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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien „Es geht doch nicht um die Enten!“.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau „hin“, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Sozusagen Paris – Navid Kermani

Navid Kermani Sozusagen ParisDas Interview von Iris Radisch mit Navid Kermani beginnt, nach dem ersten Abtasten und der zu erwartenden Frage nach dem Amt des Bundespräsidenten, damit dass Frau Radisch Herrn Kermani sagt, dass sie solche Literatur, wie die, über die sie jetzt sprechen, die er geschrieben hat, gar nicht leiden mag. Kermani reagiert etwas patzig, aber souverän und bedauert, dass sie in ihrem Beruf Bücher lesen müsse, die ihr nicht zusagen. Im Gegenzug nennt sie seinen neuen Roman Sozusagen Paris einen bescheidenen Wohnzimmertext. Sozusagen Paris ist ein Wohnzimmertext, da der Roman fast ausschließlich in einem Wohnzimmer spielt, bescheiden ist er dort, wo es Kermanis Erzählung benötigt. Aber der Reihe nach.

Der Erzähler ist Autor auf Lesereise. In seinem letzten Roman hat er seine Jugendliebe verarbeitet, eingearbeitet und diese Jugendliebe steht nun, was zu erwarten war, am Büchertisch vor ihm. Jutta ist inzwischen Bürgermeisterin der Lesereisen-Kleinstadt und die beiden gehen nach dem obligatorischen Lesereisen-Abendessen zu ihr, ins Wohnzimmer. Eine Bettszene wird es nicht geben, nicht mal einen Kuss, stellt der Autor bereits zu Beginn seiner gegenwärtigen Nacherzählung klar. Jutta hat drei Kinder und gerade Streit mit ihrem Mann und dieser wird daher auch die ganze Nacht nicht in Person auftauchen. Über Tee, Alkohol und Marihuana spricht Jutta über ihre Ehe, die zurückliegenden Jahre, ihre Träume und die Realität als kleinstädtische Bürgermeisterin.

Selbstverständlich werden sämtlich denkbaren Probleme der gehobenen Mittelschicht abgehandelt. Der jugendliche Traum der Weltverbesserung, der doch im Reihenhaus endet, die wilde Liebe, die doch im Alltag versandet und mit Wochenendtrips und Tantra am Leben zu halten versucht wird, das Eingeständnis nicht alles liefe perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Jutta ist unglücklich und ist es nicht, der Erzähler ein geduldiger Zuhörer und ist es nicht.

Ich knie neben einer etwa fünfzigjährigen Frau, die den Kopf auf meine Schulter gelegt hat, einer Frau die einmal meine große Liebe war, jedoch mit einem anderen Mann verheiratet ist, unglücklich verheiratet, muß ich dem Gesagten nach schließen, und trotzdem liebt sie ihn zweifellos, mag sie selbst oft das Gegenteil fühlen, sie liebt ihn, das ist für mich keine Frage, und er liebt sie erst recht, es ist eine der seltsamsten, verblüffensten, aufwühlendsten Situationen meines Lebens, und doch müssen vor mir andere Männer in exat der gleichen Körperhaltung eine Geliebte getröstet haben, die einen anderen Mann unglücklich liebt, und ihnen werden dieselben schmerzlichen und zugleich zu unsinnigen Hypothesen durch den Kopf geschossen sein, das Was-wäre-gewesen-wenn, das unsere Erinnerung verdirbt, und Ob-nicht-vielleicht-doch, das uns von der Gegenwart ernhält;

Der gesamte Roman ist durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Proust-, Stendal-, Flaubert-Referenzen und Einsprüchen des fiktiven Lektors. Aber Kermani macht bereits zu Beginn klar wie seine Erzählperspektive aussieht: er schreibt als geschähe es gerade, doch es ist eine Nacherzählung, daher kann er sich der Literatur- und Musikzitate bedienen, die sonst in einem Gespräch in diesem Umfang nicht auftauchen würden. Sowieso ist Navid Kermani sehr ehrlich mit seinem Leser, Erwartungen werden gedrückt, vieles vorweggenommen und Frau Radisch hat wohl einen literarischen Trick erwartet, der Autor aber einfach ein sehr ehrliches Buch geschrieben.

