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Kategorie: Feuilleton

Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im „Literarischen Quartett“, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt („partizipatorisch“, „instrumentell“ etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für „männliches Lesen“, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen „intimes“, „einfühlendes“ Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten („der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert“) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde „schwarz-weiß-zeichnen“ und „das Feuilleton/die Blogger“ als geschlossene „Blocks/Kasten/Schichten“ behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht „das Feuilleton“ und „die Blogger“, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten „alle sind so, genau so und nicht anders“. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als „mal vereinzelt“ finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass „alle“ so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
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Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon „alt bewährt“ ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss „guter alter Zeiten“ ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn „Literatur im Foyer“ war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das „Literarische Quartett“ nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum „Literarischen Quartett“ einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des „Berghain“, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen „Buchgeschmack“ hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von „Der ist doch mal wirklich ein Original“.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die „Literarische Welt“ übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im „Literarischen Qaurtett“ lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

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Anlässlich 150 Jahren Reclams Universalbibliothek – Ein Interview mit Claudia Feldtenzer

1. Mit dem Slogan „Gehasst. Geliebt. Gelesen!“ feiert Reclam die 150 Jahre des Bestehens der Universal-Bibliothek. Ich schwanke zwischen Hochachtung für diese Form der Selbstironie und dem Eindruck, dass auch etwas Trotz im Slogan mitschwingt, „Ihr mögt uns nicht, aber ihr werdet zu uns gezwungen“. Ist das so?

Für mich ist der Slogan vor allem eine selbstironische Annahme der Tatsache, dass wir von vielen Lesern in der Schule zwar mit unter gehasst werden, sich dieses Gefühl aber im Laufe der Jahre augenscheinlich ändert, das hören wir immer wieder – und zur nostalgischen Verliebtheit, manchmal auch zur großen Liebe wird. Kennt man ja vielleicht auch von dem einen oder anderen Mitschüler oder Mitschülerin.

2. Der Unwille des Schüles für die Lektüre von „Bahnwärter Thiel“ 3,00 € Taschengeld auszugeben ist sicher nicht neu. Wie kann man sich trotzdem die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären?

Die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären sich durch den rechtlich gemeinfreien Textbestand und die hohen Auflagen, die wir bei Schulklassikern wie zum Beispiel Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ oder auch Goethes „Faust“ erreichen – aber auch erreichen müssen, um die niedrigen Preise halten können. Das eine bedingt das andere.

3. Was müssen „Neuaufnahmen“ mitbringen, um das gelbe Jäckchen anzuziehen zu dürfen?

70 Jahren tot sein. Keine schöne Aussicht für Nachwuchsautoren also.

4. Eure Jubiläumsedition sieht optisch anders aus – aber ist es überhaupt denkbar das Design, gar das Format der UB dauerhaft zu verändern?

Das UB-Format kann man nicht ändern; das ist Reclam, das Herzstück des Verlag. Passend für jede Jackentasche. Unschlagbar beliebt – ja Kult. Gerade in Gelb. Die Bände sind auch bei jüngeren Leserschichten weiterhin überaus populär. Sie repräsentieren ein Lebensgefühl, das eines breites Intellektualismus, der zudem gut in die hippe Instagram-Optik der Gegenwart passt. Dass eine Designanpassung darüber hinaus hervorragend funktioniert, sehen wir an der Jubiläumsedition. Hier ist es uns gelungen, das kanonische Aussehen der UB in schwarz/ gelb in eine moderne bibliophile Gestaltung zu überführen, die der Marke Reclam treu bleibt. Im Herbst werden noch einmal 8 Bände erscheinen, die sich von den Frühjahrstitel zwar etwas unterscheiden, sich zu diesen jedoch komplementär verhalten. Zusammen laden Frühjahrs- und Herbstkollektion ein, große Literatur wiederzuentdecken. Es sind viele Lieblingsbücher von mir dabei, Bücher, die einen ein Leben begleiten – die hübschen Bücher sind also auch nicht nur optisch ein Genuss!

