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Weiter weg von Jonathan Franzen

Rezensionen anderer können sehr hilfreich für eine eigene Kaufentscheidung sein. Selbst von Leuten, die und deren Vorlieben, Intellekt, Neigungen und Judiz man nicht kennt. Ab einer gewissen Anzahl Rezensionen kann man sicher einen Durchschnitt bilden und den so erst einmal als Kurzeinschätzung stehen lassen. Andererseits ist natürlich auch die Frage: wer rezensiert Bücher, beispielsweise bei amazon. Zumindest für solche Bücher, die wenige Bewertungen haben, gilt häufig: nur die, die das Buch richtig gut oder richtig schlecht fanden.

Aus Versehen, denn eigentlich lese ich die Rezensionen eines Buches, das ich ohne diese erworben habe, nicht, um mir mein eigenes Urteil möglichst unbelastet bilden zu können, habe ich die Rezensionen von “Weiter weg” bei amazon gelesen. Stand heute: 3 Bewertungen, zweimal 1 Stern, einmal 5 Sterne. Kollege 5 Sterne nimmt sich Zeit, die anderen beiden haben gerade zwei Sätze der Enttäuschung zusammengebastelt und fertig.
Versuchen wir es also möglichst unvoreingenommen.

Jonathan Franzen gilt momentan als DER amerikanische Intellektuelle der Schreibenden, sozusagen der amerikanisch Daniel Kehlmann (es bleibt an dieser Stelle unbewertet, ob der eine oder gar der andere diese Stellung verdient). Sowohl “Die Korrekturen” als auch sein letzter Roman “Freiheit” waren Bestseller, den Redakteuren des Feuilletons den atemraubende weiterweg101_v-contentmediatipp.jpgStatuen des Zeitgeistes und beide haben auch mich begeistert. Daher habe ich mir, obwohl eigentlich kein Kurzgeschichten- und/oder Essayleser, auch die neuste Veröffentlichung angeschafft. Natürlich war ich schon etwas sensibilisiert bzgl. irgendwelcher “Vogelgeschichten”, von denen laut der einen Rezension so viel die Rede war und, ja, leider es stimmt. Herr Franzen ist wohl so etwas wie ein begüterter Hobby-Ornithologe, der nebenher genug Geld und Zeit hat, sich auch die exotischeren Arten mal vor die Linse zu holen (in der Natur versteht sich). Dafür fährt er auch mal alleine auf eine winzige, quasi unbewohnte Insel oder engagiert sich zum Schutz seiner gefiederten Freunde auf Zypern und Malta. Ehrlich gesagt: ziemlich langweilig, nicht mein Fall, löblich (also der Schutz, nicht das Beobachten), aber für mich ohne Mehrwert.
ABER einen Essayband liest man eh nicht von vorn bis hinten, man wählt die Texte aus, die einem zusagen, liest einzelne an, überspringt, kehrt zurück und sortiert aus. Und was ich mir da gefiltert habe rangiert zwischen brillant und sehr gut. Jonathan weiß zu schreiben, zu erzählen und, klingt komisch, zu vermitteln. Auf die einsame Insel zum Vögel beobachten nimmt er mit? Robinson Crusoe! Muss ich also auch lesen. Er schreibt über schwedische Krimis, mag ich nicht, aber Endstation für neun, bilde ich mir jetzt ein lesen zu müssen, ebenso mehr von seinem Freund David Foster Wallace, Der Mann der seine Kinder liebte von Christina Stead oder die Kurzgeschichten von Alice Munro, außerdem will ich Frühlings Erwachen wiederlesen.
Mit am besten haben mir aber seine Alltagsbeobachtungen z.B in “I just called to say I love you” (Zitat hier) gefallen.

Franzen lässt einen also teilhaben an ganz verschiedenen Facetten seines Lebens und seiner Gedanken und der Leser darf sich die für ihn interessanten herauspicken (eine richtige Vogelmethapher), zu seinem Leben gehört eben auch der Schutz und das Beobachten von Vögeln, wem das nicht passt, lässt es weg, denn der Rest ist richtig gut!

Weiter weg:Essays von Jonathan Franzen
Rowohl, 19,95 € 978-3498021320

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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