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Kategorie: Gespräche

Interview zu „Der Schatten des Unsichtbaren“ mit Torsten Seifert [Blogbuster]

Eine provokante Frage zum Start: Warum ist „Der Schatten des Unsichtbaren“ nicht schon längst bei einem Verlag erschienen?

Bis letzten Juni war ich bei einer Literaturagentur unter Vertrag. Da gab es den einen oder anderen Verlagskontakt. Doch offenbar fanden sie nicht die richtige „Schublade“. Historisch, Abenteuer, Liebesroman? Es steckt von allem etwas drin. Der Hauptgrund ist letztlich aber vermutlich, dass man es als Newcomer mit einem Nischenthema immer etwas schwer hat.

Self-Publishing wird nicht selten belächelt – ich nehme mich davon nicht aus. Wie hat sich bei dir der Entschluss gefestigt, diesen Weg zu gehen und wie hast du ihn realisiert?

Im letzten Mai ist meine Agentin Susan Bindermann überraschend verstorben. Das hat mich persönlich sehr schwer getroffen. Sie hat immer an diesen Stoff geglaubt und mir Mut gemacht und plötzlich war sie nicht mehr da. Im Buch spiele ich an einer Stelle darauf an, dass viele, die nach Traven suchten, ein schreckliches Ende genommen haben. Er wurde zeitweise auch der „Tutanchamun der Literaturwelt“ genannt. Letzten Sommer fühlte es sich für mich so an, als gelte dieser Fluch noch immer. Ich bin nicht abergläubisch, aber in dieser Stimmung habe ich damals beschlossen, das Thema für mich abzuschließen. Deshalb habe ich kurz darauf bei Twentysix veröffentlicht. Glücklicherweise behandelt Blogbuster Veröffentlichungen im Self-Publishing genau wie noch nicht veröffentlichte Manuskripte. So konnte ich trotzdem am Wettbewerb teilnehmen. Und dass es jetzt damit noch ein Stückchen weitergeht, ist einfach schön.

Ich verstehe, wenn Leute über Self-Publishing lächeln. Aber das Thema hat auch eine Seite, die man nicht geringschätzen sollte. Du hast von Freunden und Kollegen sicher schon oft den Satz gehört „Darüber könnte ich ein Buch schreiben.“ Nicht jeder kann das tatsächlich und kaum einer zieht es wirklich durch. Doch jeder, der sich auf diesen langen Weg macht, ohne Vorschuss und Aussicht auf Erfolg, einzig angetrieben vom eigenen Idealismus, der möchte am Ende einfach etwas in der Hand halten, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Self-Publishing erfüllt diesen Traum. Auch wenn der Leserkreis in der Regel überschaubar bleibt.

Braucht es so etwas wie Blogbuster überhaupt, wenn angeblich Verlage und Agenten den Markt so gut im Blick haben, dass sie wissen, was taugt und was der Veröffentlichung wert ist?

Ich bin in meinem Hauptjob seit langem mit Werbung und Marketing beschäftigt, deshalb weiß ich, wie schwer es ist, Erfolg vorauszusagen. Letztlich stochern wir doch alle im dichten Nebel. Aber so ist der Markt nun mal. Und am Ende wird auch bei Blogbuster nur ein einziges von 252 Manuskripten veröffentlicht. Aber überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, von Elisabeth Ruge, Denis Scheck & Co. gelesen zu werden, ist für mich eine große Sache, für die ich Blogbuster dankbar bin.

Wenn du selbst den Klappentext für „Der Schatten des Unsichtbaren“ schreiben könntest, wie würdest du dem potentiellen Käufer das Buch ans Herz legen?

Nun, ich habe ihn ja selber geschrieben. Verkürzt gesagt, geht es um die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven im Mexiko der späten Vierzigerjahre. Die Lösung dieses Rätsels versprach damals viel Renommee. Es wurde sogar ein Kopfgeld für denjenigen ausgelobt, der den entscheidenden Hinweis liefert. Der Leser erlebt diese spannende Jagd gemeinsam mit meiner Hauptfigur Leon Borenstein, einem Reporter.

Wessen „Blurb“ sollte als Aufkleber darauf prangen und was steht drauf?

Am liebsten wäre mir jemand, der sich mit B. Traven gut auskennt aber nicht sofort damit in Verbindung gebracht wird. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten wäre so ein Kandidat. Oder der Schauspieler Bernd Michael Lade. Ein Ritterschlag wäre aber natürlich auch ein Blurb von Jan-Christoph Hausschild, dem Mann, der – was die wahre Herkunft B. Travens angeht – vor wenigen Jahren das letzte Puzzlestück fand.

Dein Roman spielt nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Los Angeles und in Mexiko. Ist das eine Zeit, die dich grundsätzlich reizt oder war es „nur“ die Geschichte, die dich zum Setting zwang?

Es war für mich sehr schnell klar, dass ich die Geschichte in den Jahren 1947 und 1948 anlegen wollte, weil diese Jahre in gewisser Hinsicht einen letzten Höhepunkt von Travens Ruhm markierten und er danach kaum noch Spuren hinterließ. Insofern war es der Stoff. Aber Los Angeles spielte schon in meinem ersten Roman „Rodeo für Anfänger“ eine Rolle. Und in Mexiko habe ich mich spätestens auf meiner Recherchereise verliebt.

Volker Weidermann schreibt über Stefan Zweig und Joseph Roth halbfiktional „Ostende“, Frederic Beigbeder in „Oona & Salinger“ über Oona O’Neill/Chaplin und J.D. Salinger, Klaus Modick in „Sunset“ über Brecht und Feuchtwanger, Michael Lentz in „Pazifik Exil“ über eine ganze Generation von deutschen Schriftstellern im Exil. Du hast dir mit B. Traven einen Schriftsteller ebendieser Generation ausgesucht. Woher kommt der Reiz dieses Genres, „tatsächliche Geschichten weiterzuschreiben“?

Ich kannte damals nur „Pazifik Exil“. Die Art und Weise, wie ich die Geschichte erzählen wollte, ist mir allerdings nicht beim Lesen, sondern im Kino eingefallen. Ich habe mir „Der letzte König von Schottland“ über den ugandischen Diktator Idi Amin angesehen. Den Arzt Dr. Nicholas Garrigan – eine der Hauptfiguren des Films – hat es ebenso wenig gegeben, wie meinen Leon Borenstein. An dem Abend wurde mir klar: Mit Hilfe eines solchen fiktiven Charakters lässt es sich herrlich durch die Historie spazieren. Es gibt Leitplanken aber dennoch genug Spielraum. Das meiste, was ich zum Beispiel über die Arbeit am Set von „Der Schatz der Sierra Madre“ schreibe – dem Film, den John Huston nach Travens Vorlage drehte –, ist verbrieft. Es stimmt auch, dass Humphrey Bogart in den Drehpausen leidenschaftlich gern Schach spielte. Es war sehr reizvoll, meinen Protagonisten mit Bogart spielen und sprechen zu lassen.

Anders als bei den Vorgenannten, Beigbeder mit dem Phantom Salinger ausgenommen, ist das Leben B. Travens in großen Teilen weiterhin ein Rätsel. Ist das eine carte blanche für den Schriftsteller, das Leben einer realen Person mit Fiktion zu füllen?

Was das „Lücken füllen“ angeht, hast du Recht. Das lädt ein. Aber B. Travens Leben ist eigentlich kein Rätsel mehr. Es macht nur einfach zu viel Spaß, weiterhin zu spekulieren. Die Hardcore-Fans, die sich selbst Travenologen nennen, möchten damit möglicherweise nur ungern aufhören.

Wie kamst du überhaupt auf B. Traven? War es zuerst die Lektüre seiner Bücher und das Interesse für sein Leben oder warst du auf der Suche nach einer solchen Geschichte?

Eine Hamburger Freundin schenkte mir das Buch „Wilde Dichter“, in dem die Lebensläufe von Schriftstellern thematisiert wurden, die nicht nur über Abenteuer geschrieben, sondern auch selbst welche erlebt haben. Hemmingway, Conrad, London … dann kam das Kapitel zu B. Traven. Und da hat es – einfach ausgedrückt – gefunkt. Ich wollte mehr über diesen Typen wissen und habe mir Karl S. Guthkes großartige Traven-Biographie besorgt. Beim Lesen wusste ich schon, da steckt ein Stoff für mich drin. Aber dann folgte erst mal die Lektüre von Travens Büchern …

Wie kann man ein solches Leben recherchieren?

