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Kategorie: Zeitschriftenkultur

Mit einer Idee und einem Arbeitstitel

Es heißt immer Debatte – Wolfram Schütte hat auf Perlentaucher eine Idee vorgestellt, die nicht diskutiert, sondern umgesetzt werden sollte: eine digitale „Zeitung für Literatur & literarisches Leben„; Arbeitstitel Fahrenheit 451.

Probleme des Print

Es gibt bereits sehr viele und vielfältige Informationen über Literatur im Netz. Neben den Online-Auftritten der großen Tages- und Wochenzeitungen, die alle eine Rubrik Kultur, Literatur, Feuilleton führen, haben sich in den letzten Jahren Einzelkämpfer und kleine Gruppen mit eigenen Magazinen und Blogs hervorgetan, die inzwischen eine nicht nur selbst hochgeschriebene, sondern tatsächliche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, bei Lesern und Verlagen erfahren. Während die Bandbreite des Feuilletons stetig sinkt, nur noch die Spitzentitel der großen Verlage besprochen werden, findet hier eine Gesamtschau des literarischen Lebens statt. Kleine Verlage, vergessene Klassiker, Lyrik, Graphic Novels, solche Themen, die für den gemeinen FAZ-Leser angeblich zu uninteressant sind oder nur in geringsten Dosen vermittelbar, finden hier ein Forum und werden freudig angenommen.

Dem Journalisten an sich kann man dabei keinen Vorwurf machen, er muss massentauglich sein, das ZEIT-Feuilleton kann nicht jede Woche einen Artikel über Arno Schmidt bringen, weil eben zu speziell, insgesamt zu wenige Leser, nur die paar Enthusiasten. Das Problem ist aber, dass insgesamt die Zahl der Beiträge zu und um Literatur leider immer weiter abnimmt, nicht nur die über Außenseiterthemen. Neben den angesprochenen Spitzentiteln wird eine etwas breitere Bandbreite nur noch zweimal im Jahr, nämlich zu den großen Messen, geliefert, auch hier Tendenz fallend. Dass die Zahl der Leser oder verkauften Bücher dagegen eklatant sänke, liest man nirgendwo, im Gegenteil. In den Chor des Sterbens des Print möchte ich nicht einstimmen, aber der Erfolg von Unternehmen wie Blendle zeigt, dass ein Umdenken nötig ist.

Probleme der Blogs

Besetzt man eine Redaktion, egal ob Blog, Magazin oder Zeitung, allerdings nur mit einem oder wenigen Spezialisten führt dies zwangsläufig in eine Einbahnstraße, die der des klassischen Feuilletons gleicht, nur noch viel enger zuläuft. Dazu kommt das Problem des Hobby- und/oder Gelegenheitsschreibers einen Kanal als Einzelner regelmäßig zu bespielen. So hatte ich in diesem Jahr häufig nur die Möglichkeit Monatsüberblicke statt langer Rezensionen zu schreiben, andere schaffen immerhin zwei, drei Artikel die Woche. Doch selbst diese Ausdauer führt nicht zwangsläufig dazu, dass, selbst bei geneigten Lesern, die Seite in den Lesezeichen abgelegt und jeden Morgen auf der Suche nach Aktualisierungen aufrufen wird. Warum auch, die Informationen kommen ja unregelmäßig. Die Follower müssen vielmehr über Feedabonnements, Twitter oder Facebook immer wieder auf die Seite gelockt werden. Die wenigstens Blogs dürften daher als einzige Informationsquelle für Interessierte dienen, denn wer liefert den Überblick, eine Plattform reichte hier (bisher) nicht.

Best of both worlds

Würde man aber die Stärken der beiden Medien, des klassischen (Zeitungs-)Journalismus und dieses diffusen Internetphänomens, bündeln, könnte daraus etwas mit sehr viel Mehrwert werden. Das Zusammenführen von einer festen Redaktion, mit Leitungs- und Sortierfunktion, mit dem Überblick wer, wann, was veröffentlicht, die dafür sorgt, dass regelmäßig hochwertige Inhalte angeboten werden und solchen Leuten, die hochgradig auf einzelne Themenfelder spezialisiert sind, weil sie eben (noch) nicht in den Mühlen des Mainstreamjournalismus zermahlen wurden, vielleicht auch nur weil sie nicht davon leben müssen. Dazu könnten noch Beiträge aus Verlagen kommen, die nicht zwangsläufig werbend sein müssen, wie bereits Plattformen wie das Logbuch von Suhrkamp oder 114 von S. Fischer zeigen, eine Perspektive, die in der Presse bisher viel zu wenig beachtet wird. Beiträge aus dem Maschinenraum der Literatur mischen sich mit denen von Berufskritikern, Autoren und Bloggern, alles überwacht von einem Gremium fähiger Redakteure. Dazu könnten Features zu Themenschwerpunkten kommen, wofür in Zeitungen kein Platz ist, Interviews nicht nur gedruckt, sondern zum Sehen und Hören, Buchtrailer, die Rezensionen begleiten, Interaktion mit den Nutzern und Lesern – alles ist möglich!

Literarische Krautreporter?

Es gibt bereits ein ambitioniertes Webmagazin-Projekt, das mit einem überaus soliden finanziellen Fundament eine gefühlte Bauchlandung hingelegt hat. Mangelnde journalistische Eigenleistung wird bemängelt, schlichte Linksammlungen und das Recycling von alten Beiträgen, dazu die Überpräsenz Tilo Jungs, vor allem aber der fehlende rote Faden. Stefan Niggemeier schrieb zu seinem Ausstieg bei Krautreporter:

Uns trieb die Lust an, ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren, aber nicht unbedingt eine gemeinsame redaktionelle Idee. […] Es fehlte etwas, das diese Geschichten verbindet — für uns Autoren und für die Leser vermutlich auch. […]

In den vergangenen Wochen hat sich dann stärker herausgestellt, was ein anderer „Krautreporter“-Ansatz sein könnte: Weniger getragen von den unterschiedlichen (Spezial-)Interessen der einzelnen Autoren, mehr bestimmt durch Themenschwerpunkte, die aus einer festen Redaktion entwickelt und produziert werden.

Die anfängliche Größe von KR anzustreben ist utopisch und braucht gar nicht das Ziel von zu sein. Doch spricht nichts dagegen aus deren Fehlern zu lernen und erfolgreiche Grundlagen des Projekts zu übernehmen. So dürfte Fahrenheit 451, wie Schütte im Ausgangsbeitrag selbst anklingen lässt, keine Veranstaltung von vielen Individualisten sein, sondern muss einer unabhängigen (!) Redaktion untergeordnet sein, die lenkt und sortiert, die Vorschläge für Neues macht und delegiert. Anders als die Krautreporter braucht man ein Profil und das bietet allein schon der eingegrenzte Themenkreis.

Vieles ist noch unsicher, die Debatte, die hoffentlich nicht allzu schnell zu einer leidigen wird, erst am Anfang: wo soll das Geld herkommen, wer soll mitmachen, Verlage integrieren, den Buchhandel, ja oder nein? Doch mit der Idee und einem Arbeitstitel lässt sich starten und wie schön wäre es, wenn ein großes unabhängiges Magazin für Literatur am Ende entstünde, zu wünschen wäre es der Medienlandschaft und – vor allem – den Lesern!

Dieser Artikel ist zuerst bei Perlentaucher erschienen.

