Zurück zum Content

Kategorie: Feuilleton

Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

Hinterlasse einen Kommentar

Ham.Lit 2017

Warum sind Lesungen manchmal so steif, langweilig und zäh? Warum kann es nicht immer wie auf der Ham.Lit sein?

Das Team um Lucy Fricke und Daniel Beskos hat auch in diesem Jahr wieder ein Festival in einem der bekanntesten Clubs Deutschlands auf die Beine gestellt, das in dieser Form seinesgleichen sucht (erneut: warum eigentlich?). Auf drei Bühnen wechseln sich im Halbstundentakt AutorInnen und Bands ab, nur kurz anmoderiert, kein zähes Gespräch, kein Vorlesen der Biographie, die Zuhörer wechseln zwischen den Räumen, sitzen vor der Bühne, stehen Bier schlürfend an der Bar. Das Programm ist dabei so ausgeglichen wie interessant zu „Headlinern“ im Ballsaal – dem großen Innenraum des Uebel & Gefährlich verteilen sich in den kleineren Räumen, die stets brechend voll sind, Geheimtipps und solche die bald Größen für den Ballsaal sein werden.

Das „Archiv“ der Teilnehmer liest sich dabei wie das Who is Who der Szene: Ann Cotten,  Nino Haratischwili, Jakob Hein, Heinz Helle, Thomas Melle, Clemens Meyer, Thomas Pletzinger, Teresa Präauer, Tilman Rammstedt, Leif Randt, Thomas v. Steinaecker, dazu die 54stories-AutorInnen Nora Bossong, Rasha Khayat, Hannes Köhler, Karen Köhler, Benjamin Maack, Stefan Beuse, Inger-Maria Mahlke, Alexander Gumz, Maren Kames und Philipp Winkler.

Selbstverständlich ist die Ham.Lit daher (fast) jedes Jahr bereits im Vorfeld ausverkauft, eine stolze Leistung angesichts der Größe des Bunkers an der Feldstraße, aber auch ein Zeichen für die „Verkaufbarkeit“ von Literatur in dieser Darreichungsform bzw. (das ist das Schönere) für die Lust auf Lesungen, auf Literatur und gute Musik.

 

6s Kommentare

Verfilmte Autorenleben

Neben der endlosen Zahl an Literaturverfilmungen – also der Adaption eines bereits als Roman vorliegenden Stoffs als Film – gibt es nicht wenige Filme, die Leben, einzelne Episoden dessen oder das Werkschaffen von Autoren und Autorinnen umsetzen. Ich habe eine Auswahl solcher Werke inklusive dem entsprechenden Trailer erstellt.

Die Liste folgt dem Schema: Name des Films, Erscheinungsjahr und der/die porträtierte Autor/in. Die Reihenfolge ist chronologisch, nicht wertend.

[UPDATE] Zwischenzeitlich wurde auch die Mehrzahl der in den Kommentaren vorgeschlagenen Filme mit Trailern übernommen.

1. Sylvia (2003) – Sylvia Plath (Gwyneth Paltrow) und Ted Hughes (Daniel Craig)

Die schwierige, aber inspirierende Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes ist ein moderner Klassiker und nicht nur anhaltend beliebt als literarische Vorlage (z.B. Connie Palmens Du sagst es), sondern taugt auch als Filmstoff in der prominent besetzten Adaption mit Gwyneth Paltrow und Daniel Craig.

2. Capote (2005) – Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), Harper Lee (Catherine Keener)

Die USA, im November 1959: Truman Capote, Autor des Romans Frühstück bei Tiffany und ein Mitglied der bald schon als Jetset bekannten internationalen Partyszene, stößt auf einen Artikel in der New York Times. Dieser berichtet von einem brutalen Mord an vier Mitgliedern einer angesehenen Farmerfamilie, den Clutters, in Holcomb, Kansas. Viele solcher Geschichten finden sich täglich in den Zeitungen wieder, doch diese lässt den Schriftsteller nicht mehr los. Für ihn präsentiert sich die Gelegenheit, seine lang vertretene These zu untermauern, die besagt, dass nonfiktionale Literatur in den Händen des richtigen Autors genauso anschaulich sein kann wie Belletristik. Welche Auswirkung haben die Morde auf diese kleine Stadt in der vom Wind heimgesuchten Prärie?

Ein grandios-düsterer Film mit einem überragenden Philip Seymour Hoffman!

