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Im Westen nichts Neues

Ich brüte schon fast zwei Wochen an der Aufgabe eine Rezension über dieses Buch zu schreiben, habe fast ein bisschen Angst davor. Bereits während des Lesens sind mir tausend Gedanken durch den Kopf geschossen, ich habe mir viel im Text markiert, Seiten geknickt und angestrichen.

Diese Rezension ist eher ein Versuch, dieses Buch irgendwie zu fassen.

Der 19-Jährige Paul Bäumer hat sich mit seinen Klassenkameraden freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und liegt mit ihnen an der Westfront. Episodenartig werden deren Erlebnisse aus dem Krieg erzählt: Der Besuch im Lazarett bei einem ehemaligen Klassenkameraden, der schwer verwundet, ein Bein amputiert, bereits erkennbar im Sterben liegt. Die Freunde und Kameraden kümmern sich so gut es gehen um ihn, lassen ihm Morphium spritzen, einigen sich aber intern bereits über den neuen Besitzer seiner Stiefel. Paul erinnert sich an seinen sterbenden Freund als Schuljungen und daran, dass in der Uniform eigentlich immer noch dieser Schuljunge steckt.

“Da liegt er nun, weshalb nur? Man sollte die ganze Welt an diesem Bette vorüberführen und sagen:  Das ist Franz Kemmerich, neunzehneinhalb Jahre alt, er will nicht sterben. Lasst ihn nicht sterben!”

Paul berichtet vom militärischen Drill, der Schikane des Unteroffiziers Himmelstoß und wie dieser beispielsweise den “Kindersoldaten” die Bettnässerei abgewöhnen wollte. Er und seine Freunde machen sich in den Schützengräbern Gedanken über ein mögliches Leben nach dem Krieg und realisieren, dass die Schulausbildung sie nicht im entferntesten auf den Krieg vorbereitet hat, ein “normales” Leben und eine Integration in die Gesellschaft erscheint ihnen unvorstellbar – sie erkennen ihre Zukunft als die verlorene Generation.

“Wie kann man das [ihre Bildung, Schulzeit und das geregelte bürgerliche Leben] ernst nehmen, wenn man hier draußen gewesen ist,.”

Paul hat an der Front eine innige Freundschaft mit Kat geschlossen, der für ihn eine Art Ersatzvater darstellt und als Lebenskünstler die jungen Soldaten immer wieder mit Zerstreuung und Essen versorgt. Immer wieder folgt die Schilderung von Kampfeinsätzen: Artilleriefeuer, Giftgasangriffe und Maschinengewehrfeuer.

Paul bekommt Heimaturlaub und findet sich zu Hause nicht mehr zu recht. Er ist unfähig über seine Erlebnisse zu sprechen und verharmlost diese, vor allem vor seiner krebskranken Mutter. Er wird als Frontsoldat zwar anerkannt und auch bewundert, doch ist das Bild der Bevölkerung in der Heimat von den Verhältnissen an der Front völlig falsch und viel zu harmlos, Paul unternimmt allerdings auch gegenüber anderen Erwachsenen keine Aufklärungsversuche.

“Ich finde mich hier nicht mehr zurecht, es ist eine fremde Welt.”

Bei einem Besuch in einer Kaserne begegnet er seinem Freund Mittelstaed, der ihren alten Lehrer ebenso quält wie dieser ihn zu Schulzeiten. Es wird klar, dass im Krieg alle hergebrachten Verhältnisse aufgebrochen werden: so werden die Schüler die Vorgesetzen ihrer Lehrer und Paul nimmt “väterlich” auf seine Mutter Rücksicht.

