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Kategorie: Stefan Zweig

Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

Wann darf man eine neue Biographie über jemanden schreiben? Wenn tatsächlich neue Erkenntnisse erlangt wurden, unbekannte Briefe oder Tagebücher aufgetaucht sind, man anderer Meinung ist als vorherige Biographen – man einfach Lust hat?

Die Mutmaßung Stefan Zweig könnte homosexuell gewesen sein ist nicht neu, die Tagebücher wurden, wie fast sämtliche Briefe bereits akribisch ausgewertet und die Biographie von Oliver Matuschek ist noch keine zehn Jahre alt. Ulrich Weinzierl schreibt trotzdem und dies tut in erster Linie dem be- und verhandelten Autor gut, denn auch ein gemeinfreier Klassiker, soll immer wieder in Erinnerung gerufen werden und dies geht am besten mit einem kleinen Skandal. In diesem Fall einem berühmten Penis, besser dem Penis eines Berühmten.

Ich aß Müsli und trank Tee als ich das Buch las.  Instagram
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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis möchte dabei auch gar keine Biographie sein. Es ist vielmehr eine psychologische Studie, die Weinzierl, ebenso wie Matuschek, in „Drei Leben“ unterteilt. Diese sind in diesem Fall die Ehe mit Friderike Zweig, geschiedene von Winternitz, die Untersuchung einer möglichen Homosexualität und der Schluss Zweig sei Exhibitionist gewesen. Tatsächlich neu ist hieran, wie gesagt, nicht viel. Dass die Ehe von Stefan und Friderike in vielerlei Hinsicht unglücklich war, wussten wir ebenso wie von dem sehr berechneten Werben der Dame um den späteren Gatten, dass Zweig seine Frau in den letzten Jahren zu einem Faktotum der Latifundien am Salzburger Kapuzinerberg degradierte ist nicht zuletzt aus dem Briefwechsel bekannt.

Doch eine derart genaue Beschreibung der Ehe wie bei Weinzierl aber habe ich noch nicht gelesen und hatte bisher eher Mitleid mit Friderike Zweig, hervorgerufen insbesondere durch teils harsche und sehr abweisende Briefe des Gatten. Weinzierl zeichnet dagegen ein höchst unvorteilhaftes, möglicherweise aber zutreffendes Bild. Friderike hat sehr berechnend um den berühmten Schriftsteller geworben, ihn sanft belagert und mit vorgegebener Großzügigkeit, speziell seinen Affären gegenüber, an sich gebunden. Manchmal erinnert ihr Verhalten an leichte Formen des Stalkings. Die Vereinnahmung des inzwischen Ex-Gatten ging nach dessem Tod mit der Verklärung, nicht nur des Verblichen, sondern auch der eigenen Rolle weiter; ein zum Teil wirklich garstiges Weib. Völlig unklar bleibt mir bis heute die Begeisterung Stefans für die Romane Friderikes, die diese vornehmlich schrieb, um ihn zu becircen, voller schrecklich schwülstiger, übertrieben triefiger Bilder, ja sogar widerlicher pädophiler Motive.* Weinzierl spricht zu recht von nicht bloß miserabler Literatur, hart an der Grenze zu pseudopoetischer Kindesmissbrauchspornographie.  Eine überaus kuriose Beziehung band diese beiden Menschen aneinander, ein Band, das auch nach der Scheidung nicht abriss. Weinzierl dröselt dieses anschaulich und gewissenhaft auf.

Die vermutete Homosexualität kann Weinzierl dagegen nicht belegen, zeichnet aber ein gelungenes Bild der Zeit, in der die Knabenliebe innerhalb der Intellektuellenszene nicht zwingend akzeptiert, aber geduldet und sehr häufig war. Von klassischer Homosexualität kann insoweit trotzdem nicht die Rede sein, da stets nur die griechische Jünglingsliebe zelebriert wurde, vor bärtigen alten Männern, dürfte es Stefan Zweig geschüttelt haben. Nicht ohne Grund verliebte sich Thomas Mann selbst als Großvater nur in junge Kerls. Die Wenigsten der Zitierten waren wirklich schwul, sondern in einer irgendwie merkwürdig-changierend Form des Begehrens zwischen Homosexualität und leichter Form der Pädophilie gefangen.

„Dann spazieren, Liechtenstein, schaup.“

Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)
Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)

Weinzierl gibt selbst zu, dass wir uns weniger im Reich der Spionage bewegen als in demjenigen der Vermutung und Andeutung, auf unsicherem Terrain. Dies betrifft nicht nur die ersten beiden Abschnitte, als vor allem den wirklich das brennende Geheimnis des Exhibitionismus behandelnden Teil. Diese Vermutung wurde bereits u.a. von Oliver Matuschek touchiert, im Ergebnis aber verworfen, und beruhte damals vor allem auf den Aussagen Benno Geigers, eines ehemaligen Freundes Zweigs, der aber nicht für die Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen bekannt ist. Weinzierl will nun in den Tagebüchern eindeutigere Hinweise von Zweig selbst entdeckt haben. Seine Theorie fußt grundlegend auf dem Wort schaup, das er als schauprangern, im Sinne von sich selbst zur Schau stellen, als die Vornahme von exibitionistischen Handlungen übersetzt und tatsächlich ergibt die zitierte Stelle im Tagebuch so Sinn und ja, viele weitere Stellen werden schlüssig.

Doch nehmen wir an, dass Weinzierl recht hat, was heißt das für Autor und Werk? Exhibitionismus ist als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung in Form einer Störung der Sexualpräferenz nach ICD-10 anerkannt. Doch ist diese Krankheit damals wie heute mit einer Stigmatisierung verbunden, die früher beispielsweise bei Knabenliebe so nicht verhanden war. § 183 StGB** stellt exhibitionistische Handlungen von Männern unter Strafe, für Knabenliebe gelten glücklicherweise ähnliche, ungleich schärfere Verbote. Diese Krankheit, diese Verhaltensauffälligkeit hat Zweigs Leben und Werk unzweifelhaft geprägt, ob jemand durch sein Handeln Harm angetan wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.

