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Kategorie: LawAndLit

Die Würde ist antastbar

Ferdinand von Schirach hat mich bereits mehrfach enttäuscht. Alle Fragen zu seinem Großvater Baldur hat er abgeblockt. Er hat sich von dem Hype um seine Person und (vor allem) seinen Schreibstil derart blenden lassen, dass er meinte einen Roman auf den Markt werfen zu können, der einer Verarsche am Leser gleichkam. Eine papiergewordene Enttäuschung nach deren Lektüre ich so aufgebracht war, dass ich das erste Mal in Internet- und Vor-Blog-Zeiten meine Meinung im Netz einreichte (die Amazon allerdings nie veröffentlich hat). Der Fall Collini ist stolze 192 Seiten dick, von denen aber durch Umbruch und Leerseiten vor jedem neuen Kapitel, 19 x 2 = 38 Seiten in Abzug gebracht werden müssen. Dazu ist die Schriftgröße für das erste Lesealter; der Roman so locker in unter einer Stunde durchgeschmökert, der Plot am Ende abgehackt. Sämtliches Potenzial der Geschichte verschenkt, sowie sämtliche durch die ersten beiden Kurzgeschichtenbände erarbeiteten Sympathiepunkte bei mir.

Nun kommt mit Die Würde ist antastbar ein neuer Schirach heraus, in dem schlicht alte Spiegel Essays neu aufgegossen werden. Kein Beitrag wurde neu geschrieben, also nur der Versuch neues Geld mit alter, bereits bezahlter, Arbeit zu verdienen. 134 Seiten gibt es für 16,99 €, wieder ein stolzer Preis für kleines Format gefüllt mit großer Schrift. Aber geben wir ihm eine Chance.

Baldurs Bürde

Sofort springe ich zu dem Essay über den Großvater und der Autor gewinnt wieder Pluspunkte. Offen, fast intim, schildert er die Probleme die ihm seine Herkunft, sein seltener und entlarvender Name bereiten, die Scheu vor dem Fremden, dem Opa, der im Gefängnis war und die offenen Fragen.

Warum ziehen ihn Schläger, rasierte Stiernacken und Bierkeller an? Wieso begreift er, der gerne über Goethe schrieb und Richard Strauss zum Patenonkel eines Sohnes machte, nicht schon bei der Bücherverbrennung, dass er jetzt auf der Seite der Barbaren steht? War er zu ehrgeizig, zu ungefestigt, zu jung? Und für was wäre das überhaupt wichtig? „Was war mit mir?“, sollen seine letzten Worte gewesen sein – eine gute Frage, aber keine Antwort.

Der Enkel beschreibt die Beklemmungen den Journalisten gegenüber: Sie denken, ich wiche aus – und sie haben damit recht. Ich kann keine Antworten geben: Ich kannte ihn nicht, ich konnte ihn nichts fragen, und ich verstehe ihn nicht. Und auch wenn am Ende weiter viele Fragen offen bleiben, hat Schirach darüber gesprochen. Und auch wenn er keine Antworten geben kann, hat er doch immerhin zugegeben, dass die Verbrechen des Verwandten nicht erklären kann. Das Eingestehen der eigenen Hilflosigkeit, macht weitere Fragen überflüssig. Eine frühere derartige Stellungnahme hätte ihn vielleicht schon eher erleichtern können, ein mutiger Schritt bleibt sie trotzdem.

Kritik aus dem Inneren des Systems8e137749c5Und wenn von Schirach dann über seinen (ehemaligen) Brotberuf, die Juristerei, schreibt, läuft er zur Hochform auf. Er schildert und erklärt aktuelle Debatten über das Urheberrecht an Büchern, über die PID oder die Öffentlichkeitsarbeit der Staatsanwaltschaft. So kritisiert er z.B. sehr deutlich die Arbeit derselben im Verfahren gegen den Abgeordneten Jörg Tauss. Und man merkt: Juristen, die, anders als viele ihrer anderen Standesvertreter, schreiben können, und den Betrieb kennen, sollten sich viel häufiger und deutlicher zu Wort melden. Leuchtendes Beispiel hierfür ist etwa auch Thomas Fischer, der Vorsitzende Richter des 2. Strafsenats beim Bundesgerichtshof, der in seinen Artikeln deutlich Stellung bezieht. Weder mit Fischer noch mit von Schirach muss man immer einer Meinung sein, vielmehr fordern ihre Texte dazu auf sich des eigenen Verstandes zu bemühen. Diese Kritiker aus dem Inneren des Systems machen dieses erst transparent, lassen auch den Laien nicht ahnungslos vor denen da oben erstarren.

Trotz der ihm gewährten Aufmerksamkeit gibt sich Schirach aber nicht der Versuchung hin sich in Zustimmung zu sonnen, er bleibt unbequem und kritisiert das Urteil im Falle des Polizisten, der dem Kindermörder Gäfgen Folter androhte. Viel einfacher, boulevard- und stammtischgerecht wäre es gewesen, die Drohung hier für rechtmäßig zu erklären, hängt den Kinderschänder zu rufen, aber Schirach erklärt warum dies eben nicht geschehen darf. Er nutzt seine Bekanntheit für Aufklärung in einem Bereich, der vielen sonst verschlossen bliebe.

Aufklärung für Nichtjuristen

Und auch wenn alles freiwillig war, ist es gar keine Frage: Kachelmanns moralische Schuld wiegt schwer. Aber ein Strafprozess ist nun mal keine Messe, nicht jede Gemeinheit ist strafrechtliche Schuld.

Schirach öffnet Augen, er erklärt den Rechtsstaat und sein Fundament, wenn er über die vielen psychatrischen Gutachten im Vergewaltigungsprozess um Jörg Kachelmann und die damit einhergehenden Zweifel um die Glaubwürdigkeit der Zeugin schreibt: Auch das heißt natürlich nicht, dass die Zeugin nicht vielleicht doch die Wahrheit sagte, aber es bedeutet, dass es viele Zweifel gibt – zu viele, als dass man den Angeklagten nur wegen der Aussage der Zeugin wieder in Gefängnis stecken könnte. Hier bringt er alles was es dazu zu sagen gibt auf den Punkt, das ist Jura für Nichtjuristen in Reinform. Aber ob es dem Nichtjuristen immer reicht, um die wichtigen rechtsstaatlichen Prinzipien, die dahinter stehen, zu verstehen, weiß ich nicht, wage es leicht zu bezweifeln.