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April 2015

Mein Zeitmanagement hat Unwucht bekommen: ich finde nicht die Zeit in Ruhe zu rezensieren, aber genug um derart viele Bücher zu lesen, dass ich mal den Stapel abarbeiten muss. Wie jeden Monat daher nun der Überblick:

493Plattform – Michel Houellebecq
– Muss man das Buch gelesen haben, um bei DuMont einen Klappentext schreiben zu dürfen? –

Lange vergriffen, endlich wieder da. Ein hervorragendes Buch, hervorragend aus dem Sumpf eines überschwemmten Marktes! Was aber genau möchte mir dieser Klappentext sagen:

Auf einer Reise nach Thailand verliebt sich der frustrierte Beamte und begeisterte Pornokonsument Michel in Valérie, die wie er an die segensreiche Wirkung des Sextourismus glaubt. Gemeinsam wollen sie einschlägige Clubreisen organisieren. Doch durch ein islamistisches Attentat wird der Traum vom Glück jäh zerschlagen…

Wer bitte, der nie etwas von Roman oder Autor gehört hat, soll ein solch beschriebenes Buch kaufen? Natürlich geht es bei Michel Houellebecq auch um Sex, wer aber dieses Thema derart in den Vordergrund stellt hat das Buch nicht gelesen oder nicht verstanden, hat Houellebecq nicht gelesen oder nicht verstanden. Es geht um Sexualität, um die Beziehung von Mann und Frau in der modernen Welt, um Einsamkeit und Ängste. Plattform ist ein tief berührendes und wahres Buch, ein Roman mit Sätzen wie „Man schafft sich Erinnerungen, um im Angesicht des Todes nicht ganz so allein zu sein.“ Michel vögelt, fickt und bumst viel, aber er sieht im ganzen Buch (man berichtige mich, habe ich etwas übersehen) keinen einzigen Porno, komische Begeisterung ist das. Valérie arbeitet in der Reisebranche und übernimmt Michels Ideen zum Sextourismus, Michels Anteil kann aber nicht als „organisieren“ beschrieben wird. Zuletzt der islamistische Anschlag, der wirklich zuletzt, nämlich ca. nach 5/6-teln des Buches geschieht, hätte ich von diesem Twist in einer Rezension berichtet, SPOILER hätte davor gestanden. Dieser Klappentext nimmt nur die Houellebecq-Schlagwörter und wirbelt sie durcheinander: Sex, Islam, Attentat.

Valérie: „Ich mag die Welt nicht, in der wir leben.“ Dürfte O-Ton Houellebecq sein. Diese Welt ist nicht abstoßend, wegen eines schlechten Klappentextes, aber der versaut mir die Laune.

686Meine Freunde – Emmanuel Bove

Victor Baton hat am 1. Weltkrieg teilgenommen und ist Invalide, mit einer winzigen Rente fristet er ein trostloses Leben in Paris. Die einzelnen Kapitel sind Abhandlungen über die einzelnen Freunde des einsamen Junggesellen. Doch keiner dieser Freunde ist ein solcher. Victor biedert sich an, schleimt und schmeichelt, doch niemand, auch nicht der Leser, mag ihn sympathisch finden. Eine deprimierende Lektüre wäre da nicht der pointierte Stil Boves, der genau beobachtet und in kurzen Hauptsätzen (Herr Schirach so geht das, denn es sind nicht nur kurze Hauptsätze!) Inneres und Äußeres seines Widerlings schildert. Die Geschichte des nach oben Buckeln und nach unten Treten.

Die Szene als Victor herausfindet, dass die hübsche Freundin seines Bekannten einen Makel hat, so abstoßend wie erheiternd:

Sie stand auf und kam auf mich zu.

Da ergriff mich Freude, so ungeheuer, daß ich stumm bleib. Das Gefühl, als ob ein warmer Hauch mein Gesicht liebkoste, ließ mich erschauern. Obwohl ich doch kaum überschwenglich bin, schlug ich Billard auf die Schulter. Trotz meiner Fröhlichkeit fühlte ich mich lächerlich, als ich die Hand zurückzog. Ich hatte Lust zu lachen, zu tanzen, zu singen: Billards Geliebte hinkte.

So sind sie die Freunde.

558Letters of Note – Shaun Usher
Ein Prachtband und Fest für jeden kulturgeschichtlich interessierten Leser, ein großformatiger Band voller Korrespondenz: Schriftsteller, Politiker, Künstler und der kleine Mann; Weltbewegendes und erheiternde Kleinigkeiten, Zorn und Liebe, Schlagfertigkeit und beleidigte Leberwürste, Rezepte, die die Queen versendet und Abschiedsbriefe, Bewerbungsschreiben und Antworten auf Fanpost. Jeder Brief ist von seinem Übersetzer in einem kurzen Notat eingeleitet und erläutert, bei jedem, soweit möglich, das abgelichtete Original abgedruckt.

721Konzert ohne Dichter – Klaus Modick
So Halbfiktionales schreiben ja jetzt alle (siehe auch Kastelau, Oona & Salinger, Pazifik Exil). Nun nimmt sich Klaus Modick, der schon, ebenfalls halbfiktional, in Sunset Lion Feuchtwanger über den Tod Brechts sinnieren lässt, Rainer Maria Rilke vor, der in der Künstlerkolonie Worpswede zu Gast ist.

Aufhänger ist das Gemälde Das Konzert (Sommerabend) Heinrich Vogelers, auf dem ein Platz leer geblieben ist, der laut Modick von Rilke eingenommen werden sollte. Anhand der Entstehung des Gemäldes zeichnet Modick eine Geschichte Worpswedes und der ersten Generationen, der dort lebenden Künstler, immer wieder (heim)gesucht von einem arg unsympathischen, überspannten Rilke.

Modick nutzt für seinen Roman zum Teil leider von allem etwas zu viel: Allegorien und Bilder, Alliterationen und Adjektive, Substantivierungen und Schnörkel. Und doch handelt es sich um eine unterhaltsame und bildende Lektüre, das Ende überraschend gut gelungen. Oder wie Modick Lichtwark über Das Konzert sagen lässt: „Die Leinwände der meisten Maler sind zwar frei von Schwächen, sind aber keine Bilder. Vogelers Bilder haben Schwächen, sind aber jedenfalls Bilder.“ Das sagt 54books auch über Das Konzert ohne Dichter.

497Fuckin Sushi – Marc Degens
Fuckin Sushi klingt ziemlich banal und ist doch nicht nur die Geschichte einer hochfliegend-tieffallenden Schülerband. Es ist die Geschichte des Erwachsenwerdens, ein Coming of age-Roman mit Musik.

Niels wohnt unglücklich in Bonn und mimt in der Schule den Außenseiter. Als er René kennenlernt und sie ihre gemeinsame Liebe zur Musik entdecken, gründen sie eine Band, in der sie sich komplett in ihrer Kreativität und ihrem Sound verlieren. Mit absurden Auftritten und nicht endend-wollenden Songs erspielen sie sich eine wachsende Fanschar und stolpern am Ende doch über die Differenzen von Pubertierenden.

Könnte alles trivial, vielleicht unterhaltsam, standard sein, aber Marc Degens zaubert herrlich verstörte Jugendliche in die Geschichte, die immer weitersuchen nach der perfekten Musik, der perfekten Freundin und den perfekten Freunden. Immer weiter machen worauf man Lust hat, am besten abrentnern sofort, das Erwachsensein direkt überspringen. Weil die Leidenschaft der Band so echt ist, das Entbrennen für eine Idee und ein Projekt aus jugendlichem Übermut jedem bekannt vorkommen dürfte und doch überall die Abgründe lauern, ist Fuckin Sushi nicht trivial oder banal, durchaus aber mit Untertönen unterhaltend.

„Nein“, schüttelte Kim den Kopf. „Irgendwann wird das albern und auch zu anstrengend. Ich wollte nie mit einem Haarteil auf der Bühne stehen.

