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Kategorie: Essays

Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

 

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

 

32s Kommentare

#einfachWeiterlesen – Nr. 1

Bücher sind nicht das ideale Medium für sämtliche ideellen Inhalte. Dies war immer so, aber jetzt ist es augenfällig geworden. Es wird einem zukünftig unangemessen erscheinen, in gedruckter Form Titel zu kaufen, von denen abzusehen ist, dass man sie nur einmal liest, möglicherweise sogar widerwillig, weil man es aus professionellen Gründen oder um mitreden zu können muss. Außerdem gibt es neue ästhetische Formen […], die im Print gar nicht denkbar sind.

Christiane Frohmann: Einfach Weiterlesen

Nicht selten habe ich postuliert niemals ein „eBook“ zu lesen. Die alte Diskussion um Haptik, Geruch und deren Freunde hat inzwischen einen Bart wie Blogger vs. Feuilleton. Es gibt Titel, die im Druck nicht zu finanzieren sind, weil nur fünfzig Leute sie kaufen würden, weil sie zu kurz sind und Heftchen nur verkaufbar sind, wenn sich darin eine Krankenschwester in einen Arzt verliebt, oder Druck und dessen Vorlauf schlicht zu lange dauern würden, die Titel aber heute relevant sind.

Niemand verlangt, dass Du die Kölner Ausgabe von Böll auf dem Handy liest, man darf aber voraussetzen, dass Dir, wenn Du Literatur konsumieren willst, die Darreichungsform egal ist.

Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.

Louis Sullivan – „The tall office building artistically considered“

Drei Beispiele für die Möglichkeiten, die elektronische Titel bieten.

Arthur Cravan: König der verkrachten Existenzen

cover-arthur-cravan-koenig-der-verkrachten-existenzen-mikrotext-2016-400pxMan schämte sich der Homosexualität seines in ärmlichsten Verhältnissen gestorbenen Onkels, deswegen erfuhr Fabian Avenarius Lloyd erst zwei Jahre nach dessen Tod von seiner Verwandtschaft1 mit Oscar Wilde. Die eigentlichen Karrierepläne wurden aufgegeben, sich selbst stattdessen das Pseudonym Arthur Cravan. In Paris publizierte er in der Zeitung Maintenant, die er selbst gegründet hatte und verlegte, er veranstaltete absurde Veranstaltungen, bevor es Dada gab, und verbreitete Gerüchte über den verblichenen Onkel2. Als der erste Weltkrieg ausbrach desertierte er, ließ sich verabredungsgemäß sechs Runden vom ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnsohn3 verhauen, traf Leo Trotzki und ertrank bei einem missglückten Bootsausflug im Pazifik.

Die Kunst, die Kunst, ich scheiße auf die Kunst, schreibt Cravan und schafft in seinen bei Nautilus und in Auswahl Mikrotext erschienen Texten ebensolche. Er ätzt und spuckt Galle, streunt durch Paris, verspottet die etablierte Literaturszene, die ihm den Eintritt verwehrt. Der Nouveaubeton Paris‘ – vor hundert Jahren.

Cravan trifft André Gide und schreibt darüber ein Portrait, das zugleich Karikatur und Spiegelbild ist. Der berühmte Text über sein Treffen mit Oscar Wilde war so detailliert und passend, dass nicht Wenige Cravan glaubten der Meister sei noch am Leben4

Emmanuel Bove: Gesamtausgabe

Man wird sich fragen, warum Bove so lange vergessen blieb. In den Literaturgeschichten taucht sein Name so gut wie nicht auf; von einigen kurzen Rehabiloitationsversuchen abgesehen, waren die mesiten der rund dreißig Bücher, die er geschrieben hat, lange Zeit unauffingbar. Gewiss war die außerordentliche Diskretion des Menschen, bis zum völligen Rückzug, einer der Gründe für seine Vergessenheit.

bovelesebuchbildaSo schreibt Jean-Luc Bitton in seinem Essay Haben Sie Emmanuel Bove gelesen?, der dem kostenlosen Bove-Lesebuch voransteht, der bei der Edition diá erhältlich ist.

Die Frage jedoch: Wie konnte man diesen Schriftsteller vergessen?, kann auch der Biograph Bitton nicht erklären. Rilke und Beckett verehrten ihn, die Kritik hat ihn gefeiert und die Antwort soll natürlich sein: er wurde nicht vergessen und soll wiederentdeckt werden. Eine erste Renaissance gab es bereits als Peter Handke begann Bove neu zu übersetzen. Meine Freunde, Armand und Bécon-les-Bruyères. Eine Vorstadt sind Anfang der 80er bei Suhrkamp erschienen. Danach wurde es wieder ruhiger. Mit Auslaufen des Urheberrechts macht die Edition diá nun das Gesamtwerk Boves wieder zugänglich. Wieso sich dieses zu Entdecken lohnt, weiß wieder Bitton.