Es gibt wirklich sehr viel Literatur über B. Traven. Mit einer Gesamtauflage von über 30 Millionen verkauften Exemplaren war er ein literarischer Weltstar. Das Interesse an seinen Werken schlief eigentlich erst Anfang der neunzehnhundertneunziger Jahre ein. Ich saß während der Recherche oft im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Im selben, in dem ich schon während meines Studiums saß. Diesmal aber mit einer deutlich besseren Motivation.

Travens Werke sind weiterhin in Deutschland erhältlich, lohnen sie? Womit sollte man als Interessierter beginnen?

Traven hatte viele Facetten. Sein größter Erfolg „Das Totenschiff“ beschreibt das knallharte Seefahrerleben und kommt ganz ohne Romantik aus. In „Die Brücke im Dschungel“ zeigt er dagegen seine zarte Seite und erzählt eine zutiefst menschliche und tragische Geschichte aus dem Alltag eines indigenen Volkes. Mein persönlicher Favorit ist der gewaltige Caoba-Zyklus. Sechs Bände über das Entstehen und Scheitern der mexikanischen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts. Episch, ursprünglich und trotz der mehr als tausend Seiten nie langweilig.

Eine Traven-Renaissance dank Seifert?

Ha, ich hätte nichts dagegen. Aber im Ernst. Er hat eine Menge zu sagen, was heute aktueller denn je klingt – auch wenn ich nicht jede seiner politischen Positionen teile. Ich fände es toll, wenn er nicht nur von mir wiederentdeckt werden würde.

Fällt dir eine ähnliche Figur ein, deren Leben man sich wie in „Der Schatten des Unsichtbaren“ zum „Literarisieren“ vornehmen könnte?

Eine vergleichbare Figur nicht. Aber ich arbeite an einem Stoff, in dem ich wieder einen fiktiven Charakter in eine reale Begebenheit der Geschichte schicke. Diesmal geht es um die jüdischen Immigranten in den 30er Jahren. Und Los Angeles spielt erneut eine Rolle. Genau wie meine Wahlheimat Babelsberg.

Warum gewinnen wir zwei den Blogbuster?

Warum nicht? Ich treibe Sport, seit ich denken kann und bin durchaus ein Wettkampftyp. Aber das hat mich auch gelehrt, demütig zu sein. Die anderen Kandidaten haben schließlich auch etwas zu bieten. Klar ist: Nur ein Manuskript wird gewinnen. Und wenn es am Ende nicht meines sein sollte, werde wir beide dennoch gemeinsam mit dem Sieger oder der Siegerin den „Blogbuster“ feiern, oder?

 

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Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

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Gespräch mit Thomas Pyczak über eBook Piraterie

Auf der Future!Publish in Berlin sprach Thomas Pyczak über Schnäppchen aus Tonga: Besuch auf der dunklen Seite der E-Book-Welt. Im Anschluss stand er mir für eine Gespräch zur Verfügung und wir sprachen darüber wer an der Piraterie verdient, was man als Autor, Leser und Verlag dagegen tun kann und wie die Zukunft aussehen könnte.

1. Sie haben bei Ihrem Vortrag der Future!Publish über eBook-Piraterie gesprochen. Piraterie? Ist das nicht ein großes Wort für ein kleines Vergehen?

Ich finde es genau passend. Denn ganz so klein ist das Vergehen doch nicht. Ich habe auf Basis der Zahlen des Gutenberg-Reports eine vorsichtige Hochrechnung gewagt, welcher Schaden der Buchbranche wohl in 2015 entstanden ist. Ich kam auf 40 Mio. Euro. Kavaliersdelikte sehen anders aus. Das ist ein richtiges Geschäft.

2. Wer verdient an der modernen Piraterie?

Ich unterscheide vier Bereiche: Portalbetreiber, Anbieter von Premium-Services, Bezahldienstleister und die üblichen Verdächtigen.

Die Portalbetreiber verdienen an Werbung, Affiliate Deals, Spenden. Es gibt auch direkte Einnahmen. Ich fand ein Portal, das E-Commerce mit geklauten E-Books betreibt. Ein gut gemachter Shop, Preise im Centbereich. Ich habe mal vorsichtig hochgerechnet, was da wohl verdient wird und kam auf Zahlen, die alsternahes Wohnen ermöglichen.

Premium-Services erlauben Zugang zum Zentrum der Piratenwelt, dem Usenet oder erlauben schnelles Downloaden.

Bei jedem Zahlvorgang ist natürlich ein Dienstleister eingebunden, die verdienen auch mit.

In die Rubrik der üblichen Verdächtigen gehören Anbieter von Abofallen, Virenverbreiter, die natürlich schnelle Hilfe anbieten. Anwälte zähle ich auch dazu. Insbesondere das Abmahnen bringt ja auch denen Geld.

3. Warum gehen die Rechteinhaber, also die Autoren und andere Kreative, nicht konsequent gegen die Piraterie vor?

Zwei Gründe: Der deutsche Buchmarkt ist – noch – ein Printmarkt. E-Books sind gerade mal für 4,5 Prozent des Gesamtumsatzes verantwortlich (2015). Keine gefühlte Not. Der zweite Grund: Die Verfolgung ist aufwändig bis unmöglich. Notice and take down, also das Löschen von Links, ist vor allem im Fachbuchbereich sinnvoll. Bei Bestsellern dagegen scheint das unmöglich. Es gibt hunderte Piratenseiten. Ist ein Link gelöscht, erscheinen zwei neue. Ein Experte sagte mir, die Engländer hätten dafür ein Portal eingerichtet, das er empfehlen würde.

4. Was kann man als Autor unternehmen? Was empfiehlt sich aus Verlagssicht?

Ich würde eine Branchenlösung suchen. So ein Notice and take down-Portal wie in England scheint mir eine praktikable Lösung, um Links zügig entfernen zu lassen. Verlagsübergreifend. Ein Autor allein ist da machtlos. Auch ein einsamer Verlag scheint mir nicht ideal aufgestellt.

5. Sehen Sie eine Möglichkeit, dass die Politik auf das Problem reagiert?

Ja, doch das wird dauern. Ich glaube, das ist mehr als Politik. Es geht um eine Form von Aufklärung, wie beim Thema Umwelt. Sharing ist großartig. Aber Diebstahl ist es eben nicht. Netzpolitische Fragen gehören auf globaler Ebene diskutiert. Ist es richtig, dass sich Piraten hinter Tonga-Domains verstecken? Ist ein Linkverzeichnis, das direkt zu illegalen Downloads führt, wirklich juristisch nicht haftbar zu machen für die Inhalte? Solche Fragen sind mit Augenmaß zu beantworten.

6. Was sollten Leser beachten? Wie weiß ich sicher, dass ich ein legales eBook gekauft habe?

Allein schon wenn ich es gekauft habe, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es nicht von einer Piratenseite ist. Piraten-Shops lassen sich leicht an den Preisen erkennen. Wenn ein Buch nur 1-5 Prozent vom Amazonpreis kostet, dann ist das zwar verlockend, aber illegal. Kein Autor wird verdienen. Kein Verlag.

7. Der Musik- und Filmindustrie hat man Anfang der Nuller-Jahre stets vorgeworfen sich zu lange an den status quo geklammert zu haben. Die Umsätze brachen wegen des Filesharings ein und erst sehr viel später reagierte man mit flat-rate Modellen und größerer Flexibilität für die Kunden und Konsumenten auf deren Wünsche. Wie sieht 2025 die Verlagsbranche unser Konsum von Büchern aus oder erwarten Sie keine Reaktion der Publishingbranche?

In 2025 wird sich vieles verändert haben. Bis dahin ist der Digitalbereich größer als Print. Jetzt geht es darum, sich diesen Markt zu sichern. Die Buchbranche braucht meiner Meinung nach dringend Innovationen im Digitalbereich. Netflix ist ein Modell dafür. Sie haben es geschafft, ein cooles Produkt auf den Markt zu bringen, obgleich da zu Beginn ja fast nur alte B-Movies zu sehen waren. Jetzt ist das eine Welt für sich.