Viele der kompromittierenden Stellen hat Zweig sicher vernichtet, doch die zitierte Stelle (wohl von ihm übersehen, mutmaßt Weinzierl) blieb ebenso wie andere (diese anscheinend wissentlich) in den Tagebüchern, die, davon musste Zweig ausgehen, veröffentlicht werden würden, wenn sie nicht gar dafür geschrieben wurden. Ob dies eine letzte Form des Exhibitionismus des schauprangernden Zweig war? Hier fällt besonders die Diskrepanz zwischen der diskreten, fast völlig vom Ich gelösten, Autobiographie, in der nicht mal die Ehefrauen auftauchen und der intimen Selbstentblätterung auf.

Die neuen Aspekte der Persönlichkeit Zweigs werden bei der Lektüre dessen Werk sicher einfließen, nicht aber mein Lesen bestimmen. Mein Bild seiner Bücher ändert dies nicht. Denn losgelöst von etwaigen Einflüssen auf diese, tritt der Autor für mich beim Lesen erstmal als Person mit allen etwaigen Stärken und Schwächen in den Hintergrund. Die Erkenntnis um Stefans Zweig verdirbt mir nichts, sondern fügt eine neue Facette zu meiner Sicht auf einen bedeutenden Autor mit Schwächen hinzu.

Zuletzt: Vorkenntnisse sind für die Lektüre empfehlenswert, setze ich bei dem Einstieg in Spezialthemen wie dieses bei euch klugen Menschen aber voraus. Weinzierl schreibt sehr unterhaltsam, ohne den nötigen Ernst zu vernachlässigen, das Buch kann man easy wegsnacken, wie warmes Brot mit Butter, falls sich das lesen lässt. Besonderes Schmankerl, der immer wieder versteckte beißende Spott.***

Darf man auch mal sagen: das Format dieses Buchs ist perfekt, nicht zu hoch, schmal aber nicht fitzelich, großzügiger Satz. Alles richtig gemacht Zsolnay!


*Nach eigenen Angaben hat Ulrich Weinzierl sämtliche Romane von Frau Z. gelesen, fast unvorstellbar bei Ausschnitten wie:

Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos. Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen […] Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt.

Friderike Zweig – Vögelchen

**Hierzu die Strafrechtswissenschaft:

Die Vorschrift schützt die Selbstbestimmung über die Abgrenzung des höchstpersönlichen sexuellen Bereichs, die durch die aufgedrängte, häufig schockiernde Konfrontation mit fremder, beziehungsloser, aber gleichwohl auf das Opfer gerichteter und daher vielfach als Bedrohung empfundener Sexualbetätigung verletzt wird.

Fischer, StGB, § 183 Rn. 2

***Nicht so wie ich spotten würde, aber Spott, der in so einem ernsten Buch, eines so vordergründig ernsten Menschen, auffällt. Bspw.:

Eigentlich hatte Zweig mit dem lyrischen Dichten bereits aufgehört (was in Kenntnis seines Jugendwerks keiner riesiger Verlust war) […]

 

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Über den Gräben von Romain Rolland

daz4edRomain Rolland erhielt 1915 den Literaturnobelpreis, war einer der engagierten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und ebenso der Verfechter des europäischen Gedankens und des Pazifismus. Doch sind seine bedeutensten Romane der zehnbändige (!) Jean-Christophe und Meister Breugnon, die zuletzt vor über fünfzig Jahren übersetzt wurden, nur noch antiquarisch zu kaufen. Immerhin Pierre und Luce wurde 2010 vom Aufbau Verlag neu aufgelegt ist, soweit ersichtlich, aber ebenfalls nicht mehr lieferbar. Rolland ist, zumindest in Deutschland, fast gänzlich vom Radar verschwunden.

Der Name Rolland ist mir nur geläufig, da sich bereits vor der Zeit des ersten Weltkriegs Stefan Zweig mit dem Franzosen befreundete. Ein stetiger Briefwechsel, entsprechende Tagebucheinträge der beiden und Fußspuren in den Biographien, aber auch ein Buch Zweigs über den Mann und dessen Werk sind Zeugen dieser engen Verbindung.

Wider das Vergessen ist kürzlich bei C.H.Beck in der textura Reihe eine Zusammenstellung aus den Tagebüchern Rollands zwischen 1914-1919 erschienen. Die Zeit des ersten Weltkrieges stellt dabei natürlich, zumal in den privaten Aufzeichnungen eines Mannes mit dem Ziel des Friedens in der Welt, eine besondere Probe für diesen dar. Daher wird sich auch der bereits zu Beginn angeschlagene Ton nicht ändern.

3.-4. August 1914
Deutschland fällt in Luxemburg ein, richtet ein Ultimatium an Belgien.
Ich bin am Boden. Ich möchte tot sein. Es ist furchtbar, inmitten dieser wahnsinnigen Menschen zu leben und ohnmächtig dem Bankrott der Zivilisation beizuwohnen. Dieser europäische Krieg ist die größte Katastrope der Geschichte seit Jahrhunderten, der Zusammenbruch unserer heiligsten Hoffnungen auf die Brüderlichkeit der Menschen.

