Lesen eine Art Mehrwert, der quasi außer Konkurrenz läuft. Kann, muss aber nicht.

  23. Ich kann nicht bestreiten, dass Ihr Artikel für mein Nachdenken ergiebig war. Ich weiß nicht, ob ich jetzt Vermittelndes sage, ich versuche es aber mal. Ich glaube nicht, dass sich Ihr Dissenz mit Toni unbedingt an der Frage entzündet, dass es unterschiedliche Leseweisen gibt. Sondern erst an der Frage, was man damit legitimiert.
    Denn zunächst einmal habe auch ich folgendes Bild des Sozialen abzuwehren: Frauen sind eventuell auf „weiblicheds Lesen“ trainiert, weil sie weniger Einfluss auf die Welt nehmen können, diese Kulturpraxis also spontan besser zu den Sozialräumen passt, die sie vorfinden? Etwa, wie im 19. Jahrhundert, als der Bürger wenig Einfluss hatte, plötzlich die Innerlichkeit in Deutschland nochmal (auch Männern) besonders wichtig wurde?

    Es gibt eine Lücke im Text: Was sind die Skills des weiblichen Lesens/Schreibens, die die positive Urteile über solchen Blogstil legitimieren? Zumal, wenn Sie dem Privaten auf einem Blog aus marktkritischer Sicht skeptisch gegenüberstehen? (Ansonsten könnte man ja sagen, genau das wäre der weithin übersehene Vorteil und genau das würde ich, bei aller Marktkritik, auch tun: Dass man sich eben gemeinsam in seiner Lebensform orientiert und bestärkt.) Was wäre, wenn man das aber nicht zulässt, weibliches Lesen/Schreiben auf einem Blog, wo man doch eine gewisse Freiheit hat, dann mehr als allenfalls ein verzeilicher Atavismus aus der Gewohnheit der eigenen Sozialräume?

    Lesewut hin oder her. Lesen muss nicht immer gut sein. Wie, wenn einer anfinge zu lesen, der/die ansonsten ein Musikinstrument erlernt hätte? (Ich bin hoffnungslos männlich partizipatorisch!!!)

    Wenn man für eine Neubewertung „weiblichen“ Lesens anträte, ließe sich das m.E. sehr plausibel über Fanfiktion machen. Deren grauenhafte Unterbewertung: Auch Goethe hat ja letztlich oft nur Fanfiktion geschrieben, der Werther war seine Antwort auf Yoriks Reisen, der Meister die auf den Agathon, von Faust und antiken Stoffen gar nicht zu reden … Hölderlins Hyperion. Von hier aus, und Sie sehen das sich auch so, wäre vor allem die Aufspaltung der Skills in „männlich“ und „weiblich“ im Lauf des 19. Jhs. das Problematische.
    Es ist wahrscheinlich eine Unterteilung nicht gerade in zwei Leseweisen sondern mittels anderer Begriffe in 3?5? Kategorien, zwischen denen man als Leser dann ev. auch wechselt (wie Kastura nahelegt), die man einzeln schulen könnte, sinnvoller? (Leseforschung ist vielleicht besser informiert über die Frage nach m/w, weil das über Chancengleichheit berichtet und besser bezahlt wird? )

    Es gibt noch einen anderen Strang in Ihren Ausführungen: Sie legen halb nahe, dass weibliches Lesen Schulerfolg verspricht. Ich will nicht darauf hinaus, dass es dann schnell wie eine Hilfstugend des männlichen Lesens erscheint (hochbuckeln). Da ist wahrscheinlich wieder bloß die Verkürzung schuld.

    Was ich nicht verstehe: Warum steht das hier? Sie nehmen den eigenen Ball nicht ganz auf. Ich kann mir einerseits vorstellen, dass identifikatorisches Lesen auch theoretische Kompetenz schult: Wenn ich eine Theorie nicht nur als Steinbruch für Argumente verstehe, sondern versuche, mich mit ihr zu identifizieren, sehe ich ihre Stärken und Mängel schneller. Ich kann mir aber auch ebensogut vorstellen, dass erfolgreiches intimes Lesen bloß ein Symptom für erworbene Schlüsselqualifikation und somit nur Begleiterscheinung von guter schulischer Bildung ist. (Nach etwa dem Motto: Wer sich besser konzentrieren kann, kann sowohl dem Roman als auch dem Schulunterricht besser folgen.) Wenn Sie mir einen Hinweis gäben (am liebsten ein deutsches Paper im Internet) wie man den Storch ausschließt und nachweist, dass unterhaltendes, intimes Lesen die Kompetenz wirklich fördert, wäre ich dankbar. Denn die Zunahme unterhaltungsorientierten Lesens bei Jungen könnte ja auch einfach ein Rückzugsverhalten sein, das gerade die Klügeren besonders anspricht. (Während anderen eben Fernsehen oder Computerspiele genügen.)

  24. Sicher ist gefühlsbezogenes Lesen ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Punkt der traditionellen Literaturkritik. Reich-Ranicki: Ich habe mich furchtbar gelangweilt. Die Frage hier ist nur – warum? Plot und Sprache müssen stimmen, eine Binsenweisheit. Informationsbezogenes Lesen ist natürlich beim Lesen von erzählender Literatur, Poesie und Schauspiel unmöglich, denn diese Literatur ist erdacht, sie entspringt der Phantasie des Autors. Sie ist eben keine Sachliteratur. Möchte ich über das Leben der Menschen in Lübeck im19. Jahrhundert erfahren, sollte ich nicht Buddenbrooks lesen, sondern entsprechende Sachbücher. Greife ich zu Thomas Manns Roman, befinde ich mich schon nach wenigen Seiten in einer aufregenden Stadt mit vielen unterschiedlichen Menschen und der Freude und Tragik ihrer Leben. Lübeck dürfte sehr viel langweiliger gewesen sein.

  25. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @Bertram Reinecke: Es ist empirisch recht gut erforscht, dass Mädchen „intim“ lesen, dabei vertiefter und mehr lesen. Und es ist empirisch recht gut erforscht, dass Jungen „instrumentell“, „informationsorientiert“, dabei oberflächlicher und weniger lesen. Alle großen nationalen wie internationalen schulischen Vergleichstests im Stile von PISA belegen, dass Mädchen kontinuiertliche Texte sehr viel besser lesen als Jungen und dass Jungen auf den untern Lesekompetenzstufen überrepräsentiert sind. Es ist eine gängige – und nicht ganz von der Hand zu weisende – These, dass viel und vertieft lesen (und viel lesen geht wohl mit dem „intimen“ Lesehabitus einher, nicht mit dem „informationsorientierten“), eben sehr wohl etwas mit der Lesekompetenz zu tun hat. Und die Lesekompetenz gilt als Schlüsselqualifikation, da sie grundlegend für den Erfolg in allen anderen Fächern ist: Man versteht in Mathematik keine Textaufgaben, wenn man nicht in der Lage ist, wichtige von unwichtigen Informationen in einem Text zu unterscheiden. Man kann in keinem Fach einen Text angemessen verstehen, wenn man nur eine geringe Lesekompetenz hat. Es gibt Studien dazu, ich habe auch oben einen entsprechenden Artikel in meinem Nachtrag verlinkt. Und auch ohne diese Studien: Zeigen sie mir einen einzigen Deutschlehrer, der folgende, auch völlig banale These (weswegen ich nicht verstehe, dass ich das hier erörtern muss) nicht unterschreibt: Wer viel liest, schreibt und liest auch besser.
    Zudem, wenn Sie genau gelesen haben, haben Sie gesehen, dass ich sage: Es gibt Genres, die sind für genau dieses identifikatorische Lesen gemacht, und da sehe ich nicht ein, warum man sie nicht vom identifikatorischen Lesen ausgehend besprechen sollte. Zudem fehlt es mir ehrlich gesagt nicht an der Fantasie, um mir vorstellen zu können, dass man auf identifikatorisches Lesen reflektieren und dabei Kriterien und Argumente finden kann – genau das fordere ich auch in meinem Beitrag von Bloggern. Man kann doch „intim“ lesen und danach über dieses Lesen und das Gelesene nachdenken. Das sind doch keine Widersprüche.