Gute Flatrate-Modelle werden meiner Meinung nach kommen. Alles was wir bisher haben, funktioniert noch nicht richtig. Die Angebote sind unsexy. Ich denke, dass auch die Reader noch einen Sprung machen müssen, so dass wirklich jeder sie haben will. Ähnlich wie das iPhone den Markt der Smartphones revolutioniert hat. Kindle und Co sind gut, aber etwas fehlt zum wirklichen Massenprodukt. Ich kenne niemanden, der davon träumt, so einen Reader zu besitzen.

Die Buchbranche ist in der komfortablen Situation, bisher sehr klug und besonnen gehandelt zu haben. Hier wurden keine ehrlichen Leser bestraft, wenn Piraten gemeint waren. Allenfalls mit DRM, aber das ist ja so gut wie vom Tisch. Jetzt ist die Zeit für Innovationen. Die dürfen ruhig in Piraten-Manier die eigenen Geschäftsmodelle angreifen, bevor es andere tun.

©Juliane Weber

Thomas Pyczak war von 1999 bis 2012 Chefredakteur von CHIP, bis 2014 CEO von CHIP (Print und Online). Seit 2015 arbeitet er als Autor. 2016 veröffentlichte er mit Ende der Welt und Starnberg. Marrakesch. Starnberg. zwei Romane und begann, über das Thema Storytelling zu bloggen.

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Ein Schwein schlachten mit Krimiautorin Simone Buchholz

Das deutsche Feuilleton ist träge geworden, geht nicht mehr dorthin wo es weh tut. Um das Vakuum an extraordinären Reportagen zu füllen, treffe ich mich mit Simone Buchholz in unserer hessischen Heimat. Die Autorin und Kolumnistin lebt zwar eigentlich in Hamburg, doch für unser Vorhaben brauchen wir den Schutz hügeliger Rhönausläufer. Wir wollen ein Schwein schlachten.

Nur wenige Betriebe in Deutschland verarbeiten ihre Wurst noch warm1. Die Hygienestandards sind hoch. Die beste Möglichkeit, solche Vorschriften zu umgehen, bietet immer noch eine Hausschlachtung. Daher haben wir im Frühjahr in Wippershain bei Bad Hersfeld für 25 Euro das Dorfgemeinschaftshaus angemietet. Hier bietet man neben einem Partykeller und einem „Festsaal“ auch einen Schlachtraum; ebenfalls integriert ist das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. Etwas unsicher in Bezug auf Beschaffung und Tötung eines Schweins haben wir uns Hilfe aus dem ebenfalls im Kreis Hersfeld-Rotenburg gelegenen Dorf Heenes geholt. Peter Sorga ist gelernter Metzger, war für Kali und Salz unter Tage und hat im Laufe seines Lebens an die tausend Hausschlachtungen betreut. Wir treffen uns auf seinem Hof in Heenes. Hier hält er noch zwei Schweine, eines für sich und seine Familie, ein weiteres, das er uns verkauft hat. Beide Sauen kamen als Ferkel zu ihm und wurden über ein Jahr, also fast dreimal so lange wie in der Massentierhaltung, persönlich umsorgt. Auch an Platz mangelt es den beiden hier nicht, den Stall, früher für eine niedrige zweistellige Zahl von Paarhufern vorgesehen, bewohnen nun die beiden Wutzen allein.

Pit, so nennen Freunde und Familie Peter, empfängt uns in Gummistiefeln und langer Schürze, an seinem Gürtel baumelt so etwas wie ein Holster mit einem Messer. „Holen wir die Sau?“, fragt er die beiden verschüchterten Großstädter nach kurzer Begrüßung und wir nicken stumm. Der Schweinstall riecht naturgemäß, aber irgendwie milder als erwartet, auch sieht es dort nicht so aus. Ein riesiges Tier liegt in einer Ecke der großen Box. Simone schaut mich an und wir sind beide überrascht ob der Fülle an Tier, der Respekt vor diesem und dem vorgesehenen Prozedere steigt. „Da honners“, sagt Sorga in nordhessischem Platt. Um Zeit zu gewinnen, frage ich nach dem Namen der Sau. „Meine Kinder haben den Schweinen früher Namen gegeben, aber das macht es schwerer“, gibt er zu, während er dem Tier den mitgebrachten Strick wie eine Leine umlegt, und es mit leisen Worten zum Aufstehen animiert. Plump durchbreche ich mit neuen Fragen seine andächtige Stille und merke erst später, dass ich wichtige Momente für Bauer und Schwein dadurch zerstöre. „Was hat das so gefressen?“ – „Die Küchenabfälle und Essensreste, den Rest haben wir zugefüttert. Dafür lasse ich mir immer eine Mischung machen, mir ist das wichtig, hauptsächlich Mais und Soja, aber aus konventioneller Landwirtschaft. Nicht so moderne Sachen.“ – „Ein richtiges Bioschwein?!“ Sorga winkt ab. „Bio? Das ist doch auch so eine Mode, da tricksen sicher irgendwelche Chinesen und jubeln uns Sachen unter, die wir früher selbst besser gemacht haben.“

Unter beruhigenden Worten lotsen wir die Sau in die Mitte des Hofes. Pit drückt Simone einen Eimer und ein übergroßen Kochlöffel in die Hand, verschwindet nochmal kurz und kehrt mit seinem Schwiegersohn und einem Bolzenschussgerät zurück. Dieses muss man sich wie eine große Thermoskanne vorstellen aus deren einer Seite mittels Drucks einer Platzpatrone ein Bolzen hervorschießt. Wird das Gerät etwas oberhalb der Augenpartie mittig auf der Stirn des Schweins ausgelöst, stößt der Bolzen ins Hirn des Tieres und betäubt es. Pit und sein Schwiegersohn binden der Sau nun noch zwei weitere Stricke an die Hinterläufe und Pit weist uns ein: Sobald das Schwein betäubt ist, eröffnet er ihm die Halsschlagader, Simone soll das Blut im Eimer für die Blutwurst auffangen und rühren, sonst gerinnt es. Es ist zu erwarten, dass das Nervensystem des Schweins trotz der Betäubung verrückt spielt, daher hält sein Schwiegersohn die Hinterbeine an den Stricken. Ich soll mich auf das Schwein setzen, aber sehr weit vorne, dort wo man die Schultern vermuten würde, und versuchen es zu halten, 100 Kilogramm gegen fast 220.

Auf einmal geht alles so schnell, dass wir uns gar nicht mehr sortieren können. Peter, der gerade noch leise der Sau gut zuredet, zieht sofort nach dem Knall des Bolzenschusses sein Messer aus dem Holster und sticht dem Schwein in den Hals. Der erste Schwall dampfendes Blut ergießt sich auf Simones Stiefel bevor sie den Eimer hochreißen und in die richtige Richtung manövrieren kann. Als der Bolzen im Schädel der Sau einschlägt, grunzt diese dumpf und beginn kurz danach zu schreien. Ein hohes Kreischen hallt von den Wänden der umliegenden Gebäude wider, und unter mir versucht das Schwein im Todeskampf sich aufzubäumen. Der Schwiegersohn zerrt an den Stricken und kommt fast zu Fall, sämtliche Läufe schlagen unkontrolliert aus. Nicht stark, aber schwer, versuche ich die Kontrolle über Gewichtsverlagerung zurückzugewinnen, doch was kann Masse gegen Todeskampf ausrichten. Der Eimer in Simones Armen füllt sich erschreckend schnell, obwohl sich wegen der heftigen Zuckungen auch einzelne Blutpfützen auf den unebenen Betonsteinen sammeln. Das Ausschlagen unter mir wird weniger, die Sau langsamer, bis sie zusammenbricht.

Alle Anwesenden schweigen. An der Hauptstraße waren ein paar Passanten vorbeigelaufen, aber niemand stehen geblieben, in Heenes scheint man noch ans Schlachten gewöhnt zu sein. Ich bin es nicht. In meinen leuchtend neuen Gummistiefeln stehe ich breitbeinig über einem toten Schwein, dessen Blut sich unter meiner Schuhsohle sammelt. Es will sich kein Gefühl archaischer Männlichkeit einstellen, kein Triumph. Vielmehr schwanke ich unsicher zwischen Übelkeit und Sprachlosigkeit, während die anderen Herren bereits den Hänger aus dem Schuppen rollen. Das Schwein muss ausbluten, damit wir es verarbeiten können, und das soll möglichst bald sein. Wieder bleibt keine Zeit zur Vorbereitung oder Besinnung, wir wuchten und ziehen, ich weiß nicht wie, das Vieh auf den Hänger. Pit, in emsiger Geschäftigkeit, verschließt den Eimer mit dem Schweineblut mit einem Deckel, stellt ihn neben das Tier auf den Hänger, besteigt sein Auto und zuckelt los. Seine Tochter verabschiedet uns, und beginnt mit Wasser aus einem Gartenschlauch das Blut von den Betonplatten in den Gulli zu spülen.