3. Vor der Morgenröte (2016) – Stefan Zweig (Josef Hader)

Stefan Zweig ist zwar einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, aber auf der Flucht. Kein Ort scheint ihm als neuer Lebensmittelpunkt zu genügen. Dazu bedrängen ihn Freunde und selbst nur entfernte Bekannte um Geld und Fürsprache, Reporter um ein Statement gegen Hitler-Deutschland. Episodenhaft zeigt Vor der Morgenröte die letzten Jahre eines Getriebenen, hilflos auf der Flucht vor dem Krieg und der eigenen Verantwortung, gefangen in einer Welt, der er durch eigene Hand entflieht.

4. Ein russischer Sommer (2009) – Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und Sofia Tolstoi (Helen Mirren)

Russland, 1910: In seinem letzten Lebensjahr verbringt Leo Tolstoi seinen Sommer mit seiner Frau Sofia und einigen der gemeinsamen Kinder auf ihrem Landgut Jasnaja Poljana. Als Sofia erfährt, dass Tolstoi die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk vermachen möchte, beginnt ein hochemotionaler Konflikt zwischen beiden: Die temperamentvolle Sofia sieht sich und die Kinder als die rechtmäßigen Erben und Verwalter von Tolstois Werk und versucht mit allen Mitteln, ihn von seinem utopistischen Plan abzubringen und die Zukunft der Familie zu sichern. Der geradezu fanatische „Tolstoianer“ und Adlatus Wladimir Tschertkow wiederum bestärkt Tolstois Idealismus.

Der erbitterte Streit zwischen den Liebenden treibt Tolstoi schlussendlich in die Flucht und damit in eine Krankheit, von der er sich nicht wieder erholt. Ein Bahnhof wird für ihn zur „letzten Station“, an der sich auch die beiden Liebesgeschichten noch einmal verbinden.

5. Kill your darlings (2013) – Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe), Jack Kerouac (Jack Huston), William S. Burroughs (Ben Foster)

Die Geschichte um Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs im Jahr 1944 und den Antrieb eine neue Form von Literatur zu schaffen.

6. Howl (2010) – Allen Ginsberg (James Franco), Jack Kerouac (Todd Rotondi),Neal Cassady (Jon Prescott)

Dasselbe Thema wie Kill your Darling, nur eine andere Erzählperspektive und -zeit. Der Film spielt in den späten 1950er-Jahren in den Vereinigten Staaten. In einem Hauptstrang wird der Dichter Allen Ginsberg von einem Journalisten zu seinem Werk befragt. Ginsberg gibt ausführlich Auskunft und beschreibt seine rauschhafte Arbeitsweise, den Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen, zu denen Selbstbefreiung, Homosexualität und der Gebrauch von Rauschmitteln gehören und seinen sprachlichen Ansatz, der vor allem auf dem Sound des Jazz beruht.

Der zweite Strang gibt die gerichtliche Auseinandersetzung wieder, die auf die Veröffentlichung des Bandes folgte. In dem berühmt gewordenen Prozess stellt das Gericht 1957 fest, dass die Freiheit des Einzelnen die Veröffentlichung des Gedichtbandes rechtfertigt, auch wenn weite Teile des Textes durch die Öffentlichkeit als anstößig empfunden werden.

7. Total Eclipse (1995) – Arthur Rimbaud (Leonardo DiCaprio), Paul Verlaine (David Thewlis)

Im September 1871 nimmt Paul Verlaine den den 16-jährigen Arthur Rimbaud bei sich auf, der ihm Gedichte zugeschickt hatte und den er nach Paris eingeladen hatte. Ende Oktober wird er Vater eines Sohnes, doch beginnt er etwa zur selben Zeit ein homosexuelles Verhältnis mit Rimbaud. Es folgten lange verworrene Monate, während derer er hin und her pendelt zwischen seiner Frau Mathilde (die er des Öfteren bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern trieb), seiner Mutter und Rimbaud. Am 7. Juli 1872 verlässt Verlaine zusammen mit Rimbaud Paris. Anschließend vagabundieren sie durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend und versöhnend, häufig depressiv und suizidgefährdet.

Auch dies – wie Sylvia – die Geschichte einer obsessiven, selbstzerstörerischen Liebe, die Motor für zwei große Werke war.

8. Geliebte Jane (2007) – Jane Austen (Anne Hathaway)

Jane Austen wächst am Ende des 18. Jahrhunderts als eine Tochter des Reverends Austen in der landwirtschaftlich geprägten Region Hampshire auf. Sie ist energiegeladen, spielt Klavier und schreibt. Ihre Familie will, dass sie den reichen Mr. Wisley heiratet, doch sie leistet Widerstand. Dies empört ihre Mutter, die aus Liebe heiratete und danach in bescheidenen Verhältnissen leben musste.