Boves Stärke ist es, dass er seine Figuren nie verachtet oder verurteilt, er schaut ihnen, wie ein Laborant durch das Mikroskop, beim Leben zu. Und er beschreibt uns schlicht, was er sieht, was er gehört hat und was wir nicht mehr sehen oder ausdrücken können, mit einer fast besessenen Sorge ums Detail.

Zum Einstieg in das Werk Boves lohnt das umfangreiche, kostenlose Bove Lesebuch, das man bei der Edition diá herunterladen kann.

Weitere Informationen zu Leben und Werk findet man auf der eigens eingerichteten Homepage für emmanuelbove.de.

Rowohlt Rotation

978-3-644-05371-7Kurz vor der Leipziger Buchmesse startete Rowohlt sein neues Digital-Imprint Rowohlt Rotation, erkennbar an rororo, Rowohlts Rotationsromane, angelehnt, das Format das Rowohlt im Nachkriegsdeutschland zu neuer Berühmtheit verhalf. Man konnte günstig und damit für den Leser erschwinglich Taschenbücher, die zu Beginn nur 1 DM kosteten, mittels Rotationsdruck herstellen und so die neue Bundesrepublik mit Literatur versorgen. Bereits die ersten drei Titel – G.K. Chestertons Das fliegende Wirtshaus, William Faulkners Licht im August und Graham Greenes Die Kraft und die Herrlichkeit – spiegeln deutlich wider, was früher unter Unterhaltung verstand, die man günstig unters Volk bringen konnte, aber auch den neuen Anspruch des Digital-Imprints, denn dort kann man als Äquivalent zu Nobelpreisträger Faulkner heute Texte von Vladimir Nabokov, Jonathan Franzen oder Kurt Tucholsky kaufen, statt Graham Green gibt es Joachim Fest über Hannah Arendt oder Stewart O’Nan und anstelle von Father Brown immerhin noch Simon Beckett oder, denn das ist Unterhaltung heute, Jojo Moyes.

Lest doch einfach weiter.

Was eBooks leisten können, das Wiederzugänglichmachen von fast verlorenen oder vergessenen Texten, zeigen alle diese drei Beispiele. Wer nicht bei Nautilus die große Cravan Ausgabe kaufen möchte, kauft bei Mikrotext für Handy oder eReader, Bove wird im Ganzen wieder verfügbar, ein Lesebuch, das gratis erhältlich ist, kann und soll Geschmack machen oder vor Fehlkäufen bewahren und Rowohlt kann aus dem Archiv eines Jahrhunderts Verlagsgeschichte Texte heraussuchen und verfügbar halten, die möglicherweise sonst in dessen Untiefen verschwinden würden. Den Tucholskytext Seifenblasen gibt es bisher nur in Band 16 der Gesamtausgabe versteckt, Uwe Naumanns Mon Oncle – Lieber Klaus wäre zu kurz für den Druck, zu interessant und einzigartig5 um im Wust der Neuerscheinungen zu erscheinen und verloren zu gehen.

To be continued.

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Julian Barnes – Am Fenster

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Das Cover eines doofen Buchs

Julian Barnes und ich haben es nicht einfach miteinander. Der geiernasige Engländer hat mir in Before she met me gezeigt, wie man die bereits auf dem Klappentext enthaltene Story ohne Entfaltung neuer Motive oder irgendwie gearteter Facetten auf 200 Seiten auswalzt oder wie man Trauer mit Heißluftballonfahrten verbinden kann (kann man nicht oder nur schlecht). Trotzdem haben Julian und ich es noch einmal miteinander versucht, nach Roman und Kurzgeschichte nun mit Essays. Die besten Freunde werden wir aber nicht mehr werden.

Die Sammlung „Am Fenster“, von hinten gelesen, beginnt ziemlich schnarch (so sagen junge Menschen, wenn sie etwas langweilt). „Ein Leben mit Büchern“ ist die Entwicklungsgeschichte des kleinen Julian zu einem lesenden Menschen, eine persönliche Geschichte über die Bibliomanie und die Suche nach neuen Schätzen. Mein Missfallen gründet sich hier darin, dass von autobiographischen Informationen einmal abgesehen, der Erkenntnisgewissen für den Konsumenten recht gering ist. Diese Leserbiographien hat doch jeder schon tausendfach gelesen. (Häufig enthalten: Wir hatten nicht viele Bücher, deswegen habe ich alles gelesen, was ich ergattern konnte etc. pp.)

Kurze Zusammenfassung: Früher ist Julian mit dem Auto rumgebrummt, heute bestellt er sich Bücher im Internet, weil alle Läden geschlossen haben, das findet er aber gar nicht so schlecht, weil er so leichter nach vergriffenen Titeln und seltenen Ausgaben suchen kann. Er glaubt nicht, dass das eBook das gedruckte Buch ersetzt. Lesen ist toll.

