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Das dreizehnte Kapitel

walser_13_kapitel-183x300_thumb.jpgDer Bestsellerautor Basil Schlupp ist zusammen mit seiner Frau auf eine Abendveranstaltung beim Bundespräsidenten geladen, die dieser zu Ehren des Geburtstags eines hochdekorierten Wissenschaftlers gibt. Er sitzt mit der First Lady zusammen an einem der vielen Runden Tische, die bemüht ist Konversation zu betreiben. Mit am Tisch sitzt auch die Frau des Geehrten. Der Abend geht an Basil vorbei, so fasziniert ist er von dieser Maja Schneilin und daher schreibt er ihr wenige Tage später einen Brief. Die Korrespondenz der beiden beginnt.

Ihre Briefe sind geprägt von seinem Überschwang und ihrer Zurückhaltung, doch der Leser merkt schnell, dass die beiden sich annähern und sich “etwas” zwischen ihnen entwickelt. Immer mehr gestehen sie dem Gegenüber Szenen ihrer Ehen, stets darum bemüht zu betonen wie glücklich sie doch sind, aber auch mit niemand anderem darüber sprechen zu können. Gekränkt von einem eitlem Interview des Schriftstellers bricht Maja den Kontakt ohne Vorwarnung oder Ankündigung ab und es folgen viele weinerliche Briefe ohne Antwort. Als Korbinian Schneilin schwer erkrankt, begibt sich seine Frau mit ihm auf eine Radtour durch den Norden Amerikas, der Kontakt wird, nun von ihr einseitig, wieder aufgenommen und sie schildert ihre Erlebnisse.

An dieser Stelle breche ich die Inhaltsangabe ab, damit sich für euch die Lektüre (theoretisch) noch lohnt. Insgesamt wird die ganze Geschichte schon auf dem Klappentext verraten. Mich hat das neue Buch von Martin Walser trotzdem gereizt; Briefromane lesen ist voyeuristisch, die Neugier am Privaten anderer. Klar ist hier aber schnell, dass die Story an sich, bereits vorweggenommen, nicht viel hergibt, das (nicht nur von mir) Verratene lässt nicht vermuten, dass die beiden Durchbrennen und eine Würstchenbude auf Fidschi eröffnen, daher brauchen wir schöne Briefe damit sich das Lesen lohnt.

Problem: dieser Basil Schlupp ist ein schrecklich weinerliches Weichei. Nicht im romantischen Sinne, nicht sensibel oder empfindsam, sondern er benimmt sich teilweise wie ein 15-Jähriger, dem die im Chat kennengelernte Geliebte nicht mehr antwortet. Gut, dass Maja ihn immer wieder mit ihrer bodenständigen Art auf ebendiesen zurückholt. Kurze Ausflüge in die Welt für Theologie, für die Frau Schneilin Professorin ist, und Philosophie dienen scheinbar eher dazu das Wissen Herrn Walsers zu demonstrieren, als dass es einen direkten Bezug zur Geschichte aufweist – nein schlimmer, es ist leider nur belehrend. Die Briefe haben ihre schönen, lyrischen Momente, aber irgendwie schreiben beide etwas plump, mit dem Anstrich des Intellektuellen. Die Pseudorechtfertigung mit dem ständigen Hinweis auf den heißgeliebten jeweiligen Ehepartner stört.

Dabei gibt es so gute Momente: einfach Beobachtungen und Feststellungen, die den Nagel auf den Kopf treffen.

“Ich, im Aufsteigen: Die hätte ich fotografieren sollen! Korbinian, der, wenn er mit Ludwig tourte, Tat und Nacht knipste und drehte, überlässt jetzt das Fotografieren mir. Entweder es ist in uns, oder es ist nicht, sagt er jetzt.”

Entweder es ist in uns, oder es ist nicht, sagt er jetzt. Das muss man sich, in Zeiten des ständig Knipsens, mal auf der Zunge zergehen lassen. Jeder Moment wird versucht zu bannen, statt ihn einfach in sich aufzunehmen. Man kann bei YouTube jedes beliebige Lied suchen und man bekommt verwackelte Videos von Handykameras, auf denen man nur das Publikum johlen hört, die dann nicht mal komplett sind.

“Prostratio heißt das in Ihrem Kirchenlatein. Sie sind eben doch ein Katholik! Durch und durch! Das haben Sie intus, das Sich-nieder-Werfen der ganzen Länge nach mit ausgestreckten Armen! Karfreitagsliturgie. Die wir nicht ohne Neid zu Kenntnis nehmen.”

Einfach ein passendes Bild. Jeder merkt, dass die verärgerte Maja dem eitlen, weinerlichen Basil nach seinem Interview eins reinwürgen will.

Diese Beobachten retten das Buch mit seiner alles in allem doch überzogenen Story, fast schon unglaubwürdigen Geschichte (ach was: unglaubwürdig), die hinzunehmen wäre in Schmachtfetzen oder in entsprechender Verpackung, aber eben nicht so.

Wäre Maja Schneilin nicht gewesen, hätte ich das Buch nicht beenden können. Lichtblicke reichen nicht für ein großes Buch; manchmal nicht mal für ein gutes.

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“Ich bin wie die Sonne, es genügt, daß ich scheine.” Vielleicht sollte Walser Aphoristiker werden.

Rückseite von Walsers “Augenblick der Liebe”

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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