5. Trotz 150 Jahren UB ist ziemlich Bewegung bei euch. Eine beachtete Neuübersetzung von Prousts À la recherche du temps perdu, die Reihe „100 Seiten“, sowie gänzlich neue Formate, probiert Reclam sich nur aus oder ist sogar denkbar, dass man in den Bereich der zeitgenössischen Belletristik vordringt?

Das hast du richtig erkannt, Reclam probiert gerade im Programm viel Neues aus. Wir wollen uns neuen Lesern öffnen ohne unsere klassischen Themen zu vernachlässigen – die 100 Seiten Reihe ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Wir haben die Reihe innerhalb eines Jahres im Team entwickelt, das war sehr intensiv und hat einen Riesenspaß gemacht. Total die Glücksgefühle! Und ja, da machen wir weiter. Da kann man auch schlecht aufhören. An Ideen mangelt es nicht, aber zeitgenössische Belletristik sehe ich ehrlich gesagt bei uns erst mal nicht. Ich denke im Moment mehr in Richtung Philosophie, da haben wir gerade eine tolle Kooperation mit dem Philosophie Magazin gestartet; und auch weitere Klassiker-Editionen ähnlich zur Jubiläumsedition kann ich mir vorstellen.

6. Die nächsten 150 Jahre werden schwer zu überblicken oder zu prognostizieren sein, aber was wünscht Du Dir für die kommenden 5 oder 10 Jahre im Hause Reclam?

Ich wünsche mir, dass wir auch in den nächsten Jahren so mutig in der Programmgestaltung bleiben können, neue Buchformen und Reihenformate zu entwickeln. Wir haben eine wahnsinnig tolle Textbasis und ein kaum zu überschätzendes Potential, das verschenkt wäre, würden wir es nicht nutzen. Ich wünsche mir, dass sich die Ideen und die ganze Kreativität in wirtschaftliche Erfolge umwandeln, denn nur so kann der Verlag noch weitere 150 Jahre bestehen. Und nichts weniger wünsche ich ihm.


reclam universalbibliothek interview claudia feldtenzer

Claudia Feldtenzer, geb. 1982, ist seit 2012 Presseleitung bei Reclam. Seit März 2015 arbeitet sie zudem in der Programmplanung inhaltlich mit und ist als Reihenkoordinatorin für die Reihe „100 Seiten“ verantwortlich. Weitere Projekte: Buchreihe mit dem Philosophie Magazin, Jubiläumsedition.

Beitragsbild: Fredrik von Erichsen, Wikipedia
Bild Claudia Feldtenzer: privat

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Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

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Ham.Lit 2017

Warum sind Lesungen manchmal so steif, langweilig und zäh? Warum kann es nicht immer wie auf der Ham.Lit sein?

Das Team um Lucy Fricke und Daniel Beskos hat auch in diesem Jahr wieder ein Festival in einem der bekanntesten Clubs Deutschlands auf die Beine gestellt, das in dieser Form seinesgleichen sucht (erneut: warum eigentlich?). Auf drei Bühnen wechseln sich im Halbstundentakt AutorInnen und Bands ab, nur kurz anmoderiert, kein zähes Gespräch, kein Vorlesen der Biographie, die Zuhörer wechseln zwischen den Räumen, sitzen vor der Bühne, stehen Bier schlürfend an der Bar. Das Programm ist dabei so ausgeglichen wie interessant zu „Headlinern“ im Ballsaal – dem großen Innenraum des Uebel & Gefährlich verteilen sich in den kleineren Räumen, die stets brechend voll sind, Geheimtipps und solche die bald Größen für den Ballsaal sein werden.

Das „Archiv“ der Teilnehmer liest sich dabei wie das Who is Who der Szene: Ann Cotten,  Nino Haratischwili, Jakob Hein, Heinz Helle, Thomas Melle, Clemens Meyer, Thomas Pletzinger, Teresa Präauer, Tilman Rammstedt, Leif Randt, Thomas v. Steinaecker, dazu die 54stories-AutorInnen Nora Bossong, Rasha Khayat, Hannes Köhler, Karen Köhler, Benjamin Maack, Stefan Beuse, Inger-Maria Mahlke, Alexander Gumz, Maren Kames und Philipp Winkler.