Rolland berichtet in der Folge über seine berührende Freiwilligenarbeit in der „Kriegsgefangenenauskunftsstelle“ in der Schweiz, bei der er sich darum bemüht den Kontakt zwischen Gefangenen und ihren Familien in der Heimat herzustellen. In der Folge übernimmt er einige rührende (nicht rührselige) Exzerpte aus Briefen von Soldaten nach Hause oder sogar eines französischen Soldaten, der einer deutschen Mutter vom Tod ihres Sohnes berichtet. Zugleich gerät Rolland aber auch selbst zwischen die Fronten. Als in der Schweiz lebender Franzose, der zwischen Ideologien und Staaten zu vermitteln versucht, sieht er sich zahllosen Angriffen ausgesetzt, die durch die Vergabe des Nobelpreises an ihn, im Jahr ’16 rückwirkend für das vergangene, nur verstärkt werden. Der Ton seiner Notate ist, ob der Welt- und der eigenen Situation fast durchgängig verzweifelt-resigniert, nie aber weinerlich.

Eine Französin, die in Russland ist, wirft mir vor, ich sei ein schlechter Franzose. Ein Deutscher in Sankt Moritz wirft mir vor, ich sei ein von Nationalgefühl verblendeter Franzose. Beide Briefe erreichen mich mit der gleichen Post.

Die Hellsicht Rollands in der hundertjährigen Rückschau schmerzt besonders, als er die herannahenden Probleme des Friedensschlusses von Versailles skizziert und diesen in weiser Voraussicht mit dem Schlusswort der Sammlung einen lächerlichen Zwischenakt zwischen zwei Völkermassakern nennt.

Lesen Sie!

Der Leser entscheidet mit dem Kauf von Büchern über Wohl und Wehe des Erinnertwerdens eines Autors mit. Kein Nobelpreis und keine noch so hehren Absichten bewahren einen Menschen davor nur knapp siebzige Jahre nach dem Tod der Vergessenheit anheim zu fallen. Bereits diese kleine Auswahl aus den Tagebüchern Rollands von C.H.Beck zeigt wie viel Bewahrenswertes sich in dessen Werk findet und das nicht nur, weil die gegenwärtige Dramtik des Weltgeschehens dessen Aktualität wiederherstellt.

[Lohnend sicher auch der Briefwechsel Von Welt zu Welt zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig.]

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Mai 2015/1

Wenn ich Dir, liebem Leser, die Monatsübersicht mit einem Dutzend Bücher für den Mai hinklatsche, liest die keiner bis zum Ende, auch Du nicht. Daher werden die vergangenen dreizig Tage in zwei Happen aufgeteilt. Wohl bekommts!

daz4edDer Griesgram – André Gide
Solche Veröffentlichungen sind nur toten Autoren erlaubt, nur Klassiker dürfen Heftchen dieses Umfangs post mortem auftauchen lassen. Dieses Recht stehe ich auch André Gide zu. Matthes & Seitz hat diese Kürzestgeschichte, die erst 1993 entdeckt wurde, nicht nur in einer besonders schönen Ausgabe herausgebracht, sondern es sich, statt dem Füllen und Aufblähen durch plumpe Zweisprachigkeit der Ausgabe, den Luxus gegönnt Nanne Meyer die Geschichte illustrieren zu lassen.

In einem wütenden Monolog schimpft le Grincheux über die Welt, seine Freunde und Familie. Völlig ratlos scheint man am Ende vor den Scherben der Existenz dieses armen Mannes zu stehen. Oder gibt es gar keine Scherben, keine Existenz? Das kluge Nachwort des Übersetzers Tim Trzaskalik hilft beim Verstehen, doch auf diesen wenigen Seiten wird bereits klar warum Gide ein Großer war und ich den Segen für dieses Büchlein erteile.

2Wie ich Nonne wurde – César Aira
César Aira, 1949 in Argentinien geboren, hat bereits über 80 Bücher veröffentlicht. Spötter mögen zu bedenken geben, dass dies bei einer Länge jeweils um die hundert Seiten keine Ehrfurcht hervorzurufen vermag. Doch stecken bereits auf jeder Seite Airas Wie ich Nonne wurde mehr Geschichten als in der heute üblichen Nabelschauprosa auf vierhundert. Der Erzähler Aira versteigt sich in immer gewagter-abstruse Konstruktionen seiner kleinen Novelle, ausgehend allein von einem Erdbeereis, das der Protagonistin nicht schmeckte. Doch der impulsive Vater bringt den Eismann daraufhin um und muss ins Gefängnis und dann und dann und dann..

Diese Groteske spielt sich auf immer weiter verschränkenden Ebenen ab, bei denen man den Überblick aber nicht den Spaß verlieren kann.

25652544z Das Salzburg des Stefan Zweig – Oliver Matuschek
Oliver Matuschek hat sich bereits einen Namen als Biograph-Zweigs und Herausgeber der Briefe Zweigs an seine zweite Frau Lottes gemacht. Ein akribischer Fachmann, der für andere Enthusiasten einen kleinen Reiseführer durch die Wahlheimat des großen Österreichs geschrieben hat. Mit historischen Bildern und solchen des heutigen Salzburg wird der Weg durch die Stadt nachgezeichnet, Blicke in das prächtige Anwesen auf dem Kapuzinerberg gewährt und Zweig an alter Wirkungsstätte gezeigt. Ein Muss für Zweig Fans und den Salzburgbesuch.

urlSchreiben heißt, sein Herz waschen – Fritz J. Raddatz
Mein monthly Raddatz war diesmal eine Sammlung von Essays, die anlässlich seines 75. Geburtstages bei zuKlampen erschien. Eine gelunge Auswahl: Diese elf Essays sind ein hervorragender Spiegel Lebens und Werks und eben, hier kaum zu trennen, der deutschen Literatur nach ’45.