Der Autor hat alle Argumente zu Ende gedacht, nur schreibt er manchmal nicht genug von seinen zum Teil brillianten Gedanken auf. Es bleibt sein Problem, dass er einfach zu sehr verkürzt, auch an Stellen, denen dieser Stil nicht bekommt.

Wir wünschen uns eindeutige Beweise, wir sehnen uns nach einer Klarheit ohne Zweifel, nach einer Welt, in der die Dinge schwarz oder weiß sind. Aber so ist die Wirklichkeit nicht. Strafprozesse sind kompliziert, ihre Wahrheit ist formell und selten einfach, sie wird immer nur schwer zu ertragen sein. Am Ende können wir uns nur auf die Strenge der Strafprozessordnung verlassen, sie ist immer noch das Beste, was wir haben, um die Schuld eines Menschen zu beurteilen.

Von Schirach bezieht in seinen Essays grundsätzlich deutlich Stellung und hat dazu noch die Gabe kompliziert erscheinende Wahrheiten in zwei Sätze zu gießen. Nur bleibt manchmal eben die Frage offen, ob nicht doch für den Leser ohne Vorbildung weiterführende Erläuterungen nötig wären.

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Der Kaufmann von Venedig

I.

Antonio steckt in der Kleme. Sein bester Freund Bassanio will um die Hand der Portia anhalten, einer Adligen  und Erbin reicher Besitztümer; die Liebeswerbung sprengt schon früh den Geldbeutel des jungen Venezianers. Antonio sieht sich in der Pflicht, dem geliebten Freund zu helfen, und nimmt selber Schulden beim jüdischen Verleiher Shylock auf sich. Noch ist der Kaufmann aus Venedig unbekümmert, erwartet er doch reich beladene Handelsschiffe, die alsbald in die Lagunenstadt einlaufen sollen.

Shylock, von den antisemitischen Anfeindungen der Venezianer verbittert, lässt sich auf den Schuldenhandel ein, weil er aber all seinen Hass und Gram auf Antonio projeziert, setzt er ein Schriftstück auf, dass Shylock im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners berechtigt, Antonio ein Pfund Fleisch vom Leib zu schneiden. Noch arglos geht Antonio auf diesen Handel ein.

Es kommt, wie es kommen muss: Schiffe verschollen, Geld bei Freier Bassanio, Antonio hart am Ruin, und Shylock fordert die Einhaltung des Vertrages.

In einer turbulenten Gerichtsverhandlung pocht der Jude auf sein Recht; denn Recht ist  etwas, was ihm in den Jahren in Venedig viel zu selten zuteil wurde. Er besteht darauf, Antonio „das Pfund Fleisch aus der Brust herauszuschneiden“ und hält bereits Messer und Waage feil; der Advokat Balthasar wird beauftragt, über den bestehenden Fall zu Urteilen.

Zunächst sieht sich Shylock triumphierend und fordert vehement die martialische Tat, doch Balthasar (der bald als verkleidete Portia erkannt werden wird) wird unmissverständlich „Denn weil du auf das Recht pochst, sollst du Recht bekommen, mehr als du begehrst“. Shylock  habe vertragsgemäß Anspruch auf das Pfund Fleisch, doch darf er keinen Tropfen Blut dabei vergießen. Tue er es doch, so sei er schuldig, Hand an einen Bürger Venedigs gelegt zu haben und würde zugleich zum Tode verurteilt, sein Besitz würde an die Stadt fallen. Und noch mehr: Das Gesetz besage gar, wenn ein Fremder einen Bürger Venedigs verletzen wolle oder nach dem Leben trachtet, sei die eine Hälfte seines Besitzes dem geschädigten Bürger, die andere dem Staat verfallen, noch bevor es zur Tat gekommen sei. Shylock wird der Ausweg zuteil, durch Gnade des Dogen zum Christentum zu konvertieren und seine Tochter an den Christen Lorenzo zu verheiraten; verarmt verlässt er daraufhin das Gericht.

Am Ende wird multibel geheiratet, und obendrein kommt auch noch Antonios verschollene Flotte an.

(Anmerkung: In der Inhaltsangabe wurde aus Gründen der Fokussierung bewußt auf das Portia-Bassanio-Gebalze und die weiteren Liebespaar-Subplots verzichtet-  hole ich gerne bei „LoveAndLit“ nach.)

II.

Soweit zur Synopsis, und noch ein Kommentar in eigener Sache. Ich als medizinisch gebildeter Nicht-Jurist kann fachlich gesehen wohl eher die operativen Handlungsvorhaben Shylocks professionell beurteilen als eine qualitative Rechtsanalyse liefern. Dennoch möchte ich meine eigenen Gedanken zu diesem Beispiel einer „Komödie“ in der Auffassung des elisabethanischen Zeitalters beisteuern.

Wer die Zusammenfassung liest, wird nicht umhin kommen, Herrn Shakespeare hier einen gepflegten Antisemitismus zu attestieren. Auf der einen Seite der Jude Shylock; als Vice-Figur (lasterhaft) ein absoluter Unsympath, der am Ende zurecht gebrochen und gedemütigt in die Wüste geschickt wird, kein Haus, kein Geld, keine Tochter sozusagen. Auf der anderen der vor Schwermut trotzende Antonio, dessen „Rolle auf der Weltenbühne eine Traurige“ ist und dessen Handeln die Freundesliebe ist, selbstlos bis ins Bein.

Shylock ist der BÖSE! Hätte man das gedacht? Wo doch der berühmteste Monolog (übrigens auch der einzige Text des Shylock, der die ihm zuteil gewordene lebenslange Ungerechtigkeit anprangert) ein Appell an alle Beteiligten ist:

-„Und was ist sein Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude  Hände? Organe? Körperteile? Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Genährt mit der selben Nahrung? Verwundet mit den selben Waffen? Den selben Krankheiten unterworfen, geheilt mit den selben Mitteln? Gekühlt und gewärmt durch den selben Winter und Sommer – so wie ein Christ?

Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns dann nicht rächen?“-

 Doch was ist das Böse an ihm? Er pocht auf sein (vertragliches) Recht. Als Summe seiner Enttäuschungen soll dieser Vertrag, den er vor dem hohen Gericht einfordert, im wahrsten Sinne „fleischliche“ Erfüllung erfahren. Und er glaubt an dieses Recht, da ihm anders „Gerechtigkeit“ nicht zu wiederfahren scheint.

 Balthazar: „Es ist so, ihr müsst eure Brust für sein Messer bereiten.“

Shylock:„JAA, seine Brust, nicht wahr, edler Richter. Ganz nah an seinem Herzen, dass sind genau die Worte!“

Schließlich wird der „schreckliche Jude“ mit seinen „archaischen und blutrünstigen“ Gelüsten, der selbst die „Gnade“

 -„die Gabe der Gnade wird nicht erzwungen, sie fällt vom Himmel wie ein sanfter Regen, zwiefach gesegnet. Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt. Sie thront in den Herzen von Königen, sie ist ein Attribut Gottes selbst, und irdische Macht zeigt sich dann der Gottes am Ähnlichsten, wenn Gnade die Gerechtigkeit mildert“-

als tugendhafte Milde vor dem Gesetzt ausschlägt (die mehr Wert zu sein scheint als die blinde Justitia), von eben jener blinden und gnadenlosen „Gerechtigkeit“ seiner Existenz, seines Glaubens und seiner Familie „beraubt“; er verlässt als gebrochener Mann die Bühne.  Der schwermütige Antonio, selbstlos, großmütig und treu dem Freund gegenüber, bleibt der diabolischen Rechtsgläubigkeit des rachsüchtigen Shylock stets kontrastiert überlegen.

 III.

Ein Buch/Stück, welches eher erstaunt! Statt eines von mir (ohne Kenntnis der Handlung) vermuteten Stücks prae-lessingscher Toleranzmahnung wird hier die Lehre transportiert, dass blindes Bestehen auf Verträge und die Härte des Gesetzes ohne Maß und Gnadenbegriff schnell diejenigen vernichten kann, die auf ihre bedingungslose Auslegung pochen.

In jüngster, sensibilisierter und reflektierter Theatergeschichte wird die Figur des Shylock übrigens sehr viel mitfühlender dargestellt, als dies zu Zeiten Shakespeares und der Jahrhunderte danach geschehen ist; schon Heinrich Heine weist auf die „menschliche Dimension der Figur Shylock“ hin. Auch scheint Shakespeare den Shylock, ähnlich dem Jago, nicht unbedingt als Verteuflung der Juden, sondern als Schlechtigkeitsfigur ansich konzipiert zu haben.

 PS.: Der berühmte Verteidigungsdialog ist, als Randbemerkung, kongenial im Film „Sein oder Nichtsein“ verwendet worden!

Manuel ist Arzt in einem nordhessischen Klinkum, Klaviervirtuose und bekennender Freund englischer Literatur.

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Recht ≠ Moral ≠ Gerechtigkeit

Michael Kohlhaas – Einer der rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbar, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber macht ihn zum Räuber und Mörder.

S. 7

I. Inhalt

Der Roßhändler Michael Kohlhaas wird auf dem Weg nach Dresden zu einem Pferdemarkt angehalten, als er das Land des Junkers Wenzel von Tronka durchqueren will. Doch auch nach Zahlung des Zolls will man ihn nicht ziehen lassen. Der Burgvogt verlangt einen Pass zu sehen, den Kohlhaas bei den letzten 17 Reisen nicht vorzeigen musste. Unwirsch, aber der Obrigkeit gehorchend, verspricht Kohlhaas diesen Pass zu besorgen und auf der Rückreise vorzuzeigen. Man lässt ihn ziehen, doch nicht ohne zwei der Rappen, die für den Markt bestimmt waren, als Pfand für seine Rückkehr einzufordern. Erneut fügt sich Kohlhaas, lässt aber auch seinen Knecht Herse zurück, damit dieser die Pferde pflegen kann.

Als Kohlhaas, nach Verkauf der restlichen Gäule und der Versicherung der zuständigen Stellen keinen Pass zu benötigen, zu Tronkas Burg zurückkehrt um Knecht und Rösser abzuholen, findet dieser im Schweinekoben zwei von Arbeit ausgemerkelte Schindmähren wieder, seinen Knecht hat man halb totgeprügelt und vom Hof gejagt. Der Geprellte reicht Klage auf Restitution beim zuständigen Gericht ein und verlangt seine Pferde in dem Zustand zurückzuerhalten, in dem er sie vorher in die mangelhafte Pflege gab. Doch seine Klage wird auf Intervention von Verwandten Tronkas abgewiesen, also wendet er sich in einer Bittschrift an den Kurfürsten von Brandenburg, jedoch bearbeitet diese erneut ein Verwandter Tronkas, mit entsprechendem Ergebnis. Kohlhaas‘ Frau Lisbeth wird bei dem erneuten Versuch den Kurfürsten, nun persönlich, zu erreichen, von einer Wache desselben verletzt und stirbt nur wenige Tage später.

Hierauf ruft Kohlhaas seine Knechte zusammen und bewaffnet sie. Gemeinsam reiten sie zur Burg Tronkas und brennen diese bis auf die Grundmauern nieder, hierbei kommen auch Frauen und Kinder ums Leben, doch der gesuchte Junker hatte sich bereits vorher abgesetzt. Auf der Suche nach diesem steckt die marodierende Bande dreimal Wittenberg in Brand und besiegt den eingreifenden Prinzen von Meißen. Nun interveniert sogar Martin Luther, der für Kohlhaas freies Geleit erwirkt, so dass dieser erneut seinen Fall vortragen kann, wenn nur die blutige Rache einstellt wird. Erneut geht der Prozess nur schleppend voran, während ein ehemaliger Mitstreiter Kohlhaas‘ sich als dessen Statthalter ausgibt und weiter plündernd und brandschatzend die Bevölkerung tyrannisiert. Kohlhaas wird daraufhin erneut festgehalten und will sich durch seine alten Kameraden befreien lassen, was allerdings rechtzeitig entdeckt und vereitelt wird. Als er zum Tod verurteilt wird, reklamiert der vorher untätige Kurfürst von Brandenburg den Roßhändler als seinen Untertan und lässt ihn nach Berlin bringen.