Nie ist Fuckin Sushi albern oder anstregend! Ein tolles Buch über das Erwachsenwerden und gute Musik, Freundschaft und das Abrentnern.

940Aberland – Gertraud Klemm
Mehrfach habe ich die selten, aber wenn gut besprochene, Gertraud Klemm und ihr Aberland begonnen, mehrfach abgebrochen. Die Geschichte zweier Frauen zweier Generationen, Mutter und Tochter, Franziska und Elisabeth, begann mit einer Suada Franziskas in einem Satz über vier Seiten, ach hat sie es schwer mit dem Kind und ihre Promotion kriegt sie auch nicht fertig, weil ihr Mann so wenig hilft; der Lebensplan, die Wäsche, die Windeln, Abstillen, Altersabstand, zweites Kind, Kinderärzte, Schreibaby etc. pp. Nichts für mich denke ich kurz angebunden.

Doch ich lasse mich Wochen später erneut darauf ein, sehr zögerlich, und bin überwältigt. Ja, manche der geschilderten Szenen und Figuren sind fast zu abziehbildchenhaft die Klischees der gelangweilten, nicht verwirklichten westeuropäischen Frau, aber diese gibt es eben auch genau so. Die Sorgen um den Kindergeburtstag nehmen groteske Züge an, der längst verlorene Kampf um den Ehemann mit dessen jüngerern Geliebten und natürlich weiterhin der Wunsch der modernen Frau nach Erfüllung irgendwo zwischen Kind und Karriere, nicht aber gleichzeitig den Eindruck erwecken eine schlechte Mutter zu sein, dies sind wohl (ich mag das kaum abschließend zu beurteilen) die tatsächlichen Probleme zweier (oder mehr) Generationen Frauen heute.

Ein bisschen versteht sie das Publikum, das unterhalten werden will, diese jungen Künstler sind anstrengend, Literatur ist es, und die von Schriftstellerinnen noch mehr, immer diese Autorinnen mit ihren persönlichen Befindlichkeiten, kaum geben sie etwas von ihrem Privatleben preis, frisst ihnen das Publikum aus der Hand, Selbstmitleid auf Honorarbasis, ob sich das nicht rächt, ich hätte auch Autorin werden sollen, dann könnt ich meine pummelige, komplexbelandene Mutter unter Aspik auf einem Silbertablett servieren, denkt sie, meinen notorischepolygamen Vater häppchenweise als Beilage und meinen Bruder, den Steuerfachtrottel, als Nachtisch.

Aberland ist in diesem Zitat fast komplett enthalten: Klemm sollte sich trauen mehr Punkte zu setzen, aber sie beobachtet genau und beschreibt in einem zynischen Ton auf den Punkt. Im Verlauf der Lektüre lässt es einen Schaudern wie sie auf die Welt sieht, man verzweifelt wie ihre Protagonistinnen in deren Leben aufgerieben werden und doch immer weiterstrampeln. Die Autorin schreibt in einer ganz offenen Sprache über Sexualität, Sex und Erotik, kommt dabei aber ganz ohne das zuweil Plakativ-Aufdringliche eines Houellebecq aus, dessen Pessimismus sie dagegen übernimmt. Mir wird zum Weinen als mir vorgeführt wird, dass der Rest des Lebens eines Westeuropäers nur noch darin besteht zuzusehen wie man mit dem Alter verlischt, Persönliches und Erreichtes bedeutungslos wird, bis wir dement werden, nur noch da sitzen und uns einpinkeln.

Dieses Buch ist grandios, zwischen Plattformen und Sibylle Bergs Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Sollte ich eines der drei wiederlesen, so würde ich sofort zu Aberland greifen!

019Kommisar Lukács – Zeitschrift für Ideengeschichte (Hrsg.)
Fast nur der monthly Raddatz und doch eine doppelte Entdeckung. Georg Lukács war ein ungarischer Philosoph und Literaturkritiker. Ein könnte hier auch für der stehen, denn der Adorno des Ostens, wie Raddatz ihn in einem seiner letzten Interview nennt, gilt als wichtiger Erneuerer der marxistischen Theorien. Ursprünglich nur wegen des Interviews erworben, las ich mich fest. In diesem Magazin, das beim C.H.Beck Verlag betreut und gedruckt wird, stimmt vieles. Ausgewählte Fachleute, hier unter anderem nicht nur Zeitzeugen, sondern auch eine Schülerin Lukács‘, schreiben auch für den Laien verständliche Artikel und Essays vierteljährlich zu einem Oberthema.

Sofort beginnt man querzulesen, notiert den viel gerühmten Essay Lukács‘ über Balzac oder Thomas Mann, muss aber leider feststellen, dass fast alle seine Arbeiten heute nur noch schwer zu bekommen sind, beginnt darüber nachzudenken sich mal wieder mit neuerer Philosophie zu beschäftigen, der Geschichte Ungarns und so geht es in einem fort.

Zum Reinlesen mal auf der Seite der ZIG mal vorbeischauen, hier gibt es von älteren Ausgaben ausgewählte Artikel in Gänze kostenlos oder direkt beim Verlag das Abo bestellen.

008Kunst hassen – Nicole Zepter
Nicole Zepter, die designierte Chefredakteurin von Neon und Nido, hat ein Problem mit dem Kunstbetrieb.

Ausstellungen heute sind auf die Passivität des Besuchers angelegt. Sehen, staunen, nichts verstehen.

Mit dieser Ansicht steht sie, außerhalb des inner circle, sicher nicht alleine da. Einige Wenige bestimmen welche Künstler angesagt sind und hängen ihnen Etiketten um: bedeutenster, wichtigster, einflussreichster, meist kopierter XYZ seiner Generation. Der normale Besucher wird dagegen zum Laien degradiert und als dieser klein gehalten, weil man nicht offenbaren möchte, dass man etwas nicht versteht, nickt man wissend oder zuckt resigniert die Schultern.

Die Autorin seziert eine ganze Branche und zeigt deren Schwächen auf. Endlich kann jeder wissend nicken, der im letzten Quartal in einem Museum war. Dümmliche Texte, Superlative, unfreundliche Wärter, warum überhaupt Wärter, Kunstpädagogik von oben herab, Unwissen und aufgesetztes Insidertum. Flüssig liest man sich durch das amüsante Buch, doch fragt nach 2/3 wann denn nun die konstruktiven Vorschläge zum Bessermachen kommen.

Zepter schlägt vor die Wärter besser auszubilden, so dass diese den Gast zumindest ein bisschen an die Hand nehmen zu können, Anstöße zu einer anderen Form des Nachdenkens über Kunst zu geben. Hmm, das will doch moderne Museumspädagogik auch, nur dem Wachmann mal den Katalog zu lesen zu geben, wird da nicht reichen. Sie bemängelt auch die üblichen Abläufe – Pressetext, Eröffnung, Einführung, Katalog, Beschriftungen an den Werken auf bunten Wänden – doch übersieht sie hierbei auch, dass viele Besucher sich gar nicht mehr einlassen wollen, man lässt die Eindrücke auf sich einplätschern und kann hinterher behaupten im MoMA, in der Tate oder im Louvre gewesen zu sein. Nicht nur der Sender, auch der Empfänger muss umdenken.

Gegen Ende wird Kunst hassen, trotz des löblichen Ansatzes, ziemlich redundant im ewigen Vorwerfen, dass die Autorin ein Problem mit den oben zitierten Superlativen hat, ist dem Leser inzwischen bestens vertraut und wird doch noch einmal bekräftigt. Aber mit den Superlativen ist es wie mit Wiederholungen irgendwann nerven sie.

