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Moby-Dick auf Englisch ist lustiger (Teil 2)

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

So eindeutig und so wahr drückt es Michael Krüger (Video unten) aus. Aus dem Hanser Verlag habe ich die Moby-Dick Ausgabe gelesen und diese ist auch mein Ausgangspunkt zum Vergleich der Übersetzungen. Daneben lege ich die Übersetzung von Fritz Güttinger, erschienen bei Manesse und das englische Original, das ich auf dem iPad habe.

Im Folgenden vergleiche ich berühmte Stellen und solche, die mir besonders gefallen haben. In eckigen Klammern steht die zitierte Ausgabe: [E] ist die englische Vorlage, [H] die Übersetzung von Matthias Jendis, erschienen bei Hanser und [M] die Übersetzung von Fritz Güttinger, erschienen bei Manesse in der Bibliothek der Weltliteratur.

(I) Der Anfang

Call me Ishmael. [E] – Nennt mich Ismael. [H] – Man nenne mich Ismael. [M]

Beide Übersetzungen haben das H in Ishmael gefressen! Mein erstes Gefühl lässt mich die [H]-Version besser finden. Die Direktheit des Englischen wird beibehalten und mit dem Imperativ originalgetreu wiedergegeben. Die [M]-Übertragung nimmt durch die Allgemeinheit den persönlichen Bezug und die direkte Ansprache des Leser, durch die umständliche Formulierung geht das Besondere des Anfangs etwas verloren.

(II) mortar – Mörser – Tiegel

He piled upon the whale’s white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart’s shell upon it. [E]

Er türmte auf des Wales weißen Buckel den angehäuften Zorn und Haß, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt, und ließ, als wäre seine Brust ein Mörser, sein heißes Herz, das feurige Geschoß, an ihm zerbersten. [H]

Dem weißen Buckel des Wals bürdete er die Summe all des ohnmächtigen Hasses auf, den das Menschengeschlecht seit Urzeiten gehegt hat; und ließ dann, als wäre sein Brust ein Tiegel, die Schale seines heißen Herzens daran zerschellen. [M]

Bei dieser Stelle handelt es sich wahrscheinlich um eine der meistzitierten aus Moby-Dick. Die Monomanie und der Hass Ahabs destilliert in zwei Sätzen, die Essenz des Buches und die Charakterisierung des Kapitäns. Hier fallen mir gleich drei Eigenarten auf:

felt by his whole race from Adam down: hier unterschlägt [M] die Nennung Adams und gebraucht stattdessen “Urzeiten”, durchaus kein schlechter Gedanke und durchaus passend, mir aber zu weit von der Vorlage entfernt

mortar: ein Mörser ist ein Mörser, ist ein Mörser – die von manch anderen Übersetzungen verwandte Kanone würde ich mir aufgrund der Nähe der Waffengattungen gefallen lassen, den Tiegel finde ich dagegen äußerst umständlich, nahezu abwegig, und auch das wuchtige, kriegerische Bild Melvilles bleibt mir hier verschlossen und wer hat mal in einem Tiegel etwas verschossen?

his hot heart’s shell: ich weiß nicht welcher Anatom mir sofort die Schale meines Herzens zeigen könnte, aber Melville lässt eben (nur?) die Schale des Herzens und nicht das Herz selber verschießen – oder ist die Schale gleich der ganze Brustkorb, dann wäre ja das Herz eigentlich inkludiert, es sei denn man würde es vor dem Verschießen herausnehmen.

Treffen wir uns in der Mitte und verschießen mit dem Mörser die Schale des Herzens? (Obwohl ich das Verschießen des Herzens selbst als stärkeres Bild sehen würde – hätte ich Melville als sein Lektor angestrichen).

(III) vermicelli-like – an Fadennudeln gemahnen – wie Fadennudeln

How is this? Between his ribs and on each side of his spine he is supplied with a remarkable involved Cretan labyrinth of vermicelli-like vessels, which vessels, when he quits the surface, are completely distended with oxygenated blood. [E]

Wie kommt das? Zwischen seinen Rippen und beiderseits seiner Wirbelsäule verfügt er über ein verschlungenes kretisches Labyrinth aus Blutgefäßen, die an Fadennudeln gemahnen. Diese Gefäße füllen sich beim Abtauchen bis zum Bersten mit sauerstoffreichem Blute, […]. [H]

Wie geht das zu? Zwischen den Rippen und beiderseits der Wirbelsäule verfügt er über eigenartige Knäuel von Gefäßen, die sich wie Fadennudeln durcheinanderschlingen und beim Tauchen mit angesäuertem Blut prall gefüllt sind. [M]

Als ich Fadennudel las war ich wirklich auf das Wort im Original gespannt: vermicelli, sind tatsächlich im Italienischen, und vom Englischen übernommen, dünne Fadennudeln. Ich danke den Übersetzern, dass sie mich das nicht extra haben nachschlagen lassen, damit ich die Lektüre verstehen kann, dass ich es jetzt trotzdem nachgeschlagen habe, ist persönlicher Pedanterie geschuldet.