“Warum muss ich immer der Stärkere und Gefasstere sein, ich möchte doch auch einmal weinen und getröstet werden, ich bin doch wirklich nicht viel mehr als ein Kind […]”

Zurück an der Front gerät er in einen heftigen Angriff, vor dem er sich in einen Bombentrichter rettet und hier in Todesangst einen ebenfalls schutzsuchenden Franzosen erdolcht. Nicht zusammenzufassen sind seine Vorwürfe und seine Gedanken:

“Kamerad, ich wollte dich nicht töten. Sprängst du noch einmal hier hinein, ich täte es nicht, wenn auch du vernünftig wärest. Aber du warst mir vorher nur ein Gedanke, eine Kombination, die in meinem Gehirn lebte und einen Entschluss hervorrief – diese Kombination habe ich erstochen. Jetzt sehe ich erst, dass du ein Mensch bist wie ich. Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen – jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame. Vergib mir, Kamerad! Wir sehen es immer zu spät. Warum sagt man uns nicht immer wieder, dass ihr ebenso arme Hunde seid wie wir, dass eure Mütter sich ebenso ängstigen wie unsere und dass wir die gleiche Furcht vor dem Tode haben und das gleiche Sterben und den gleichen Schmerz –. Vergib mir, Kamerad, wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen und diese Uniform fortwerfen, könntest du ebenso mein Bruder sein wie Kat und Albert. Nimm zwanzig Jahre von mir, Kamerad, und stehe auf – nimm mehr denn ich weiß nicht, was ich damit beginnen soll.”

Zum Ende sterben wie im Zeitraffer alle Freunde Pauls, nach seiner Verwundung und Genesung im Lazarett, kommt dieser wieder an die Front und wird kurz vor dem Ende des Krieges ebenfalls getötet.

Niemand wird heute tatsächlich den Krieg noch glorifizieren wollen oder gar gutheißen, allzu sehr sind auch wir, die wir nie einen Krieg im eigenen Land erlebt haben, durch unsere Geschichte geprägt. Selbstverständlich dürfte auch jedem halbwegs aufmerksamen Menschen die Absurdität und Grausamkeit desselben einleuchten. Jedoch werde ich von nackten Zahlen und verallgemeinerten Beschreibungen nicht so berührt, wie das die individualisierten Erlebnisse des Paul Bäumers vermochten. Das Schicksal des von Pauls Hand getöteten Franzosen nahm mich mehr mit als die unvorstellbaren der fast 17 Millionen, einfach weil es so ein Gesicht bekam. Die Erinnerungen und Erlebnisse von Paul schildert dieser aber nicht um zu berühren, sondern eigentlich distanziert, die Emotionen sind, wenn, nur die eigenen. Er ist durch den Krieg gezwungen worden, auch wenn er sich freiwillig gemeldet hat, erwachsen zu werden bzw. zu sein; fast väterlich betrachtet er neue Rekruten. Doch hin und wieder realisiert er, dass er eigentlich noch ein Kind ist.

Kein Wort ist hier zu viel, schonungslos wird die Realität des Krieges dargestellt, eine Essenz des Krieges entsteht.

Bereits von den ersten zwanzig Seiten war ich wie gebannt, obwohl keine Spannung im eigentlichen Sinn entsteht und Paul zwangsläufig am Ende sein Leben lässt, lässt einen das Buch nicht los. Die Sprache Remarques ist klar und eben schonungslos. Die Verzweiflung einer ganzen Generation auf knapp zweihundert Seiten:

“Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen zu Hunderttausenden existieren.”

Zu Weihnachten sollte ich mir eigentlich eine ganze Kiste dieses Buches bestellen und allen, die dieses Buch noch nicht kennen ein Exemplar schenken.

Absolute Leseempfehlung und ein neues Lieblingsbuch!

Paul abschließend über die verlorene Generation:

“Wären wir 1916 heimgekommen, wir hätten aus dem Schmerz und der Stärke unserer Erlebnisse einen Sturm entfesselt. Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen,ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können”

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

2s Kommentare

  1. […] in einer klaren, direkten Sprache, die sich aber in sehr viel detailreicheren Sätzen als z.B. in “Im Westen nichts Neues” niederschlägt. Die Liebesgeschichte der beiden ist sehr modern und zu keinem Zeitpunkt kitschig, […]

  2. […] sollte dies unbedingt nachholen und natürlich die beiden von mir besprochenen Remarque Bücher (Im Westen nichts Neues und Die Nacht von Lissabon) lesen, aber vorsicht: Man könnte nachdenklich […]

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