  26. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Thomas Kastura: Ich fordere von Bloggern explizit Reflexion und Kriterienfindung. Natürlich reicht es nicht, nur „ich konnte mich nicht identifizieren“ zu sagen, sondern man muss schon auch erklären, warum. Ich halte gefühlsbezogenes Lesen und eine anschließende Reflexion über diesen Leseprozess nicht für Widersprüche. Man muss dann aber auch zulassen, dass es dabei eventuell zu anderen Argumenten und Kriterien kommt als bei der Reflexion über sog. „hohe Literatur“ und kann nicht per se sagen „das ist dumm“. Das war eigentlich fast alles, was ich sagen wollte.

  27. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Achim Spengler: Nur, damit ich Ihren Vorwurf noch einmal richtig verstehe: Sie werfen mir vor, dass ich mit meiner theoretischen Reflexion über Distinktionsmechanismen, die zu den oben von mir zitierten Texten im Feuilleton führen, einen Diskurs mit diesen Leuten im Feuilleton (und bei Leibe besteht ja nicht der ganze Feuilleton nicht aus solchen Leuten, ich traue da durchaus jedem zu, selbst zu überlegen, ob er dazu gehört oder nicht) unmöglich zu machen? Sie finden, mit dem, was was ich oben aus dem Feuilleton zitiert habe, wird quasi zu einem offenen, demokratischen Diskurs eingeladen und erst ich schließe diese Türe und sorge für Distinktion? Nein, es tut mir leid, das finde ich abwegig, da kommen wir nicht zusammen. Ich verstehe „Emporlesebiografie“ nicht als Einladung zum Gespräch über Kriterien der Literaturkritik.

  28. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Fabian Reinecke: Wenn Sie meinen Beitrag ganz gelesen haben, haben Sie ja bestimmt auch gelesen, dass ich von Bloggern Reflexion und Kriterien fordere. Ich sage lediglich, dass diese im Bereich der Genre-Literatur anders sein können als in anderen Bereichen. Und man kann für mein Empfinden sehr wohl „ich fand das Buch lustig“ mit Argumenten und Kriterien begründen und man kann für mein Empfinden sehr wohl über identifikatorisches Lesen reflektieren. Und natürlich gibt es schon immer auch Kritik von Genreliteratur – aber ich glaube nicht, dass Sie abstreiten können, dass diese bei weitem weder so weit verbreitet und so bekannt, noch so stark theoretisch reflektiert wurde wie die Kritik von Literatur der sog. „anspruchsvollen“ Literatur. Aber: Insbesondere mit Ihren Anmerkungen zum Lesegeschmack der Herrschenden haben Sie natürlich recht, hier war ich ungenau.

  29. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Achim Spengler: Sie können doch gerne einen eigenen Beitrag schreiben, in dem Sie die GANZE Theorie Bourdieus anwenden. Wenn Sie den Eindruck haben, hier fehlt etwas, dann machen Sie es doch bitte gerne selbst genauer, differenzierter. Genau das wäre doch wünschenswert, dass immer weitergedacht wird.

