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Kate Tempest, Kurt Drawert, E.E. Cummings und Ann Cotten

Das Rezensieren von Gedichtbänden fällt nicht immer leicht. Doch zu diesen vier in letzter Zeit gelesenen, Neuerscheinungen und einem Klassiker, sollen einige Worte des Lobes und der Kritik verloren werden.

Verbannt! – Ann Cotten – Versepos

ann cotten verbannt versepos suhrkampAnn Cotten ist ein sehr verschlossener Mensch, in Interviews durchaus sperrig, mit verschränkten Armen, gib sie gelangweilte Antworten. Diese rätselhafte Frau hat ein Versepos geschrieben, das als genaues Gegenteil daherkommt.

Eine in Ungnade gefallene Fernsehmoderatorin wird auf eine einsame Insel verbannt, ausgerüstet nur mit einem Messer, einem Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910. Auf dieser Insel wohnen bereits 25 Matrosen in einer merkwürdigen Gesellschaftsform, einer Schraubenreligion anhängend und ständig Druckerzeugnisse produzierend. Im Interview mit der Welt sagte Paul Jandl man könne in Verbannt „ganz trivialen Spuren folgen oder die Sache sehr hoch hängen“ und das trifft den Kern dieses wunderbaren Epos. Cotten ist zwar eine unterhaltsame, ja lustige Erzählerin, doch die zwischen Uto- und Dystopie schwankende Geschichte enthält viel Zündstoff: wie funktioniert eine Gesellschaft, welchen Stellenwert hat Religion oder das Internet und natürlich die ewige Frage nach dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Gekrönt wird dieses Epos in Pseudo-Spenserstophen durch die Illustrationen der Autorin.

Dem allen zuliebe wird der folgende Sang recht lang,
Und wie es sich für einen Stripteaser gehört,
zieh ich mir für den Anfang recht viele Klamotten an,
die meine Seele im Laufe der Handlung verlieren wird,
während sie sich auf allerlei reizende Weise drin verirrt.
Hören Sie also die entsetzliche Ballade
vom sibirischen Unglück eines ganz modernen,
delirösen, inadäquaten Herrn Maquis de Sade,
in Fraungestalt. Und man kann außerdem viel lernen.

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E.E. Cummings – Poems – Gedichte

e.e. cummings gedichteEdward Estlin Cummings war der Meinung seine Lyrik sei nicht für „mostpeople“ (EEC zieht gerne einzelne Worte zu einem zusammen) und lag damit sicher richtig. Denn viele seiner Gedichte bestehen aus typographischen Spielereien, die nicht für den Gelegenheitsleser geeignet sind, diesen möglicherweise nicht nur langweilen, sondern ärgern. Die in der C.H. Beck Reihe textura erschienene Sammlung in der Übersetzung von Eva Hesse stellt daher eine schöne Ausgabe für Starter dar, denn hier sind einige der schönsten Cummings Gedichte versammelt (humanity i love you, o sweet spontaneus oder love is more thicker than forget) und doch Raum für einige wenige seiner „Form“-Gedichte. Eva Hesse schreibt im Nachwort

Obwohl sich viele von Cummings‘ Gedichten infolge von derlei formalistischen Tricks in einer gewissen leeren Eleganz verlieren, finden wir andererseits bei ihm eine respektable Anzahl immergrüner Gedichte, die das Schaffen der mesiten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten stellen. Diese Gedichte gehören fraglich zu den besten lyrischen Texten des Jahrhunderts – Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

und liegt damit richtig, mit ihrer etwas angestaubten Übersetzung, dagegen nicht immer.

Kate Tempest – Hold Your Own – Gedichte

kate tempest hold your own suhrkampOh, was ist Kate Tempest ein Star! Eine Rapperin, eine Poetry Slammerin, eine Lyrikerin, nein nun sogar eine Romanschriftstellerin. Die Übergänge sind freilich fließend, aber das merkt man im Feuilleton nicht, denn Rapper dichten sonst nur über Verbrechen und das sehr plump. Nun schlägt aber ein „literarischer Meteorit“ ein (Wiebke Porombka in der Zeit) und alle sind vezückt. Und dies natürlich nicht zu Unrecht, denn Kate Tempest ist eine kluge junge Frau, die bereits zu Beginn, und immer wieder im Verlauf des Bandes das Thema aufnehmend, die Sage des blinden Sehers Teiresias, dem Bildungsbürger von Homer, Aischylos, Sophokles, Euripdes und Bodo Wartke bekannt, in eine moderne Fassung bringt. Aber nicht nur diese Referenz, sondern auch Gedichte wie These things I know, Fine, thanks oder Ballad of a hero (unten als War Music) lassen eine bereits reife Dichterin erkennen. Auch wenn letzteres in seiner Tendenz zum ex-soldatischen Anti-Kriegs-Kitsch mehr an Rise against als an Antigone erinnern.