Ein wirklich realistischer Roman

Ich will das gar nicht wissen. […] Ich will nicht wissen, warum er sie im Bett nicht in den Arm nimmt, wenn sie weint, sondern sich umdreht und einschläft.

Der Erzähler will es eigentlich nicht wissen, hört es sich trotzdem geduldig an. Der Leser will es nicht wissen und liest es trotzdem. Es ist der Widerwillen in die Intimität zweier anderer hingezogen zu werden und fast unangenehmer als die Erläuterungen des erfüllt-tantrischen Sexlebens des Paares, das Jutta so schrecklich Liebemachen nennt (es soll ja Leute geben, die wirklich so reden, Iris R. hat solche aber nie getroffen!).

Kermani hat eine literarische Form gefunden, in der er einen solchen Wiedersehens-Intimitäts-Zweifel-Abend abbilden kann, denn so sind solche Treffen. Wer das nicht versteht, war wohl nie unglücklich verliebt, hat nie einer Jugendliebe hinterher getrauert und sich gefragt, was wäre gewesen wenn, als er sie wiedertrifft. Die Frage ist dann nur, ob man überhaupt Literatur besprechen sollte, die sich mit dem Leben auseinandersetzt, oder man nur noch Kopfliteratur rezensiert. Warum wird heute so viel banaler über die Liebe gesprochen als bei Proust oder Stendhal, fragt Radisch und gibt damit eindeutig zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, wie banal Liebe so häufig ist, dass Proust und Stendhal eine idealisierte oder zum Teil fast karrikierend verzerrte Version der Liebe erzählt haben, die in keinem Reihenhaus, keinem Alltag Platz hat.

Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt, vielfach beschrieben in Romanen, die in heutigen Wohlstandsgesellschaften spielen, ja, für das Milieu und Alter geradezu stereotyp, soll ich Jutta erklären und ihr freiheraus sagen, daß ich sie ebendeshalb zum Gegenstand meines Romans genommen hätte: weil ihr Fall verallgemeinerbar sei.

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder „Muss ich den lesen?“ oder „Sollte ich wohl auch mal lesen“.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Aberland – Gertraud Klemm

940Mehrfach habe ich die selten, aber wenn gut besprochene, Gertraud Klemm und ihr Aberland begonnen, mehrfach abgebrochen. Die Geschichte zweier Frauen zweier Generationen, Mutter und Tochter, Franziska und Elisabeth, begann mit einer Suada Franziskas in einem Satz über vier Seiten, ach hat sie es schwer mit dem Kind und ihre Promotion kriegt sie auch nicht fertig, weil ihr Mann so wenig hilft; der Lebensplan, die Wäsche, die Windeln, Abstillen, Altersabstand, zweites Kind, Kinderärzte, Schreibaby. Nichts für mich denke ich kurz angebunden.

Doch ich lasse mich Wochen später erneut darauf ein, sehr zögerlich, und bin überwältigt. Ja, manche der geschilderten Szenen und Figuren sind fast zu abziehbildchenhaft die Klischees der gelangweilten, nicht verwirklichten westeuropäischen Frau, aber diese gibt es eben auch genau so. Die Sorgen um den Kindergeburtstag nehmen groteske Züge an, der längst verlorene Kampf um den Ehemann mit dessen jüngeren Geliebten und natürlich weiterhin der Wunsch der modernen Frau nach Erfüllung irgendwo zwischen Kind und Karriere, nicht aber gleichzeitig den Eindruck erwecken eine schlechte Mutter zu sein, dies sind wohl (ich mag das kaum abschließend zu beurteilen) die tatsächlichen Probleme zweier (oder mehr) Generationen Frauen heute.

Ein bisschen versteht sie das Publikum, das unterhalten werden will, diese jungen Künstler sind anstrengend, Literatur ist es, und die von Schriftstellerinnen noch mehr, immer diese Autorinnen mit ihren persönlichen Befindlichkeiten, kaum geben sie etwas von ihrem Privatleben preis, frisst ihnen das Publikum aus der Hand, Selbstmitleid auf Honorarbasis, ob sich das nicht rächt, ich hätte auch Autorin werden sollen, dann könnt ich meine pummelige, komplexbelandene Mutter unter Aspik auf einem Silbertablett servieren, denkt sie, meinen notorischpolygamen Vater häppchenweise als Beilage und meinen Bruder, den Steuerfachtrottel, als Nachtisch.