Auf dem Weg dorthin trifft der Kurfürst von Sachsen auf Kohlhaas und fällt bei der Entdeckung einer kleinen Bleikapsel um dessen Hals in Ohnmacht. In dieser befindet sich die Vorhersage einer Wahrsagerin, die den Namen des letzten Regenten seines Geschlechts und das Jahr seines Sturzes befindet. Alle Versuche vorher an diese Weissagung zu gelangen waren vergeblich. Indessen zieht der Kaiser den Kohlhaaschen Fall an sich und verurteilt diesen zum Tode.

Auf dem Schafott erfährt Kohlhaas von der Verurteilung des Junkers Tronka zu einer zweijährigen Haftstrafe und erhält alles wieder was er „auf der Tronkenburg gewaltsamer Weise eingebüßt […]: Rappen, Halstuch, Reichsgulden, Wäsche, bis auf die Kurkosten sogar für [den] bei Mühlberg gefallenen Knecht Herse.“ Bevor Kohlhaas seinen Kopf vor dem Scharfrichter senkt, öffnet er die Bleikugel, liest den Zettel und schluckt ihn, wohlwissend, dass dieser ihm, bei entsprechendem Handel mit dem Kurfürsten, das Leben hätte retten können.

II. Deutungsmöglichkeiten

Die Novelle handelt von der Unterscheidung von Recht und Unrecht, Gut und Böse. Sie dreht sich um die Themen Gerechtigkeit, Strafe und die Rechtfertigung von Rache und die Möglichkeit von der Vergebung, aber auch um die Hilflosigkeit des Einzelnen bei Korruption und Willkür. Allein die Erörterung des Feldzugs, den Kohlhaas beginnt, füllt Bücher, wurde in unzähligen literaturwissenschaftlichen, soziologischen und juristischen Abhandlungen bearbeitet. Die zum Hauptplot hinzutretente Handlung um die Prophezeiung der Wahrsagerin wird hierbei meist ausgeklammert, um die jeweiligen Rahmen nicht zu sprengen. Selten gibt es wohl eine Novelle von 110 Seiten, die derartig vielen Deutungsmöglichkeiten zugänglich ist.

Abgesehen von sämtlichen, mannigfaltigen Herangehensweisen der Literaturwissenschaft an den Text an sich und über diesen hinaus. Bietet die Novelle Historikern die historische Figur und Vorlage des Hans Kohlhase, die angedeuteten innerdeutschen Konflikte, den zwischen Sachsen und Polen und die Einbindung Martin Luthers Raum für Analysen. Juristen, Philosophen und Soziologen können Fragen nach Bestehen und Aufkündigung bzw. Widerstandsrecht innerhalb eines Gesellschaftsvertrags stellen. Selbst Psychologen und Medizinern könnte der gesteigerte Wahn des Kohlhaas Anlass zur Betrachtung bieten.

Den Vorgaben des Projekts #LawAndLit folgend soll es hier aber nur um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit gehen.

III. Was will Kohlhaas erwirken?

Michael Kohlhaas fordert vehement und wiederholt Resitution für den erlittenen Schaden. In concreto für den Schaden an den beiden Pferden, für die von seinem Knecht Herse zwangsweise zurückgelassene Wäsche, die Reichsgulden und die Kurkosten, die diesem aufgrund der Prügel entstanden sind.

Kohlhaas will, dass die Pferde in den ursprünglichen Zustand versetzt, also gefüttert und gepflegt, werden. Während heute die Geschädigten wohl meist nach Schadensersatz in Form des Geldersatzes schreien würde, möchte Kohlhaas klassische Naturalrestitution; auch weil so der Junker gezwungen würde, tätig zu werden, statt einfach nur die Schatulle zu öffnen.

Obwohl Kohlhaas nach heutigem Recht auch die Kosten der Rechtsverfolgung ersetzt verlangen könnte, ist er doch nicht so dreist dem Junker den Unterhalt einer marodierenden Bande in Rechnung zu stellen.

Die Kosten für die Heilbehandlung sind als Schadensersatz in Geld zu leisten, insoweit völlig unproblematisch. Problematisch dagegen, dass Kohlhaas und nicht Herse, der Knecht selbst, diese geltend macht, denn nur diesem steht der Ersatzanspruch zu, nach dessen Tod seinen Erben. Der Roßhändler selbst wäre für diesen Anspruch nicht prozessführungsbefugt. Bevor ich aber gezwungen bin über eine Prozessstandschaft nachzudenken, gibt Kohlhaas vor seiner Hinrichtung das Zurückerlangte der Mutter Herses zurück.

IV. Die Möglichkeiten eines modernen Kohlhaas statt des Griffs zur Klinge.

[Er…] erfuhr, daß die Klage, auf eine höhere Insinuation, bei dem Dresdner Gerichtshofe, gänzlich niedergeschlagen worden sei. […] daß der Junker Wenzel von Tronka mit zwei Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, verwandt sei, deren einer, bei der Person des Herrn, Mundschenk, der andre gar Kämmerer sei.
S. 21

Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör; Art. 103 Abs. 1 GG. Was heute so einfach klingt, wurde Kohlhaas durch Korruption und Klüngelei verwehrt. Nicht auszudenken, dass es auch im heutigen deutschen Rechtsstaats zu solchen Rechtsbeugungen kommt. All die heute üblichen Möglichkeiten im Zivilprozess durch Stellungsnahmen, Beweisanträge und den eigenen Vortrag Einfluss zu nehmen, bleiben Kohlhaas allein dadurch verwehrt, dass es zu keinem Prozess kommt. Wird heute in einem Prozess ein Urteil gefällt, sind hierzu, unter entsprechenden Umständen, Berufung, Revision, (sofortige) Beschwerde, schlussendlich auch die Verfassungsbeschwerde zulässig. Und was sollte Kohlhaas machen? Na, den Richter gem. § 42 ZPO ablehnen. Wenn es wirklich nicht zu einem Prozess kommt, weil in der Verwaltung geklüngelt wird, sollte man mal in §§ 20, 21 VwVfG schauen und das Verwaltungsgericht den Laden überprüfen lassen.