  30. @Katharina Herrmann: Sie werfen mir Ungeduld und Ungenauigkeit beim Lesen vor. Ich kenns auch, dass man etwas ungeduldig wird, wenn man mühselig einen Zusammenhang gebaut hat, dass dieser dann von flinken Meinungshabern attakiert wird, die ungenau gelesen haben. Ich habe mir aber mehr Zeit genommen und nun wieder mehr Zeit, um die Studie, die Sie zum Beleg ihrer Thesen angeben durchzuackern.
    Ich rolle mal von hinten auf: Ich sehe zunächst auch nicht ein, warum man ausgehend von identifikatorischen Lesen nicht auch einen Blog gestalten sollte. Allein: Sie geben ja ein hervorragendes Gegenargument: Dass nämlich man seine Intimität damit zu Markte trüge. (Das scharf zu sagen, finde ich, gehört zu den Stärken Ihres Textes.) Ich nenne mal ein Argument, dass zwar nicht vorkommt, aber Ihre Utopie stützen könnte. Frauen lesen besser, insofern ist es unplausibel an Blogs von Frauen die genannten Defizithypothesen heranzutragen, sondern sie haben Qualitäten, die unsichtbar sind. Sie werden zugeben, dass die Folgerung zwar richtig ist, dass wir den Vorsatz aus zwei Gründen nicht verteidigen sollten. 1. Es ist ein reines Autoritätsargument. (Damit fahren gesellschaftlich abgewertete Gruppen in der Regel nicht gut.) 2. Und das finde ich eigentlich noch ärgerlicher: Es muss soziologische, rein statistische Argumente zu Naturtatsachen über Männer und Frauen erklären.
    So wollen wir es vielleicht nicht. Nun gehe ich mal den Griesbreiberg von Zahlen durch, der Ihre Argumentation stützen soll, teils auch wirklich stützt, teils auch nicht. Die Zahlen geben, Sie betonen es zum dritten Mal, obwohl ichs nie bezweifelte, folgendes her: 1. Frauen lesen statistisch mehr gefühlsbetont, 2. Frauen lesen mehr. 3. Frauen die mehr lesen (also der Durchschnitt der Frauen, gegenüber dem Durchschnitt der Männer) lesen, sind in der Schule klüger.
    Was die von Ihnen verlinkte Studie nicht belegt, ist Folgendes: WEIL Frauen anders lesen, sind sie schlauer. Die Zahlen sagen sogar eher das Gegenteil: „Der Vorsprung der Mädchen beträgt auf der Gesamtskala Lesen nur 13 Punkte, beim informatorischen Lesen 10 Punkte, und beim literarischen Lesen sind es 14 Punkte (bei einem Mittelwert von 500 Punkten; vgl. Bos et al. 2003, S. 114–116).“ Mit anderen Worten: Mädchen haben einen Lesekompetenzvorsprung hauptsächlich deswegen, weil sie mehr lesen. Das macht sie etwas kompetenter in anderen Feldern, aber wesentlich kompetenter im Lesen von Geschichten, was eben auch EINE Kompetenz ist. Oder mal umgedreht: Ein Junge, der gleichviel läse wie ein Mädchen aber auf Jungenart, wäre wahrscheinlich in den anderen Feldern kompetenter. (Es käme ihm eventuell mehr zu Gute!)
    Aber das scheint mir das zweite zu sein, was nicht stimmt: Der Fokus auf: Jungen lesen anders.
    „Männliche 14–19-Jährige bevorzugen Krimis (50 %), Sachbücher (47 %), … wohingegen weibliche Jugendliche heitere Romane (56 %), Nachschlagewerke (55 %), Liebesromane und Bücher aus den Bereichen Freizeit und Hobby (47 %) schätzen (vgl. Kochhan/Haddad/Dehm 2005, S. 32)“ Mädchen lesen genauso gern Sachbücher und noch lieber Lexika als Jungen. Sie interessieren sich einfach mehr für ALLES das.
    Fast die Hälfte der Jungen geben laut Bischof/Heidtmann 2002 an, dass sie um der Unterhaltung willen lesen, nur gut ein Zehntel nennen Sachorientierung als ihre Priorität. (40/11%) Daraus kann man ebensogut schließen: Jungs lesen da ersteinmal kaum anders als Mädchen, nur eine gewisse Art Jungs (Akademikerkinder? Neurotiker? Machos?) haben sachorientierte Prioritäten. (Verzeihen Sie bitte, dass ich hier nur Einzelzahlen geben kann, an diesem mir wichtigen Punkt ist leider die von Ihnen zitierte Studie nicht sonderlich ergiebig.) Darf man von solchen Daten auf die Gesamtgruppe Jungen schließen? (Die Studie von Böck muss ich mir nochmal genauer ansehen, sie sieht interessant aus.) Dann wäre ja auch an folgendem Schluss etwas dran: 11% der Bloggerinnen geben an, sich für Kosmetik zu interessieren, nahezu kein Blogger tut das: Frauen lesen anders: Eher Schminckeorientiert. Beide Schlüsse sind nur von vorgängigen Rollenerwartungen her gedeckt. (Immer: Solange man nur die Zahlen nimmt, die Sie relevant machen.)
    Ich sehe es also so: Weil Jungen und Mädchen NICHT anders lesen, ist es rein statistisch erfolgversprechend Jungs mehr Geschichten in die Hand zu drücken, damit sie ihre Lesekompetenz in langen Texten erhöhen. Und nicht: Weil Jungs erfolglos sind mit ihrem sachorientierten Lesen sollten sie lieber Geschichten lesen. Erfolgreich ist das nur, wenn sie es nicht stattdessen tun. (Wie ich bereits vermutete, scheint es vor allem um Konzentrationsfähigkeit gehen.)
    Weil die Studien eher nach Chancengleichheit fragen und nur darauf gerichtet nach Leseverhalten, kommt der normative Aspekt „wie sollte man lesen“ nicht zum Ausdruck. Man müsste da die Daten erstmal auf gleichen Leseniveaus anschauen.
    Nun stellt die Studie von Maik Philipp/Christine Garbe, die Sie zitieren auch einen Zusammenhang zu Lesestrategien her, (Sie haben ihn sich nicht ausgedacht insofern), der aber in den Daten nicht enthalten scheint. Die Studie setzt das nämlich (klammheimlich in der Klammer) einfach voraus: Lesen jenseits der Sachorientierung gilt ihr von vornherein als das wertvoller: „Davon abzugrenzen ist das ästhetische Lesen, d. h. kompetentes und intrinsisch motiviertes Lesen von Literatur, und Konzeptlesen (die kindliche Leselust ist verloren gegangen, es ist ein Aufbau Lesen und Geschlecht – empirisch beobachtbare Achsen der Differenz eines sekundären, interessenbezogenen Motivationssystems (sog. „Konzept”) erfolgt), das aber auch bei den Sachtexten auftaucht – etwa in Form des Wissenserwerbs zur sozialen Distinktion oder zur Bestätigung eines Selbstbildes.“ Warum sollte denn das ästhetische Lesen das motivierende höchste Lesen sein? Kinder entdecken doch auch ihre Welt mit dem Buch. Wahrscheinlich baut doch das ästhetische Lesen erst auf dieser Grunderfahrung auf? Insofern könnte das Vordringen der Leseunterhaltung bei Jungs auch eine Wirkung der Kulturindustrie sein, die mehr mit Fakefakts zu tun hat, und somit allenfalls ein pädagogischer Teilerfolg ist, insofern unterhaltendes Lesen trainiert, sich auf lange Texte zu konzentrieren. Es könnte ja sein, dass der einzige winzige Kompetenzvorsprung den Jungs vor Mädchen laut Schreier/Odag 2004 haben, nämlich besser zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, dadurch aufgefressen würde? Und Blogs arbeiteten dann daran mit?
    Ich bestreite ihre Mutmaßung entschieden: „viel lesen geht wohl mit dem „intimen“ Lesehabitus einher, nicht mit dem „informationsorientierten““ oder soll ich eher sagen: Vielleicht konvergieren bei einem Vielleser Informationsorientiertheit und Intimität auch. Theorien sind auch schön, es gibt auch technische Phantasien usw. Vor allem aber durchziehen ja diskursive Phantasien die schöne Literatur so sehr, dass ich es fast merkwürdig finde, dass sie bei Graf 2002 so schlankweg auf Seiten der Sachorientierung zu liegen kommen. (Kann es sein, dass seiner Studie eine schlechte Modellierung von Literaturfeldern zu Grunde liegt?)

    Maik Philipp/Christine Garbe machen folgenden Fehler: Einerseits strapazieren sie die Info, dass viele Jungen eher instrumentell lesen arg, indem sie sie unverhältnismäßig übergeneralisieren. Auch der anderen Seite attestieren sie Mädchen einen stärkeren Zusammenhang ihrer Lektüren mit ihrem Leben. Während letzteres gut ist, soll ersteres schlecht sein. Es könnte aber auch genau dasselbe sein, wenn man einmal die Scheuklappen abnimmt und nicht der schönen Literatur einen per se höheren Stellenwert zuschreibt. Sie konstruieren hier also einen Geschlechterunterschied, den sie empirisch festzustellen vorgeben. Kaum jemand wird bestreiten, dass statistisch Jungs anders lesen als Mädchen. Dass die Unterschiede aber genau jene sind, die die Zusammenfassung der Studie angibt, bestreite ich sehr wohl. Sachorientierung ist für Mädchen wie für Jungen kein (Lese)handicap. Weniglesen ist für Mädchen wie für Jungen kein Handicap. (Mädchen haben es weniger.) Ich denke, dass Ihre Zurückweisung von Abwertungsstrategien sowohl wie Ihr Forderungskatalog an Blogger(Innen) ohne eine gezielte Aufwertung gefühlbetonten Lesens auskommen kann und sollte. Es reicht nämlich zu wissen, dass es eine verbreitete Kulturpraxis ist, um zu wissen, dass man da ansetzen kann, es muss nicht zugleich auch noch das Manna für lesende Jungs sein.
    Ich fand übrigens Ihren Kommentar zu Rönne und Sargnagel sehr treffend.