Jane lernt den irischstämmigen Tom Lefroy (Thomas Langlois Lefroy) kennen, der Jurist werden will. Er kritisiert ihre schriftstellerischen Versuche und gibt ihr den Roman ‚The History of Tom Jones, a Foundling‘ von Henry Fielding zum Lesen. Beide verlieben sich schließlich ineinander. Lefroy stellt sie seinem in London lebenden, vermögenden Onkel vor und will ihn um den Segen für ihre Heirat bitten, aber er stellt fest, dass jemand Jane seinem Onkel gegenüber als eine Mitgiftjägerin denunziert hat. Da Tom vollkommen vom Geld seines Onkels abhängig ist, beugt er sich dessen Verbot der Hochzeit. Nach kurzer Trennung entschließen sich die beiden, gemeinsam durchzubrennen. Jane erfährt allerdings während einer Kutschenpanne auf ihrem gemeinsamen Weg nach Schottland aus einem Brief, den sie in der Manteltasche von Tom entdeckt, dass seine Familie in Irland in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt und auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen ist, die er ihnen regelmäßig zukommen lässt. Schließlich erklärt Jane Tom, dass sie mit Blick auf die Armut ihrer beider Familien zu der Überzeugung gelangt sei, dass keine Existenzgrundlage für eine Familiengründung mit ihm vorhanden sei. Tom versucht vergeblich, ihre Zweifel unter Hinweis auf ihre gegenseitige Liebe auszuräumen. Jane besteigt kurz darauf eine Kutsche in die Gegenrichtung zurück zu ihrer Familie.

9. Wilde (1997) – Oscar Wilde (Stephen Fry)

Der Film behandelt Oscar Wildes Leben von seiner Vortragsreise in den USA 1882 bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1900. Nach seiner Rückkehr aus Amerika heiratet er Constance Lloyd und hat mit ihr zwei Söhne. Der Film zeigt Oscar Wilde ebenso in seiner Rolle als Familienvater wie als berühmte Persönlichkeit und erfolgreichen Theaterautor bei den Premieren seiner Theaterstücke Lady Windermere’s Fan und The Importance of Being Earnest. Eine wesentliche Rolle spielt die Entdeckung seiner Homosexualität durch seine Beziehung zu Robert Ross und die Entwicklung seiner Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Als Lord Alfreds Vater, der Marquess of Queensberry, ihnen den Umgang miteinander untersagen will und Wilde provoziert, verklagt dieser ihn wegen Beleidigung. Im dritten der daraus folgenden Gerichtsprozesse wird Wilde wegen Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus muss er in der Tretmühle arbeiten. Nach seiner Freilassung gilt er als entehrt und ist finanziell ruiniert und gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Zwangsarbeit im Zuchthaus hat ihn gesundheitlich angeschlagen. Er besucht das Grab seiner Frau Constance, bevor er sich auf Betreiben von Robert Ross in Paris niederlässt. Der Film endet mit seinem Wiedersehen mit Lord Alfred Douglas.

Als eine Art Rahmen dient das Märchen Der selbstsüchtige Riese, das begleitend zur Handlung stückweise erzählt wird – teils indem Oscar Wilde es seinen Kindern erzählt, teils indem Constance es vorliest – und das im Gefängnis mit dem Tod des Riesen endet. Auch andere Texte Wildes werden im Laufe des Films von Stephen Fry gesprochen.

10. Goethe! (2010) – Johann Wolfgang von Goethe (Alexander Fehling)

Die biographische Vorlage für Die Leiden des jungen Werther!

In Straßburg fällt der Jura-Student Johann Goethe durch das Staatsexamen. In den Schnee des Campus schreibt er die Worte: Lecket mich! Goethe wird von seinem Vater in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zitiert; dort teilt dieser ihm mit, dass er seine Ausbildung zum Juristen am Reichskammergericht in Wetzlar fortsetzen solle, auch um seinen Sohn von seinen dichterischen „Flausen“ abzuhalten.

In Wetzlar angekommen, widmet sich Goethe der Arbeit an alten Akten, die er für seinen Vorgesetzten, den Gerichtsrat Kestner (der im Film den Namen „Albert“ trägt), aufarbeitet. Dabei bildet er mit dem Juristen Jerusalem, mit dem er sich auch privat anfreundet, ein Team. Auf einer Tanzveranstaltung lernt Goethe Charlotte Buff (kurz Lotte genannt) kennen und verliebt sich in sie. Es stellt sich heraus, dass sie das älteste von acht Kindern eines in Wahlheim lebenden Witwers ist und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern muss.