V. Moderne Formen

Auch heutzutage gibt es immer wieder moderne Formen des zivilen Widerstands. Rund um die Rote Flora in Hamburg fühlen sich Menschen in ihren subjektiv als rechtmäßig empfundenen Besitzansprüchen beschnitten. Ähnliches Beispiel sind Krawalle im Umfeld von Fußballspielen. Auch hier bilden meist „ich will aber“- oder „ihr könnt doch nicht“-Argumentation die Grundlage für subjektiv empfundene und mit Waffen zu verteidigende Rechte.

Immer wenn sich Einzelne oder auch einzelne Gruppen einem diffusen Unrecht von oben ausgesetzt fühlen, kann nur der Staat selbst diese Missstände ausräumen. Ein transparentes Rechtssystem, die Offenlegung von eigenen Fehlern und der Dialog sollten hier, auf beiden Seiten, stets das Mittel der Wahl bleiben, statt der Griff zum Knüppel, denn die haben beide Seiten allzu schnell zur Hand.

 

Die Seitenzahlen beziehen sich auf „Heinrich von Kleist Werke und Briefe in vier Bänden“ herausgegeben von Siegfried Streller, Band III Erzählungen, Gedichte, Anekdoten, Schriften, Insel Verlag, 1. Auflage 1986

Die Novelle online abrufbar bei Projekt Gutenberg.

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Ausgleichende Gerechtigkeit – geschmiert und doch unabhängig.

 I.

Im Vorspiel wird in einer landländlichen Region Georgiens im Kaukasus die Wiederherstellung und Bewirtschaftung nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs verhandelt, in deren Verlauf der Kolchos (genossenschaftlich organisierter, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion) der Ziegenbauern der Einbeziehung eines vorher von ihnen reklamierten Tals in den Bewässerungsplan des Obstbaukolchos zustimmt. Zum Dank spielen die Obstbauern, begleitet durch einen bekannten Sänger, das Stück „Der Kreidekreis“:

In den Wirren eines Volksaufstandes  gegen den Großfürsten in Grusinien rettet die Magd Grusche das Kind des getöteten Gouverneurs, dessen Frau fliehen kann, aber statt des kleinen Michel nur ihre Kleider mit sich nimmt. Grusche entkommt in die Berge, leidet Hunger, um das Kind zu ernähren, stimmt, trotz Verlobung mit Simon, einer Hochzeit zu, um das Kind zu legitimieren. Trotz ihrer Beteuerung das Kind sei das ihre, wird Michel in die Hauptstadt gebracht, weil die leibliche Mutter Ansprüche erhebt, da sie nur so das reiche Erbe sichern kann.

Azdak, eigentlich nur Dorfschreiber, der in den Wirren der Aufstände zum Richter ernannt wurde, soll über die Mutterschaft richten. Er lässt zur Klärung des Falls Michel in einen Kreidekreis stellen und die Frauen sollen gleichzeitig an diesem zerren, die wahre Mutter werde die Kraft haben ihren Sohn an sich zu ziehen. Die leibliche Mutter kann das Kind auf ihre Seite ziehen, da Grusche sich weigert, dem von ihr großgezogenen Jungen Schmerz zuzufügen. Daraufhin spricht Azdak Michel Grusche zu und scheidet auch ihre Ehe, damit diese Simon heiraten kann.

Der Kreis zwischen Vorspiel und eingebundener Parabel schließt sich: Derjenige soll also, hier ein Kind oder auch ein Gebiet, zugesprochen bekommen, der bestmöglich dafür sorgen kann.

Nehmt zur Kenntnis die Meinung der Alten: / Daß da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.

II.

So soll in Kürze der Inhalt wiedergeben werden, damit der Leser des Folgenden sich zumindest innerhalb des Dramas zurechtfinden kann und den Kontext kennt. Da dieser Beitrag im Rahmen des Projekts LawAndLit steht, soll selbstverständlich besonderes Augenmerk auf den Richter Azdak und seine Rechtsprechung gerichtet werden.

Die Prüfung im Kreidekreis geht auf das Urteil des Königs Salomo(n) zurück, der zur Klärung der Mutterschaft ein Kind zerteilen lassen wollte (auch hier schreckt die „wahre“ (Zieh-)Mutter vor dem, noch drastischeren, Schritt zurück). Die Figur des Azdak geht wiederum auf den chinesischen Richter Bao Zheng (999-1062) zurück. Dieser verurteilte u.a. mehrere korrupte Adlige und Beamte zum Tode und ging als literarische Figur des Richter Bao in die chinesische Volksliteratur ein. (Bert war schon immer ein Meister des „Adaptierens“.)

Bei Brecht ist er „ein Saufaus und versteht nichts, und die größten Diebe sind schon bei ihm freigekommen. Weil er alles verwechselt und die reichen Leut ihm nie genug Bestechung zahlen, kommt unsereiner manchmal gut bei ihm weg.“ Er ist aber nicht nur ein Armeleuterichter, sondern zumeist auf Seiten der (ausgleichenden) Gerechtigkeit, dass stets die Arbeiter und das Proletariat im Recht zu seien scheinen, ist auf den marxistischen/sozialistischen/kommunistischen Zeigefinger Brechts zurückzuführen.

Azdak taucht erstmals auf, als er „aus Versehen“ den flüchtigen Großfürsten rettet, er hatte ihn nicht als diesen erkannt und ihm Unterschlupf gewährt. Als er dies entdeckt begibt er sich in die Stadt um sich „zu stellen“, ein aufrechter Mann also auch im Urteil gegen sich selbst. Die anwesenden Soldaten ernennen Azdak aber, statt ihn aufzuknüpfen, nach dem Mord am Richter zu einem solchen: „Immer war der Richter ein Lump, so soll jetzt ein Lump der Richter sein.“

Ihr wollt eine Gerechtigkeit, aber wollt ihr zahlen? […] Und außerdem bist du eine ganz dumme Person, daß dumich gegen dich einnimmst, statt daß du mir schöne Augen machst und ein bissel den Hintern drehst, so daß ich günstig gestimmt bin.

