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Witwe im Wahn – Das Leben der Alma Mahler-Werfel

Alma (Schindler-)Mahler-(Gropius-)Werfel(-Kokoschka) hatte sie alle. Die Liste ihrer Liebhaber liest sich tatsächlich wie das Who-is-who der großen Künstler, Architekten, Musiker und Literaten.
Die Dame lief mir das erste Mal in der Autobiographie von Elias Canetti über den Weg, nicht unbedingt als sympathische Zeitgenossin geschildert. Doch, und das muss man ihr lassen, und lassen ihr eigentlich auch die Angewiderten, alle, ihr Leben liest sich wie ein Panoptikum der Zeit kurz vor dem ersten Weltkriegs bis zum Ende des zweiten. Daher steht ihr Buch “Mein Leben” schon länger bei mir auf er Wunschliste und, Glück gehabt, ich habe es bis jetzt weder gelesen, noch gekauft. Als ich es in den virtuellen Einkaufswagen gelegt hatte, habe ich vor der Bestellung quergelesen  und wurde auf die, sehr gut bewertete, Biographie von Oliver Hilmes aufmerksam. Ein absoluter Glückgriff!

Es ist schwierig mich richtig für eine Biographie zu begeistern. Aber Herr Hilmes, Hut ab, das ist die beste Biographie die ich (je?, zumindest seit langem!) gelesen habe (Autobiographien ausgenommen!). Bereits das Vorwort hat mich gefesselt. Nicht aber weil es den Mund mit Andeutungen wässrig gemacht hätte, sondern weil es ehrlich war. Hilmes beschreibt seine Quellenarbeit, die Schwierigkeiten die Biographie einer Frau zu schreiben, die ihr ganzes Leben lang, selbst ihr Geschichte ins rechte Licht zu rücken versucht hat, aber er lässt, trotz der teilweise heftigen Ausbrüche Almas in ihren Tagebüchern, Gnade walten: “Doch ehe man sich moralisch darüber [über die Tagebucheintragungen]erhebt, sollte man bedenken, was wir zu lesen bekämen, wenn wir selber mit der gleichen Ehrlichkeit, Rückhaltlosigkeit, ja Rücksichtslosigkeit wie Alma zu Papier brächten, was wir wirklich denken und fühlen. [..] Dem Tagebuch vertraut man ja gerade solche Dinge an, über die man sonst zu keinem Menschen  sprechen kann, darf oder will.”

7a0b6564-eb8c-4e45-b199-03d1d08d09f4_thumb.jpgGroßes Plus (für mich): ihre Kindheit und Jugend wird kurz und knapp auf ca. 40 Seiten, aber ohne, dass man Details vermissen würde, geschildert. Natürlich persönlicher Geschmack, aber ich will nicht über jedes Picknick der Schindlers am Bach und jede Schulstreiterei Almas Details lesen, sondern möglichst schnell an die Stellen, wo es (für den Nicht-Alma-Biographen) spannend wird.

Almas Leben ist ab der Ehe mit Gustav Mahler eine Aneinanderreihung von Events, Reisen, Konzerten, Salonbesuchen und Treffen mit den Geistesgrößen der Zeit: Bahr, Berg, Canetti, Feuchtwanger, Hauptmann, von Hofmannsthal, Kandinsky, Klimt, (Golo, Thomas, Katia, Klaus, Erika) Mann, Ravel, Remarque, Schnitzler, Schönberg, Strauss, Strawinsky, Zuckmayer u.v.a.m.
Erfrischend an Alma und ihrer teilweise sehr derben Art ist der Umstand, dass sie mit jedem dieser Menschen und den anderen die sie trifft, unglaublich ehrlich ist, böse, ironisch und zynisch charakterisiert und so wieder zu den Menschen macht, die auch diese nun einmal waren. Erschreckend dagegen Almas Antisemitismus, den sie sich bis ins hohe Alter bewahrt und der sich in heftigen verbalen Ausbrüchen niederschlägt.
Einzelne Lebensstationen Almas gebe ich hier nicht im Detail wieder, der interessierte Leser, wird sie kennen, bei Wikipedia in Kurzform nachlesen oder sich direkt das Buch bestellen, denn, und hierfür möchte ich den freigewordenen Raum nutzen, Oliver Hilmes schreibt großartig. Ohne allzu viel zu bewerten oder vorzuverurteilen, stellt er Almas Leben, aus den Primärquellen dar, lässt die Drastik dieser stehen um sie anschließend kritisch, aber objektiv, zu beurteilen, lässt dem Leser aber auch Raum für die eigene Meinung. Geht Alma wieder einmal zu hart mit einem der Erwähnten