Selbstverständlich ist die Ham.Lit daher (fast) jedes Jahr bereits im Vorfeld ausverkauft, eine stolze Leistung angesichts der Größe des Bunkers an der Feldstraße, aber auch ein Zeichen für die „Verkaufbarkeit“ von Literatur in dieser Darreichungsform bzw. (das ist das Schönere) für die Lust auf Lesungen, auf Literatur und gute Musik.

 

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Verfilmte Autorenleben

Neben der endlosen Zahl an Literaturverfilmungen – also der Adaption eines bereits als Roman vorliegenden Stoffs als Film – gibt es nicht wenige Filme, die Leben, einzelne Episoden dessen oder das Werkschaffen von Autoren und Autorinnen umsetzen. Ich habe eine Auswahl solcher Werke inklusive dem entsprechenden Trailer erstellt.

Die Liste folgt dem Schema: Name des Films, Erscheinungsjahr und der/die porträtierte Autor/in. Die Reihenfolge ist chronologisch, nicht wertend.

[UPDATE] Zwischenzeitlich wurde auch die Mehrzahl der in den Kommentaren vorgeschlagenen Filme mit Trailern übernommen.

1. Sylvia (2003) – Sylvia Plath (Gwyneth Paltrow) und Ted Hughes (Daniel Craig)

Die schwierige, aber inspirierende Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes ist ein moderner Klassiker und nicht nur anhaltend beliebt als literarische Vorlage (z.B. Connie Palmens Du sagst es), sondern taugt auch als Filmstoff in der prominent besetzten Adaption mit Gwyneth Paltrow und Daniel Craig.

2. Capote (2005) – Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), Harper Lee (Catherine Keener)

Die USA, im November 1959: Truman Capote, Autor des Romans Frühstück bei Tiffany und ein Mitglied der bald schon als Jetset bekannten internationalen Partyszene, stößt auf einen Artikel in der New York Times. Dieser berichtet von einem brutalen Mord an vier Mitgliedern einer angesehenen Farmerfamilie, den Clutters, in Holcomb, Kansas. Viele solcher Geschichten finden sich täglich in den Zeitungen wieder, doch diese lässt den Schriftsteller nicht mehr los. Für ihn präsentiert sich die Gelegenheit, seine lang vertretene These zu untermauern, die besagt, dass nonfiktionale Literatur in den Händen des richtigen Autors genauso anschaulich sein kann wie Belletristik. Welche Auswirkung haben die Morde auf diese kleine Stadt in der vom Wind heimgesuchten Prärie?

Ein grandios-düsterer Film mit einem überragenden Philip Seymour Hoffman!

3. Vor der Morgenröte (2016) – Stefan Zweig (Josef Hader)

Stefan Zweig ist zwar einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, aber auf der Flucht. Kein Ort scheint ihm als neuer Lebensmittelpunkt zu genügen. Dazu bedrängen ihn Freunde und selbst nur entfernte Bekannte um Geld und Fürsprache, Reporter um ein Statement gegen Hitler-Deutschland. Episodenhaft zeigt Vor der Morgenröte die letzten Jahre eines Getriebenen, hilflos auf der Flucht vor dem Krieg und der eigenen Verantwortung, gefangen in einer Welt, der er durch eigene Hand entflieht.

4. Ein russischer Sommer (2009) – Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und Sofia Tolstoi (Helen Mirren)

Russland, 1910: In seinem letzten Lebensjahr verbringt Leo Tolstoi seinen Sommer mit seiner Frau Sofia und einigen der gemeinsamen Kinder auf ihrem Landgut Jasnaja Poljana. Als Sofia erfährt, dass Tolstoi die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk vermachen möchte, beginnt ein hochemotionaler Konflikt zwischen beiden: Die temperamentvolle Sofia sieht sich und die Kinder als die rechtmäßigen Erben und Verwalter von Tolstois Werk und versucht mit allen Mitteln, ihn von seinem utopistischen Plan abzubringen und die Zukunft der Familie zu sichern. Der geradezu fanatische „Tolstoianer“ und Adlatus Wladimir Tschertkow wiederum bestärkt Tolstois Idealismus.