Barnes in nuce

Genug gespottet, hinein ins Konkrete. Barnes lenkt den Fokus in den meisten seiner Essays auf Schriftsteller abseits des Mainstream, Penelope Fitzgerald (nicht verwandt/verschwägert mit Francis Scott), Ford Madox Ford oder die hier kaum bekannte Lorrie Moore. Dies ist ein zu lobendes Unterfangen und wird vom Betreiber dieses Blogs ausdrücklich gebilligt. Beginnt JB dann allerdings seinen Essay über Edith Wharton mit

Romane bestehen aus Wörtern, gleichmäßig und demokratisch über die Seiten verteilt…

oder den über Lorrie Moore mit

Lorrie Moore ist gut darin, schlechte Witze zu machen.

hat man alles was ich an Barnes nicht mag in a nutshell, da versöhnt mich auch kein hehres Ziel. Ein Festtagsredner beginnt so, hat er kein schmissiges Gedicht gefunden. Der Einstieg soll heiter sein und dann wird das ganze Leben des Jubilars perpetuiert. [„Hah!“, sagt der aufmerksame Leser, „so fängst Du doch immer Deine Rezensionen an 54books-Mensch.“ – Quatsch, das ist ironisch!] Die Essays mäandern nach diesen eleganten Einstiegen irgendwo zwischen hübsch erzählter Geschichte und seichter Geschwätzigkeit. Fraglos hat Barnes eine hervorragende Kenntnisse von Literatur und einen stellenweise erlesenen Geschmack, aber dieses Aphorismenhafte seiner Sprache hat in dem Genre, das alle als gerne als „kluge Essays“ loben, nichts zu suchen, es stört mich bis zum Überdruss.

Wer ein großartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.

Soll ich mir das auf ein Kissen sticken? [Quatsch, habe ein tolles Sonnenuntergangsbild daraus gemacht!!]

Hier, das kann man aus Am Fenster gut zitieren:

Meine Begeisterung für Mösen ist einer meiner letzten wirklich menschlichen Züge.

das ist allerdings von Michel Houellebecq, nicht von Barnes. Das lässt tief blicken.

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Gelebte Literatur – Hans Mayers Frankfurter Poetikvorlesungen

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine der schönsten Traditionen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Seit dem Lehrjahr 1959/60 hält das Who is Who der Autoren der DACH-Länder jährlich, nur unterbrochen von 1968 bis 1979, eine Vorlesung zu einem frei gewählten Thema mit den Fragen zur poetischen Produktionen und ihren Voraussetzungen. Hans Mayer wählte das Thema: Gelebte Literatur (vulgo: ich, Ich, ICH).

Hans Mayer ist sicher einer der großen deutschen Literaturwissenschaftler* Deutschlands nach 1945. Allein seine Arbeit über Georg Büchner hat neue Maßstäbe in der Germanistik gesetzt. Seine Arbeiten zu Proust, Thomas Mann und der Literaturgeschichte sind bis heute alle ebenfalls so stilprägend wie vergriffen.

Als junger jüdischer Jurist bereits 1933 ins Ausland geflohen, arbeitete er mit Max Horkheimer und Walter Benjamin als Sozialforscher, war nach ’45 in Frankfurt Kulturredakteur der Vorgängerin der dpa und arbeitete für das Radio. Erhielt einen Ruf nach Leipzig und pendelte zwischen Ost- und West-Deutschland, inzwischen einer der bekanntesten Literaturkritiker in beiden Ländern, ebensolcher bei den Tagungen der Gruppe 47. 1963 kehrte er nach einem Besuch in Tübingen nicht in die DDR zurück. Dort war er immer wieder mit Kritik an der Kulturpolitik angeeckt. So schrieb er bereits 1956: „Will man das literarische Klima bei uns ändern, so muß die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und Literatur in weitestem Umfang endlich einmal beginnen. Es muß aufhören, daß Kafka bei uns ein Geheimtip bleibt und daß das Interesse für Faulkner und Thornton Wilder mit illegalem Treiben gleichgestellt wird“. Die offiziellen Stellen waren nicht erfreut. Zum endgültigen Bruch kam es 1963 aufgrund des neuen Mayer Buchs Ansichten, in dem er erneut die Literaturinterpretation und -politik des Regimes kritisierte.

Im Westen schuf die TU Hannover Mayer eine Stelle als Professor für Literatur. Der sensible Mann emeritierte 1973, nachdem man seinen Habilitanten Fritz J. Raddatz nicht wie gewünscht inthronisierte.

Dieses Leben, die Ver- und Getriebenheit, das Zerriebenwerden zwischen und in Unrechtsregimen, ist ein Paradebeispiel für den unbeirrten Intellektuellen, der für seine Arbeit und Leidenschaft einsteht. Dieses Leben war so übervoll, dass Mayer sich genötigt sah eine zweibändige Autobiographie zu schreiben. Doch trägt dieses Leben eine Poetikvorlesung?