    @Karl Martin: MMR war ein erstaunlich wenig sachorientierter Kritiker. Ich hätte ihn mir schon auch anders gewünscht 🙂
    Bei den Buddenbrooks stimme ich nicht zu: Der Roman war ursprünglich eine Form, um Sachen zu schildern, die sich in etablierten Formen der Sachliteratur schlechter machen ließen ließen (Mann), oder um Themen an Leute zu bringen, die davon sonst nicht erreicht würden (bildungsferne Schichten z.B.).
    Dass die Fakt/Fiktion Linie heute viel schärfer ist, Romane heute so in erster Line auf Fiktionalität gebügelt sind, ist eine neuere Entwicklung, eine Tradition, in der Mann eher nicht stand. Rein Soziologisch: Die hereindrängenden Leserschichten haben mit ihren Ansprüchen das Paradigma des Romans geändert, indem sie den Kolportageroman oder den Roman mit dramatischem Plot als Nachfahren des Lesedramas nach und nach zum Paradigma des Romans erhoben haben. Sieht man klar an Büchern wie Freys „Wie schreibt man einen verdammt guten Roman“ die auf der Dramentheorie des 19.Jhs fußen und nichts mit den Erörterungen zum Roman aus derselben Zeit zu tun haben.

  31. Böser Fehler: Ich meinte nat: „Weniglesen ist für Mädchen wie für Jungen EIN Handicap.“

  32. Thomas Kastura Thomas Kastura

    Identifikatorisches Lesen erklären – viel Spaß damit, liebe Frau Herrmann. Wenige Rezensenten bei z. B. Amazon machen sich die Mühe, etwas zu erklären und argumentativ zu belegen, die schmeißen ihre Urteile einfach so hin. Ob sie nur mit dem linken Fuß aufgestanden sind oder ihr Urteil reflektiert haben – man weiß es nicht. Willkür? Bauchgefühl? Schnelllesertum? Hat alles nichts mit Literatur zu tun, sondern mit persönlichen Befindlichkeiten, die in einem Tagebuch besser Platz fänden.

    Ich habe ja schon klar gemacht, dass man gefühlsbezogenes Lesen von identifikatorischem Lesen trennen sollte. Über identifikatorisches Lesen kann man sich wunderbar austauschen, es zur Debatte stellen und erforschen, gerne, hochinteressant! Aber für eine fundierte Bewertung von Literatur im 1-5 Sterne-Muster ist identifikatorisches Lesen meiner Ansicht nach untauglich. Da kommt man ganz schnell zur Frage nach einer verbindlichen Moral. Die Mehrheit der Leser wird sich immer mit Figuren identifizieren, die nach den Konventionen einer Mehrheitsmeinung handeln. Aber was ist mit amoralischen „Helden“, mit denen man sich vielleicht nicht so leicht identifizieren kann, weil sie entgegen der Mehrheitsmoral denken und handeln? Und wer legt diese Moral überhaupt fest?

    Ich sage nur „Hamlet“, „Faust“, „Ulyssses“. Hätte alles bei identifikatorischen Lesern keine Chance. Sie können gerne die Probe aufs Exempel machen. Große Werke der Weltliteratur zerstören immer Leseerwartungen, bewegen sich an den Grenzen dessen, was gesellschaftlich noch als akzeptierbar oder eben „identifizierbar“ gilt.

    Deswegen denke ich, dass identifikatorisches Lesen im Grunde affirmativ ist, also dazu neigt, den gesellschaftlichen Status Quo zu bestätigen und blind macht für Innovation. Man möchte die gleichen, gesellschaftlich verbrieften Reize und Impulse immer aufs Neue bestätigt sehen. Oder sagen wir: Die Gefahr, dass es so abläuft, ist groß,

    Noch einmal: Identifikatorisches Lesen sollte man unbedingt erforschen! Die psychologisch und soziologisch orientierte Literaturwissenschaft macht das seit 50 Jahren, ebenso die Lehre von der Rezeptionsästhetik. Pierre Bourdieu kam ja schon zu Wort. Darüber habe ich mich sehr gefreut und mich an die Postmoderne-Seminare meiner Studienzeit erinnert. Aber ob uns derlei Quasi-Ideologien heutzutage weiterhelfen?

    Normalerweise beteilige ich mich nicht an solche Debatten. Aber da ich seit 30 Jahren auch Literaturkritiken verfasse, vorwiegend für den Bayerischen Rundfunk, hat es mich gejuckt, hier mal Farbe zu bekennen. Ich hoffe, ich habe einen verbindlichen Ton getroffen, weil mir die Diskurrsverrohung allerorten sehr gegen den Strich geht.

    Alles Gute weiterhin,
    TK

  33. Thomas Kastura Thomas Kastura

    Umberto Eco habe ich vergessen und seinen „Lector in fabula“. Immer wieder lesenswert.

  34. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Bertram Reinecke: Sie sind an mehreren Stellen mir gegenüber ungenau: Ich behaupte nicht, dass Mädchen durch Ihren Lesehabitus „klüger“ werden, wie Sie schreiben, sondern dass sie besser in der Schule abschneiden – das ist empirisch erwiesen, das liegt an der ebenfalls empirisch erwiesenen Lesekompetenz, die eine Schlüsselqualifikation ist. Die Folge ist schlicht: Lesen ist eine Technik, die man üben kann – und offensichtlich ist „viel lesen“ mit dem „intimen“ Lesehabitus verbunden, nicht mit dem „instrumentellen“. Und wenn Sie sagen, dass Jungen zu Unterhaltungszwecken lesen, was dasselbe sei wie der „intime“ Lesehabitus, haben Sie da den Text ungenau gelesen: Der Unterschied liegt eben darin, dass beim „unterhaltenden“ Lesen das Ziel immernoch außerhalb des LEsens selbst liegt, anders als beim „intimen“ lesen. Zu allem weiteren: Ich glaube nicht, dass Sie so einfach, aus der Lektüre eines Überblicksartikels, so einfach Forschungsmethoden und Schlussfolgerungen wegwerfen können. Ich finde zahlreiche Ihrer Anmerkungen zu „Alternativdeutungen“ ohne eingehende Kenntnis der empirischen Daten und Methoden recht spekulativ, und ich räume gerne ein, dass natürlich bei empirischen Untersuchungen immer methodische Schwierigkeiten im Weg stehen und Statistiken immer Interpretationssache sind – aber ich vertraue lieber dem Urteil von denen, die sich jahrelang mit ihren Studien und anderen Studien zum Themenfeld beschäftigt haben, als Ihren Alternativvorschlägen. Ist nicht böse gemeint, natürlich ist es möglich, dass Sie recht haben, empirische Forschung ist IMMER umstritten – aber hier kommen wir nicht zusammen, das überzeugt mich einfach nicht, da bin ich tatsächlich autoritätshörig, wenn Sie so wollen.

  35. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Thomas Kastura: Dass „Antihelden“ wie Hamlet oder Faust bei „identifikatorischen“ Lesern keine Chance haben, halte ich ehrlich gesagt für nicht haltbar. Gerade Hamlet und Faust sind doch gerade in ihrer Gebrochenheit Figuren, die zur Identifikation extrem einladen – und das durchaus auch noch tun. Wenn es so wäre, wie Sie behaupten: Warum haben dann Serien wie „Sons of Anarchy“ einen so extremen Erfolg, trotz der Anti-Helden-Figur – weil Millionen Menschen sich mit dieser Figur nicht idenfitizieren können? Ich glaube, Menschen und ihre Gefühle sind da schon komplexer, und gerade der Anti-Held läd viel stärker zur identifikation ein als eine Figur wie „Nathan der Weise“ oder „Iphigenie“, die höchstens als Vorbilder, die man bewundert, nicht aber als Identifikationsfiguren funktionieren.