Am Ende, weil weder Zepter noch mir des Rätsels Lösung eingefahllen ist, bleibt es wohl auch in Zukunft häufig bei der Aussage, die ein Hamburger Kunsthallen-Besucher dort ins Gästebuch schrieb: „Für 9 Euro Eintrittsgeld kaufe ich mir lieber einen Besen.“

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Gleichmacher über Meinungsmacher

Blogger* sind ein eitles Volk. Mit inhaltlicher Kritik an ihrer Arbeit können die meisten umgehen, nicht aber mit der Frage nach der Existenzberechtigung von Blogs im Allgemeinen. Unter dem Titel Jetzt reden wir! – Buch-Blogger: Die neuen Meinungsmacher in der Literatur? wurde am letzten Samstag in Göttingen eine Podiumsdiskussion mit Stefan Mesch und Harun Maye geführt. Die Ergebnisse** dieser Veranstaltung schlagen nun leichte Wellen, denn Maye bezeichnete im Verlauf der Diskussion Blogs als „das Schlechtere vom Schlechten“. Viele würden einfach nur das Feuilleton kopieren und das auch noch dürftig. (Er gibt aber ebenfalls zu bedenken, dies fällt in der losgetretenen Diskussion etwas unter den Tisch, dass auch das Feuilleton inzwischen nicht immer den eigenen hohen Ansprüchen genügt.)

Statt einer allgemeingültigen Antwort zur Existenzberechtigung (warum sollte es eine solche auch nicht geben?) sollte man sich anhand zweier Fragen dem Spannungsfeld Feuilleton ↔ Literaturblog nähern. Für wen schreibt der Blogger und wie tut er das?

Die meisten schreiben mit einem persönlichen Einschlag, denn sie erhalten ihre Glaubwürdigkeit (gerade) nicht über den Namen ihres Mediums, sondern erlangen diese durch ihre Authentizität und den persönlichen Bezug zum Leser, so entsteht eine Art Vertrauensverhältnis. Jeder der hier regelmäßig liest, lernt mich kennen, denn in vielen Besprechungen steckt eine ganze Menge meiner Vorlieben und auch persönliche Geschichten. Meine Texte sind, und das meist sehr deutlich, subjektiv, daraus mache ich keinen Hehl. Zeitungen dagegen berichten, es sei denn in einer Glosse oder Kolumne, objektiv. Von meiner Person und meinen Vorlieben lassen sich für den Leser konkrete Erkenntnisse gewinnen: Meine Stammleser, the happy few, wissen inzwischen welche Art Bücher ich lese, welche ich lobe, feiere oder nicht ertragen kann. Vielleicht sagt also der ein oder andere, wenn der das gut fand, könnte es auch für mich interessant sein und ein „Wenn er das schlecht fand, werde ich es mögen“ wäre für mich ebenso vollauf in Ordnung. Die Texte selbst richten sich prinzipell an Leser mit ähnlichen Vorlieben, aber auch an solche mit Drang über den Tellerrand. Wer aber meinen Stil nicht mag, meine Geschichten langweilig findet, wird sich hier, eben aufgrund der starken Subjektivität, nicht wohl fühlen und auch nichts mit den Besprechungen anfangen können, selbst wenn das Buch vielleicht etwas für ihn wäre.

Die Qualität der eigenen Besprechungen kann man nur schwer einordnen. Ich gehe sehr selbstbewusst davon aus, dass ich auf bestimmten Gebieten belesener bin, als mancher Literaturwissenschaftler. Denn ein Hochschulstudium allein bietet keine Gewähr für Expertentum, gleichmaßen gilt das für einen Posten im Feuilleton einer Zeitung. Dagegen wird es unzählige, unstudierte, Juristen*** z.B. in der Verwaltung geben, die mich auf ihrem Gebiet locker in die Tasche stecken. Soll ich nun aus Neid (oder was auch immer?) die Notwendigkeit ihrer Arbeit in Abrede stellen? Soll ich ihre Arbeit klein reden, damit ich besser dastehe? Nur weil ich fünf Jahre Dinge studiert habe, die ich in der Praxis nicht anzuwenden brauche, weil ich vermeintlich das große Ganze überblicken kann, das der Praktiker nicht versteht? Im Bereich der Literaturkritik verstehe ich mich als Praktiker und bin der Meinung, dass ich auch ohne Kenntnisse des Althochdeutschen, einen modernen Text ganz ordentlich einordnen und bewerten kann. Nie aber wäre ich so vermessen zu behaupten, dass meine Texte literaturwissenschaftlichen Kriterien genügen würden oder könnten, denn das können sie nicht. Wen es dann aber überrascht, dass es große Qualitätsschwankungen unter Blogs gibt, stellt auch das ZEIT Feuilleton und das einer Provinzzeitung**** auf eine Stufe oder den Juraprofessor mit der Sachbearbeiterin im Schifffahrtsamt.

Das laute Zetern des Feuilletons gegen jede andere Form der Literaturkritik ist wohl vor allem der eigenen Existenzangst geschuldet. Eine Verlagsmitarbeiterin hat mir neulich erzählt, dass selbst die Besprechung in einer der großen Zeitungen nur ein kurzes und nicht nachhaltiges Klettern im Amazon-Ranking verursacht (selbst Idealisten wollen ihre Bücher verkaufen), das Feuilleton wird somit als Werbefläche immer uninteressanter. Blogger dagegen haben ihre feste Zielgruppe, hier treffen sich Gleichgesinnte und empfehlen sich gegenseitig Bücher. Blogger besprechen Bücher abseits des Mainstreams, das noch Jahre nach Erscheinen und in einer Breite, die von Zeitungen, allein aufgrund der Flut an Neuerscheinungen, nicht mehr ansatzweise abgedeckt werden kann: Graphic Novels werden mal im Rahmen eines Hypes im Feuilleton besprochen, während Tobi dies fast ausschließlich tut; Klassiker werden zu einem Jubiläum vorgestellt, mal eine Neuübersetzung besprochen, für die große Gruppe der Klassikerfreunde bleibt sonst aber nur das Internet. So wird meine Don Quijote Besprechung über hundert Mal die Woche gelesen, ohne dass ich sie besonders bewerben würde oder müsste, es gibt nur anscheinend viele Leute, die Interesse hieran haben und informiert werden wollen. Google schickt sie dann zu mir, weil sie diese Informationen nur bei mir oder an wenigen anderen Orten finden. Will das Feuilleton nicht nur noch sich selbst, sondern auch Lesern, Autoren und Verlagen dienen, muss es umdenken oder die Vorzüge von Blogs anerkennen. Die Verlage habe die Vorzüge schon lange entdeckt.

Wenn aber Berufskritikerinnen wie Sigrid Löffler sagen, dass die Literaturkritik durch Blogger entprofessionalisiert würde, weil diese „zumeist nur ihre unüberprüfbaren Bauch-Urteile und willkürlichen Begeisterungsanfälle ins Netz [schütten]“, für ihre Besprechungen meist nicht mit ihrem eigenen Namen stehen und weder „ihre Glaubwürdigkeit, noch ihre Unabhängigkeit noch ihre professionelle Legitimation überprüfbar [sind]“, mag dies für anonyme Kritiken bei Amazon gelten. Mir kann man gerne jederzeit eine Email schreiben und ich stehe mit meinem Namen, für das was ich hier von mir gebe, bei Rezensionsexemplaren bleibe ich unabhängig und sage deutlich meine Meinung (mit direktem Bezug dazu z.B. hier und hier). Oder wann hat Frau Löffler oder selbst der kleinste Popanz im Käseblatt von Jottwede das letzte Mal das besprochene Buch selbst gekauft? Ich, als der von Frau Löffler als durch „nichts legitimierte Laie“, legitimiere mich durch Leidenschaft, zwanzig Jahre Leseerfahrung und über 100 gelesene Bücher im Jahr.