Aberland ist in diesem Zitat fast komplett enthalten: Klemm sollte sich trauen mehr Punkte zu setzen, aber sie beobachtet genau und beschreibt in ihrem zynischen Ton auf den Punkt. Im Verlauf der Lektüre lässt es einen Schaudern wie sie auf die Welt sieht, man möchte verzweifelen wie ihre Protagonistinnen in deren Leben aufgerieben werden und doch immer weiterstrampeln. Die Gertraud Klemm schreibt in einer ganz offenen Sprache über Sexualität, Sex und Erotik, kommt dabei aber ganz ohne das zuweil Plakativ-Aufdringliche eines Houellebecq aus, dessen Pessimismus sie dagegen übernimmt. Dem Leser wird vorgeführt, dass der Rest des Lebens eines Westeuropäers nur noch darin besteht zuzusehen wie man mit dem Alter verlischt, Persönliches und Erreichtes bedeutungslos wird, bis man dement wird, nur noch da sitzt und sich einpinkelt. Tragischerweise hat Gertraud Klemm damit wahrscheinlich recht.

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Die Sprache der Vögel – Norbert Scheuer

911Also wenn es zwei Dinge gibt, die ich nicht leiden kann sind es Vogelviecher und Krieg, aber dieses Buch…

Paul Arimond ist vor seinem Leben in der Eifel in den Krieg nach Afghanistan geflohen. Der zurückhaltende junge Mann vertreibt sich den Tag mit Vogelbeobachtungen und dem Zeichnen. Zwischen dem unspektakulären, aber im Kriegszustand immer angespannten Alltag wird der Grund für seine Flucht in Rückblenden gezeigt. Die Schuld an einem Autounfall, bei dem sein bester Freund schwer verletzt wurde, lastet auf ihm und hat sein altes Leben mit einem Schlag zerstört.

Norbert Scheuer, einer der Nominierten des Leipziger Buchpreises für Belletristik 2015, eilt in schnell, kurzen Sätzen durch die Geschichte, die sich am Ende wundersam in ein ausgewogenes Ganzes fügen. Die Lautstärke und Geschwindigkeit des Krieges prallen auf die Ruhe Pauls, die Sätze Scheuers wollen verweilen und werden durch die Story getrieben, das liebevolle Interesse Pauls für Vögel kontrastiert dessen Gleichgültigkeit für den Krieg, gar für Tote und Verletzte. Die menschlichen Verluste werden nur festgestellt, während der Sanitäter Paul Vögel bis ins Detail von Aussehen und Verhalten darstellt. Der Soldat sucht einen Ausweg aus dem Lager, aber nicht um zu desertieren, sondern nur um weiter ungestört beobachten zu können.

Ein so zauberhaftes Buch voller beeindrucktender Schönheit, trotz Krieg und Flattertier. Bitte unbedingt lesen!

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Die herrliche Welt des Scheins – Berlin 1936 von Oliver Hilmes

Die Propaganda, zumindest die rassistische, antisemitische, hält im August 1936 für kurze Zeit die Luft an, denn es ist Olympiade. Das Dritte Reich möchte sich von seiner besten Seite zeigen, friedvoll, friedliebend und weltoffen. Im selben Jahr hatte Hitler zwar die Verträge von Locarno gebrochen und die Wehrmacht im Rheinland einmarschieren lassen, aber dies sollte nicht die größte Sportveranstaltung der Welt stören. Ebenso wenig der bereits tobende Bürgerkrieg in Spanien, der heimlich von Deutschland auf Seiten Francos untersützt wird.

berlin 1936 oliver hilmes coverOliver Hilmes, bekannt durch seine Alma Mahler Biographie, seine Arbeiten zu Ludwig II., der Familie Wagner und Franz Liszt hat die Zeit der olympischen Spiele in Berlin als Aufhänger für sein neues Buch genommen. Der Berliner Historiker wirft sich ins Nachtleben der 30er Jahre, blickt hinter die Kulissen der Propaganda und schaut den Berühmten über die Schulter. Diese knapp zwei Wochen vom 1. bis zum 16. August 1936 reichen Hilmes um ein Panoptikum einer Epoche zu zeichnen, den letzten Akt der Inszenierung einer Regierung, eines ganzen Landes, das sich später voll Begeisterung in einen weltumspannenden Krieg werfen wird und hinter dessen Kulissen bereits die Vorbereitungen für diesen laufen.