  36. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    @ Thomas Kastura: Einen Nachtrag habe ich noch: Ich möchte schon – und das macht mein Beitrag nicht deutlich genug, weil ich zugegebenermaßen an mehreren Stellen ungenau war (was daran liegt, dass er ursprünglich mal im Kontext einer Diskussion stand, aus dem er jetzt herausgerissen ist, und ich schlicht niemals geahnt hätte, dass er so viele Leser findet – wozu der Beitrag mal geschrieben wurde, wird ja an seinem Anfang deutlich) – behaupten, dass das Feuilleton gar keine einheitliche Methodik, gar keine Theorie hat, dass sie den Kritiken von Bloggern viel ähnlicher ist, als manche Feuilleton-Kritiker das zugeben und wahrhaben wollen. Das klingt am Rande in meinem Beitrag an: Ich sehe praktisch keine von (ideologiekritischer, feministischer, etc.) Literaturtheorie geleitete Literaturkritik im Feuilleton, ich sehe oft genug (selbstredend: nicht nur!) – durch Versatzstücke literaturwissenschaftlicher Begrifflichkeiten – als objektiv getarnte Geschmacksurteile. Deutlich wird das etwa an der immer wieder herbeizitierten „Authentizität“, die Feuilleton-Kritiker genauso gerne positiv hervorheben oder bemängeln wie Blogger. Keiner hat mir jemals theoriegeleitet erklären können, was diese „Authentizität“ überhaupt sein soll, woran man das messen kann, wie sich das im Text zeigt und warum das ein Kriterium für gute Literatur sein muss. Oft genug messen Feuilleton-Kritiker (und Blogger ebenso) das Buch keineswegs an seinem eigenen Anspruch, sie machen oft genug nicht mal deutlich, was der Anspruch des Buchs sein soll. Und wenn man schon keine theoriegeleitete Kritik vornimmt, müsste DAS doch eigentlich das Kriterium für die Rezension sein. Wo das fehlt, ist es ein: mehr oder weniger gut verstecktes Geschmacksurteil. Das kann man machen, wie ich geschrieben habe. Aber man kann nicht behaupten, das wäre in einem höheren Maße kriteriengeleitet oder objektiv als das gängige Geschmacksurteil einer Person, die aus dem Schatz größerer Leseerfahrung heraus urteilt (und so ähnlich steht das ja oben in meinem Beitrag).

  37. Oh Entschuldigung. Da sind wir uns einig: lesen kann und sollte geübt werden. Ja, das mit dem „klüger“ war freilich meine Interpretation. Ich hatte eine kurze Zusammenfassung der Umstände gesucht dass Sie „größeren Schulerfolg“ zum Kriterium machen und zweitens, dass Sie das auch als einen positiven Wert betrachten. Wenn „klüger“ als kurze Zusammenfassung Ihrer Intentionen da fehl geht, entschuldige ich mich.
    Die Verbindung zwischen instrumentellem Lesen und Viellesen gibt es einerseits: Vielleser, besonders weibliche, lesen oft intim.
    Ja Statistiken sind so eine Sache und man wird da schnell uneins. Entschuldigen Sie, wenn ich aber dennoch nachschärfe um meine Fragen nicht vom Tisch gewischt zu sehen. (Das macht sie bestimmt langsam wahnsinnig oder?) Es geht mir ja weniger darum, ernstlich Alternativen vorzuschlagen, als mehr darum, zu rechtfertigen, warum ich zwar die Datenbelege wichtig und interessant finde, den Interpretationen dieser Daten aber nicht überall traue.
    Was mir nach wie vor nicht aufgeht ist, das Intim Lesen eine Voraussetzung für Viellesen sein soll. Wenn man es als so getrennte Lesestile annimmt, das entspricht überhaupt gar nicht meiner Leseerfahrung. Meine Lieblingsbücher als Erstklässler hießen „Der Mond, Raketen und Raumschiffe“ und „Städte Dörfer Heimatland“, daneben faszinierte mich eine Goethegedichtauswahl, die mich aber vor allem irritiert hat, allenfalls „Meeresstille“ übte eine intime Faszination auf mich aus. Ich habe mich stundenlang mit technischen Tabellen und Atlanten beschäfgtigt, es war auf dem Dorf damals so schwer an solche Sachschriftstellerei heranzukommen, dass ich zu meiner Unterhaltung in den Sommerferien die Geschichts- und Physikbücher meiner großen Geschwister las. Bei Literatur war ich wählerischer. Auch Claude Levi Strauss z.B. hatte eine solche Lesebiografie. Nun gebe ich zu, dass das zwei Einzelfälle sind. (Die sich aber leicht vermehren, wenn ich auf FB mit Freunden rede.) Es mag Ihnen aber erklärlich amchen, warum ich hier so spontan denke: Das KANN gar nicht wahr sein.
    Ich vermute nach wie vor, dass das Zusammentreten von intimen Lesen und Viellesen eher etwas mit weiblicher Sozialisation zu tun hat. Ist es nicht merkwürdig, das die von Ihnen herbeigeführte Statistik sich zwar damit auseinandersetzt, warum Jungen instrumentelle Lesestile (wenn sie überhaupt lesen) bevorzugen Und zwar dass das mit ihrer Sozialisation zu tun haben könnte. Dass sie sich die gleiche Frage aber in Bezug auf Mädchen nicht so explizit stellen?
    Da kommen wir jetzt zu Autoritäten: Ich traue Statistikern zu aus unübersichtlichen Zahlen mittels ihrer Instrumente übersichtliche Aussagen zu treffen. Sie sind auch fleißig im Erheben von Daten, die auch ich wissen muss, wenn ich argumentieren möchte. Allerdings: Man sieht es an der von mir aufgezeigten Merkwürdigkeit bereits: In jede Statistik gehen, jenseits des validen Rechnens, dass ich oft nicht einmal selbst überprüfen kann, (habe da gestern in Bezug auf Böck 2000 nochmal einen Experten befragt) auch intuitive Vorannahmen ein. Statistiken brauchen ja immer eine möglichst kleine Zahl möglichst aussagekräftiger Kriterien. Sie haben auch ein Erkenntnisziel.
    An beiden Stellen machen Statistiker sehr oft Fehler. Ich finde es oft grauenhaft, von wie naiven Bildern von Leseprozessen besonders Ddaktiker oft, fast möchte ich sagen: regelmäßig ausgehen. Und hier auch Phillip und Grebe drehen sich doch ihre Daten dann nach Erkenntnisziel zurecht: Böck gibt zum Beispiel an, dass 13-14 jährige Männer dreimal häufiger gern Lexika und Nachschlagewerke lesen. Unmittelbar darauf folgt im Text, dass 14-19 Jährige Mädchen nach Kochhan/Haddad/Dehm Lexika noch mehr bevorzugen als Jungen Nachschlagewerke. Beides folgt unmittelbar hintereinander ohne dass ein vermittelndes Wort im Text steht, wie diese krass unterschiedlichen Befunde zusammengehen. Sie tuns offenbar einfach.
    Da reicht meine instrumentelle Leseerfahrung um zu wissen, dass hier jemand vielleicht aus Daten ein ihm bereits im vorhinein wahrscheinliches Ergebnis herausdestillieren wollte. Müsste man als intimer Leser jetzt besser mit unseren beiden wissenschaftlichen Helden mitgefiebert haben, dass sie die Prüfungen des empirischen Materials bestehen? 🙂
    Sie haben vollkommen recht, dass ich den Unterschied zwischen unterhaltendem Lesen und intimen Lesen nicht recht beachtet habe: Darf man nicht erstaunen, dass Jungs Unterhaltung so massiv nennen, wo doch Phillip/ Garbe vielleicht zu Recht feststellen, dass das eigentlich nicht zum männlichen Rollenbild von Jungs gehört? Warum „sticht“ dieses Interesse auch das Interesse an positiver männlicher Selbstwahrnehmung? Stützt das nicht die These, dass es eine persönliche Bindung an die Lektüre bei Jungs bedeuten könnte, die, wenn sie mit „intimem“ Lesen nicht getroffen ist, doch nochmal anders ausgedrückt werden muss? Wie genau verhält sich das zu Grafs Black Box „ästhetisches Lesen“? (Ich muss wohl mal Graf dazu lesen, ich misstraue dieser Kategorie ebenfalls!)
    Und dann geht es ja weiter: Wir reden dann ja über Ihre Interpretation der Interpretation von Phillip/ Garbe.

