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Pressestimme für die 2. Auflage

Es gab da diesen Kerl, der bei mir im Blog kommentierte, ausführlich und klug. Also statte ich ihm einen Gegenbesuch ab und lernte Konrad Geyer kennen. Konrad wohnt im Süden Marokkos in einem Wohnwagen. Ausgestattet mit einem kleinen Erbe will er dort schreiben bis dieses aufgebraucht ist. Sein letzter Versuch, nach mehreren gescheiterten, ein Schriftsteller zu werden. Sein Leben und Schaffen beschreibt er nebenher im Blog.

Konrad kritisiert Thor Kunkel und eine Dame mit dem falschgeschriebenen Namen einer Hamburger Literaturprofessorin streitet sich daher mit ihm, Burkhard Spinnen (bis letztes Jahr Vorsitzender der Jury beim Bachmannpreis) antwortet persönlich (?) auf von Konrad veröffentlichte Kritik, es geht heiß her hier, auch weil Konrad munter trollt. Ich kehre häufig wieder und lese gerne die bissigen Beiträge, ich mag Konrad, obwohl er ein schwieriger Typ zu sein scheint.

Konrad Geyer ist Wolf Schmid

Aber dieser Konrad existiert gar nicht, schreibt mir Wolf Schmid als ich Konrad bitte bei Wie liest Du teilzunehmen. KG ist das Heteronym von WS. Ob ich denn seinen, Wolfs, Debütroman bei Erscheinen rezensieren wolle, fragt er. Ich schlucke den Schreck über Konrads Tod und Wolfs Leben hinunter und sage zu. Denn es gibt keine moralischen Bedenken für mich Wolfs Roman zu besprechen, ich kenne den Mann ja nicht, bin in meinem Urteil also völlig unvoreingenommen. Die Tatsache, dass Pedalpilot Doppel-Zwo einen merkwürdigen (im Sinne von komischen, im Sinne von irgendwie doofen) Titel hat und als erstes Buch überhaupt im Liesmich Verlag (was ist denn das für ein merkwürdiger Name?!) erscheint, würde mich normalerweise abschrecken, aber das bin ich Konrad schuldig, denke ich.

PEDALPILOT-COVER-Finale1-425x595Doch Ende des letzten Jahres erreicht mich ein handwerklich schön gearbeitetes Buch in Klappenbroschur, innerhalb des Umschlags findet sich eine Karte der Hamburger Innenstadt, das Cover ist schlicht-elegant-hübsch. Ein positiver Ersteindruck, hatte ich doch irgendwas in gedruckter Selfpublisher-Richtung erwartet, nur das Lesen muss noch warten. Zugegeben habe ich etwas, nicht Angst, aber Skepsis, dem Buch gegenüber. Fiktive (?) Stimmen von Fahrradkurieren auf dem Rücken preisen die Lektüre zwar an, doch was gebe ich auf deren Meinung, vor allem, wenn einer davon direkt zugibt eigentlich keine Bücher zu lesen. “Ein skurriler Roman über Fahrradkuriere in Hamburg..” – auf was habe ich mich da nur eingelassen. Also schiebe ich und schiebe, Wolf fragt inzwischen nach, ob das Buch denn überhaupt angekommen ist: ist es, ist es, liegt aber bis jetzt nur drohend neben meinem Bett.

Was soll ich diesem Mann sagen, der inzwischen auch auf 54stories einen Text veröffentlicht hat, den ich gar nicht übel, sondern ziemlich gut finde: Moin Wolf, irgendwie mag ich Dein Buch nicht lesen, Fahrradkuriere interessieren mich nicht, weiß nicht ob ich das mögen kann und Dir dann sagen, dass ich es nicht mag.

Dann aber liege ich im Bett und bin nicht müde, habe das letzte Buch abgeschlossen und beschließe in Pedalpilot Doppel-Zwo reinzulesen, schaden kann und wird es nicht. Eher kann ich einen Abbruch als gar keinen Anfang rechtfertigen. (Was gräme ich mich eigentlich so, kann mir doch egal sein, wenn mir sympathische Leute schlechte Bücher schreiben?)

Lieber ein Abbruch als kein Anfang

Fahrradkuriere, Titel, unbekannter Autor, unbekannter Verlag – alles egal, 50 Seiten später bin ich noch nicht müde, es tritt ein was ich nicht für möglich hielt, ich lese dieses Buch und eine Last fällt von mir, denn es ist gut! In einem Rutsch, nur durchbrochen von Schlaf und Arbeit, lese ich Pedalpilot Doppel-Zwo.