Autorin und Blogger sind sprachlos. Wir schauen uns an und steigen ins Auto, starren zwei Minuten schweigend aus dem Fenster. Als ich den Motor anlasse, holt Simone Luft um etwas zu sagen, verschluckt es aber wieder. Wir sprechen erst wieder, als wir in Wippershain das Dorfgemeinschaftshaus nicht finden.

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Peter Sorga (links) sticht die Wutz, Simone Buchholz (rechts) fängt das Blut auf. Aus Gründen der Pietät, und weil wir Angst hatten, wurden keine Bilder vom Tötungsvorgang angefertigt.

Als wir durch die Toreinfahrt auf den Hof rollen, koppelt Pit bereits den Hänger ab und schiebt ihn in eine Parklücke. Der kleine, drahtige Mann ist für sein Rentenalter äußerst fit. Ein paar Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr haben ihm geholfen das Schwein vom Hänger in den Schlachtraum zu hieven. Mit heißem Wasser hat er die Haut des Tieres überbrüht und mit Glocken gegen den Strich die Borsten abgeschabt. An den Hinterläufen neben den Achillessehnen hat er eingeschnitten und zwei Haken eingehängt. Wir betreten gemeinsam den hohen, feuchten Raum, der bis unter die Decke gefliest ist. Peter betätigt die Winde an der Wand. Die Stahlseile an den Läufen der Sau straffen sich und schleifen den Körper ein Stück über den Boden bis er sich langsam anhebt. Ich frage, ob ich helfen kann, doch Pit winkt ab. Nach kurzer Zeit hängt kopfüber ein knapp zweieinhalb Meter langer Kadaver von der Decke. Nur der Kopf fehlt bereits. Dank des Verfahrens auf dem Weg zum Schlachthaus mussten wir nicht mit ansehen wie das erledigt wurde. Peter, sonst offenbar nicht sehr zimperlich, hat wohl aus Rücksicht auf uns nicht gewartet. Andererseits ist jeder Ablauf bei ihm automatisiert, wahrscheinlich kam er gar nicht auf die Idee, für dieses „Highlight“ auf uns zu warten, er ist einfach bei der Arbeit. Der Kopf ist nirgends zu sehen, was macht man wohl damit? Aus dem Hals der Sau tropft noch etwas Blut in den Ausguss in der Mitte des Raumes, über dem sie hängt.

„Wir brauchen einen von den Tischen“, weist Pit uns an. Was er Tische nennt sind eigentlich aufgebockte übergroße Schneidbretter. Simone und ich heben die Platte an, während Peter die Böcke vor die Bauchseite der Sau stellt und wir das sicher drei Meter lange Plastikbrett darauf legen. Die Routine, mit der Pit die meisten seiner Handgriffe ausführt, gepaart mit unserer Rolle als Handlanger und Zuschauer führt zur nächsten Überraschung. Ohne Ankündigung stellt er sich auf die Zehenspitzen, greift wieder in sein Holster und öffnet dem Tier mit einem großen Schnitt den Bauchraum. Das Innere dampft in den ungeheizten Raum und mit einem schmatzenden Klatschen ergießen sich die Innereien auf den Tisch. Hatten wir uns inzwischen an das Odeur des Schweineäußeren gewöhnt, werden unsere Nasen nun völlig neuen olfaktorischen Reizen ausgesetzt. Der Gestank nach Blut und Scheiße erfüllt in Sekunden den Raum.

Ein Jeep rollt auf den Hof und eine riesige Frau steigt aus, die Tierärztin. Die Fleischbeschau verläuft positiv, zumindest aus Sicht des späteren Konsumenten. „Die Leber müsst ihr aber wegmachen“, sagt die Veterinärin mit Blick auf einen riesigen dunkelbraunen Lappen auf dem Tisch. Positiv also auch der Befund in Bezug auf Würmer in der Leber. „Nicht schlimm“, sagt Peter und zeigt auf Löcher im Gewebe, „nicht schlimm.“ Er zückt ein prähistorisches Mobiltelefon und ruft „die Tochter“ an. Sie solle bitte mal in den Hersfelder Schlachthof fahren und eine neue Leber kaufen. Während des Gesprächs tritt er nah an das Schwein heran, öffnet mit einer Hand wieder den Schnitt und betrachtet ihn. „Und Fett brauchen wir auch, schau mal, zehn Kilo, besser fünfzehn.“ Simone und ich schauen uns an. „Wenn man zu wenig Fett an der Wurst hat, wird die schlecht, Fett ist gut für die Haltbarkeit“, erklärt uns Pit beiläufig und drückt der Tierärztin zwanzig Euro in die Hand. Nutzlose Helfer, die wir sind, stehen wir weiter in der Gegend rum, während Pit wieder nach draußen wuselt. Er kommt mit einem Bottich wieder, der eigentlich eine Wanne zum Anrühren von Zement zu sein scheint. Er zieht und zerrt Teile der Eingeweide hinein. Der prallgefüllte Darm, die Lunge und viel undefinierbare Matsche rutschen vom Tisch in den Kübel. Der kleine Mann zerrt den Pott nach draußen und der Gestank lichtet sich etwas. Peter hat eine Säge in der Hand. Er weist Simone an mittels eines überdimensionalen Wasserhahns den Kessel an der einen Längsseite des Raums zu befüllen. Knapp eine Badewanne voll fasst dieser als er nur zu zwei Dritteln gefüllt ist und Simone auf Pits Anweisung beginnt die restlichen Innereien hineinzulegen. Das Herz, die Nieren, irgendwelche Fleischlappen und einen zwei Kilo schweren Rinderbraten, den Peter aus einer Kühlbox holt. Da ist auf einmal der Kopf der Sau. Aus dem Nebenraum trägt Pit ihn rein. Die Augen fehlen. „Eigentlich schneide ich die Augen immer schon auf dem Hof raus. Schwerer, wenn man ständig angeguckt wird. Aber unser junger Kollege hier scheint nicht so belastbar, da dachte ich, das mach ich, wenn ihr nicht dabei seid.“ Diese Rücksicht überrascht mich etwas. Ich bin fast gerührt. Für viel mehr Einfühlung ist jetzt aber auch kein Raum mehr, denn Pit setzt die armlange Säge mittig auf den Kopf und beginnt ihn zu zersägen. Das geht überraschend schnell. Jeder Hälfte schneidet er die innen sehr dreckigen Ohren ab, trägt sie zum Kessel und lässt sie hineingleiten. Die Säge über dem Arm besteigt er auf der Rückenseite des Schweins eine kleine Leiter und beginnt den Körper mittig zu zersägen. Das klingt wie das Zersägen eines Schweins.

„So“, sagt der Mann in der Plastikschürze als er von der Leiter steigt und die Säge an einen der vielen Haken an der Wand hängt, „jetzt kurz verschnaufen.“ Er gießt Schlitzer Burgenkümmel in Gläser und erhebt das Pinnchen „Auf die Sau.“ Wir repetieren und trinken. Es ist das erste Mal seit wir den Stall betreten haben, dass etwas Ruhe in den Metzger kehrt. Das Schlimmste haben wir jetzt aber hinter uns, hoffe ich. Das vorhin noch lebende Tier hängt in Hälften entpersonalisiert von der Decke. Der Anblick von Schweinehälften ist deutlich erträglicher als der von augenlosen Köpfen und Tischen voller Eingeweide. Auch unser Zeremonienmeister ist das erste Mal entspannt und erzählt, wie seine Eltern ihn zur Metzgerlehre drängten, wie sehr ihn der Beruf abgestoßen hat und die Übelkeit, die ihn bereits morgens überkam, wenn er um sechs Uhr früh mit dem Geruch von Tod und ausgekochtem Fleisch konfrontiert wurde. Als er bei Kali und Salz im Werratal arbeitete und genügend Abstand vom täglichen Schlachten hatte, begann er auf Bitten vieler Bekannter wieder mit Hausschlachtungen. „Oh ich zeig euch was Lustiges!“ Pit wuselt von dannen, kramt, spült einen Hautlappen im Waschbecken aus, setzt ihn an den Mund und bläst Luft hinein. „Die Blase“, lacht er und bindet sie mit grobem Garn zu. Den Bioluftballon hängt er an den Haken neben die Säge.