ins Gericht, stellt er sich sogar schützend vor sie und verweist auf die Intimität der Tagebucheintragungen. Manche sprechen aber auch ohne Erläuterung für sich: “Ich habe eine große Freundschaft und Saufgenossenschaft [sic!] mit Remarque gefunden. Das ist wirklich ein Kerl und eine Erholung auf die Manns, Ludwigs, Feuchtwänglers. (So nannte man den Gnom nämlich in France)!”

Ich kann dieses Buch nicht genug loben, auch wenn mir die Figur Almas nicht unbedingt sympathischer geworden ist, denn vieles war sie, aber wohl nicht sympathisch. Eine Lektüre, die mitreißt, die erneut querlesen lässt und eine interessante Perspektive auf die Großen dieser Zeit erlaubt.
Absolute Leseempfehlung!

Gerne auch noch der Hinweise aus dem “Abspann” der Biographie auf diesen wundervollen Song von Tom Lehrer, der Almas Leben in drei Minuten zusammenfasst:

Oliver Hilmes
Witwe im Wahn – Das Leben der Alma Mahler-Werfel
btb-Verlag, 10 €
ISBN 978-3-442-73411-5

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Empfehlung?

Immer mal wieder taucht große Literatur, die vermisst, vergessen wurde oder auch nie bekannt war auf.
So ist jetzt eine Novelle von Wsewolod Petrow entdeckt worden: “Die Manon Lescaut von Turdej”. Alexander Cammann ist regelrecht euphorisch in seiner Besprechung und auch wenn 16 € für 120 Seiten erstmal recht happig erscheinen, wenn ein Protagonist Werther liest.. werde es wohl auf den Wunschzettel setzen (müssen).

Die Empfehlung habe ich aus der ZEIT und vorangestellt ist eine interessante Aufzählung wiederentdeckter Russen:

http://www.zeit.de/2013/04/Wsewolod-Petrow-Die-Manon-Lescaut-von-Turdej

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Der Dolch des Mörders unter der Robe des Juristen

170px-Bild_Buchtitel_Furchtbare_Juristen_2.gif.gifBereits vor Jahren wurde mir das Buch durch einen befreundeten Juristen empfohlen, der damals fast genau an meinem heutigen Punkt der Ausbildung stand. Unbedingt, meinte er, sollte man, gerade als junger Jurist, dieses Buch lesen, ja es zum Kanon der Ausbildung des Studenten der Rechtswissenschaften machen. Erschwert wurde dieses Vorhaben dadurch, dass besagtes Buch nicht mehr auf dem Markt ist. Aber statt verschiedene Antiquariate der Stadt mit einem konkreten Wunsch zu durchforsten, was durchaus erhebend sein kann, kommen diese, die Antiquariate und die Bücher, via Internet zu mir. Weiterlesen Der Dolch des Mörders unter der Robe des Juristen

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Album Rezension: Jake Bugg

Der kleine Kollege ist gut!
Gerade dem Kindesalter entsprungen schon der Stern am Pophimmel. Parallelen zu Bob Dylan, Paul Weller, Don McLean und anderen Songwriter Größen deutlich zu erkennen, bereits bei Noel Gallagher im Vorprogramm gewesen, ebenso bei einem Konzert der Stone Roses und bereits im Oktober Nummer 1 in den UK-Charts gewesen. Also eigentlich auch keine richtiger Geheimtipp mehr. Schon gar nicht da die ZEIT und der Spiegel ihm eine Karriere in Deutschland 2013 prophezeien, Geheimtipp geht anders. Trotzdem ist sein Album ersten letzten Donnerstag in Deutschland erschienen und war gestern in meinem Briefkasten.
Eine aufsässige Stimme, folkige Acoustic-Gitarre, spärliche Instrumentierung und für einen 18jährigen doch erstaunlich großmäulige Texte wie: Weiterlesen Album Rezension: Jake Bugg

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ZEIT online: Wochenmarkt oder Kommentare in Blogs