Immer wieder liest man vom Pendler zwischen zwei Deutschlanden und seinen Systemen auf den Punkt gebracht über den Aberwitz der Teilung und die Rolle der Schriftsteller in Ost und West. Seine Berichte sind immer aus erster Hand, denn er kannte fast alle Erwähnten persönlich, war mit ihnen befreundet, Verleger, Entdecker, Förderer oder doch eben spinnefeind.

Begeistert schreibt Raddatz über das Echolot Projekt seines Freundes Walter Kempowski, kratzt am Denkmal seines Helden Thomas Mann, stets spürt man die Begeisterung des Autors für Lektüre und seine Freude am andere begeistern. Besonders hervorzuheben sind die Texte über den Hall der Alten, in dem der inzwischen ebenfalls alte Autor beklagt, dass zu wenige junge intellektuelle Stimmen wahrgenommen werden, obwohl diese zu hören seien, sowie Das denunzierte Wort darüber Wie Macht und Ideologie das Schreiben vergiftet.

Neben einigen hervorragenden Betrachtungen findet aber jeder, der die Fehler finden möchte, auch alles was es an Raddatz zu kritisieren geben mag: eine starke Ich-Bezogenheit, eine Überfülle an Bildern und Parenthesen, mehrfach wiederholt er gar Vergleiche kurz hintereinander in einem Artikel („der in KZs zu knochen-klappernden Lemuren Erniedrigten“) und doch strotzt gerade dieser Satz vor einer kaum beherrschbaren Kraft, gegen die Sprache Raddatz‘ gibt es kein Ankommen. Er mag manchmal das Maß verloren haben, manch Essay dürfte fünf oder zehn Seiten kürzer sein und doch ist dieses Buch ein leuchtendes Beispiel für die Größe des Mannes, den ich so bewundere – trotz, mit, wegen aller vorhandenen Schwächen.

3Tod in Turin – Jan Brandt
„Alle deutschsprachigen Schriftsteller von Weltrang haben über ihre italienische Reise geschrieben“, lässt Brandt auf dem Rücken von Tod in Turin verlautbaren. Der Autor mit seinem zweiten Buch – der Bericht über die Lesereise mit dem ersten – will sich also in eine Reihe mit Heine, Mann, Goethe und Fontane stellen, arg vermessen will mir scheinen. Insgesamt machte der Herr schon vor dieser Äußerung den Eindruck ein arroganter Mensch zu sein und das wegen eines einzigen Romans! …

Doch schon bald nach Beginn der Lektüre schwant mir, dass was ich für Arroganz hielt wohl sein Humor ist, vielleicht hat Brandt nur ein Transportproblem und alle (oder nur ich?) verstehen ihn falsch.

Seine italienische Reise unternimmt er jedenfalls aus Anlass der Buchmesse in Turin, auf der er die Übersetzung von „Gegen die Welt“ vorstellt. Die Fiat-Stadt macht in und zwischen den Zeilen einen sehr hässlichen Eindruck, aber Brandt ist ein launiger Erzähler und am besten bevor er nach Italien aufbricht. In wunderbarem Schnodderton berichtet er von den deutschen Stationen seiner Lesereise, schildert später bösartig-grandios das Wiedersehen mit einem alten Bekannten in London. Seine Zeit in Italien verkommt aber doch zu bald zu einem been there, done that und wen er all getroffen hat. Das gesamte Buch ist nicht uninteressant und viele Stellen gefallen mir sogar ausgesprochen gut, im Ergebnis bleibt Tod in Turin aber nur ein persönlich gefärbter Reisebericht.
4 Provokateure – Martin Walker
So und jetzt bitte sehr, möge man mir verraten warum ich auch den siebten Band dieser Reihe gelesen habe und den achten lesen werde! Irgendwas muss es ja haben. Ist es nur der Soap-Opera-Trick, möchte man immer nur wissen wie es mit den überzeichneten Figuren weitergeht? Normalerweise würde ich laut wehklagen und ein Schreibverbot für Martin Walker fordern, aber bitte Kerl schreib weiter (lass Dir vielleicht ein bisschen was bei Stil und Konstruktion helfen, nimm ein bisschen den Fuß vom Gemeinplätze-Gas und wiederhole Dich nicht ständig), ich bleib Dir treu – warum auch immer!

Zur ganzen Rezension.

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Gespräch mit Volker Weidermann

Der Journalist und Autor Volker Weidermann studierte Politikwissenschaften und Germanitik und ist seit 2003 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit seinen Büchern Lichtjahre – Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute und Das Buch der verbrannten Bücher schrieb er zwei Werke, die für jeden Literaturbegeisterten eine Fundgrube an Entdeckungen bereithalten und zur Kanonisierung der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beigetragen haben. Sein Buch Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft wurde dieses Jahr zum Bestseller und handelt von der Freundschaft Stefan Zweigs zu Joseph Roth und den exilierten deutschen Schriftstellern, die sich im Sommer 1936 im kleinen Nordseebad Ostende in Belgien trafen.

Im Gespräch mit 54books spricht Volker Weidermann über die Arbeit an Ostende, den Einfluss von Marcel Reich-Ranicki auf seine Arbeit und mit wem er gerne mal am Strand spazieren würde.

Die Arbeit an Ostende

54books: Wer ist der Stefan Zweig aus ihrem Buch: der Stefan Zweig, ihr Stefan Zweig oder eine Chimäre?

