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Kategorie: Erstling

Bücher des Jahres 2016

1. Blauschmuck – Katharina Winkler

Mein Debüt des Jahres. Brutal, eindrücklich und unbarmherzig. Die Geschichte einer unterdrückten Frau, von Gewalt in der Ehe und der Sprachlosigkeit, in der die Opfer versinken.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

2. Zuwanderung und Moral – Konrad Ott

„Was bedeutet das alles?“ heißt die kleine Reihe mit Sachtexten bei Reclam, in der dieser Text erschienen ist. Konrad Ott vergleicht in diesem Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Bezug auf das drängendste Problem des Jahres und gibt Orientierung in einer Diskussion, die leider vor allem durch plumpe Phrasen von Halb- oder Unwissenden geprägt wurde.

3. Blaue Nacht – Simone Buchholz

Krimi des Jahres! Schnodderig, aber unaufgesetzt. Simone Buchholz hat dazu mit Chastity Riley endlich einmal eine Hauptfigur geschaffen, die nicht einem der Standardklischees „Superheldenermittler“ oder „Superkaputterermittler“ zuzuordnen ist, sondern Abgründe und Probleme hat, nicht ins Abziehbildchen abrutscht, ihre Chas könnte ein echter Mensch sein.

4. Die Unmächtigen: Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 – Günther Rüther

Aus keinem anderen Buch habe ich in diesem Jahr mehr gelernt. Die Entwicklung der beiden Deutschlands ist nicht denkbar ohne die jeweiligen Intellektuellenfiguren, die sie prägten. Aufarbeitung der Nazivergangenheit, Atomwaffen, 68er Unruhen und die Wiedervereinigung immer waren es auch Intellektuelle, sehr häufig Schriftsteller, die den politischen Diskurs beeinflussten. Eine mitreißende, unterhaltsame Geschichtsstunde aus einem neuen Blickwinkel, die zudem unendlich viel Inspiration für Lektüre rund um die Nachkriegsliteratur liefert. Sachbuch des Jahres!

5. Du sagst es – Connie Palmen

Die Geschichte eines Paares, die unglaubwürdig wäre, wäre sie ausgedacht. Liebe bis zur Selbstzerstörung. Sylvia Plath und Ted Hughes stehen für den modernen Prototyp der unglücklichen Ehe, aber auch der gemeinsamen poetischen Produktivität, für das Anziehen und Abstoßen. Connie Palmen gelingt ein einfühlsames literarisches Porträt ohne sich auf eine Seite zu schlagen und lotet die Abgründe beider tragischer Figuren aus. Tolle Literatur über Literatur.

6. Die Kameliendame – Alexandre Dumas

In Klassikern wird ja immer nur geweint. Es wird Herbst, es wird geweint, man geht in die Oper und weint, man trifft irgendwen von früher, Tränen. Armand Duval ist auch so ein armer Wicht, der nah am Wasser gebaut ist. Er verliebt sich unsterblich in die Edelescortdame Marguerite Gautier. Es geht hin und her und am Ende (eigentlich bereits direkt ab Beginn des Buchs) weinen wieder alle. Weil diese tragische Liebesgeschichte zwar schnulzig ist, aber Tiefgang hat und nachhallt, sollte sie jeder lesen, der mal in Ruhe 200 Seiten leise weinen will.

Zugabe: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Ohne Frage das schönste Buch des Jahres.

Zwei Novellen von Stefan Zweig in neuem Gewand illustriert von Joachim Brandenberg bzw. Florian L. Arnold – unbedingt einen Blick ins Buch und die Illustrationen werfen und den Topalian & Milani Verlag aus Ulm auf dem Schirm behalten, da werden sehr feine Bücher gemacht.

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Blauschmuck von Katharina Winkler

Filiz ist eine junge Kurdin, die mit ihrer Familie in der Türkei aufwächst. Das Dorf ist weitab des europäischen Entwicklungsstandes. Archaisch ist sicher das passende Wort. Dies gilt sowohl für das bäuerliche Leben, das sich primär um Schafe hüten und Essensherstellung dreht, als auch die Kultur in den Köpfen. Im strengen Patriarchat aufgewachsen werden die noch ebenbürtigen Kinder-Brüder, bisher der Mutter gehorchend, bald über dieser und Filiz stehen. Die Frauen knien nicht nur um Böden zu reinigen, sondern stets auch um Straßen- gegen Hausschuhe der Männer zu tauschen.