Trotz einiger Verwicklungen scheint sich Goethes Liebe zunächst zu erfüllen. Nachdem er Lotte eines seiner Gedichte vorgetragen hat, wird das Paar von einem starken Regenschauer überrascht und die beiden suchen Schutz in einer Burgruine, wo sie miteinander intim werden. Währenddessen wirbt Kestner bei Lottes Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater ist froh, Charlotte in einer Ehe mit einem aufstrebenden Juristen gut versorgt zu sehen, da dieser so auch Lottes Familie später finanziell unterstützen würde. Lotte zögert zunächst, übernimmt aber immer mehr die Sichtweise ihres Vaters, da sie auch das Wohl ihrer Familie will. Trotz allem fällt es ihr schwer, sich von Goethe zu trennen. Dieser hilft schließlich sogar seinem Rivalen, indem er ihm ein erfolgreiches Prozedere und die passenden Worte für dessen Heiratsantrag vorschlägt, ohne freilich zu ahnen, wer die Umworbene ist. Erst bei der Verlobungsfeier von Albert und Lotte stellt sich die Wahrheit heraus. Alle Betroffenen sind fassungslos.

11. Die geliebten Schwestern (2014) – Friedrich Schiller (Florian Stetter)

Charlotte von Lengefeld soll von ihrer Patentante Charlotte von Stein in Weimar in die feine Gesellschaft eingeführt werden. Dort lernt sie Friedrich Schiller kennen, der im Sommer 1788 zu Besuch in die Heimat der Familie nach Rudolstadt kommt. Die Mutter Louise von Lengefeld war nach dem Tode ihres Mannes in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weshalb Tochter Caroline eine Zweckheirat mit Friedrich Fhr. von Beulwitz einging. Die beiden Schwestern verleben mit Schiller eine unbeschwerte Zeit miteinander. Sie hatten sich einst am Rheinfall bei Schaffhausen geschworen, alles miteinander zu teilen, und so soll es auch bei Schiller sein. Charlotte reist allein nach Weimar zurück, währenddessen ihre Schwester die Mutter überzeugen soll, einer Heirat mit Schiller trotz dessen Mittellosigkeit zuzustimmen, was sie mit einiger Verzögerung auch tut. Schiller trennt sich, auch mit Hilfe einer Intrige von Charlotte, von der verheirateten Charlotte von Kalb. Nachdem er Charlotte 1790 geheiratet hat, gebärt sie einen Sohn. Auch Schwägerin Caroline ist in Jena zugegen, wo Schiller nun eine Professur hat. Doch die geplante „Ehe zu dritt“ kann nicht stattfinden, da Carolines Mann zunächst nicht in die Scheidung einwilligt.

Trotz des Banns des Herzogs von Württemberg begibt sich Schiller 1793 nach Tübingen, um der Herstellung seiner Zeitschrift Die Horen bei Verleger Cotta beizuwohnen. Dort trifft er Caroline wieder, die sich ihre Dienste von einem älteren Mann bezahlen lässt. Zu dritt leben sie nun bei Schillers Mutter in Ludwigsburg. Caroline gesteht, schwanger zu sein. Um ihre Scheidung nicht zu gefährden, fährt sie in Begleitung von Wilhelm von Wolzogen nach Schaffhausen, wo Schiller einen Pflegevater für das Kind organisiert hat. Nach der Geburt meldet sich Caroline auf Schillers Briefe nicht und teilt schließlich mit, dass sie bei Wolzogen bleiben werde.

Jahre später reist die vermeintlich todkranke Mutter Louise nach Weimar, um die inzwischen zerstrittenen Schwestern zu versöhnen. Beim Familientreffen kommt es trotzdem zu einem Schlagabtausch der Schwestern, währenddessen Schiller einen heftigen Krankheitsanfall erleidet. Wolzogen stellt die Überlegung an, dass es offenbar das Schicksal der drei von-Lengefeld-Frauen sei, ihre Männer zu überleben.

12. Last Call (2012)  – F. Scott Fitzgerald (Jeremy Irons), Zelda Fitzgerald (Sissy Spacek)

13. Kafka (1991) – Franz Kafka (klar: Jeremy Irons)

Soderbergh strebte keine Filmbiographie Franz Kafkas an, sondern verknüpfte Motive aus dessen Leben mit Inhalten und Atmosphäre seiner Romane, insbesondere „Der Prozess“ und „Das Schloss“. Kafka ist Angestellter einer Versicherungsgesellschaft und verbringt seine freie Zeit damit, sich dämonische Geschichten auszudenken. Als ein Freund ermordet wird, begibt er sich auf die Suche nach dem Mörder. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf weitere ungeklärte Todesfälle und gerät an eine politische Widerstandsgruppe, zu der auch der Freund gehört hatte. Kafka verfolgt die Spuren bis zum örtlichen Schloss, wo er die grausige Entdeckung macht, dass ein gewisser Dr. Murnau (eine weitere Reminiszenz an den expressionistischen Film mit Anspielung auf den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau) dort mit den Gehirnen seiner Opfer experimentiert.