Der erbitterte Streit zwischen den Liebenden treibt Tolstoi schlussendlich in die Flucht und damit in eine Krankheit, von der er sich nicht wieder erholt. Ein Bahnhof wird für ihn zur „letzten Station“, an der sich auch die beiden Liebesgeschichten noch einmal verbinden.

5. Kill your darlings (2013) – Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe), Jack Kerouac (Jack Huston), William S. Burroughs (Ben Foster)

Die Geschichte um Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs im Jahr 1944 und den Antrieb eine neue Form von Literatur zu schaffen.

6. Howl (2010) – Allen Ginsberg (James Franco), Jack Kerouac (Todd Rotondi),Neal Cassady (Jon Prescott)

Dasselbe Thema wie Kill your Darling, nur eine andere Erzählperspektive und -zeit. Der Film spielt in den späten 1950er-Jahren in den Vereinigten Staaten. In einem Hauptstrang wird der Dichter Allen Ginsberg von einem Journalisten zu seinem Werk befragt. Ginsberg gibt ausführlich Auskunft und beschreibt seine rauschhafte Arbeitsweise, den Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen, zu denen Selbstbefreiung, Homosexualität und der Gebrauch von Rauschmitteln gehören und seinen sprachlichen Ansatz, der vor allem auf dem Sound des Jazz beruht.

Der zweite Strang gibt die gerichtliche Auseinandersetzung wieder, die auf die Veröffentlichung des Bandes folgte. In dem berühmt gewordenen Prozess stellt das Gericht 1957 fest, dass die Freiheit des Einzelnen die Veröffentlichung des Gedichtbandes rechtfertigt, auch wenn weite Teile des Textes durch die Öffentlichkeit als anstößig empfunden werden.

7. Total Eclipse (1995) – Arthur Rimbaud (Leonardo DiCaprio), Paul Verlaine (David Thewlis)

Im September 1871 nimmt Paul Verlaine den den 16-jährigen Arthur Rimbaud bei sich auf, der ihm Gedichte zugeschickt hatte und den er nach Paris eingeladen hatte. Ende Oktober wird er Vater eines Sohnes, doch beginnt er etwa zur selben Zeit ein homosexuelles Verhältnis mit Rimbaud. Es folgten lange verworrene Monate, während derer er hin und her pendelt zwischen seiner Frau Mathilde (die er des Öfteren bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern trieb), seiner Mutter und Rimbaud. Am 7. Juli 1872 verlässt Verlaine zusammen mit Rimbaud Paris. Anschließend vagabundieren sie durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend und versöhnend, häufig depressiv und suizidgefährdet.

Auch dies – wie Sylvia – die Geschichte einer obsessiven, selbstzerstörerischen Liebe, die Motor für zwei große Werke war.

8. Geliebte Jane (2007) – Jane Austen (Anne Hathaway)

Jane Austen wächst am Ende des 18. Jahrhunderts als eine Tochter des Reverends Austen in der landwirtschaftlich geprägten Region Hampshire auf. Sie ist energiegeladen, spielt Klavier und schreibt. Ihre Familie will, dass sie den reichen Mr. Wisley heiratet, doch sie leistet Widerstand. Dies empört ihre Mutter, die aus Liebe heiratete und danach in bescheidenen Verhältnissen leben musste.

Jane lernt den irischstämmigen Tom Lefroy (Thomas Langlois Lefroy) kennen, der Jurist werden will. Er kritisiert ihre schriftstellerischen Versuche und gibt ihr den Roman ‚The History of Tom Jones, a Foundling‘ von Henry Fielding zum Lesen. Beide verlieben sich schließlich ineinander. Lefroy stellt sie seinem in London lebenden, vermögenden Onkel vor und will ihn um den Segen für ihre Heirat bitten, aber er stellt fest, dass jemand Jane seinem Onkel gegenüber als eine Mitgiftjägerin denunziert hat. Da Tom vollkommen vom Geld seines Onkels abhängig ist, beugt er sich dessen Verbot der Hochzeit. Nach kurzer Trennung entschließen sich die beiden, gemeinsam durchzubrennen. Jane erfährt allerdings während einer Kutschenpanne auf ihrem gemeinsamen Weg nach Schottland aus einem Brief, den sie in der Manteltasche von Tom entdeckt, dass seine Familie in Irland in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt und auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen ist, die er ihnen regelmäßig zukommen lässt. Schließlich erklärt Jane Tom, dass sie mit Blick auf die Armut ihrer beider Familien zu der Überzeugung gelangt sei, dass keine Existenzgrundlage für eine Familiengründung mit ihm vorhanden sei. Tom versucht vergeblich, ihre Zweifel unter Hinweis auf ihre gegenseitige Liebe auszuräumen. Jane besteigt kurz darauf eine Kutsche in die Gegenrichtung zurück zu ihrer Familie.