    Das Wirken von insgeheimen Vorannahmen beschäftigt mich nicht nur bei Statistiken: Sie führen das Schlagwort der Leseseuche/Lesewut/Lesesucht an. Und bringen dies zur Deckung mit einem weiblichen intimen Lesehabitus. Haben Sie sich mal angesehen, was die Frauen damals im späten 18.Jahrhundert verschlangen? Das Schlagwort der naserümpfenden Männerwelt kam zum Beispiel kurz nach Salzmanns Bestseller „Carl von Carlsberg“ in Mode. Zwar haben Sie ganz recht, dass die Herrenwelt vor allem das identifikatorische Moment bekritelte. Allerdings ist das Buch eher ein 6bändiger Traktat über die sozialen Verhältnisse in Deutschland. Könnte es nicht sein, dass dem damaligen Diskurs vor allem unheimlich war, dass Frauen plötzlich Meinungen über gesellschaftliche Zustände hegten? Dass also der Umstand, dass Frauen als gefühlig angegriffen wurden, nicht eine in der Polemik versteckte richtige Diagnose über weibliches Leseverhalten darstellt, sondern einfach ein Vorurteil, dass Männer hier gegen Frauen ausspielten, insofern Frauen damals sich anheischig machten, gerade ANDERS zu lesen, nämlich instrumentell? (Den bösen Frame setzten, damit Argumente aus Frauenmund unglaubwürdig bleiben.)

    Sie werden bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts in fast jedem Roman zumindest einen instrumentellen Rahmen finden, so sehr, dass man sagen könnte, das intime Lesen ist ein Nebenprodukt der Tugenderziehung, was zugelassen wurde, weil es einerseits vergleichsweise folgenlos ist und andererseits den Erwartungen der Pädagogen entsprach: Irgendwie musste man ja schließlich die Tugend den weniger verständig gedachten Frauen eintrichtern können, nicht wahr? 🙂 Mit anderen Worten: Ich freue mich über Ihr Nachzeichnen der Abwertungsgeschichte weiblichen Lesens, weil über diese Abwertungsgeschichte immer noch zu wenig geredet wird. Ich denke aber, man sollte unsere heutigen gesellschaftlichen Routinen nicht künstlich nach hinten verlängern, was weibliche Leseweisen betrifft. Dann sehen Geschlechterunterschiede an einer Stelle tiefer zementiert aus, als sie vielleicht sind. Genau aus diesem Grunde begrüße ich es so sehr, dass Sie auf die Kritik von Rollenbildern verweisen, die in Literaturblogs geleistet wird! Da werden ja wichtige Gewohnheiten mitgeprägt.
    Als positivem Wert können wir vom intimen Lesen überhaupt erst ab seiner Verselbstständigung reden. Ich gebe ja zu, dass diese Erfindung (auch buchhändlerisch) enorm erfolgreich war!

  38. Ach so: Auch Salzmanns Carl, lief trotz seiner Eigenart unter dem Begriff „Roman“ das war damals eher eine Rest- oder Mischkategorie. Auch viele Geschichtswerke wurden damals als „Roman“ vermarktet, Predigtsammlungen und andere Erbauungsliteratur, Reisebeschreibung, Biografien, Roman hieß ungefähr: Gut Lesbar und Mit dem Wahrheitsanspruch nicht immer allzugenau nehmen. (War aber deutlich weniger fiktiv als z.B. ein Drama)

  39. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    Ich glaube, an mehreren Stellen widersprechen wir uns gar nicht: Natürlich muss man weibliche/männliche Lesesozialisation im Kontext weiblicher/männlicher Rollensozialisation sehen. Das widerspricht sich doch gar nicht, sondern ergänzt sich. Und ich finde den Vorwurf, dass ich dies oder jenes nicht genug berücksichtigt oder nicht deutlich genug gefragt habe, ehrlich gesagt etwas wohlfeil: Ich habe einen Blogbeitrag geschrieben, keine Dissertation. Dieser Blogbeitrag ist acht Wordseiten lang gewesen und ich würde schon behaupten, dass er umfassender ist als die meisten Beiträge, die zu diesem Thema bislang auf Blogs produziert wurden. Die Realität ist IMMER komplexer, das ist eine Binsenweisheit, man findet IMMER noch irgendwas, was nicht berücksichtigt wurde. Nur, konkret, in diesem Fall: Was genau soll der Einbezug der geschlechtstypischen Rollensozialisation an geschlechtstypischer Lesesozialisation ändern? Er stützt doch nur die Ergebnisse und erklärt genauer, warum sich manche Rollenmuster verfestigen. Natürlich muss man weibliches Lesen auch im Kontext anderer sozialisationsbedingter weiblicher Eigenschaften (Fleiß, ruhig sein, emotional sein etc.) sehen. Was genau ändert das jetzt? Genau dasselbe betrifft Ihren Vorwurf, dass ich nicht genau genug einbezogen habe, was genau Frauen im 18. und 19. Jahrhundert gelesen haben: Natürlich trifft beides zu, das von mir geschriebene und das von Ihnen geschriebene. Ich habe nicht umsonst auf das Buch von Bollmann verwiesen, dort steht das alles breit und ausführlich. Ich habe auf dieses Buch verwiesen, damit jemand, den das Thema interessiert, sich umfassender einlesen kann, weil ich eben hier kein ganzes Buch schreiben kann und will. Erneut: Es ist ein bisschen wohlfeil, mir das anzulasten. Und natürlich habe ich doch darauf hingewiesen, dass bei Unterhaltungsliteratur darauf geachtet werden muss, ob sie schädliche Stereotype transportiert, eben genau weil ich weiß, dass sie genau das tut: Natürlich hat die Literatur, die viel gelesen wird, immer zur öffentlichem Moral beigetragen. Das ist mir klar, das widerspricht doch meinen Ausführungen gar nicht. Deswegen fordere ich ja: genau hier müsste noch mehr reflektiert werden. Mir ist übrigens aber auch klar, dass gerade die Unterhaltungsliteratur auch dazu beigetragen hat, bestimmte Vorstellungen von familiärem Zusammenleben z.B. über die Jahrhunderte zum Liberaleren hin zu bewegen. Unterhaltungsliteratur zementiert viel, ja, aber nicht nur. Allein: Ich verstehe nicht, warum das ein Einwand gegen meinen Text sein soll.
    Manche Befunde der Statistiken ergeben vielleicht Sinn, wenn Sie die für die Lesesozialisationsforschung und Lesegeneseforschung ganz zentrale These der sog. „Lesepubertät“ einbeziehen – das erklärt dann auch manche ihrer anderen, biografisch orientierten Einwände. Es ist wiederum empirisch ganz gut erforscht und belegt, dass sowohl Mädchen als auch Jungen in der Pubertät (also im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, ganz grob gesagt) ihr Leseverhalten massiv verändern. Bei vielen bricht hier das LEsen ab und wird nicht wieder aufgenommen, bei vielen ändert sich die Wahl bevorzugter Genres etc.
    Grundsätzlich, wenn ich auch einige Ihrer Einwände nicht teile: Vielen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Mühe machen, so genau über meinen Text nachzudenken. Bei mehreren Punkten gebe ich Ihnen ja auch recht, bei anderen kommen wir nicht zusammen, so ist eben das Leben. Vielen Dank für den Austausch!