Die Wölfe fressen die Schafe. Sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz.

Als Filiz zwölf ist, verliebt sie sich in Yunus. Mit fünfzehn heiratet sie ihn gegen den Willen ihres Vaters und wird von ihrer Familie verstoßen. Fortan lebt sie im Haus ihrer Schwiegermutter und wird fortlaufend gedemütigt. Die Hochzeit ist für alle, nur für sie nicht, ein rauschendes Fest. Gezerrt, getrieben und im Strom von Menschen, hilflos inmitten Fremder werden für und über sie hinweg Zeremonien begangen, die in der Entjungferung gipfeln.

Ab diesem Tag ist sie das Eigentum des Mannes, der sich ihrer nur zum Stoßen bedient. Stoßen, das sind die Vergewaltigungen, in denen Filiz verzweifelt versucht Liebe zu finden. Zudem wird Filiz von ihrer Schwiegermutter erniedrigt. Noch hochschwanger muss sie auf dem Feld arbeiten, sie wird gezwungen den Ramadan einzuhalten, in traditioneller Kleidung zu arbeiten, sich alleine dem Mann zu zeigen, der sie geheiratet hat. Von Gott hat sie sich längst abgewandt.

Yunus hat Filiz versprochen mit ihr nach Westeuropa zu gehen. Der Traum nicht mehr unter dem Diktat Yunus‘ Mutter zu stehen, neuer Freiheiten und Jeans, auch die Hoffnung, dass Yunus sich dort ändern würde, lässt sie sich in ihr Schicksal fügen. Doch auch in Österreich bessert sich nicht viel für Filiz. Sie lässt sich weiter vergewaltigen und schlagen, damit Yunus seine Frustration nicht an den Kindern auslässt. Die Situation wird immer aussichtsloser als die Kinder beginnen sich an den Westen und seine Sitten, Feiertage und Freiheiten zu gewöhnen.

Blauschmuck ist die (wahre) Geschichte eines Kindes, dem das Kindsein verboten und genommen wird. Die Geschichte einer Frau, die fortlaufend gedemütigt wird, und Rechtfertigungen hierfür sucht; zerrissen zwischen Religion, anerzogener Hörigkeit, kindlichen Wünschen und dem Bestreben das Beste für die eigenen Kinder durch Duldsamkeit zu erkaufen. Der Ton, den Katharina Winkler in ihrem Debüt findet, ist Bildung und Alter der Erzählerin angemessen ohne albern oder dumpf zu sein. Die Sprache Filiz‘ ist einfach, aber nicht tumb, sie findet Bilder für ihre Situation, die realistisch in einem Kind entstehen könnten, aber trotzdem literarische Kraft entfalten.

Seda trägt mein Armband, es schimmert dunkel, zu dunkel für sie. Selin hat sich mein Diadem ins Haar gesteckt.

Zwei dieser Bilder prägen dieses Buch tief: der das Schaf reißende Wolf und Blauschmuck. Ersteres ist schnell erfasst, Feliz wird in der Ehe zum Schaf, der sie ständig stoßende Yunus zum Wolf der in ihren Eingeweiden wühlt, beim ersten Mal zusätzlich zu den Organen noch die Jungfrau damit zu Tage fördert und verschlingt. Der Blauschmuck dagegen sind die Wunden, welche die Männer ihren Frauen beim Prügeln zufügen, die, ob der Privatheit des Verprügelt – und Vergewaltigtwerdens, verschämt und selten mit einem Anflug von Stolz bei anderen beobachtet werden. Blauschmuck ist ein perfide passendes Wortspiel der Erniedrigung.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

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Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen

1In der Regel scheue ich das Lesen von riesig angelegten Familiensagen. Seit den Buddenbrooks vor Jahren habe ich um solche einen Bogen gemacht. (Nicht etwa weil die Buddenbrooks schlecht seien, Gott bewahre, sondern weil mich der Umfang schreckt und mir zumeist die Geduld fehlt, mich in eine Welt mit 20 Charakteren und Intrigen, Geburt, Hochzeit und Sterben hineinzudenken.) Irina Teodorescu hat nun mit Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen aber eine Familiensaga geschrieben, die die Geschichte von knapp acht Generationen auf 140 Seiten erzählt, genau meine Kragenweite also.