Azdak ist zwar der Dorfschreiber, kennt die Gesetze aber nicht. Er lässt sich von seinem Gefühl und Rechtsempfinden leiten. Statt das Gesetzbuch zu lesen, legt er es sich unter um höher zu sitzen. Stellenweise verfällt er in Muster der vorherigen Richter, führt so aber das alte System vor, um am Ende doch ein gerechtes Urteil zu fällen. Geschmiert und doch unabhängig.

Der Dorfschreiber als Richter ist ein verfressener, ungehobelter, eigentlich grundsätzlich unsympathischer Mensch, durch seine Urteile aber wird Azdak zu einem anderen, besseren, ja wertvollen Teil der Gemeinschaft. Soweit, dass er für die Gerechtigkeit zum Held und Märtyrer wird, lässt er es allerdings nicht kommen, als sich der Wind im Land zu drehen beginnt und die Gefahr besteht, dass er für seine Urteile zur Rechenschaft gezogen wird, flieht er.

Denn ich leg den Richterrock ab, weil er mir zu heiß geworden ist. Ich mach keinem den Helden.“

III.

Aber das Volk Grusiniens vergaß ihn nicht und gedachte noch lange seiner Richterzeit als einer kurzen goldenen Zeit beinah der Gerechtigkeit.

Was aber können wir von Azdak und seiner Art Recht zu sprechen lernen? Er urteilt äußerst einseitig, nämlich nur für eine bestimmte Schicht. Diese Einseitigkeit beruht auf der Voreingenommenheit für den einfachen Menschen. Diese Ausübung der Rechtsfindung mag eine Parabel tragen, nicht aber die Realität. Im wahren Leben, marxistische Brille abgenommen, sind auch die Arbeiter mal die Bösen. Azdak mag vieles sein, aber kein Vorbild!

Heute sind in Deutschland die Richter unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen (vgl. Art. 97 Abs. 1 GG, § 1 GVG, § 25 DRiG). Hiernach ist der Richter nicht frei vom Gesetz, aber frei in der Anwendung dessen. Azdak dagegen legt seinen Urteilen ausdrücklich nicht die geltenden Gesetze zugrunde, diese kennt er nicht mal. Dem Urteil eines Gerechten mag man sich unterwerfen, aber auch dies würde in der Praxis nur soweit reichen bis der erste Ungerechte Richter würde. Ganz sicher müsste Azdak heute mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde nach § 26 DRiG rechnen. Auch seine Methoden zur Wahrheitsermittlung dürften über seine begrenzte Amtszeit hinaus durchschaubar werden und so nicht mehr zum Ziel führen. (Falls jemand ein Kind in einen Kreis stellt, nicht an ihm ziehen, will er es zerteilen, heftig widersprechen!)

Die Parabel als Lehrstück sollte aber ganz besonders bei dem Thema Korruption aufhorchen lassen. Dies ist ein Problem, das, auch in heutiger Zeit einer sehr gut geregelten Gerichtsbarkeit, die in ihrer Rechtsfindung von vielen, starken Korrektiven überwacht wird (siehe hierzu auch den, noch folgenden, Kohlhaas Beitrag), Gefahren birgt. Zumindest wird versucht die Übervorteilung Mitteloser in Strafprozessen durch die Beiordnung eines Pflichtverteidigers aufzufangen. Im Zivilprozess ist auch der (schlecht) anwaltlich Vertretene dem Judiz des Richters „ausgeliefert“. Korruption bei Richtern aber scheint heute zum Glück, es ist ruhig im Blätterwald, nicht wirklich ein Thema zu sein. Die Sensibilisierung für solche Themen hat aber noch niemandem weh getan. Wer die Vorteile des Systems kennt, weiß diese auch zu schätzen und gegebenenfalls zu schützen.

Von Azdak können wir also vor allem lernen wie man es nicht zu machen hat, denn auch wenn seine Urteile auf den ersten Blick und in Anbetracht der wenigen Fälle gerecht scheinen, wäre eine Rechtsprechung auf Gefühlen eines Einzelnen zu unsicher. Noch unsicherer würde sie werden, wenn sie von mehreren auf der Grundlage ihrer Gefühle geschöpft. Willkür kann auf Dauer keine Gerechtigkeit herstellen.

IV.

Das Stück gehört zur Gattung des epischen Theaters: ein auktorialer Erzähler berichtet in den fünf Akten eine Parabel, die wiederum von der Rahmenhandlung des Vorspiels zusammengehalten wird. In Prologen werden die folgenden Szenen vom Erzähler, hier dem Sänger, beschrieben, in Epilogen aufgearbeitet. Typischerweise werden in dem Stück auch Lieder vorgetragen (die Musik komponierte Paul Dessau). Der kaukasische Kreidekreis enthält alle Stärken und Schwächen des epischen Theaters: zur Verdeutlichung des Lehr- und Parabelstücks wird die Spannung des Stücks abgebaut, der Inhalt der Szenen fast immer vorweggenommen, dadurch aber wiederum die Wirkung des zu vermittelnden Inhalts umso eindringlicher. Man munkelt, dass „Der kaukasische Kreidekreis“ auf der Bühne im Verlauf von Vorspiel und fünf Akten Längen habe.

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Verleumdung im Russenpuff

Der deutsche Jurist hat immer wieder mit dem Vorurteil der Trockenheit seiner Person, seines Humors und Betätigungsfeldes zu kämpfen. Dass es sich hierbei nur um ein böses Gerücht handelt, bewies der Richter des Arbeitsgerichts Detmold. Das Urteil vom 23.8.2007 – 3 Ca 842/07 glänzt nicht nur durch einen bizarren Fall, sondern auch durch die Reimform des gesamten Textes. Ein Urteil für die Ewigkeit!

Der Streit entstand, weil der Beklagte
im Rechtsstreit vorzutragen wagte,
was nun der Klägerin sehr missfällt. Sie fordert deshalb Schmerzensgeld.
Dass der Beklagte schweigen soll, verlangt sie ferner voller Groll.

Was ist der Grund für ihre Klage?
Nun, der Beklagte hat in ……
einst einen Spielbetrieb besessen.
Die Klägerin ihrerseits indessen
erhielt – als Aufsicht eingesetzt
– für diese Tätigkeit zuletzt
als Stundenlohn, wie man das kennt,
nur sieben Euro und elf Cent.