Simone und ich bekommen jeder einen Tisch zugewiesen und ein Messer in die Hand. Die von mir mitgebrachte Klinge, die beste des Hauses dachte ich, legt er lächelnd wieder in meine lila Klappbox zurück. Auch meine kleine Schleifmaschine von Tchibo wird ignoriert, blitzschnell dagegen schärft Pit mit einem Wetzstahl mehrere Messer verschiedener Größen, die er in sein Cowboyholster steckt. Behände trennt er den Vorderlauf der einen Hälfte vom Rest. Ich muss halten, so schwer ist das Teil. Es wird immer mal wieder gesägt, viele Knochen löst er durch gekonnte Schnitte sauber und ohne Fleischverlust vom Rest und legt Simone und mir je ein circa vier Kilo schweres Stück auf den Tisch. „Schaut euch den Fleischwolf an“, Peter zeigt auf das Loch in der großen Schale, das in eine Röhre in den Fleischwolf führt, „da müssen die Stücke durchpassen.“ Erst jetzt scheint unsere Hilfe wirklich gebraucht, schweigend arbeiten wir nebeneinander. In unserem Rücken zerteilt Pit das Schwein immer weiter, sobald er den hängenden Rest nicht mehr leicht erreichen kann, kurbelt er ihn an der Winde etwas herab. Immer mal wieder muss ich schleppen helfen.

Das vorherige Tier ist jetzt nur noch Fleisch, es ist ein bisschen wie Kochen mit großen Mengen. Nur das Dampfen der riesigen Brocken, die wir auf den Tisch gelegt bekommen, erinnert an das vorhin noch pulsende Leben darin. „Wir könnten tolle Schnitzel machen“, freue ich mich und patsche auf einen Teil des riesigen Schinkens. Mit Produktwerdung des Schweins in Fleisch löst sich auch bei mir langsam die Stimmung. „Nee, wäre zu zäh, die Sau ist zu alt, das macht keinen Spaß. Diese Schnitzelviecher sind drei Monate alt, das hier wird alles Wurst“ Pit legt mir den ausgelösten Kotelettstrang auf den Tisch, Bemerkungen zum Grillen von Selbstgeschlachtetem, das keine Wurst ist, verkneife ich mir. Er wiederum blickt auf die von mir geschnittenen Stücke, befindet die Größe für angemessen. „Wasn das?“ fragt er dagegen bei Ansicht eines Haufens, den ich still „Schlabber“ getauft habe. „Dachte das macht man weg, das war so … Schlabber?“ „Simone machst Du das etwa auch so?“ Nein, Simone hat brav nur Fleisch zerschnitten. „Das kommt alles in die Wurst. Das ist doch einfach nur Fett und ein bisschen Bindegewebe.“ Ich mische betreten den Schlabber unter die schönen Stücke schieren Fleischs. Ein letzter Versuch. „Wir könnten tolle Fleischwurst machen, so Lyoner, Kinderwurst, Du weißt schon Pit.“ „Ja, aber dafür bräuchten wir nur den Schlabber, einen Kutter, Eis, sehr viele Gewürze und Stabilisatoren.“ Ich sehe ein, wir werden heute keine Fleischwurst zubereiten.

Was der Bürger sonntags auf den Tisch zaubert, die „feinen Stücke“ des Schweins, alles kommt bei uns in die Wurst, Filets, Schinken, Braten, Koteletts, einfach alles. Dem Nichthessen sollte spätestens jetzt klar sein, warum der Hesse unwirsch wird, bezeichnet man seine „Stracke“ als Mettwurst oder gar Salami. Für solche Stücke, die Peter für minderwertig erachtet, gibt es einen eigenen Haufen, daraus wird Blut- und Leberwurst und Schwartemagen gemacht. „Das was da liegt“, Pit weist auf das Fleisch, „ist immer noch besser als alles was die Industrie in ihre Salami macht.“ Und ich dachte kurz es wären die Abfälle. Für besagten Schwartemagen hat Peter von den Rückenstücken die Haut des Schweins abgezogen, bevor er sie uns zugeteilt hat. Diese kommt ebenfalls in den Kessel. Der dadrin simmernde Sud verströmt inzwischen einen leichten Geruch nach sehr fettiger Brühe, die Scheiben des Schlachtraums beschlagen und von der Decke tropft Kondenswasser. Zwischenzeitlich bringt „die Tochter“ eine neue Leber und einen Müllsack voller fettem Speck. Peter wuchtet eine Wanne, „Marke Eigenbau“, auf eine riesige Waage. Sämtliches Fleisch der guten Seite wandert in die Wanne. Die Waage verrät uns, dass wir bereits über hundert Kilo Fleisch zerlegt haben. „Hmm“, überlegt der Metzger und legt uns fast den gesamten Inhalt des Fettsacks zum Zerkleinern auf den Tisch, während er Gewürze abwiegt, sehr viel Salz, frischen Knoblauch, Kümmel, Muskatnuss, Pfeffer. Er verteilt die Mischung, sicher mehr als zwei Kilo, über dem Fleisch in der Wanne. „Pulli aus oder Ärmel hochkrempeln“, sagt er zu mir und verschwindet bis zu den Schultern mit den Armen in der Wanne, „jetzt wird erstmal vorgemengt.“ Das Salz entzieht dem Fleisch schon merklich Feuchtigkeit, die sich am Boden sammelt, mit dem Umwälzen geben die Berge schmatzende Geräusche von sich. Die großen Stücke sind bald alle mit einer Schicht Salz und Gewürze umgeben und Pit kramt schon wieder in einer Kiste. „Wisst ihr, die Messer von dem Fleischwolf hier sind nicht so gut, da bringe ich immer extra meine eigenen mit, das ist wenn so viele Amateure dadran rumfuhrwerken.“ Während ich mir meine Arme noch mit sehr heißem Wasser und Spülmittel wasche, beginnt Simone mit dem Befüllen des Wolfs. Weil wir nur eine Wanne haben, hat Peter das Fleisch in die eine Ecke geschoben und in den freien Raum plumpsen bereits die ersten Portionen Gehacktes. Nach vielleicht zehn Kilo unterbricht Peter Simone und krempelt die Ärmel wieder nach oben. Er klemmt die eine Seite der Wanne unter das Fensterbrett und beginnt das Hackfleisch mit den Händen zu bearbeiten. „So kippelt nichts und man rutscht nicht weg.“ Er knetet. „Ihr müsst den Wurstteig richtig gut mengen. Einmal damit die Gewürze gleichmäßig verteilt sind, andererseits aber auch, dass das ganze Bindung kriegt, sonst kommt Luft in die Wurst, es bilden sich Hohlräume und darin schimmelt sie. Ihr müsst das Fleisch mit den Handballen aufeinander reiben, so hin und herrutschen, das wird richtig klebrig dann.“ Ich darf beginnen, nach fünf Minuten werden Simones Künste überprüft. Geschwindigkeit und Ergebnis sind zumindest derart zufriedenstellend, dass Pit das Geschaffene zur Weiterverarbeitung freigibt. Simone und ich wechseln uns im Wolfen und Mengen ab. Die Arme werden bei letzterem schneller lahm als man glaubt. Pit holt immer wieder den fertigen Wurstteig, außerhalb Hessens sagt man eher Brät, und schmeißt diesen in einen Kolben. Das klatscht kräftig. „Auch damit keine Luft in die Wurst kommt“, erklärt er. Vorne an dem Kolben befindet sich eine Tülle, über die er nun gewässerten (Fremd-)Darm zieht, der eigene liegt ja draußen im Eimer und ist noch reichlich mit Unappetitlichem gefüllt. Auf den Kolben montiert Peter einen Stempel, der die Wurstmasse durch die Tülle in den Darm presst, wenn man an einer Kurbel dreht. Durch nicht nachvollziehbare Knoten wurde das grobe Garn am Tisch befestigt und immer wenn ausreichend Darm gefüllt ist, wird vorne und hinten abgebunden. Einen Teil der so entstehenden Würste werden in der Geraden gelassen, Stracke, andere zu einem Kringel gebunden. Es dauert sicher zwei Stunden bis Simone und ich den gesamten Haufen Fleisch zerkleinert und gemengt haben und Pit die Würste gefüllt hat.