Besuch – letzter? – bei Hans Mayer; nach langjähriger „Pause“. Er ist seine eigene Anekdote, die so geht: Hans Mayer hat Besuch. Er redet 2 Stunden ohne Unterlaß, wo er alles Vorträge gehalten und welche bedeutenden Leute er dabei getroffen hat. Nach langem betäubtem Schweigen wird der Besucher gefragt: „Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?“

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

„Max Frisch setzte mir in Breslau auseinander..“

Die fünf Vorlesungen tragen die Titel

Eine Jugend im Expressionismus
Leben und Literatur im Exil
Als der Krieg zu Ende war
Außenseiter
Über die Einheit der deutschen Literatur

und beinhalten zwei Themen: das Leben Mayers und die Rechtfertigung desselben eine Poetikvorlesung zu halten.

Der Essayist [also ich, Hans Mayer] aber ist innerhalb der internationalen Literatur durchaus als Schriftsteller anerkannt [weshalb ich, Hans Mayer, auch eine Poetikvorlesung halten darf].

S. 78

Bei aller Polemik möchte ich aber nicht an dem Denkmal eines Verstorbenen kratzen, sondern nur warnen: wer erwartet von Mayer etwas über Poetik zu erfahren, vielleicht sogar Schriftsteller (oder Essayist?!) ist, der für seine Arbeit profitieren möchten, wird enttäuscht werden. Möchte man dagegen von einem höchst spannenden Leben mit und für Literatur lesen, so wird man nicht enttäuscht, dass viele Argumente aber erst dadurch gewichtig werden, dass Brecht am Telefon eine ähnliche Meinung äußerte oder das Politbüro einen Artikel verbot**, daran darf man sich bei Mayer nicht stoßen. Das Büchlein ist eine besondere Leseerfahrung, nur eine Poetikvorlesung war es nicht.

Und ein sofortiges „MEIN Grab wird sehr schön“, er hat es sich auf dem Dorotheestädischen Friedhof gesichert: „Da gehöre ich schließlich hin, ich werde neben Brecht und Eisler und Arnold Zweig und Hermlin liegen, das wird sehr schön.“ Er merkt nicht wie absurd dieser Satz klingt, immer, immer wieder und noch immer, bis über den Tod hinaus, dieses „Ich gehöre zu den Berühmten, ich bin bei feinen Leuten eingeladen“.

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

Die nächste Poetikvorlesung hält im Übrigen Marcel Beyer unter dem Titel Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert, ab dem 12. Januar an fünf aufeinanderfolgenden Dienstagen über Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens.

*Mayer hat Jura studiert und wechselte als Quereinsteiger in die Germanistik. (Das muss sich der Jurist mal vorstellen: Ein bei Hans Kelsen promovierter Rechtswissenschaftler verlässt sein Fachgebiet und widmet sich der Literatur. [Nichtjuristen können es sich so vorstellen: Du warst bei Dumbledore der beste Schüler und belegst dann nur noch bei Trelawney Wahrsagen.])

**Sehr unsaubere Arbeit für einen Wissenschaftler.

Nota bene: Andreas Maier (augenscheinlich kein Abkömmling von Hans) war so konsequent seine Vorlesung gleich Ich zu nennen.

Zum Appetit anregen oder abschrecken: Hans Mayer spricht eine Stunde über sich.

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Kurt Drawert – Was gewesen sein wird

Inzwischen mehr als 10 Blatt umfassender Fax-Wechsel mit Kurt Drawert, der tiefbeleidigt seine Teilnahme an einer Veranstaltungsreihe der HAMBURGER AKADEMIE absagt: Das gedruckte Programm […] spricht von „jüngeren und unbekannteren Autoren“ […]. Wie von der Tarantel gestochen reagierte mein lieber Kurt, welch Tort ihm angetan werde mit dem Etikett „unbekannt“. Was sogar stimmt. Er ist ja […] mit vielen Preisen dekoriert. Dennoch ist er einem größeren Publikum eben „unbekannt“: Als ich neulich mit einem ZEIT-Redakteur über evlt. Interviews/Porträts sprach und, treuer Vasall, wieder den Namen Drawert nannte, kam prompt: „Das wäre evlt. ganz interessant – mal einen ganz Unbekannten.“ Dürfte ich ihm nie erzählen.
Aus: Tagebücher 2002-2012 – Fritz J. Raddatz, 26. Juni 2002

Vor dreizehn Jahren war der angesprochene Drawert 46 Jahre alt und damit gewiss kein junger Autor mehr, ein relativ unbekannter ist er bis heute leider geblieben. Dafür kann es nur eine Erklärung geben, denn er gehört sicher zur Creme derer, die wir haben: er schreibt zu viel in zu wenig beliebten Genres und er ist zu klug!