Oft kamen dorthin manche Kunden
erst in den späten Abendstunden,
um sich – vielleicht vom Tagesstress
beim Spielen auszuruh’n. Indes
behauptet nunmehr der Beklagte,
dass es die Klägerin dann wagte,
so neben ihren Aufsichtspflichten
noch andere Dinge zu verrichten:

So habe sie sich nicht geniert
und auf dem Hocker masturbiert.
Was dabei auf den Hocker troff,
befände sich im Hockerstoff.
Die Spielbar sei aus diesem Grunde
als „Russenpuff“ in aller Munde.
Er habe zwar nun dies Geschehen
nicht selbst vor Ort mitangesehen.

Doch hätten Zeugen ihm beschrieben,
was dort die Klägerin getrieben.
Er kündigte aufgrund der Kunde
der Klägerin aus andrem Grunde,
um – dies ließ er jedoch betonen
– den Ruf der Klägerin zu schonen.
Die Klägerin klagte dann sogleich.
Man einigte sich im Vergleich –
hier mag man die Parteien loben –
denn der Vertrag ward aufgehoben und –
um die Sache abzurunden –
die Klägerin noch abgefunden.

Der Klägerin reichte dies nicht hin,
denn ihr steht noch nach Mehr der Sinn.
Sie habe nie vor all den Zockern
sich selbst befriedigt auf den Hockern.
Der Pein, die man ihr zugefügt,
der werde nur durch Geld genügt.
Die Lügen – für sie nicht zu fassen –
muss der Beklagte unterlassen.

Die Klägerin beantragt,

1. den Beklagten zu verurteilen, an die Klägerin 3.000,00 € nebst 5 % Zinsen über dem Basiszinssatz seit dem 31.03.2007 zu zahlen;

2. den Beklagten zu verurteilen, es zu unterlassen, zu behaupten, dass die Klägerin mehrfach sexuelle Handlungen nach Dienstschluss in der Diensthalle der Fa. … GmbH vorgenommen habe;

3. dem Beklagten anzudrohen, dass für jeden Fall der Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld bis zur Höhe von 250.000,00 € oder eine Ordnungshaft bis zu sechs Monaten gegen ihn festgesetzt wird.

Der Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Er meint, es fehle dieser Klage
der Grund, dies stehe außer Frage.
Er habe nichts etwa „erdichtet“
nein, nur in dem Prozess berichtet –
und so die Kündigung begründet –
was vorher Zeugen ihm verkündet
und diesen habe er geglaubt.
Dies sei ihm doch wohl noch erlaubt.
Was nun die Klägerin bestreitet,
das habe er auch nie verbreitet.
Er habe doch nur im Prozess
berichtet, wie gehört. Indes:
er könne schließlich nach Belieben
was dort die Klägerin getrieben
beweisen: erstens durch die Zeugen;
die würden sicher nichts verschweigen.
Und zweitens durch den Stoffbezug
des Hockers, der die Klägerin trug.
Er reichte ihn – den gut verpackten –
bereits zu den Verfahrensakten,
auf dass nunmehr die Analyse
der Klägerin Tun exakt bewiese.

Was die Parteien noch so sagen,
ist in der Akte nachzuschlagen.

Entscheidungsgründe

Die Klage – wie die Kammer findet –
ist vollumfänglich unbegründet.

Auch wenn’s der Klägerin missfällt:
Es gibt für sie kein Schmerzensgeld;
denn der Beklagte durfte hier
sich äußern, wie er’s tat. Dafür
gilt dies hier nur in dem Verfahren –
sonst darf er auch nichts offenbaren.

Er hat – um auf den Punkt zu kommen –
insoweit etwas wahrgenommen,
was der, der die Gesetze kennt,
„berechtigtes Interesse“ nennt.
Zwar könnte man zu Recht hier fragen:
Darf man denn einfach etwas sagen,
wenn man es nur von anderen hört
und dies, wen es betrifft, empört?
Besteht nicht wenigstens die Pflicht,
dass man sich informiert und nicht
leichtfertig irgendwas verbreitet,
was Anderen Verdruss bereitet?

Dass der Beklagte so ganz „locker“
erfand das Treiben auf dem Hocker,
er also nicht aus Zeugenmunde
erfuhr die „sexuelle Kunde“,
hat selbst die Klägerin nicht erklärt.
So war es ihm auch nicht verwehrt
die Kunde für sich selbst zu nützen,
hierauf die Kündigung zu stützen.
Die Klägerin hat nämlich nicht
bestritten, dass hier ein Bericht
der Zeugen stattfand, der Beklagte
nur wiedergibt, was man ihm sagte.
Auch dafür, dass die beiden Zeugen
persönlich vielleicht dazu neigen
bewusst die Unwahrheit zu sagen,
ward im Prozess nicht vorgetragen.
So musste der Beklagte nicht
misstrauen ihrem Tatbericht,
um selbst der Sache nachzugehen,
was in der Spielbar so geschehen.
Nur wenn sein Ziel war zu verletzen,
die Klägerin herabzusetzen,
sie zu verleumden, zu entehren,
war ihm dies deutlich zu verwehren.
Kurz: Es kommt letztlich darauf an,
ob’s der Beklagte selbst ersann,
er also gleichsam phantasierte,
wie sich die Klägerin gerierte.

Und deshalb bleibt auch unergründet,
was sich im Hockerstoff befindet
und ob die Zeugen sahn und hörten,
was dem Beklagten sie erklärten.
Nein, der Beklagte muss mitnichten
ein hohes Schmerzensgeld entrichten.

2. Auch unbegründet – ohne Frage –
ist hier die Unterlassungsklage.
Die Klägerin hat nicht vorgetragen,
dass der Beklagte sozusagen
nun coram publico beschrieben,
was auf dem Hocker sie getrieben.
Nur im Prozess hat er erklärt,
was jetzt die Klägerin empört.
Das durfte er – wie dargestellt,
womit natürlich das entfällt,
was letztlich Grund der Klage war:
die zu befürchtende Gefahr,
dass der Beklagte überall
herumerzählt den „Hockerfall“,
bestrebt ist, unter allen Leuten
was man ihm zutrug zu verbreiten.

Die Kosten, dies bleibt noch zu sagen,
sind von der Klägerin zu tragen.