Das große Problem der Familie Marinescu ist nicht nur die Habgier des Urahns Gheorghe, sondern dessen hierauf begründeter Mord an einem Banditen. Der ungepflegte Mann mit dem Schnauzbart ist so etwas wie der Robin Hood der Region und hat sitzt momentan auf einem gewaltigen Vermögen. Listig lockt Gheorghe ihn in seinen Keller, lässt ihn dort erbärmlich verhungern und presst ihm vor dessen Tod noch den Standort seiner Schätze ab. Neben dieser Information nutzt der Bandit seinen letzten Atem zur Aussprache eines Fluchs über die gesamte Familie Marinescu, der bis ins Jahr 2000 währen wird und dem die Erstgeborenen jedes Familienzweigs zum Opfer fallen. Trotz des neuerlangten Reichtums und damit einhergehender Machtpositionen gelingt es keiner der Mütter ihre Söhne zu schützen, auch nicht durch entbehrungsreiche Pilgerfahrten.

Maria die Hässliche, Margot die Schlange oder Maria die Versaute sind nur drei der unglaublichen Gestalten, die Irina Teodorescu durch ihre Maxisaga im Miniformat rasen lässt. Jede ihrer Figuren ist derart irrwitzig komponiert, dass die Lektüre eine wahre Freude ist. Faulheit und Durchtriebenheit, Angst und Habgier, Geiz und weitere niederste menschliche Charakterzüge alles findet sich in Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen wieder. Eine Komposition, die in ihrer Rasanz derart unterhaltsam ist, dass man aus dem Lachen über die Geschichte und das Staunen über Teodorescus Kunstfertigkeit nicht herauskommt. Es ist zu hoffen, dass auf diesen ersten Roman der Autorin alsbald ein zweiter folgt.

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Greenwash Inc.

Wer hat eigentlich die Ansprüche an Absolventen von Schreibschulen (vulgo vor allem für den Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und eine Ausbildung am Literaturinstitut in Leipzig) postuliert, dass solche immer die Literatur neu erfinden müssen? Und soviel darf bereits zu Anfang verraten werden, Karl Wolfgang Flender hat die Literatur nicht neu erfunden, aber man merkt seinem Debüt an, dass er in Hildesheim nicht nur zu einem soliden Handwerker ausgebildet wurde, sondern sich mit Greenwash Inc. das Attribut Schriftsteller verdient hat.

greenwash inc flender dumontThomas Hessel arbeitet in der Agentur Mars & Jung. Hier kümmert man sich aufopferungsvoll um das Wohl der Mandanten und vorgeblich der ganzen Welt. Durch geschicktes Lancieren von Artikeln, das Bestechen von Influencern und das Inszenieren von Stories wird das Image des Klienten aufpoliert. Hessel und Kollegen bewegen sich in einer Welt, die der Jurist aus Großkanzleien und -banken kennt, der Leser aus The Circle. Die ständige Erreichbarkeit wird mit einem großzügigen Gehalt belohnt, das für Champagner und Tranquilizer ausgegeben wird, die Freundin kann dafür aus ihrem brotlosen Job über Beziehungen in gleiche Sphären des Wohlstandes und der Umtriebigkeit gehoben werden. Doch der interne Machtkampf belastet nicht nur den Praktikanten, der mit Geduldsaufgaben geprüft wird, sondern führt zwangsläufig dazu, dass auch eine Position an der Spitze keine Sicherheit bietet.

„Musste kurzfristig arbeiten. Melde mich, sobald zurück. Grüß Papa. Gib Julian einen Kuss“, schreibe ich.

Flender zeichnet nicht nur die Absonderlichkeiten und Auswüchse einer Branche nach, in der es diese skrupellosen Menschen, wie sie bei Mars & Jung arbeiten, geben muss, sondern legt zugleich auch den Finger in die Wunden, die sie reißen. Journalismus wird durch Schmeichelei bis zur Bestechung bis zur Korruption unglaubwürdig, eine ganze Industrie sucht den nächsten heißen, viralen Scheiß und die klügsten Köpfe Flenders und meiner Generation arbeiten an neuen Methoden Werbung und damit Produkte geschickter zu verpacken und damit an den Kunden zu bringen. Der Endverbraucher nimmt die gebotenen Berichte ohne Hinterfragen dankbar an und wiegt sich dank Falschinformation in der Sicherheit ein guter Mensch zu sein, denn Hessels Job in Greenwash Inc. ist es vornehmlich windigen Unternehmen einen ökologischen, gutmenschlichen Anstrich zu verpassen.