(IV) flying fish – fliehenden, fliegenden Fisch – entweichenden Fisch

Soon ranging up by his flank, Stubb, firmly planting his knee in the clumsy cleat, dartet dart after dart into the flying fish; […]. [E]

Bald stand Stubb neben der Flanke des Fisches, stemmte sein Knie fest gegen die klobige Klampe und jagte Speer auf Speer in den fliehenden, fliegenden Fisch. [H]

Nicht lange, und es kam an die Flanke des Untiers heran, worauf Stubb sich mit dem Knie fest gegen die Stützducht stemmte und die Lange ein Mal über das andere in den entweichenden Fisch warf, […]. [M]

Den fliehenden, fliegenden Fisch empfand ich in Bild und Alliteration als sprachliches Kleinod, habe kurz von der Lektüre aufgesehen und mich an der Schönheit der Sprache erfreut. Die richtige Übersetzung wäre, in diesem Kontext, wohl wirklich nur der fliehende Fisch. Flying könnte im Deutschen aber auch fliegenden heißen. Die Entscheidung von Jendis beide Worte zu verwenden, gibt dem Dargestellten eine neue Eindrücklichkeit und eine sprachliche Schönheit, die das Englische hier nicht transportiert, doch darf der Übersetzer derart frei mit der Vorlage umgehen? Bei diesem Ergebnis – ja! Der Wal ist auch kein Fisch!

(V) The drama’s done. – Das Stück ist aus. – Das Stück ist aus.

The drama’s done. Why then here does any one step forth? – Because one did survive the wreck. [E]

Das Stück ist aus. Warum tritt dann hier noch einer hervor? – Weil einer den Schiffbruch überlebte. [H]

Das Stück ist aus. Weshalb tritt dann hier noch einer an die Rampe? – Einer der Schiffbrüchigen blieb nämlich am Leben. [M]

In der [M]-Übersetzung wird das Bild des (Theater-)Stückes schön in den nächsten Satz hinübergerettet, dagegen finde ich den Schiffbrüchigen und das blieb nämlich am Leben wieder zu frei und umständlich. Die [H]-Übersetzung bleibt hier wieder näher am Duktus des Originals.

(VI) Allgemeines

Bei (III) und (IV) fällt z.B. auch auf, dass Jendis [H] anders als das Original und die hier diesem nähere [M]-Übersetzung interpunktiert. Insgesamt ist die Übersetzung von Güttinger [M] in einer antiquierteren Sprache (Wie geht das zu?, oben bei (III)), entspricht sie eben auch der ersten vollständigen deutschen Ausgabe des Moby-Dick von 1944. In Lesbarkeit und stellenweise, soweit ich verglichen habe, Übersetzung sagt mir die [H]-Übertragung von Jendis mehr zu.


Die Frage, ob ich zum Original oder zur Übersetzung greife, kommt schlussendlich wieder auf den persönlichen Geschmack und die Frage warum und wie man liest an: möchte ich mich gut unterhalten wissen und mein Englisch reicht vielleicht für eine flüssige Lektüre nicht aus, dann greife ich natürlich zu einer Übersetzung; will ich gezielt vergleichen und habe Freude daran die Arbeit des Übersetzers nachzuverfolgen, warum dann nicht Original und Übertragung parallel und quer lesen; vielleicht will ich sogar verschiedene deutsche Übersetzungen kontrastieren und so die Entwicklung der deutschen Sprache nachvollziehen; wieder andere lesen die Originale um die Kenntnisse der Sprache zu festigen – jeder wie er mag!

Aber Achtung! Nur für das Auffrischen der Englischkenntnisse aus der Schule ist Moby-Dick sicher zu schwer. Die nautischen Begriffe sind auch auf Deutsch teilweise fremd und verwirrend – toll hier das Glossar in der Hanser Ausgabe!

Je mehr ich mich mit dem Buch auseinandersetze, desto besser gefällt es mir!

Zu Teil 1 der Betrachtungen zu Neuübersetzungen

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

3s Kommentare

  1. Wurst Wurst

    Interessant, wie weit das auseinander geht, hätte ich nicht gedacht. Bemerkenswert finde ich auch den Unterschied zwischen „ein verschlungenes kretisches Labyrinth“ und „eigenartige Knäuel“ 🙂

  2. Viele Gründe, ein Buch im englischen Original zu lesen, wenn man die Sprache gut genug beherrscht. Übersetzungen sind immer nur eine möglichst große Annäherung an das Original. Allein die völlig andere Sprachmelodie des Englischen auf das so viel härtere, abgehacktere Deutsch zu übertragen, ist nicht wirklich möglich. Hut ab vor allen Übersetzern, die das nach bestem Wissen und Gewissen versuchen!

    Interessanter Beitrag. Falls ich das Buch lese, wird es das englische Original sein.

    LG,
    papercuts1

  3. Hannah Hannah

    Ich wollte nur zu mortar und shell was sagen. shell kann ja außer die etwas umgebende Schale auch eine Art von Projektil einer Waffe sein. Er würde also das Geschoss seines Herzens oder das in seinem Herzen liegende Geschoss (der ganze gebündelte Hass??) abschießen. Ein mortar schießt zwar prinzipiell kleine Bomben ab soweit ich weiß, but who cares 🙂

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