Auf der Seite der ZEIT fühle ich mich wohl! Es gibt nicht nur aktuelle Nachrichten, sondern hintergründige Informationen zu Kultur, Geschichte und Gesellschaft, aber auch kleinere Rubriken und z.B. auch Auszüge aus dem, sehr starken, ZEIT Magazin, u.a. die Rubrik “Wochenmarkt”. Hier werden in wöchentlicher Regelmäßigkeit Tipps und Rezepte zu Saisonalem gegeben. Auch innerhalb der ZEITeigenen Blogosphäre kann man viel entdecken. So bin ich zum Beispiel auch ein großer Freund des Rezeptorblogs, der “alltagstaugliche” Rezepte vorstellt, denn hin und wieder hat man eben nicht genug Zeit (Lust vielleicht doch) sich nach der Arbeit noch stundenlang in die Küche zu stellen. Weiterlesen ZEIT online: Wochenmarkt oder Kommentare in Blogs

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Rezensionen bei Amazon

Ich nutze gerne die Rezensionen bei Amazon um mich vor einem Kauf zu informieren. Häufig sind natürlich nicht alle hilfreich, aber gerade bei Artikeln die viel bewertet wurden, kann man doch einen gewissen Querschnitt herausfiltern und seiner Kaufentscheidung zu Grunde legen.
Besonders hilfreich sind daher Rezensionen wie:

“1 von 5 Sternen “Buch” (sic!)
Kann ich leider nicht bewerten habe es für eine Freundin gekauft und nur weiter gereicht.
Die Aufmachnung war aber gut gemacht.“

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Who I am

who-i-am-memoir-peter-townshend-hardcover-cover-art_thumb.jpgWir stellen zuerst einmal fest, dass der Titel nicht so richtig in das Klassikergenre passt und damit auch nicht unbedingt zu den zuvor rezensierten Büchern. Aber Grenzen gibt es hier sowieso nicht und nirgends steht geschrieben, dass ich nur Klassiker besprechen darf. Natürlich darf ich mein Blog-Profil nicht zu sehr aufweichen, aber vieles kann man doch auch einfach als Klassiker deklarieren. The Who: Klassiker der Rockmusik, Pete Townshend: Klassiker der Gitarristen. Weiter: Weiterlesen Who I am

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Die Kunst des Feldspiels

Manus zweite Rezension, die ich gerne erneut veröffentliche:

die-kunst-des-feldspiels_thumb.jpgHenry Skrimshander ist nicht aufzuhalten. Der hagere Junge mit dem Alles-Fangenden Arm, Werfer der präzisesten Bälle, ist das größte Talent, welches Mike Schwartz je gesehen hat – und er ist immerhin Captain der Baseballmannschaft des Westish College am Lake Michigan! Durch seinen Einfluss und sein Engagement wird Henry schnurstracks für Mannschaft und College rekrutiert – und nicht nur das: Er persönlich kümmert sich um den Neuling, trainiert ihn, motiviert ihn, formt aus ihm einen Modelathleten. Mike und Henry werden beste Freunde, unzertrennlich. Weiterlesen Die Kunst des Feldspiels

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Albumrezension: Friska Viljor

Durch Zufall bin ich auf die Band Friska Viljor aufmerksam geworden, die gerade ihr fünftes Album “Remember Our Name” veröffentlicht haben. Ohne mich vorher groß informiert zu haben, einfach den IndieIndieIndie-Tipps gefolgt und jetzt läuft die CD schon zum dritten Mal von vorne.

Klingt abgedroschen, doch jeder Song ist anders, nicht nur in der Instrumentierung, denn die Schweden verwenden nicht (nur) klassische Indie-Rock-Pop-Instrumente, sondern auch auch Mandolinen, Klarinetten und elektronische Beats, nicht nur in den Stimmungen von Rock, Pop, Folk, Tanzbarem bis hin zu klassischen Popohrwürmern, aber man erkennt doch immer wieder eine eigene spezielle Handschrift – und die hebt sich in ihrer Kreativität angenehm ab. Das wird wahrscheinlich am deutlichsten wenn man das Album immer und immer wieder laufen lässt, denn vor jedem Song freut man sich auf die nächste angenehme Sound-/Stimmungs-/Song-Überraschung.

Besonders erfreulich, dass man mir und meinen, bis hierhin noch unbekannten, Vorlieben entgegenkommt und Friska Viljor im Feburar in der Sputnikhalle sind. Karten werden gleich geordert, suche mir noch schnell eine Begleitung.

I will remember their names!

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