Greenwash Inc. ist unterhaltsam und doch nicht ohne nachdenkliche Zwischentöne. Flender ist, wie gesagt, nicht nur ein solider Handwerker, sondern lässt sein schriftstellerisches Potenzial immer wieder durchscheinen. Richtig groß würde das Buch freilich, könnte es die aufgeworfenen Fragen auch einer Lösung zuführen, könnte es die Stimmung mit weniger Markennamen und Beschreibungen beschwören. Die Lösungen – für das gern akzeptierte Einlullenlassen der Masse, das freudige Manipulieren durch Agenturen – müssten gar nicht praktisch, sondern vielmehr literarisch, sein.

Der Verlauf der Geschichte ist manchmal zu leicht zu erahnen, die Auflösung zwar konsequent, aber ebenfalls nicht überraschend. Greenwash Inc. ist trotzdem ein gelungenes Debüt!

Meine Hublot sagt, dass ich nun zum Champagner-Tasting mit Madame muss, schnell die Ray Ban aufgesetzt und in den Wiesmann gesprungen. Tschüss ihr Loser!

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Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können

I don’t have meaningful relationships
I don’t have romantic relationships
I read a lot of depressing books

Ohne Vorwissen lese ich diese Gedichte. Unvoreingenommen, unbeeinflusst von einem Hype, den es um die Autorin Mira Gonzalez angeblich gibt. Fast plump, dabei ist es wohl das Gegenteil, habe ich mir das Buch aufgrund des träumerisch, selbstmitleidigem Titels Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können bestellt und zuerst nur sacht hineingelesen.

Gonzales_24940_MR1.inddIn einer auffälligen Ich-Bezogenheit schreibt die junge Autorin Gonzalez über Drogen, Sex, Pornos und Parties. Immer wieder wird die eigene Verletzlichkeit analysiert und beschworen, dazu werden mantraartig eigene Schwächen betont und herausgearbeitet. Klingt alles sehr bekannt. Das Beklagen über den immer wiederkehrenden Egozentrismus der jungen Autoren ändert aber deren Schreiben nicht. Man sollte lieber akzeptieren, dass eine solche Strömung momentan die Hauptströmung, vulgo der Mainstream, der Literatur von, man entschuldige, aber so ist der Eindruck, hauptsächlich jungen Autorinnen ist.

Zwischen den Gedichten befinden sich viele, die nicht so zu zünden vermögen wie etwa Ohne Titel 5

I am looking at people who are dancing and touching each other
I am drinking vodka with ice and feeling incredibly fucked
I wonder if anyone feels more lonely now than they felt an hour ago
when they were alone in their rooms looking at things on the internet

sondern vielmehr nur eine Variation der selben, plattgetretenen Tweets der Internetpeople sein könnten.

Doch immer wieder lauern in den Zeilen, zwischen Sex und Mira selbst und Drogen, kleine Schönheiten der Beobachtungsgabe, die eben doch, gegen alles Unken, den Zeitgeist sehr genau treffen und einen Einblick in die große und kleine bis zur 2-Mann/Frau-Gesellschaft geben. Manche Gedichte stechen auf diese Weise an dem Meer der Einheitsliteratur intelligenter, junger Frauen heraus, wie Gonzalez‘ Stephen in dem Gedicht Weltlicher Humanist, der sich wie ein Sandkorn fühlt, aber doch ein (wenn auch, Anm. d. Verf.) sehr kleines Stück Muschelschale von einer Muschel, die vor 10 Jahren gestorben ist. Liest man intensiv, muss man die Redundanzen überblättern, kann aber große Freude mit und an Mira haben, außerdem sind immer mal wieder diese winzigen Muschelstücke zu finden. Schon der Titel der Sammlung ist in seiner Schönheit fast allein die 16,90 € wert.

Die Veröffentlichung im Hanser Verlag scheint eine Bestätigung des neuen, eigenen Anspruchs, der mit Jo Lendle einzogen ist. Ob aber Mira Gonzalez wirklich der „Star der jungen amerikanischen Literaturszene“ ist, als der sie im Klappentext propagiert wird, muss sich erst noch herausstellen. Das Potenzial ist aber erkennbar.

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Punktum Verlag und Fuckfisch von Juliette Favre

Deutschland hat eigentlich genug Verlage, so dass es nicht auch noch der kürzlichen Gründung des Hamburger Punktum Verlags bedurft hätte. Warum dies aber doch ein lohnenswertes Unterfangen für die Kulturlandschaft darstellen kann, zeigt Fuckfisch von Juliette Favre eine der ersten Veröffentlichungen von Punktum.