Hilmes verschneidet geschickt Tagebuchaufzeichnungen von Harry Graf Kessler und dem unvermeidbaren Goebbels, offizielle Äußerungen und Pressemitteilungen und Wetterberichte mit Zeitzeugenberichten. Er nutzt der Technik, derer sich auch Florian Illies in 1913 bediente, Prominente einander beobachten zu lassen, wahre Begebenheiten so zu komponieren, dass hieraus nicht nur eine, sondern die Geschichte, entsteht. Also sitzt der junge Reich-Ranicki im Theater bei Gründgens, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zieht mit Thomas Wolfe, einem geheimen Protagonisten des Buchs, um die Häuser und Mascha Kaléko verlässt ihren Mann, während alle sich das Maul über Pauline Strauss, die Frau des Komponisten Richard Strauss, zerreißen. Hierein fügen sich immer wieder Bilder, die das Kolorit der Zeit nachzeichnen. Einen großen Anteil hieran hat die Musik dieser Zeit, die zwischen wildem „Negerswing“, Propagandafanfaren und dem ewigen Wagner vorkommt.

Berlin 1936 ist vor allem daher so gelungen, weil Hilmes es schafft das Gleichgewicht aus unterhaltsamen Tratsch, nüchterner Meldung, Tagespolitik und Zeitgeschichte zu halten. Das Lokalkolorit wird nie aufdringlich und selbst bei den Skandalen und Stargeschichten beschleicht den Leser nie das unangenehme Gefühl der Schnüffelei. Zur Balance trägt bei, dass eben nicht nur Anekdoten von Stars nacherzählt werden, sondern Zeitgeschichte anhand des Lebens einfacher Bürger aufgezeigt wird, der Barbesitzer und Soldat auf Geheimmission, bereits gegängelte Juden und Sinti, Besucher der Spiele und Fans von Sportlern. Der in diesen beiden Wochen omnipräsente Sport fügt sich in Berlin 1936 in die Ausgewogenheit des gesamten Buches sein. Natürlich hat Jesse Owens seinen Auftritt, doch auch die Schilderungen der Ereignisse der Leibesertüchtigung, erzeugen keine erzählerlische Unwucht. Man möchte fast sagen, perfekt komponiert.

Oliver Hilmes hat bereits in seinen vorherigen Büchern gezeigt, dass Geschichte und Biographien unterhaltsam sein können. Spätestens jetzt hat er bewiesen, dass er auch ein großer Erzähler ist.

Beitragsbild: Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1976-116-08A  CC-BY-SA 3.0

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Christoph Ribbat – Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne

Ich habe ein Buch gelesen, dessen Titel, Autor, Verlag und Erscheinungsjahr ich hier noch nicht verrate. Darin geht es darum wie wir essen und was Essen in Restaurants für uns und unsere Kultur bedeutet hat. Es ist aber nicht nur eine Geschichte der Gastronomie, sondern auch der Gesellschaft. Es mischen sich Anekdoten mit naturwissenschaftlichen Fakten, Kuriositäten und Schweinereien, fast and slow and leisure food. Ein heiteres, kurzweiliges Buch habe ich da gelesen, das aber auch manche Schwäche hat.