  40. Sie haben mich ja mit einem „Vielen Dank entlassen“ deswegen wollte ich nicht weiter machen. Nun stellen Sie aber einerseits erneut Fragen in den Raum und dann ist da noch Ihr Nachtrag, der Ihre Kommentatoren grosso modo etwas dumm aussehen lässt. Außerdem sagt mir eine Leserin, dass Sie an meiner Position wohl etwas vorbeireden.
    Deswegen: Es wäre doch ganz schön: Sie schreiben einen Artikel, er ist spannend, man traut Ihnen zu, das Thema gemeinsam zu vertiefen: Man traut Ihnen zu, dass Sie mehr wissen, als Sie im Artikel schreiben und beginnt deshalb überhaupt erst die Diskussion. Dann wird man allerdings enttäuscht sein, etwas rechthaberisch angefahren zu werden, man solle doch erstmal den Stand „Der Wissenschaft“ zur Kenntnis nehmen und Sie werfen einem immer neue Knochen vor, die man kennen muss, um mitreden zu können. Wenn man anfängt einen abzunagen, dann wischen Sie es als Detailkram und betrachten es als Angriff.
    Da bleibt mir hier, (bevor ich dann noch einmal auf Ihren Ausagangsartikel zurückkomme) denn doch nur um meiner öffentlichen Glaubwürdigkeit willen festzustellen: Die Lesepubertät kann allenfalls eine Teilerklärung für den Unterschied der Ergebnisse der Studien von Böck und Kochhan/Haddad/Dehm sein!
    Nehmen wir doch mal im Gedanken(Rechen)experiment die Behauptung ernst und unterstellen, was Sie unterstellen, nämlich, dass die Ergebnisse in die gleiche Richtung weisen, unterstellen wir also, dass sich beide Mädchengruppen, nämlich die 7.-8. Klässler und die 14-19 Jährigen nur deswegen anders zum lesen verhalten, weil sie anderen Alters sind und ansonsten gleich wärem
    Zunächst 7-8. Klässler dürften wenn die Statistik in Ordnung ist, sich grob so aufs Alter verteilen ca 25% 12 jährig, 50% 13 järig, 25% 14järig. (Es wird auch paar Sitzenbleiber Auslandsjahrleute geben die älter sind, ein paar Früheingeschulte, Klassenüberspringer die jünger sind.)
    Drehen wir, um der Rettung des Zusammenhalts willen den Einfluss der Lesepubertät auf maximal, unterstellen wir also, dass komplett alle Mädels, die bei Böck angeben, gerne Lexika und Nachschlagewerke zu lesen 14jährige sind. Die 14jährigen würden diese Angabe dann zu 20% gemacht haben. Ich gestehe Ihnen zum Weiterrechnen also den aus logischen Gründen ziemlich höstmöglichen Wert zu!
    Wenn die beiden Studien im Graunde das Gleiche herausbekommen haben, müssten auch bei der Untersuchung der 14-19jährigen Frauen die 14jährigen zu ca. 20% diese Angabe gemacht haben. Bei sauberer Statistik sollte das 1/6 der Untersuchungsgruppe sein. Dass hieße aber (zu ihren Gunsten unterstelle ich zusätzlich, dass die Lesepubertät in diesem Bereich mit 15 dann auch gleich wieder abgeschlossen ist) das 62 % der 15-19 Jährigen eine Vorliebe für Lexika haben müssen. (sonst würde man den Gesamtwert 55% ja nicht mehr erreichen können.) Mit anderen Worten: Frauen in dem Alter läsen nichts lieber als Lexika und Nachschlagewerke! Das ist doch sehr verhängnisvoll für die These des anderen, intimeren Lesens der Frau? (Und wenn man die irrsinnige Unterstellung wegließe, dass die Lesepubertät eben genau mit 14 stattfindet, werden die Zahlen ja noch krasser!) Merken Sie nun, dass mein Wunsch, hier hätte es eines vermittelnden Wortes zur Methodik bedurft, sehr maßvoll war?
    Dieser Knochen ist nun vielleicht gründlich benagt.
    Nun zu Ihrer wichtigen Frage: „Was genau soll der Einbezug der geschlechtstypischen Rollensozialisation an geschlechtstypischer Lesesozialisation ändern? Er stützt doch nur die Ergebnisse und erklärt genauer, warum sich manche Rollenmuster verfestigen.“ Ich bin mir einig, dass das eine die Ergebnisse des anderen stützen sollte. Aber einige Zusammenhänge aus ihrem Ausgangstext sind eben nicht Ergebniss sondern werden eher verwendet die offenen Fragen abzuschneiden: „Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen.“ Es konstruiert nicht ein Teil-Ganzes Verhältnis, Lesesozialisation ist ein teil der Rollensozialisation sondern legt ein hierachisches Ursache Wirkungsschema nahe. Und das ist ein sehr wesentlicher Unterschied!
    Man sollte doch eher sagen: „Dass Lesen von weißen Frauen im bürgerlichen Umfeld (incl. Angestellte) der Städte hat seit 200 Jahren Muster ausgeprägt“ Dann kann man auch sagen: „Landfrauen lasen nicht oder trieben eher intensive Lektüre“. Nicht so wahr ist dann auch der Satz über männliches Lesen: „Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen.“ Seit der Leserevolution lesen eben auch Männer verstärkt extensiv. Nur weil heute Frauen zu ein paar Prozentpunkte mehr extensiv Lesen und vielleicht grundsätzlich auch intimer, gerät man doch bei einer Rückprojektion dieser Verhältnisse auf „die Frauen“ und „die Männer“ seit hunderten von Jahren auf das falsche Gleis, weil man dann die Erklärung aller Unterschiede immer schon hat und nach Rollenmustern nicht mehr gezielt fragen kann. Es ist schon allein historisch junges Phänomen, dass Frauen extensiver lesen als Männer.
    Ich hab zufällig aus einer Beschäftigung mit Literaturbetrieb der DDR zwei Aufsatzbände zur Lesesoziologie und da gibt es Untersuchungen von 1966, 1980, 1983 und 1987. Erst 1987 lesen danach Frauen in der DDR signifikant mehr, 1966 und 1980 jedoch deutlich weniger als Männer. (Dass sich, je höher das Lesepensum ist, ein extensiver Lektürestil leichter von intensivem abgrenzen lässt, ist klar.)
    Das wird in anderen Ländern vielleicht etwas anders verlaufen sein, wenn man sich den Anteil m/w beim Abitur ansieht, ist der statistische Unterschied beim Leseverhalten m/w vielleicht vergleichsweise weniger bedeutend. Vielleicht ist gerade das Ihre Detailverliebtheit im Gegensatz zu der Ihrer Kritiker?
    Ihre Argumentation steht sozusagen Kopf, gerade dann, wenn Sie erwägen, ob es nicht auch biologische und psychologische Konstanten gäbe, die dieses Ergebnis herbeiführten. Die Hypothese des m/w Unterschiedes führt von den wichtigen Fragen der (Un)Gleichberechtigung und Rollenbildern eher weg oder verhindert sie.
    Man sollte z.B. m.E. das“Weiblichkeit“ ist, sondern gleich und und nur, weil es versucht, eingetretene Aspekte von Gleichberechtigung wieder zu negieren.
    Ihr Artikel gibt, insofern er andere Fragen stellen lässt und andere eher blockiert ein schiefes Bild vom Lesen. Gaston Bachelard hat die Rolle von Metaphern bei der Wahrheitsfindung und vor allem auch die Wahrheit behindernder Metaphern an der Naturwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts studiert. Ich sehe Sie auch durch ihre Metahpern (Frames) blockiert, wenn Sie schreiben: „Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, … welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich.“ Das ist doch gar keine Frage, dass Schaden leicht angerichtet ist: Wenn jemand eben eine seichte Liebesschnulze liest, die mit viel Marketingaufwand in den Markt gedrückt wurde, der in der selben Zeit ansonsten eine für die eigene Emanzipation wertvolleres Buch gelesen hätte. Das ist doch trivial und es geht noch weiter: Didaktiker kennen ja auch das Phänomen des Einstellungssyndroms: Jemand der oft auf bestimmte Arten der Lektüre trifft, wertet andere Lektüre ab, nicht, weil er sie offen bewertet, sondern schon weil sie bloß anders sind. (Gut beforscht am gedichtlesen mit Grundschülern, bis in einzelne Gedichtstile hinein.) Mir fällt immer wieder auf, wie nahe sich die Regeln aus Ratgebern zum Verfassen „guter“/“erfolgreicher“ Fernsehserien/Filme und Bücher sind. Kann sich da der Übergang vom Nichtlesen zum Schmöcker nicht als Verfestigung eines solchen Einstellungssyndroms in Bezug auf Plotting erweisen? Kann es nicht dazu kommen, dass jemand, der vom Hörensagen den guten Ruf des Buches kennt und von hier aus versucht, einen Weg zu seinen Sinnfragen zu finden, sich enttäuscht vom Buch wieder abwendet, weil er durch die Lesetipps seiner bloggenden Freunde immer wieder nur auf das marktförmig immer Gleiche verwiesen wurde?
    Ich war in meiner internetlosen Jugend 12 Kilometer vom nächsten Buchladen entfernt verzweifelt und naiv genug, auch die Coraromane zu lesen, von denen meine Klassenkameradinnen so schwärmten. Gott sei Dank war meine Utopie des Lesens schon gefestigt genug, dass die Enttäuschung über diese Bücher mein Lesen nicht nachhaltig behinderte.
    Elektrisiert von Defoes Robinson hat ein Klassenkamerad das auch probiert und kam gründlich vom Lesen ab. Heute weiß ich: Hätte ich ihm Marryats Peter Simpel in die Hand gedrückt, das damals schon in meinem Bücherregal stand, das ich aber damals langweilig fand, wäre er vielleicht beim Lesen geblieben … Da, wo Sie Bloggerinnen nach der Emanzipation der Auswahl fragen und nicht nach dem schieren (Viel)Lesen als Wert-an-sich, kommen mir Ihre Argumente schlüssiger vor.