Eisenmann-DrawertIn erster Linie ist Kurt Drawert Lyriker und als solcher tatsächlich mit vielen Preisen dekoriert, doch auch für seine Prosaarbeiten wurde er bereits prämiert und hier mit so wohlklingenden Auszeichnungen wie dem Uwe-Johnson- oder dem Ingeborg-Bachmann-Preis. In seinem umfangreichen Werk finden sich allerdings, habe ich mich nicht verzählt, nur zwei Romane (von 1992 und 2008) und dies ist eben die Gattung, die wahrgenommen wird und auf Bestsellerlisten steht. Wie viel man allerdings verpasst, habe ich mir am Band Was gewesen sein wird vor Augen geführt.

In dem Sammelband sind Essays von 2004 bis 2014 enthalten, darunter auch der über 100 Seiten lange über Madame Bovary. In diesem beschreibt er die Reise, die er auf den Spuren des Romans und seiner Figuren durch Frankreich unternimmt.

Warum nun aber ausgerechnet Drawert den achttausendsten Sekundärtext zur Bovary schreiben muss, führt er vielfach sehr kunstvoll vor. Es ist kein bloßer Reisebericht, sondern die Geschichte eines Fans, eines Literaturwissenschaftlers und Mannes vom Fach, die Beleuchtung eines der größten Romans der Weltliteratur aus vielen verschiedenen Positionen. Die Analysen des Textes sind zum Teil so brillant, dass man gar nicht genug Tinte im Füller hat, um alle zu markieren. Gleiches gilt für seine Texte über Kafka oder die abgedruckte Rede zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises. In letzterer geht er selbst das Problem des Untergehens der Gattung der Lyrik im Meer der Neuerscheinungen eines überfluteten Buchmarkts, aber auch das seiner Meinung nach insgesamt sinkende Niveau des Veröffentlichten, ein. Sieht aber auch die Probleme bei der Unlust des Lesers sich auf Texte einzulassen:

Ein Umgang mit komplexen literarischen Texten, die sich erst in der Rezeptionsbegabung des Lesers entfalten, findet mehrheitlich kaum noch statt. Bei einer Lesung vor wenigen Tagen wurde ich vom Veranstalter mit den sicher gut gemeinten, aber verunglückten Worten begrüßt, dass ich, nun ja, ein wohl doch etwas schwieriger Autor sei und bitte nicht so lange lesen möchte. Aber kann eigentlich etwas schwieriger, komplexer und rätselhafter sein, als das Leben selbst, das zu verstehen wir uns bemühen mit den Mitteln der Sprache und der Literatur?

Abseits der, hier nicht zu vertiefenden, Debatte erkennt man bereits in diesem Absatz die Schärfe der Gedanken und der Position Drawerts, aber auch seine Liebe zur Literatur, die ganz besonders zu knistern beginnt, wenn er mit hundertjähriger Verspätung auf den Brief eines tumben Leser Kafkas reagiert und diesem die Schönheit dessen Literatur erklärt. Nicht in Worte zu fassen, in welche Worte Drawert Kafkas Schaffen fasst/fassen kann – großes Können! Und in diesem Lobgesang ist noch gar nicht angesprochen was der Autor in weiteren Texten über die Sprache Victor Klemperers oder seine Kritik der politischen Rhetorik leistet.

Es kam während der Lektüre – ein Essayband am Stück! – dass mich Drawert in seiner Brillanz erschlagen hat, aber haben Sie keine Angst vor jemandem, der schlauer ist als Sie: lesen und lernen Sie lieber von ihm. Lassen Sie sich mal wieder auf komplexe Texte ein!

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Die Würde ist antastbar

Ferdinand von Schirach hat mich bereits mehrfach enttäuscht. Alle Fragen zu seinem Großvater Baldur hat er abgeblockt. Er hat sich von dem Hype um seine Person und (vor allem) seinen Schreibstil derart blenden lassen, dass er meinte einen Roman auf den Markt werfen zu können, der einer Verarsche am Leser gleichkam. Eine papiergewordene Enttäuschung nach deren Lektüre ich so aufgebracht war, dass ich das erste Mal in Internet- und Vor-Blog-Zeiten meine Meinung im Netz einreichte (die Amazon allerdings nie veröffentlich hat). Der Fall Collini ist stolze 192 Seiten dick, von denen aber durch Umbruch und Leerseiten vor jedem neuen Kapitel, 19 x 2 = 38 Seiten in Abzug gebracht werden müssen. Dazu ist die Schriftgröße für das erste Lesealter; der Roman so locker in unter einer Stunde durchgeschmökert, der Plot am Ende abgehackt. Sämtliches Potenzial der Geschichte verschenkt, sowie sämtliche durch die ersten beiden Kurzgeschichtenbände erarbeiteten Sympathiepunkte bei mir.

Nun kommt mit Die Würde ist antastbar ein neuer Schirach heraus, in dem schlicht alte Spiegel Essays neu aufgegossen werden. Kein Beitrag wurde neu geschrieben, also nur der Versuch neues Geld mit alter, bereits bezahlter, Arbeit zu verdienen. 134 Seiten gibt es für 16,99 €, wieder ein stolzer Preis für kleines Format gefüllt mit großer Schrift. Aber geben wir ihm eine Chance.