Zwischendurch machen Simone und ich immer wieder Pausen, trinken Kaffee aus einer großen Kanne mit 70er-Jahre-Blumen-Motiv von Pit. Mit kleinen Späßen versuchen wir weiter zu kaschieren, dass wir immensen Respekt davor haben, was gerade um uns passiert ist. Meine Mutter hatte Brötchen gekauft, die wir mit dem frischen Wurstteig belegen, Mettbrötchen deluxe. Dafür unterbricht auch Pit kurz seine Arbeit. Als wir die gesamte erste Fuhre Fleisch zerkleinert und Pit sie in Därme gefüllt hat, wird wieder gewogen. Aus der heißen Brühe hatten wir nach Anweisung alle schwimmenden Teile gefischt, Herz, Nieren, die Kopfhälften, aber auch Teile der Rippen, an denen noch kleine Fleischfetzen hängen. Die sollen wir jetzt abklauben, den Rinderbraten schneide ich in Würfel, ebenso ein großes gekochtes Stück fetten Speck. Die langen Streifen der Schwarte sind inzwischen grau und sehr glitschig, diese wandern erstmal zum Auskühlen in eine Blechwanne. Die Mengen an „schlechtem“ Fleisch und den angehäuften Resten sind deutlich kleiner. Simone schält ein Netz Zwiebeln und lässt sie zum Fleisch durch. Pit wiegt wieder Gewürze. Diesmal ist noch sehr viel Majoran dabei. Die gesamte Masse sind nur etwas über vierzig Kilo. Die gekochte Schwarte kommt nun auch in den Fleischwolf, den sehr klebrigen Brei geben wir zu einer Hälfte der Masse. Die andere Hälfte wird wieder halbiert, ein mit der frischen Leber, die sich im Wolf in einen widerlichen braunen Matsch verwandelt, und der Hälfte von Rind- und Fettwürfeln vermischt. Der andere Teil wird Blutwurst und erst nochmal zurückgestellt. Pit füllt den Schwartemagenteig in Schweineblasen, auch der Luftballon von vorhin ist dabei, und in Weckgläser. Die Leberwurst wird in Gläser und Därme gefüllt. Die Blasen und Därme mit Leberwurst und Schwartemagen werden im Kessel gekocht. Simone soll derweil das von ihr gerührte Blut holen.

Auf der Oberfläche hat sich irgendeine Eiweißschlacke abgesetzt. „Müsster abschöpfen“, sagt Pit, doch weder Simone noch ich haben große Lust darauf mit bloßen Händen in fünf Litern Blut zu fischen. Der Metzger übernimmt wenig zimperlich und gießt einen großen Schwall in die Wanne mit Blutwurstteig. Simone greift in den Eimer, feuchtet ihren Finger im Blut an und wischt mir unter der Nase lang. „Mengen“, weist Pit an, doch wir möchten nur ungern. Pit mengt vor, durch die Flüssigkeit ist der Wurstteig nun viel breiiger. Zwischendurch probiert Peter. Es schüttelt uns. Rohes Gehacktes zu essen, das noch warm ist, aber sonst wie gewohnt, mag angehen, mit Leberbrei Versetztes war schon eklig, aber einen Brei aus warmen Fleisch und Blut zum Munde zu führen, von den Fingern zu lecken, ist sehr abstoßen. Unsere Blicke sagen ihm das. „Ja, und wenn die Wurst nicht schmeckt? Wenn nicht genug Salz dran ist? Muss man halt probieren“, die Erklärung leuchtet ein, nur tauschen wollen wir mit Pit nicht. Wieder werden Gläser und Därme gefüllt, Därme in den Kessel gelegt. Draußen wird es langsam dunkel. Unter Pits Anleitung räumen wir auf und putzen, nutzen sehr viel Putzsand und sehr heißes Wasser. Zuletzt fischen wir die Würste aus dem Kessel und lassen die Brühe in den Ausguss plätschern. „Stop! Da honner gute Worschtsubb“, Pit holt einen Topf und füllt fünf Liter ab.

blut abschöpfen

Pit wässert und schrubbt die Ladefläche des Hängers, wir heben gemeinsam den Bottich mit den Innereien hinauf, die er auf seinem Hof auf den Mist schmeißen wird. Fast alle Würste laden wir in sein Auto, sie sollen geräuchert werden. Von Blut- und Leberwurst gibt er uns jeweils ein paar frische mit. Ohne große Sentimentalitäten gehen wir auseinander, die Rechnung für das Schwein und seine Arbeit schickt er uns mit der Post. Außerdem gibt er Bescheid, wenn wir die geräucherte Wurst abholen können. „Denkt dran“, verabschiedet uns Pit, „nur schlechte Wurst braucht Senf.“

Vor lauter Schlachten haben wir gar nicht über Simone Buchholz‘ Schreiben, ihren neuen Krimi „Blaue Nacht“, der bei Suhrkamp erschienen ist, gesprochen, nicht über ihre Zeit bei einem Frauenmagazin in Hamburg, über die brennende Außenbestuhlung der Pizzaria gegenüber, das Schwarzangeln, das Schuppen von Fischen in Ferienwohnungen. Simone ist ein lustiger Mensch, mit dem man sehr gut Zeit verbringen und/oder Schweine schlachten kann, ihre Krimis sind schnodderig ohne aufgesetzt, unterhaltsam ohne doof zu sein. Kauft alles von Simone Buchholz.

 

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Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete „Ecce Homo“ Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

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Gespräch mit Isabel Bogdan über „Der Pfau“

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil
© Smilla Dankert

Seit der Frankfurter Buchmesse 2014 kenne ich Isabel Bogdan und wir sind die allerbesten Freunde auf der Welt. Manchmal gehen wir Kaffee trinken und Torte essen oder treffen uns auf Veranstaltungen, zum Beispiel bei Lesungen in ihrem schönen großen Wohnzimmer, zu denen sie immer wieder befreundete Autoren einlädt, auf Konzerten, Geburtstagen oder beim Resteessen an Neujahr.

Als wir uns bei einem Abendessen des mairisch Verlags in Frankfurt kennenlernten, erzählte Isabel gerade das erste Mal in großer Runde, dass ihr Roman im Frühjahr 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Was damals noch sehr weit entfernt schien, steht nun [im Januar 2016] kurz bevor. Mit zwei Tüten Backwaren unter dem Arm komme ich leicht verspätet in der großen Altbauwohnung in Hamburgs Osten zu einem sehr langen Frühstück an, das bis nach Mittag dauert und aus dem ein Interview zu Isabels Debüt werden soll.

Weil ich mich leicht verspäte, schicke ich die erste Frage vorab per Whatsapp.

54books: Ist Dein Roman ein Kammerspiel?

Zwanzig Minuten später öffnet mir Isa die Tür und wir sprechen Breakfast-Sprech (Tee/Kaffee/die Größe von Hühnereiern).

IB: Habe die Sache mit dem Kammerspiel mal im Wilpert [Sachwörterbuch der Literatur] nachgesehen, Du fragst jetzt aber nicht nur sowas, oder?

Tue ich natürlich nicht, sondern wir unterhalten uns entspannt, wie immer, nur dass eine von uns beiden langsam zu realisieren scheint, was sich auf sie zubewegt. Denn Der Pfau ist ein ziemlich gutes Buch, und nachdem die erste Begeisterungswelle über das wirklich gelungene Cover abgeebbt ist, folgt nun die nächste, diesmal über den sehr gelungenen Inhalt.