Natürlich bleibt das Betreiben des Blogs Hobby und weil das Redigieren eines Textes bei mir länger dauert als das Schreiben selbst, bleiben auch nach der dritten Durchsicht Fehler und Stilbrüche – anders als der Journalist von xyz bekomme ich aber auch kein Geld für meine Arbeit. Und Arbeit ist es ja ohne Frage. Doch die Qualität allein an einer spezifischen Ausbildung oder dem Namen des Mediums festzumachen, ist leider schlicht dumm.*

Und am Ende bleibt es so einfach: Jemand schreibt einen Text, stellt ihn zur Verfügung (gratis oder gegen Geld) und ob man ihn dann liest, steht jedem frei. So handhabe ich es schon immer, sowohl bei Blogs als auch bei Zeitungen. Einem von beiden Medien deswegen die Daseinsberechtigung abzusprechen, käme mir aber nicht in den Sinn.

*Für alle Berufsgruppen in diesem Artikel gilt das alte Spiel von „Ausnahme und Regel“. Es gibt herausragende Blogger, ebenso wie schlechte Kritiker im Feuilleton, schlechte Juristen mit Doktortitel und Ministeramt, herausragende Juristen im Bezirksamt Buxtehude, das ist die Natur der Sache.
**Beiträge außerdem noch von Sophie, Petra und Stefan.
***Mein Brotberuf.
****Dieser Satz muss eigentlich sofort wieder relativiert werden, wenn ein Ein-Mann-Feuilleton besser ist als eine große Redaktion, dann ist das eben so und soll vorkommen, gleich welcher Name oben auf der Seite steht.

———–

Eigentlich, das darf ich nicht verschweigen, bin ich mit Herrn Maye, legt man dieses Interview zugrunde, ziemlich einig in seiner Einschätzungen zu einer spezifischen Sorte Blogs. Problematisch werden diese Einschätzungen nur, wenn sie diese spezifische Sorte als Allgemeinheit dargestellt werden. Denn alle Blogger in solche Schubladen zu stecken, ist falsch, vgl. exemplarisch meine Blogroll.

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Wozu zahlen?

Ausganglage. Erst habe ich noch den Luxus der eReader Version der ZEIT gelobt, heute muss ich mich beschweren. Es geht dabei um ein Problem, das scheinbar jede große Tages-/Wochenzeitung hat: das Onlinestellen ihrer Printartikel.

Die FAZ, die SZ und die ZEIT hatten mich bereits als Abonnenten ihres Blattes und zwar in physischer Form (Abonnent und Blatt). Die SZ kostet (außerhalb Bayerns) 51,90 €, die FAZ (außerhalb Rödelheims) 49,90 € mit FAS 56,90 €, die ZEIT gibt es für umgerechnet 17,30 € (alles Monatspreise). Mein Vorteil liegt auf der Hand: ich bekomme das jeweilige Produkt,  meist bevor ich aufstehe, meist vergünstigt zu mir nach Hause geliefert. Wetter, (meine) Krankheiten und Befindlichkeiten stellen sich nicht zwischen mich und meine morgenliche Lektüre, solange ich es nur zum Briefkasten schaffe.

In meiner romantischen Vorstellung sitze ich also mit meiner Frau am Frühstückstisch, sie reicht mir den Politikteil, ich ihr im Gegenzug das Feuilleton. Entspannt und beglückt wohl informiert kann ich also mein Tagwerk beginnen, beim Starten meines Browers lachen mich auf meiner Startseite FAZ/SZ/ZEIT aber genau die Artikel an, die ich gerade las. Klar auf einem Bildschirm (finde ich nicht so cool), aber gratis (finde ich cool).

Dieses Problem taucht in zwei verschiedenen Ausprägungen auf.

Variante 1: Schon vor dem Wandel aufgrund der Dynamik des Internets, auch wenn dieser seit Jahren als der ständig beschworene Tod des Prints ausgemacht wird, waren die News der Tagespresse bereits während des Druckvorgangs veraltet. Bei vielen Nachrichten interessiert den Tageszeitungsleser aber nicht jedes Detail. Natürlich will er richtig und möglichst umfassend informiert werden. Viele Meldungen bleiben, entgegen dem beharrlich betonten Wandel, aber in ihrem Inhalt weitgehend statisch. Einzelheiten mögen sich ändern, der Kern der Nachricht bleibt. Für Hintergründe und Analysen ist meist sowieso längerer Vorlauf nötig um fundiert darüber berichten zu können. Diese werden in Kommentaren, Leitartikeln oder ähnlichem in den nächsten Tagen aufgearbeitet, quasi nachgereicht, falls überhaupt noch jemand Interesse zeigt, hier ist die Dynamik (der Zeit, nicht des Internets) wirklich der Tod (allerdings nur der Nachricht). Für rasche Veränderungen, Katastrophen- und Wasserstandsmeldungen war früher schon das Radio zuständig. Die Tagespresse wird also nicht dadurch obsolet, dass die Welt sich weiterdreht, denn eine Meldung veraltet nicht zwangsläufig innerhalb von 24 Stunden. Der Kauf der Zeitung nur ist überflüssig, wenn ich die Artikel 1:1 auch online abrufen kann.

Variante 2: Was macht die Artikel der Wochenzeitung aus? Hintergründe, Analysen, lange Reportagen, Besprechungen und Empfehlungen, nichts ist zwingend tagesaktuell. Meist wird, je nach Zeitung und politischer Großwetterlage, wird das Titelthema entsprechend angepasst. In Wahlkampfzeiten sind es aber nicht die Schilderung des Currywurstverzehrs von Grün- und Gartenbauminister X in Y, der morgen schon wieder in Z weilt um dort Weißwurst zu speisen (Sachen für die Tagespresse von Y und Z), sondern seine undurchsichtigen Geschäfte mit der Waffenlobby, die den Griff zur Wochenzeitung o.ä. Format lohnen lassen. Ob ich den Artikel zwei, drei Tage liegen lasse, lässt diesen nicht weniger aktuell werden, weil dessen Aktualität eine ganz andere Halbwertzeit als die der Tagespressennachricht hat.

Problem: Die Breaking News beziehe ich aus dem Netz, bezeichnenderweise meist vom selben Anbieter wie meine Printausgabe, bezeichnenderweise meist den gleichen Artikel wie dort, nur aktueller. Abgesehen von der Frühstücksromantik brauche ich also diesen Teil der Zeitung nicht (mehr). Die Hintergründe aber, die mir meine Wochenzeitung liefern soll, bekomme ich von dieser, gegen Geld, schließlich bin ich bereit für guten Journalismus zu zahlen. Dann finde ich aber am Montag also nur ein Wochenende vom Erscheinen der donnerstäglichen ZEIT 51/2013 entfernt z.B. die 99 Fragen an Frau Schöneberger aus dem Magazin, das Interview mit Christoph Waltz, den Artikel über den geplanten Rufmord Willy Brandts, aber auch die Titelstory von voriger Woche, ebenso der Beitrag über Palliativmedizin. Brauche ich das brühwarm, sofern man diesen Zeitpunkt hier überhaupt bestimmen kann, auf dem Tisch? Nein! Muss ich dafür Geld bezahlen? Anscheinend auch nicht, gibts ja alles online, nur halt etwas später. Die Verzögerung ist bei solchen Themen wirklich zu verschmerzen, wenn nicht gar irrelevant.