Baldurs Bürde

Sofort springe ich zu dem Essay über den Großvater und der Autor gewinnt wieder Pluspunkte. Offen, fast intim, schildert er die Probleme die ihm seine Herkunft, sein seltener und entlarvender Name bereiten, die Scheu vor dem Fremden, dem Opa, der im Gefängnis war und die offenen Fragen.

Warum ziehen ihn Schläger, rasierte Stiernacken und Bierkeller an? Wieso begreift er, der gerne über Goethe schrieb und Richard Strauss zum Patenonkel eines Sohnes machte, nicht schon bei der Bücherverbrennung, dass er jetzt auf der Seite der Barbaren steht? War er zu ehrgeizig, zu ungefestigt, zu jung? Und für was wäre das überhaupt wichtig? „Was war mit mir?“, sollen seine letzten Worte gewesen sein – eine gute Frage, aber keine Antwort.

Der Enkel beschreibt die Beklemmungen den Journalisten gegenüber: Sie denken, ich wiche aus – und sie haben damit recht. Ich kann keine Antworten geben: Ich kannte ihn nicht, ich konnte ihn nichts fragen, und ich verstehe ihn nicht. Und auch wenn am Ende weiter viele Fragen offen bleiben, hat Schirach darüber gesprochen. Und auch wenn er keine Antworten geben kann, hat er doch immerhin zugegeben, dass die Verbrechen des Verwandten nicht erklären kann. Das Eingestehen der eigenen Hilflosigkeit, macht weitere Fragen überflüssig. Eine frühere derartige Stellungnahme hätte ihn vielleicht schon eher erleichtern können, ein mutiger Schritt bleibt sie trotzdem.

Kritik aus dem Inneren des Systems8e137749c5Und wenn von Schirach dann über seinen (ehemaligen) Brotberuf, die Juristerei, schreibt, läuft er zur Hochform auf. Er schildert und erklärt aktuelle Debatten über das Urheberrecht an Büchern, über die PID oder die Öffentlichkeitsarbeit der Staatsanwaltschaft. So kritisiert er z.B. sehr deutlich die Arbeit derselben im Verfahren gegen den Abgeordneten Jörg Tauss. Und man merkt: Juristen, die, anders als viele ihrer anderen Standesvertreter, schreiben können, und den Betrieb kennen, sollten sich viel häufiger und deutlicher zu Wort melden. Leuchtendes Beispiel hierfür ist etwa auch Thomas Fischer, der Vorsitzende Richter des 2. Strafsenats beim Bundesgerichtshof, der in seinen Artikeln deutlich Stellung bezieht. Weder mit Fischer noch mit von Schirach muss man immer einer Meinung sein, vielmehr fordern ihre Texte dazu auf sich des eigenen Verstandes zu bemühen. Diese Kritiker aus dem Inneren des Systems machen dieses erst transparent, lassen auch den Laien nicht ahnungslos vor denen da oben erstarren.

Trotz der ihm gewährten Aufmerksamkeit gibt sich Schirach aber nicht der Versuchung hin sich in Zustimmung zu sonnen, er bleibt unbequem und kritisiert das Urteil im Falle des Polizisten, der dem Kindermörder Gäfgen Folter androhte. Viel einfacher, boulevard- und stammtischgerecht wäre es gewesen, die Drohung hier für rechtmäßig zu erklären, hängt den Kinderschänder zu rufen, aber Schirach erklärt warum dies eben nicht geschehen darf. Er nutzt seine Bekanntheit für Aufklärung in einem Bereich, der vielen sonst verschlossen bliebe.

Aufklärung für Nichtjuristen

Und auch wenn alles freiwillig war, ist es gar keine Frage: Kachelmanns moralische Schuld wiegt schwer. Aber ein Strafprozess ist nun mal keine Messe, nicht jede Gemeinheit ist strafrechtliche Schuld.

Schirach öffnet Augen, er erklärt den Rechtsstaat und sein Fundament, wenn er über die vielen psychatrischen Gutachten im Vergewaltigungsprozess um Jörg Kachelmann und die damit einhergehenden Zweifel um die Glaubwürdigkeit der Zeugin schreibt: Auch das heißt natürlich nicht, dass die Zeugin nicht vielleicht doch die Wahrheit sagte, aber es bedeutet, dass es viele Zweifel gibt – zu viele, als dass man den Angeklagten nur wegen der Aussage der Zeugin wieder in Gefängnis stecken könnte. Hier bringt er alles was es dazu zu sagen gibt auf den Punkt, das ist Jura für Nichtjuristen in Reinform. Aber ob es dem Nichtjuristen immer reicht, um die wichtigen rechtsstaatlichen Prinzipien, die dahinter stehen, zu verstehen, weiß ich nicht, wage es leicht zu bezweifeln.

Der Autor hat alle Argumente zu Ende gedacht, nur schreibt er manchmal nicht genug von seinen zum Teil brillianten Gedanken auf. Es bleibt sein Problem, dass er einfach zu sehr verkürzt, auch an Stellen, denen dieser Stil nicht bekommt.

