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Rezension: Tiere essen

30157996N.jpgIch esse gerne Fleisch, Jonathan Safran Foer eigentlich auch – bis er sich, anlässlich der Geburt seines Sohnes, auf die Suche begibt. Er will hinter die Zäune sehen, er will in die Fabriken sehen, in denen Tiere geboren, großgezogen und geschlachtet werden und die Leute treffen und interviewen, die dies als Beruf machen. Er ist nicht als Kampf-Veganer auf die Welt gekommen und will so weit wie möglich objektiv bleiben und das ist der Punkt der das Buch nicht nur glaubhaft, sondern GUT macht.

Das Buch ist locker, episodenhaft aufgebaut, mit Spielereien, die man von ihm bspw auch aus “Extrem laut und unglaublich nah” kennt. So ist ein Teil wie ein Lexikon aufgebaut, es gibt Interviews, einfach Beschreibungen, eingeschobene Essays von Ökos, Vegetariern, Großbauern etc. pp.
Er lässt alle zu Wort kommen auch wenn jeder weiß wie es ausgeht, denn jeder am Alltag halbwegsteilnehmende Mensch kann inzwischen die Augen nicht mehr davor verschließen. Es geht gar nicht unbedingt, dass die Tiere grausam geschlachtet werden (das natürlich auch, inklusive der Fehler, die bei industrieller Tötung passieren können), sondern auch dass ihr ganzes Leben eine Aneinanderreihung von Demütigungen, Krankheit und Leid sind. Dabei will der Autor uns nicht unbedingt zu Vegetariern machen, auch wenn er sehr gute Argumente dafür hat, sondern will ein Umdenken fördern: man soll die Herkunft des Fleisches, der Eier und der Milch hinterfragen und sich bewusst machen, dass dafür ein Tier sein Leben lassen musste bzw. was es für ein Leben dafür führt. Aber diese Entscheidung lässt Foer dem Leser offen und das unterscheidet ihn von den Aufrufen: “Du musst, Du darfst nicht, Du handelst falsch – DU bist ein schlechter Mensch” –wegsehen fällt so schwerer, weil man sich auf Grund seines “Sapere aude” sich tatsächlich dabei erwischt nachzudenken.

Natürlich gibt es auch bei Bestseller Autoren Stellen in einem Faktenbuch, die holprig sind, weil die Daten übermächtig werden, trotzdem zeichnet sich das Buch durch eine flüssige Sprache aus und wird durch den Wechsel Foers Erzählmethodik aufgelockert.

Die Lektüre ist eigentlich Pflicht für den bekennenden Fleisch(fr)esser, auch, und gerade, weil die meisten trotz des allgegenwärtigen Wissens, dieses zurückdrängen um ohne Schuldgefühle weiter die billigen Würstchen aus dem Discounter zu grillen. Foer hält uns allen den Spiegel vor und hinterfragt unser Gewissen, ohne Zeigefinger und Tadel – den muss jeder für sich selbst entdecken.

Die von Foer empfohlene Dokumentation “Meet your meat” wird scheinbar auf YouTube immer wieder entfernt. Habe nur eine Version in schlechter Qualität gesehen – aber Vorsicht, lustig ist das nicht, Wurstbrötchen vorher essen!

Tiere essen von Jonathan Safran Foer
Fischer Taschenbuch 3596188792
9,99 €

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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