Das Genre des Jugendbuchs ist grundsätzlich für mich eher uninteressant. Meine Neugier an von älteren Menschen ausgedachten Geschichten über die zahllosen vermeintlichen Abziehbildprobleme der Heranwachsenden hält sich in Grenzen. Es gibt die Schnulzen (Liebe auf der Klassenfahrt) und die Zeigefinger-Bücher (Drogen, Magersucht, der neue heiße Shit: Cybermobbing) nur kein Spektrum dazwischen, Interpretationen sind nicht nötig, hat man sich bis zum Ende durch berieseln lassen. Eine Ausnahme mache ich ausnahmsweise bei Fuckfisch, denn Juliette Favre war beim Schreiben erst 14 Jahre alt und vielleicht habe ich es also mit einer Primärquelle mit Spektrum zu tun.

Rabiat beginnt die junge Dame und bereits vorweg darf angemerkt werden, dass sie dieses Provokationslevel nicht zu halten vermag.

Die Zeit der Babymuschis und Stringtangas ist angebrochen. Ich bin vierzehneinhalb Jahre alt, ich hatte schon viele Male Sex, und ich bin nicht bereit, meinen Freund aufzugeben. Meine Mumu ist so glatt rasiert wie der Schädel meines Onkels, und in meiner Arschritze ist pinke Spitze, die ich für sieben Euro bei H&M gekauft habe (natürlich von Kindern aus China fabriziert).

Beliebigkeiten aus dem Sexleben eines frühreifen Teenies könnten nun folgen, doch Juliette Favre bekommt schnell die Kurve und verarbeitet in einem zwischen arrogant und einsichtig, aggressiv-aufmüpfig und resignierend changierenden Ton das vermeintliche Elend ihres Daseins: Streit in der Klasse, Alkoholexzesse und der neue Freund der Mutter, der Verlust des Exfreunds und die Gier der Jungs nach Sex und allem was damit zu tun hat. Der Vortrag als Ich-Erzählerin Victoria gibt der Geschichte den authentischen Zug den man erwartet, der aber trotzdem nicht vorhersehbar wird.

Letztens habe ich wieder mal so ein Mädchenbuch gelesen, das von einem durchschnittlichen fünfzehnjährigen Mädchen handelte. Und es hat mich total aufgeregt, weil alles, was da drin stand, totale Lügenscheiße war.

Fuckfisch ist kein Standardbuch für Teenies, sondern eines das, mit den zwar vorhersehbaren Schwächen einer derart jungen Autorin, eine sehr eigene Stimme hat. Ich würde nicht scheuen Fuckfisch an Heranwachsende ab 12 zu verschenken, zum Verderben reicht das nicht. Die überspitzte Darstellung dürfte so im Kopf eines Jeden in dem Alter bereits gespukt haben.

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Hätte einer der großen Verlage dieses Buch „gemacht“, wäre sicher versucht worden es zu einem Skandalroman der Jugend aufzublasen, was es weder ist noch sein möchte. Die verhältnismäßige Stille um Fuckfisch bei einem kleinen, dazu sehr jungen Verlag bietet Juliette Favre hoffentlich den Raum für weitere Entwicklung, denn dass hier eine junge starke Stimme mit Talent heranwächst wird an vielen Stellen deutlich.

Lob für die Fadenheftung und die Idee alle Bände in diese zurückhaltende optische Reihe zu fassen, doch auch leichter Tadel für das etwas zu weiße Papier, das aufgrund der Haptik keine Begeisterungsstürme bei mir hervorruft. Das Format der Bände dagegen sehr gelungen und angenehm zu lesen, würde das Buch nicht zum Zuschnappen neigen, ungewohnt bei einem Hardcover.

Man kann den beiden Köpfen des Punktum Verlags, Gabi Schnauder und Patricia Paweletz, nur viel Erfolg wünschen, wir brauchen doch die Kleinen – und immer schön indie bleiben.

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Astronauten von Sandra Gugic

Die bevorzugte Bewegung des Astronauten ist das Schweben. Diese Art der Fortbewegung ist lautlos und schwerelos und Traumfabrikmaterial. Aber vielleicht ist es auch ein wenig träge, ein wenig dröge, ein wenig vorhersehbar, immer dieses Geschwebe, ohne jemals fallen zu können. Die Astronauten von Sandra Gugic schweben nicht. Sie trudeln, sie stolpern, sie taumeln und straucheln. Und aus sechs von diesen haltlosen Existenzen im Universum hat Sandra Gugic ein sehr lesenswertes Buch gemacht.

