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Die Manon Lescaut von Turdej

Zum Verständnis vorneweg, denn diese Information musste ich mir auch erst anlesen:
Die Manon Lescaut ist eine klassische Frauenfigur die bereits mannigfach verfilmt, vertont (u.a. Puccini), auf die Bühne gebracht (Sternheim) und immer wieder als feststehender Begriff in der Literatur gebraucht wird (z.B. von Turgenev). Sie steht, soweit ich das zu überblicken vermag, für eine Frau, der die Männer scharenweise verfallen, die diese aber auch durch ihren Wankelmut und ihren Leichtsinn (mit sich) ins Verderben reißt; soweit das Nachwort uns lehrt für „Liebe, Schönheit, Verrat und Unglück“.

Die Manon von Lescaut von Turdej ist ein erst vor kurzer Zeit wiederentdeckter Text von Wsewolod Petrow, der eigentlich Kunsthistoriker war, der im Feuilleton  frenetisch gefeiert wurde. Ich lasse mich leicht verführen, gerade durch Euphorie, habe also zugeschlagen, gelesen und nun kritisiere ich.

Bei dem Buch handelt es sich nur um ein schmales Heftchen von 90 Seiten (Nachwort etc. nicht mitgerechnet), ist also auch entsprechend schnell gelesen:
In einem Lazarettzug verliebt sich ein junger, intellektueller Offizier in die Krankenschwester Vera, die seine Manon Lescaut werden soll. Sie betrügt ihn mannigfach, er ist unglücklich und von diffusen Ängsten gepeinigt.
Während ihrer Affäre stehen die Insassen des Zuges für die bürgerliche Gesellschaft, die sehr unterschiedlich auf die Liason der beiden reagiert. Die oben zitierten vier Begriffe, die das Nachwort für Manon findet, skizzieren die Geschichte und lassen deren Verlauf erahnen.
Viel weiter will ich auch gar nicht den Inhalt vorweg nehmen.

Ja: es handelt sich um eine schöne Liebesnovelle, eine leichte Geschichte, die gerade in ihrem Kontext (siehe Link oben) bezaubert und ich bin eigentlich grundsätzlich jemand, der in seine Lektüre auch diese Details einfließen lässt, aber
Nein: es handelt sich nicht um ein „Juwel der Weltliteratur“ (FAZ)! „Kleinod der russischen Literatur“ (Süddeutsche) lasse ich mir schon eher gefallen, aber leider wird die Novelle so sehr überhöht, dass mir dies die Lektüre schon wieder etwas vermiest. Den überschwenglichen Gazetten setzt nur noch das Nachwort die Krone auf.
Zudem, und ich habe extra ein Kategorie „Schöne Bücher„, finde ich 16,90 € für 90 Seiten heftig. Für „asketisch-edle“ (FAZ) Ausgaben bin ich gerne bereit Geld auszugeben, aber doch bitte im Rahmen, auch wenn ich zwei Augen, auf Grund des kleinen Verlages, zuzudrücken vermag.

Für den Interessierten durchaus empfehlenswert, gerade für Freunde der Gattung Novelle. Für andere würde ich jetzt sagen wartet auf die Taschenbuchausgabe, aber ist es ja schon.

Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow
Weidle Verlag 3938803487
16,90 €

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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