14. Hannah Arendt (2012) – Hannah Arendt (Barbara Sukowa)

Der Film spielt in den Jahren 1960 bis 1964. Die Handlung dreht sich um den sogenannten Eichmann-Prozess, der möglich geworden war, nachdem im Mai 1960 der Mossad den in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann aufgespürt und nach Israel entführt hatte. Hannah Arendt schlägt dem Magazin The New Yorker vor, über den Prozess in Jerusalem zu berichten. Der Herausgeber William Shawn ist begeistert über das Angebot der für politisch-historische Analysen geschätzten Denkerin.

Im April 1961 reist Hannah Arendt von New York City nach Jerusalem, wo sie ihren alten Freund Kurt Blumenfeld wiedertrifft. Sie besucht dort alle wichtigen Gerichtsverhandlungen, in denen sie akribisch alles protokolliert. Der Film baut dabei Originalmaterial in die Spielhandlung ein. Adolf Eichmann entpuppt sich im Verlauf des Prozesses nicht als bestialisches Monster, sondern als ein mittelmäßiger Bürokrat, was Hannah Arendt überrascht. Im Laufe des Prozesses wird sie auch Zeugin, wie Überlebende des Holocaust während der Befragung zusammenbrechen.

Über die Dialoge, die Hannah Arendt mit ihrem Mann Heinrich Blücher, ihrer Freundin Mary McCarthy, ihrem Freund Hans Jonas, ihrer Sekretärin Lotte Köhler und ihren Studenten führt, wird der Zuschauer über ihre politisch-philosophischen Überlegungen informiert. Im Rückblick kommen Szenen von Hannah Arendts Leben in Deutschland vor 1933 und von ihrer Beziehung zu Martin Heidegger vor.

15. A Quiet Passion (2016) – Emily Dickinson (Cynthia Nixon)

16. The Hours (2002) – Von Ewigkeit zu Ewigkeit – Virginia Woolf (Nicole Kidman)

Der Film verfolgt das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen Generationen, deren Leben mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway in Bezug stehen. Er verfolgt die Leben der drei Protagonistinnen jeweils einen Tag von morgens bis abends. So spielt der Film in drei Zeitebenen: 1923, 1951 und 2001, der damaligen Gegenwart. Er bedient sich des filmischen Mittels der Parallelmontage. Die Zeitebene 1923 erzählt die Geschichte von Virginia Woolf, die mit ihrem Schriftstellergatten Leonard Woolf in der englischen Provinz lebt. Umsorgt von ihrer Familie und dem Arzt beginnt sie den Roman Mrs. Dalloway. 1951 bereitet Laura Brown mit ihrem kleinen Sohn den Geburtstag ihres Ehemanns Dan vor und liest ebendiesen Roman, der sie stark beeinflusst. In der Gegenwart bereitet Clarissa Vaughan eine Preisverleihungsparty für ihren an AIDS erkrankten Freund Richard Brown vor. The Hours kann damit als eine moderne Version von Mrs. Dalloway angesehen werden. Vom Verfasser zum Leser, bis hin zur lebenden heutigen Version von Mrs. Dalloway: Clarissas Leben ist so sehr verbunden mit der Romanfigur Mrs. Dalloway, dass es erscheint, sie sei Mrs. Dalloway.

17. The Last of the Belles (1974) – F. Scott Fitzgerald (Richard Chamberlain)

18. Hemingway & Gellhorn (2012) – Ernest Hemingway (Clive Owen)

19. Neruda (2016) – Pablo Neruda (Luis Gnecco)

20. Pasolini (2014) – Pier Paolo Pasolini (Willem Defoe)

21. In Love and War (1996) – Ernest Hemingway (Chris O’Donnell)

22. Hemingway (1988) – Ernest Hemingway (Stacy Keach)

Habe ich einen wichtigen Film vergessen? Hinweise sehr gerne in die Kommentare!