646In einem stickigheißen Sommer in einer Stadt, die sich nach Wien anfühlt, treiben die Protagonisten episodenhaft umeinander und aneinander vorbei. Darko und sein wutgetränkter Kumpel Zeno umgarnen die unnahbare Mara, die unaufhörlich Origami-Füchse faltet und eine Affäre mit dem taxifahrenden Schriftsteller Alen beginnt, der wiederum Darkos Vater ist und der sich von seinem Polizistenfreund Niko entfremdet, der wiederum immer wieder auf den Kleinkriminellen Alex trifft und sich dem Junkie unerklärlich verbunden fühlt. Dieser lose, höchstens blassrote Handlungsfaden wird abwechselnd in sechs Stimmen erzählt, sodass am Ende nicht wirklich etwas zusammenpasst, sondern sechs Ichs ihre zersplitterte Sicht auf etwas schildern, das man am Ende vielleicht ein gestrandetes Mutterschiff nennen kann.

Sandra Gugic schreibt in einer Sprache, die traumwandlerisch sicher die richtigen Stimmungen trifft und dem Geschehen in der Stadt und in den Köpfen immer mit einer lakonischen Distanz begegnet, der ihre angeschlagenen Astronauten vor der Rührseligkeit bewahrt.

Minuten, Stunden später wird das Geknutsche und Gefummel vor dem Springbrunnen losgehen, auf dem Parkplatz und zwischen den Säulen. Von drinnen dringen Fetzen von Paartanz-Musik nach draußen, sittsamer Ausgleich zum allgemeinen Treiben bleibt dieVerwendung von Französisch und Englisch als Party- konversationssprachen, und immer neue Erinnerungsfotos vom Abheben und Abstürzen und den Aggregatzuständen da- zwischen, an die sich keiner erinnern wird. Dazwischen liegt die steinerne Grenze zwischen Casino und Park, der Gebäu- dekomplex des Theaters, das Zeno nur einmal von innen ge- sehen hat. Eine Aufführung derRäuber,in die uns eine Jugend- arbeiterin mitgenommen hatte, der alte Schinken aufgepimpt als Gangballade, mit Rap und Breakdance, und Zeno und ich, als alberner Gegensatz dazu, aufgebrezelt in Hemd und Krawatte im Parkett.

Man kann Sandra Gugics Debütroman vielleicht vorwerfen, dass sich die Stimmen ein wenig zu sehr gleichen, dass selbst der gekränkte Bürgerschreck Zeno noch besonnen erklärt, warum er mit dem Luftgewehr auf Passanten und Golfspieler ballert. Das Buch federt seine Schläge oft durch kunstvolle Wortpolster ab und wirkt deshalb eher wie von einer einzigen Stimme erzählt.

Trotzdem entfaltet Sandra Gugics Stil einen gewaltigen Sog, der 199 Seiten mit Lichtgeschwindigkeit im Kosmos verschwinden lässt. Astronauten reiht sich in eine ganze Serie von aktuellen Büchern ein, die sich nicht festnageln lassen, keine klare Position beziehen, sondern ihre Protagonisten fast vorsichtig und großzügig umkreisen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass so viele Texte im zeitgenössischen Universum uns so meinungsstark mit Absolutheitsmegaphon anschreien möchten. Ein Roman ist ein langsames Medium. Lang geschrieben und langsam gelesen, packt er vieles ins Ungesagte. Der Rückzug ins Verkraftbare, viele kleine Geschichten, viele Möglichkeiten anstatt einer großen geschlossenen Erzählung sind eine zur Zeit auffällig häufig genutzte Strategie, der sich auch die Autorin dieser Zeilen außerordentlich verbunden fühlt. Vielleicht hat sie auch deshalb die trudelnden Astronauten so gern gelesen. Kein Autopilot, der irgendwo hinführen muss.

[Rezension von Saskia Trebing]

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Pressestimme für die 2. Auflage

Es gab da diesen Kerl, der bei mir im Blog kommentierte, ausführlich und klug. Also statte ich ihm einen Gegenbesuch ab und lernte Konrad Geyer kennen. Konrad wohnt im Süden Marokkos in einem Wohnwagen. Ausgestattet mit einem kleinen Erbe will er dort schreiben bis dieses aufgebraucht ist. Sein letzter Versuch, nach mehreren gescheiterten, ein Schriftsteller zu werden. Sein Leben und Schaffen beschreibt er nebenher im Blog.