    • Katharina Herrmann Katharina Herrmann

      Lieber Bertram Reinecke,
      ich denke, dass ich mir sehr viel Zeit genommen habe und mir durchaus auch Mühe gegeben habe, auf Ihre Kommentare möglichst umfassend einzugehen. Dass Sie mir jetzt vorwerfen, ich wäre zu keiner Diskussion bereit, ich wäre arrogant, weil ich denke, dass man sich mit den Forschungsmethoden und -ergebnissen, die man kritisieren möchte, erst einmal auskennen sollte – entschuldigen Sie, das finde ich albern, nachdem ich hier mehrfach lang und breit auf Ihre Einwände eingegangen bin und meinen Standpunkt erklärt habe. Mit dem Nachtrag oben waren keineswegs Sie gemeint, es gab recht viele Kommentare, sowohl hier, als auch auf twitter und facebook, die mir vorgeworfen haben, ich würde hier sehr platte Klischees über Frauen und Männer erfinden – da das ein Vorwurf ist, den ich mir nicht gerne machen lassen will, habe ich darauf hingewiesen, dass ich mir das nicht ausgedacht habe, und ich glaube schon, dass man einfordern darf, dass Leute zumindest google benutzen, bevor sie mir sowas unterstellen.
      So oder so: Ich habe auch noch einen Job und ein Leben, ich bin ausführlich auf Sie eingegangen, mit der Folge, dass Sie mir trotzdem mangelnde Diskussionsbereitschaft vorwerfen. Ich habe mehrfach markiert: An diesen und jenen Punkten kommen wir schlicht nicht zusammen, weil Ihre Argumentation mich nicht überzeugt. Ich habe kein Problem, Ihre Meinung neben meiner stehen zu lassen, anscheinend haben Sie aber Probleme, dass ich Ihnen nicht zustimmen will. Ich habe schlicht keine Lust, weiterhin Zeit in eine Diskussion zu investieren, bei der ich am Ende solche Vorwürfe zu hören kriege und die zu nichts führt – weil wir hier schlicht unterschiedlicher Meinung sind, weil mich halt schlicht die Laienauslegung wissenschaftlicher Daten nicht so überzeugt wie die von Wissenschaftlern. Das habe ich schon ganz am Anfang gesagt: Hier vertraue ich auf Expertise, Sie können mir das nach wie vor als autoritätshörigkeit auslegen, ich glaube aber, dass es nicht ganz abwegig ist, diesen Standpunkt zu vertreten. Wie ich jetzt sehe, legen Sie es mir aber lieber als Arroganz aus. Das ist dann eben so.
      Nachtrag: Dass es IMMER noch etwas gibt, was man noch genauer hätte ausführen, noch genauer hätte formulieren etc. können – geschenkt. Das hier ist ein Blogbeitrag, keine Doktorarbeit. Es steht Ihnen frei, alles noch ausführlicher, noch genauer, noch differenzierter und viel treffender darzustellen. Das fände ich sehr gut. Was Sie nicht können: Mich mit persönlichen Angriffen in eine Diskussion zwingen. Ich fände es toll, wenn Sie irgendwo etwas besseres schreiben, als ich es getan habe. Das kann einer breiteren Diskussion nur gut tun.

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