Volker Weidermann: Oh, ich fürchte selbst Stefan Zweig hätte uns den wahren Stefan Zweig nicht beschreiben können. Joseph Roth auch nicht. Friederike, seine erste Frau, die später ein komplett verzerrtes Lebensbildnis ihres Mannes zeichnete – erst recht nicht. Aber schon falsch: was heißt „erst recht nicht“. Ich weiß es ja nicht. Ich war nicht dabei, habe ihn nicht kennen gelernt. Klar also, dass es „mein Stefan Zweig“ ist, den ich da beschreibe. Ich bin natürlich sicher: superdicht an der Wirklichkeit. So dicht, wie ich nach jahre-, ja jahrzentelanger Zweig-Lektüre heran kommen konnte. Aber womöglich auch: meilenweit entfernt…

54books: Gibt es eine Recherchespirale, in der man immer noch einen „letzten“ Tagebucheintrag, einen Brief sucht, um darin in einem vorher unentdeckten Detail den Schlüssel zur Gefühlswelt von Stefan Zweig oder Joseph Roth zu finden?

Volker Weidermann: Jo. Gibt es. Große Kunst: immer wieder Wege abbrechen, nicht weitergehen, um sich nicht zu verlaufen. Immer den Kern der Geschichte im Blick behalten. Das, was einem wirklich zu sagen wichtig ist.

54books: „In manchem Betracht gewannen seine Bücher durch die Übersetzung. Seine Prosa ist nachlässig, reich an Füllseln und schiefen Bildern“, schrieb Hermann Kesten über den Freund Stefan Zweig. Fritz J. Raddatz nannte ihn in einem Brief an Kesten gar den „Friseur unter den Literaten“. Wie erklären Sie sich seinen ungebrochenen, sogar neu aufbrandenden, Erfolg?

Volker Weidermann: Er war ein Meister darin, Menschen zu lesen. Das Innerste der Menschen zu erkennen. Dabei wurde er – und seine Sprache – oft sentimental. Aber scheinbar ist seine Menschenfreundlichkeit, seine Verstehenskunst so groß, dass die Menschen ihm seine stilistischen Schwächen verzeihen. Ungefähr so sah das ja auch Joseph Roth.

54books: Schätzen Sie Stefan Zweig mehr als Schriftsteller oder als Chronisten seiner Zeit?

Volker Weidermann: Als Chronist ist er kolossal unzuverlässig. Ich bin nicht sicher, ob auch nur ein Wort in der Welt von gestern wahr ist. Als Dokument würde ich es jedenfalls nicht empfehlen.

Verbrannte Bücher

54books: Der Roman Schlump wurde, auch mit Ihrer Hilfe, wiederentdeckt und neuaufgelegt. Welchem der verbrannten Schriftsteller aus Ihrem Buch würden Sie eine Renaissance wünschen?

Volker Weidermann: Arthur Holitscher. Maria Leitner. Rudolf Geist. Armin T. Wegner.

54books: Fiel es Ihnen so leicht wie es scheint die Autoren in Gruppen zu sortieren?

Volker Weidermann: Nö. Aber muss ja.

54books: Ich mutmaße, dass wir Ostende auch den Recherchen zu den verbrannten Büchern verdanken. Wann kommt das Pendant zu Lichtjahre; vielleicht ein neues Treffen in Telgte?

Volker Weidermann: Super Idee. Erscheinungstermin aber noch ungewiss.

Die Arbeit für die FAS

54books: „Sein Buch ist leider furchtbar. Rührselig. Kitschig. Gut gemeint.“, schreiben Sie über Georg Fink in den verbrannten Büchern. Würden Sie einen lebenden Autor in einem Artikel derart abstrafen oder lieber schweigen über ein Buch, das nur diese Meinung verdient?

Volker Weidermann: Mein Sonntags-Privileg: Ich kann in der FAS irre viel weglassen. Eigentlich alles. Ich hab keine Rezensionspflichten. Das erspart mir viel (und vielleicht auch vielen Autoren). Ich lobe lieber. Und lese lieber gute Bücher.

54books: Als letztes Jahr Marcel Reich-Ranicki starb, ging auch eine Ära der populären Literaturkritik zu Ende. Sehen Sie einen würdigen Nachfolger, vielleicht aus den Reihen derer, die zwei Generationen jünger sind als MRR?

Volker Weidermann: Nee. Ich sehe mich natürlich nicht als „würdigen Nachfolger“. So selbstbegeistert bin ich gerade noch nicht. Er war halt großartig. Ein phantastisches Geschenk für mich und die deutsche Literatur. Ich hab unfassbar viel von ihm gelernt. Schon während des Studiums. Auch aus dem Literarischen Quartett. Er war eben zu allererst ein toller Journalist.

Das Wichtigste – gerade in Zeiten, in denen Journalisten, Kritiker usw. nach Schutz suchen, ihre ungelesenen Artikel subventionieren zu lassen, vom Staat, von was weiß ich wem – ist der Text. Der Text ist wichtig. Der Text ist die Party. Die Leute wollen keine Literaturkritiken lesen? Gut, dann zwingen wir sie mit sanfter Gewalt und zwar mit: Unterhaltsamkeit. Verständlichkeit. Entschiedenheit. – mit gutem Journalismus.

54books: Was haben Sie persönlich, die Sie anlässlich seiner Kolumne in der FAS: Fragen Sie Reich-Ranicki jede Woche mit ihm Kontakt hatten, für Ihre Arbeit von ihm gelernt?

Volker Weidermann: Es war vor allem persönlich toll. Auch die Telefonate mit ihm – immer zwei, drei pro Woche, zwölf Jahre lang, waren nie langweilig. Und er forderte den Telefonpartner auch immer mit seinem nervigen“ Was gibt es Neues“. Da musste man sich schon jedesmal zwei, drei gute Geschichten zurechtlegen. Sonst war das Gespräch schnell vorbei.

54books: Wenn Reich-Ranicki über Walsers Jenseits der Liebe schreibt, „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman“, könnte das in seiner Deutlichkeit auch von Ihnen kommen. Eindeutige Parallelen – sind Sie gar der Nachfolger?