Henne oder Ei? Nun mag jemand einwenden, dass nicht die ganze Ausgabe online gestellt wird, kleine Fitzelchen bleiben der Printausgabe vorbehalten, wenn aber gerade die herausragenden Stück später gratis verteilt werden, sehe ich keinen Grund mehr die Printausgabe zu kaufen. Jaja, das sind aber außerdem Artikel einer Ausgabe, die bereits wieder vom Markt ist, diese Resteverwertung ist bei teurem Journalismus also nur legitim! Diese funktioniert allerdings auch nur solange bis keiner mehr die Printausgabe kauft und die Reste- so zur Erstverwertung werden muss. Übrigens war die Zeitung selbst früher die Paywall: wer sie kauft bekommt deren Inhalt, wer nicht nicht.

Vielleicht. Es mag so sein, dass es an der Gratismentalität des Internets liegt, aber vielleicht lassen sich solche Probleme nur durch kostenpflichtige Premiumportale auffangen, vielleicht nur durch eine klare Trennung Print/Online. Die BILD ist hier Vorreiter, trotz nicht ernstzunehmender Inhalte, Anlaufschwierigkeiten und Kritik. Warum nicht eine gemeinsame Online-Plattform eines Qualitätszusammenschlusses der großen Zeitungen unabhängig von deren Printangebot. Möglicherweise sind es irgendwann auch nur noch einzelne Journalisten/Blogger, die für einzelne Beiträge direkt von ihren Lesern entlohnt werden. (Ähnlich hat es Harald Martenstein in unserem Gespräch angesprochen.)

Fazit. Das Problem ist nicht, dass der Qualitätsjournalismus ausstirbt, sondern dass er sich lachend ins selbstgeschaufelte Grab stürzt. Zahle ich erhalte die gleich Qualität, wie in der gratis Version, wozu also zahlen?

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Krachkultur

„[…] wie kommt es denn, dass immer mehr Menschen psychologische Beratung brauchen, obwohl sie tagein, tagaus Ratgeber lesen, die ihnen das schöne Leben beibringen sollen?“ Die Antwort hat der schlaksige Mann mit den dünnen Haaren und dem norddeutsch trommelnden Zungenschlag parat: Weil die Menschen abgespeist werden mit Künstlichkeit. Weil ihnen der „Kontakt mit der Weltliteratur“ fehlt. Weil die Bücher, die sie lesen „nicht wehtun, keine Erkenntnisse eintreiben, sondern nur den Kopf streicheln und die Sinne ablenken.“

Aus: Lizenz zum Wehtun von Alexander Kissler in Cicero Juli/13 über Martin Brinkmann und die von ihm verlegte Zeitschrift „Krachkultur“

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Gespräch mit Harald Martenstein oder Interview mit Vogelscheiße

© C. Bertelsmann Verlag
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An keinen meiner bisherigen Gesprächspartner, auch die noch nicht veröffentlichten, war es so schwer heranzukommen. Über seinen Verlag kam keine Antwort, auch die ZEIT blieb stumm und als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, leitete der Tagesspiegel meine Email an ihn weiter und er schrieb zurück. “Interview: gerne!” und seine Handynummer ließ er mich wissen, nur erreichen konnte ich ihn auf dieser nicht – unterwegs in Hamburg auf dem Harbour Front Literaturfestival. Also spreche ich Harald Martenstein auf die Mailbox und er ruft mich am nächsten Tag zurück. Zugegeben ein erhebendes Gefühl, wenn “Harald Martenstein ruft an” auf dem eigenen Handydisplay erscheint. Wir haben einen Termin ausgemacht, uns getroffen und unterhalten. Wir sprachen über modernen Journalismus, Blogs, neue und alte, gute und schlechte Bücher, solche die man seinen Freunden aufdrängt und Kritik an politisch inkorrekten Kolumnen. Das Ergebnis dieses interessanten, lustigen Gesprächs mit einem Kultur- und Gesellschaftskritiker, der unfassbar belesen ist:

Ihre Kolumne

54books: Gefühle – Rentner – Busen – Teamwork – Carla Bruni; Das ist von allem etwas. Gibt es Themen, die auch ein Harald Martenstein nicht anfasst?

Harald Martenstein: Da würde ich zunächst mal nein sagen. Ich habe Kolumnen geschrieben, die Über Juden hießen oder Über Neger. Ich glaube, dass man zu jedem Thema einen Dreh finden kann, was nicht bedeutet, dass man über jedes Thema lustig schreiben kann. Aber die Kolumne ist ja auch nicht immer lustig, wenn ich mal das Gefühl habe, dass es keinen humoristischen Aspekt gibt, lass ich’s bleiben. Aber für mich ist nicht wichtig, dass sich daraus der Humorfunke schlagen lässt, sondern dass ich einen Zugang zu dem Thema finde und das ist bei jedem Thema möglich.

Themen, die nicht machbar sind, sind Themen die mich überhaupt nicht interessieren. Nicht irgendwelche Tabus würden mich abschrecken, sondern Dinge, die mich einfach nicht interessieren.

54books: „Ein Land, das von Kindern regiert wird, stelle ich mir so ähnlich vor wie Uganda unter der Herrschaft von Idi Amin. Bestenfalls käme Italien unter Silvio Berlusconi dabei heraus.“ Diese Aussage ist genauso lustig wie politisch unkorrekt, ebenso Ihre Forderung nach einem Mahnmal für die rauchende Frau im Dritten Reich. Dürfen Sie das einfach sagen, weil man weiß, dass der Martenstein dabei zwinkert oder ist das die Narrenfreiheit des Kolumnisten?

Harald Martenstein: Was die ZEIT angeht habe ich, nicht völlige, aber weitgehende Narrenfreiheit. Ich glaube, dass ich fast alles machen kann. Das ist am Anfang meiner Kolumnistentätigkeit noch nicht so gewesen, aber als dann die Akzeptanz da war, sind die Grenzen weitergefasst worden.

Was politische Korrektheit angeht, glaube ich aber, dass man es nicht zu einer Masche machen sollte, dass man immer dagegen ist. Das bin ich auch gar nicht. Ich finde es falsch Leute zu beleidigen, Leute zu diskriminieren. In vielerlei Hinsicht stehe ich ganz auf der Seite der politischen Korrektheit, nur dann, wenn es ins Wahnsinnige umschlägt… Es gibt ja kaum etwas Gutes unter der Sonne, das sich durch gewaltige Übertreibung nicht in Terror verwandeln kann. Zuneigung zu Menschen ist was Wunderschönes, aber wenn Ihnen ein Mensch jahrelang auf Schritt und Tritt folgen würde und Sie mit seiner Zuneigung erdrückt, Ihnen keine Luft zum Atmen lässt, dann schlägt es ins Negative um – so ist es mit allen Sachen.

54books: „Ein Artikel, der nicht angreifbar ist, kann nur völlig inhaltsleer sein“, sagen Sie in einem Videobeitrag des Tagesspiegels. Sie schreiben jede Woche angreifbare Artikel, weil Sie Stellung beziehen. Viele Leute fühlen sich dann wieder auf die Füße getreten. Denken Sie da nicht manchmal auch, dass es besser wäre inhaltsleer zu schreiben?

Harald Martenstein: Ich merke, dass ich manchmal ein bisschen Nerven zeige und denke, du brauchst mal ein paar Wochen, in denen du keine Hassmails kriegst und dann schreibe ich mal zwei, drei Wochen über summende Bienen – als Synonym für Themen ohne Aufregefaktor. Aber das ist immer nur von begrenzter Dauer. Ich kann aber auch gar nicht klagen, weil ich mehr Zuspruch als Ablehnung bekomme. So gesehen wäre es absolut unangebracht von mir die Jammerplatte aufzulegen. Es ist ja auch nicht so, dass ich irgendeiner Form der Verfolgung ausgesetzt wäre [lacht], überhaupt nicht. Dass man hin und wieder mal angegriffen wird oder ein Kollege versucht einen in die Pfanne zu hauen, weil man irgendwas geschrieben hat, was ihm gegen den Strich geht, das gehört halt zum Geschäft dazu, wenn man das nicht abkann, dann muss man schweigen.