Konrad kritisiert Thor Kunkel und eine Dame mit dem falschgeschriebenen Namen einer Hamburger Literaturprofessorin streitet sich daher mit ihm, Burkhard Spinnen (bis letztes Jahr Vorsitzender der Jury beim Bachmannpreis) antwortet persönlich (?) auf von Konrad veröffentlichte Kritik, es geht heiß her hier, auch weil Konrad munter trollt. Ich kehre häufig wieder und lese gerne die bissigen Beiträge, ich mag Konrad, obwohl er ein schwieriger Typ zu sein scheint.

Konrad Geyer ist Wolf Schmid

Aber dieser Konrad existiert gar nicht, schreibt mir Wolf Schmid als ich Konrad bitte bei Wie liest Du teilzunehmen. KG ist das Heteronym von WS. Ob ich denn seinen, Wolfs, Debütroman bei Erscheinen rezensieren wolle, fragt er. Ich schlucke den Schreck über Konrads Tod und Wolfs Leben hinunter und sage zu. Denn es gibt keine moralischen Bedenken für mich Wolfs Roman zu besprechen, ich kenne den Mann ja nicht, bin in meinem Urteil also völlig unvoreingenommen. Die Tatsache, dass Pedalpilot Doppel-Zwo einen merkwürdigen (im Sinne von komischen, im Sinne von irgendwie doofen) Titel hat und als erstes Buch überhaupt im Liesmich Verlag (was ist denn das für ein merkwürdiger Name?!) erscheint, würde mich normalerweise abschrecken, aber das bin ich Konrad schuldig, denke ich.

PEDALPILOT-COVER-Finale1-425x595Doch Ende des letzten Jahres erreicht mich ein handwerklich schön gearbeitetes Buch in Klappenbroschur, innerhalb des Umschlags findet sich eine Karte der Hamburger Innenstadt, das Cover ist schlicht-elegant-hübsch. Ein positiver Ersteindruck, hatte ich doch irgendwas in gedruckter Selfpublisher-Richtung erwartet, nur das Lesen muss noch warten. Zugegeben habe ich etwas, nicht Angst, aber Skepsis, dem Buch gegenüber. Fiktive (?) Stimmen von Fahrradkurieren auf dem Rücken preisen die Lektüre zwar an, doch was gebe ich auf deren Meinung, vor allem, wenn einer davon direkt zugibt eigentlich keine Bücher zu lesen. “Ein skurriler Roman über Fahrradkuriere in Hamburg..” – auf was habe ich mich da nur eingelassen. Also schiebe ich und schiebe, Wolf fragt inzwischen nach, ob das Buch denn überhaupt angekommen ist: ist es, ist es, liegt aber bis jetzt nur drohend neben meinem Bett.

Was soll ich diesem Mann sagen, der inzwischen auch auf 54stories einen Text veröffentlicht hat, den ich gar nicht übel, sondern ziemlich gut finde: Moin Wolf, irgendwie mag ich Dein Buch nicht lesen, Fahrradkuriere interessieren mich nicht, weiß nicht ob ich das mögen kann und Dir dann sagen, dass ich es nicht mag.

Dann aber liege ich im Bett und bin nicht müde, habe das letzte Buch abgeschlossen und beschließe in Pedalpilot Doppel-Zwo reinzulesen, schaden kann und wird es nicht. Eher kann ich einen Abbruch als gar keinen Anfang rechtfertigen. (Was gräme ich mich eigentlich so, kann mir doch egal sein, wenn mir sympathische Leute schlechte Bücher schreiben?)

Lieber ein Abbruch als kein Anfang

Fahrradkuriere, Titel, unbekannter Autor, unbekannter Verlag – alles egal, 50 Seiten später bin ich noch nicht müde, es tritt ein was ich nicht für möglich hielt, ich lese dieses Buch und eine Last fällt von mir, denn es ist gut! In einem Rutsch, nur durchbrochen von Schlaf und Arbeit, lese ich Pedalpilot Doppel-Zwo.

Walter bat ihn zu warten, packte einen letzten Karton auf die Karre, schloss den linken Türflügel und fragte Thommy, ob er denn schon einmal in Hamburg gewesen war. “Selbstverständlich. Beim König der Löwen. Muss man gesehen haben”, sagte Thommy und verpasste dem Türflügel einen Stoß.