Wir wünschen uns eindeutige Beweise, wir sehnen uns nach einer Klarheit ohne Zweifel, nach einer Welt, in der die Dinge schwarz oder weiß sind. Aber so ist die Wirklichkeit nicht. Strafprozesse sind kompliziert, ihre Wahrheit ist formell und selten einfach, sie wird immer nur schwer zu ertragen sein. Am Ende können wir uns nur auf die Strenge der Strafprozessordnung verlassen, sie ist immer noch das Beste, was wir haben, um die Schuld eines Menschen zu beurteilen.

Von Schirach bezieht in seinen Essays grundsätzlich deutlich Stellung und hat dazu noch die Gabe kompliziert erscheinende Wahrheiten in zwei Sätze zu gießen. Nur bleibt manchmal eben die Frage offen, ob nicht doch für den Leser ohne Vorbildung weiterführende Erläuterungen nötig wären.

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Über die Schönheit häßlicher Bilder

Als Schüler hasst oder liebt man den Mann dafür den Nachlass Franz Kafkas nicht vollständig verbrannt, sondern herausgegeben zu haben. Jeder kennt den Namen Max Brods in diesem Zusammenhang, doch wer kennt Max Brod als eigenständigen Schriftsteller, Feuilletonisten oder Journalisten? (By the way: nicht nur Franz Kafka, auch Franz Werfel wurde von Brod entdeckt.) Beim Bücherkauf stach der Essayband Über die Schönheit häßlicher Bilder schon allein aufgrund des Titels hervor (und noch jetzt beneide ich das Genie dieser Überschrift) – kurze Anfrage beim verlegenden Wallstein Verlag in Göttingen, schon liegen Buch und Pressetext vor mir. Der Band ist einer von zehn aus der neuen Reihe „Max Brod – Ausgewählte Werke“, die seit 2013 erscheint, sie soll „das Ouvre, das heute im Buchhandel nicht mehr und in Bibliotheken kaum zu finden ist, wieder einem Lesepublikum zugänglich machen“.

Ein wichtiges Anlegen, denn das Schicksal dieses armen Mannes ist es, dass der Name des durch ihn Geretteten nur von allzuwenigen überstrahlt werden kann, auch nicht von Brod selbst, aber lasst uns deswegen Max Brod nicht vergessen! Weil diese Essays mit das Unterhaltsamste, Lustigste, Intelligenteste, was ich im letzten halben Jahr gelesen habe, sind! Bereits der namensgebende Essay sprüht nur so von Witz, wenn er den nächsten, seine Streitschrift Gegen moderne Möbel, aber mit

Ich habe mich mit modernen Möbeln im Grunde ebensowenig ernstlich befaßt wie mit den anderen Dingen, über die ich schreibe. Ich gehe meines Weges und denke eigentlich über ganz andere Sachen nach, zuweilen aber fällt mir hier und dort etwas wie zwischen zwinkernden Augenlidern auf, und dann notiere ich es, mögen andre zusehen, wie sie damit fertig werden.

9783835313422leinleitet, ist es um mich geschehen. Berauscht und belustigt blättert man weiter und liest Artikel um Artikel. Selbst welche, die erst unattraktiver als die übrigen klingen, wissen zu unterhalten. Kaum ein Essay ist länger als zehn, die meisten eher um die fünf Seiten, und doch steckt in jedem eine eigene kleine Welt. Es versteht sich von selbst, dass Brod, obwohl er sich angeblich doch nie ernstlich befasst hat, geistreich über moderne Möbel sprechen kann. Und noch über vielmehr: den eigenen Tod, zufällige Konzerte, Frauen-Nichtkenner und weiße Wände, über die Vorstadtbühne und Wunderkinder, den Umgang mit Verlegern oder das verkannte Genie. Mit einem solchen hat man es hier zu tun. Mir fehlen die Worte meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen.

Ich bin dafür, geschmacklose Möbel in Massen zu fabrizieren – nicht aber der Menschheit einzureden, es lasse sich auch nur ein Funken der reinen, tugendhaften, göttlichen Schönheit, wie er etwa eine inspirierte Prosazeile Gottfried Kellers erleuchtet, so nebenher auch noch in Sesseln, Kredenzen und Türklinken einfangen.

Gerne würde ich weiteres Lob auf das Haupt dieses Mannes regnen lassen, aber mir fehlen nicht nur die Worte, sondern auch die Zeit – ich habe noch nicht alle Beiträge Brods gelesen und will bereits wieder von vorne beginnen oder soll ich Robert Walser lesen? Denn wenn ein Max Brod sagt, es sei wirklich unmöglich diesen Dichter nach Gebühr zu loben, welch ein Riese muss das sein, gelobt von diesem Giganten. Man lese soviel Kafka wie man mag, aber man vergesse bitte nicht diesen großartigen Schriftsteller, dessen Lebenswerk sich nicht in einer großen Tat erschöpft, sondern aus vielen großen Taten besteht.