Leider auch für diese Ausgabe gilt, dass die Übersetzung mit der Vorlage nicht ganz Schritt halten kann – dem Leser in einer zweisprachigen Ausgabe immer wieder vor Augen gehalten.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go
unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and
ache in your guts. Let them make everything tighten and
shine.

Poetry trembles alone, only picked up to be taken apart.

 

Kurt Drawert – Der Körper meiner Zeit – Gedicht

kurt drawert der körper meiner zeit gedichtKurt Drawert schätze ich sehr aber mit Der Körper meiner Zeit habe ich große Probleme. Es ist ein Langgedicht in fünf Teilen, „eine fortlaufende lyrische Bewegung markierend, die die Jahreszeiten, bestimmte Orte und Themen miteinander verknüpft, das Begehren, die Liebe, das Nichts und den Tod“, sagen zumindest Verlag und Autor. Sicher ist es das auch, aber ich verstehe es nicht. Und zugegeben ermüdet es mich daher etwas. Ich finde die sprachlichen Perlen Drawerts durchaus, aber irgendwie zerwabert mir alles zu sehr, um es genießen zu können. Auch wenn mein Hausgott Fritzchen angesichts Der Körper meiner Zeit noch lobte Drawert sei es gelungen, „in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück,“ so greife ich doch lieber zu einem der drei Obengenannten. Meiner Hochachtung für Drawert tut dies keinen Abbruch, aber Der Körper meiner Zeit ist nicht meins.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

4s Kommentare

  1. kaprizioesblog kaprizioesblog

    Da auf deinem Blog mehr Raum ist, weite ich das „Gespräch“ von gestern Abend einfach auf hier aus.

    Nach welchen Maßstäben rezensierst du Lyrik? Wie gehst du an so eine Rezension heran?
    Du sagtest, dass es dir gefühlt schwieriger vorkommt. Mir kommt es unendlich schwieriger vor. Ich habe schon seit mehreren Jahren mehrere Gedichtbände in meinem Regal stehen, die ich gern gelesen habe und mir immer wieder vornehme zu rezensieren. Bislang ist da aber überhaupt nichts passiert. Der Artikel, den du gestern geteilt hast, hat mir das mal wieder unangenehm vor Augen geführt.

    Viele Grüße,
    Janine

    • 54books 54books

      Liebe Janine,
      meine Rezensionen (egal welches Format oder welches Genre) sind – verdammte Blogger – sehr subjektiv und sehr unterschiedlich. Ich folge dem Gefühl und versuche auszusprechen, was ich beim Lesen dachte oder was mich danach beschäftigte. Das „Problem“ bei Lyrik ist dann natürlich, dass man so viele verschiedene Stimmungen, Geschichten in einem Band findet, nicht nur einen Erzählstrang wie in einem Roman: womit, worauf also die Rezension aufbauen? Eine Nacherzählung wird es wohl nicht, hierdurch verliert man schon viel „Stoff“ man befürchtet die Besprechung werde zu dünn.

      Natürlich ist dazu auch die Interpretation ungleich schwieriger, anders als bei Romanen, kann man sich hier nicht so leicht hinter Schemata verstecken: Spannung und Lesefluss in wenigen Zeilen hervorzuheben wird schwierig. Gedichte lesen kann schwierig, ja anstrengend sein, sie zu besprechen noch viel mehr. Und ja, meist lesen diese Besprechungen auch weniger Leute.

      Wir sollten Lyrik wieder sexy machen!

  2. Ahoi!
    E. E. Cummings ist mir ein Begriff, seit Tom Hiddleston im Rahmen der The Love Book App Gedichte eingesprochen hat, ebenso wie Emma Watson und Helena Bonham Carter. Das war der Auslöser, warum ich mich zumindest rudimentär wieder für Lyrik interessierte. Die Gedichte sind wunderschön eingesprochen, und ich stehe eigentlich nicht auf „Liebes-Kitsch“ 😉
    Wenn du Lyrik auch auf Englisch liest/hörst (wie ich bei deinem Absatz zu Kate Tempest herauslese), wäre die vielleicht etwas für dich. Kostet allerdings etwas, nicht viel, aber ist halt nicht for free.

    Ich finde es toll, wie du Lyrik besprichst. Da bekomme ich gleich Lust, meine Gedichtbände (ja, ich besitze einige) hervorzukramen und zu lesen.

    Cheerio
    Mareike

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