Quellenangaben:
Auszug der Seite „Capote (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Capote_(Film)&oldid=161065284

Auszug der Seite „Ein russischer Sommer“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ein_russischer_Sommer&oldid=145941012

Auszug der Seite „Howl (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Howl_(Film)&oldid=159138557

Auszug der Seite „Paul Verlaine“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Paul_Verlaine&oldid=160151315

Auszug der Seite „Geliebte Jane“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geliebte_Jane&oldid=160851375

Auszug der Seite „Oscar Wilde (1997)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oscar_Wilde_(1997)&oldid=154140785

Auszug der Seite „Goethe!“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Goethe!&oldid=157580589

Auszug der Seite „Die geliebten Schwestern“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Die_geliebten_Schwestern&oldid=158801203

Auszug aus der Seite „Kafka (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kafka_(Film)&oldid=142258962

Auszug aus der Seite „Hannah Arendt (Film)“; https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt_(Film)

Auszug aus der Seite „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“; https://de.wikipedia.org/wiki/The_Hours_%E2%80%93_Von_Ewigkeit_zu_Ewigkeit

 

12s Kommentare

Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas „Familie Mann“, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die „WG“ des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer „Exil-Abteilung“ seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die „Konkurrenz“ des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

1 Kommentar

Warum liest Du keine Gedichte?

„Zum einen gibt es eine lebendige Lyrik-Schreibszene, viele Töne, sehr gute deutschsprachige Lyrik aus vielen verschiedenen Quellen, von ganz unterschiedlichen Altersgruppen, die sich aneinander reiben. Auch der  Zustrom zu Festival-Lesungen ist bekanntlich immer noch gut, und natürlich trägt das Internet noch einmal ganz anderes zur Möglichkeit bei, Lyrik überhaupt wahrzunehmen und zu rezipieren. Doch im Buchwesen sieht es traurig aus: Die tatsächlichen Buchverkäufe halten in keiner Weise mit, Lyrik wird in den großen Verlagsprogrammen zunehmend marginalisiert, sie wird manchmal nur noch mitverlegt, weil ein Autor andere Genres bedient, sie wandert ab, und das Geld wandert ab aus diesem Beruf“, sagt Ulrike Draesner im Gespräch mit Volltext und hat damit natürlich recht.

Wird so wenig Lyrik gelesen, weil zu wenig Lyrik besprochen wird oder wird so wenig Lyrik besprochen, weil so wenige potentielle Leser zu erreichen sind?

Gibt es zu auch Du liest selten Gedichte – aber warum? [Mehrfachnennung möglich.]
Fehlt eine Antwort, schreibe sie gerne in die Kommentare.

Warum liest Du keine Lyrik?

View Results

Loading ... Loading ...
19s Kommentare

Walter Benjamin: Der gute Schriftsteller

Der gute Schriftsteller sagt nicht mehr, als er denkt. Und darauf kommt viel an. Das Sagen ist nämlich nicht nur der Ausdruck, sondern die Realisierung des Denkens. So ist das Gehen nicht nur der Ausdruck des Wunsches, ein Ziel zu erreichen, sondern seine Realisierung. Von welcher Art aber die Realisierung ist: ob sie dem Ziel präzis gerecht wird oder sich geil und unscharf an den Wunsch verliert – das hängt vom Training dessen ab, der unterwegs ist. Je mehr er sich in Zucht hat und die überflüssigen, ausfahrenden und schlenkernden Bewegungen vermeidet, desto mehr tut jede Körperhaltung sich selbst genug, und desto sachgemäßer ist ihr Einsatz. Dem schlechten Schriftsteller fällt vieles ein, worin er sich so auslebt wie der schlechte und ungeschulte Läufer in den schlaffen und schwungvollen Bewegungen der Glieder. Doch eben darum kann er niemals nüchtern das sagen, was er denkt. Es ist die Gabe des guten Schriftstellers, das Schauspiel, das ein geistvoll durchtrainierter Körper bietet, mit seinem Stil dem Denken zu gewähren. Er sagt nie mehr, als er gedacht hat. So kommt sein Schreiben nicht ihm selber, sondern allein dem, was er sagen will, zugute.