Der Streitwert war nach den Gesetzen –
wie hier geschehen – festzusetzen.

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#LawAndLit

Von Haus aus bin ich, bekannter- oder unbekanntermaßen, Jurist und erfreue mich daher an einer Strömung, die sich, vor allem in den USA, zunehmender Beliebtheit erfreut: Law and Literature. Da Tobi von TexteUndBilder und ich sowieso in letzter Zeit überlegt haben, die bloggenden Juristen zu einer gemeinsamen Aktion aufzurufen, nun also alle auf zu #LawAndLit!

Mehr zur Idee und den Teilnahmebedingungen zu dieser außergewöhnlichen Blogparade gibt es unter: http://www.buchguerilla.de/lawandlit/

Und Achtung! Man muss nicht bloggender Jurist sein, weder Jurist mit Blog, noch Blogger mit juritischem Hintergrund sein, sondern nur interessierter Leser mit Spaß am Thema.

Für Leute, die zu faul sind auf den obigen Link zu klicken, hier nochmal die Liste mit den vorgeschlagenen Werken:

1. William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig – Recht als Rache?
2. Gottholt Ephraim Lessing – Emilia Galotti – Resignation des Rechts vor der Macht?
3. Heinrich von Kleist – Michael Kohlhaas – Rebellion des Rechts gegen die Macht?
4. Georg Büchner – Dantons Tod – Recht durch Gewalt?
5. Conrad Ferdinand Meyer – Die Richterin – Recht sprechen ohne Recht zu tun?
6. Herman Melville – Billy Budd. Sailor – Rechtsgehorsam oder Rechtsmanipulation?
7. Franz Kafka – Der Prozeß/Vor dem Gesetz – Recht als Illusion
8. Susan Glaspell – A Jury of Her Peers – Wer soll des anderen Richter sein?
9. Katherine Anne Porter – Noon Wine – Öffentliche oder private Gerichtigkeit?
10. Albert Camus – Der Fremde – Entfremdetes Leben, entfremdetes Recht?
11. Berthold Brecht – Der kaukasische Kreidekreis – Wer findet wie die Gerechtigkeit?
12. Friedrich Dürrenmatt – Die Panne – Recht als Farce?
13. Friedrich Dürrenmatt – Der Besuch der alten Dame – Käuflichkeit des Rechts
14. Albert Camus – Die Gerechten – Recht durch Revolution
15. Friedrich Schiller – Die Räuber – Das Verhältnis von Freiheit und Gesetz
16. Heinrich Böll – Die verlorene Ehre der Katharina Blum – Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann
17. Gottfried Keller – Die drei gerechten Kammmacher – Recht und Rivalität
18. Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne – Recht im Ausnahmezustand
19. Fjodor Dostojewski – Verbrechen und Strafe – Eigenes und fremdes Recht
20. Bernhard Schlink – Der Vorleser – Die Verarbeitung von Unrecht

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Bartleby der Stalker?

§ 238 I Nr. 1 StGB: Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, indem er beharrlich seine räumliche Nähe aufsucht […] und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das Aufsuchen der räumlichen Nähe zum Opfer z.B. durch Auflauern, Verfolgen, Warten in der Nähe der Wohnung oder der Arbeitsstelle geschehen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob der Täter sich dem Opfer vollständig nähert oder er einen Ort aufsucht und dort wartet, bis sich das Opfer in seine Nähe begibt. […] Anders als bei Nr. 2 kommt es hier auf einen Versuch der Kontaktherstellung nicht an, so dass das Verhalten des Täters auch aus Opfersicht auf ein Beobachten beschränkt sein kann.

 

Schönke/Schröder/Eisele § 238 Rn. 8, 28. Aufl. 2010

9783406624209 Weiterlesen Bartleby der Stalker?

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Der Dolch des Mörders unter der Robe des Juristen

170px-Bild_Buchtitel_Furchtbare_Juristen_2.gif.gifBereits vor Jahren wurde mir das Buch durch einen befreundeten Juristen empfohlen, der damals fast genau an meinem heutigen Punkt der Ausbildung stand. Unbedingt, meinte er, sollte man, gerade als junger Jurist, dieses Buch lesen, ja es zum Kanon der Ausbildung des Studenten der Rechtswissenschaften machen. Erschwert wurde dieses Vorhaben dadurch, dass besagtes Buch nicht mehr auf dem Markt ist. Aber statt verschiedene Antiquariate der Stadt mit einem konkreten Wunsch zu durchforsten, was durchaus erhebend sein kann, kommen diese, die Antiquariate und die Bücher, via Internet zu mir. Weiterlesen Der Dolch des Mörders unter der Robe des Juristen

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Wo sind die Buddenbrooks?

wo-sind-die-buddenbrooks.jpg Und andere juristische Anekdoten aus der Weltliteratur von Jürgen Seul habe ich entgegen meiner Ankündigung doch erst nach Anna Karenina fertig gelesen.

Bei dem Buch handelt es sich, wie schon gesagt (s.o.), um eine Sammlung von 16 Essays über Momenten in denen Juristen Weltliteratur geschaffen haben, Literaten mit der Justiz in Konflikt kam oder auch Bücher, über die vor Gericht verhandelt werden mussten. Jeder der vier Kategorien der Essays ist eine kurze Einführung vorangestellt, die etwas allgemeiner und mit vielen weiteren Beispielen, die vielleicht keine mehrseitige Bearbeitung hergaben, auf das Kommende einleitet. Viele die in der deutschen Literatur Rang und Namen haben, werden erwähnt und häufig weiß der Autor auch wirklich Kuriositäten zu berichten. Interessant z.B. die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper von Bert Brecht und dessen Umgang mit Plagiaten (einfach plagiieren, wird schon keiner merken). Für den Nichtjuristen hier auch eine kurze, aber lehrreiche, Einführung in  “Was ist ein Plagiat”, was auch manchem Juristen als Lektüre guttäte/gut getan hätte (K.T.z.G.). Insgesamt handelt es sich um eine Sammlung kurzer und gutlesbarer Geschichten aus einem interessantem (eben juristischen) Blickwinkel. Dass Herr Seul eben auch Jurist ist, merkt man hin und wieder, wenn allzu sehr auf Formulierungen des Weiterlesen Wo sind die Buddenbrooks?

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