Der Autor, dessen Namen ich an dieser Stelle immer noch nicht verrate, ist Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn, was überhaupt ganz kurios ist und mancher mag sich fragen, was diesen Herrn dazu befähigt über Esskultur zu schreiben, aber essen tun wir ja alle und klug scheint er auch zu sein. Er schreibt auch ganz gefällig, das erfreut. Und als Wissenschaftler kann man auch gut forschen, als hat er zu philosophierenden Köchen und soziologisierenden Kellnern recherchiert (und umgekehrt), Fastfood verspeist und sicher auch mal zugeschaut wie jemand den Boden wischt oder eine Auster öffnet. Das Buch ist echt nicht verkehrt, aber seinen Titel erfährt man erst am Ende dieser Rezension…

Christoph Ribbat bedient sich in Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne einer ähnlichen Verschnitttechnik wie Florian Illies in 1913. Er verschachtelt und arrangiert unterhaltsame Episoden, manche über mehrere Abschnitte hinweg, die meisten nur Intermezzi im großen Ganzen. Doch was Illies unter dem Dach eines Jahres gelingt, funktioniert als roter Faden in Im Restaurant nur bedingt. Die Sprünge zwischen den Enden der Episoden werden zu groß, die Zusammenhänge gehen verloren. Im Restaurant zerfasert.

Dazu kommt leider, dass die häufig arg konstruierten Cliffhanger in einem Buch über das beaufsichtigte Speisen keine Spannung aufbauen, sondern zwangsläufig aufgesetzt wirken. Der seichte Scherz den Namen des Protagonisten erst am Ende des diesen einführenden Abschnitts zu lüften, ist beim ersten Mal sicher ein probates Stilmittel, nur spätestens nach dem dritten Jux führt diese „Spannungsmethode“ dazu, dass der Leser die Wände hochgeht. (Welche Wände erfahren Sie am Ende dieser Rezension.)

Für Einsteiger in die Welt der Bücher übers Kochen (nicht zu Hause am Herd, sondern in der rauen Welt der Gastronomie) bietet Im Restaurant sicher eine unterhaltsame Introduktion. Besser aber sind diese Bücher, mit denen ich damals startete.

Geständnisse eines Küchenchefs: Was Sie über Restaurants nie wissen wollten von Anthony Bourdain

Der Klassiker unter den Restaurantenthüllungsbüchern und über die Leidenschaft, die Köche antreibt. Sex, Koks, vergammeltes Fleisch und Meeresfrüchte, Blut, Geschrei, Alkohol und viel Liebe zum Kochen. Anthony Bourdain wurde mit diesem Buch zu einem Star der literarischen Szene der Köche. Geständnisse eines Küchenchefs war lange vergriffen, nun scheint es wieder zu haben. Wenn man ein Buch über Restaurants und das Kochen liest, dann dieses.

 

Hitze: Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling von Bill Buford

Bill Buford, Literaturchef beim »New Yorker«, kündigt von heute auf morgen seinen Job, um ein Jahr lang im Sterne-Restaurant Babbo Töpfe und Pfannen zu schrubben und das Kochen von der Pike auf zu lernen. Sein Großmeister ist der (TV-)Starkoch der USA Mario Batali. Er lernt im Restaurant und begibt sich im Anschluss nach Italien auf die Spuren der Küche des Landes, lernt bei Nonnas die klassische Herstellung von Pasta und wie man schlachtet. Eine grandiose Kurzzeit-Aussteiger-Geschichte aus Liebe zum Kochen.

Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers von Jürgen Dollase

Buford ist sicher ein bisschen verrückt und Bourdain nicht nur ein bisschen, aber Jürgen Dollase ist komplett von Sinnen. Dieses „Kochbuch“ ist was für Freaks wie Dollase selbst, zum Nachkochen ist da das wenigste, aber seine Ausführungen über spezielle Zutaten und Techniken, Produkte und Zubereitung, Speisen, Schmausen und Genießen – für Dollase stets nur auf allerhöchstem Niveau; so lesen sich auch seine Schilderungen.

Sitting Küchenbull: Gepfefferte Erinnerungen eines Kochs von Vincent Klink

Der Vincent ist schon ein putziger Mensch, so drollig, dicklich, unterhaltsam wie im Fernsehn ist er auch auf dem Papier. Allein die Anekdote seines Besuchs bei Bocuse ist dieses Buch, den Coming-of-Age-Roman eines Kochs zu lesen wert.

[Das Buch, welches ich las war übrigens Im Restaurant von Christoph Ribbat. Bin außerdem gar keine Wände hochgegangen, das sagt man nur so.]