IB: Ich war neulich in einem Buchladen und wollte mir was für meine Schwiegermutter empfehlen lassen. Die freundliche Buchhändlerin holt Jane Gardam [Ein untadliger Mann], die sei sehr gut. Ich sage also: „Ja, das weiß ich, das habe ich übersetzt.“ Sie blickt mich an, „Sie sind Frau Bogdan? Ich hab Ihren Roman gelesen, der ist ja so toll, ich freue mich schon so drauf, den zu verkaufen. Das ist mir ja total peinlich, dass ich Sie nicht erkannt habe.“ – Ich so „Bitte? Peinlich, dass Sie mich nicht erkannt haben?“ Wieso hätte sie mich erkennen sollen. Und ich war total platt, dass sie sofort die Verbindung gezogen hat Gardam – Pfau – Bogdan.

54books: Buchhändler sind auch immer noch wichtiger als so ein Zirkus wie das Literarische Quartett, da haben doch die Verkaufszahlen nicht mal gezuckt bei den ersten beiden Sendungen. Anders bei Gardam und Auerhaus von Bov Bjerg.

IB: Die Bücher sind ja beide nicht mehr neu, da merkt man das jetzt schon deutlich. Bov Bjerg steht jetzt auf Platz 3 der Bestsellerliste und Jane Gardam auf 10, beide Bücher haben sich schon vorher ordentlich verkauft, aber das ist nun nochmal ein Sprung. Eigentlich wollte ich das Quartett auch gar nicht mehr sehen, weil es mir auf kein Buch Lust gemacht hatte, und das soll doch eigentlich eine solche Sendung zumindest auch machen.

54books: Wo wir bei anderen Büchern sind, hast Du eigentlich Angst vor dem anderen Pfau bei KiWi, der Pfaueninsel von Thomas Hettche?

IB: Als das rauskam, bin ich fast geplatzt vor Neid. KiWi war mein Traumverlag und dann kommt dieses Buch und ich dachte „Das darf nicht wahr sein – das hätte mein Cover sein können, und wenn sie jetzt eine Pfaueninsel haben, kauft KiWi doch nicht nächstes Jahr ein Buch das Der Pfau heißt. Aber jetzt sind die Cover ebenso wenig vergleichbar wie der Inhalt, und beide passen wunderbar.

54books: Du betonst, dass Kiepenheuer und Witsch Dein Traumverlag für Der Pfau war. Wieso wusstest Du das so genau?

IB: Bei KiWi hab ich schon immer das Gefühl, die machen nicht so viel wie geht, sondern nur die Bücher, hinter denen sie stehen. Das hat mich am Anfang aber echt Nerven gekostet. Erst musste Olaf Petersenn [Isabels Lektor bei Kiepenheuer & Witsch] es lesen, und wenn der es gut findet, müssen es die anderen aus dem Lektorat lesen, und wenn die es gut finden, muss es die Werbeabteilung lesen und der Vertrieb und das Marketing, weil sie es nur kaufen, wenn es alle gut finden. Das ist natürlich klug, weil wenn ein Lektor ein Buch gut findet, der Vertrieb aber nicht, nutzt es dem Buch nichts. Es ist toll, wenn ein gesamter Verlag hinter einem Buch steht und sich dafür einsetzt, das merke ich jetzt.

54books: Bisher hast Du fast ausschließlich übersetzt, wie kommt man dann aber als Autorin eines Romans an seinen Wunschverlag?

IB: Erst habe ich versucht, neben dem Übersetzen zu schreiben, aber das hat nicht gut funktioniert. Ich brauche immer ein bisschen Druck, damit ich was schaffe. Also habe ich mir eine Agentin gesucht. Für die Kontakte zu Verlagen hätte ich sie nicht unbedingt gebraucht, aber für die Verhandlungen, das Einschätzen von Angeboten, den Verkauf der Taschenbuch- und Hörbuchrechte, das hätte ich alles so nicht gekonnt.

54books: Vor fünf Jahren hast Du den Hamburger Förderpreis für einen Romananfang bekommen. War das damals schon Der Pfau?

IB: Ja! Der Pfau war erst eine Kurzgeschichte. Sie endete mit einer schlüssigen Pointe [diese wird hier wegen Spoilergefahr nicht verraten]. Dann fiel mir auf, dass das ja gar nicht das Ende der Geschichte ist, und habe weiter geschrieben. Als dann die Frist für den Förderpreis ablief, habe ich einfach kackfrech „Romananfang“ drübergeschrieben, weil es nun kein Ende mehr gab, es war nicht einfach eine längere Kurzgeschichte, sondern hing total in der Luft. Und ich dachte, wenn Du den Preis kriegst, kannst Du immer noch einen Roman draus machen.

 

isabel bogdan der pfau cover
Glitzert in echt mega!

54books: Dein Roman beginnt mit dem Satz „Einer der Pfauen war verrückt geworden.“ Er steht auch auf dem Rücken, statt eines Klappentextes. Also ein Kaliber wie „Ilsebill salzte nach“?

IB: Ich habe tatsächlich mit diesem Satz angefangen, das war schon der erste Satz der Kurzgeschichte. Ich finde nach wie vor, dass es ein guter erster Satz ist. Keine Ahnung, ob es ein gutes Buch ist, aber den ersten Satz finde ich immer noch gut.

54books: Nach dem ersten Roman sollen die persönlichen Referenzen abnehmen, weil alle Anekdoten schon in das Debüt geflossen sind. Bist Du leergeschrieben?

IB: Nein, das meiste im Roman hat mit mir gar nichts zu tun. Ich kenne das Setting sehr gut, dieses schottische Anwesen. Und dass an einem Morgen hintereinander zwei Vögel ins Zimmer kamen, das ist mir dort passiert. Aber die meisten anderen Dinge sind ausgedacht oder hier und da zusammengeklaubt und neu kombiniert, haben aber mit mir gar nichts zu tun.

54books: Den Musikgeschmack Deines Mannes finde ich auch in manchen Szenen wieder. Hast Du eine Liste mit den gesungenen Liedern?

IB: Nein, eine Liste habe ich nicht, aber die Lieder gibt es natürlich alle.

[Ich lese die Szene aus der Küche vor, in der Jim und Helen in der Küche sitzen und singen.]

54books: „Caledonia“, ist das dieser B.B. King Song?

IB: Nein, das ist von Dougie MacLean, ein wunderschöner und ganz berühmter Song, quasi die inoffizielle schottische Nationalhymne.

Langsam verlieren wir den professionellen Faden, spätestens als wir versuchen ein Foto vor Isabels großem Regal zu schießen. Zwei sehr heitere erwachsene Menschen, haben drei angenehme Stunden beim Frühstück verbracht und trennen sich nachdem Zeit für das Mittagessen wurde. Ein zweiter Teil des Interview, in dem wir über Isabels Tätigkeit als Übersetzerin sprechen, folgt.

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Was willst Du mehr?

Bei dem Treffen der Paten der Leipziger Buchmesse erschienen, wie berichtet, u.a. die drei Preisträger und viele der weiteren Nominierten und waren zum großen Teil uns Bloggern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich war informiert worden, dass auch Klaus Binder, der Übersetzer von Lukrez, sein Kommen angekündigt hatte. Nicht im klassischen Sinne aufgeregt war ich, sondern vielmehr gespannt auf den Austausch und etwas sorgenvoll, ob der kritischen Nachfragen, die kommen könnten, schließlich hatte ich offen mit meinen mangelnden Lateinkenntnissen kokettiert und bin auch kein versierter Philosophiekenner. Doch Herr Binder kam nicht. Nachts erhielt ich stattdessen eine Email, die ich in Ausschnitten veröffentlichen möchte.* Weiterlesen Was willst Du mehr?

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Fragt mich ruhig.

Ich wurde auf der Messe in Leipzig gleich zweimal interviewt: einmal von Stefan Mesch für Deutschlandradio Kultur, ein zweites Mal von Gesa Ufer zusammen mit Daniel Beskos vom mairisch Verlag für Radio Eins vom rbb.

Nachgelesen und -gehört werden, können beide Interviews hier:


 

Zum Interview von Stefan Mesch mit mir einfach auf das Foto oder hier klicken.

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Gespräch mit Volker Weidermann

Der Journalist und Autor Volker Weidermann studierte Politikwissenschaften und Germanitik und ist seit 2003 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit seinen Büchern Lichtjahre – Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute und Das Buch der verbrannten Bücher schrieb er zwei Werke, die für jeden Literaturbegeisterten eine Fundgrube an Entdeckungen bereithalten und zur Kanonisierung der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beigetragen haben. Sein Buch Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft wurde dieses Jahr zum Bestseller und handelt von der Freundschaft Stefan Zweigs zu Joseph Roth und den exilierten deutschen Schriftstellern, die sich im Sommer 1936 im kleinen Nordseebad Ostende in Belgien trafen.