54books: Wie gehen Sie mit der Kritik um? Wollen Sie darauf eingehen, blocken Sie das ab oder nehmen Sie es sich zu Herzen?

Harald Martenstein: Kritik grundsätzlich abzublocken ist dumm. Man muss sie sich erstmal anhören, sacken lassen und prüfen, ob sie berechtigt ist. Manchmal ist sie ja auch berechtigt. Einzugestehen ist da nicht immer ganz einfach, aber so ist es nun mal. Ich habe auch schon Dinge geschrieben, die mich im Nachhinein gereut haben. Manchmal stoße ich auch auf ältere Texte von mir, da denke ich mir, das hättest du besser machen können. Niemand ist unfehlbar. Ich mach auch Fehler, auch sachliche Fehler, in Texten. Den Menschen der soviel Text schreibt, wie ich das tue, und keinen sachlichen Fehler macht, den würde ich gerne mal kennenlernen. Ich kenne aber auch Leute, die so skrupulös, so perfektionistisch sind beim Schreiben, dass sie im Jahr nur zwei Texte zu Stande bringen. Ich will das gar nicht geißeln, wenn diese Texte sehr gut sind, ist das ja in Ordnung, mir würde es nur Leid tun, um die vielen Dinge, die man hätte machen können. Ich schreibe seit vielen Jahren jeden Tag und für mich ist das so wie für andere das regelmäßige Joggen, es gehört zum Leben dazu.

Ich unterbreche die Aufnahme, weil ich immer Angst habe, dass die Aufzeichnung nicht mitgelaufen ist. Harald Martenstein berichtet über seine Tätigkeit an der Journalistenschule in Hamburg, dass ihm das selbst auch schon passiert sei, dass das Gerät nicht aufgezeichnet hat; ebenso von einer Unterhaltung mit Hellmuth Karasek über das Nachvollziehen von verlorenen Interviews aus dem Kopf.

54books: „Der Autor ist tot.“ Sind bei der Flut von Bloggern und anderen Menschen, die ins Internet schreiben alle Autoren? Blogger sind da ja wie Kolumnisten.

Harald Martenstein: Die Leute haben ja früher auch viel geschrieben – Tagebücher, Briefe auf einem ganz anderen Level, als das was wir heute als E-Mails verschicken. Dass Leute schreiben ohne vom Schreiben zu leben, hat es immer gegeben. Ich lese öfter in Blogs herum und das unterscheidet sich zum Teil kaum im Niveau von journalistisch Gedrucktem, andere sind sehr amateurhaft. Aber Sachen die amateurhaft sind und nicht gut, finde ich auch in Zeitungen nicht gut.

Ich mache mir allerdings Sorgen darüber, dass es in naher Zukunft sehr schwer werden könnte vom Schreiben zu leben. Ich werde wahrscheinlich die Kurve noch kriegen.

54books: Ich finde Ihre Kolumnen und fast das gesamte ZEIT Magazin nach wenigen Tagen online, ebenso den Feuilleton der FAS, der Süddeutschen. Das sind alles Themen, die nicht tagesaktuell sind oder sein müssen. Diese Informationsbedürfnisse kann ich auf ganz anderen Kanälen befriedigen. Aber warum gibt es denn alles andere ebenfalls gratis? Muss Journalismus kostenlos sein?

Harald Martenstein: Er darf nicht kostenlos sein, um sich finanzieren zu können. Sie werden vielleicht einen Kolumnisten finden, der es für lau macht, aber Sie können natürlich niemanden auf eine Reportage irgendwohin schicken, wenn zwei, drei Wochen Recherche erforderlich sind. Ich bin früher für GEO unterwegs gewesen, die haben mir dann eine vierwöchige Reise bezahlt, damit ich darüber einen Text schreibe, das geht natürlich nur, wenn Geld vorhanden ist.

Das ist gefährlich. Ich habe aber kein Rezept dagegen. Jetzt versucht man es mit Bezahlschranken, aber ich weiß nicht, ob das akzeptiert wird, ich hoffe es. Ich selber habe, wie viele Leute, mal drüber nachgedacht mich selbstständig zu machen und meine Texte online zu stellen und wer 50 oder 30 Cent dafür bezahlt, kriegt sie dann halt, aber ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert. Damit kann man auch böse auf die Nase fallen.

54books: Gibt es Blogs vor denen der Print Angst haben muss?

Harald Martenstein: Ja, die Huffington Post zum Beispiel. Natürlich kann man mit den Onlineauftritten von ZEIT, Spiegel und Tagesspiegel gut über die Runden kommen, da braucht man keine gedruckte Ausgabe mehr. Die Zeitungen haben ihre Funktion als Nachrichtenüberbringer an das Internet verloren, aber dadurch steigt natürlich der Druck analytisch zu schreiben, unterhaltsam zu sein. Die Blüte der Kolumnen hängt auch damit zusammen, man braucht Unterhaltung. So gesehen haben wir Kolumnisten in der ersten Phase des Funktionsverlusts der Zeitungen profitiert. Jetzt sind wir aber in der zweiten Phase und keiner weiß genau wie es weitergeht.

54books: Sie persönlich sorgen sich noch nicht?

Harald Martenstein: Ich bin ja nun älter und glaube nicht, dass in unmittelbarer Zukunft alles zusammenbricht, aber wie es in 20 Jahren ist, weiß ich nicht. Jetzt mit 20 oder 25 in diese Medien zu gehen, ist natürlich ein Risiko.

54books: Machen Sie dann Ihren Studenten Mut oder raten Sie davon ab?

Ich glaube jeder Mensch sollte das machen was ihm Spaß macht. Mein Sohn hat jetzt angefangen Sport zu studieren und mein Rat war immer „Richte dich nicht nach irgendwelchen Prognosen, die sich ja auch ständig ändern, sondern wenn du das machst was dir Spaß macht, wirst du gut darin sein. Wenn du gut bist, wirst du dich auch in einer schrumpfenden Branche behaupten können“.

Auch wenn sich die Printlandschaft verändert und vieles schwieriger wird, die richtig guten Leute werden schon irgendwie eine Möglichkeit finden. Der Rat kann also nicht sein „lass das“, sondern „mach es gut“.

Ihre Bibliothek

54books: In Ihrer Kolumne Über Bücher beschreiben Sie, wie Sie Ihre Bibliothek einkochen wie eine gute Soße, weil Sie Ihren Bestand auf 2000 gedeckelt haben. Für jedes Buch, das Sie neu aufnehmen, muss ein anderes, welches Ihnen nicht oder nicht mehr gefällt, weichen.

„Ein paar Romane findet man so gut, dass man sie Freunde leihweise aufdrängt“, schreiben Sie. Welches war das letzte Buch, das Sie leihweise aufgedrängt haben?

Harald Martenstein: David Vann Im Schatten des Vaters und noch das zweite Buch von ihm Die Unermesslichkeit, dafür habe ich wirklich nach Kräften Reklame gemacht.

Kürzlich sollte ich für eine Fernsehsendung die drei Bücher meines Lebens raussuchen und da habe ich aus der neueren Produktion Sand von Wolfgang Herrndorf genommen. Dabei hatte ich Tschick gar nicht gelesen, weil mich der Plot nicht interessiert hat. Roadmovies habe ich schon so viele gesehen, Tom Sawyer und Huckleberry Finn habe ich gelesen, brauche ich nicht noch mal, dachte ich. Aber nachdem ich Sand gelesen hatte, habe ich das sofort hinterhergeschoben.

