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Tödlicher Hass und tiefer Ekel

söderberg doktor glasMit 15 Jahren Abitur und mit 23 Doktor der Medizin, doch dann ist Schluss mit Ehrgeiz. Doktor Glas entscheidet sich gegen die Karriere, aber auch gegen Familie und lässt sich in Stockholm nieder. Das Leid der Menschen, umstritten ob gut oder schlecht für einen Arzt, lässt er nicht an sich heran. Die Liste von ihm verweigerter Abtreibungen ist lang; nicht aber aus moralischen oder menschlichen Gründen sperrt er sich, nein, ihn halten mögliche Scherereien mit der Justiz davon ab. Kein geselliger, kein durchweg sympathischer Zeitgenosse, der hier für uns sein Tagebuch schreibt.

Den Trott des Doktors durchbricht die junge, schöne Helga, Frau des degoutanten Pfarrers Gregorius. Sie bittet Glas den Pfaffen aus fingierten gesundheitlichen Gründen zum Wohle seiner Frau vom Vollzug der Ehe abzuhalten. Aus Sympathie, und weil die Ausführung dieser Bitte für ihn ohne Gefahr möglich ist, versucht Glas Helga zu schützen und nimmt sich ihrer Probleme an. Trotz ihrer Beziehung zu einem anderen, also ein Geliebter neben dem Geistlichen, verliebt sich Glas in Helga. Seine neuentdeckte, selbstlose Liebe lässt ihn nun sogar einen Mord an Gregorius erwägen, nur um die Angebetete von diesem zu befreien. Es entwickelt sich ein Psychothriller, in den man mittels der Tagebucheinträge Glas‘ hineingezogen wird: seine Reflexionen, seine Zweifel, aber auch seine aufwallende Wut und Liebe,

„Ist er denn ein Heuchler?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht. Nein, das glaube ich nicht. Aber er hat sich daran gewöhnt, Gott für alles Mögliche zu benutzen, wie es ihm gerade passt. Das machen sie immer so, ich kenne ja so viele Pastoren.“

Der Pfarrer Gregorius ist dabei wirklich eine unsägliche Figur. Ein feist, tumb, bigotter Lustmensch, der unter abstrusesten Gründen seine zarte Frau zum Sex nötigt, letztendlich schlicht vergewaltig. Zwischendrin schüttelt es den Leser vor Ekel, nicht nur vor den Äußerlichkeiten des garstigen Geistlichen, sondern der Doppelmoral, mit der er jegliches Handeln rechtfertigt. Seine aus der Hörigkeit erwachende Frau dagegen besitzt nicht genug Kraft und Mut für eine Emanzipation, Rettung ist allein nur die aufkeimende Liebe eines vormaligen Menschenfeindes möglich, der versucht ist alle seine Prinzipien zu opfern. Die Figur des Doktors gewinnt mit Fortschreiten des Romans immer mehr, seine Figur wird in ihrem zähen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, aber auch in ihren Zweifeln zum moralischen Helden.

Söderberg schildert in frappierender Klarheit all die Eigenschaften der Kirche, die uns heute um Skandale wie die von Tebartz van Elst oder Missbräuche auf- und abstoßen. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert zeichnet dieser bösartige, nie überziehende, sondern authentische Schwede die Doppelmoral der Kirche nach.

Im Übrigen erinnere ich mich nicht, dass bei der Einsetzung des heiligen Abendmahls irgendwo das Wort Silber erwähnt wäre […]

Zum gefrierenden Lachen beispielsweise die Darstellung einer Szene, in der der Pastor Gregorius die Problematik schildert, man habe für eine hygienische Ausführung des Abendmahls nicht genügend Silberbecher. Entwaffnend modern die hellsichtigen Ausführungen Doktor Glas‘ zur Sterbehilfe.

Der Tag wird und muss kommen, an dem das Recht zu sterben als ein Menschenrecht anerkannt wird, das weitaus wichtiger und unveräußerlicher ist als das Recht, einen Stimmzettel in die Wahlurne zu werfen. Wenn die Zeit erst reif ist, wird jeder unheilbar Kranke – und auch jeder „Verbrecher“ – ein Anrecht auf die Beihilfe des Arztes haben, wenn er die Erlösung wünscht.

Dies soll nicht der Ort für die Diskussion der Sterbehilfe-Problematik oder ausufernde Kirchenkritik sein, aber dass es dieses Recht bis heute, zumindest in Deutschland, nicht gibt, liegt vor allem auch an kirchlichen Interventionen. Neben diesen aufklärerisch-liberalen Ideen gibt es aber auch eine unschöne Szene in Bezug auf ein behindert geborenes Kind, dem er das Leben rettet und dabei feststellen muss, dass seine Eltern es eigentlich lieber „losgeworden“ wären. Erneut lässt Söderberg seinen Doktor die Doppelmoral der Gesellschaft sezieren; Gleiches beim Thema Abtreibungen.

Dieser Roman liest sich unglaublich locker und erst beim Innehalten wird man all der immer noch aktuellen Probleme der Ethik und Moral gewahr. Ein durch und durch moderner Roman, der dank Manesse in einer neuen Übersetzung, mit klugem Nachwort von Antje Rávic Strubel und gewohnt piekfeiner Aufmachung glänzt.

Parallelen der Figur Glas‘ zu Raskolnikow aus Verbrechen und Strafe bzw. Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski und Thérèse Raquins aus dem gleichnamigen Romans Émile Zolas stellt dieser selbst am Ende des Romans fest, das Nachwort stellt diesen Bezug, zu Recht, auch literarisch her.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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