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Blauschmuck von Katharina Winkler

Filiz ist eine junge Kurdin, die mit ihrer Familie in der Türkei aufwächst. Das Dorf ist weitab des europäischen Entwicklungsstandes. Archaisch ist sicher das passende Wort. Dies gilt sowohl für das bäuerliche Leben, das sich primär um Schafe hüten und Essensherstellung dreht, als auch die Kultur in den Köpfen. Im strengen Patriarchat aufgewachsen werden die noch ebenbürtigen Kinder-Brüder, bisher der Mutter gehorchend, bald über dieser und Filiz stehen. Die Frauen knien nicht nur um Böden zu reinigen, sondern stets auch um Straßen- gegen Hausschuhe der Männer zu tauschen.

Die Wölfe fressen die Schafe. Sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz.

Als Filiz zwölf ist, verliebt sie sich in Yunus. Mit fünfzehn heiratet sie ihn gegen den Willen ihres Vaters und wird von ihrer Familie verstoßen. Fortan lebt sie im Haus ihrer Schwiegermutter und wird fortlaufend gedemütigt. Die Hochzeit ist für alle, nur für sie nicht, ein rauschendes Fest. Gezerrt, getrieben und im Strom von Menschen, hilflos inmitten Fremder werden für und über sie hinweg Zeremonien begangen, die in der Entjungferung gipfeln.

Ab diesem Tag ist sie das Eigentum des Mannes, der sich ihrer nur zum Stoßen bedient. Stoßen, das sind die Vergewaltigungen, in denen Filiz verzweifelt versucht Liebe zu finden. Zudem wird Filiz von ihrer Schwiegermutter erniedrigt. Noch hochschwanger muss sie auf dem Feld arbeiten, sie wird gezwungen den Ramadan einzuhalten, in traditioneller Kleidung zu arbeiten, sich alleine dem Mann zu zeigen, der sie geheiratet hat. Von Gott hat sie sich längst abgewandt.

Yunus hat Filiz versprochen mit ihr nach Westeuropa zu gehen. Der Traum nicht mehr unter dem Diktat Yunus‘ Mutter zu stehen, neuer Freiheiten und Jeans, auch die Hoffnung, dass Yunus sich dort ändern würde, lässt sie sich in ihr Schicksal fügen. Doch auch in Österreich bessert sich nicht viel für Filiz. Sie lässt sich weiter vergewaltigen und schlagen, damit Yunus seine Frustration nicht an den Kindern auslässt. Die Situation wird immer aussichtsloser als die Kinder beginnen sich an den Westen und seine Sitten, Feiertage und Freiheiten zu gewöhnen.

Blauschmuck ist die (wahre) Geschichte eines Kindes, dem das Kindsein verboten und genommen wird. Die Geschichte einer Frau, die fortlaufend gedemütigt wird, und Rechtfertigungen hierfür sucht; zerrissen zwischen Religion, anerzogener Hörigkeit, kindlichen Wünschen und dem Bestreben das Beste für die eigenen Kinder durch Duldsamkeit zu erkaufen. Der Ton, den Katharina Winkler in ihrem Debüt findet, ist Bildung und Alter der Erzählerin angemessen ohne albern oder dumpf zu sein. Die Sprache Filiz‘ ist einfach, aber nicht tumb, sie findet Bilder für ihre Situation, die realistisch in einem Kind entstehen könnten, aber trotzdem literarische Kraft entfalten.

Seda trägt mein Armband, es schimmert dunkel, zu dunkel für sie. Selin hat sich mein Diadem ins Haar gesteckt.

Zwei dieser Bilder prägen dieses Buch tief: der das Schaf reißende Wolf und Blauschmuck. Ersteres ist schnell erfasst, Feliz wird in der Ehe zum Schaf, der sie ständig stoßende Yunus zum Wolf der in ihren Eingeweiden wühlt, beim ersten Mal zusätzlich zu den Organen noch die Jungfrau damit zu Tage fördert und verschlingt. Der Blauschmuck dagegen sind die Wunden, welche die Männer ihren Frauen beim Prügeln zufügen, die, ob der Privatheit des Verprügelt – und Vergewaltigtwerdens, verschämt und selten mit einem Anflug von Stolz bei anderen beobachtet werden. Blauschmuck ist ein perfide passendes Wortspiel der Erniedrigung.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

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