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Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Buchguerillo Michael Schikowski

Als Buchguerillo kämpft man nicht allein auf weiter Flur, immer wieder treten Mitstreiter in die Schlacht für das echte Buch mit ein. Als Friedrich Frossman, Mitarbeiter der Arno Schmidt Stiftung, erklärte warum es die Werke Schmidts nicht als eBook geben wird, provozierte er damit einen mittelschweren Shitstorm: konservativ und verstockt, sich dem nicht aufzuhaltenen Fortschritt zu verschließen sei dumm und vermessen, ewiggestrig und in zehn Jahren unfreiwillig komisch, seien seine Aussagen, so die Stimmen gegen ihn.

9783934054592Nun macht sich mit Michael Schikowski erneut ein tapferer Recke auf das Gedruckte zu verteidigen. Der gelernte Buchhändler arbeitet in einem Frankfurter Verlag und ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn, gibt die Literaturzeitschrift Non Fiktion mit heraus und veranstaltet Leseabende. Als Autor, Wissenschaftler, Verlagsmitarbeiter und Herausgeber, Verkäufer und Veranstalter von Literatur dürfte er somit in fast alle Bereiche einen Einblick bekommen haben, die von der Digitalisierung betroffen sind. Er kennt die Branche und weiß welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. In Warum Bücher? analysiert Schikowski die Chancen und Risiken, die die Digitalisierung für unsere Kulturlandschaft birgt.

Anders als viele Idealisten, derer er sicher einer ist, wird Schikowski nicht zum weinerlichen Tempelwächter, sondern nähert sich über eine objektive Untersuchung der Digitalkultur der Buchkultur. Dass der Leser schon vor dem Ende den zu erwartenden Standpunkt des Autors kennt, nimmt diesem nicht die Glaubwürdigkeit. Schikowski verdammt nicht per se das eBook, das er konsequenz als Digitalisat, also nur eine andere Version des bereits vorhandenen Buchs, bezeichnet. Vielmehr stellt er fest, dass es das eBook als eigene Form noch gar nicht gibt. Seiner Meinung nach ist das eBook erst dann ein eigenes, neues Medium, wenn es ein reines enhanced eBook wird, also zu einem Informationsträger wird, in dem Texte mit anderen Medien wie Musik, Videos und Bildern verschmilzen. Dieses habe dann aber mit Ausgangsprodukt „Buch“ nichts mehr zu tun, dieses als Referenz wäre dann obsolet – ein enhanced eBook stelle als eigene Gattung keine Gefahr für das analoge Buch dar.

Er geißelt die Perversion, dass inzwischen Buchhändler gezwungen sind ihre eigene Branche abzuwickelt, um auf dem Sterbebett ihr Erbe dem nicht genannten Internetriesen zu übergeben, betrachtet die Wirkungslosigkeit von Rezensionen im klassischen Feuilleton, spricht die nicht zu unterschätzende Nutzungsrechteproblematik beim „Kauf“ von eBooks an, ebenso wie massiv auftretende Urheberrechtsverstöße, in einer Gesellschaft, in der Kultur und Bildung nichts kosten soll.

Schikowski verweist hier auch auf Sven Regener. Dieser hatte in einer Wutrede die Kostenlos-Mentalität der Konsumenten für Musik kritisiert, an der gerade kleine Indie-Labels zugrunde gingen. Ähnliches stünde nicht nur den Indie-Verlagen, sondern eventuell sogar großen bevor, sollte sich in diese Einstellung nicht grundlegend ändern: Es sind eben nicht alle Inhalte kostenfrei zu erhalten, weil es immer Autoren und ihre Helfer gibt, die mit der Produktion ihr Geld verdienen müssen. Die Mär vom autarken Autoren, bleibt eine solche, weil ohne die Verlage nur eine Umverteilung des Geldes an die Vertriebsplattform stattfinden oder die Qualität erheblich leiden würde. Ohne Lektorat wird eben auch nicht Lektoriert oder man zahlt nicht einen Verlagslektor, sondern einen freiberuflichen, der ebenfalls Geld kostet.

Diese Diskussion sei hier aber nur angerissen, denn um die Argumente für das Buch in gedruckter Form soll es gehen und die Problematik ist eben (nicht nur) eine die für oder gegen das eBook und andere Formate spricht, das eBook im Speziellen teilweise nur in Randbereichen tangiert. Ebenso die Frage, ob Social Media dem Lesen und der Kulturlandschaft zu- oder abträglich ist: Durch das ständige Posten von Bildchen mit Büchern, neuer Cartoons oder Filmchen, die alle die Liebe zu Büchern dokumentieren, käme immer mehr das Buch selber, vielmehr noch die Lektüre dessen unter die Räder, so Schikowski.

Warum denn nun Bücher?

Befragt nach den Argumenten für das Bewahren des Buches als Medium, komme bei den meisten Streitern im Grunde nicht viel mehr dabei heraus, als dass Bücher so schön anzufassen seien. Schikowski kann aber mehr liefern.

Die sinnliche Erfahrbarkeit der Texte, ihre Verkörperung im so oder so gestalteten Buchkörper, wird notorisch unterschätzt. Wer Leseproben auf dem Bildschirm oder ein Skript auf Papier mit dem Erlebnis eines in die Hand genommenen Buches vergleicht, erfährt das unmittelbar. Das auditive Erlebnis des Buchkörpers, der beim Öffnen knackt, sein Geruch, der Umschlag, dessen Oberfläche an den Händen spürbar ist, das Gewicht des Buches, die Farbgebung, die Typographie – all dies ist keine sentimentale Beschreibung eines Buches, keine Romantik der Handgreiflichkeit, bei der es etwa darum ging, Bücher bloß anzufassen! Es handelt sich vielmehr um eine unsentimentale Wertschöpfung, die sich als Rhetorik eines gestalteten Buchkörpers interpretieren lässt.