Walter ist Paketfahrer und nie aus dem kleinen Ort der Schwäbischen Alb herausgekommen, seine Frau ist auf der Suche nach Freiheit und Geld mit einem schmierigen Vertretertypen durchgebrannt und sein Sohn schlägt sich in Hamburg durch. Als er in Rente geht, will er diesen endlich mal in Hamburg besuchen. Doch Vater will eigentlich gar nicht in Rente, schon gar nicht verreisen, er ist scheu, etwas feige und eigenbrödlerisch und der Sohn Johannes will an sich keinen Besuch, will dem Vater und sich sein auf der Stelletreten nicht eingestehen. Statt Höhenflügen in der Großstadt hält er sich immer noch als Fahrradkurier über Wasser, träumt wie der Vater von der Liebe einer seiner Kundinnen.

Doch just in der Zeit in der Walter Johannes besucht, hat dieser einen Fahrradunfall und Vater muss einspringen, um dem Filius den Job und die Existenz zu erhalten. Die Voraussetzungen eines Rentners ohne Ortskenntnisse, ohne wirkliche Einarbeitungszeit sind denkbar schlecht doch Walter schlägt sich beachtlich und er verdient sich Stück für Stück den Respekt von Kollegen und Konkurrenz, während Vater und Sohn sich das erste Mal seit Jahren wieder annähern und beider Leben Struktur erhält. Und dann ist da noch Maga, die Schönheit vom Empfangstresen des chicen Büros in der Innenstadt, die sich noch ziert mit Johannes eine Beziehung einzugehen.

Parallelen

Ganz anders als vermutet, finde ich in Pedalpilot Doppel-Zwo sehr viele Stellen mit persönlichem Bezug. Während meines Zivildienstes habe ich viel Tommy Jaud und Oliver Uschmann gelesen, leichte Unterhaltung mit Humor und männlichen Hauptfiguren mit Lebens- und Frauenproblemen, einer meiner Kollege war ehemaliger Fahrradkurier. Zwar bin ich noch nicht in dem Alter, in dem ich mich unbedingt wieder jung fühlen will, aber diese kleine Zeitreise gefällt mir. Dazu kommt für den Neu-Hanseaten Walters Entdeckungstour durch die Stadt mit Punkten zum Abhaken: Johannes wohnt in den Grindelhochhäusern, dort habe ich mir eine Wohnung angesehen, am Neuen Wall werden Sendungen abgeliefert, ich arbeite um die Ecke, im Bunker war ich erst gestern. Der Hamburger erkennt seine Stadt, ohne dass dies regionalkrimiesk mit dem Holzhammer eingearbeitet worden wäre.

Wolf schreibt locker, unterhaltsam und doch nicht oberflächlich. Die beiden Protagonisten sind sympathisch und ihre Geschichte solide konstruiert. Vielleicht ist es etwas zu offensichtlich, dass Vater und Sohn eine Logistikerfamilie sind, vielleicht ist Pedalpilot in manchen Stellen etwas zu vorhersehbar, aber dann gibt es wieder  Bilder wie  den Pacman spielenden Kurier auf der Suche nach der besten Route. Die Sprache Schmids ist insgesamt fast etwas zu gut für einen “bloßen” Unterhaltungsroman, denn dieser Debütant kann schreiben. Wolf ist Tommy Jaud in gut!

Was kann ich ihm und seinem Buch außer diesem vorwerfen? Zu kleine Schrift im Blog und einen komischen Titel, aber Pedalpilot Doppel-Zwo hat mir richtig Spaß gemacht und ich würde mich freuen, wenn das Buch trotz Debüt-Autor und -Verlag mehr Leser findet.

Seien wir großzügig, denn die Sendung erreichte mich noch 2014, für mich sind Wolf und sein Pedalpilot die Überraschung des Jahres! Dies ist keine fiktive Pressestimme; schreibt doch einfach “Tommy Jaud in gut” auf die Rückseite der zweiten Auflage. Marokko oder nicht, echte Kommentare im Kommentarblog oder nicht, Wolf, Konrad, Ihr bist ein Schriftsteller, endlich!

[Den Titel gibt es leider nicht bei ocelot. Dieses Buch ist das einzige, das ihr bei amazon bestellen dürft oder direkt beim Verlag.]

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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
„Fotze, Kacke, Scheiße“-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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