Walter bat ihn zu warten, packte einen letzten Karton auf die Karre, schloss den linken Türflügel und fragte Thommy, ob er denn schon einmal in Hamburg gewesen war. “Selbstverständlich. Beim König der Löwen. Muss man gesehen haben”, sagte Thommy und verpasste dem Türflügel einen Stoß.

Walter ist Paketfahrer und nie aus dem kleinen Ort der Schwäbischen Alb herausgekommen, seine Frau ist auf der Suche nach Freiheit und Geld mit einem schmierigen Vertretertypen durchgebrannt und sein Sohn schlägt sich in Hamburg durch. Als er in Rente geht, will er diesen endlich mal in Hamburg besuchen. Doch Vater will eigentlich gar nicht in Rente, schon gar nicht verreisen, er ist scheu, etwas feige und eigenbrödlerisch und der Sohn Johannes will an sich keinen Besuch, will dem Vater und sich sein auf der Stelletreten nicht eingestehen. Statt Höhenflügen in der Großstadt hält er sich immer noch als Fahrradkurier über Wasser, träumt wie der Vater von der Liebe einer seiner Kundinnen.

Doch just in der Zeit in der Walter Johannes besucht, hat dieser einen Fahrradunfall und Vater muss einspringen, um dem Filius den Job und die Existenz zu erhalten. Die Voraussetzungen eines Rentners ohne Ortskenntnisse, ohne wirkliche Einarbeitungszeit sind denkbar schlecht doch Walter schlägt sich beachtlich und er verdient sich Stück für Stück den Respekt von Kollegen und Konkurrenz, während Vater und Sohn sich das erste Mal seit Jahren wieder annähern und beider Leben Struktur erhält. Und dann ist da noch Maga, die Schönheit vom Empfangstresen des chicen Büros in der Innenstadt, die sich noch ziert mit Johannes eine Beziehung einzugehen.

Parallelen

Ganz anders als vermutet, finde ich in Pedalpilot Doppel-Zwo sehr viele Stellen mit persönlichem Bezug. Während meines Zivildienstes habe ich viel Tommy Jaud und Oliver Uschmann gelesen, leichte Unterhaltung mit Humor und männlichen Hauptfiguren mit Lebens- und Frauenproblemen, einer meiner Kollege war ehemaliger Fahrradkurier. Zwar bin ich noch nicht in dem Alter, in dem ich mich unbedingt wieder jung fühlen will, aber diese kleine Zeitreise gefällt mir. Dazu kommt für den Neu-Hanseaten Walters Entdeckungstour durch die Stadt mit Punkten zum Abhaken: Johannes wohnt in den Grindelhochhäusern, dort habe ich mir eine Wohnung angesehen, am Neuen Wall werden Sendungen abgeliefert, ich arbeite um die Ecke, im Bunker war ich erst gestern. Der Hamburger erkennt seine Stadt, ohne dass dies regionalkrimiesk mit dem Holzhammer eingearbeitet worden wäre.

Wolf schreibt locker, unterhaltsam und doch nicht oberflächlich. Die beiden Protagonisten sind sympathisch und ihre Geschichte solide konstruiert. Vielleicht ist es etwas zu offensichtlich, dass Vater und Sohn eine Logistikerfamilie sind, vielleicht ist Pedalpilot in manchen Stellen etwas zu vorhersehbar, aber dann gibt es wieder  Bilder wie  den Pacman spielenden Kurier auf der Suche nach der besten Route. Die Sprache Schmids ist insgesamt fast etwas zu gut für einen “bloßen” Unterhaltungsroman, denn dieser Debütant kann schreiben. Wolf ist Tommy Jaud in gut!

Was kann ich ihm und seinem Buch außer diesem vorwerfen? Zu kleine Schrift im Blog und einen komischen Titel, aber Pedalpilot Doppel-Zwo hat mir richtig Spaß gemacht und ich würde mich freuen, wenn das Buch trotz Debüt-Autor und -Verlag mehr Leser findet.

Seien wir großzügig, denn die Sendung erreichte mich noch 2014, für mich sind Wolf und sein Pedalpilot die Überraschung des Jahres! Dies ist keine fiktive Pressestimme; schreibt doch einfach “Tommy Jaud in gut” auf die Rückseite der zweiten Auflage. Marokko oder nicht, echte Kommentare im Kommentarblog oder nicht, Wolf, Konrad, Ihr bist ein Schriftsteller, endlich!

[Den Titel gibt es leider nicht bei ocelot. Dieses Buch ist das einzige, das ihr bei amazon bestellen dürft oder direkt beim Verlag.]

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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