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Eine andere Form – ein neues Medium

Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Nikola Richter, die Verlegerin vom mikrotext Verlag, an, ob ich denn auch eBooks besprechen würde und sie mich auf ihren Verlag und eine Publikation aufmerksam machen würde. Pflichtbewusst teile ich also freundlich mit, dass ich ja eigentlich und so weiter, aber dann doch interessiert sei. Denn wer die Augen auf der Branche hat, dem ist Nikolas Arbeit nicht entgangen. Zuletzt mit dem ersten Young Excellence Award des Börsenblatts als herausragende Macherin der Buchbranche ausgezeichnet, verlegt die Autorin eBooks, die nicht als Konkurrenz zum Gedruckten, sondern als selbstständiges Medium wahrgenommen werden wollen.

„Es sind bestimmte Formate, etwa im Netz geschriebene Texte, aktuelle oder wegen ihrer Kürze nicht druckfähige Schubladen-Texte digital viel besser zu veröffentlichen.“ Ihr geht es um die ästhetische Erfahrung, wenn ein Text gut geschrieben ist. „Da brauche ich kein Papier.“

So erklärte Nikola ihr Credo der Morgenpost nach Verlagsgründung. Und fährt fort.

„Ich muss so gute Bücher machen, dass die Leute, die noch nie ein E-Book gelesen haben, das lesen wollen und diese Hürde, die sie innerlich aufgebaut haben: ‚E-Lesen ist schrecklich‘, dass sie diese überwinden.“

Und genau das gelingt ihr. Heike Geißlers Text über ihre Arbeit in der Weihnachtszeit bei Amazon in Leipzig oder Stefan Adrians Drinklyrik Gin des Lebens sind nur zwei Beispiele für Textformen, die womöglich auch bei klassischen Verlagen in gedruckter Form erscheinen könnten und es doch nicht tuen. Lyrik hat es bei Verlagen und Publikum traditionell schwer, kleine und Kleinstauflagen rechnen sich selten, bei eBooks aber, sind sie erstmal erstellt, sind in der Welt, egal in welcher Zahl. Dagegen könnte ein Text über ein saisonales Thema, wie der Heike Geißlers, der im „Bedarf“ ein Stück weit von der Jahreszeit abhängig ist, auf dem herkömmlichen Wege erst so spät erscheinen, dass er  gerade keine Leser fände oder im nächsten Jahr vielleicht schon wieder überholt wäre. Genau für solche Projekte sind eBooks perfekt. [Korrektur: Heike Geißlers Text Saisonarbeit – Volte #2 ist tatsächlich zuerst beim Leipziger Verlag Spector Books erschienen, was zwar mein Argument schwächt, aber nicht ganz unsinnig macht.]

Welches Potenzial in dieser Form schlummert zeigt immer wieder auch Christiane Frohmann vom gleichnamigen Verlag. 1000 Tode schreiben heißt die Anthologie, die Christiane in vier Versionen herausbringt. Allein das nahezu aberwitzige Unterfangen tausend Autoren in einem Buch unterzubringen, die ihr Texte nicht nur recyclen können (aber dürfen), sondern zum Teil erst schreiben müssen, ist mit einem einzigen Abgabetermin nicht zu bewältigen. Also wurde dieser eher kurzfristiger gewählt, welche Texte bereits vorlagen wurden veröffentlich, die späteren folgen in Etappen. Eer die erste Version des eBooks mit 135 Texten erwarb, erhält immer bei Erscheinen des Updates dieses kostenfrei – bei einem gedruckten Buch undenkbar! Dazu bietet diese Veröffentlichungsform dem Leser immer wieder Anreiz in diese sagenhafte Sammlung zu blicken, neue und alte Texte zu entdecken – 1000 Texte auf einen Schlag hätte wohl sowieso die meisten überfordert oder abgeschreckt. In der ersten Version tummeln sich bereits bekannte Namen wie Rafael Horzon oder Pia Ziefle, Clemenz Setz oder Daniela Seel, David Wagner, Isabel Bogdan oder Stefan Mesch, weitere werden folgen. Der Gewinn der Produktion geht dazu an ein Kinder Hospiz in Berlin, vorbildlich!
(Eine Besprechung des Buchs findet ihr auch bei Sophie.)

Ähnliche Verlage, wie die von Christiane und Nikola, gibt es inzwischen immer mehr: CulturBooks von Jan Karsten und Zoë Beck verlegen ebenfalls eBook-only, Das Beben bringt die Novelle zurück, es gibt Projekte wie A Story A Day oder Fiktion. Alle diese Unternehmen werden von Menschen betrieben, denen die Literatur am Herzen liegt, alle Produktionen sind sorgfältig verlegte Bücher und Geschichten. Eine goldene Nase hat dort niemand und wird sie sich auch so schnell nicht verdienen, es handelt  sich um die Arbeit von Idealisten.

Ich würde nie auf die Idee kommen meine Lektüre gedruckter Bücher einzustellen und auf das eBook umsteigen, ich würde, vor die Wahl gestellt, nie das eBook wählen, gäbe es auch Papier – aber es gibt Texte, die anders nicht veröffentlicht werden würden, obwohl sie es verdient haben. Um zu sehen was das eBook kann, sollte man die Publikumsverlage ausblenden und zu den eBook-only Verlagen surfen, hier gibt es die neue Art zu lesen, alles andere ist nur die schlechte Kopie eines Buches.

(Ausnahmen bestätigen die Regel, auch Publikumsverlage verwerten nicht ausschließlich ihre bereits gedruckten Werke: die Hanser Box enthält jeden Mittwoch einen Text eines Hanser Autoren, der exklusiv digital erscheint; derweil schraubt Karla Paul bei Hoffmann und Campe an dem digitalen Baby 1781.)

Nikolas Verlagsprogramm kann man inzwischen als Abo erwerben:

1000 Tode schreiben könnte ihr unter anderem hier erwerben:

Kein CoverChristiane Frohmann: 1000 Tode schreiben
eBook Version 1/4
EPUB, ohne DRM
Frohmann Verlag, Berlin 2014 Buch bestellen

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Folge 54books.

2s Kommentare

  1. […] in dieser Form realisieren. Tilman Winterling schreibt in seinem Blog 54 Books darüber zutreffend Eine neue Form – ein anderes Medium. Und genau dieses Neue begeistert mich. Da ich die Arbeit Christiane Frohmanns hochspannend und das […]

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