Hinterlasse einen Kommentar

Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete „Ecce Homo“ Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

6s Kommentare

Friedrich Forssman – Wie ich Bücher gestalte – Ästhetik des Buches

Friedrich Forssman wie ich bücher gestalte ästhetik des buches wallstein göttingenSchon in der Überschrift dieses Artikel ist ein schwerer gestalterischer Fehler, der sich komplett durch den gesamten Artikel zieht. Zwar sind Schriftart und Größe gut lesbar und (in meinen Augen) einigermaßen hübsch gewählt, doch sind das Bindestriche oder Gedankenstriche? Anders als Word, und auch dort gelingt es nicht immer, werden hier nicht automatisch Strichlängen angepasst, denn es gibt – (Bindestriche) und – (Gedankenstriche). Man kann nur hoffen, dass Friedrich Forssman diesen Blog nicht liest! 1

Denn bei Friedrich Forssman, dem Internetmenschen durch seinen eBook-Rant bekannt, ging ich achtzig Seiten in die Lehre. Wie ich Bücher gestalte heißt der Werkstattbericht des Buchgestalters und Typographen, der beim Göttinger Wallstein Verlag in der Reihe Ästhetik des Buches erschienen ist. In dieser widmen sich Autoren aus verschiedenen Disziplinen den einzigartigen ästhetischen, kulurellen und wahrnehmungspsychologischen Qualitäten des gedruckten Buches.

Forssman schreibt auch für Laien anschaulich über die Grundlagen der Buchgestaltung, die Gestaltung als Handwerk und (hier liegt ein bedeutender Unterschied!) Kunsthandwerk. In vier Teilen – Das Allgemeine, das Besondere, Das Innere, Das Äußere – gibt er nicht nur Einblick in die Tätigkeit selbst, sondern vermittelt auch seine Vorstellungen eines gelungen gestalteten Buchs. Ein fester Bestand ist für ihn hierbei etwa das Gestalten von Innen nach Außen, um im Anschluss einen Überblick über Vorteile verschiedener Schriftarten zu geben und wie diese zu setzen sind. Die Fachsprache des Setzers liest man nicht ohne Schmunzel: Geringe x-Höhe, recht glatt und vernünftigt, etwas spitz und scharf, in der Anwendung nicht sehr gutmütig.

Natürlich ist Lesbarkeit wichtig, sie ist aber nicht alles. Gestalten heißt auch, dem Benutzer gewisse Unbequemlichkeiten zuzumuten und ihm zuzutrauen, daß er Entscheidungen nachvollziehen kann und billigt, die zuungunsten des vordergründigen Funktionierens getroffen wurden, dafür zugunsten eines größeren Behagens, einer – etwas pathetisch gesagt – „höheren Richtigkeit“.

Kein altes Medium

Und, übrigens: Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Buch-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Google-Oligarchen, Börsenvereins-Geldverbrennern und analphabetischen Digitalhipstern mit ADHS im Vollbild – und mir noch ein weiteres Mal anhören müssen, »daß ja noch nie ein neues Medium ein altes Medium verdrängt habe«.

Friedrich Forssman

Die Erfüllung dieses Wunsches liegt nicht in meinen Händen, und der Streit ausgekaut. Wie man aber das alte Medium so gestaltet, dass es eine Kunst ist, erfährt man unterhaltsam und lehrreich von Forssman. Wie kunstvoll dann ein von Forssman gestalteter Text, wie wunderschön er ist, ein Blick in die Leseprobe der Kritische Gesamtausgabe von Walter Benjamin genügt, um dies zu erkennen. Um die Kunst wirklich wertschätzen zu können, sollte man aber Wie ich Bücher gestalte lesen, erst dann kann man wirklich ermessen wie viel Hirnschmalz und gestalterische Kreativität in stimmiger Buchgestaltung steckt.

Zu den vielen guten Eigenschaften von Büchern gehört, daß sie alt werden – wenn sie gut hergestellt sind, halten sie sogar ewig; wenn sie gut gestaltet sind, sind die Abnutzungsspuren vorgesehen und eingeplant.

Beitragsbild: The British Museum (CC BY-NC-SA 4.0)
Nachweis der Grafik zur Typographie

