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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien „Es geht doch nicht um die Enten!“.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau „hin“, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

5s Kommentare

  1. Andobrando Andobrando

    Mr. 54 Books: wieder sehr schön geschrieben…. “ es geht doch nicht um die Enten“… macht Lust auf das Buch! BR

  2. OK – überzeugt, dann lese ich es jetzt doch 🙂

  3. Ich habe den „Fänger im Roggen“ zweimal gelesen. Beim ersten Mal habe ich gar nicht verstanden, was er ausdrücken will. Seit dem zweiten Mal finde ich das Buch aber wirklich sehr gelungen, weil die Orientierungslosigkeit und Lustlosigkeit dieses Jungen sehr schön eingefangen wird.

    Ich habe allerdings ein Problem mit so halbfiktionalen Texten, wie du ihn in diesem Beitrag besprichst. Bei einem Roman weiß ich, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt (in die natürlich viel Autobiografisches des Autors eingeflochten sein kann) und wenn ich über eine echte Persönlichkeit mehr wissen möchte, dann kaufe ich mir eben eine Biografie oder recherchiere. Bei solch einem Text wie hier verschwimmt allerdings beides und ich frage mich die ganze Lektüre lang, was nun stimmt und was nicht … Das zerstört für mich nicht nur den Lesegenuss sondern auch die „Lehre“, die ich normalerweise aus Büchern ziehe. Denn am Ende erzähl ich dann anderen vielleicht sogar noch vermeintliche Fakten über Salinger, die ich aus so einem Buch weiß, aber leider nur der Hälfte der fiktionalen Dinge bestand. Und gebe so totalen Blödsinn weiter oder speichere totalen Blödsinn bei mir ab von dem ich glaube, dass er die Wahrheit ist.
    (Jetzt könnten wir weiter darüber diskutieren, was Wahrheit ist, aber das würde dem vorher Gesagten die Basis nehmen!)

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