Man macht immer wieder die Erfahrung, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob die Geschichte, das Milieu, die Zeit einen interessiert – völlig egal. Die guten Autoren schaffen es dich dafür zu interessieren, auch wenn dich das Thema, die Umgebung überhaupt nicht zu interessieren scheint. „Bienenzucht im 17. Jahrhundert“ ich bin mir sicher, dass ein guter Autor es schafft ein Buch darüber zu schreiben, das wir beide lesen wollen.

54books: Die ebengenannten Bücher haben dann sicher auch Einzug in Ihre Bibliothek gehalten. Wissen Sie noch welche Sie dafür rausgeworfen haben?

Harald Martenstein: Weiß ich das noch? [überlegt] Ich habe vor einiger Zeit ein paar Romane von Emile Zola aussortiert, obwohl ich Zola schätze und viel gelesen habe, aber ich dachte Zola und ich, das ist ein abgeschlossenes Kapitel. [überlegt weiter]

54books: Es hat mir sehr gefallen, dass Sie [wie in der besagten Kolumne steht] Montauk von Max Frisch aussortiert haben, vor allem, dass Sie darüber zweimal eingeschlafen sind. Genau so ist es mir auch gegangen.

Harald Martenstein: Ja, ein Buch nur aus Angeberei stehen zu lassen, ist ja auch Quatsch. Das lernt man auch, wenn man sagt, der Bücherschrank wird gedeckelt. Da kann es schon mal passieren, dass der Proust verschwindet, ich werde den nicht lesen, es wird einfach nicht passieren.

54books: Haben Ihre eigenen Bücher einen Freifahrtschein für Ihre Bibliothek oder haben die ein eigenes Regal?

Harald Martenstein: Die haben im Keller ihren Platz. Ich habe von meinen eigenen Büchern auch mehrere Exemplare, weil man mal eins verschenkt oder auf der Lesung ist eines kaputt gegangen.

54books: Schwedenkrimi oder Tolstoi – was liest Harald Martenstein im Urlaub?

Harald Martenstein: Ich war gerade im Urlaub. Was habe ich denn da gelesen? – Eva Menasse, Quasikristalle. Von Stephen King habe ich, ich habe seit Jahren keinen Stephen King mehr gelesen, diesen Rummelplatz Thriller [Joyland] gelesen, eines seiner schwächeren Bücher. Was war denn da noch? Das fällt mir noch ein!

54books: „Der Titel ist die halbe Miete“ – wie überschreibe ich mein Interview mit Harald Martenstein?

Harald Martenstein: In Überschriften mische ich mich nicht ein, mache ich bei der ZEIT auch nicht.

54books: Ich danke Ihnen ganz herzlich, es hat mir große Freude gemacht!

Harald Martenstein: Sehr gerne!

Während ich meine Bücher zum Signieren zücke, fliegt über uns eine Möwe und scheißt mir auf den Arm.

Harald Martenstein: [lacht] Ein krönender Abschluss – Interview mit Vogelscheiße.

Wir plaudern über die Güte von Rezensionen bei Amazon, Literaturblogs im Allgemeinen und 54books im Besonderen, da fällt Herr Martenstein noch ein, dass er im Urlaub den neuen Kehlmann „F“ gelesen hat, aber nicht besonders fand, empfiehlt mir im Gehen noch „Nur eine Ohrfeige“ von Christos Tsiolkas und macht sich auf den Weg zur Lesung.

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Herr Mangold und ich – oder: Der Bildungsbürger liest Unterhaltungsliteratur

Den Artikel aus der Zeit von letzter Woche habe ich mir extra aufgehoben und sehnsüchtig gewartet bis er online erscheint, damit ich ihn hier verlinken kann. Ijoma Mangold gibt einen sehr interessanten Einblick in die Sicht des Feuilletonredakteurs auf Unterhaltungsliteratur.

Ich habe noch nie Dan Brown gelesen. Ich ging davon aus, dass ich literarisch nichts verpasse. Doch will man gern wissen, wie ein Roman beschaffen sein muss, der die Leute weltweit zu Leseratten mutieren lässt. Meine Vermutung bislang: Was sich so gut verkauft, muss Trash sein. Sie können, liebe Leser, mir gerne empörte Leserbriefe schreiben, weil Sie das für arrogant halten, aber ich sage Ihnen: Meistens liegt man mit dieser Arbeitshypothese richtig.

[…]

Also las ich meinen ersten Dan Brown. Und ich muss sagen: Ich habe mich von der ersten Seite an bestens amüsiert. Natürlich unter meinem Niveau, aber das ist nur eine Feststellung, kein Einwand. Und ich habe begriffen, warum diese Genre-Bücher so dick sein müssen: In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen. Und mir hat das Sujet von Inferno sofort gefallen. Ich würde mich ja tatsächlich am liebsten jeden Tag mit Dantes Göttlicher Komödie beschäftigen, da kommt Inferno gerade richtig, denn es ist eine leidenschaftliche Dante-Paraphrase.

 

Überhaupt: Dieser Inbegriff eines Massenerfolgs von U-Literatur betreibt einen bildungsbürgerlichen Klassiker-Kult, wie er in der E-Literatur so inbrünstig kaum mehr denkbar ist. Als hätte der Kanon, nachdem die Moderne mit ihm kurzen Prozess gemacht hat, in der Unterhaltungsliteratur Asyl erbeten. Die Hingabe, mit der Dan Brown die Namen von Dante, Botticelli, Brunelleschi oder Boccaccio buchstabiert, spricht dafür, dass es dort draußen, wo die großen Buchumsätze gemacht werden, eine gewaltige bildungsbürgerliche Sehnsucht gibt. Während einen also der Erfolg von Paulo Coelhos verlogenen Sinnstiftungsplattitüden an der Welt irre werden lässt, lehnt man sich bei Dan Brown entspannt zurück und denkt sich: Der Untergang des Abendlands sieht anders aus. Weiterlesen Herr Mangold und ich – oder: Der Bildungsbürger liest Unterhaltungsliteratur

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Fleisch!

Becker MedienBereits der dritte Beitrag zur Zeitschriftenkultur und nun zu einer, die ich schon seit es sie gibt lese (ja ich habe auch die Ausgabe “Selber räuchern”, die inzwischen für dreistellige Beträge bei ebay über den Tisch geht) und mich immer, immer wieder bei fast jedem rechtfertigen muss.

Nein es handelt sich nicht (nur) um ein Magazin für kochende Chauvinisten und Sexisten mit Geld. Anders als die Kochhefte an der Supermarktkasse, aber auch nicht so konservativ wie z.B. die “Essen und Trinken”, findet man in der Beef Rezepte der gehobenen Küche und für Hobbyköche mit Leidenschaft und Anspruch. Neben den üblichen Themen-/Rezeptkomplexen Spargel/Fleisch/Gemüse/Weihnachtsbraten/Osterlamm etc. pp., gehören auch neue Varianten von Klassikern wie Burgern, Hot Dogs oder Saucen zum Repertoire dieses Bookazines. Alle Rezepte sind für den Vorgebildeten verständlich und bereits beim Lesen ein Genuss. Dass diese durchweg anspruchsvoll sind und nicht zwischen Tür und Angel gekocht werden können, versteht sich von selbst – eindeutig keine Anfängerlektüre, oder nur für den der hoch hinaus will – trotzdem handelt es sich nicht um unmögliches Hexenwerk. Weiterlesen Fleisch!

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