Immer noch nicht. Immer noch nicht. Aber ich bin ein fanatischer „in-Spuren-Geher“, wie Thomas Mann das mal genannt hat. Ich suche mir Vorbilder, ich will anknüpfen da, wo Fäden abgerissen sind, oder einer liegengelassen wurde. Ich brauche diese Spuren. Wie groß auch immer die sein mögen, das ist mir egal; oder: ja, ich suche gern große Spuren. Wie kleine meine eigenen Abdrücke dann darin wirken, ist mir egal.

54books: Sie sind mit Alice Carey auf den Spuren der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch nach Montauk gefahren. Mit welcher weiteren Lynn, real oder fiktiv, wollen Sie mal am Strand spazieren?

Volker Weidermann: Irmgard natürlich. Irmgard Keun. Zum Beispiel. Oder Mascha Kaleko.

54books: Vor kurzem habe ich nach zehn Jahren Der Fänger im Roggen wiedergelesen und war erschüttert von der Großartigkeit dieses Buches, das mich vorher nicht wirklich berührte. Ihre Begeisterung für Montauk bringt mich dazu es bald noch einmal zu lesen, nachdem ich es vor sieben Jahren für langweilig befunden habe. Was war ihr letztes Erweckungserlebnis?

Volker Weidermann: Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene

54books: Sie sind u.a. Fachmann für Max Frisch und Exilliteratur, nun auch Herausgeber der Werke von Armin T. Wegner. Nehmen Sie sich ein fiktives Sabbatjahr. Zu wem möchten Sie in Ruhe forschen?

Volker Weidermann: Georg Büchner

54books: Herr Weidermann, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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©Bücher und Co in Hamburg Winterhude

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Über das Lesen von Briefwechseln

Das Briefeschreiben geht unserer Tage doch leider etwas unter; Satzfetzen und kurze Kommentare per Email, Whatsapp oder bei Facebook, viel mehr kriegen wir in der vermeintlichen Unruhe unseres Alltages nicht mehr zustande. Viele Schriftsteller waren nicht nur große Tagebuchschreiber (tolle Übersicht bei Michael Maar), sondern haben zumeist auch in regem Briefwechsel mit ihren Zeitgenossen gestanden. Dass an der Lektüre solcher, teilweise sehr intimen, Dokumente ein ungebrochenes Interesse, auch abseits der Wissenschaft besteht, zeigen immer wieder neu erscheinende Editionen (Arno Schmidts Briefe, Dürrenmatt – Frisch, Alma Mahler – Arnold Schönberg, Thomas Mann – Hermann Hesse, Einstein – Freude, sogar ein Hörbuch mit einer Auswahl der Briefe von Heinrich und Thomas Mann gibt es).

So um die 3000 Seiten haben die gesammelten Briefe in vier Bänden von Stefan Zweig und dies ist nur eine Auswahl und selbstverständlich nur solche, die erhalten sind. Als bekennender Anhänger Zweigs, inzwischen viel mehr in seiner Rolle als Intellektueller und Zeitzeuge des frühen 20. Jahrhunderts, mehr „Mensch (innerhalb s)einer Zeit“ denn nur als Autor, habe ich mir in letzter Zeit zwei seiner Briefwechsel vorgenommen: diesen mit seiner ersten Ehefrau Friderike Zweig, geb. Burger, geschied. von Winternitz „Wenn einen Augenblick die Wolken weichen“ (1912-1942) und den mit seinem Freund Joseph Roth „Jede Freundschaft mit mir ist verderblich“ (1927-1938).

Wie Briefwechsel lesen? Eine Lektüre, sollen nicht nur einzelne besondere Episteln nachgeschlagen werden, von vorne nach hinten ist möglich und auch empfehlenswert, denn so kann man in diesen beiden Fällen auch die gesamten Beziehungen nachvollziehen, lernte man sich doch über Briefe kennen: Beiden Chroniken ist gemein das Zustandekommen der Briefwechsel gemein; jeweils nimmt der andere Kontakt zum 1912 (Friderke), u.a. dank Brennendes Geheimnis schon bekannten, 1927 (Roth) berühmten Schriftsteller Stefan Zweig auf. Schwärmerische Fanpost aus der sich eine Ehe und eine tiefe Freundschaft entwickeln.

3-10-097096-9Warum Briefwechsel lesen? Der Briefwechsel mit Friderike gibt einen Einblick  in den Privatmenschen und dieser ist zu großen Teilen kein angenehmer Zeitgenosse. Die schwärmerische Friderike muss sehr offen über die Affäre des Geliebten lesen und nimmt dies hin. Sie wird, obwohl sie selbst als Schriftstellerin und Übersetzerin veröffentlicht hat, zur Sekretärin degradiert und ordnet sich ihrem Mann und seinem Werk unter. Ein granteliger, unromantischer – doch sonst so gefühlvoller – Autor schreibt seiner zukünfitgen Frau – „Alfred sieht wieder Vaterfreuden entgegen. Ich hoffe, von Dir bald das Gegenteil zu hören.“ Trotzdem war das Verhältnis der beiden jederzeit von gegenseitiger Achtung geprägt, selbst nach der Scheidung und der erneuten Heirat Stefans blieben sie in intemsivem Kontakt, doch auch nicht ohne Spannungen, unter anderem aufgrund der beiden von Friderike in die Ehe mitgebrachten Töchter oder Winzigkeiten des Alltags.

„Dein Blick war eiskalt, als Du mir die Hand gabst, nur die Hand. Und warum, weil Du ein Paar Socken erwischt hast, das ich für Valerie zum Stopfen hingelegt hatte.“

978-3-257-24279-9Mit Joseph Roth dagegen dikutiert Zweig ausführlich über Literatur, das eigene Schreiben, den Literaturbetrieb und die Politik. Roth leiht sich von Zweig immer wieder Geld, das der wohlhabende Freund gerne, aber nicht ohne Mahnung gibt. Immer wieder versucht er den Freund vom Trinken abzuhalten, neue Verleger für ihn zu finden, seine Verträge und sein Leben zu ordnen.