Ich kann meine verliebte Freude über seine Existenz in Kurzem nicht anders ausdrücken als indem ich die Namen seiner bisheutigen Bücher mit meiner schönsten Schrift ins Manuskript kalligraphiere. [Brod über Walser; Winterling über Brod]

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Weite Wege, viele Umstände

adolf muschg - im-erlebensfall-085723846Muschg ist dem Juristen eher als MuSchG bekannt, doch verbirgt sich hinter diesem Kürzel im folgenden nicht das Mutterschutzgesetz, sondern der Schriftsteller Adolf Muschg aus der Schweiz. Statt mir einen seiner Romane vorzunehmen, beginne ich mit dem anlässlich seines 80. Geburtstages erscheinenden „Versuche und Reden“.

Muschg äußert sich viel zu tagesaktuellen, politischen Themen. Europa und Globalisierung, Kultur und Freiheit, Wandel und Tod – wer sich viel äußert, setzt sich auch mal in die Nesseln, so tat es Muschg als er die Missbrauchsvorwürfe gegen den Schulleiter der Odenwaldschule mit „pädagogischem Eros nach Platon“ herunterspielte. Sei es drum (jetzt will ich nichts herunterspielen, sondern nur beiseite, weil hier irrelevant, lassen).“Statt eines Vorworts“ berichtet der Autor wie seiner Frau im Prado der Inhalt ihrer Handtasche durch Taschendiebstahl verlustig ging. Grund dafür war das Versinken in Gedränge und im Gemälde Las Hilanderas – Die Spinnerinnen von Velázquez. Der Autor dieser Rezension denkt nicht nur an den Schutz werdender und junger Mütter, sondern ist auch ein ungeduldiger Kunstbetrachter. Wie sehr sich Muschg um Mama sorgt weiß ich nicht, dass aber bei diesem Ehepaar ob Unaufmerksamkeit im Museum leicht zu stehlen ist, wird sehr bald klar.

Diego_Velázquez_014die spinnerinnen las hilanderas
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Während ich einen Haken hinter Velázquez (alte Meister: check!) gemacht hätte, begleitet Muschg den Leser auf einer Reise in das Gemälde. Allein die Wiedergabe des mit leichtem Blick zu Sehenden, C.H.Beck war so klug das Gemälde auf das Vorsatzblatt zu drucken, lässt mich mein Konsumentenverhältnis zur Kunst hinterfragen. So viele Details, Stimmungen und Gesichtsausdrücke, Licht und Schatten, Szenen, Ebenen – hätte/habe ich alles nicht gesehen. Doch was steckt noch alles in diesem Bild: Der Raub der Europa von Tizian auf dem Wandteppich des Alkovens eröffnet dem Kundigen oder dem Hingewiesenen eine riesige Welt auf 220 cm x 289 cm. Denn Der Raub der Europa war das Thema das Arachne im Wettstreit um die größere Webkunst mit Athene auf einen Teppich webte. Arachne gewann und wurde in eine Spinne (aráchnē = Spinne) verwandelt, so die extreme Kurzform. Muschg hangelt sich jetzt von der Schilderung des Bildes und seiner Hintergründe zu Ovids Metamorphosen und Vergil, zu Sozialkritik, Hermann Broch, Rilke, Gottfried Keller und Eichendorff, er entfernt sich weit von der eigentlichen Analyse und schlägt doch wieder einen Bogen zurück, der scheinbar so einleuchtend folgen musste, dass er zwangsläufig erscheint.

Allein dieser 50-Seiten-Essay macht soviel Lust auf mehr, auf Die Sagen des klassischen Altertums, auf Tod des Vergil von Broch, auf Musik, Gedicht, auf Kunst, auf alte Meister – ein wilder Ritt, alles Angeschnittene will ich nun selbst erfahren, lesen, hören. Das Wunderbare daran, dass der Gelehrte Muschg den Leser nie belehren, sondern begeisteren will, als würde ein Kunstenthusiast einen Unwissenden zum Fan bekehren.

Ich werde also mehr Muschg lesen und aufmerksamer durch Museen wandeln. Was gelernt: check!

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Sibylle Lewitscharoff: “Blumenberg” und “Vom Guten, Wahren und Schönen”

Das ist sie also, die neue Büchner-Preisträgerin (außerdem ist sie u.a. mit dem Kleist-, dem Ingeborg Bachmann-Preis und dem Preis der Leipziger Buchmesse dekoriert). Warum mir diese Dame bisher durchgegangen ist, weiß ich auch nicht. Die neuste Auszeichnung und die Jubelstürme, die über das Werk von Sibylle Lewitscharoff hereinbrachen, nahm ich also zum Anlass mir zwei ihrer Bücher vorzunehmen. Weiterlesen Sibylle Lewitscharoff: “Blumenberg” und “Vom Guten, Wahren und Schönen”

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