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Das ist doch nur die ausgeschmückte Aussage aller?! Aber es geht ja weiter: gerade die Kultur, die sich seit dem 16. Jahrhundert um das Buch entwickelt hat, gelte es zu bewahren. Diese sind nicht immer mit Händen zu greifen oder mit Worten begreiflich zu machen, so wie es alle Traditionen nicht sind. Es sind eingespielte Gebräuche, die Menschen wichtig geworden sind, die damit in ihrer Sozialisation in Berührung kam und diese übernommen haben, bewahren möchten, weil sie ihnen ans Herz gewachsen sind.

Um Bücher hat sich eine Fülle von stummen Handlungen, Gesten und Ritualen gebildet: die Bücherregale, die man als Gast in fremden Wohnungen betrachtet. Ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sehen und darüber nachdenken, wen das interessiert. In einem Buch der Eltern Anstreichungen finden. Bei einem geliehenen Buch aus Versehen den Schutzumschlag einreißen. In einer Gesellschaft über ein Buch reden, das man nicht gelesen hat. Ein neu gekauftes Buch, das man immer schon einmal haben wollte, endlich aufschlagen und über die Seiten streichen. Das kurze Zögern, bevor man in ein Buch, das man verschenken möchte, ein paar Worte schreibt.

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All dies, das mag sein, ist einem gewissen Kreis, man traut sich nicht einer gewissen Gesellschaftsschicht zu sagen, antrainiert worden, aber ebenso ist es die Tanne zu Weihnachten oder der Kuchen am Geburtstag.* Nur heißt doch dies nichts Schlechtes, es ist vielmehr Tradionen und Bräuchen immanent, man nennt es Sozialisation. Das vermeintliche Vorzeigen von vermeintlicher Bildung anhand des Bestands der hauseigenen Bibliothek wird durch einen eBook Reader unmöglich, sagen die Befürwörter, die gesellschaftliche Schranken und Berührungsängste abbauen wollen. Dass ich dieses unterstellte Gebaren aber auch durch das Zurschaustellen anderer Statussymbole erreichen könnte, wird bei diesem Argument dezent ausgeblendet – vielleicht hänge ich mir mein Diplom an die Wand oder lasse das Telefonbuch offen liegen, das ich gerade auswendig lerne?

Eine Liebeserklärung

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„Lesendes Mädchen“ von
Georgios Jakobides, 1882

Unterm Strich soll sich kein Leser für die Form seines Konsums rechtfertigen müssen. Mir ist gleich, ob ihr euer Rauschmittel peroral, intranasal oder intravenös, auf dem eReader, in gedruckter Form, durch das Lesen von Keilschrift auf Steinen zu euch nehmt oder nur die Gedichte auf Allies Handschuh lest. Auch Michael Schikowski verdammt niemanden, er schreibt nur seine eigene kleine Liebeserklärung an das Lesen (und eben auch an seine liebste Konsumform). In fünf Sätzen vermag er auszudrücken, was mir an meinen gedruckten Werken im Regal so wichtig ist, warum ich sie nicht hergeben möchte, sondern als Teil meines Lebens wahrnehme.

Lesen hilft, eine eigene Identität zu bilden. Die Bücher, die dazu erworben werden oder die einer geschenkt bekommt, begleiten ihn durch das Leben. Im Buchregal werden sie Bestandteil einer Biografie. An ihnen lässt sich ein Teil des Lebens wiederfinden, ausstellbar für andere, möglich aber auch, es sich selbst in Aussicht zu stellen. Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Und wer sich an Julian Barnes Ausspruch hält und nur Bücher liest, die sich gut auf dem Nachttisch machen, falls man unerwartet stirbt, hat sowieso etwas Grundlegendes nicht verstanden.

*Jetzt kommen wieder alle, welche die Plastiktanne im Wohnzimmer haben und Bockwürstchen zum Kaffee reichen.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn und schreibt den Blog www.immerschoensachlich.de. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen und in einem Frankfurter Verlag tätig. In Leseabenden präsentiert er die großen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Im Bramann Verlag veröffentlichte er neben Warum Bücher? auch Über Lesen.

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Folge 54books.

6 Comments

  1. Danke für diesen schönen Beitrag. Vieles, sehr vieles könnte ich dazu sagen, will es aber bei zwei (und einer halben) Anmerkungen belassen:
    a.) Forssmans Wutrede fand auch ich ambivalent. Allerdings hat er in einigen Punkten durchaus recht.
    b.) Wenn ein E-Book wirklich zusätzliches bietet, hat es Berechtigung. Da teile ich Schikowskis Meinung voll und ganz. Wer es mal ausprobieren will. Das folgende gibt es (leider nur für IOS) sogar umsonst: James Joyce – Digital Dubliners
    b. einhalb) „Warum Bücher?“ – ist vorgemerkt. Klingt wirklich interessant.
    lg Jochen K.

    • 54books 54books

      Ad a.) Über Forssman habe ich mich wirklich amüsiert und habe mich stellenweise auch sehr gut wiedergefunden.
      Ad b.) Ich weiß gar nicht, ob mir das zusagen würde, ich bin so konservativ ich bleibe beim klassischen analogen Buch, habe kein Bedarf an weiteren Reizen.

      Und ja, kaufen, interessanter Essay.

  2. MacOss MacOss

    Zum Verschreiber: Dit heißt „Guerillero“. 😉
    Aber Hut ab. Der Beitrag is knorke!

    • 54books 54books

      Ist aber auch ein schweres Wort.

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