Während der Lektüre beider Bücher kommt zwangsläufig der Punkt, an dem man als Leser etwas missmutig wird: die Betteleien Roths um Geld, Kontakte, wohlwollende Rezensionen, die blinde Liebe Friderikes oder Oberlehrer und Scheusal Zweig. Nur darf man nicht vergessen, dass es sich hier um private Briefe handelt, die eben nicht auf die Außendarstellung bedacht sind. In dieser Nähe liegt aber auch der Schatz und damit der mögliche Gewinn einer Lektüre. Das Eintauchen in die Arbeit zweier der größten Autoren dieser Zeit, die Tragik der verpuffenden Appelle Roths an Zweig sich endlich politisch zu engagieren, seine Bekanntheit für Österreich und den Frieden in Europa einzusetzen, ist bewegend un erhellend. Schon 1933 liest man Zweigs Resignation und Depression gegen den Furor und den Aktionismus Roths, gingen doch andere davon aus, dass der Hitlersche Spuk bald vorüber wäre, bedrückend wenn man beider Enden und das Ende der Geschichte kennt.

Gerade in den Jahren zwischen 1932 und 1934 entwickelt dieser Briefwechsel einen regelrechten Sog. Stundenlang (!) habe ich hunderte Briefe und Seiten gelesen, wie gebannt von meiner intimen Nähe zu diesen beiden Granden und dieser Zeit. Erschütternd dann wieder die Sorge Zweigs um den siechen Freund, die verzweifelten Versuche ihn vor dem Abgrund zu retten. „Roth, halten Sie Sich jetzt zusammen, wir brauchen Sie. Es gibt so wenig Menschen, so wenig Bücher auf dieser überfüllten Welt!!“

Herrlich erheiternd dagegen wieder die Stilkritik, die Roth an Zweigs Werken übt. Ganz dezidiert zerpflückt er die eingesanten Texte des verehrten Freundes, der gehorcht, ändert und sich artig bedankt. Er bemängelt zumeist was auch mich heute beim Wiederlesen stört. „Es gibt ein paar zu locker sitzende Attribute.“ „Manchmal haben Sie so eine Konstruktion […]. Das ist nicht schön, und nicht gut.“

Da, vor allem aufgrund des unsteten Lebens Roths, viele  Briefe von Zweig an ihn nicht mehr erhalten sind, hat man im Anhang dieses Fehlen durch das hinzufügen einiger Briefe Zweigs mit anderen Zeitgenossen (sehr gut) aufgefangen. Der Lesegenuss wird durch den guten, bei S. Fischer, den sehr, sehr guten (!) Kommentarteil bei Wallstein/Diogenes ergänzt; keine bloße Klugmeierei, sondern eine Fülle von hilfreichen Anmerkungen, die viele weitere Hintergründe erschließen.

Ergo: Briefwechsel lesen! Das ist keine akademische Übung für Fans, Nerds und Wissenschaftler, sondern kann spannend werden und den Leser den Großen dieser Welt so nahe bringen, wie sonst nie.

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Ich habe das Bedürfnis nach Freunden

stefan_zweig____ich_habe_das_beduerfnis_nach_freunden_-9783222133725_xxlMeine große Liebe zu und tiefe Verehrung für Stefan Zweig dürfte dem regelmäßigen Leser bereits bekannt sein. Der empfindsame, einfühlsame, scheue Österreicher feiert heute Geburtstag und gehört sicher zu den Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts. Seine Novellen, nicht nur die vielgelesene Schachnovelle, seine historischen Biographien und, für mich, allem voran seine Autobiographie Die Welt von Gestern bilden Glanzpunkte der deutschsprachigen Literatur.

Mit dem 70. Jahrestag seines Todes letztes Jahr lief auch der Urheberschutzes seines Werkes aus und daher dürften in naher Zeit einige Stefan Zweig Neuveröffentlichungen und -zusammenstellungen erscheinen. Einen maßstabsetzenden Anfang machte nun der österreichische styria Verlag mit der Sammlung „Ich habe das Befürfnis nach Freunden“.

Neben den unbedingt zu lesenden Erzählungen Angst, Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau , Verwirrung der Gefühle und natürlich der Schachnovelle, versammelt dieser von Klemens Renoldner herausgegebene Band u.a. auch bisher unveröffentlichte Aufsätze, Essays und Porträts Zweigs: Erinnerungen an Theodor Herzl, unter dem Zweig als junger Mann arbeitete, an Arthur Schnitzler und Hermann Bahr, Essays über Lou Andreas-Salomé und sein ergreifender Abschied von Joseph Roth, ebenso wie die Worte am Sarge Sigmund Freuds. Wird im ersten Teil des Buches klar warum Zweig einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit war, bildet der zweite sein Schaffen als Chronist seiner Zeit ab. Stellenweise lesen sich die Texte im hinteren Teil, wie die Quellen zu Die Welt von Gestern.

Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.

Das kluge Nachwort des Herausgebers, immerhin als Direktor des Stefan Zweig Centre in Salzburg eine Kapazität, beschließt eine lohnenswerte Neuerscheinung, die nicht als einfaches Potpourri oder Best of daher kommt, sondern gerade durch die geschickte Kombination der Novellen mit den Essays auch für Kenner Neues und eben bisher Unveröffentlichtes bereithält. Für den Zweig Novizen dagegen stellt sie einen Kanon zusammen, der für hoffentlich viele zur (Neu-)Entdeckung dieses großen Europäers führen mag.