5s Kommentare

Walter Benjamin: Kriminalromane, auf Reisen

Die wenigsten lesen im Eisenbahnwagen Bücher, die sie zu Hause im Regal stehen haben, kaufen lieber, was sich im letzten Augenblick ihnen bietet. Der Wirkung von langer Hand bereitgestellter Bände mißtrauen sie und mit Recht. Außerdem legen sie vielleicht Wert darauf, gerade am buntbewimpelten Fahrgestell auf dem Asphalt des Perrons ihren Kauf zu machen. Jeder kennt ja den Kultus, zu dem es einlädt. Jeder hat schon einmal nach den gehißten, schwankenden Bänden gegriffen, weniger aus Lesefreude als im dunklen Gefühle, etwas zu tun, was den Göttern der Eisenbahn wohlgefällt. Er weiß, die Münzen, die er diesem Opferstock weiht, empfehlen ihn der Schonung des Kesselgottes, der durch die Nacht glüht, der Rauchnajaden, die sich über dem Zuge tummeln, und des Stuckerdämons, der Herr über alle Schlaflieder ist. Sie alle kennt er aus Träumen, kennt auch die Folge mythischer Prüfungen und Gefahren, die sich als »Eisenbahnfahrt« dem Zeitgeist empfohlen hält, und die unabsehbare Flucht raumzeitlicher Schwellen, über die sie sich hinbewegt, angefangen vom berühmten »Zu spät« des Zurückbleibenden, dem Urbild aller Versäumnis, bis zur Einsamkeit des Abteils, zur Angst, den Anschluß zu verpassen, zum Grauen der unbekannten Halle, in die er einfährt. Ahnungslos fühlt er sich in eine Gigantomachie verwickelt und erkennt in sich selber den sprachlosen Zeugen des Kampfes zwischen Eisenbahn- und Stationsgöttern.

Similia similibus. Die Betäubung der einen Angst durch die andere ist seine Rettung. Zwischen den frisch zertrennten Blättern der Kriminalromane sucht er die müßigen, gewissermaßen jungfräulichen Beklemmungen, die ihm über die archaischen der Reise hinweghelfen könnten. Er mag auf diesem Wege bis zum Frivolen gehen und sich Sven Elvestad mit seinem Freund Asbjörn Krag, Frank Heller und Herrn Collins zu Reisegefährten machen. Aber diese smarte Gesellschaft ist nicht nach jedermanns Geschmack. Vielleicht wünscht man sich zu Ehren des Kursbuchs einen exakteren Begleiter, wie Leo Perutz, der die kräftig rhythmisierten und synkopierten Erzählungen verfaßte, deren Stationen mit der Uhr in der Hand wie Provinznester, die an der Strecke liegen, durchflogen werden; oder einen, der mehr Verständnis für die Ungewißheit der Zukunft, der man entgegenfährt, für die ungelösten Rätsel, die man zurückließ, aufbringt; dann wird man mit Gaston Leroux zusammen fahren und über dem »Phantom der Oper« und dem »Parfüm der Dame in Schwarz« sich bald wie ein Insasse des »Geisterzugs« vorkommen, der voriges Jahr über die deutschen Bühnen gerast ist. Oder man denke an Sherlock Holmes und seinen Freund Watson, wie sie das Unheimlich-Heimliche eines verstaubten zweiter Klasse-Coupés würden zur Geltung zu bringen wissen, beide als Fahrgäste in ihr Schweigen versunken, der eine hinterm Paravent einer Zeitung, der andere hinter einem Vorhang aus Rauchwolken. Vielleicht auch, daß all diese Geistergestalten vor dem Bild sich in nichts auflösen, das aus den unvergeßlichen Kriminalbüchern der A.K. Green als Porträt ihrer Verfasserin vor uns aufsteigt. Die muß man sich als alte Dame im Kapotthütchen vorstellen, die gleich gut in den verwickelten Verwandtschaften ihrer Heldinnen wie in den riesigen, knarrenden Schränken Bescheid weiß, in deren einem, nach dem englischen Sprichwort, jede Familie ein Skelett stehen hat. Ihre kurzen Geschichten haben gerade die Länge des Gotthard-Tunnels und ihre großen Romane »Hinter verschlossenen Türen«, »Im Nachbarhaus« blühen im violett verhüllten Coupélicht auf wie die Nachtviolen.

Soviel von dem, was das Lesen dem Reisenden leistet. Aber was leistet nicht die Reise dem Leser? Wann sonst ist er ins Lesen so eingetan und kann dem Dasein seines Helden so sicher sein eigenes beigemischt fühlen? Ist sein Leib nicht das Weberschiffchen, das im Takte der Räder unermüdlich den Zettel, das Schicksalsbuch seines Helden, durchschießt? Man hat in der Postkutsche nicht gelesen und man liest nicht im Auto. Reiselektüre ist so mit Eisenbahnfahren verbunden wie der Aufenthalt an Bahnhöfen. Bekanntlich gleichen viele Bahnhöfe Kathedralen. Wir aber wollen es den fahrbaren, grellbunten kleinen Altären, die ein Ministrant der Neugier, der Geistesabwesenheit und der Sensation schreiend am Zuge vorbeijagt, danken, wenn wir, für ein paar Stunden in das vorüberfliehende Land wie in einen wehenden Schal gekuschelt, die Schauer der Spannung und die Rhythmen der Räder über unseren Rücken dahingehen fühlen.

Aus: Walter Benjamin – Kurze Prosa

Hinterlasse einen Kommentar