9. Wilde (1997) – Oscar Wilde (Stephen Fry)

Der Film behandelt Oscar Wildes Leben von seiner Vortragsreise in den USA 1882 bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1900. Nach seiner Rückkehr aus Amerika heiratet er Constance Lloyd und hat mit ihr zwei Söhne. Der Film zeigt Oscar Wilde ebenso in seiner Rolle als Familienvater wie als berühmte Persönlichkeit und erfolgreichen Theaterautor bei den Premieren seiner Theaterstücke Lady Windermere’s Fan und The Importance of Being Earnest. Eine wesentliche Rolle spielt die Entdeckung seiner Homosexualität durch seine Beziehung zu Robert Ross und die Entwicklung seiner Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Als Lord Alfreds Vater, der Marquess of Queensberry, ihnen den Umgang miteinander untersagen will und Wilde provoziert, verklagt dieser ihn wegen Beleidigung. Im dritten der daraus folgenden Gerichtsprozesse wird Wilde wegen Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus muss er in der Tretmühle arbeiten. Nach seiner Freilassung gilt er als entehrt und ist finanziell ruiniert und gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Zwangsarbeit im Zuchthaus hat ihn gesundheitlich angeschlagen. Er besucht das Grab seiner Frau Constance, bevor er sich auf Betreiben von Robert Ross in Paris niederlässt. Der Film endet mit seinem Wiedersehen mit Lord Alfred Douglas.

Als eine Art Rahmen dient das Märchen Der selbstsüchtige Riese, das begleitend zur Handlung stückweise erzählt wird – teils indem Oscar Wilde es seinen Kindern erzählt, teils indem Constance es vorliest – und das im Gefängnis mit dem Tod des Riesen endet. Auch andere Texte Wildes werden im Laufe des Films von Stephen Fry gesprochen.

10. Goethe! (2010) – Johann Wolfgang von Goethe (Alexander Fehling)

Die biographische Vorlage für Die Leiden des jungen Werther!

In Straßburg fällt der Jura-Student Johann Goethe durch das Staatsexamen. In den Schnee des Campus schreibt er die Worte: Lecket mich! Goethe wird von seinem Vater in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zitiert; dort teilt dieser ihm mit, dass er seine Ausbildung zum Juristen am Reichskammergericht in Wetzlar fortsetzen solle, auch um seinen Sohn von seinen dichterischen „Flausen“ abzuhalten.

In Wetzlar angekommen, widmet sich Goethe der Arbeit an alten Akten, die er für seinen Vorgesetzten, den Gerichtsrat Kestner (der im Film den Namen „Albert“ trägt), aufarbeitet. Dabei bildet er mit dem Juristen Jerusalem, mit dem er sich auch privat anfreundet, ein Team. Auf einer Tanzveranstaltung lernt Goethe Charlotte Buff (kurz Lotte genannt) kennen und verliebt sich in sie. Es stellt sich heraus, dass sie das älteste von acht Kindern eines in Wahlheim lebenden Witwers ist und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern muss.