Im Gespräch mit 54books spricht Volker Weidermann über die Arbeit an Ostende, den Einfluss von Marcel Reich-Ranicki auf seine Arbeit und mit wem er gerne mal am Strand spazieren würde.

Die Arbeit an Ostende

54books: Wer ist der Stefan Zweig aus ihrem Buch: der Stefan Zweig, ihr Stefan Zweig oder eine Chimäre?

Volker Weidermann: Oh, ich fürchte selbst Stefan Zweig hätte uns den wahren Stefan Zweig nicht beschreiben können. Joseph Roth auch nicht. Friederike, seine erste Frau, die später ein komplett verzerrtes Lebensbildnis ihres Mannes zeichnete – erst recht nicht. Aber schon falsch: was heißt „erst recht nicht“. Ich weiß es ja nicht. Ich war nicht dabei, habe ihn nicht kennen gelernt. Klar also, dass es „mein Stefan Zweig“ ist, den ich da beschreibe. Ich bin natürlich sicher: superdicht an der Wirklichkeit. So dicht, wie ich nach jahre-, ja jahrzentelanger Zweig-Lektüre heran kommen konnte. Aber womöglich auch: meilenweit entfernt…

54books: Gibt es eine Recherchespirale, in der man immer noch einen „letzten“ Tagebucheintrag, einen Brief sucht, um darin in einem vorher unentdeckten Detail den Schlüssel zur Gefühlswelt von Stefan Zweig oder Joseph Roth zu finden?

Volker Weidermann: Jo. Gibt es. Große Kunst: immer wieder Wege abbrechen, nicht weitergehen, um sich nicht zu verlaufen. Immer den Kern der Geschichte im Blick behalten. Das, was einem wirklich zu sagen wichtig ist.

54books: „In manchem Betracht gewannen seine Bücher durch die Übersetzung. Seine Prosa ist nachlässig, reich an Füllseln und schiefen Bildern“, schrieb Hermann Kesten über den Freund Stefan Zweig. Fritz J. Raddatz nannte ihn in einem Brief an Kesten gar den „Friseur unter den Literaten“. Wie erklären Sie sich seinen ungebrochenen, sogar neu aufbrandenden, Erfolg?

Volker Weidermann: Er war ein Meister darin, Menschen zu lesen. Das Innerste der Menschen zu erkennen. Dabei wurde er – und seine Sprache – oft sentimental. Aber scheinbar ist seine Menschenfreundlichkeit, seine Verstehenskunst so groß, dass die Menschen ihm seine stilistischen Schwächen verzeihen. Ungefähr so sah das ja auch Joseph Roth.

54books: Schätzen Sie Stefan Zweig mehr als Schriftsteller oder als Chronisten seiner Zeit?

Volker Weidermann: Als Chronist ist er kolossal unzuverlässig. Ich bin nicht sicher, ob auch nur ein Wort in der Welt von gestern wahr ist. Als Dokument würde ich es jedenfalls nicht empfehlen.

Verbrannte Bücher

54books: Der Roman Schlump wurde, auch mit Ihrer Hilfe, wiederentdeckt und neuaufgelegt. Welchem der verbrannten Schriftsteller aus Ihrem Buch würden Sie eine Renaissance wünschen?

Volker Weidermann: Arthur Holitscher. Maria Leitner. Rudolf Geist. Armin T. Wegner.

54books: Fiel es Ihnen so leicht wie es scheint die Autoren in Gruppen zu sortieren?

Volker Weidermann: Nö. Aber muss ja.

54books: Ich mutmaße, dass wir Ostende auch den Recherchen zu den verbrannten Büchern verdanken. Wann kommt das Pendant zu Lichtjahre; vielleicht ein neues Treffen in Telgte?

Volker Weidermann: Super Idee. Erscheinungstermin aber noch ungewiss.

Die Arbeit für die FAS

54books: „Sein Buch ist leider furchtbar. Rührselig. Kitschig. Gut gemeint.“, schreiben Sie über Georg Fink in den verbrannten Büchern. Würden Sie einen lebenden Autor in einem Artikel derart abstrafen oder lieber schweigen über ein Buch, das nur diese Meinung verdient?

Volker Weidermann: Mein Sonntags-Privileg: Ich kann in der FAS irre viel weglassen. Eigentlich alles. Ich hab keine Rezensionspflichten. Das erspart mir viel (und vielleicht auch vielen Autoren). Ich lobe lieber. Und lese lieber gute Bücher.

54books: Als letztes Jahr Marcel Reich-Ranicki starb, ging auch eine Ära der populären Literaturkritik zu Ende. Sehen Sie einen würdigen Nachfolger, vielleicht aus den Reihen derer, die zwei Generationen jünger sind als MRR?

Volker Weidermann: Nee. Ich sehe mich natürlich nicht als „würdigen Nachfolger“. So selbstbegeistert bin ich gerade noch nicht. Er war halt großartig. Ein phantastisches Geschenk für mich und die deutsche Literatur. Ich hab unfassbar viel von ihm gelernt. Schon während des Studiums. Auch aus dem Literarischen Quartett. Er war eben zu allererst ein toller Journalist.

Das Wichtigste – gerade in Zeiten, in denen Journalisten, Kritiker usw. nach Schutz suchen, ihre ungelesenen Artikel subventionieren zu lassen, vom Staat, von was weiß ich wem – ist der Text. Der Text ist wichtig. Der Text ist die Party. Die Leute wollen keine Literaturkritiken lesen? Gut, dann zwingen wir sie mit sanfter Gewalt und zwar mit: Unterhaltsamkeit. Verständlichkeit. Entschiedenheit. – mit gutem Journalismus.

54books: Was haben Sie persönlich, die Sie anlässlich seiner Kolumne in der FAS: Fragen Sie Reich-Ranicki jede Woche mit ihm Kontakt hatten, für Ihre Arbeit von ihm gelernt?

Volker Weidermann: Es war vor allem persönlich toll. Auch die Telefonate mit ihm – immer zwei, drei pro Woche, zwölf Jahre lang, waren nie langweilig. Und er forderte den Telefonpartner auch immer mit seinem nervigen“ Was gibt es Neues“. Da musste man sich schon jedesmal zwei, drei gute Geschichten zurechtlegen. Sonst war das Gespräch schnell vorbei.

54books: Wenn Reich-Ranicki über Walsers Jenseits der Liebe schreibt, „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman“, könnte das in seiner Deutlichkeit auch von Ihnen kommen. Eindeutige Parallelen – sind Sie gar der Nachfolger?

Immer noch nicht. Immer noch nicht. Aber ich bin ein fanatischer „in-Spuren-Geher“, wie Thomas Mann das mal genannt hat. Ich suche mir Vorbilder, ich will anknüpfen da, wo Fäden abgerissen sind, oder einer liegengelassen wurde. Ich brauche diese Spuren. Wie groß auch immer die sein mögen, das ist mir egal; oder: ja, ich suche gern große Spuren. Wie kleine meine eigenen Abdrücke dann darin wirken, ist mir egal.

54books: Sie sind mit Alice Carey auf den Spuren der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch nach Montauk gefahren. Mit welcher weiteren Lynn, real oder fiktiv, wollen Sie mal am Strand spazieren?

Volker Weidermann: Irmgard natürlich. Irmgard Keun. Zum Beispiel. Oder Mascha Kaleko.

54books: Vor kurzem habe ich nach zehn Jahren Der Fänger im Roggen wiedergelesen und war erschüttert von der Großartigkeit dieses Buches, das mich vorher nicht wirklich berührte. Ihre Begeisterung für Montauk bringt mich dazu es bald noch einmal zu lesen, nachdem ich es vor sieben Jahren für langweilig befunden habe. Was war ihr letztes Erweckungserlebnis?

Volker Weidermann: Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene

54books: Sie sind u.a. Fachmann für Max Frisch und Exilliteratur, nun auch Herausgeber der Werke von Armin T. Wegner. Nehmen Sie sich ein fiktives Sabbatjahr. Zu wem möchten Sie in Ruhe forschen?

Volker Weidermann: Georg Büchner

54books: Herr Weidermann, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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