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Vorgefühl der nahen Nacht

Ist man überhaupt noch Schriftsteller, wenn man nicht mehr in der eigenen Sprache gelesen wird?

laurent seksik vorgefühl der nahen nachtEin gebrochener, verbitterter Mann kommt Ende 1941 in Brasilien, genauer Petrópolis nahe Rio, an; er ist Exiliant, Jude, einer der größten Schriftsteller seiner Zeit; er ist Stefan Zweig. Mit ihm reist seine junge Ehefrau Lotte, geb. Altmann. Beide machen schwere Zeiten durch. Zweig hat alles verloren, was ihm lieb und teuer war, angefangen bei seiner geliebten Autographensammlung, den Büchern, seinem prächtigen Haus auf dem Kapuzinerberg in Salzburg über die deutsche Leserschaft, denen die Lektüre seiner Bücher verboten ist, bis zu seinen Freunden und der Heimat. Seit seiner Flucht aus Salzburg, bereits 1934, wird Zweig nirgendwo mehr heimisch, London, Bath, New York und Petrópolis, an keinem Ort schafft er es seinen Schmerz zu überwinden, seine Verletzungen zu kurieren und überall stürmen Menschen auf ihn ein, wollen seine Fürsprache für ein Visum, brauchen Geld. Stefan Zweig, der vielleicht empfindsamste Autor dieser Jahre, verzweifelt zusehends; der Flucht vor den Häschern, folgt die Flucht vor seiner Verantwortung. Weiterlesen Vorgefühl der nahen Nacht

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Die Welt von Gestern

Die Erinnerungen eines Europäers sind vielmehr die Memoiren eines gebrochenen Mannes, eines enttäuschten Pazifisten, eines der größten Schriftsteller und Intellektuellen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

stefan zweig die welt von gestern fischer erinnerung eines europäers coverNach den (glücklicherweise) kurzen Ausführungen zu der Vergangenheit seiner Familie, schildert Stefan Zweig seine Kindheit und Jugend in Wien, als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Schon früh beginnt er sich für Literatur und Theater zu interessieren und kritisiert das, alle Individualität erstickende, Schulsystem des endenden 19. Jahrhunderts. In die Zeit seines Aufstiega als Autor, der bereits in jungen Jahren einen Gedichtband und erste Essays veröffentlicht, fallen auch die ersten Begegnungen mit den Größen dieser Zeit. Er verehrt Hugo von Hofmannsthal und besucht ihn bei Vorträgen, er bewundert die Schauspieler Wiens und arbeitet doch selbst bald für Theodor Herzl und reist als Student nach Paris und London.

Schon vor dem ersten Weltkrieg wandelt sich Zweig zum Kosmopoliten, der auch nach Indien und Nord- und Südamerika reist, überall freundliche Menschen kennenlernt, deren Namen zumeist später in die Geschichte eingehen. Geschockt von den Entwicklungen, die zum ersten Weltkrieg führen, beschreibt er plastisch die Stimmung in Österreich, Belgien, Deutschland und Frankreich.

Zweig schildert, durchweg gefühlvoll, Strömungen, Erregungen und Hoffnungen des Volkes, aber auch seine eigenen Gedanken dazu. Die Zeitgeschichte hinter seinen Beschreibungen setzt er dagegen größtenteils als bekannt voraus. In der Zwischenkriegszeit hofft er auf einen dauerhaften europäischen Frieden, setzt sich mit Freunden dafür ein, gesteht aber auch im Rückblick seine damalige Beklemmung, ob der Inflation in Österreich und Deutschland und der politischen Wirrnisse dieser Zeit, nicht nur in der Weimarer Republik, sondern gesamteuropäisch. Über dem ganzen, in Zweigs detailreichem Stil geschriebenen, Werk hängt merklich die Enttäuschung, die diesen großen Europäer bei der Niederschrift in den ersten Jahren der 40er bereits überkommen hatte und ihn wenig später in den Selbstmord treiben sollte. Resigniert ob der Greul, die die Erde nun schon zum zweiten Mal, überzogen, im Angesicht eines sich immer weiter und grausamer ausbreitenden Hitler-Deutschland, verzweifelt Zweig in seinem Exil.

Stefan Zweig ist ein zurückhaltender, fast demütiger Chronist seiner Zeit. Mit derselben Ehrfurcht, mit der wir heute diesem Mann begegnen würden, trifft Zweig seine Zeitgenossen, die er heute teilweise in ihrem Ruhm überflügelt hat. Zwischen den Seiten lauern immer wieder Geheimtipps wie William Blake, Paul Valéry oder Henri Barbusse und natürlich der von Zweig fast vergötterte Romain Rolland. Wobei diese vier nur wahllos herausgegriffene Beispiele sind für Personen und Werke, mit denen ich mich aufgrund seines Lobes und seiner Begeisterung in Zukunft näher beschäftigen will. Weiteres Highlight ist die Schilderung seiner Leidenschaft für die Sammlung von Autographen und einige Beispiele aus seiner umfangreichen Sammlung, umso rührender dann aber seine Euphorie über die Begegnung 1910 mit einer alten Damen, die Goethe noch kennengelernt hat.

Dieses Buch kann ich jedem, der Interesse an der europäischen Geschichte, den Metropolen und den Intellektuellen des 20. Jahrhunderts hat, aber denen, die die Gedanken und Innenwelt eines Mannes kennenlernen wollen, der als wirklicher Pazifist, die Idee eines geeinten Europas unterstützt, die Kunst geliebt hat und am Ende daran zerbrochen ist, dass viele Chancen für eine bessere Welt nicht genutzt wurden. Völlig zurecht, auch nach dem Wiederlesen, (weiter) auf meiner TopList!

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