Trotz einiger Verwicklungen scheint sich Goethes Liebe zunächst zu erfüllen. Nachdem er Lotte eines seiner Gedichte vorgetragen hat, wird das Paar von einem starken Regenschauer überrascht und die beiden suchen Schutz in einer Burgruine, wo sie miteinander intim werden. Währenddessen wirbt Kestner bei Lottes Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater ist froh, Charlotte in einer Ehe mit einem aufstrebenden Juristen gut versorgt zu sehen, da dieser so auch Lottes Familie später finanziell unterstützen würde. Lotte zögert zunächst, übernimmt aber immer mehr die Sichtweise ihres Vaters, da sie auch das Wohl ihrer Familie will. Trotz allem fällt es ihr schwer, sich von Goethe zu trennen. Dieser hilft schließlich sogar seinem Rivalen, indem er ihm ein erfolgreiches Prozedere und die passenden Worte für dessen Heiratsantrag vorschlägt, ohne freilich zu ahnen, wer die Umworbene ist. Erst bei der Verlobungsfeier von Albert und Lotte stellt sich die Wahrheit heraus. Alle Betroffenen sind fassungslos.

11. Die geliebten Schwestern (2014) – Friedrich Schiller (Florian Stetter)

Charlotte von Lengefeld soll von ihrer Patentante Charlotte von Stein in Weimar in die feine Gesellschaft eingeführt werden. Dort lernt sie Friedrich Schiller kennen, der im Sommer 1788 zu Besuch in die Heimat der Familie nach Rudolstadt kommt. Die Mutter Louise von Lengefeld war nach dem Tode ihres Mannes in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weshalb Tochter Caroline eine Zweckheirat mit Friedrich Fhr. von Beulwitz einging. Die beiden Schwestern verleben mit Schiller eine unbeschwerte Zeit miteinander. Sie hatten sich einst am Rheinfall bei Schaffhausen geschworen, alles miteinander zu teilen, und so soll es auch bei Schiller sein. Charlotte reist allein nach Weimar zurück, währenddessen ihre Schwester die Mutter überzeugen soll, einer Heirat mit Schiller trotz dessen Mittellosigkeit zuzustimmen, was sie mit einiger Verzögerung auch tut. Schiller trennt sich, auch mit Hilfe einer Intrige von Charlotte, von der verheirateten Charlotte von Kalb. Nachdem er Charlotte 1790 geheiratet hat, gebärt sie einen Sohn. Auch Schwägerin Caroline ist in Jena zugegen, wo Schiller nun eine Professur hat. Doch die geplante „Ehe zu dritt“ kann nicht stattfinden, da Carolines Mann zunächst nicht in die Scheidung einwilligt.

Trotz des Banns des Herzogs von Württemberg begibt sich Schiller 1793 nach Tübingen, um der Herstellung seiner Zeitschrift Die Horen bei Verleger Cotta beizuwohnen. Dort trifft er Caroline wieder, die sich ihre Dienste von einem älteren Mann bezahlen lässt. Zu dritt leben sie nun bei Schillers Mutter in Ludwigsburg. Caroline gesteht, schwanger zu sein. Um ihre Scheidung nicht zu gefährden, fährt sie in Begleitung von Wilhelm von Wolzogen nach Schaffhausen, wo Schiller einen Pflegevater für das Kind organisiert hat. Nach der Geburt meldet sich Caroline auf Schillers Briefe nicht und teilt schließlich mit, dass sie bei Wolzogen bleiben werde.

Jahre später reist die vermeintlich todkranke Mutter Louise nach Weimar, um die inzwischen zerstrittenen Schwestern zu versöhnen. Beim Familientreffen kommt es trotzdem zu einem Schlagabtausch der Schwestern, währenddessen Schiller einen heftigen Krankheitsanfall erleidet. Wolzogen stellt die Überlegung an, dass es offenbar das Schicksal der drei von-Lengefeld-Frauen sei, ihre Männer zu überleben.

12. Last Call (2012)  – F. Scott Fitzgerald (Jeremy Irons), Zelda Fitzgerald (Sissy Spacek)

13. Kafka (1991) – Franz Kafka (klar: Jeremy Irons)

Soderbergh strebte keine Filmbiographie Franz Kafkas an, sondern verknüpfte Motive aus dessen Leben mit Inhalten und Atmosphäre seiner Romane, insbesondere „Der Prozess“ und „Das Schloss“. Kafka ist Angestellter einer Versicherungsgesellschaft und verbringt seine freie Zeit damit, sich dämonische Geschichten auszudenken. Als ein Freund ermordet wird, begibt er sich auf die Suche nach dem Mörder. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf weitere ungeklärte Todesfälle und gerät an eine politische Widerstandsgruppe, zu der auch der Freund gehört hatte. Kafka verfolgt die Spuren bis zum örtlichen Schloss, wo er die grausige Entdeckung macht, dass ein gewisser Dr. Murnau (eine weitere Reminiszenz an den expressionistischen Film mit Anspielung auf den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau) dort mit den Gehirnen seiner Opfer experimentiert.

