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Lügen in Zeiten des Krieges

Das Werk eines Spätberufenen. Louis Begley ist zwar Jahrgang ‘33, aber erst ‘91 mit 58 Jahren veröffentlichte er seinen Erstling “Lügen in Zeiten des Krieges”. Der nach dem 2. Weltkrieg in die USA emigrierte Pole studierte dort in Harvard Jura und ist auch heute noch als Jurist tätig. (Sein Buch “Schmidt” wurde als “About Schmidt” sehr anrührend mit Jack Nicholson verfilmt.)

10840053nLügen in Zeiten des Krieges ist nicht nur Begleys Erstling, sondern auch autobiographisch. Er schildert seine Kindheit in Polen durch sein alter ego Maciek, der, anders als Begley, als Halbweise mitten im Zweiten Weltkrieg aufwächst; seine Mutter früh verstorben, sein Vater, wie Begleys, als Arzt von den Russen zum Kriegsdienst eingezogen, lebt der junge Maciek inmitten seiner begüterten Familie, bestehend aus den Großeltern und seiner Tante, mit Hausangestellten und Kindermädchen im großbürgerlichen Refugium. Doch nachdem die Deutschen in Russland einfallen, die Judenverfolgung in Polen immer drastischer wird und Macieks Familie die ersten Auswüchse davon erlebt, werden sie vorsichtiger. Die geliebte Kinderfrau Zosia darf nicht mehr bei Juden arbeiten und wird von ihrem Vater abgeholt, letztes Aufbegehren der Familie gegen dessen Beleidigungen zeigen aber deutlich die gewandelte Stimmung im Land. Nachdem die SS das Haus der Familie requiriert hat, müssen diese sich eine Wohnung mit einer anderen Familie teilen und haben schließlich das Glück durch einen Freund der Tante Maciecks vor der Deportation der Juden gewarnt zu werden und mit dieser fliehen zu können. Doch nun beginnt eine lange Zeit von Entbehrungen, immer neuen Versuchen sich vor der Verfolgung und der Deportation zu retten.

In letzter Zeit habe ich wirklich viele Bücher aus den verschiedensten Perspektiven über die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs gelesen. Auch wenn, und insoweit sind wir ja z.B. der Generation unserer Eltern voraus, die meisten jungen Menschen nicht nur über Daten und Fakten der Judenverfolgung und anderer Greultaten der Nazis im Bilde sind, sondern auch Einzelschicksale kennen, berührt auch den Aufgeklärtesten dieses Buch. Wenn auch Kindheitserinnerung aus dieser Zeit ebenfalls wie Fronterfahrungen, Berichte aus dem KZ oder Reporte über den Alltag in Nazi-Deutschland “Standard” sind, hier wird die Perspektiv dahingehend verschoben, dass ein Kind aus dessen Sicht berichtet, nicht ein Erwachsener über die Sicht eines Kindes. Die Sorgen und Nöte, aber auch Wünsche und Hoffnungen, eines kleinen Jungen auf der Flucht vor einem unbekannten Feind, einem Feind dessen Hass auf einen selbst er nicht nachvollziehen kann und die Unsicherheit auf welcher Seite man gerade steht, wer eben in die Kategorien Gut und Böse gehört, berichtet der kleine Erzähler uns. Er muss aufwachsen, lernen und lieben auf der Flucht immer neuen Gefahren ausgesetzt und ohne festen Familienverband, nur die Tante ist ihm am Ende geblieben. Und auch wenn man inzwischen, ob der tausendfachen Auf-/Bearbeitung der Einzelschicksale abwinken mag über die hundertste Schilderung bekannter Ereignisse, erschüttert das Leben eines kleinen Jungen, der völlig hilflos und ohne zu Wissen wie ihm geschieht in Vertreibung und Hass des Krieges und dort, nicht nur sprichwörtlich, zwischen die Fronten gerät.

Mögen diese Schilderungen als Mahnung immer wieder hervorgeholt und wiedergelesen werden! Man kann nur spekulieren, warum Begley so lange gewartet hat bis er seine Erinnerungen niederschrieb.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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