14. Hannah Arendt (2012) – Hannah Arendt (Barbara Sukowa)

Der Film spielt in den Jahren 1960 bis 1964. Die Handlung dreht sich um den sogenannten Eichmann-Prozess, der möglich geworden war, nachdem im Mai 1960 der Mossad den in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann aufgespürt und nach Israel entführt hatte. Hannah Arendt schlägt dem Magazin The New Yorker vor, über den Prozess in Jerusalem zu berichten. Der Herausgeber William Shawn ist begeistert über das Angebot der für politisch-historische Analysen geschätzten Denkerin.

Im April 1961 reist Hannah Arendt von New York City nach Jerusalem, wo sie ihren alten Freund Kurt Blumenfeld wiedertrifft. Sie besucht dort alle wichtigen Gerichtsverhandlungen, in denen sie akribisch alles protokolliert. Der Film baut dabei Originalmaterial in die Spielhandlung ein. Adolf Eichmann entpuppt sich im Verlauf des Prozesses nicht als bestialisches Monster, sondern als ein mittelmäßiger Bürokrat, was Hannah Arendt überrascht. Im Laufe des Prozesses wird sie auch Zeugin, wie Überlebende des Holocaust während der Befragung zusammenbrechen.

Über die Dialoge, die Hannah Arendt mit ihrem Mann Heinrich Blücher, ihrer Freundin Mary McCarthy, ihrem Freund Hans Jonas, ihrer Sekretärin Lotte Köhler und ihren Studenten führt, wird der Zuschauer über ihre politisch-philosophischen Überlegungen informiert. Im Rückblick kommen Szenen von Hannah Arendts Leben in Deutschland vor 1933 und von ihrer Beziehung zu Martin Heidegger vor.

15. A Quiet Passion (2016) – Emily Dickinson (Cynthia Nixon)

16. The Hours (2002) – Von Ewigkeit zu Ewigkeit – Virginia Woolf (Nicole Kidman)

Der Film verfolgt das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen Generationen, deren Leben mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway in Bezug stehen. Er verfolgt die Leben der drei Protagonistinnen jeweils einen Tag von morgens bis abends. So spielt der Film in drei Zeitebenen: 1923, 1951 und 2001, der damaligen Gegenwart. Er bedient sich des filmischen Mittels der Parallelmontage. Die Zeitebene 1923 erzählt die Geschichte von Virginia Woolf, die mit ihrem Schriftstellergatten Leonard Woolf in der englischen Provinz lebt. Umsorgt von ihrer Familie und dem Arzt beginnt sie den Roman Mrs. Dalloway. 1951 bereitet Laura Brown mit ihrem kleinen Sohn den Geburtstag ihres Ehemanns Dan vor und liest ebendiesen Roman, der sie stark beeinflusst. In der Gegenwart bereitet Clarissa Vaughan eine Preisverleihungsparty für ihren an AIDS erkrankten Freund Richard Brown vor. The Hours kann damit als eine moderne Version von Mrs. Dalloway angesehen werden. Vom Verfasser zum Leser, bis hin zur lebenden heutigen Version von Mrs. Dalloway: Clarissas Leben ist so sehr verbunden mit der Romanfigur Mrs. Dalloway, dass es erscheint, sie sei Mrs. Dalloway.

17. The Last of the Belles (1974) – F. Scott Fitzgerald (Richard Chamberlain)

18. Hemingway & Gellhorn (2012) – Ernest Hemingway (Clive Owen)

19. Neruda (2016) – Pablo Neruda (Luis Gnecco)

20. Pasolini (2014) – Pier Paolo Pasolini (Willem Defoe)

21. In Love and War (1996) – Ernest Hemingway (Chris O’Donnell)

22. Hemingway (1988) – Ernest Hemingway (Stacy Keach)

Habe ich einen wichtigen Film vergessen? Hinweise sehr gerne in die Kommentare!

Quellenangaben:
Auszug der Seite „Capote (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Capote_(Film)&oldid=161065284

Auszug der Seite „Ein russischer Sommer“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ein_russischer_Sommer&oldid=145941012

Auszug der Seite „Howl (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Howl_(Film)&oldid=159138557

Auszug der Seite „Paul Verlaine“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Paul_Verlaine&oldid=160151315

Auszug der Seite „Geliebte Jane“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geliebte_Jane&oldid=160851375

Auszug der Seite „Oscar Wilde (1997)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oscar_Wilde_(1997)&oldid=154140785

Auszug der Seite „Goethe!“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Goethe!&oldid=157580589

Auszug der Seite „Die geliebten Schwestern“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Die_geliebten_Schwestern&oldid=158801203

Auszug aus der Seite „Kafka (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kafka_(Film)&oldid=142258962

Auszug aus der Seite „Hannah Arendt (Film)“; https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt_(Film)

Auszug aus der Seite „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“; https://de.wikipedia.org/wiki/The_Hours_%E2%80%93_Von_Ewigkeit_zu_Ewigkeit

 

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Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas „Familie Mann“, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die „WG“ des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer „Exil-Abteilung“ seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die „Konkurrenz“ des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

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Warum liest Du keine Gedichte?

„Zum einen gibt es eine lebendige Lyrik-Schreibszene, viele Töne, sehr gute deutschsprachige Lyrik aus vielen verschiedenen Quellen, von ganz unterschiedlichen Altersgruppen, die sich aneinander reiben. Auch der  Zustrom zu Festival-Lesungen ist bekanntlich immer noch gut, und natürlich trägt das Internet noch einmal ganz anderes zur Möglichkeit bei, Lyrik überhaupt wahrzunehmen und zu rezipieren. Doch im Buchwesen sieht es traurig aus: Die tatsächlichen Buchverkäufe halten in keiner Weise mit, Lyrik wird in den großen Verlagsprogrammen zunehmend marginalisiert, sie wird manchmal nur noch mitverlegt, weil ein Autor andere Genres bedient, sie wandert ab, und das Geld wandert ab aus diesem Beruf“, sagt Ulrike Draesner im Gespräch mit Volltext und hat damit natürlich recht.

Wird so wenig Lyrik gelesen, weil zu wenig Lyrik besprochen wird oder wird so wenig Lyrik besprochen, weil so wenige potentielle Leser zu erreichen sind?

Gibt es zu auch Du liest selten Gedichte – aber warum? [Mehrfachnennung möglich.]
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Warum liest Du keine Lyrik?

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Walter Benjamin: Der gute Schriftsteller

Der gute Schriftsteller sagt nicht mehr, als er denkt. Und darauf kommt viel an. Das Sagen ist nämlich nicht nur der Ausdruck, sondern die Realisierung des Denkens. So ist das Gehen nicht nur der Ausdruck des Wunsches, ein Ziel zu erreichen, sondern seine Realisierung. Von welcher Art aber die Realisierung ist: ob sie dem Ziel präzis gerecht wird oder sich geil und unscharf an den Wunsch verliert – das hängt vom Training dessen ab, der unterwegs ist. Je mehr er sich in Zucht hat und die überflüssigen, ausfahrenden und schlenkernden Bewegungen vermeidet, desto mehr tut jede Körperhaltung sich selbst genug, und desto sachgemäßer ist ihr Einsatz. Dem schlechten Schriftsteller fällt vieles ein, worin er sich so auslebt wie der schlechte und ungeschulte Läufer in den schlaffen und schwungvollen Bewegungen der Glieder. Doch eben darum kann er niemals nüchtern das sagen, was er denkt. Es ist die Gabe des guten Schriftstellers, das Schauspiel, das ein geistvoll durchtrainierter Körper bietet, mit seinem Stil dem Denken zu gewähren. Er sagt nie mehr, als er gedacht hat. So kommt sein Schreiben nicht ihm selber, sondern allein dem, was er sagen will, zugute.

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